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DAS RELIKT DER FLADREA

– Deutsche Erstauflage –

1. Auflage
Veröffentlicht durch den
MANTIKORE-VERLAG NICOLAI BONCZYK
Frankfurt am Main 2017
www.mantikore-verlag.de

Copyright © der deutschsprachigen Ausgabe
MANTIKORE-VERLAG NICOLAI BONCZYK
Text © Dominik Schmeller

Lektorat & Korrektorat: Nora-Marie Borrusch
Satz: Karl-Heinz Zapf
Illustrationen: Hauke Kock
Covergestaltung: Biserka Begovic & Matthias Lück

VP: 163-123-01-04-0917

eISBN: 978-3-945493-55-7

Dominik Schmeller

DAS RELIKT
DER
FLADREA

Roman

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Inhalt

PROLOG

DAS HÆSGENA-FEST

Kapitel - 1 -

Kapitel - 2 -

Kapitel - 3 -

Kapitel - 4 -

Kapitel - 5 -

Kapitel - 6 -

Kapitel - 7 -

SUCHE IM UTLENDWALD

Kapitel - 1 -

Kapitel - 2 -

Kapitel - 3 -

Kapitel - 4 -

Kapitel - 5 -

Kapitel - 6 -

IN DIE ENGE GEDRÄNGT

Kapitel - 1 -

Kapitel - 2 -

Kapitel - 3 -

Kapitel - 4 -

Kapitel - 5 -

AUFBRUCH

Kapitel - 1 -

Kapitel - 2 -

Kapitel - 3 -

Kapitel - 4 -

Kapitel - 5 -

Kapitel - 6 -

Kapitel - 7 -

DER GODER

Kapitel - 1 -

Kapitel - 2 -

Kapitel - 3 -

Kapitel - 4 -

Kapitel - 5 -

ÜBER NIVAS DÄCHER

Kapitel - 1 -

Kapitel - 2 -

Kapitel - 3 -

GANZ NAH DRAN

Kapitel - 1 -

Kapitel - 2 -

Kapitel - 3 -

Kapitel - 4 -

Kapitel - 5 -

Kapitel - 6 -

Kapitel - 7 -

EINE GEMEINSCHAFT FINDET SICH

Kapitel - 1 -

Kapitel - 2 -

Kapitel - 3 -

Kapitel - 4 -

Kapitel - 5 -

Kapitel - 6 -

Kapitel - 7 -

DIE HÖHLE

Kapitel - 1 -

Kapitel - 2 -

Kapitel - 3 -

Kapitel - 4 -

Kapitel - 5 -

TRÄUME

Kapitel - 1 -

Kapitel - 2 -

Kapitel - 3 -

Kapitel - 4 -

Kapitel - 5 -

Kapitel - 6 -

Kapitel - 7 -

Kapitel - 8 -

DER KRÄUTERSUD

Kapitel - 1 -

Kapitel - 2 -

Kapitel - 3 -

Kapitel - 4 -

KRITISCHE VERHANDLUNGEN

Kapitel - 1 -

Kapitel - 2 -

Kapitel - 3 -

Kapitel - 4 -

Kapitel - 5 -

SCHRECKLICHE GEWISSHEIT

Kapitel - 1 -

Kapitel - 2 -

Kapitel - 3 -

Kapitel - 4 -

Kapitel - 5 -

Kapitel - 6 -

Kapitel - 7 -

Kapitel - 8 -

LANNING

Kapitel - 1 -

Kapitel - 2 -

Kapitel - 3 -

Kapitel - 4 -

Kapitel - 5 -

Kapitel - 6 -

Kapitel - 7 -

Kapitel - 8 -

Kapitel - 9 -

HALLINGA: GÖTTER, ORTE UND BEGRIFFE

DANKSAGUNG

PROLOG

Das Schwert in ihrer Hand war dazu bestimmt, es in die Brust eines Menschen zu stoßen, doch Larima wusste nicht, wer ihr Feind war.

Die Blutgier, die sie in sich spürte, ekelte sie an und am liebsten hätte sie die Klinge fallen gelassen, aber ihre Hände gehorchten ihr nicht.

Ihr Körper fühlte sich schwerfällig an, als sie durchs Geäst einiger Büsche brach. Sie hastete über den moosbewachsenen Waldboden, ohne sich umzusehen. Es war nicht mehr wichtig, leise zu sein. Es galt nur, schneller zu sein als die anderen.

Larima hetzte weiter. Die hohen Fichten um sich herum nahm sie nur verschwommen wahr. Sie schwang sich über einen gefallenen Stamm und blieb in der Finsternis an einer Wurzel hängen.

Sie war sicher, noch nie in diesem Wald gewesen zu sein, und gleichzeitig fühlte er sich vertraut an.

Ein Geräusch ließ sie erstarren. Von weit erklang das Brüllen eines Tieres durch die Nacht, das sich wie der Schrei eines Säuglings anhörte.

Weiße Wolken erschienen vor ihrem Mund, als Larima hastig Atem schöpfte. Die Kälte schreckte sie nicht, doch der aufkommende Bodennebel konnte tückisch werden. Wie Milch umfloss er ihre Stiefel und verdeckte die Steine und Wurzeln, die einen Unbedachten zu Fall bringen wollten. Selbst eine große Erdspalte konnte sich darunter verbergen. Ein unachtsamer Schritt und man stürzte tief und blieb mit gebrochenem Genick liegen.

Larima lehnte sich mit der Schulter an eine wuchtige Eiche, an deren Stamm Efeu emporrankte und im Geäst verschwand. Mit einem Mal gewahrte sie die Stille. Keine Eule schrie, auch das Brüllen des Tieres war verstummt. Stille war in einem solchen Wald kein gutes Zeichen. Einer dieser Kerle musste in der Nähe sein.

Sie spähte in das Dunkel zwischen den Stämmen. Da niemand zu sehen war, stieß sie sich von der Eiche ab und eilte weiter.

Ihr Blickfeld verschwamm, als würde Nebel von außen hereinwirbeln. Für einige Herzschläge sah sie nichts außer einem trüben Strudel.

Plötzlich klarte sich ihr Blick auf und sie befand sich an einem anderen Ort, am Rande einer Lichtung mit einer Gruppe riesenhafter Farne, vom Mondlicht schwach erhellt. Inmitten der Wedel bewegte sich etwas, einer von ihnen schwankte. Jemand versteckte sich dort.

Larima schlich gebückt am Rand der Lichtung entlang, bewegte sich von der anderen Seite aus lautlos auf die Mitte zu und tauchte zwischen die Farnwedel ein.

Keine drei Schritt vor sich erkannte sie im Schatten einen Mann, der auf dem Boden kauerte, erstarrt, als fürchtete er, sich durch ein Geräusch zu verraten.

Larima wusste, dass sie ihr Opfer gefunden hatte.

Ihr Herz trommelte in ihrer Brust, als sie vorwärtsschlich, um sich hinter den Mann zu bringen. Der Bodennebel war noch dichter geworden und wirbelte bei jedem Schritt um die schweren Lederstiefel empor, als wollte er sich an sie schmiegen.

Sie packte einen Farnwedel, schob ihn zur Seite und bewegte sich vorsichtig vorbei. Nur wenige Spann vor sich konnte sie die ängstlichen Atemzüge des Mannes hören.

Als sie hinter ihm stand, wirbelte er herum. Er musste etwas gespürt haben. Doch nichts würde ihm mehr helfen können.

Mondlicht fiel auf sein Gesicht. Es war von Schrecken verzerrt.

DAS HÆSGENA-FEST

- 1 -

Larima ließ ihre Füße im Wasser baumeln und spürte die warmen Wellen sacht an ihre Knöchel schlagen. Am liebsten wäre sie für immer hier am Ufer sitzen geblieben und hätte ihre Probleme vergessen. Doch der Stand der Sonne im wolkenlosen Himmel über dem See verriet ihr, dass nicht viel Zeit blieb, wenn sie nicht zu spät kommen wollte.

Seufzend beugte sie sich vor und blickte in das längliche Gesicht, das ihr aus dem Wasser entgegensah. Die vollen Lippen und die großen, smaragdgrün funkelnden Augen gehörten keinem Kind mehr.

Fast kann man meinen, ich wäre eine normale junge Frau.

Wäre da nicht ihr Haar gewesen, das in der Sonne glänzte wie flüssiges Sternenlicht. Es war nicht nur heller als das der anderen in Groveflyk, schließlich besuchten bisweilen auch blonde Menschen die Burg. Larimas Haaren wohnte vielmehr ein schimmernder Glanz inne, als bestünden sie aus fein gesponnener Bronze.

Das reichte, damit die Leute manchmal hinter ihrem Rücken tuschelten und ihr befremdliche Blicke hinterherwarfen. Noch schlimmer machte, dass niemand mit ihr darüber sprechen wollte, warum sie anders war. Die Menschen zuckten regelrecht zurück, wenn Larima sie danach fragte.

Hier am See, abseits der Burg, kam sie auf andere Gedanken. Larima besuchte ihn nicht nur in der Hitze des Sommers gerne, um sich abzukühlen, sondern auch im Winter, wenn die Dörfler auf der dicken Eisschicht auf Schweineknochen ihre Kreise drehten.

Aus den Augenwinkeln bemerkte sie, wie ein Schatten unter der Wasseroberfläche auf sie zuhuschte. Sie zuckte erschrocken zurück und wollte ihre Füße hochziehen, doch es war zu spät. Der Schatten stieß nach oben und ein Gesicht kam prustend zum Vorschein.

Larima fuhr zusammen und schrie auf, als das Wasser sie nassspritzte. »Semargan von Groveflyk!«, schimpfte sie. Sie hasste es, wenn sie kreischte wie ein Mädchen. »Du weißt, dass ich solche Spielchen nicht leiden kann!«

Semi und sie waren Freunde, seit sie denken konnte, doch ihr Ziehbruder wusste genau, dass nicht mit ihr zu spaßen war, wenn sie ihn bei seinem vollen Namen nannte.

Seine Haare von der Farbe einer dunklen Haselnuss ließ er nie länger als zwei Fingerbreiten werden und seine braunen Augen blickten stürmisch in die Welt. Von seinem schlanken und muskulösen Körper war in dem moorigen Wasser nicht viel zu sehen.

»Wo hast du gesteckt?«, fuhr Larima ihn an.

»Ich war da hinten im Schilf und habe einen Platz voller Jordkrötenlaich entdeckt. So herrlich schleimig.« Semi grinste frech. Offensichtlich war er stolz darauf, dass er Larima hatte erschrecken können. Er ließ sich im Wasser treiben, das an dieser Stelle nur hüfthoch war.

Die bunten Farben der Bäume, die das Ufer dicht an dicht umstanden, verrieten, dass der Spätsommer gekommen war, und die Brise, die das Wasser kräuselte, trug die erste Frische der kühlen Zeit mit sich.

»Warum müsst ihr Kerle eigentlich immer so eklig sein?« Larima schüttelte sich und ihre Haare flogen. Wie konnte es jemand schön finden, sich in diesen schleimigen Krötenlaich zu legen?

»Wir sind eben aus anderem Holz geschnitzt. Wir kämpfen und reiten viel lieber, als in der Kammer zu hocken und Bücher zu studieren.«

»Das würde dir aber nicht schaden. Dann müsste Væter Hanrek weniger schimpfen und wir kämen mit dem Unterricht schneller voran.«

Semi richtete sich auf, wobei er sich bis zum Bauchnabel aus dem Wasser hob, und zuckte mit den Schultern. »Was muss ich wissen, wie man einen Acker bestellt? Ich werde meinem Vater als Haron von Groveflyk auf den Thron folgen.« Er stemmte seine kräftigen, wohldefinierten Arme in die Hüften und seine Augen blitzten schelmisch in seinem pausbäckigen Gesicht.

»Na sicher, wenn du über die Haronschaft herrschst, dann musst du natürlich nichts über die Welt wissen«, sagte Larima und verdrehte die Augen.

Semi bemerkte Larimas Grimasse offenbar nicht. Er nickte eifrig und setzte ein »na siehst du«-Gesicht auf.

»Und wie werde ich, deine Ziehschwester, einmal leben, oh weiser Seher Semargan?«, fragte Larima spöttisch. »Lass mich raten. Ich suche mir einen Ritter, lasse mich von ihm auf sein Landgut irgendwo im Wald bringen und setze Dutzende Sprösslinge in die Welt. Dazu brauche ich nichts weiter zu tun, als trübsinnig vor mich hinzustarren, möglichst den Mund nicht aufzumachen und den Kerl ab und an in mein Bett zu lassen.«

Dies stellte ungefähr das schlimmste Leben dar, das Larima sich vorstellen konnte.

»Du hast recht! Du musst selbst eine Seherin sein.« Semi grinste. »Mutter meint sowieso, du wärst im richtigen Alter zum Heiraten.«

Larima spritzte einen Schwall Wasser in seine Richtung. Semi duckte sich und lachte.

Mit einer Sache hatte er jedoch recht. Larima war siebzehn Winter alt, ein Jahr älter als Semi, und wenn es nach ihrer Mutter ginge, der Haronsa von Groveflyk, war eine Heirat überfällig. Larima wäre es viel lieber, wenn sich nichts verändern würde. Warum konnte sie nicht an Semis Seite bleiben, sobald er Haron wurde? Sie könnte ihn beraten und es befanden sich eine Unmenge Schriften in der Bibliothek von Groveflyk und im Turm des Væters, die sie studieren wollte. Außerdem könnte sie ihre Schmiedekunst perfektionieren. Bot das Leben nicht so viel mehr, als ein braves Eheweib zu werden?

»Du willst doch wohl keine alte Jungfer bleiben?«, ahmte Semi ihre Mutter nach. Er lachte lauthals, dann prustete er und schluckte Wasser, als Larima ihm einen weiteren Schwall entgegenspritzte.

»Lach du nur. Warte, bis sie dich vor den Altar drängt.« Larima sah an sich herab und merkte, dass das Tuch, das sie als Schwimmkleidung trug, von dem Gespritze durchnässt war. Mutter bestand darauf, dass sie nicht nackt badete wie eine unbedarfte Magd, deshalb hatte sie sich ein schlichtes, eine Elle breites Leinentuch von der Hüfte bis unter ihre Schultern gewickelt.

Sie ließ sich vom Ufer ins Wasser gleiten und schwamm mit kräftigen Zügen.

»Mich muss niemand drängen«, rief Semi ihr hinterher und folgte ihr. »Ich kümmere mich schon selbst um meine Liebesangelegenheiten. Heute Abend werde ich das Kjœrleg vollenden. Und noch vor dem nächsten Sommer wird Jonna meine Frau sein.«

Larima blickte über die Schulter zurück und hob die Augenbrauen. Sie hatte die letzten Monde beobachtet, wie Semi um dieses Mädchen warb und sich genau an diese uralten, verstaubten Regeln des Liebeswerbens hielt, an dieses Kjœrleg.

Sie verstand nicht, warum er sich gerade in Jonna, diese furchtbar eingebildete Tochter des Landhirds, verliebt hatte. Sie trug nur Kleider aus den teuersten Stoffen und brachte ihren Vater damit an den Rand des Ruins, obwohl dieser als Verwalter der Ländereien des Harons gut verdiente. So voll ihre Kleiderschränke auch waren, in ihrem Kopf war kaum etwas zu finden.

»Ihr werdet euch doch gut verstehen, nicht wahr?«, fragte Semi.

Larima wusste, wie viel diese Jonna Semi bedeutete. Und die Freundschaft mit ihm war Larima hundertmal wichtiger, als dieser Ziege die Meinung zu sagen. Also bemühte sie sich, es nie zu einem Streit zwischen ihnen kommen zu lassen.

»Ich denke schon«, sagte sie ausweichend.

Wie sollte das weitergehen, wenn Jonna auf Semis Werben einging und die beiden tatsächlich vor den Göttern ihr Lebensband bezeugten?

Ich werde mich mit dem Mondkalb arrangieren müssen.

Larima fürchtete, dass es zwischen ihnen nie wieder so unkompliziert sein würde wie bisher.

Wir sind keine Kinder mehr. Alles wird viel komplizierter werden.

Ihr Blick schweifte zum Ufer, das mehrere Dutzend Schritt entfernt lag. Nicht eine Menschenseele zeigte sich dort, denn während der Erntezeit konnten die Bauern in Groveflyk keine Hand entbehren. Deshalb tummelten sich im Schilf auch keine Dorfkinder, die den See jeden Sommer zu ihrem liebsten Spielplatz erkoren.

»Was ist eigentlich mit deinem Verehrer? Wird er heute Abend zum Fest kommen?« Damit lenkte Semi das Gespräch in eine Richtung, die Larima gar nicht gefiel.

Sie ließ sich auf dem Wasser treiben und sah Semi finster entgegen, der mit großen Zügen zu ihr schwamm. Sein Blick war unschuldig, doch er wusste genau, wie sie die Erwähnung dieses Kerls aufregte. Wahrscheinlich wollte er sie nur ärgern, damit sie nicht über Jonna schimpfte.

»Ich habe gehört, dass Herre von Eschenstab zu Eschenhain ein alter Freund von Großvater war«, ließ Semi nicht locker.

Natürlich war Haronsa Rulid von der Nachricht begeistert gewesen, dass sich einer der Edlen für die Hand ihrer Ziehtochter interessierte. Larima teilte ihre Euphorie nicht. Nicht schlimm genug, dass sie möglichst bald heiraten sollte. Dazu kannte sie ihren zukünftigen Ehemann nicht einmal. Angeblich handelte es sich bei ihm um einen alten Freund der Familie, der sich aber schon sehr lang nicht mehr auf Burg Groveflyk hatte blicken lassen. Larima konnte sich an ihn nicht erinnern.

»Ein tollkühner Kämpfer soll er auch sein«, fügte Semi an. »Hat mit Großvater gegen die Trolle gekämpft und diese Ungeheuer aus Hallinga getilgt.«

»Na dann kannst du ihn ja heiraten«, sagte Larima knapp. Sie hatte keine Lust, über diesen Ritter zu sprechen, schon gar nicht, da ehrliche Bewunderung aus Semis Augen leuchtete.

»Lass uns zurückschwimmen«, schlug sie vor, bevor Semi noch länger von diesem Herre Eschenstab schwärmte, und holte kräftig mit den Armen aus.

»Wer zuerst am Ufer ist!«, rief Semi, als er spritzend an ihr vorbeischwamm.

Larima blickte ihm hinterher und schwamm langsam zurück zum Ufer, während sie ihren Gedanken nachhing.

Semi wartete triumphierend im flachen Wasser, als Larima bei ihm eintraf. »Du hast dich gar nicht angestrengt«, beschwerte er sich. Er musterte sie, als sie sich neben ihm treiben ließ und in den Himmel blickte. »Du hast wieder diesen Traum gehabt, stimmt’s? Warum solltest du hier sonst herumgrübeln.«

Larima nickte und verfolgte mit den Augen eine kleine Wolke am Himmel. Semi war mit ihr zusammen aufgewachsen. Wenn er auch seltsame Ideen über das Leben hatte, vor ihm konnte sie nichts verheimlichen.

»Dieses Mal habe ich das Gesicht des Mannes gesehen!«, sagte sie. Zuvor war sie immer aus dem Schlaf hochgeschreckt, sobald sie das Farnfeld erreicht hatte, doch gestern Nacht war der Traum anders gewesen.

»Den Mann, der dich durch den Wald verfolgt?«

»Eigentlich verfolge ich ihn«, sagte Larima. »Ach, ich weiß nicht. Alles in dem Traum ist irgendwie komisch. Ich fühle mich so schwerfällig, als wäre ich zwei Köpfe größer.«

»Und wie sah der Kerl aus?«, fragte Semi dazwischen. Er war es offenbar leid, immer die gleiche Geschichte zu hören.

Larima dachte nach und versuchte, sich an das Gesicht zwischen den Farnen zu erinnern. »Er war nicht alt, knapp zwanzig Winter vielleicht. Helle, kurze Haare, die steckten aber unter einer Kapuze. Und er trug ein breites Band um die Stirn, mit einem Kristall in der Mitte. Seine Gesichtszüge waren verzerrt, als fürchtete er sich schrecklich vor etwas, doch bekannt kam er mir nicht vor.«

»So jemanden gibt es auf Groveflyk auch nicht«, sagte Semi und planschte im Wasser.

Wie kann ich dann von ihm träumen?

Sie hasste diesen grauenvollen Traum, konnte jedoch nichts dagegen unternehmen, dass er sie seit einigen Jahren heimsuchte. Auch der Ojimonpriester auf der Burg konnte ihr mit seinen Gebeten nicht helfen.

Über ihnen kreischte ein Falke und Larima suchte den Himmel nach ihm ab. Etwas abseits entdeckte sie den Vogel, der elegante Kreise zog und immer höher stieg.

Und wenn der Traum doch ein Zeichen ist? Was will er mir sagen?

Sie stellte sich diese Frage nicht zum ersten Mal, wusste aber keine Antwort.

Der Falke glitt lautlos nach Nordwesten davon, wo sich auf der anderen Seite des Sees die Hügel des Waidwaldes mit ihren dunklen Fichten und Tannen erstreckten. Noch weiter in der Ferne erhob sich eine bewaldete Klippe und markierte mit ihren zerfurchten Felsen die Grenze der Haronschaft Groveflyk, Larimas Heimat.

Schon lange sehnte sie sich danach, zu sehen, was jenseits dieses Steinwalls lag, von dem ein schmaler Wasserfall dreißig Schritt herabperlte. Ein paar Geschichten hatte sie von fahrenden Spielmännern aufgeschnappt, die behaupteten, dass es nicht überall so waldig wäre wie in Groveflyk. Im Norden jenseits der Wälder gäbe es weite Wiesen, die sich von einem Horizont zum nächsten erstreckten. Larima hätte die Länder dort gern einmal gesehen, in denen angeblich riesige Tiere wandern sollten, die wie die Hirsche in den Wäldern von Groveflyk Geweihe trugen, doch um das Dreifache so groß waren.

Ein Spielmann mit einer zackigen Narbe auf der Wange hatte Larima erzählt, es solle zehn Männer brauchen, um solch ein erbeutetes Tier auf einen Karren zu bekommen, doch konnte sie diese Geschichten kaum glauben.

»Jetzt aber genug mit dieser ewigen Grübelei!«, sagte Semi.

Sie wandte ihren Blick von der Klippe ab und sah zu ihrem Ziehbruder.

»Du wirst noch wie Væter Hanrek«, schimpfte er und näherte sich dem Ufer. »Immerzu in der Stube und mit den Gedanken irgendwo. Ich frage mich wirklich, wie man ein solches Leben führen kann. Ich würde sterben vor Langeweile.« Er zog sich mit Schwung aus dem Wasser und ging zu seinen Kleidern. Mit einem dicken Wolltuch trocknete er sich ab, während er ungeduldig nach dem Sonnenstand schielte. »Wir müssen los, das Fest fängt bald an. Du willst doch nicht zu spät kommen? Mutter würde furchtbar wütend werden.«

Larima seufzte, kam ebenfalls aus dem Wasser und trocknete sich neben Semi ab. Ihr Ziehbruder war rund eine Hand größer als sie. Sie drehte ihm den Rücken zu und schob sich das Leinen am Körper hinab. Dann zog sie ihre Lederhose und ihr dunkelrotes Oberteil an, das wie ein Harnisch geformt war, und schnallte sich ihren Gürtel aus Hirschleder um die Hüften, an dem die Scheide mit ihrem Dolch hing.

Es schadete nicht, gewappnet zu sein. In den Wäldern Hallingas lebten Tiere, die groß und angriffslustig genug waren, um einem unbewaffneten Menschen gefährlich zu werden.

- 2 -

In der Halle herrschte trübes Licht. Draußen schien die Sonne und Vögel zwitscherten, doch davon drang kaum etwas durch die schmalen Fenster in der Mauer aus großen Steinquadern.

Bancrus von Eschenstab lehnte locker in seinem Sessel und ließ sich sein Haar nach dem Bad von Kamanda zurechtmachen, einer seiner Favoritinnen.

Der Sessel war mit Schafsfellen ausgelegt und thronte erhöht über der Halle, wie es sich für den Platz des Mannes gehörte, der hier das Sagen hatte.

Eschenstab trug nur ein Tuch um seine Hüften geschlungen. Die Kühle machte ihm nichts aus. Haus Eschenhain war noch nie für seine wohlige Wärme bekannt gewesen und schon seine Vorfahren hatten die Kälte der Hitze vorgezogen. Eschenstab machte da keine Ausnahme.

In seine langen Haare knetete Kamanda Öl, das angenehm nach Urminwurzeln duftete. Es hielt geschmeidig und seine dunkle Farbe ließ vereinzelte graue Strähnen verschwinden, die sich in Eschenstabs dunkelbraunes Haar einnisten wollten.

Keiner merkte ihm an, dass er bereits vierundvierzig Winter zählte. Und wenn, dann wagte niemand, es ihm ins Gesicht zu sagen. Sein Körper war kräftig, jeder Muskel in stundenlangen Schwertübungen trainiert. Er überragte jeden Mann in Eschenhain und wohl auch jeden in der Jarlschaft Skogbrynet.

Nachdem die Magd mit seinen Haaren fertig war, rekelte er sich und reckte die breiten Schultern. Die Frau richtete ungerührt das Rasierzeug her und begann, Eschenstabs Gesicht mit Schaum einzureiben.

Er beobachtete Kamanda und verbarg nicht, dass er ihr intensiv in den Ausschnitt starrte. In Eschenhain gab es keine unverheiratete Frau, die es gewagt hätte, sich ihm zu verweigern. Um Witwen machte Eschenstab jedoch einen großen Bogen. Sie hatten schon einen Mann zu den Göttern geschickt. Von diesen Unglücksbringerinnen hielt er sich fern.

Was eine Ehefrau betraf, hatte sich noch nicht die richtige Partie für ihn gefunden. Wenn er heiratete, sollte es die optimale Gelegenheit sein, die ihm möglichst viel einbrachte. Bei der Möglichkeit, die sich in den letzten Monden angebahnt hatte, war er froh, dass er sich bislang freigehalten hatte.

Kamanda begann, ihn mit einem scharfen Messer zu rasieren. Es gab nicht viele hier in Eschenhain, denen er diese Tätigkeit anvertraute. So mancher war ihm übel gesinnt, wobei das niemand zugeben würde. Ein versehentlicher Schnitt durch die Kehle konnte schnell zum Tode führen. Und diesen freudlosen Freund wollte er auf lange Zeit noch nicht zu sich einladen.

Ein Geräusch ließ seinen Blick zur Tür der Halle huschen. Sie öffnete sich zögerlich und eine junge Frau tapste mit unsicheren Schritten herein. Umständlich schloss sie die Tür und trat näher heran. Ihren Kopf hielt sie gebeugt, unter ihrer grauen Filzhaube stahlen sich strohblonde Locken hervor.

»Was willst du, Rinka?«, fuhr er sie grob an. Er musste seinen Kopf starr halten, damit Kamanda ihn nicht versehentlich schnitt. Rinka hatte noch vor zwei Wochen zu seinen Favoritinnen gezählt und im Bett war sie leidenschaftlich gewesen.

Aber Eschenstab gefiel nicht, wie sie ihn ansah, ihm gefiel der Stolz in ihren Augen nicht. Außerdem war es Zeit für ein Vorzeigebeispiel gewesen. Gelang es jemandem, in Eschenstabs Gunst aufzusteigen und ihm gute Dienste zu leisten, wurde ihm Lohn genug zuteil. Manch armer Schlucker war durch ihn zum gemachten Mann geworden. Deshalb strebten alle in Eschenhain nach seiner Gunst, doch sollte sich niemand seiner Position zu sicher sein. Das förderte nur Hochmut. Alle mussten wissen, dass ihr Platz zu Füßen ihres Herrn war.

Also ließ er Rinka ohne Vorwarnung in der Nacht aus ihrem Bett zerren. Seine Männer rissen ihr die Kleider vom Leib und banden sie im Hof an einen Pfahl. Bis zum Nachmittag musste sie nackt dort ausharren. Dann ließ der Waffenmeister dreimal die Peitsche auf ihren bloßen Rücken knallen.

Niemand fragte, warum Rinka bestraft wurde. Es genügte, dass Eschenstab es wollte. Er befahl ihr, ihn nie wieder zu berühren oder anzublicken.

Jetzt stand Rinka vor Eschenstab und starrte den Steinboden an. Sie war bei seiner groben Anrede zusammengezuckt und hätte fast aufgesehen. Doch hielt sie ihren Kopf gesenkt. Eschenstab wusste, dass Rinka sich danach sehnte, wieder eine seiner Favoritinnen zu werden, und sich deshalb besonders anstrengen würde, ihm zu gefallen.

»Koskan ist zurückgekehrt und wünscht Euch dringend zu sprechen, Herr«, flüsterte sie mit brüchiger Stimme.

Eschenstab schnaufte. Er spürte die Klinge an seinem Hals kurz zittern und weiter durch den Schaum gleiten. »Du weißt genau, dass ich während meines Bads nicht gestört werden will. Von niemandem!« Seine Stimme hallte laut durch die Halle.

Das Mädchen zuckte bei jedem Wort zusammen, als wären es Peitschenhiebe. Offenbar wollte sie etwas erwidern, senkte aber ihren Kopf noch tiefer, so dass er fast auf ihrer Brust lag.

»Sag ihm, ich werde gleich mit ihm sprechen«, befahl Eschenstab leiser. »Dann geh in meine Kammer und warte dort auf mich.«

Rinka nickte schnell, wandte sich um und eilte aus der Halle.

»Was will Koskan?«, fragte Kamanda, während sie das Rasiermesser an einem Handtuch abwischte und wieder an seiner Haut ansetzte.

Diese Frage stand der Magd nicht zu, selbst wenn sie zu seinen Favoritinnen zählte. Eigentlich sollte er sie dafür ohrfeigen, aber er hatte Lust darauf, ihr ein kleines Rätsel aufzugeben.

»Es gibt etwas Wertvolles, das ich gern mein Eigen nennen würde«, sagte er. Sollte Kamanda sich ruhig ihr kleines Köpflein über seine Pläne zerbrechen.

Ein Lachen bahnte sich den Weg seine Kehle hinauf, doch erinnerte er sich rechtzeitig, dass Kamanda mit dem Rasiermesser an seinem Hals schabte, und hielt jäh inne.

»Was könnt Ihr wollen, das Ihr nicht längst habt?«, fragte die Magd. Sie legte das Messer zur Seite, wischte den Rest des Rasierschaumes von seinem Gesicht ab und rieb ihn mit Sammetsalbe ein.

Ohne zu antworten, erhob sich Eschenstab, griff nach einem bereitliegenden Spiegel und betrachtete sein Gesicht. Seine Brauen standen tief, als wollten sie die dunkelbraunen Augen verbergen. Die schmalen Lippen und das feste, zielweisende Kinn glichen dem Porträt seines Großvaters. Das lebensgroße Gemälde hing in der Halle hinter dem Herrensessel, umringt von Porträts der kurzen Ahnenreihe derer von Eschenstab.

Zufrieden ließ er den Spiegel in den Sessel fallen, packte Kamanda unvermittelt und entriss ihr stürmisch einen Kuss. Seine Hände umgriffen ihre Brüste, die aus dem engen Kleid drängten.

Er löste sich von ihr und Kamanda blickte ihn grinsend an. »Die süßesten Früchte hast du doch hier bei dir«, hauchte sie und lächelte.

Eschenstab wurde schlagartig ernst. »Schweig!«, fuhr er sie an. »Davon verstehst du nichts.« Er erhob sich und schob die junge Frau zur Seite, die es plötzlich eilig hatte, die Rasierutensilien wegzuräumen. In ihren Zügen spiegelte sich das, was Eschenstab lieber auf ihrem Gesicht sah als ein Lächeln: Angst.

Wenigstens wusste sie, dass sie zu weit gegangen war. Er verschwendete kein Wort mehr an die Magd, legte seine schwarze Lederkleidung an und marschierte aus der Halle.

Koskan wartete vor den Ställen auf ihn. Die Glieder seines Kettenhemds glänzten fein poliert in der Sonne und im Wind bauschte sich der kostbare Mantel aus schwarzem Samit, den ihm Eschenstab für seine langjährigen, treuen Dienste geschenkt hatte.

Wenn Eschenstab Koskan, seine zweite Hand, mit seinem langen Zinken und seinen forschenden, dunklen Augen sah, musste er immer an einen Falken denken. Koskans von schwarzen Haaren umrahmtes Gesicht war dunkler als bei den meisten Hallingern und zeigte weit weniger Falten, als man es bei einem Mann von fast vierzig Wintern erwartete. Er neigte sein Haupt, als Eschenstab neben ihn trat.

»Was hast du erfahren?«, fragte Eschenstab direkt.

Der Angesprochene blickte sich um, um sicher zu sein, dass keine der neugierigen Mägde sie belauschte. »Es sieht gut für dich aus«, sagte er. »Niemand will die Göre haben. Alle haben Angst vor ihr.«

Eschenstab wollte nicht wissen, wie sein Handlanger an diese Informationen gelangt war. »Will wirklich keiner der hohen Herren um sie freien?«

Koskan grinste und schüttelte den Kopf. »Sie wollten noch nicht einmal über das Mädchen sprechen. Die Haronsa scheint allen in Groveflyk verboten zu haben, sich über dieses Thema zu unterhalten. Es hat mich einiges an Überredungsarbeit gekostet, wenigstens ein paar Brocken aus den Leuten herauszulocken. Bei ihrer Mutter jedoch dürftest du offene Scheunentore einrennen. Die kann es gar nicht erwarten, dass sich einer erbarmt, der zumindest ein ›von‹ im Namen trägt.«

Eschenstab grinste. »Diese Narren. Die ganze Welt ist von Dummköpfen bevölkert, die nicht wissen, welche Schätze sie im Straßendreck liegen lassen.«

Sein Großvater Sigmas von Eschenstab hätte diese Möglichkeit sicher ebenfalls erkannt, die sich seinem Enkel in Groveflyk bot.

Großvater hat Eschenhain mit strenger Hand geführt. Er hat mir gezeigt, wie man ein kleines Gut effizient verwalten kann. Und nicht nur das.

Eschenstab fühlte Dankbarkeit gegenüber diesem Mann, der vor achtzehn Jahren gestorben war und ihm das Rittergut vererbt hatte. Nichts wollte er mehr, als seinen Großvater stolz machen, und so hielt er sich stets an dessen Weisheiten. Die wichtigste darunter war, dass der Einzelne vergänglich war, der Name der Familie hingegen wirklich etwas bedeutete, denn nur ihr Besitz und ihre Macht blieben bestehen. Und so setzte Eschenstab alles daran, die Macht der Familie zu vergrößern.

Koskan schien seine Gedanken zu erraten. »Denkst du, die Kleine bringt dich deinem Ziel näher?«, fragte er.

Eschenstab nickte. »Du weißt, wie teuer sich der Jarl das Privileg unseres Ritterguts bezahlen lässt. Er verlangt mehr von mir als von allen anderen seiner Lehnsträger. Das war schon zu Zeiten meines Ururgroßvaters so.«

»Und die Abgaben aus Eschenhain dürfen auf keinen Fall sinken«, sagte Koskan. Eschenstabs zweite Hand hielt genauso wenig von Jarl Udur wie er selbst. Schon immer hatten die Jarle von Reetynd den Eschenstabs gedroht, ihnen das großzügig verliehene Rittergut wieder zu entziehen.

»Wäre vielleicht besser, Eschenhain würde wie Groveflyk zur Jarlschaft Skogbrynet gehören«, meinte Koskan.

Eschenstab schüttelte den Kopf. »Wahrscheinlich würden wir keinen Unterschied merken. Jarl bleibt Jarl. Ob Udur oder Rekwen, die Kerle schneiden sich immer das beste Stück aus dem Kuchen. Ich kann nur etwas verändern, wenn ich die Macht von Eschenhain vergrößere und unabhängiger von diesen Gestalten werde.«

»Das hättest du verdient, bei all der Schinderei«, warf Koskan ein.

»Ist die Familie Eschenstab groß, geht es Eschenhain gut und somit auch allen, die hier leben. Von der Küchenmagd bis zur zweiten Hand.«

»Ich kenne niemanden, der großzügiger zu seinen Untergebenen ist«, sagte Koskan und strich über seinen Mantel. »In Groveflyk ist alles für dich bereit.«

»Danke. Geh dich stärken. Vorerst brauche ich dich nicht. Heute Abend reite ich allein.«

Seine zweite Hand verneigte sich und machte sich mit festen Schritten in Richtung Halle auf. Dort wurde inzwischen das Essen aufgetragen.

Doch Eschenstab wollte zuerst andere Bedürfnisse befriedigen.

Er lief an den Pferde- und Ziegenställen entlang, um das längliche Haupthaus, schlüpfte durch ein Portal im hinteren Teil und näherte sich geradewegs seinem Schlafgemach. Er öffnete die Tür und warf sie hinter sich ins Schloss. Wenig Sonnenlicht drang durch die schmalen Fenster herein, doch brannten zwei dicke Kerzen in den Ecken gegenüber. Dazwischen stand Eschenstabs Bett, auf dessen Laken die nackte Rinka wartete. Ihre Augen waren gerötet und aufgequollen.

Eschenstab öffnete seine Hose und warf sich ohne ein Wort auf die Magd.

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Burg Groveflyk strahlte im rotgelben Licht der untergehenden Sonne und Larima kam es vor, als glühten ihre dicken Mauersteine wie Schmiedegut in einer Esse. Die zinnenbewehrte Burgmauer umschloss ein Quadrat, an dessen Ecken vier Türme mehr als zwanzig Schritt in die Höhe ragten und weit über die Wälder sahen.

Larima wollte nicht daran denken, wie schwindelig ihr beim letzten Mal geworden war, als sie auf Semis Drängen hin einen von ihnen bestiegen hatte. Seitdem waren einige Jahre vergangen und sie hatte immer Ausreden gefunden, um sich von den windigen, mit schrägen Holzrunddächern versehenen Aussichtsplattformen der Türme fernzuhalten.

Larima und Semi trugen die feuchten Wolltücher, mit denen sie sich abgetrocknet hatten, als Packen unter die Arme geklemmt. Als die Torwachen dies sahen, grinsten sie und winkten sie weiter.

Die wissen wie alle in der Burg, dass Mutter es nicht schätzt, wenn wir am See herumtollen wie gemeines Volk. Vor allem nicht an einem so wichtigen Festtag.

Larima ließ sich nicht aus der Ruhe bringen, schritt so gelassen wie möglich durch das Torhaus und betrat den schlammigen Burghof. Um das Haupthaus wimmelte es von Menschen. Es ragte mächtig und vollständig aus braunem Stein errichtet in der Mitte des riesigen Hofs auf, den Boden herum deckten Holzbohlen ab.

Gesinde war eifrig dabei, alles für das Fest vorzubereiten. Knechte schleppten Spanferkel auf Spießen aus der Stube des Fleischers in die Burgküche, die im erdebenen Geschoss des Haupthauses lag.

Gäste in bunten Gewändern stiegen aus ihren Kutschen, betraten die Bohlen und flanierten auf eine geschwungene Treppe zu, die in das Prachtgeschoss führte. Larima erkannte Haron Emrun von Rikatan und seine Frau Rilda, die über die benachbarte Haronschaft im Süden herrschten und keine weite Reise bis nach Groveflyk gehabt hatten. Sie weilten häufig als Gäste auf der Burg. Larima schätzte die witzigen Geschichten von Haron Emrun. Seine Frau konnte sie weniger leiden, denn sie stank furchtbar nach altem Schweiß.

Im dritten Stock des Haupthauses beulte sich knapp unter dem Dach an der Westseite ein Anbau wie ein Schwalbennest nach außen. Er wurde das Auge genannt und keiner wusste, wie alt er war. Seit Larima denken konnte, sprach niemand über diesen Raum.

Alle tun so, als ob man ihn gar nicht sehen könnte. Dabei ist er doch schon von Weitem zu erkennen.

»Lass uns schnell hineingehen«, sagte Semi und strebte der Treppe zu.

Larima folgte ihm an der Fleischerei vorbei, die sich gemeinsam mit Gesindehaus, Zeughaus, Lagerhäusern, Ställen und weiteren Wirtschaftsgebäuden um das Haupthaus herum an die Burgmauer drückte. Der ganze Stolz des Haron war der ausladende Pferdestall, denn der Herr von Groveflyk war ein begeisterter Reiter. Nur die Schmiede und die Backstube bestanden aus Stein, die übrigen waren aus Holzbrettern errichtet. Aus letzterer drängte eine Handvoll Frauen, die frisch gebackenes Brot in überladenen Körben herausschleppten.

Als Larima hinter Semi die Freitreppe hinaufstieg, fiel ihr Blick auf den Seitenflügel, der wie ein überdimensionierter Stützbalken aus dem Haupthaus herausragte. Dieser Anbau war weitaus jünger als das Auge und vor gut drei Jahrzehnten unter Haron Egelmin von Groveflyk, Semis Großvater, errichtet worden. Der Anbau war zweistöckig und erweiterte das im ersten Stock liegende Prachtgeschoss mit Zimmern für die noblen Gäste. Selbst die edelsten Besucher fanden so eine angemessene Bleibe. Es kam nämlich bisweilen vor, dass der Jarl mit seiner Frau und seinen drei frechen Töchtern nach Groveflyk kam, um seine Schwester, die Haronsa, zu besuchen. War dies wieder einmal soweit, hielt sich Larima von der Burg fern, denn die für den hohen Besuch geforderte Etikette ging ihr auf die Nerven.

Wenn wir gerade bei nerviger Etikette sind

Heute wurde in ganz Hallinga das Hæsgena-Fest gefeiert, eine Feier zur Erinnerung an den baldigen Beginn des Winters und eine weitere Ansammlung von steifen Regeln. Alle erwarteten, dass Larima als vorbildliche Tochter der Haronsa auftrat und an der hohen Tafel saß, denn auch als Adoptivkind musste sie ihren Platz einnehmen. Seit der Haron sie als Säugling im Wald gefunden und das Herrscherpaar sie vor den Göttern und Menschen als ihre Tochter angenommen hatte, war sie eine Groveflyk – mit den gleichen Rechten und Pflichten. Selbst wenn alle Welt wusste, dass sie nicht mehr als die Adoptivtochter war. Ein Findelkind in einem feinen Kleid.

Im Prachtgeschoss stießen Larima und Semi auf ihre Mutter, die im Durchgang zum großen Saal stand und die Arbeiten der Diener an der Festtafel überwachte. Die rundliche Frau trug ein bodenlanges Kleid aus dunkelblauem Samit, auf das glitzernde Glasperlen genäht waren. Um das Oberteil schlang sich ein Flechtwerk aus einem weißen, drei Finger breiten Band.

Die Haronsa entdeckte die beiden und kam mit funkelnden Augen auf Larima und Semi zu, wobei sich bei jedem Schritt das Licht der Kerzen in den Perlen ihres Kleides brach. Ihre langen, blonden Haare hingen in einem kunstvoll geflochtenen Zopf herab, der ihr bis zur Hüfte reichte und bei jeder Bewegung ihres Kopfes pendelte.

»Wo seid ihr gewesen?«, fragte sie in ruhigem Ton und fixierte ihre Kinder mit den Augen. Sie hob ihre Stimme nie, doch erkannte Larima an ihrem Blick, dass ihre Mutter alles andere als erfreut war. Ihre Brauen senkten sich tiefer, als sie die nassen Wolltücher in Larimas und Semis Armen entdeckte.

»Wir waren am See, Mutter«, erklärte Semi. »Dabei haben wir die Zeit vergessen. Wenn du erlaubst, werden wir uns sofort zurechtmachen.«

Die Haronsa verriet durch keine Regung, was sie dachte. »Ihr wisst, wie wichtig das Hæsgena-Fest ist. Wir erwarten viele bedeutende Gäste.« Bei diesem Satz streifte sie Larima mit einem Blick. Durch die wenigen Falten verriet ihr angespanntes Gesicht kaum, dass es einundvierzig Winter gesehen hatte.»Ich erwarte, dass meine Kinder ihre Pflichten ernst nehmen. Und damit meine ich nicht nur die Pflichten, bei denen man ein Schwert hält.«

Semi blickte beschämt zu Boden und kaute auf seinen Lippen.

»Wenn das noch einmal passiert«, wandte sich die Haronsa an ihren Sohn, »wirst du deinen Vater nicht zum Jarlsturnier begleiten.« Ihre Stimme verriet, dass es keine Widerrede gab.

Larima bemerkte Semis aufgerissene Augen, hinter denen Aufruhr tobte, ohne loszubrechen. So schaute ihr Ziehbruder immer, wenn Mutter ihnen etwas untersagte. Und das passierte ständig.

Die tollsten Kinderspiele hat sie uns verboten, wie Reifen über den Burghof zu rollen oder die Hühner zu jagen.

Als Kind hatte Larima das nicht verstanden, erst als sie älter geworden war, ergab diese unmäßige Strenge und gluckenartige Achtsamkeit Sinn. Obwohl der Ehebund ihrer Eltern schon in das fünfte Jahr gegangen war, blieb das Herrscherpaar kinderlos. Als der Haron Larima als Säugling im Wald entdeckte, adoptierte er dieses Geschenk der Götter, ohne zu zögern. Doch auch als ein Jahr darauf Semi geboren wurde, behielt ihre Mutter die Angst, ihre Kinder zu verlieren.

»Das Leben besteht eben nicht nur aus Vergnügen«, sagte die Haronsa. »Euer Vater und ich werden nicht ewig hier sein. Und dann müsst ihr euch dem Ernst des Lebens stellen und mehr können als Spaß haben. Ich will doch nur wissen, dass ich euch ohne Angst ins Erwachsenenleben entlassen kann.«

»Ja, Mutter«, sagte Semi, was wie immer das Einzige war, das er zu erwidern wagte.

Die Augen der Haronsa wanderten zurück zu Larima. »Und du sollest dich nicht immer von deinem Bruder anstiften lassen. Nun geh in deine Kammer. Garenna wartet auf dich. Du machst dich fein und trittst nicht in diesem Aufzug an unsere Festtafel. Dasselbe gilt für dich, Semargan.«

Semi und Larima nickten und wandten sich der Treppe zu. Während sie in den zweiten Stock hinaufstiegen, rief Haronsa Rulid schon wieder Anweisungen in den Saal. »Die roten Rosen an die Wände, Horen, und zwar immer im Wechsel mit den gelbroten Astern.«

Die Geschwister sahen sich grinsend an. Sie hatten denselben Gedanken: Der Nachmittag am See war die Standpauke wert gewesen.

Larima wurde ernst. »Warum muss Mutter nur darauf drängen, dass diese spindeldürre Zofe mich ankleidet?«, ärgerte sie sich.

»Eine Tochter des Haron hat sich angemessen zu kleiden. Du läufst herum wie eine Schankmaid«, sagte Semi mit der Stimme ihrer Mutter und kicherte leise.

Larima stieß ihn in die Seite. »Diese ach so edlen Stoffe taugen doch nichts. Entweder sind die Kleider so steif geschnitten, dass ich mich kaum in ihnen bewegen kann, oder sie sind so dünn, dass ich jedes Lüftchen hindurch spüre.«

Für die anderen Mädchen in ihrem Alter, die liebend gerne in der Kemenate saßen und an ihren Stickereien arbeiteten, mochten diese Kleider gemacht sein, doch Larima liebte es, durch die Wälder zu laufen und sich die Welt außerhalb der Burgmauern zu erobern. Dazu brauchte es robustes Lederzeug, das ihr nicht die Luft zum Atmen abschnürte. »Wenn solche Feste anstehen, bleibt dir wohl keine Wahl, als Mutter zu gehorchen und dich in Garennas zauberhafte Hände zu begeben.« Damit sprach ihr Ziehbruder genau das aus, was Larima befürchtete.

Am Ende der Treppe verschwand Semi in Richtung seines Gemachs. Larima blieb stehen, seufzte und blickte in den dritten Stock hinauf.

Anstatt in ihre Kammer zu gehen und sich wie eine Puppe aufputzen zu lassen, wäre sie lieber dort hinaufgestiegen. Im obersten Geschoss befanden sich Zimmer für niedere Gäste, die nicht bedeutend genug waren, im Seitenflügel untergebracht zu werden. Auch die Diener der Leards und Laidis fanden dort eine Schlafstatt. Doch diese engen Räume waren es nicht, die Larima interessierten.

Am Ende des Ganges, an der Außenwand, befand sich eine Tür, die immer geschlossen war. Durch sie gelangte man in den Erker, der sich hoch oben aus dem Haupthaus herausbeulte – ins Auge.

In der Mitte dieses fensterlosen Raumes ragte eine verschnörkelte, metallene Säule auf. Hinter vorgehaltener Hand wurde über ein Artefakt der Fladrea getuschelt.

Larima wusste nichts über das geheimnisvolle Volk der Fladrea, außer dass es vor mehr als hundert Jahren aus Hallinga verschwunden war. Niemand sprach jemals darüber oder konnte ihr sagen, welchem Zweck das Auge einst gedient hatte.

Larima schlich sich nächtens gern im Schein einer Kerze in den Raum. Die Haronsa durfte sie nicht erwischen, denn es war den Kindern streng verboten, das Auge zu betreten. Larima aber hielt das Verbot nicht ab. Viel zu sehr fühlte sie sich dort geborgen, als wäre sie erst in diesem Raum wirklich zu Hause. Im Auge konnte sie ihren Gedanken nachgehen und irgendwie bedrückte sie dort nicht das Gefühl, fehl am Platz zu sein.

Diesmal widerstand Larima dem Drang, nach oben zu steigen. Sie schüttelte den Kopf und lief den Flur zu ihrem Gemach entlang, das gegenüber von Semis lag.

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Eschenstab traf vor Anbruch der Dunkelheit auf Burg Groveflyk ein. Als er auf seinem Pferd durch das Tor preschte, leuchtete der Himmel im Westen goldrot, im Osten aber zog das dunkle Blau der Nacht herauf.

Wie die Traditionen es vorschrieben, würde das Hæsgena-Fest beginnen, wenn der letzte Sonnenstrahl verblichen war.

Während sich die Stallburschen um seinen Rappen kümmerten, überquerte Eschenstab den Hof und blickte am Haupthaus hinauf. Knapp unter dem Dach wölbte sich im dritten Stock der Raum des Auges wie eine Eiterbeule hervor.

Wie viele Nächte ich damals dort oben vergeudet habe. Ohne eine Ahnung, wie ich die Macht der Fladrea zu packen bekomme. Jetzt ist es endlich soweit und diese Göre werde ich mir schon gefügig machen.

Ein Diener trippelte auf ihn zu.

Bald bin ich nicht nur unabhängig von Jarl Udur, nein, ich erhebe mich selbst zum Jarl und keiner auf dem Thing kann sich meinem Willen widersetzen. Ich allein werde über Hallinga gebieten.

Der Diener verbeugte sich leicht und führte ihn die breite Außentreppe hinauf in das Prunkgeschoss. Sie durchschritten die Pforte, wandten sich nach links und traten durch eine kleinere Tür.

»Wenn es Euch gefällt, hier auf Haronsa Rulid zu warten«, bat der Diener und schloss die Tür lautlos hinter sich.

Eschenstab kannte das Zimmer gut. Im Fürstenraum wurden alle wichtigen Entscheidungen auf Burg Groveflyk gefällt. Ein breiter Tisch und acht wuchtige, mit geschnitzten Lindenblättern geschmückte Eichenholzstühle beherrschten den Raum. Unzählige Male war Eschenstab zusammen mit dem alten Haron in den tiefen Sesseln neben der Feuerstelle gesessen. Ein anderer junger Mann war damals ebenfalls bei ihnen gesessen: Evin. Inzwischen war er seinem Vater als Haron von Groveflyk nachgefolgt.

Es dauerte nicht lang, bis die Haronsa eintrat. Eschenstab neigte seinen Kopf und machte der Edlen ein Kompliment wegen ihres Kleides. »Ihr habt Euch kaum verändert, liebste Rulid«, schmeichelte er. »Mit welchem Zauber verführt ihr das Alter, an Euch vorbeizufliegen?« Er hauchte ihr einen Kuss auf die ausgetreckte Rechte.

»Herre Eschenstab, ich versichere Euch, dass mich das Alter ereilt wie jeden in Hallinga. Ich gehöre nicht zu den unsterblichen Göttern in Ovtahis.«

»Auch wenn Ihr genauso schön seid.« Und einen wahrhaft göttlich fetten Hintern habt.

»Genug mit Euren Komplimenten«, sagte die Haronsa lächelnd. »Setzen wir uns, wir haben einiges zu besprechen.« Sie wies auf die Sessel an der Feuerstelle, zwischen denen ein Tischchen stand. Eschenstab hätte die Stühle am großen Beratungstisch vorgezogen, doch setzte er sich ohne Widerworte. Im Kamin brannte kein Feuer.

»Es freut mich, dass Ihr Euch wegen meiner Tochter zu uns bemüht habt. Wie Ihr wisst, habe ich sie wie mein eigen Fleisch und Blut aufgezogen, und natürlich wünsche ich mir einen guten Ehemann für sie. Larima ist wahrlich alt genug, sich zu vermählen.«

Eschenstab nickte.

»Einer der Edlen der Jarlschaft soll es werden«, meinte die Haronsa. »Ich hätte nichts dagegen, wenn Ihr Euch durchsetzt.«

Er blickte der Haronsa in die Augen. Warum jetzt dieses Spielchen? Darauf hatte Eschenstab überhaupt keine Lust. »Ich hörte, dass niemand anderes an der Hand Eurer Ziehtochter Interesse hat«, sagte er frei heraus.

Haronsa Rulid riss für einen Herzschlag ihre Augen auf, dann nickte sie langsam. »Der Säugling, den ich damals an meine Brust nahm, trug keine Haare. Woher hätte ich wissen sollen …« Ihr Blick fand das Fenster, das hinaus auf den Wald zeigte. »Bei all seiner Weisheit, wie konnte Egelmin diese Leute nur hier willkommen heißen?«

Sie wandte sich vom Fenster ab. »Nichtsdestotrotz ist sie meine Tochter und ich wünsche nur das Beste für sie. Sie wird nicht ablehnen, wenn sie von einem Ritter gefreit wird. Ich weiß noch, wie Ihr Euch damals bereiterklärt habt, das Mädchen als Mündel zu Euch zu nehmen und sie großzuziehen. Hätte ich Euer Angebot nur annehmen können … alles wäre wohl anders gekommen.« Für einen Moment wirkte ihr Blick abwesend. »Doch seitdem weiß ich, dass Ihr ein gutes Herz habt und ein liebevoller und freigiebiger Mensch seid. Nicht umsonst nannte Euch Egelmin einen Freund.«

Eschenstab blickte der Haronsa in ihre blauen Augen. »Ich werde Larima fragen, ob sie meine Frau werden will. Doch erwartet nicht von mir, dass ich mich an die antiquierten Regeln des Kjœrlegs halte wie Euer Sohn.«

Rulid richtete sich auf und musterte ihn erschrocken. »Ihr seid wahrlich gut darüber informiert, was auf Burg Groveflyk geschieht, mein lieber Herre Eschenstab. Verfahrt in dieser Sache, wie Ihr wollt.«

Eschenstab lächelte. Er liebte es, wenn er die Zügel fest im Griff hielt. Und diese Kuh fraß ihm aus der Hand. Sie stank förmlich vor Verzweiflung. Er stand auf und neigte den Kopf. »Nun gelüstet es mich aber nach einem Trunk. Das Reiten durch die Wälder macht jeden Mann durstig.«

Die Haronsa erhob sich ebenfalls und gemeinsam schritten sie auf die Tür zu, doch bevor sie diese erreichten, öffnete sie sich und der Herr der Burg betrat den Fürstenraum.

Haron Evins braunes Haar war in den letzten Jahren licht geworden und zeigte graue Stellen, doch sein Bart wallte kräftig wie eh und je. Von den braunen Augen, die seinen Gast freudig musterten, gingen kleine Fältchen aus.

»Bancrus!«, rief er und lachte laut. Er schlug seinen bodenlangen Umhang aus dunkelrotem Samit zurück und kam mit festen Schritten auf Eschenstab zu. Evin hatte sich in enge, schwarze Beinlinge gezwängt, darüber trug er ein breites, braunrotes Wams, auf das das Wappen von Groveflyk gestickt war, eine Tanne, flankiert von zwei Lindenblättern.

Die Männer schlossen sich in die Arme. Der Körper des Haron wirkte aufgeschwemmter als noch vor einigen Jahren, als Eschenstab ihn zum letzten Mal gesehen hatte. Offenbar schadeten die vielen Bankette auf Groveflyk seiner Form.