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IMPRESSUM

Honeymoon auf den Seychellen erscheint in der HarperCollins Germany GmbH

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© 1995 by Sara Wood
Originaltitel: „Second-Best Bride“
erschienen bei: Mills & Boon Ltd., London
Published by arrangement with HARLEQUIN ENTERPRISES II B.V./S.àr.l.

© Deutsche Erstausgabe in der Reihe ROMANA
Band 1118 - 2005 by CORA Verlag GmbH, Hamburg
Übersetzung: Dorothea Ghasem

Umschlagsmotive: threeart, Oleandra9 / GettyImages

Veröffentlicht im ePub Format in 08/2017 – die elektronische Ausgabe stimmt mit der Printversion überein.

E-Book-Produktion: GGP Media GmbH, Pößneck

ISBN 9783733779290

Alle Rechte, einschließlich das des vollständigen oder auszugsweisen Nachdrucks in jeglicher Form, sind vorbehalten.
CORA-Romane dürfen nicht verliehen oder zum gewerbsmäßigen Umtausch verwendet werden. Sämtliche Personen dieser Ausgabe sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen sind rein zufällig.

Weitere Roman-Reihen im CORA Verlag:
BACCARA, BIANCA, JULIA, HISTORICAL, MYSTERY, TIFFANY

 

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1. KAPITEL

Eigentlich hätte es der schönste Tag ihres Lebens sein müssen, nicht der schlimmste. War es nicht so, dass die Leute auf Hochzeiten vor Freude weinten? Claire war jedoch eher zum Heulen zu Mute.

Während sie ihren fließenden cremefarbenen Taftrock mit den applizierten Stoffblumen betrachtete, der über den Ledersitz der Limousine gebreitet war, fragte sie sich, wie sie auch nur ein Wort herausbringen sollte. Im Grunde war es ganz einfach: „Ich kann Trader nicht heiraten.“ Warum also blieben ihr die Worte dann im Hals stecken?

Plötzlich wurde ihr übel. Sie schloss die Augen und zählte im Stillen langsam bis zehn, bis es ihr wieder besser ging. Nach ihrer Damengesellschaft am vergangenen Abend hätte sie lieber gleich nach Hause fahren sollen. Stattdessen hatte sie sich von Phoenix überreden lassen, noch einige Brandys mit ihr zu trinken und mit ihr zu plaudern.

Wie sich herausgestellt hatte, war das allerdings ein Fehler gewesen. Nervös fuhr Claire sich mit der Zunge über die Lippen, so dass von ihrem apricotfarbenen Lippenstift nun überhaupt nichts mehr zu sehen war. Die ganze Nacht hatte sie wach gelegen und über die Dinge nachgegrübelt, die Phoenix ihr erzählt hatte. Schließlich war sie völlig verzweifelt gewesen.

Claire musterte verstohlen ihren Vater, der rundum zufrieden wirkte. Er war ein attraktiver Mann, und sein Gesicht strahlte vor Vorfreude. Daher brachte sie es auch nicht übers Herz, es ihm zu sagen.

Mittlerweile waren sie fast bei der grauen Steinkirche angelangt. Dort warteten Trader und mehrere hundert Gäste auf sie. Als sie daran dachte, wurde ihr mit einem Mal heiß.

„Wir kommen zu spät“, bemerkte ihr Vater ärgerlich. „Es ist deine Schuld. Da hat sich ja eine ganz schöne Menschenmenge versammelt.“ Er winkte ihnen zu wie ein König, der sich unters Volk mischte. „Wahrscheinlich bringen Hochzeiten und Beerdigungen ein bisschen Abwechslung in ihr langweiliges Leben“, fügte er verächtlich hinzu. Er stammte nämlich von einer der Kanalinseln und verachtete die einfachen Leute von Ballymare.

Sie werden auf ihre Kosten kommen, dachte Claire. Dies würde eine Hochzeit und eine Beerdigung zugleich werden. Was für eine Schande! Nervös legte sie eine Hand auf den Arm ihres Vaters, denn sobald die Limousine stoppte, jubelte die wartende Menge.

Claire zwang sich, einmal tief durchzuatmen. „Steig bitte nicht aus!“, rief sie mit bebender Stimme. „Ich kann Trader nicht heiraten!“

„Was? Schatz …“ Ihr Vater nahm ihre zitternde Hand, doch Claire zog sie sofort zurück.

„Nein. Ich werde meine Meinung nicht ändern.“

„Die Frau ist völlig verrückt geworden!“ Er betrachtete sie eingehend und verzog grimmig den Mund. „Drehen Sie noch eine Runde“, fügte er an den Chauffeur gewandt hinzu, bevor er sich wieder zu seiner Tochter umdrehte. „Willst du, dass ich einen Herzinfarkt bekomme? Du wirst Trader heiraten, und wenn ich dich in die Kirche tragen muss.“

„Meinst du nicht, dass die Gäste es komisch finden, wenn ich mich mit Händen und Füßen dagegen wehre?“ Die Vorstellung war so lächerlich, dass Claire beinah hysterisch gelacht hätte. Oder war sie den Tränen nah? „Es tut mir leid“, fuhr sie versöhnlich fort. „Ich bin tatsächlich verrückt, aber ich habe mich entschieden.“

„Dann änderst du eben deine Meinung. Bist du jetzt völlig durchgedreht?“, erkundigte ihr Vater sich aggressiv.

„Im Gegenteil“, erwiderte sie verzweifelt. „Ich bin noch rechtzeitig zur Vernunft gekommen.“

„Aber seit ich vor fünf Tagen nach Irland gekommen bin, hast du nur von Trader geredet. Du bist nervös, das ist alles. Also reiß dich zusammen, Schatz!“ Als er den entschlossenen Zug um ihren Mund bemerkte, unterdrückte er seinen Zorn und besann sich auf seinen Charme, mit dem er bereits unzählige Frauen für sich eingenommen hatte. „Natürlich wirst du Trader heiraten. Denk an die Flitterwochen auf den Seychellen – Palmen, Sonne, blauer Himmel … Denk an die Kosten. Allein das Festzelt kostet …“

„… ein Vermögen. Ich weiß.“ Claire lächelte traurig. Ihr Vater war nun mal ausgesprochen materialistisch. „Es tut mir wirklich leid, dass ich dir das antun muss.“ Sie schaute ihn flehend an. „Dad …“

Er warf ihr einen finsteren Blick zu. „Wie oft habe ich dir gesagt, dass du mich nicht Dad, sondern John nennen sollst. Ich möchte nicht ständig daran erinnert werden, dass ich alt genug bin, um eine zwanzigjährige Tochter zu haben. Und nun reiß dich zusammen.“

Plötzlich fühlte sie sich sehr einsam. In diesem Moment hätte es ihr gut getan, wenn ihr Vater sie in den Arm genommen und etwas Verständnis für sie gezeigt hätte. Doch John spielte nur die Rolle des charmanten Machos. Traurig musterte sie sein gefärbtes schwarzes Haar und sein unnatürlich jugendlich wirkendes Gesicht. Dank der Errungenschaften der plastischen Chirurgie hatte ihr Vater kaum noch Ähnlichkeit mit dem Mann auf dem Foto, das neben dem Bett ihrer Mutter stand. Es war das Gesicht eines Fremden.

Und Trader war ihr genauso fremd, wie ihr plötzlich bewusst wurde. Ihr Blick fiel auf die Diamanten und Smaragde in ihrem Verlobungsring, die im Sonnenlicht funkelten. Sie trug den Ring noch nicht einmal eine Woche. In dieser Zeit waren ihre Träume wahr geworden – und gleich wieder zerstört worden. Ihr stockte der Atem, und sie rang mühsam nach Fassung.

„John, bitte versteh doch“, sagte sie leise. „Ich kann Trader nicht heiraten. Mir ist klar, dass es peinlich ist und dass ich eine Menge Ärger verursachen werde, wenn ich jetzt einen Rückzieher mache. Allerdings stelle ich mich lieber dem, als zu heiraten und es bis an mein Lebensende zu bedauern oder die Scheidung einzureichen. Es ist alles so schnell gegangen“, fügte sie hinzu. „Trader hat mich überrumpelt.“

Und sie hatte es sich gefallen lassen! Insgeheim war sie entsetzt darüber, denn eigentlich war sie ein nachdenklicher, zurückhaltender Mensch, der sich nicht von seinen Gefühlen leiten ließ. Wie hatte sie sich bloß einverstanden erklären können, einen Mann zu heiraten, den sie erst seit drei Wochen kannte?

„Trader ist eben so. Er ist sehr zielstrebig und bekommt immer, was er will“, meinte John mürrisch.

„Woher weißt du das?“ Claire runzelte die Stirn. „Du kennst ihn doch erst seit ein paar Tagen.“

„Wir haben einige Male geschäftliche Dinge miteinander besprochen.“

„Ich dachte, ihr könntet euch nicht ausstehen. Habt ihr euch unterhalten, als ich im Hotel gearbeitet habe?“

„Wir können uns tatsächlich nicht ausstehen“, bestätigte er. „Aber das spielt keine Rolle. Du kannst deine Meinung jetzt nicht mehr ändern. Du musst nett zu ihm sein.“

„Wie bitte?“ Sie glaubte, sich verhört zu haben.

In diesem Moment wirkte er wesentlich älter. „Behandle ihn gut, und tu, was er von dir verlangt. Wenn du ihn verärgerst, gibt es Probleme.“

„Probleme? Klingt das nicht ein bisschen melodramatisch?“

„Ich wünschte, es wäre so. Lass es dir von mir gesagt sein. Du musst ihn mit Samthandschuhen anfassen. Heirate ihn – mir zuliebe. Und um deiner selbst willen.“

Trotz des Rouges auf ihren Wangen wurde sie vor Angst blass. „Ich wusste doch, dass Trader mir etwas verheimlicht hat“, erklärte sie mit bebender Stimme. „Sag mir, was hier vor sich geht. Ich bleibe so lange im Wagen, bis du es mir erzählst.“

John zögerte einen Augenblick. „Also gut“, meinte er schließlich. „Ich bin in Schwierigkeiten. Wir müssen beide tun, was er sagt. Ich muss nach seiner Pfeife tanzen, und zu unserer Abmachung gehört auch, dass du ihn heiratest.“

„Abmachung?“ Claire beugte sich vor, während sie versuchte, diese Neuigkeit zu verarbeiten.

„Ja. Der Mistkerl hat mich in der Hand.“

„Redest du wirklich von Trader?“ Unwillkürlich legte sie sich die Hand auf den Bauch, da ihr schon wieder übel wurde.

„Allerdings“, entgegnete ihr Vater bitter. „Trader Benedict, dieser verdammte Hund!“

„Sie kommt zu spät.“

Trader warf seinem Trauzeugen einen finsteren Blick zu. „Das ist das Vorrecht der Braut.“

„Ist alles in Ordnung?“, erkundigte Charles sich vorsichtig, da Trader den ganzen Morgen nervös gewesen war. „Du kannst die Kirche immer noch verlassen.“

„Und die Chance meines Lebens verpassen?“ Trader wandte sich um und ließ den Blick über den Mittelgang schweifen. Wenn sie nicht erschien, würde er ihren Vater umbringen!

Eine Frau winkte ihm zu und erregte seine Aufmerksamkeit. Phoenix. Bewundernd musterte er ihr attraktives Gesicht und stellte anerkennend fest, dass sie wie immer elegant und weltgewandt wirkte. Als sie ihm eine Kusshand zuwarf, funkelten seine Augen vor Liebe.

Trader zog spöttisch die Brauen hoch, als wollte er sagen: ‚Tut sie es, oder tut sie es nicht?‘, woraufhin Fee ihn verschwörerisch anlächelte. Dann wandte er sich wieder um. Er hoffte nur, dass niemand von ihrem Geheimnis erfuhr, bevor er Claire heiratete.

Mittlerweile war er so wütend, dass er schneller atmete. Die Bitterkeit, die sich in zwanzig Jahren in ihm aufgestaut hatte, raubte ihm fast die Sinne.

Während er sich zwang, auf den Altar zu schauen, fasste er einen Entschluss. Er würde noch zehn Minuten warten.

Das grausame Lächeln, das seine Lippen umspielte, ließ sein markantes Profil noch härter erscheinen, so dass sein alter Freund Charles Fairchild unbehaglich von einem Fuß auf den anderen trat. Er hatte es nie gewagt, Traders dunkle Seite zu ergründen. „Kopf hoch“, meinte er. „Sie ist das Warten wert.“

Trader warf einen flüchtigen Blick in Fees Richtung. Als er den liebevollen Ausdruck in ihren Augen sah, entspannte er sich und drehte sich wieder um. „Ja“, sagte er leise. „Das ist sie.“

„Drehen Sie noch eine Runde“, forderte John den Chauffeur auf, als Claire sich im Sitz zurücklehnte. „Claire, du musst mir helfen!“, flehte er. „Mein ganzes Unternehmen steht auf dem Spiel. Hunderte meiner Angestellten in der ganzen Welt könnten ihren Job verlieren, und es wäre deine Schuld. Ich stehe kurz vor dem Ruin.“

„Wegen Trader?“, entgegnete sie verwirrt. „Er kennt dich doch erst seit ein paar Tagen.“

„Stimmt, wir sind uns gerade erst begegnet. Aber er ist schon seit Jahren hinter mir her. Er will alles haben, was ich besitze – egal, wie.“

„Und was hat er davon, wenn er mich heiratet?“

„Er bekommt die Hälfte von dem, was mir gehört“, erklärte John resigniert.

Claire war entsetzt. „Heißt das, er bekommt Geld, wenn ich ihn heirate?“

„Nicht nur das, sondern auch Grundbesitz und die Kontrolle über mein Unternehmen.“ Er verzog bitter den Mund. „Und als Gegenleistung behält er für sich, dass ich Steuern in Millionenhöhe hinterzogen und einige dubiöse Geschäfte abgeschlossen habe. In den USA würde ich dafür ein paar Mal lebenslänglich bekommen.“

„Lebenslänglich … Oh Dad!“ Nun war ihr alles klar. Phoenix hatte am letzten Abend sogar noch versucht, sie zu warnen. Claire konnte kaum fassen, dass Trader sie so belogen hatte. Sie hatte gar nicht so schnell heiraten wollen, um sich erst über einige Dinge klar zu werden, doch sie hätte nie damit gerechnet, dass ihr zukünftiger Ehemann sie vermutlich nicht einmal liebte.

„Er … er hat gesagt, dass er mich liebt.“

„Natürlich liebt er dich“, versicherte ihr Vater ihr etwas zu eifrig.

„Na ja, sicher ist es nicht schwer, eine Frau zu lieben, die einen anhimmelt und eine ansehnliche Mitgift mit in die Ehe bringt“, meinte sie zynisch.

Er zuckte die Schultern. „Du hast auch etwas davon. Dir gehört die Hälfte von dieser so genannten Mitgift. Und wenn ich einmal sterbe, bekommst du den anderen Teil. Schließlich bist du meine Alleinerbin.“

Traurig stellte sie fest, dass er nicht die Absicht hatte, ihrer Mutter etwas zu hinterlassen. „Hoffentlich versuchst du nicht, meine Mitarbeit zu erkaufen.“

„Wem würde es nicht gefallen, reich zu sein?“

„Ich brauche nur so viel Geld, dass Mutter nicht arbeiten muss.“ Claire dachte einen Moment nach. „Weiß Trader, dass ich deinen Anteil eines Tages auch erben werde?“, fragte sie dann.

Ihr Vater nickte. „Irgendwann wird er das ganze Trebisonne-Imperium bekommen. Also was soll’s? Ihr liebt euch. So schlimm ist das Ganze doch nicht, oder?“

„Natürlich ist es das! Wie kann ich so einen Mistkerl heiraten?“

„Viele Frauen tun das. Warum solltest du da eine Ausnahme bilden?“

Weil sie eine andere Vorstellung von einer glücklichen Ehe hatte.

„Es war kein Zufall, dass Trader nach Ballymare gekommen ist, stimmt’s?“, erkundigte Claire sich schroff.

„Zufall? Machst du Witze?“

Man hatte ihre Begegnung also sorgfältig geplant. Ihr war von Anfang an klar gewesen, dass Trader knapp bei Kasse war, denn er hatte ausschließlich bequeme alte Sachen getragen, und sie hatten nichts anderes getan, als miteinander spazieren zu gehen, sich zu unterhalten und ab und zu ein Picknick zu machen.

Claire lächelte bitter. Den Aussagen ihrer Tanten zufolge hatte ihr Vater sich das Le-Trebisonne-Imperium, eine Kette von Fitnesscentern, angeeignet, indem er aus reinem Kalkül in zweiter Ehe die Witwe von Philippe Le Trebisonne geheiratet hatte. Und nun wurde ihm dieses Imperium von einem Mann weggenommen, der genauso berechnend war wie er – ironischerweise auch durch eine Heirat.

Entsetzt machte sie sich bewusst, dass Trader und ihr Vater sich sehr ähnlich waren. Beide waren unwiderstehliche Charmeure, und beide waren Lügner.

„Heirate ihn!“, flehte John.

„Ich soll dir zuliebe meine Zukunft ruinieren?“, entgegnete sie so würdevoll wie möglich. „Vor vierzehn Jahren haben wir uns das letzte Mal gesehen, und davor nur einmal. Trotzdem erwartest du, dass ich bedingungslos zu dir halte.“

Er packte sie bei der Schulter. „Wenn du ihn nicht heiratest, hetzt Trader mir die Steuerfahndung und die Polizei auf den Hals, und dann verliere ich alles. Ich möchte mich wieder mit deiner Mutter versöhnen. Sie liebt mich …“

„Ja“, fiel sie ihm ins Wort. „Und das, obwohl du sie vor dreiundzwanzig Jahren hast sitzen lassen, als sie mit mir schwanger war.“ Ihre Mutter hatte immer zu ihm gehalten, obwohl er sie belogen und betrogen hatte. Claire konnte es nicht verstehen, aber sie wusste, dass ihre Mutter überglücklich sein würde, wenn ihr Vater sich wieder mit ihr versöhnte.

„Wir sind da.“ Er stieg aus dem Wagen. „Mach dich bereit. Denk daran, wie krank deine Mutter ist.“

Claire verspürte einen schmerzhaften Stich. Als der Chauffeur die Tür öffnete und ihr seine behandschuhte Hand entgegenstreckte, blieb sie sitzen. Doch im nächsten Moment kam ihr Vater um den Wagen, drängte den Mann beiseite und umfasste ihr Handgelenk, um sie aus dem Wagen zu ziehen. „Diese Heirat ist für viele Leute wichtig. Also reiß dich zusammen, und tu deine Pflicht!“

Wie konnte er nur so grausam sein? Benommen ließ sie sich von ihm an den zahlreichen Gästen und Gratulanten vorbei zur Kirche führen.

Dabei dachte sie daran, dass Trader korrupt und raffgierig war und sich – wie ihr Vater – in ein Ungeheuer verwandeln würde, sobald sie seine Frau wurde. Ihre Mutter war auf John Jardines Charme hereingefallen, und sie, Claire, war offenbar genauso blind gewesen.

Nervös nestelte sie an einer Nadel in ihrem roten Haar. Trader gefiel es am besten, wenn sie es offen trug, doch an diesem Morgen hatte Phoenix es mit der Lockenschere gewellt und mit unzähligen Nadeln aufgesteckt. Claire fühlte sich wie eine Gefangene, die ihre Haftstrafe antrat. Hätte sie bloß gewartet, um Trader noch besser kennen zu lernen …

„Okay, das reicht.“ John umfasste ihren Arm und drückte ihn. „Denk daran, dass deine Mutter nicht viel von mir hätte, wenn ich im Gefängnis wäre.“

Sie wurde blass und schluckte. Trotz seiner Fehler war John ihr Vater, und sie konnte seine Misere nicht ignorieren. Von klein auf hatte sie sich nach seiner Liebe gesehnt, aber für ihn war sie nur ein Ärgernis gewesen. Jetzt dagegen brauchte er sie, und sie konnte ihn nicht im Stich lassen. Außerdem liebte sie Trader. Sie konnte sich nicht vorstellen, ohne ihn weiterzuleben.

Als sie die Kirche betrat, erschauerte Claire. Sie wartete nervös, während ihre Freundin Sue ihr den Ausschnitt zurechtzog und die Puffärmel noch einmal in Form zupfte. Da Claire sich plötzlich nackt fühlte, zog sie sie herunter, doch sie rutschten wieder hoch.

„Lass das!“, neckte Sue sie. „Du heiratest einen heißblütigen Mann und keinen Mönch.“

„Heißblütig!“, wiederholte Claire matt.

Und Trader war tatsächlich leidenschaftlich, darüber konnte auch seine höfliche Art nicht hinwegtäuschen. Phoenix hatte zu ihr gesagt: „Du wirst tollen Sex haben“, woraufhin Claire prompt errötet war.

Allerdings hatte Trader sich ihr zuliebe zurückgehalten. Claire hob trotzig das Kinn. Sie würde ihn heiraten und dafür sorgen, dass doch noch alles gut wurde. Mit Liebe konnte man alles erreichen. Allmählich schöpfte sie wieder Hoffnung. Eine Frau konnte mit ihrer Liebe selbst den machthungrigsten Mann kurieren. Es würde aber nicht einfach sein. Ihre Mutter hatte bei John keinen Erfolg gehabt.

Wenn sie, Claire, es jedoch schaffte, konnte sie ihrer Mutter ein böses Erwachen ersparen. Ihre Mutter hatte ein schwaches Herz, und Claire mochte nicht daran denken, was alles passieren konnte …

„Ich bin fertig“, sagte sie mit fester Stimme zu ihrem Vater.

„Es wird auch Zeit“, erwiderte er unwirsch.

Als der Brautmarsch erklang, hörten die Brautjungfern auf zu kichern, und Claire betrat an der Seite ihres Vaters das Kirchenschiff. Am Anfang des Ganges blieb sie stehen, aschfahl unter dem Schleier. Die Gäste wandten sich ihr zu, um sie neugierig zu mustern. Zu ihrer Linken entdeckte sie viele ihrer Freunde aus Ballymare sowie ihre Kollegen aus dem Hotel, in dem ihre Mutter und sie arbeiteten und wo sie auch Trader begegnet war.

Zu ihrer Rechten saßen Traders Gäste. Die Frauen unterschieden sich von denen aus Ballymare durch ihre exklusive Kleidung, die Designerhüte und den dezenten Parfümduft. Claire hatte nicht erwartet, dass seine Gäste so wohlhabend waren, aber Phoenix hatte ihr erzählt, dass Trader sich vorwiegend in diesen Kreisen bewegte. Ob er ebenso wie John über seine Verhältnisse lebte und vor den Reichen zu Kreuze kroch? Claire war froh, dass sie es nicht wusste.

„Menschenskind, da ist ja der ganze Geldadel versammelt“, bemerkte John triumphierend. „Cleveres Mädchen.“

„John!“ Sie war so verlegen, dass sie errötete. Einer von Traders Gästen hatte die Worte ihres Vaters offenbar gehört.

Ihr war unsagbar elend zu Mute, als sie den Gang entlangschritt. Der schwere Duft der Blumenbouquets, mit denen die Bänke geschmückt waren, stieg ihr immer mehr zu Kopf. Schließlich nahm sie allen Mut zusammen und schaute in Traders Richtung. Beim Anblick seiner breiten Schultern, die sich unter dem eleganten Cut abzeichneten, entspannte sie sich sofort. Plötzlich sehnte sie sich danach, ihm durch das dunkle Haar zu streichen. Seine Haltung war unnatürlich steif.

Ich liebe ihn so, dachte Claire und stellte sich vor, dass alles gut werden würde, sobald er sich zu ihr umdrehte. Obwohl es fast zu spät war, wartete sie immer noch darauf, dass sich ihre Sorgen als unbegründet erwiesen.

Bitte dreh dich um, Trader! flehte sie im Stillen. Er musste sie längst bemerkt haben, denn ihr üppiger Taftrock raschelte, und alle hatten sich ihr zugewandt. War es ihm denn völlig egal?

„Oh, Trader“, brachte sie hervor und seufzte.

„Claire, Schatz!“, flüsterte eine Frau in ihrer Nähe. Erschrocken stellte Claire fest, dass es sich um die Frau handelte, mit der Trader so lange zusammengelebt hatte. „Du siehst schlecht aus. Meinst du, dass du das Richtige tust?“

„Nein.“ Während Claire in Phoenix’ attraktives Gesicht schaute, betete sie, dass man sie aus diesem Albtraum erlösen möge.

Doch im nächsten Moment tätschelte John ihre Hand. Obwohl er normalerweise völlig unsensibel war, hatte sogar er bemerkt, dass sie zitterte.

„Reiß dich zusammen, Schatz!“, ermahnte er sie.

Das Problem war nur, dass sie mittlerweile völlig gefasst war. Sie hatte sich auf ihren gesunden Menschenverstand besonnen, und ihr war klar geworden, dass ihr Traum wie eine Seifenblase geplatzt war. Sie war ein einfaches Zimmermädchen, während Trader attraktiv und begehrenswert war – genau wie ihr Vater. Und ihr John war ihrer Mutter nie treu gewesen …

Als Trader sich plötzlich umdrehte, klopfte ihr Herz schneller. Doch statt sie wie sonst auch bewundernd zu betrachten, runzelte er jetzt die Stirn. Sobald er ihren Vater ansah, wurde der Ausdruck in seinen Augen eiskalt. Der Hass zwischen den beiden war so stark, dass man ihn fast spüren konnte.

Dann geriet sie in Panik. Claire ließ den Arm ihres Vaters los und drehte sich um, so schnell ihre schwere Schleppe es zuließ. Sie wollte nur noch fliehen.

2. KAPITEL

Als Claire ihre Röcke zusammenraffte, um zum Ausgang der Kirche zu eilen, erhob sich bestürztes Gemurmel. Dann umfasste ihr Vater ihr Handgelenk und zog sie an sich.

„Willst du deine Eltern bloßstellen?“, flüsterte er wütend.

„Ich möchte nur glücklich sein.“

Das Stimmengewirr wurde lauter, während sie verwirrt Trader anschaute. Er wirkte genauso erschrocken und hatte feine Schweißperlen auf der Stirn. Da sie ihren Griff nicht lockerte, fielen einige Blütenblätter von den Blumen, die auf ihrem Kleid appliziert waren, herunter.

„Er liebt mich, er liebt mich nicht“, murmelte sie vor sich hin und zählte dabei die herunterfallenden Blütenblätter. „Er liebt mich, er liebt mich nicht …“ Plötzlich stockte ihr der Atem. „Er liebt mich!“

In der Hoffnung, dass an diesem kindischen Abzählreim etwas dran war, blickte sie schließlich zu Trader auf. Erstaunt stellte sie fest, dass er lächelte und sie liebevoll ansah. Darüber war sie so erleichtert, dass sie die gerührten Seufzer der Gäste zu ihrer Linken und die amüsierten Mienen der Gäste zu ihrer Rechten gar nicht bemerkte. Wie gebannt erwiderte sie seinen Blick.

„Ich liebe dich.“ Als er diese Worte mit den Lippen formte, verflogen ihre Bedenken mit einem Schlag. Sobald Claire diese stumme Liebeserklärung erwiderte, entspannte Trader sich zusehends.

Er liebte sie, dessen war sie jetzt sicher. Es war unmöglich, dass er diese Gefühle nur vortäuschte.

Claire zitterte noch immer, strahlte nun jedoch vor Glück. Sie war nahe daran gewesen, einen großen Fehler zu machen, denn wenn sie ihn nicht geheiratet hätte, wäre ihr Leben trostlos verlaufen. In diesem Moment wurde ihr klar, dass noch mehr hinter Traders seltsamem Verhalten stecken musste, als ihr Vater zugegeben hatte. Trader und sie würden gemeinsam eine Lösung für das Problem finden.

Voller Zuversicht hob sie den Kopf und schwebte förmlich auf ihn zu. Er kam ihr entgegen, als könnte er es nicht erwarten, endlich bei ihr zu sein und sie zu berühren. Genauso war ihr nämlich zu Mute, da sie sich schon seit Stunden nicht mehr gesehen hatten.

Als Claire einen Blick in die Richtung ihrer Mutter warf, stellte sie fest, dass diese Tränen in den Augen hatte und glücklich lächelte. Sie sah mit einem Mal viel jünger aus. Dann beobachtete Claire, wie ihre Mutter mit einem sehnsüchtigen Gesichtsausdruck John ansah.

Daraufhin nahm Claire sich vor, über die Fehler ihres Vaters hinwegzusehen und sich auf die Tatsache zu konzentrieren, dass es in seiner Macht lag, ihre Mutter glücklich zu machen. Wenn die beiden wieder zusammenkamen, konnte ihre Mutter endlich aufhören zu arbeiten und ihr Herz schonen.

„Hoffentlich weiß sie, was sie tut.“

Claire ließ sich von Phoenix’ Worten nicht beirren, sondern lächelte Trader an, der ihr die Hand entgegenstreckte.

„Meine schöne Madonna.“ Er schaute sie so eindringlich an, dass ihr ein Schauer über den Rücken lief.

„Trader.“ Als sie seine Hand nahm, spürte sie, wie erleichtert er war. Und nicht nur er – alle Gäste schienen aufzuatmen.

Er liebte sie!

Sein besitzergreifender Blick bewies ihr, dass Trader sie nie wieder gehen lassen wollte. Während er sie das letzte Stück den Gang entlangführte, schaute sie nach unten, um diesen Moment der Gewissheit voll auszukosten. Ihre Träume waren doch wahr geworden, und mit ihrer Liebe würden sie all ihre Probleme lösen.