Über Raoul Martinez

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Raoul Martinez ist Schriftsteller, Maler und preisgekrönter Filmproduzent. Die falsche und die wahre Freiheit ist sein erstes Buch. Es entstand nach über zehn Jahren Forschungsarbeit. Der erste Teil seiner gleichnamigen Dokumentationsreihe Creating Freedom, The Lottery of Birth (2012) wurde als Beste Dokumentation für das London Raindance Film Festival nominiert und gewann 2012 den Artivist Spirit Award beim Artivist Festival in Hollywood. Seine Kunst wurde u.a. in der National Portrait Gallery in London ausgestellt. Raoul Martinez lebt und arbeitet in London.

 

Enrico Heinemann übersetzt seit fast dreißig Jahren Sachbücher u.a. von Stéphane Courtois, Gilles Kepel, Tom Segev, Jonah Lehrer aus dem Französischen, Italienischen und Englischen.

Endnoten

1 Glück

Eine immaterielle Seele, die über den Tod hinaus fortlebt, hat entweder schon immer existiert, oder sie hat irgendwann zu existieren begonnen. In dem Fall würde das Selbstschöpfungsproblem zu diesem Anfangspunkt in der Vergangenheit hin verschoben. Sollte sie schon immer existiert haben, kann sie sich per definitionem nicht selbst geschaffen haben (dies setzte einen Anbeginn voraus!). In beiden Fällen ist die Vorstellung von einer Selbstschöpfung in sich nicht stimmig.

David Eagleman, Inkognito. Die geheimen Eigenleben unseres Gehirns, Frankfurt a.M. 2012, S. 181.

Ausführliche Informationen zur ACE-Studie siehe unter http://acestudy.org/.

Robert Anda, »The Health and Social Impact of Growing Up with Alcohol Abuse and Related Adverse Childhood Experiences: The Human and Economic Costs of the Status Quo«. Diese Zusammenfassung der ACE-Studie wurde im Auftrag der National Association for Children of Alcoholics (gemeinnütziger Verband, der sich in den USA und Großbritannien um Kinder von Alkoholikern bemüht) erarbeitet und ist auf deren Website zu finden: http://www.nacoa.org/pdfs/Anda%20NACoA%20Review_web.pdf.

Gabor Maté, »Embraced by the Needle«, gepostet auf der Website des Autors im Juli 2013, siehe unter http://drgabormate.com/article/embraced-by-the-needle/.

David Eagleman, Inkognito, a.a.O., S. 204f.

Ebenda, S. 203.

Ebenda.

In seinem Aufsatz »Mein Weltbild« von 1931 schreibt Einstein: »An Freiheit des Menschen im philosophischen Sinn glaube ich keineswegs. Jeder handelt nicht nur unter äußerem Zwang, sondern auch gemäß innerer Notwendigkeit. Schopenhauers Spruch: ›Ein Mensch kann zwar tun, was er will, aber nicht wollen, was er will‹ hat mich seit meiner Jugend lebendig erfüllt und ist mir beim Anblick und beim Erleiden der Härten des Lebens immer ein Trost gewesen und eine unerschöpfliche Quelle der Toleranz. Dieses Bewusstsein lindert in wohltuender Weise das leicht lähmend wirkende Verantwortungsgefühl und macht, dass wir uns selbst und die andern nicht gar zu ernst nehmen; und es führt zu einer Lebensauffassung, die auch besonders dem Humor sein Recht lässt.«

Kim Wombles, »An Interview with Simon Baron-Cohen on Zero-Empathy, Autism, and Accountability«, in Science 2.0, Juni 2011, siehe unter http://www.science20.com/countering_tackling_woo/interview_simon_baroncohen_zeroempathy_autism_and_accountability-79669.

Ebenda.

Galen Strawson, Freedom and Belief (1986), New York 2010, S. 25.

David Eagleman, Inkognito, a.a.O., S. 10f.

Ludwig Wittgenstein, Philosophische Untersuchungen, kritisch-genetische Edition, hg. v. Joachim Schulte, Frankfurt a.M. 2001, S. 109.

Man kann problemlos auch davon reden, dass jemand »Verantwortung für das Wohl seiner Kinder« hat. Diese Aussage drückt eine Aufgabe oder Pflicht aus. Ob der Betreffende letztlich auch dafür verantwortlich ist, inwieweit er seine Verpflichtung erfüllt, ist eine andere Frage.

Die Debatte um den freien Willen konzentrierte sich traditionell auf den Begriff des Determinismus. Man stelle sich zwei Arten des Universums, ein deterministisches und ein nicht deterministisches, vor. Im zuerst genannten ist nur eine Zukunft möglich. In seinem Essai philosophique sur les probabilités von 1814 fasste der französische Mathematiker Pierre-Simon Marquis de Laplace diese Vorstellung folgendermaßen zusammen [zitiert nach der 1819 erschienenen ersten deutschen Übersetzung von Friederich Wilhelm Tönnies]: »Gäbe es einen Verstand, der für einen gegebenen Augenblick alle die Natur belebenden Kräfte und die gegenseitige Lage der sie zusammensetzenden Wesen kennte und zugleich umfassend genug wäre, die Data der Analysis zu unterwerfen, so würde ein solcher [Verstand] die Bewegungen der größten Weltkörper und des kleinsten Atoms durch eine und dieselbe Formel ausdrücken; für ihn wäre nichts ungewiss; vor seinen Augen ständen Zukunft und Vergangenheit.« Wenn Laplace recht hat, wären die oben angegebenen Bedingungen erfüllt. Dass Sie diese Zeilen lesen, könnte dann schon vor 13,5 Milliarden Jahren bei Entstehung des Universums vorherbestimmt worden sein. In der Praxis können Laplaces Bedingungen natürlich unter keinen Umständen erfüllt sein. Aber falls das Universum so wie von Laplace angenommen funktionierte, welche Bedeutung hätte dies dann für die menschliche Freiheit?

Grob gesagt, gibt es drei Hauptpositionen in der Debatte um den freien Willen. (Eine vollständige Klassifizierung mit den verschiedenen Untergruppen würde hier zu weit führen.) Die »Kompatibilisten«, Vertreter eines »weichen Determinismus«, sind der Überzeugung, dass ein deterministisches Universum mit dem freien Willen vereinbar ist und diesen keineswegs begrenzt. Vielmehr sei für ihn, so ihre Argumentation, ein solches Universum sogar eine notwendige Vorbedingung. Dagegen halten die »Inkompatibilisten« Willensfreiheit für unvereinbar mit einem deterministischen Universum. Eine Richtung des Inkompatibilismus, der Libertarianismus oder Libertarismus (der nichts mit dem gleichlautenden politisch-philosophischen Begriff zu tun hat), vertritt die Auffassung, der freie Wille sei auch dann noch möglich, wenn das Universum auf die richtige Weise nicht deterministisch sei. Wenn wir die Kausalkette durchbrechen können, die eine Entscheidung mit ihrer Ursache verbindet und diese wiederum mit ihrer Ursache und so weiter zurück bis zum Uranfang des Universums, und wenn dieses Durchbrechen als Teil unseres Entscheidungsprozesses im Gehirn stattfindet (anderswo kann es nicht zum Erhalt des freien Willens beitragen), dann, so die Argumentation, lasse sich unser Glaube an die Existenz des freien Willens rechtfertigen. Diesem Gedankengang steht ein niederschmetternder Einwand entgegen. Ein Ereignis, das nicht von einer vorangegangenen Ursache bestimmt wird, ist ein Zufallsereignis (was sonst?), und ein Zufallsereignis in unserem Entscheidungsprozess kann den freien Willen nicht rechtfertigen. Dieser Einwand versetzt der libertarianischen Position einen vernichtenden Schlag. Wenn wir Entscheidungen aus eigenen Gründen treffen sollen, darf unser Entscheidungsprozess nicht von Zufallsfaktoren abhängen. Manche Inkompatibilisten – »Skeptiker« – akzeptieren diese Logik und schließen, dass wir keinen freien Willen haben, weil weder ein deterministisches noch ein indeterministisches Universum die notwendigen Bedingungen für seine Entfaltung biete.

Dem widersprechen die Kompatibilisten. Aus ihrer Sicht stellt die These des Determinismus den freien Willen nicht infrage. Vielen leuchtet diese Folgerung nicht ein. Ein Universum mit nur einer möglichen Zukunft scheint, zumindest auf den ersten Blick, der Freiheit keinen Raum zu lassen. Natürlich hängt alles von Definitionen ab. Angenommen, wir müssten eine Vorhersage treffen, wie sich eine Person X – »Jim« – in der Situation Y verhalten wird, so können wir voraussetzen, dass sich unter gleich bleibenden Bedingungen die Zuverlässigkeit unserer Prognose mit einem zunehmenden Verständnis von Jim und der Situation Y erhöht. Nehmen wir nun an, wir könnten alles wissen, was es über Jim und die Situation Y zu wissen gibt, dann könnten wir in einem deterministischen Universum, sofern wir über die dazu erforderliche Intelligenz verfügten, Jims Verhalten mit absoluter Zuverlässigkeit vorhersagen. Unsere Fähigkeit, diese Vorhersage zu treffen, hinge dann aber nicht davon ab, durch welche äußere Einwirkung Jim dazu bewegt wird, sich vorhersagegemäß zu verhalten, sondern von einem vollständigen Verständnis von Jim und der Situation Y. Unsere Fähigkeit, eine zuverlässige Vorhersage zu treffen, ist vollkommen vereinbar mit einem Jim, der im Einklang mit seinen Überzeugungen und Werten handelt. Wenn wir den »freien Willen« definieren wollen als »die Fähigkeit, angesichts der verfügbaren Optionen im Einklang mit unseren Überzeugungen und Werten zu handeln«, dann besitzt fast jeder die meiste Zeit tatsächlich einen freien Willen. Doch wie auch immer wir freien Willen definieren, die erörterte Sachlage in Bezug auf Verantwortung bleibt davon unberührt.

Denken Sie an den Sprachgebrauch. Der Linguist Noam ChomskyChomsky, Noam◆ hat häufiger darauf hingewiesen, dass eine typische verbale Reaktion auf eine Situation dieser jeweils angemessen, aber keineswegs durch sie determiniert ist. Unsere geistigen Fähigkeiten ermöglichen uns in diesem Sinne Kreativität. Wir können sagen, dass die Reaktion, eine bestimmte Auswahl von Worten, aus einer Interaktion zwischen einem Reiz und unserer inneren Struktur »hervorgeht«. Zwar kann eine Entscheidung eine Reaktion auf Stimuli sein, aber diese können die Entscheidung von sich aus weder verursachen noch determinieren.

Es ist klar, dass die Wahlmöglichkeiten, die Menschen offenstehen, über Zeit und Raum gewaltig differieren. Ein deterministisches Universum hindert uns nicht daran, im Einklang mit unseren Überzeugungen und Werten zu handeln, dazuzulernen, uns zu verändern oder mit der Zeit zu wachsen. Daniel DennettDennett, Daniel◆ glaubt, dass uns ein solches Universum »alle wünschenswerten Varietäten des freien Willens« bietet – ein Urteil, das manche infrage stellen mögen. Zweifellos gilt »die letzte Verantwortung«, so inkohärent sie als Idee auch sein mag, als eine erstrebenswerte Varietät der Freiheit.

Über die Natur des Universums ist noch nicht genug bekannt, um es abschließend als deterministisch oder indeterministisch zu definieren. Diese Debatte ist fachlich höchst komplex, und ihre Ergebnisse werden im Allgemeinen stets als vorläufig angesehen. Jedenfalls erfordert die Fähigkeit, Entscheidungen im Einklang mit den eigenen Überzeugungen und Werten zu treffen, kein deterministisches Universum, weil auch ein indeterministisches Universum in hohem Maße organisiert sein kann. Auch wenn der Zufall in unserer Existenz eine Rolle spielen mag, so sprechen doch zwingende Gründe für die Überzeugung, dass wir in einem Universum von hoher Ordnung leben. Der Kosmos folgt offenbar vorhersagbaren Gesetzen. Die Dinge verlaufen gewöhnlich so, wie wir es erwarten, und wenn nicht, können wir dies meist auf bestimmte Ursachen zurückführen. Persönlichkeiten und Charaktermerkmale bleiben in der Regel im Verlauf der Zeit stabil. Während ich diese Zeilen tippe, schlagen meine Finger genau die Tasten an, die sie nach meinem Willen anschlagen sollen, und auf meinem Bildschirm erscheinen genau die Buchstaben, die den angeschlagenen Tasten entsprechen. Die Natur weist eine bemerkenswerte Regelmäßigkeit auf, die auf ein Universum schließen lässt, in dem der Zufall eine geringe Rolle spielt. Die Erfahrung spricht für die Überzeugung, dass unser Entscheidungsprozess nicht von Zufälligkeiten beeinträchtigt wird.

Zum Beispiel Robert Sapolsky, Joshua Greene, Paul Bloom, Sam Harris, Wolf Singer, Chris Frith, V.S. Ramachandran, Patrick Haggard, Daniel Wegner, Stephen Hawking, Lawrence Krauss und natürlich Albert Einstein. Eine umfassendere Liste siehe Sam Snyders Website unter http://samsnyder.com/free-will/.

Friedrich Nietzsche, Jenseits von Gut und Böse, Kap. 3, 21, siehe unter http://gutenberg.spiegel.de/buch/-8646/3.

Schuldzuweisungen

Francis Wheen, How Mumbo-Jumbo Conquered the World, London 2004, S. 47.

Rhonda Byrne, The Secret, London 2006, S. 28. (Das Zitat ist in der deutschen Ausgabe, The Secret – das Geheimnis, München 2016, nicht enthalten.)

Schuldzuweisungen

Abigail Saguy und Rene Almeling, »Fat Devils and Moral Panics: News Reporting on Obesity Science«, SOMAH workshop, UCLA Department of Sociology, 1. Juni, Bd. 1, 2005.

Raj Patel, Stuffed and Starved, London 2007, S. 254.

J. Michael McGinnis, Jennifer Appleton Gootman und Vivica I. Kraak (Hgg.), Institute of Medicine, Food Marketing to Children and Youth: Threat or Opportunity?, Washington, D.C., 2006, S. 4.

Erica Goode, »Study Finds TV Alters Fiji Girls’ View of Body«, in: The New York Times, 20. Mai 1999. Siehe unter http://www.nytimes.com/1999/05/20/world/study-finds-tv-altersfiji-girls-view-of-body.html.

Rhonda Byrne, The Secret, a.a.O., S. 60.

Die Zahlen siehe die Projekt-Website für The Secret unter http://www.thesecret.tv/about/rhonda-byrnes-biography/.

John Milton Berdan, John Richie Schultz und Hewette Elwell Joyce (Hgg.), Modern Essays, New York 1916, S. 347, siehe unter https://archive.org/details/modernessays01joycgoog.

Charles Murray, »Charles Murray and the Underclass: The Developing Debate«, hg. v. Ruth Lister, The IEA Health and Welfare Unit, Choice in Welfare, No. 33, 1996, S. 86. Siehe unter http://www.civitas.org.uk/content/files/cw33.pdf.

Ebenda.

Ebenda.

Ebenda, S. 85.

Barbara H. Fried, »Beyond Blame«, in: Boston Review, 28. Juni 2013, siehe unter http://www.bostonreview.net/forum/barbara-fried-beyond-blame-moral-responsibility-philosophy-law.

Ebenda.

Steve Pearlstein, »Hermanomics: Let them eat pizza«, The Washington Post, 15. Oktober 2011, siehe unter https://www.washingtonpost.com/business/economy/hermanomics-let-them-eat-pizza/2011/10/11/gIQAgTOmmL_story.html.

Howard G. Buffett mit einem Vorwort von Warren G. Buffett, Forty Chances: Finding Hope in a Hungry World, New York 2013, S. xiii.

Daniel C. Dennett, Freedom Evolves, London 2004, S. 273.

»The State of the World’s Children 2015 (Executive Summary): Reimagine the Future – Innovation for Every Child«, United Nations Children’s Fund (UNICEF), 2015, S. 3641; siehe unter http://www.data.unicef.org/corecode/uploads/document6/uploaded_pdfs/corecode/SOWC_2015_Summary_and_Tables_210.pdf.

Die Zahl siehe die Website der US Centers for Disease Control and Prevention unter http://www.cdc.gov/reproductivehealth/maternalinfanthealth/infantmortality.htm.

Die Zahl siehe die Website von UNICEF unter http://www.data.unicef.org/child-mortality/under-five.html.

Anne Fernald, Virginia A. Marchman und Adriana Weisleder, »SES differences in language processing skill and vocabulary are evident at 18 months«, in: Developmental Science 16 (2), 2013, S. 234248.

Schuldzuweisungen

Betty Hart und Todd R. Risley, »The Early Catastrophe: The 30 Million Word Gap by Age 3«, in: American Educator (Frühjahr 2003), siehe unter http://www.aft.org/pdfs/americaneducator/spring2003/theearlycatastrophe.pdf.

Zu den letzten Ergebnissen dieser laufenden Studie siehe die Website »Growing Up in Scotland« unter http://growingupinscotland.org.uk/about-gus/key-findings/#2.

Diesen Punkt haben manche Kompatibilisten bestritten. Auch wenn sie akzeptieren, dass möglicherweise alles an uns auf Kräfte zurückgeht, über die wir keine Kontrolle haben, sehen sie den Menschen dennoch als schuldfähig an. Mit Blick auf diese seltsame Position ist freilich darauf hinzuweisen, dass sich der Dissens zuweilen nur um die Definition von »Schuld« dreht. Wenn damit gemeint ist, dass sich unsere Haltungen gegenüber jemandem, dem wir eine Schuld zuschreiben, verändert (dass wir zum Beispiel das Vertrauen in ihn verlieren oder den Kontakt zu ihm abbrechen), besteht zu der hier umrissenen Auffassung kein Widerspruch. Wir können jemandem mit Misstrauen begegnen oder eine Abneigung gegen ihn entwickeln, ohne ihm die Schuld dafür zu geben, wie er ist. Dieses Kapitel wendet sich gegen die Art Schuldzuweisung, bei der eine Person für ihre Wesensart verantwortlich gemacht wird, und gegen die Ansicht, eine Person verdiene es, dafür zu leiden, dass sie gegen Verhaltensnormen verstoßen hat.

Eine Gesellschaft könnte problemlos die Ansicht, dass wir für unser Verhalten nicht absolut verantwortlich sind, mitsamt all den sich aus ihr ergebenden Konsequenzen akzeptieren und dennoch darin übereinstimmen, dass bestimmte Gesetze durchgesetzt werden und aus pragmatischen Gründen Strafen verhängt werden müssen. Alles in unserer Umgebung kann potenziell unser Verhalten bestimmen. Wenn wir glauben, dass angesichts der menschlichen Natur erwünschte Verhaltensweisen dadurch gefördert werden, dass wir bestimmte Gesetze erlassen, Strafen androhen oder Anreize schaffen, können wir solche Maßnahmen selbst dann befürworten, wenn wir erkennen, dass sie manchen gegenüber ungerecht sind. Dabei ist wichtig, die ethischen Implikationen der Einsicht, dass Menschen nicht die letzte Verantwortung haben, in unsere sozialpolitischen Entscheidungen hinsichtlich Fragen einzubeziehen, die Strafe, Belohnung und andere institutionalisierte gesellschaftliche Reaktionen betreffen.

Eine gefährliche Idee?

E-Mail von Daniel C. Dennett, 24. Februar 2012.

Daniel C. Dennett, Darwins gefährliches Erbe. Die Evolution und der Sinn des Lebens, a.d. Amerikan. v. Sebastian Vogel, Hamburg 1997, S. 17f.

Ebenda, S. 24ff.

Paul H. Barrett u.a. (Hg.), Charles Darwin’s Notebooks, 18361844, New York 1987, S. 608.

Als guten Ausgangspunkt für eine vertiefende Beschäftigung mit diesen Forschungen siehe Gregg D. Caruso (Hg.), Exploring the Illusion of Free Will and Moral Responsibility, Lanham, MD, 2013.

Als Gegenposition führten manche einen einflussreichen Artikel an, der scheinbar nachweist, dass die Entlarvung des Verantwortungsmythos tendenziell negative Auswirkungen auf das sittliche Verhalten habe. Der fragliche Artikel (K.D. Vohs und J.W. Schooler, »The Value of Believing in Free Will: Encouraging a Belief in Determinism Increases Cheating«, in: Psychological Science, Januar 2008, S. 4954) konstatiert, die Konfrontation von Probanden mit Argumenten zugunsten des Determinismus habe die Wahrscheinlichkeit erhöht, dass sie bei einer anschließenden Aufgabe schummelten. Die grundlegendere Aussage besteht freilich darin, dass die Wirkung eines neuen Gedankens stets von dem Geflecht bestehender Überzeugungen abhängt, in die er eingeführt wird. Die Bedeutung von Fakten und Ideen verändert sich, wenn wir sie aus unterschiedlichen Blickwinkeln betrachten. Es überrascht nicht, dass in einer Kultur, die den Verantwortungsmythos propagiert, absehbare Reaktionen auf dessen Entlarvung zuweilen auf einem Missverständnis darüber beruhen, was aus dieser Offenlegung folgt. Fakten richtig zu verdauen, die unseren Grundüberzeugungen zuwiderlaufen, braucht Zeit.

Bezeichnend ist auch, dass andere Forscher Vohs’ und Schoolers Ergebnisse in einem Wiederholungsexperiment nicht bestätigen konnten (Rolf Zwaan, »The Value of Believing in Free Will: A Replication Attempt«, 18. März 2013, siehe unter http://rolfzwaan.blogspot.co.uk/2013/03/the-value-of-believing-in-free-will.html). Wie sich herausstellte, waren die meisten Teilnehmer der ursprünglichen Studie Mormonen mit moralischen Anschauungen, die für die breitere Bevölkerung nicht repräsentativ sind. Einige Kommentatoren kritisierten den zur Vorbereitung der Probanden verwendeten Text als missverständlich. Und wie sich nach der Veröffentlichung der Studie herausstellte, waren manche Ergebnisse falsch ausgewertet worden. Nach Berücksichtigung dieser Fehler zeigte sich, dass sich der ausgemachte Effekt gegenüber dem ursprünglichen Ergebnis deutlich verringerte. (Weitere Informationen dazu siehe den Blog des Psychologen Rolf Zwaan auf der Website der London School of Economics unter http://blogs.lse.ac.uk/impactofsocialsciences/2013/04/19/pre-publication-posting-and-post-publication-review/.) Für eine eingehende Auseinandersetzung mit diesen Fragen siehe James B. Miles, »›Irresponsible and a Disservice‹: The integrity of social psychology turns on the free will dilemma«, in: British Journal of Social Psychology 52 (2), Juni 2013, S. 205218. Miles hält in dem Artikel fest: »Fast alle Forschungen zum freien Willen, die Sozialpsychologen bis heute veröffentlicht haben, erscheinen methodisch mangelhaft, stellen den Stand der akademischen Forschung verzerrt dar und laufen Gefahr, Sozialpsychologie mit Irrationalität zu verbinden.«

A.F. Shariff, J.D. Greene, J.C. Karremans, J.B. Luguri, C.J. Clark, J.W. Schooler, R.F. Baumeister und K.D. Vohs, »Free will and punishment: A mechanistic view of human nature reduces retribution«, in: Psychological Science, online veröffentlicht am 10. Juni 2014, S. 18.

Ich paraphrasiere Sam Harris, der schreibt: »Tatsächlich erscheint es unethisch, nicht anzuerkennen, welchen Anteil Glück an ethischen Einsichten hat.« Sam Harris, Free Will, New York 2012, S. 54.

Charles J. Westbrook, Don E. Davis, Brandon J. Griffin, Joshua N. Hook, Cirleen DeBlaere, Man Yee Ho, Chris Bell, Daryl R. Van Tongeren und Everett L. Worthington Jr., »Forgiving the Self and Physical and Mental Health Correlates: A Meta-Analytic Review«, in: Journal of Counseling Psychology 62 (2), April 2015, S. 329335; P.A. Mauger, J.E. Perry, T. Freeman, D.C. Grove, A.G. McBride und K.E. McKinney, »The measurement of forgiveness«, in: Journal of Psychology and Christianity 11, 1992, S. 170180.

Abgesehen davon hängt die Auswirkung einer neuen Idee immer vom Geflecht der Überzeugungen ab, in die sie eingeführt wird. Um es klarzustellen: Selbstvergebung heißt nicht, die Verletzungen, die wir anderen zugefügt haben, zu bagatellisieren oder zu missachten. Um uns aufrichtig selbst zu vergeben, müssen wir das volle Ausmaß dessen anerkennen, was wir anderen angetan haben. Dazu bedarf es einer Weiterentwicklung der Empathie, ein entscheidender Schritt zu mehr mitmenschlichem Verhalten.

Daniel Kahneman, Schnelles Denken, langsames Denken, a.d amerikan. Engl. v. Thorsten Schmidt, München 2012, S. 41.

Bertrand Russell, Logic and Knowledge (1956), London 1997, S. 149.

Thomas Nagel, A View from Nowhere, Oxford 1986, S. 4 (dt.: Der Blick von nirgendwo, üb. v. Michael Gebauer, Frankfurt a.M. 1992).

2 Strafe

So Immanuel Kant im 18. Jahrhundert in seiner Schrift Metaphysische Anfangsgründe der Rechtslehre: »Richterliche Strafe […] kann niemals bloß als Mittel, ein anderes Gutes zu befördern, für den Verbrecher selbst oder für die bürgerliche Gesellschaft, sondern muss nur darum wider ihn verhängt werden, weil er verbrochen hat.«

Umfrage von YouGov, »Death Penalty«, 13. August 2014; Umfrage von YouGov, »Prospect Social, Moral and Political Issues«, 18. November 2010.

Umfrage von Gallup, »Americans’ views of the Death Penalty«, 7.–11. Oktober 2015.

2 Strafe

Daniel Kahneman, Schnelles Denken, langsames Denken, a.d amerikan. Engl. v. Thorsten Schmidt, München 2012, S. 378.

Nathalia Gjersoe, »The moral life of babies«, in: The Guardian, 12. Oktober 2013, siehe unter http://www.theguardian.com/science/2013/oct/12/babies-moral-life.

Robert Wright, The Moral Animal (1994), London 2006, S. 205 (dt.: Diesseits von Gut und Böse. Die biologischen Grundlagen unserer Ethik, a.d Amerik. v. Johann Georg Scheffner, München 1996).

United States v. Grayson, 438 U.S. 41, 52 (1978).

Smith v. Armontrout, 865 F.2d 1502, 1506 (8th Cir. 1988): »Die Vorannahme des Strafrechts besteht insgesamt darin, dass die meisten Menschen die meiste Zeit innerhalb weitgefasster Grenzen über einen freien Willen verfügen«; Steward Machine Co. v. Davis, 301 U.S. 548, 590 (1937): »Das Recht wurde von einem robusten allgemeinen Rechtsverständnis geleitet, das von der Willensfreiheit als Arbeitshypothese zur Lösung seiner Probleme ausgeht«; Bethea v. United States, 365 A.2d 64, 83 n.39 (D.C. 1976): Auch wenn die deterministische Verhaltenstheorie »einige Anhänger haben mag, stellt die Vorstellung, das Verhalten einer Person sei eine einfache Funktion innerer Kräfte und Umstände, über die sie keine Kontrolle habe, einen inakzeptablen Widerspruch zum Konzept des freien Willens dar, das eine Conditio sine qua non unseres Strafrechtssystems ist«; Rachel J. Littman, »Adequate Provocation, Individual Responsibility, and the Deconstruction of Free Will«, in: Albany Law Review 60, 4 (1997): Individuen sind »vernunftbegabte freie Denker mit einem starken inneren Selbst und der Fähigkeit, sich ihres freien Willens zu bedienen«; Sanford H. Kadish, Blame and Punishment: Essays in the Criminal Law, New York 1987, S. 77: »Ein Großteil unseres Eintretens für demokratische Werte, menschliche Würde und Selbstbestimmung, für den Wert des Einzelnen hat zum Dreh- und Angelpunkt eine Sicht vom Menschen als einem verantwortlich agierenden Wesen, das je nach frei gewählter Handlungsweise Lob oder Tadel verdient.«

Stephen J. Morse, »New Neuroscience, Old Problems: Legal Implications of Brain Science«, in: Neuroscience and the Law: Brain, Mind, and the Scales of Justice, hg. v. B. Garland, New York 2004, S. 157198, siehe unter http://www.dana.org/Cerebrum/Default.aspx?id=39169.

Ebenda.

Ebenda: »Auch gehört das Bild eines vollständig physikalisch verursachten Universums (zuweilen ›Determinismus‹ genannt) in keiner Rechtslehre zu den Kriterien, nach denen manche Menschen schuldunfähig sind. Der Gedanke, dass Ursächlichkeit an sich, einschließlich einer Ursächlichkeit aufgrund abnormer Variablen, als Entschuldigung dient, ist ein analytischer Fehler, den ich als den grundlegenden psychorechtlichen Fehler bezeichnet habe […] Jedes Verhalten kann in einem physikalischen Universum verursacht sein, aber nicht jedes Verhalten ist von Schuld befreit, weil Ursächlichkeit an sich nichts mit Verantwortung zu tun hat.«

A.F. Shariff, J.D. Greene, J.C. Karremans, J.B. Luguri, C.J. Clark, J.W. Schooler, R.F. Baumeister und K.D. Vohs, »Free will and punishment: A mechanistic view of human nature reduces retribution«, in: Psychological Science, online veröffentlicht, 10. Juni 2014, S. 7.

Der Nutzen von Strafe

Richard Wilkinson und Kate Pickett, Gleichheit ist Glück. Warum gerechte Gesellschaften für alle besser sind, a.d Engl. v. Edgar Peinelt, Berlin 2012, S. 180f.

Paul Gendreau und Claire Goggin, »The Effects of Prison Sentences on Recidivism«, Centre for Criminal Justice Studies, University of New Brunswick, und Francis T. Cullen, Department of Criminal Justice, University of Cincinnati, 1999, siehe unter http://www.prisonpolicy.org/scans/gendreau.pdf.

Eine Reihe von Studien zeigte dieses Muster. Siehe hierzu Patrick A. Langan und David J. Levin, »Recidivism of Prisoners Released in 1994«, US Department of Justice, Office of Justice Programs, 2002. Siehe ebenso Matthew R. Durose, Alexia D. Cooper und Howard N. Snyder, »Recidivism of Prisoners Released in 30 States in 2005: Patterns from 2005 to 2010«, Bureau of Justice Statistics Special Report, April 2014.

Ministry of Justice, Green Paper, Evidence Report – Breaking the cycle: effective punishment, rehabilitation and sentencing of offenders, 7. Dezember 2010.

James Gilligan, Preventing Violence, New York 2001, S. 117.

Siehe zum Beispiel Steven Pinker, The Blank Slate (2002), London 2003, S. 183 (dt.: Das unbeschriebene Blatt. Die moderne Leugnung der menschlichen Natur, a.d Amerik. v. Hainer Kober, Berlin 2003).

Daniel Dennett, Freedom Evolves, London 2004, S. 272.

Richard A. Posner (Hg.), The Essential Holmes, Chicago 1996, S. 216.

Rita J. Simon und Dagny A. Blaskovich, A Comparative Analysis of Capital Punishment: Statutes, Policies, Frequencies and Public Attitudes the World Over, New York 2002, S. 40.

Ebenda.

Amnesty International Public Statement, Index: ACT 50/004/2014, 23. Dezember 2014, S. 3. (Die umfassendste Studie, durchgeführt von den UN 1988 und aktualisiert 2008, kommt zu dem Schluss: »Die Forschung blieb einen wissenschaftlichen Nachweis schuldig, dass Hinrichtungen einen stärkeren abschreckenden Effekt haben als lebenslange Haftstrafen. Dass ein solcher Nachweis noch gelingt, ist unwahrscheinlich. Die Faktenlage insgesamt liefert weiterhin keinen positiven Befund, der die Abschreckungshypothese stützt.«)

Der Nutzen von Strafe

Eine nützliche Zusammenfassung dieser Ergebnisse bietet die Darstellung des Death Penalty Information Centre unter http://www.deathpenaltyinfo.org/law-enforcement-views-deterrence.

Siehe den Wikipedia-Artikel zur UN-Antifolterkonvention unter https://de.wikipedia.org/wiki/UN-Antifolterkonvention.

New York State Bar Association Committee on Civil Rights, Report to the House of Delegates, »Solitary Confinement in New York State«, 25. Januar 2013, S. 4f., siehe unter https://www.nysba.org/solitaryreport/.

New York City Bar, »Supermax Confinement in U.S. Prisons«, Committee on International Human Rights, September 2011, siehe unter http://www2.nycbar.org/pdf/report/uploads/20072165-TheBrutalityofSupermaxConfinement.pdf.

Richard Wilkinson und Kate Pickett, Gleichheit ist Glück, a.a.O., S. 178.

Ebenda, S. 177.

Paul Gendreau und Claire Goggin, »The Effects of Prison Sentences on Recidivism«, S. 4, siehe unter http://www.prisonpolicy.org/scans/gendreau.pdf.

Valerie Wright, Deterrence in Criminal Justice, Evaluating Certainty vs. Severity of Punishment, The Sentencing Project, November 2010, siehe unter http://www.sentencingproject.org/doc/Deterrence%20Briefing%20.pdf.

Jenseits der Strafe

Erwin James, »Bastøy: the Norwegian prison that works«, in: The Guardian, 4. September 2013, siehe unter http://www.theguardian.com/society/2013/sep/04/bastoy-norwegian-prison-works. Siehe ebenso den Spiegel-Artikel unter http://www.spiegel.de/spiegel/printd-76764206.html.

Erwin James, »Bastøy«, a.a.O.

Lois M. Davis, Robert Bozick, Jennifer L. Steele, Jessica Saunders und Jeremy N.V. Miles, »Evaluating the Effectiveness of Correctional Education« (Santa Monica, CA, RAND Corporation 2013), S. xvi, siehe unter http://www.rand.org/content/dam/rand/pubsresearch_reports/RR200/RR266RAND_RR266.pdf.

»US prison courses collapse«, in: The Times Higher Education, 29. September 1995, siehe unter https://www.timeshighereducation.com/newsus-prison-courses-collapse/95448.article.

Audrey Bazos und Jessica Hausman, »Correctional Education as a Crime Control Program«, UCLA School of Public Policy and Social Research, März 2004, S. 2, siehe unter http://www.ceanational.org/PDFs/ed-as-crime-control.pdf.

Joanna Shapland, Gwen Robinson und Angela Sorsby, Restorative Justice in Practice, London 2011. Eine Zusammenfassung der Ergebnisse siehe unter https://www.restorativejustice.org.uk/resources/ministry-justice-evaluation-implementing-restorative-justice-schemes-crime-reduction-3.

Lawrence W. Sherman und Heather Strang, Restorative Justice: The Evidence, London 2007, siehe unter http://www.iirp.edu/pdf/RJ_full_report.pdf.

James Gilligan und Bandy Lee, »The Resolve to Stop the Violence Project: Reducing Violence through a Jail-Based Initiative«, in: Journal of Public Health 27 (2), April 2005, S. 143148.

Katherine Reynolds Lewis, »What if Everything You Knew about Disciplining Kids Was Wrong?«, in: Mother Jones, Juli/August 2015, siehe unter http://www.motherjones.com/politics/2015/05/schools-behavior-discipline-collaborative-proactive-solutions-ross-greene.

Ebenda.

Ebenda.

Ebenda.

Jenseits der Strafe

Ebenda.

Grundursachen

Kwame Anthony Appiah, Experiments in Ethics, Cambridge, Mass., 2008, S. 41 (dt.: Ethische Experimente. Übungen zum guten Leben, a.d Engl. v. Michael Bischoff, München 2009).

Ebenda.

Daniel Kahneman, Schnelles Denken, langsames Denken, a.a.O., S. 60.

Richard Wilkinson, »Why Is Violence More Common Where Inequality Is Greater?«, in: Annals of the New York Academy of Science 1036, Dezember 2004, S. 112.

Statistische Ausreißer in diesem Datensatz sind Finnland und Singapur. Obwohl in Finnland hinsichtlich der Einkommensverteilung große Gleichheit herrscht, weist das Land eine hohe Rate an Tötungsdelikten auf. In Singapur ist diese dagegen niedrig, obwohl dort Arm und Reich besonders weit auseinanderklaffen. Die Erklärung liegt offenbar im Zugang zu Waffen. Finnland hat im Hinblick auf Waffenbesitz eine der weltweit höchsten Pro-Kopf-Raten, Singapur dagegen eine der niedrigsten.

James Gilligan, Violence: Our Deadly Epidemic and Its Causes, New York 1996, S. 110.

Tom Moroney, »America’s Mentally Ill Prisoners Outnumber Hospital Patients, Tenfold«, Bloomberg Businessweek, 8. April 2014, siehe unter http://www.bloomberg.com/bw/articles/2014-04-08/americas-mentally-ill-prisoners-outnumber-hospital-patients-tenfold.

Helena Kennedy, Just Law, London 2004, S. 284.

Ebenda, S. 292.

Christopher Ingraham, »You Really Can Get Pulled Over for Driving While Black, Federal Statistics Show«, in: The Washington Post, 9. September 2014, siehe unter http://www.washingtonpost.com/blogs/wonkblog/wp/2014/09/09/you-really-can-get-pulled-over-for-driving-while-black-federal-statistics-show/. Oliver Laughland, Jon Swaine und Jamiles Lartey, »US police killings headed for 1,110 this year, with black Americans twice as likely to die«, in: The Guardian, 1. Juli 2015, siehe unter http://www.theguardian.com/us-news/2015/jul/01/us-police-killings-this-year-black-americans.

Devah Pager, »The Mark of a Criminal Record«, in: American Journal of Sociology 108 (5), März 2003, S. 958.

»King’s Dream Remains an Elusive Goal; Many Americans See Racial Disparities«, Pew Research Centre, 22. August 2013, siehe unter http://www.pewsocialtrends.org/2013/08/22/kings-dream-remainsan-elusive-goal-many-americans-see-racial-disparities/.

»How Fair Is Britain? Equality, Human Rights and Good Relations in 2010: The First Triennial Review«, Equality and Human Rights Commission, 23. Mai 2011, S. 162, siehe unter https://www.gov.uk/government/publications/how-fair-is-britain-equality-human-rights-and-good-relations-in-2010-the-first-triennial-review.

James Chapman, »Clegg: Young black men are more likely to end up in prison than at a top university«, in: Daily Mail, 24. November 2011, siehe unter http://www.dailymail.co.uk/news/article-2065427/Clegg-Young-black-men-likely-end-PRISON-university.html.

Eine detaillierte Aufschlüsselung der Zahlen siehe die Website von Inquest unter http://www.inquest.org.uk/statistics/bame-deaths-in-prison.

Anita Mukherjee, »Do Private Prisons Distort Justice? Evidence on Time Served and Recidivism«, Social Sciences Research Network, 15. März 2015, siehe unter http://papers.ssrn.com/sol3/papers.cfm?abstract_id=2523238.

Glenn Greenwald, With Liberty and Justice for Some, New York 2011, S. 257f.

Vicky Pelaez, »The Prison Industry in the United States: Big Business or a New Form of Slavery?«, Global Research, 31. März 2014, siehe unter http://www.globalresearch.ca/the-prison-industry-in-the-united-states-big-business-or-a-new-form-of-slavery/8289.

Helena Kennedy, Just Law, a.a.O., S. 283.

Grundursachen

»The Cost of a Nation of Incarceration«, CBS News, 23. April 2012, siehe http://www.cbsnews.com/news/the-cost-of-a-nation-of-incarceration/.

Lisa Bloom, »When will the US stop mass incarceration?«, CNN, 3. Juli 2012, siehe http://edition.cnn.com/2012/07/03/opinionbloom-prison-spending/.

Ebenda.

Douglas Husak, Overcriminalization, Oxford 2008, S. 12.

Penny Green und Andrew Rutherford (Hgg.), Criminal Policy in Transition, Oxford 2000, S. 20.

Donald Macintyre, »Major on Crime: ›Condemn More, Understand Less‹«, in: The Independent, 21. Februar 1993, siehe unter http://www.independent.co.uk/news/major-on-crime-condemn-moreunderstand-less-1474470.html.

Richard Wilkinson und Kate Pickett, Gleichheit ist Glück, a.a.O., S. 174.

Ebenda, S. 175.

Ebenda, S. 174.

Ebenda, S. 172.

»Netherlands Close Eight Prisons Due to Lack of Criminals«, The Huffington Post, UK, 26. Juni 2013, siehe unter http://www.huffingtonpost.co.uk/2013/06/26/netherlands-prisons-close--lack-of-criminals-_n_3503721.html.

Helena Kennedy, Just Law, a.a.O., S. 282.

Ebenda, S. 281.

James Slack, »Labour is dreaming up 33 new crimes a month […] including barring you from swimming into the Titanic«, in: Daily Mail, 22. Januar 2010.

Richard Wilkinson und Kate Pickett, Gleichheit ist Glück, a.a.O., S. 171.

Matt Taibbi, »Cruel and Unusual Punishment: The Shame of Three Strikes Laws«, in: Rolling Stone, 27. März 2013.

Arundhati Roy, Ordinary Person’s Guide to Empire, London 2006, S. 146.

Doppelmoral

Glenn Greenwald, With Liberty and Justice for Some, a.a.O., S. 227.

Ebenda, S. 19f.

Calvin Woodward und Jeff Wilson, »Cheney Hails Ford’s Pardon of Nixon«, in: The Washington Post, 30. Dezember 2006, siehe unter http://washingtonpost.com/wp-dyn/content/article/2006/12/30/AR006123000977_pf.html.

Doppelmoral

Shadee Ashtari, »Former Counterterrorism Czar Richard Clarke: Bush, Cheney Committed War Crimes«, in: The Huffington Post, 29. Mai 2014.

David Johnston und Charlie Savage, »Obama Reluctant to Look into Bush Programs«, in: The New York Times, 11. Januar 2009, siehe unter http://www.nytimes.com/2009/01/12/us/politics/12inquire.html?pagewanted=all&_r=0.

Glenn Greenwald, With Liberty and Justice for Some, a.a.O., S. 133.

Joseph E. Stiglitz, Der Preis der Ungleichheit. Wie die Spaltung der Gesellschaft unsere Zukunft bedroht, a.d amerik. Engl. v. Thorsten Schmidt, München 2014, S. 266.

Ebenda, S. 263f.

Edward Luce, »Obama Says Bonuses Are Part of Free Market«, in: Financial Times, 10. Februar 2010, siehe unter http://www.ft.com/cms/s/0/50e597e0-1678-11df-bf44-00144feab49a.html.

Ebenda.

Sean Martin, »Judge Takes Pity on ›Embarrassed‹ RBS Bankers Who Committed £3 m Fraud«, in: International Business Times, 26. November 2014, siehe unter http://www.ibtimes.co.uk/two-rbs-bankers-walk-free-after-committing-3m-property-fraud-1476786.

Matt Taibbi, »The US justice divide: Why crime and punishment in Wall Street and Ferguson are so different«, The Guardian, 17. Oktober 2014, siehe unter http://www.theguardian.com/us-news/2014/oct/17/us-justice-divide-crime-punishment-wall-street-ferguson.

Yanis Varoufakis, Der globale Minotaurus. Amerika und die Zukunft der Weltwirtschaft, a.d Engl. v. Ursel Schäfer, München 2012, S. 152.

Richard Luscombe, »90-year-old among Florida activists arrested for feeding the homeless«, in: The Guardian, 5. November 2014, siehe unter http://www.theguardian.com/us-news/2014/nov/05/fort-lauderdale-pastors-arnold-abbott-arrested-feeding-homeless.

Auch wenn das Zitat zumeist Jefferson zugeschrieben wird, konnte ich die Quelle nicht verifizieren. Ein ähnliches Zitat stammt angeblich von Richter Felix Frankfurter: »Ein weiser Mann sagte, dass es keine größere Ungleichheit gibt als die Gleichbehandlung von Ungleichen«, Dennis v. United States, 339 U.S. 162, 1950.

Privatgesetz

Katie Engelhart, »The UK Is Going to Send Billions in Arms Exports to Countries on the Human Rights Blacklist«, in: Vice News, 20. März 2015, siehe unter https://news.vice.com/article/the-uk-is-going-to-send-billions-in-arms-exports-to-countries-on-thehuman-rights-blacklist.

Adam Smith, Der Wohlstand der Nationen. Eine Untersuchung seiner Natur und Ursachen, a.d Engl. übertr. u. mit einer umfassenden Würdigung des Gesamtwerks hg. v. Horst Claus Recktenwald, Fünftes Buch, Kapitel 1, 2. Teil, 11. Aufl., München 2005, S. 605.

»Take back the streets«: Repression and criminalization of protest around the world, International Network of Civil Liberties Organizations, Oktober 2013, S. 3, siehe unter https://www.aclu.org/files/assets/global_protest_suppression_report_inclo.pdf.

Ebenda, S. 11.

Ebenda.

Richard A. Posner (Hg.), The Essential Holmes, S. 216.

3 Belohnung

Les Leopold, »America’s New Math: 1 Wall Street Hour = 21 Years of Hard Work for the Rest of Us«, in: The Huffington Post, 22. April 2013, siehe unter http://www.huffingtonpost.com/les-leopold/americas-new-math-1-wall-_b_3134022.html.

Graeme Wearden, »Oxfam: 85 richest people as wealthy as poorest half of the world«, The Guardian, 20. Januar 2014, siehe unter http://www.theguardian.com/business/2014/jan/20/oxfam-85-richest-people-half-of-the-world.

3 Belohnung

Amartya Sen, On Ethics and Economics (1987), Cambridge, Mass., 2011, S. 2.

Unter Wirtschaftswissenschaftlern wird darüber, wie Kapital zu definieren sei, ausgiebig debattiert. Für anstehende Zwecke folge ich hier Thomas Pikettys Definition und führe Wohlstand mit Kapital zusammen.

Thomas Piketty, Das Kapital im 21. Jahrhundert, a.d Frz. v. Ilse Utz und Stefan Lorenzer, München 2016, S. 586f.

Ebenda, S. 574.

Piketty führt dies darauf zurück, dass die Ertragsquote von Kapital im Durchschnitt über der Wachstumsrate der Gesamtwirtschaft lag. Die Zeit nach Ende des Zweiten Weltkrieges bis in die achtziger Jahre habe eine Anomalie, eine Ausnahme im regelhaften Geschehen der Wohlstandskonzentration dargestellt, hervorgerufen durch zwei Weltkriege, die große Wirtschaftsdepression, Steuererhöhungen, das Bevölkerungswachstum sowie einen Ausbau des Sozialwesens.

Thomas Piketty, Das Kapital im 21. Jahrhundert, a.a.O., S. 570.

James Nye, »America’s wealthiest families revealed: From the Rockefellers to the Waltons, the 185 clans all worth more than $1 billion … and yes, most of them are Republicans«, in: Daily Mail, 9. Juli 2014, siehe unter http://www.dailymail.co.uk/news/article-2686395/Americas-wealthiest-families-revealed-From-Rockefellers-Kennedys-185-clans-worth-1billion-yes-Republicans.html.

Thomas Piketty, Das Kapital im 21. Jahrhundert, a.a.O., S. 322.

Ebenda, S. 342. Verglichen damit profitierten in der Geschichte die 10 Prozent mit den höchsten Arbeitseinkommen von 25 bis 30 Prozent des Gesamteinkommens. Die am schlechtesten bezahlten 50 Prozent hatten an ihm dagegen nur zu einem Viertel bis einem Drittel Anteil. Siehe ebenda, S. 322.

Jamie Doward, »Inheritance: How Britain’s wealthy still keep it in the family«, in: The Guardian, 31. Januar 2015, siehe unter http://www.theguardian.com/society/2015/jan/31/inheritance-britain-wealthy-study-surnamessocial-mobility.

John J. Havens, Paul G. Schervish, »A Golden Age of Philanthropy Still Beckons: National Wealth Transfer and Potential for Philanthropy Technical Report«, Center on Wealth and Philanthropy, Boston College, 28. Mai 2014. Eine Zusammenfassung der Ergebnisse siehe unter http://www.bc.edu/content/dam/filesresearch_sites/cwp/pdf/Wealth%20Press%20Release%205.28-9.pdf.

Robin Hahnel, Economic Justice and Democracy, New York 2005, S. 22.

Robin Blackburn, »Enslavement and Industrialisation«, Website der BBC, 17. Februar 2011, siehe unter http://www.bbc.co.uk/history/british/abolition/industrialisation_article_01.shtml.

Robert Beckford, Documentary as Exorcism, London 2014, S. 165.

Sanchez Manning, »Britain’s colonial shame: Slave-owners given huge payouts after abolition«, in: The Independent, 24. Februar 2013, siehe unter http://www.independent.co.uk/news/uk/home-news/britains-colonial-shame-slave-owners-given-huge-payouts-after-abolition-8508358.html.

Alexandra Sims, »Vast scale of British slave ownership revealed«, in: The Independent, 13. Juli 2015, siehe unter http://www.independent.co.uk/news/uk/vast-scale-of-british-slave-ownership-revealed-10383768.html.

Thomas Piketty, Capital in the Twenty-First Century, Cambridge, MA, 2014. S. 443.

Ashley Gray, »David Beckham toppled by Lionel Messi as Barcelona star leads football earner charts on £570,000 a week!«, in: Daily Mail, 24. März 2010.

Royal College of Nursing, NHS Agenda for Change pay scales – 2010/2011, Agenda for Change pay bands effective from 1 April 2010, siehe unter http://www.rcn.org.uk/__data/assets/pdf_file/0018/233901/003303.pdf.

Ha-Joon Chang, 23 Lügen, die sie uns über den Kapitalismus erzählen, a.d Engl. v. Henning Dedekind u. Anne Emmert, München 2010, S. 53.

3 Belohnung

Joseph E. Stiglitz, Der Preis der Ungleichheit. Wie die Spaltung der Gesellschaft unsere Zukunft bedroht, a.d amerikan. Engl. v. Thorsten Schmidt, München 2014, S. 49.

Press Association, »Well-off families create ›glass floor‹ to ensure children’s success, says study«, in: The Guardian, 26. Juli 2015, siehe http://www.theguardian.com/society/2015/jul/26/well-off-families-create-glass-floor-to-ensure-childrens-success-says-study?CMP=share_btn_fb.

Milton Friedman, Kapitalismus und Freiheit, a.d Engl. v. Paul C. Martin. Mit einem Geleitw. v. Horst Siebert, Frankfurt a.M. 2002, S. 196.

Jede Arbeit erfordert Anstrengung. Stellen Sie sich zwei Jugendliche vor, von denen der eine von der Schule abgeht und eine Stelle annimmt, während sich der andere an der Universität für Medizin einschreibt. Wer arbeitet die nächsten zehn Jahre lang härter? Erfordert ein Studium mehr Einsatz oder Opfer als Erwerbsarbeit? Nicht unbedingt. Vielfach ist das Gegenteil der Fall. Sich auf »mühsame Arbeit« zu berufen, trägt nichts dazu bei, Belohnungen zu rechtfertigen, die Menschen für ihre angeborenen Begabungen erhalten. Allein schon unser Impuls zu betonen, dass Anstrengung nötig ist, um eine Begabung zu entfalten, verrät ein Bewusstsein dafür, dass Talent allein noch keine großen Belohnungen verdient.

Nehmen wir an, wir stufen die Nützlichkeit unserer Leistung auf einer Skala von null bis eins ein, wobei »null« für unsere Anstrengungen steht, die keinerlei gesellschaftlichen Nutzen haben, und »eins« für unsere Anstrengungen mit maximalem gesellschaftlichem Nutzen. Menschen nach ihren gesellschaftlich nützlichen Bemühungen zu entlohnen, würde bedeuten, dass jeder, der auch nur geringfügig über null eingestuft wird, genauso gut entlohnt werden müsste wie jemand, der auf eins kommt, wenn die unternommenen Anstrengungen auf gleich hohem Niveau liegen. Das Problem ist, dass jemand, der ungeachtet all seiner Bemühungen ohne eigenes Verschulden nur einen Wert von null erzielt, leer ausginge. Dies bringt ein Moment der Willkür in die Unterscheidung. Auch muss im Auge behalten werden, dass jeder von uns jederzeit krank oder arbeitsunfähig werden kann und dass Kindheit und Alter natürlich universelle Phasen der menschlichen Existenz sind. Diese Aspekte sind keineswegs nebensächlich, sondern von zentraler Bedeutung für die Frage der Gerechtigkeit.

Eng verbunden mit dem Konzept der Anstrengung ist der Gedanke des Opfers. Als Grundlage für eine gerechte Entlohnung ist er deutlich vielversprechender. Ein Opfer beinhaltet einen Verlust – zum Beispiel an Wohlbefinden. Das Problem, Belohnungen danach zu bemessen, wie viel wir opfern, besteht allerdings darin, dass viele Opfer im Leben unfreiwillig geschehen. Ein Defizit an Wohlbefinden ist als solches unabhängig von seinem Ursprung, davon, ob es das Ergebnis einer gesellschaftlich nützlichen Arbeit, eines anstrengenden Trainings, eines schlechten Urteilsvermögens oder einer genetischen Prädisposition ist. Letztlich sind wir nicht dafür verantwortlich, wie wir sind und was daraus folgt. Welchen Ursprung unser Defizit hat, kann also nicht darüber entscheiden, in welchem Maß wir eine Entschädigung verdienen.

Es sei darauf hingewiesen, dass manche Prinzipien der Entlohnung anderen vorzuziehen sind, allerdings nicht, weil sie an sich gerechter wären, sondern weil sie zu egalitäreren Ergebnisse führen. So ist eine Entlohnung nach dem Wert der persönlichen Leistungen einer Entlohnung nach der Höhe von eingesetztem Kapital vorzuziehen – weil Kapital unter der Bevölkerung deutlich weniger gleich verteilt ist als Talent, die Fähigkeit, Anstrengungen zu unternehmen, oder die Chance, Ausbildungseinrichtungen zu nutzen, allesamt Faktoren, die den Wert unserer persönlichen Leistung bestimmen.

Aus dieser Schlussfolgerung leiten sich nicht notwendigerweise