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IMPRESSUM

Ein Sommer voller Seligkeit erscheint in der HarperCollins Germany GmbH

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© 1981 by Linda Harrel
Originaltitel: „Summer of the Raven“
erschienen bei: Mills & Boon Ltd., London
Published by arrangement with HARLEQUIN ENTERPRISES II B.V./S.àr.l.

© Deutsche Erstausgabe in der Reihe JULIA
Band 139 - 2005 by CORA Verlag GmbH, Hamburg

Umschlagsmotive: Povareshka / GettyImages

Veröffentlicht im ePub Format in 08/2017 – die elektronische Ausgabe stimmt mit der Printversion überein.

E-Book-Produktion: GGP Media GmbH, Pößneck

ISBN 9783733779306

Alle Rechte, einschließlich das des vollständigen oder auszugsweisen Nachdrucks in jeglicher Form, sind vorbehalten.
CORA-Romane dürfen nicht verliehen oder zum gewerbsmäßigen Umtausch verwendet werden. Sämtliche Personen dieser Ausgabe sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen sind rein zufällig.

Weitere Roman-Reihen im CORA Verlag:
BACCARA, BIANCA, ROMANA, HISTORICAL, MYSTERY, TIFFANY

 

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1. KAPITEL

Rita wechselte die schwere Einkaufstasche von einer Hand in die andere und blieb stehen, um Atem zu schöpfen, bevor sie weiter die Treppe hinaufstieg. Sekundenlang dachte sie an den Fahrstuhl zurück, den sie in dem eleganten Apartmenthaus in Knightsbridge gehabt hatten.

Ihr Blick glitt über die abgeblätterten Wände und den durchgetretenen Linoleumbelag auf den Treppenstufen. Nun, sie musste froh sein, wenigstens ein Dach über dem Kopf zu haben. Das Landhaus in Surrey, mit dem sich ihre glücklichsten Erinnerungen verbanden, war verkauft worden, um die elegante Wohnung in Knightsbridge zu erwerben. Und nun hatten sie auch die aufgeben müssen.

Rita seufzte. Hoffentlich hatte Antonia eine Tasse Kaffee für sie bereit. Aber damit war wohl kaum zu rechnen. Antonia hatte größtenteils in Verhältnissen gelebt, wo man nach dem Personal läutete, wenn man etwas wollte. Sie war dazu geboren, die Frau eines reichen Mannes zu sein. Ritas Vater, Viktor Winslow, hatte in dieser Hinsicht all ihren Wünschen entsprochen. Bis sich vor zwei Jahren, als ihr Vater bei einem Flugzeugabsturz ums Leben gekommen war, herausgestellt hatte, dass es mit seinen Finanzen gar nicht so rosig stand.

Eine gewisse Geldsumme aus dem Erbe ihrer Mutter würde Rita nach ihrem einundzwanzigsten Geburtstag ausgezahlt werden. Ansonsten stand Antonia und ihr eine kleine Leibrente zu, die an bestimmte Bedingungen geknüpft war. Der entscheidende Punkt bestand darin, dass sie beide unter einem Dach leben mussten, bis Rita einundzwanzig war oder heiratete oder Antonia eine neue Ehe schloss.

Es war dies eine Lösung, die beiden wenig behagte, und Rita war sogar bereit gewesen, um ihrer Unabhängigkeit willen auf dieses Geld zu verzichten. Auf einen entsprechenden Vorschlag hatte Antonia jedoch fast hysterisch reagiert.

„Dein Vater hat offenkundig gewollt, dass du in meiner Obhut bleibst“, hatte Antonia unter Tränen erklärt. „Das war sein letzter Wunsch, Rita. Du kannst dich nicht so einfach darüber hinwegsetzen.“

Daran mochte etwas Wahres sein, wenn Rita auch nicht verstand, was ihren Vater zu dieser Bedingung bewogen haben mochte. Schließlich hatte er gewusst, dass zwischen seiner zweiten Frau und seiner Tochter nur allzu oft ein Zustand bewaffneter Neutralität bestanden hatte.

Als er Antonia geheiratet hatte, war Rita eine magere, linkische Zwölfjährige mit blasser Haut und großen braunen Augen gewesen. Sie musste eine Zahnklammer tragen und knabberte an den Fingernägeln, und niemand hätte sie als hübsches Kind bezeichnen können.

Von Anfang an hatte Antonia für ihre Stieftochter kein Interesse gezeigt. Und auch jetzt, mit ihren neunzehn Jahren, machte sich Rita keine Illusionen. Sie wusste, dass ihre Stiefmutter bequem und selbstsüchtig war und ständig über ihre Verhältnisse lebte. Zuweilen legte sie jedoch auch wieder eine merkwürdige, fast kindliche Hilflosigkeit an den Tag.

Allmählich war Rita bewusst geworden, dass es nicht so sehr der Wunsch ihres Vaters gewesen war, sie ein paar weitere Jahre in Antonias Obhut zu lassen, sondern eher umgekehrt. Auf seine Art war auch Viktor Winslow egoistisch gewesen, stellte Rita mit leichter Bitterkeit fest.

Ein wenig Unabhängigkeit hatte sie sich jedoch erkämpft. Nachdem sie gezwungen gewesen war, das teure Internat zu verlassen, besuchte sie jetzt eine Abendschule, nach deren Abschluss sie eventuell Soziologie studieren wollte.

Da Antonia nicht mit Geld umzugehen verstand, hatte Rita neben der Haushaltsführung auch noch die Einkäufe übernommen. Sie musste sich anstrengen, dabei ihre Schule nicht zu vernachlässigen.

Gelegentlich hatte sich Antonia, die mit ihren kastanienbraunen Haaren und den großen veilchenblauen Augen trotz ihrer siebenunddreißig Jahre immer noch eine auffallend schöne Frau war, aufgerafft, mit dem Vorführen von Kleidern etwas Geld dazuzuverdienen. Weil sie jedoch nicht zuverlässig war, kamen solche Angebote nur noch spärlich.

Einmal war es Antonia sogar gelungen, zusammen mit einer Bekannten von ihr eine Boutique zu eröffnen. Rita hatte dem Projekt allerdings von Anfang an skeptisch gegenübergestanden. Antonia hatte alle Einwände jedoch gereizt beiseite gewischt. Sie habe einen Geldgeber, hatte sie erklärt, der bereit sei, sein Kapital zu riskieren.

Resigniert hatte Rita das unausweichliche Scheitern ihrer Stiefmutter als Geschäftsfrau erwartet. Und es waren auch nicht mehr als drei Monate vergangen, bis ein großes Plakat den Totalausverkauf wegen Geschäftsaufgabe angekündigt hatte. Am meisten Sorgen hatte sich Rita wegen der Schulden gemacht, mit denen Antonia zweifellos aus dem gescheiterten Unternehmen hervorgegangen sein musste.

Doch davon war bislang nie die Rede gewesen. Der Geldgeber schien ebenso verliebt wie wohlhabend zu sein, wenn er bereit war, auf seine Einlage zu verzichten. Jedenfalls hat das Erlebnis ziemlich dämpfend auf Antonia gewirkt, dachte Rita mit einer gewissen Befriedigung.

Trotz ihrer neunzehn Jahre war Rita noch immer überschlank. Das braune Haar fiel ihr glatt auf die Schultern und ließ das schmale, feine Gesicht noch jünger wirken. Zwar standen ihre Zähne inzwischen in einer makellos geraden Reihe, aber auch jetzt knabberte sie noch gelegentlich an den Fingernägeln. Die Chancen, dass sie vor ihrem einundzwanzigsten Geburtstag heiraten würde, standen gering, befand sie selbstkritisch, während sie die Wohnungstür aufschloss.

Die Luft in dem kleinen Wohnraum war blau von Zigarettenqualm. Antonia, die auf dem Sofa lag, war gerade dabei, sich an dem Rest der alten eine neue Zigarette anzuzünden.

„Musst du unbedingt Kette rauchen?“ Rita ließ die schwere Einkaufstasche auf den Tisch fallen.

Antonia musterte sie mit einem mürrischen Blick. „Was hast du denn mitgebracht?“

„Nichts Aufregendes“, erwiderte Rita. „Gehacktes, Suppenfleisch, Möhren, Zwiebeln, Kartoffeln …“

„Nein!“ Antonia schüttelte sich angewidert. „Du solltest dich in einer Werkskantine anstellen lassen. Guten Appetit, Schätzchen. Ich werde heute Abend auswärts essen.“

„Das hättest du mir auch früher sagen können“, meinte Rita vorwurfsvoll.

„Das konnte ich nicht, weil ich es vor einer Stunde selbst noch nicht wusste“, antwortete Antonia. „Es wird wahrscheinlich spät werden. Du brauchst also nicht auf mich zu warten“, fügte sie mit offenkundiger Befriedigung hinzu.

Rita ging in die Küche, um ihre Einkäufe zu verstauen. Sie würde sich nachher höchstens ein Ei kochen. Nachdem sie das Geschirr abgewaschen hatte, goss sie sich eine Tasse Pulverkaffee auf und kehrte damit ins Wohnzimmer zurück. Dann packte sie die Bücher aus, die sie sich aus der Bibliothek geholt hatte.

„Noch mehr Arbeit?“, erkundigte sich Antonia ohne Interesse. „Wenn du etwas mehr Mühe auf dein Äußeres verwenden würdest, könntest du ganz passabel aussehen. So wie du herumläufst, hält man dich ja fast noch für ein Kind.“

„Und wennschon“, versetzte Rita gleichmütig. Gegen Antonias spitze Bemerkungen war sie inzwischen ziemlich immun. Über eine erwachsen wirkende Stieftochter wäre Antonia viel weniger zufrieden gewesen.

Antonia stand vom Sofa auf und trat vor den großen Wandspiegel. „Ich habe etwas zugenommen“, stellte sie klagend fest. „Das kommt von den vielen Kohlenhydraten, die wir essen. Ich muss unbedingt eine Salat-Diät machen.“

„Hast du eine Ahnung, was Salat zu dieser Jahreszeit kostet?“, fragte Rita stirnrunzelnd.

„Das scheint alles zu sein, woran du denkst, was etwas kostet!“

„Einer von uns beiden muss es leider tun“, meinte Rita rau. „Wenn wir sparen, können wir zurechtkommen.“

„Ich bin es leid, dauernd sparen zu müssen!“ Antonias Gesicht hatte sich vor Ärger gerötet. „Tagaus, tagein in dieser verdammten Bude eingesperrt zu sein! Du hast wenigstens deine Schule zur Abwechslung.“

Rita musste unwillkürlich lächeln. „Nun, du könntest dich ja auch dort anmelden. Aber schließlich kommst du doch unter Menschen. Du spielst jede Woche Bridge mit Celia Maxwell und deren Clique.“

„Ich habe schon seit Wochen nicht mehr mit ihnen gespielt.“

„Das wusste ich nicht.“ Rita warf ihr einen erstaunten Blick zu. Bridge gehörte von jeher zu Antonias besonderen Leidenschaften.

„Du weißt eine Menge nicht.“ Antonia biss verdrossen die Lippen zusammen. „Für Celia ist das natürlich kein Problem. Wenn sie beim Bridge verliert, braucht sie nur die Hand auszustrecken, und der gute alte Tom zahlt, ohne zu murren. Dass es für andere wenig einfach ist, bedenkt sie dabei nicht.“

Rita musterte ihre Stiefmutter erschrocken. „Toni, schuldest du Celia Maxwell etwa Geld?“

„Allerdings. Und zwar ziemlich viel. Ich habe weitergespielt, weil ich hoffte, meine Pechsträhne würde sich wenden, aber es wurde immer schlimmer.“ Antonias Tonfall war bitter. „Und wenn du in diesem Kreis deine Schulden nicht zahlst, bist du bald unten durch.“ Ihre Stimme wurde scharf. „Und nun sieh mich nicht so an, verdammt noch mal. Du musst doch gewusst haben, dass ich um Geld spiele.“

„Aber nicht, dass du Schulden machen würdest.“ Rita fuhr sich mit der Hand über die Stirn. „Was willst du jetzt tun? Mr. Tomlinson um Vorschuss für das nächste Vierteljahr bitten?“

„Das habe ich schon getan“, gab Antonia zurück. „Und seine Antwort war nein. Stattdessen hat er mir eine Moralpredigt gehalten.“

„Wird Mrs. Maxwell auf Bezahlung bestehen?“, wollte Rita wissen.

„Keine Ahnung, was sie vorhat. Unser Verhältnis ist im Augenblick recht getrübt. Aber ich werde das Geld schon irgendwie auftreiben. Ich muss, sonst könnte die Situation für mich wirklich unangenehm werden“, gestand Antonia ein.

„Willst du dich an diesen Mann wenden?“, fragte Rita zögernd. „Mit dem du heute Abend ausgehst, meine ich. Er hat dir doch wohl auch das Geld für die Boutique zur Verfügung gestellt, oder?“

„Ja, das hat er – falls dich das überhaupt etwas angeht.“ Antonia ließ sich wieder auf das Sofa sinken und zündete erneut eine Zigarette an.

„Hältst du es für klug, dich so in Abhängigkeit zu begeben?“, meinte Rita vorsichtig.

„Du meine Güte!“ Antonia hob den Blick zur Zimmerdecke. „Du redest wirklich wie eine Romanheldin aus dem neunzehnten Jahrhundert. Es wird einem für alles im Leben die Rechnung präsentiert. Selbst für die Ehe mit deinem hochgeschätzten Vater.“

„So etwas zu sagen ist gemein von dir!“, stieß Rita hervor.

Statt beleidigt zu sein, war Antonia eher belustigt. „Die Wahrheit ist oft nicht sehr schön, mein Kind. Das wirst du auch noch feststellen. Aber jetzt muss ich etwas für meine Fingernägel tun. Nicht einmal eine Maniküre kann ich mir leisten.“ Sie schnippte achtlos ihre Zigarettenasche auf den Teppich und ging in ihr Schlafzimmer.

Als Antonia zum Ausgehen fertig auf der Bildfläche erschien, hatte sie ihre gute Laune wieder gefunden. Sie sah bezaubernd aus in einem weit schwingenden, jadegrün, goldgelb gemusterten Chiffonkleid, zu dem sie lange goldene Ohrringe und mehrere klirrende Armbänder trug.

„Auf Wiedersehen, Schätzchen.“ Sie tippte Rita flüchtig auf die Schulter. „Lies nicht zu viel, sonst verdirbst du dir die Augen und bekommst Falten.“

Rita trat ans Fenster. Vor dem Haus parkte eine elegante dunkle Limousine, dessen Fahrer Rita jedoch in der Abenddämmerung nicht erkennen konnte. Sicher würden die beiden in einem teuren Luxusrestaurant essen. Und danach? Vielleicht fuhren sie noch eine schicke Bar oder in einen der Spielclubs, die Viktor Winslow oft mit seiner Frau aufgesucht hatte. Antonia besaß eine Leidenschaft für alle Arten von Glücksspielen.

Rita unterdrückte einen Seufzer und schob ihre Bücher beiseite. Konzentrieren konnte sie sich jetzt sowieso nicht. Dann stellte sie sich prüfend vor den Spiegel. Antonia hatte recht, sie sah wirklich aus wie ein Kind. Versuchsweise hob sie ihre glatten Haare und türmte sie auf dem Kopf. Andere Mädchen trugen solche Frisuren und wirkten damit hübsch und verwegen. Doch sie fand sich damit einfach nur unordentlich.

Sie ließ die Haare wieder fallen und schnitt ihrem Spiegelbild eine Grimasse. Vor allem war sie zu dünn. Die Jeans, die sie gewöhnlich trug, standen ihr zwar gut, weil sie schmale Hüften und lange Beine hatte, aber alles in allem fand sich Rita doch zu farblos.

Während sie ihr gekochtes Ei aß, sah sie sich im Fernsehen einen alten Spielfilm an. Dann leerte sie die Aschenbecher, knipste die Lampen aus und ging mit einem Glas heißer Milch ins Bett.

Nachdem sie unter die Decke geschlüpft war, tastete sie unter ihrem Kopfkissen und zog einen Schreibblock und einen Kugelschreiber hervor. Auch Rita hatte ihr Geheimnis. Sie versuchte sich nämlich mit dem Schreiben von Kurzgeschichten. Jeden Abend vor dem Einschlafen hatte sie sich ein kleines Pensum gesetzt. Aber Antonia sollte nichts davon wissen, denn Rita hätte es nicht ertragen, von ihrer Stiefmutter deswegen ausgelacht zu werden.

Natürlich wusste sie nicht, ob ihre Schriftstellerei etwas taugte. Aber sie hoffte, sich irgendwann eine gebrauchte Schreibmaschine kaufen zu können, um ein paar ihrer Manuskripte an Zeitschriften zu schicken.

Sie war ganz zufrieden mit dem, was sie an diesem Abend geschafft hatte, als sie den Block zuklappte und wieder unter das Kopfkissen schob. Dann knipste sie die Nachttischlampe aus und war nach ein paar Minuten eingeschlafen.

Rita wusste nicht, was sie aufgeweckt hatte. Sie war jedoch in der Dunkelheit hochgeschreckt und saß aufrecht mit klopfendem Herzen. Jemand war drüben im Wohnzimmer. Sie ließ sich erleichtert zurücksinken. Das musste Antonia sein.

Aber Antonia geht nicht mit so schweren Schritten, dachte sie mit aufsteigendem Unbehagen. Dann hörte sie eine zweifellos männliche Stimme fluchen. Ohne weiter zu überlegen, sprang Rita aus dem Bett.

Sie riss die Tür auf und machte einen Schritt ins Wohnzimmer. Der Mann, den sie sah, war groß und schlank mit hellbraunem Haar, das sich ihm im Nacken kräuselte. Als Rita hereinkam, drehte er sich nach ihr um und musterte sie mit seinen grauen Augen, die im Kontrast zu seiner sonnengebräunten Haut fast silbern erschienen. Er trug eine Smokingjacke aus dunkelblauem Samt und dazu ein Rüschenhemd mit so lässiger Eleganz, dass es nicht übertrieben wirkte.

Rita hatte das unbestimmte Gefühl, ihn schon irgendwo gesehen zu haben, vielleicht in einer Zeitung oder einer Illustrierten, wenn sie ihn auch nicht unterzubringen vermochte. Erst als sie an ihm vorbeispähte, erblickte sie Antonia, die bleich auf dem Sofa lag.

„Was haben Sie mit ihr gemacht?“, fragte sie erschrocken.

Er sah sie noch immer an, und Rita errötete bis unter die Haarwurzeln, weil ihr erst jetzt bewusst wurde, welchen Anblick sie in ihrem schulmädchenhaften Flanellnachthemd bieten musste.

„Wer zum Teufel bist du denn?“ Seine Stimme war tief und klangvoll.

„Ich bin Rita Winslow.“ Sie starrte besorgt auf Antonia.

„Rita?“ Er runzelte die Stirn. „Ach ja, das Kind. Ich hatte ganz vergessen …“

Antonia bewegte sich und murmelte etwas.

„Was ist mit ihr passiert?“ Rita kam ein paar Schritte näher. „Geht es ihr nicht gut? Ist sie ohnmächtig geworden?“

„Das ist eine sehr taktvolle Art, ihren Zustand zu beschreiben“, antwortete er ironisch. „Sie ist total hinüber, könnte man auch sagen.“

„Was?“ Rita ließ den Blick ungläubig zwischen ihm und Antonias regloser Gestalt hin und her wandern. „Soll das heißen, sie ist …“

„Betrunken“, bestätigte er nickend. „Wenn du mir ihr Zimmer zeigst, bringe ich sie ins Bett. Und du solltest auch wieder ins Bett verschwinden, bevor du dir eine Erkältung holst.“

Rita hörte überhaupt nicht zu. „Sie sind mit Antonia ausgegangen und haben sie in diesen Zustand gebracht“, beschuldigte sie ihn hitzig. „Das ist eine Gemeinheit!“

Er musterte sie erneut von oben bis unten. „Ich bin mit ihr ausgegangen, ja.“ Seine Stimme war kühl. „Aber ich kann dir versichern, dass es Antonias eigene Idee war, sich so zu betrinken.“ Er beugte sich vor, um Antonia aufzuheben, und er hielt sie mühelos wie eine Puppe.

„Ihr Zimmer ist dort hinten.“ Rita deutete auf die Schlafzimmertür. „Wenn Sie bloß so nett wären, sie aufs Bett zu legen. Das andere kann ich dann schon allein machen.“

„Bist du nicht noch ein bisschen zu jung für so etwas?“ Er zog fragend die Augenbrauen hoch. „Oder ist das bei Antonia ein üblicher Zustand?“

Rita wollte schon den Mund öffnen, um gegen beide Fragen heftig zu protestieren, als ihr bewusst wurde, dass es unter den gegebenen Umständen vielleicht besser war, wenn er sie für so viel jünger hielt. Vermutlich hatte auch er getrunken. Dazu war es schon spät und sie praktisch allein mit ihm in der Wohnung.

„Das ist keineswegs bei ihr üblich“, versicherte sie abwehrend. „Einen Augenblick bitte, ich hole mir nur schnell meinen Morgenrock.“

Als sie in Antonias Zimmer trat, lag ihre Stiefmutter bereits auf dem Bett.

„Soll ich dir noch mit dem Kleid helfen?“, wollte der Mann wissen. „Du schaffst es vielleicht nicht, sie umzudrehen.“

„Ich lasse sie einfach so liegen. Vielen Dank“, erwiderte sie mit so viel Würde wie möglich.

„Wie du willst“, meinte er gleichmütig. „Aber wenn ihr womöglich übel wird und sie sich ihr teures Modellkleid ruiniert, wirst du Ärger kriegen.“

„Ich komme wirklich allein mit ihr zurecht.“

Er lächelte unvermittelt, und Rita fühlte sich ganz überwältigt von dem Charme, der dabei von ihm ausging. Plötzlich war er nicht mehr der Eindringling, der Fremde, der zufällig Antonia nach Hause gebracht hatte, sondern ein Mann mit sehr viel persönlicher Ausstrahlung. Wie alt mochte er sein, überlegte Rita. Nach seinen scharfen Gesichtszügen zu urteilen, war er sicher kaum jünger als Antonia.

„Das glaube ich dir sogar“, sagte er langsam. „Allerdings wird Antonia, wenn sie aufwacht, einen mächtigen Kater haben. Ich würde ihr deshalb an deiner Stelle erst einmal aus dem Weg gehen.“ Dann wandte er sich nach Rita um und unterzog sie noch einmal einer eingehenden Musterung. „Bis zum nächsten Mal“, verabschiedete er sich dann gelassen und ging. Rita drückte hinter ihm die Tür zu und schob den Riegel vor. Sekundenlang lehnte sie sich an die Wand, um tief Luft zu holen. Erst verspätet fiel ihr ein, dass sie ihn überhaupt nicht nach seinem Namen gefragt hatte.

Antonia auszuziehen war sehr mühsam, aber schließlich hatte sie es geschafft und hängte das Kleid auf einen Bügel. Als sie Antonia zudeckte, musste sie an das Hilfsangebot des Fremden denken. Vermutlich besaß er einige Erfahrung im Ausziehen von Frauen, ob sie nun bewusstlos waren oder nicht.

Gewöhnlich schlief Rita wie ein Baby. Als sie jetzt in ihr ausgekühltes Bett zurückkehrte, lag sie jedoch noch lange wach und wälzte sich von einer Seite auf die andere. Was war schon geschehen? versuchte sie sich selber zur Ordnung zu rufen. Sie hatte einen attraktiven Mann kennen gelernt, in dessen Augen sie offenkundig noch ein Kind war, mehr nicht.

Vielleicht bin ich das wirklich noch, dachte sie resigniert, bevor sie in einen unruhigen Schlaf fiel.

Der nächste Tag war ein Samstag. Bevor Rita zur Bibliothek ging, um Bücher umzutauschen, schaute sie zu Antonia hinein, die aber noch immer fest schlief.

Als sie zurückkam, begegnete ihr auf dem Treppenflur Mr. Fawcett, der Hauswirt, der seine wöchentliche Runde machte, um die Miete zu kassieren.

„Guten Morgen“, begrüßte sie ihn freundlich. „Hat Mrs. Winslow Ihr Klopfen gehört? Wenn nicht, kann ich …“

„Die Miete habe ich schon“, fiel er ihr ins Wort. „Es tut mir leid, dass Sie uns verlassen werden. Sie waren so ruhige, angenehme Mieter.“

Rita starrte ihn verständnislos an. „Ich begreife nicht ganz. Wollen Sie uns denn kündigen?“

Er schüttelte den Kopf. „Im Gegenteil, Miss Winslow. Ihre Stiefmutter hat mir eben gesagt, dass Sie Ende des Monats ausziehen werden.“

„Aber nein, da muss ein Irrtum vorliegen“, versicherte Rita.

„Mrs. Winslow hat mir die Kündigung sogar schriftlich gegeben. Vielleicht reden Sie gleich einmal mit ihr.“

Rita schloss atemlos die Wohnungstür auf. Antonia kniete vor dem Sideboard und wandte den Kopf, als Rita eintrat.

„Ich suche nach dem Inventarverzeichnis von Mr. Fawcett“, begann Antonia ohne jede Einleitung. „Ich denke nämlich nicht daran, den Nachmietern etwas von unseren Sachen zurückzulassen.“

„Also stimmt es tatsächlich.“ Rita ließ sich auf einen Stuhl fallen. „Was ist bloß in dich gefahren? Natürlich ist dies nicht Knightsbridge, aber dafür ist die Wohnung ruhig, sauber und vor allem billig.“

Antonia erhob sich. „Du brauchst mir gar nicht ihre Vorteile anzupreisen“, wehrte sie ab. „Leider übersteigt aber auch dieser bescheidene Luxus augenblicklich unsere Verhältnisse.“

„Seit wann?“ Rita hatte das Gefühl, als bräche die Welt um sie zusammen.

„Seit gestern Abend.“ Antonia setzte sich ihr gegenüber an den Tisch. „Aber keine Angst, Kindchen. Noch brauchen wir nicht an den Ufern der Themse zu schlafen. Wir haben einen anderen Unterschlupf.“

„Einen, den wir uns leisten können?“, fragte Rita tonlos.

„Sogar mietfrei. Als Entgelt für Gegenleistungen. Nur leider nicht in London.“

„Nicht in London?“, wiederholte Rita hilflos. „Aber Antonia, ich kann nicht aus London weg. Das weißt du!“

„Ich wusste gar nicht, dass du so an dieser alten Bude hängst“, versetzte Antonia. „Ich dachte immer, du hättest eine Schwäche für das Landleben. Jedenfalls ziehen wir nach Ravensmere. Allerdings ist das Nest so klein, dass es nur auf Regionalkarten zu finden ist“, fügte sie mit herabgezogenen Mundwinkeln hinzu.

„Ich … ich kann es nicht glauben.“ Rita fuhr sich mit der Zunge über die Lippen. „Dir war doch sogar unser Haus in Surrey immer zu abgelegen. Und jetzt willst du praktisch an das andere Ende von England ziehen?“

„Und du ziehst mit“, erklärte Antonia entschieden.

„Nein.“ Rita schüttelte den Kopf. „Ich muss hier weiter zur Schule gehen und mein Abitur machen, falls du das vergessen haben solltest.“

„Ich habe gar nichts vergessen.“ Antonia steckte sich gereizt eine Zigarette an. „Aber vielleicht ist dir die entscheidende Testamentsklausel entfallen, dass wir unter einem Dach leben müssen, bis du einundzwanzig bist.“

„Durchaus nicht. Wir müssen eben Daddys Nachlassverwalter mitteilen, dass es uns unmöglich geworden ist, diese Klausel einzuhalten.“

„Kommt gar nicht in Frage“, protestierte Antonia. „Für mich ist dieses Geld sozusagen ein Rettungsring. Und auch dir dürfte es nicht so leicht fallen, wie du zu meinen scheinst, ohne einen gewissen finanziellen Rückhalt auszukommen. Im Übrigen sind die Dinge weitaus komplizierter, als dir bekannt ist.“ Antonia schwieg sekundenlang. „Es gibt da gewisse Probleme im Zusammenhang mit der Boutique“, fuhr sie dann fort. „Ich hatte damals die Beschaffung des Kapitals übernommen und dachte nach der Pleite, mein Geldgeber würde den Verlust einfach abschreiben. Er verlangt jedoch volle Rückzahlung.“

Rita zog scharf die Luft ein. „Seit wann weißt du das?“

„Seit gestern Abend.“ Antonia drückte ihre halb gerauchte Zigarette auf einer Untertasse aus. „Übrigens, aus reiner Neugier, wer hat mich ins Bett gebracht?“

„Ich natürlich.“

„So natürlich ist das nun auch wieder nicht.“ Antonias Stimme klang fast belustigt. „Christian hätte mich nicht zum ersten Mal ohne Kleid gesehen. Ich nehme an, er hat mich nach Hause gebracht und mich nicht einfach nur einem Taxichauffeur überlassen?“

„Es war ein Mann hier.“ Rita spürte die verräterische Röte, die ihr ins Gesicht stieg.

Antonia registrierte Ritas offenkundige Verlegenheit. „Natürlich kenne ich ihn schon seit vielen Jahren. Seine Mutter und meine waren entfernte Kusinen. Früher bin ich oft mit Christian zusammen gewesen. Wir hätten uns sogar beinahe verlobt. Er war hoffnungslos verliebt in mich“, fügte sie hinzu.