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IMPRESSUM

Ein Millionär für Claire erscheint in der HarperCollins Germany GmbH

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© 2000 by Michelle Reid
Originaltitel: „The Tycoon’s Bride“
erschienen bei: Harlequin Enterprises Ltd., Toronto
Published by arrangement with HARLEQUIN ENTERPRISES II B.V./S.àr.l.

© Deutsche Erstausgabe in der Reihe ROMANA
Band 1433 - 2002 by CORA Verlag GmbH, Hamburg
Übersetzung: Susanne Oppermann

Umschlagsmotive: VitaliiSmulskyi / GettyImages

Veröffentlicht im ePub Format in 08/2017 – die elektronische Ausgabe stimmt mit der Printversion überein.

E-Book-Produktion: GGP Media GmbH, Pößneck

ISBN 9783733779337

Alle Rechte, einschließlich das des vollständigen oder auszugsweisen Nachdrucks in jeglicher Form, sind vorbehalten.
CORA-Romane dürfen nicht verliehen oder zum gewerbsmäßigen Umtausch verwendet werden. Sämtliche Personen dieser Ausgabe sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen sind rein zufällig.

Weitere Roman-Reihen im CORA Verlag:
BACCARA, BIANCA, JULIA, HISTORICAL, MYSTERY, TIFFANY

 

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1. KAPITEL

„Eine Adoption?“ Claire konnte es nicht fassen. „Ich soll Melanie zu wildfremden Leuten geben?“

Aschfahl und am ganzen Körper bebend, stand sie im spartanisch eingerichteten Wohnzimmer ihres kleinen Apartments und betrachtete ungläubig ihre Tante. Sie hatte das Gefühl, in einem Albtraum gefangen zu sein. Hatte sie in diesen letzten furchtbaren Wochen nicht schon genug durchgemacht?

Und nun zu allem Überfluss auch noch dies. „Das ist nicht dein Ernst, Tante Laura.“ Unwillkürlich presste sie das Baby in ihren Armen enger an sich. „Das lasse ich nicht zu.“

„Es geht hier nicht um dich.“ Ihre Tante wirkte entschlossen. „Sei nicht so egoistisch. Du schaffst es nicht allein. Sieh dich doch um!“

„Das stimmt nicht! Ich komme sehr gut allein zurecht.“

Laura Cavell schnitt ein Gesicht. Sie trug einen schicken Zweiteiler, war dezent geschminkt, duftete nach teurem Parfüm, und ihr blondes Haar war nach der neusten Mode frisiert. Mit kaltem Blick musterte sie das kleine Zimmer. Ihre Miene sprach Bände.

In dem Apartment herrschte ein einziges Chaos. Überall waren Babysachen verstreut – auf dem Boden, den wenigen Stühlen und in der kleinen Küche. Es war zwar erst Oktober, doch das berühmt-berüchtigte englische Wetter ließ bereits den Winter erahnen.

Vor dem kleinen elektrischen Heizgerät stand ein Wäscheständer mit nassen Strampelanzügen. Nicht sehr praktisch, aber was blieb ihr, Claire, anderes übrig? Sie konnte es sich nicht leisten, in den Waschsalon zu gehen. Die Fenster der Wohnung waren zwar beschlagen, und es war kalt und klamm, das nahm sie allerdings gern in Kauf.

„Ich habe dich nur gebeten, mir etwas Geld für die Miete zu leihen.“ Am liebsten wäre sie im Erdboden versunken. Sie kam sich vor wie eine Bettlerin, die bei einer Königin um ein Almosen bat. Warum tue ich mir das an? dachte sie verzweifelt. Es war sinnlos. Ihre Tante würde ihr nicht einen Penny geben. Sie war geizig und herzlos. Und die nächsten Worte ihrer Tante gaben ihr recht.

„Was denkst du dir eigentlich? Warum sollte ich dich unterstützen? Melanie ist nicht deine Tochter, und ich bin nicht die Wohlfahrt. Gib sie zur Adoption frei, und du bist alle Probleme los.“

„Sie ist meine Schwester, Tante Laura! Ich werde sie nie in fremde Hände geben.“ Melanie war das Einzige, was sie noch hatte.

„Deine Halbschwester.“ Laura Cavell ließ diesen Einwand nicht gelten. „Du weißt nicht einmal, wer ihr Vater ist.“ Widerwillig blickte sie auf das dunkelhaarige, südländisch aussehende Baby, das Claire schützend im Arm hielt.

„Das ist mir egal.“ So langsam verlor sie die Geduld. Wie konnte ihre Tante es wagen, so mit ihr zu sprechen? Was mischte sie sich überhaupt ein? Ihre Mutter hatte eine Affäre mit einem spanischen Kellner gehabt – na und? Sie war glücklich gewesen, und das hatte sie, Claire, ihr von Herzen gegönnt, nach allem, was sie mit ihrem ersten Mann durchgemacht hatte. „Melanie gehört zur Familie. Punkt und aus. Ich werde sie nicht weggeben.“

Warum hatte sie ihre Tante überhaupt um Hilfe gebeten? Sie hatte doch gewusst, dass sie auf Granit biss! Laura Cavell lebte nur für ihren Beruf. Sie war Assistentin eines mächtigen Aufsichtsratsvorsitzenden einer der größten europäischen Banken. Geld bedeutete ihr alles. Sie hatte, ohne zu zögern, Liebe und die Aussicht auf Kinder für ihre Karriere geopfert. Eine Frau wie sie verstand nichts von Romantik und Familienbanden. Claire hätte am liebsten geweint. Sie hatte sich noch nie so allein und hilflos gefühlt.

„Du bist erst einundzwanzig, Claire“, sagte ihre Tante streng. „Noch vor einem Monat hast du studiert. Sieh dich doch an! Du hast dein Studium aufgegeben. Jetzt sitzt du hier und hast nicht einmal einen Job. Wovon wollt ihr beide leben? Du kannst ja nicht einmal die Miete für dieses furchtbare Apartment bezahlen. Ich zweifle an deinem Verstand.“

„Ich werde schon eine Arbeit finden.“

„Ach ja? Als was denn? Als Kellnerin? Als Putzfrau? Willst du wirklich die Böden anderer Leute schrubben? Wer kümmert sich um das Kind, wenn du nicht da bist? Ein Babysitter kostet Geld. Deine Mutter hat dir nichts hinterlassen, hast du das schon vergessen?“

„Ich habe Anspruch auf staatliche Hilfe.“

„Bestimmt. Davon kannst du aber nicht in Saus und Braus leben. Denk wenigstens an das Baby. Glaubst du, Melanie wird dir später einmal dafür danken, dass sie in bitterer Armut leben musste?“

Claire schloss kurz die Augen. Hatte ihre Tante recht? War sie zu egoistisch gewesen? Wäre die Kleine bei Adoptiveltern vielleicht besser aufgehoben? Claire war verzweifelt und wusste weder aus noch ein.

Was sollte sie bloß tun? Schweigend ging sie zum Kinderbett, legte das Baby hinein und deckte es zu. Es war gerade einmal drei Jahre her, da war die Welt noch in Ordnung gewesen. Ihre Eltern waren sehr glücklich miteinander gewesen und hatten sie, ihre einzige Tochter, von ganzem Herzen geliebt. Bis die Firma ihres Vaters Konkurs machte. Sie verloren alles – die Ersparnisse, die Möbel, das Haus.

Sie waren gezwungen, in eine Mietwohnung im Londoner East End zu ziehen. Ihr Vater konnte mit der Schande nicht weiterleben und nahm sich das Leben.

Victoria Stenson, ihre Mutter, wurde nie damit fertig, dass sich der Mann, mit dem sie so lange verheiratet gewesen war, so einfach davon stahl und sie im Stich ließ.

Plötzlich hatte sie keine Freunde mehr und auch kein Geld. Ihr Leben war ein einziger Scherbenhaufen. Verzweifelt suchte sie Arbeit. Wer aber stellte jemanden ohne Berufserfahrung ein? Schließlich wandte sie sich an ihre Schwester, die ihr einen Job in einer der besten Boutiquen Londons vermittelte.

Mit ihren zweiundvierzig Jahren war Victoria Stenson immer noch eine Schönheit, nach der sich die Männer umdrehten. Sie hatte ein Faible für Mode und einen Blick dafür, was den Kundinnen am besten stand. Schnell arbeitete sie sich ein, und der kleine Laden war bald ein Muss für alle reichen Frauen der Stadt. Ihre Chefin war so zufrieden mit ihr, dass sie sie eines Tages nach Madrid schickte, wo sie mit einem Lieferanten verhandeln sollte.

Als Victoria wieder zurückkam, strahlte sie übers ganze Gesicht und schien zum ersten Mal seit langer Zeit wieder richtig glücklich zu sein. Es dauerte nicht lange, bis Claire herausfand, was geschehen war.

„Ich bin schwanger.“ Das Geständnis ihrer Mutter war zuerst ein Schock, aber spätestens als Melanie nach acht Monaten geboren wurde, war alles vergessen. Dieses kleine perfekte Wesen mit den schwarzen Haaren und der dunklen Haut zog sie sofort in ihren Bann. Es war Liebe auf den ersten Blick.

Zwei Wochen nach der Geburt ging Victoria Stenson wieder zur Arbeit. Es war August, Claire hatte Semesterferien und konnte auf das Baby aufpassen. Später wollten sie ein Kindermädchen einstellen. Die Zukunft schien gesichert, und sie waren zufrieden wie schon lange nicht mehr.

Doch das Schicksal war gnadenlos. Victoria Stenson erlitt bei der Arbeit eine starke, nicht zu stoppende Nachblutung. Die Ärzte im Krankenhaus konnten ihr nicht mehr helfen. Plötzlich hatte Claire vor dem Nichts gestanden. Die Trauer und Verzweiflung waren übermächtig gewesen – nur der Gedanke an Melanie hatte sie aufrechterhalten.

Draußen hupte jemand, und Laura Cavell sah ungeduldig auf die Uhr. „Ich muss los. Hörst du mir eigentlich zu? Gibst du das Kind nun zur Adoption frei?“

Sanft strich Claire ihrer kleinen Schwester über die Wange. Tränen stiegen ihr in die Augen. Das Leben war so ungerecht. Sie wollte Melanie behalten und ihre Eltern zurückhaben. Warum bestrafte man sie so? „Was können wir tun?“, flüsterte sie.

Laura Cavell lächelte zufrieden. Anscheinend hatte das Mädchen endlich Vernunft angenommen! „Es gibt lange Wartelisten beim Jugendamt. Sehr viele Ehepaare wünschen sich ein Kind. Sie wären dir bestimmt unendlich dankbar …“

Claire wirbelte herum. „Darauf kann ich verzichten.“ Sie funkelte ihre Tante böse an.

„Schon gut.“ Laura Cavell seufzte leise. Warum war alles nur so schwierig? „Sie könnten dem Kind ein liebevolles Zuhause geben. Es wird Melanie an nichts fehlen.“

Was ist mit mir? dachte Claire verzweifelt. Nie wieder würde sie dieses kleine Wesen im Arm halten oder es heranwachsen sehen. Ihre Schwester war für sie verloren. Sie konnte den Gedanken daran nicht ertragen.

„Wir regeln das ganz diskret.“ Ihre Tante schien nicht zu merken, was in ihr vorging. „Es gibt private Vermittlungsstellen. Die Ehepaare werden auf Herz und Nieren geprüft. Das wäre für Melanie das Beste, glaub mir. Sie werden ihr jeden Wunsch von den Augen ablesen.“

Natürlich. Das war das einzige Argument, das Claire nicht widerlegen konnte.

„Du könntest weiterstudieren und deinen Abschluss machen. Ich bin bereit, dich dabei zu unterstützen. Dies hier …“, wieder blickte sie sich verächtlich um, „… ist nicht akzeptabel. Du machst nicht nur dich unglücklich, sondern auch das Kind. Sieh es endlich ein!“

„Ich … denke darüber nach.“ Hatte sie das wirklich gesagt? Claire konnte es nicht fassen. Es war, als würde ihr jemand das Herz herausreißen.

„Gut.“ Laura Cavell nickte erleichtert. „Ich werde morgen einige Agenturen anrufen.“ Wieder hupte jemand, und Laura schüttelte entnervt den Kopf. „Ich muss jetzt wirklich gehen.“

Sie musterte ihre Nichte – das aschfahle Gesicht, die traurigen Augen, in denen sich die Verzweiflung spiegelte – und beschloss, großzügig zu sein. Sie nahm ihr Portemonnaie aus der Tasche, zog ein Bündel Scheine heraus und legte diese auf den Tisch. „Das sollte für die nächsten Tage reichen. Wenn ich wiederkomme, erwarte ich, dass du dich entschieden hast.“

Claire betrachtete das Geld lange. „Danke“, erwiderte sie schließlich und zwang sich zu einem Lächeln.

Ihre Tante wandte sich ab. An der Tür drehte sie sich noch einmal um. „Du solltest deinen gesunden Menschenverstand einschalten, meine Liebe, und nicht auf das hören, was dein Herz dir sagt.“

Claire stand noch lange da und blickte starr auf die Scheine. Meine dreißig Silberlinge, dachte sie bekümmert. Es war nichts anderes. Niedergeschlagen ging sie zum Tisch und nahm das Geld, um es zu zählen. Sie war schon gespannt darauf, wie hoch die Summe für Verrat heutzutage war.

In diesem Augenblick fiel etwas aus dem Geldbündel zu Boden. Erschrocken bückte sie sich, hob die goldene Kreditkarte ihrer Tante auf und lief hinaus auf den Flur. Sie hörte noch, wie unten die Eingangstür geschlossen wurde. Zu spät! Das Apartment befand sich im ersten Stock, vielleicht kam sie ja noch rechtzeitig, bevor ihre Tante davonfuhr.

Draußen blies ihr ein eisiger Nordostwind ins Gesicht, und Claire verschränkte frierend die Arme vor der Brust. Sie hatte keine Zeit mehr gehabt, sich einen Mantel überzustreifen. Schnell blickte sie sich um. Wo war ihre Tante? Die Straße war zwar schmal, wurde jedoch von den Autofahrern gern als Abkürzung genutzt, und deshalb herrschte immer sehr viel Verkehr.

Auf beiden Seiten standen viktorianische Reihenhäuser, die vor vielen Jahren einmal elegant gewesen sein mochten. Der Zahn der Zeit hatte mittlerweile an ihnen genagt. Die Vermieter waren nur auf das schnelle Geld aus und nicht bereit zu investieren. So war der Stadtteil langsam, aber sicher verfallen.

Alte Autos parkten rechts und links am Straßenrand. Die große Limousine, in die Laura Cavell gerade einstieg, hätte man in so einer Gegend bestimmt nicht erwartet. „Tante Laura!“, rief Claire, allerdings vergebens. Die Wagentür schloss sich hinter ihrer Tante, und der Fahrer gab Gas.

Ohne nachzudenken und auf die Kälte zu achten, lief Claire auf die Straße. Dann ging alles sehr schnell. Jemand hupte wütend, und sie wirbelte herum. Ein Lieferwagen kam direkt auf sie zu.

Das Geräusch von quietschenden Bremsen, der stechende Geruch von verbranntem Gummi und die erschrockenen Schreie der Passanten – all das nahm sie nur undeutlich wahr. Obwohl ihr klar war, was geschehen würde, stand sie wie erstarrt da. Später konnte sie sich sogar noch an das entsetzte Gesicht des Lieferwagenfahrers erinnern, der nicht mehr ausweichen konnte.

Erstaunlicherweise bemerkte sie den Aufprall kaum. Es war nur ein leichter Stoß. Sie hatte keine Schmerzen. Wo war sie? Anscheinend lag sie auf der Straße. Wer war der Fremde mit den dunklen Augen, der sich über sie beugte? „Sie ist mir direkt vors Auto gelaufen. Ich konnte nichts dafür!“ Das musste der Lieferwagenfahrer sein, aber sie konnte ihn nicht sehen.

Der gut aussehende Mann vor ihr betrachtete sie besorgt. „Bewegen Sie sich nicht.“ Er sprach mit einem leichten Akzent. Seine Stimme war tief und sinnlich, und Claire lächelte verträumt. Sie fühlte sich gut, nichts tat ihr weh, und sie wollte auch gar nicht aufstehen. Irgendwie komisch, dachte sie, es ist alles so unwirklich. „Sterbe ich?“

Anscheinend hatte sie den Gedanken laut ausgesprochen, denn der Fremde schüttelte energisch den Kopf. „Das werde ich verhindern. Darauf können Sie sich verlassen.“

Was für eine Arroganz! Glaubte er, er könnte Gott spielen? Jetzt begann er, sie abzutasten. Was sollte das? Eigentlich wollte Claire protestieren, doch es fühlte sich … gut an. Nachdenklich sah sie ihn an. Er war ungefähr Mitte dreißig. Seine Haut war von der Sonne gebräunt, er hatte markante, vertrauenerweckende Gesichtszüge. Das Attraktivste an ihm waren allerdings seine Augen.

Sie waren so dunkel und geheimnisvoll – wie ein tiefer Ozean. Dieser Mann war faszinierend und zog sie magisch an. Was war los mit ihr? Waren das noch die Nebenwirkungen des Unfalls?

Plötzlich begann sie, am ganzen Körper zu zittern. Eigentlich war ihr nicht kalt … oder doch? Immerhin hatten sie schon den ersten Frost gehabt. Warum lag sie überhaupt hier? Sie hatte keine Zeit, sie musste irgendwohin … Zum Teufel, sie konnte sich nicht erinnern, was so dringend gewesen war!

Der Fremde deckte sie mit etwas Weichem zu – sein Jackett –, und sie fühlte sich seltsam geborgen. Wie gern hätte sie die Augen geschlossen und wäre einfach eingeschlafen! Das Atmen fiel ihr schwer. „Meine Brust tut weh“, flüsterte sie.

Er fluchte leise und drehte sich dann um. „Hat schon jemand den Krankenwagen gerufen?“ Mit wem sprach er? Egal, dachte Claire. Er passte schon auf, dass ihr nichts passierte. Sie fühlte sich sicher wie noch nie zuvor in ihrem Leben.

„Ja“, erklang im nächsten Moment eine unangenehm schrille weibliche Stimme. „Ich kann es nicht fassen. Sie ist einfach vor das Auto gelaufen!“

Ihre Tante! Claire zuckte zusammen und stöhnte leise.

„Haben Sie Schmerzen?“, fragte der fremdländische Mann besorgt und wandte sich ihr wieder zu. „Sie dürfen sich nicht bewegen.“

„Was machst du für Dummheiten, Mädchen? Bist du denn völlig verrückt geworden?“ Laura Cavell beugte sich über sie. Man merkte ihr deutlich an, wie erzürnt sie war.

Mühsam öffnete Claire die rechte Hand. Erst jetzt spürte sie die Schmerzen im Handgelenk. Auf dem zerknitterten Geldbündel lag die goldene Kreditkarte. Und plötzlich fiel ihr alles wieder ein. „Du hast sie verloren. Ich dachte, du brauchst sie vielleicht.“

Eine kleine Ewigkeit lang blickten alle schweigend auf die Kreditkarte. Der Fremde hatte sich als Erster gefasst. „Ist das Ihre Nichte, Miss Cavell?“

„Ja.“ Dieses eine Wort enthielt so viel Verachtung. Claire wäre am liebsten im Erdboden versunken. Warum hasste ihre Tante sie so sehr?

„Ich muss mich entschuldigen, Mr. Markopoulou.“ Ihre Tante schien irgendwie besorgt zu sein. Ihretwegen bestimmt nicht! Weswegen dann? „Überlassen Sie alles mir. Wenn Sie jetzt zum Flughafen fahren, erreichen Sie die Maschine nach Madrid noch rechtzeitig.“

In diesem Augenblick verstand Claire, was vor sich ging. Der Fremde war der Aufsichtsratsvorsitzende, für den ihre Tante arbeitete! Dieser Tycoon, der über Leichen ging … „Es ist alles in Ordnung.“ Mühsam stützte sie sich auf den Ellbogen. „Helfen Sie mir bitte auf.“

„Ich denke nicht daran. Sie bleiben schön liegen, bis der Notarzt kommt.“ Widerspruch war er anscheinend nicht gewohnt. Sein Wunsch war Befehl.

Auch das noch! Wenn sie im Krankenhaus landete, was wurde dann aus Melanie … Oh nein! Sie hatte das Baby allein gelassen! Mühsam stand sie auf. Ihr Kopf schmerzte, ihr war schwindelig und übel.

„Wo wollen Sie hin?“ Der Fremde hatte sich ebenfalls erhoben und betrachtete sie kopfschüttelnd.

„Ich muss los.“ Claire machte einige zaghafte Schritte, blieb dann aber stehen. Die Kreditkarte! Sie hielt sie immer noch in der Hand. Langsam drehte sie sich zu ihrer Tante um und reichte sie ihr. „Hier.“

Laura Cavell warf ihr einen eisigen Blick zu, nahm die Karte und steckte sie schweigend ein.

Claire wandte sich ab und stellte fest, dass der gut aussehende Mann sich ihr in den Weg gestellt hatte. „Vielen Dank für Ihre Hilfe“, flüsterte sie und wollte an ihm vorbeigehen. Plötzlich blieb sie stehen. Etwas stimmte nicht. Es war so kalt, und er trug nur ein Hemd … Wo war sein Jackett? Natürlich! Er hatte sie damit zugedeckt. Wo war es?

Suchend blickte sie sich um. Da – mitten auf der Straße. „Oh … Es tut mir leid!“ Er schien ihre Gedanken erraten zu haben, denn er kam ihr zuvor. Er bückte sich, und sie betrachtete bewundernd seinen geschmeidigen, schlanken, muskulösen Körper. Er erinnerte sie an einen Athleten, der …

Sie stand bestimmt unter Schock! Ihr Handgelenk tat weh, die Kopfschmerzen hatten sich verschlimmert, sie konnte immer noch nicht durchatmen – und sie verschlang diesen Mann förmlich mit Blicken. Claire schwankte, und er nahm ihren Arm. „Also gut. Miss Cavell, gehen Sie voran. Wir bringen Ihre Nichte in ihre Wohnung.“

Ihre Tante gehorchte schweigend. Ihr Gesichtsausdruck verhieß nichts Gutes.

Claire wollte protestieren, doch er schüttelte warnend den Kopf. Tante Laura wird außer sich vor Wut sein, überlegte sie verzagt, als sie die Treppe in den ersten Stock hinaufgingen. Vor der Haustür angekommen, blieb Claire stehen und befreite sich aus seinem Griff. „Es ist alles in Ordnung. Sie können zum Flughafen fahren.“

„Ach ja? Sehen Sie sich doch einmal im Spiegel an. Ihr rechtes Handgelenk scheint gebrochen zu sein, Sie haben eine blutende Wunde am Kopf, und Ihr Atem rasselt – was bedeutet, dass Sie sich wahrscheinlich eine oder mehrere Rippen gebrochen haben. Wir warten jetzt gemeinsam auf den Arzt.“

Das konnte alles nur ein Albtraum sein! Sollte sie im Leben nie mehr Glück haben? Was geschah mit Melanie, wenn sie ins Krankenhaus musste?

Schnell betrat sie das Apartment. Ihre Tante war schon vorgegangen und stand mit säuerlicher Miene vor dem Wäscheständer mit den nassen Babysachen – wahrscheinlich damit ihr Chef ihn nicht entdeckte. Die Situation war irgendwie komisch, und Claire hätte beinah gelacht, wenn da nicht der Fremde an der Tür gewesen wäre.

Sie spürte förmlich, wie er sich kritisch in ihrer kleinen Wohnung umblickte. Am liebsten wäre sie davongelaufen. Dieser Mann war reich, besaß unzählige Limousinen und elegante Häuser. Seine Kleidung war maßgeschneidert, und sein Anzug hatte sicherlich mehr gekostet, als sie im ganzen Jahr an Miete zahlte. Eine so spartanische Einrichtung hatte er bestimmt noch nie gesehen!

Plötzlich schämte sie sich. Warum, wusste sie nicht, denn normalerweise war es ihr egal, was Wildfremde über sie dachten. Vielleicht war er aber auch nicht so wie andere? Langsam wandte sie sich um … und zuckte zusammen, als sie seinen Gesichtsausdruck bemerkte. Er verriet Abscheu. Noch nie in ihrem Leben hatte sie sich so geschämt.

In diesem Augenblick seufzte Melanie leise. Der Mann wirbelte herum und war völlig fassungslos, als er das Baby entdeckte. Es konnte also noch schlimmer kommen! Die Erniedrigung war nicht mehr zu ertragen. „Sie brauchen nicht zu bleiben“, sagte Claire feindselig. „Mir wäre es sogar lieber, wenn Sie endlich verschwinden würden!“

„Claire!“ Ihre Tante war außer sich.

„Lasst mich einfach nur in Ruhe!“ Wütend ging Claire zum Kinderbettchen. Erleichtert stellte sie fest, dass ihre Schwester tief und fest schlief. Plötzlich fiel die Anspannung von ihr ab, und Tränen stiegen ihr in die Augen. Es war alles so hoffnungslos. Sie war ganz auf sich selbst gestellt, Melanie sollte von Adoptiveltern großgezogen werden, und nun noch der Unfall …

Ihr Handgelenk und ihre Rippen schmerzten immer stärker. „Bitte gehen Sie.“ Ihr wurde schwindelig, sie wollte sich noch am Bett festhalten, schaffte es jedoch nicht. Und plötzlich wurde alles um sie her schwarz.

Als Claire langsam das Bewusstsein wiedererlangte, befand sie sich auf einer Trage in einem Krankenwagen. Erstaunt blickte sie sich um. Sie traute ihren Augen kaum. Neben ihr saß nicht ihre Tante, sondern der fremde Mann, und er hatte Melanie auf dem Arm.

Bevor sie etwas fragen konnte, waren sie schon im Krankenhaus angekommen. Claire wurde in die Notaufnahme gebracht und geröntgt. Wenigstens ist keine Rippe gebrochen, dachte sie erleichtert, als der Arzt ihr die Diagnose mitteilte. Das war die gute Nachricht. Die schlechte betraf ihr Handgelenk. Der Knochen musste gerichtet werden, und die Ärzte wollten sofort operieren.

„Was ist mit Melanie?“, erkundigte sie sich besorgt. Das Narkosemittel begann schon zu wirken, sie konnte kaum noch klar denken. „Wo ist Tante Laura?“

„Soll ich sie kommen lassen?“ Es war nicht zu fassen. Der Mann war immer noch da. Hatte er etwa die ganze Zeit im Warteraum gesessen? Wollte er nicht nach Mailand fliegen? Oder war es Madrid gewesen?

„Nein …“ Ihr fielen die Augen zu. „Bitte lassen Sie nicht zu, dass man sie mir wegnimmt …“

„Versprochen.“

Sie liebte diese tiefe Stimme. Es war das Erste, woran Claire sich erinnerte, als sie zwei Stunden später wieder aufwachte. Sie lag in einem Bett, ihr Handgelenk war eingegipst, und ihr Arm befand sich in einer Schlinge. Wenigstens konnte sie die Finger bewegen. Wie aber sollte sie Melanie füttern und wickeln? Acht Wochen, hatte der Arzt gesagt. Entmutigt schloss sie die Augen. Vielleicht war alles nur ein böser Traum. Wenn sie jetzt einschlafen würde …

„Wie geht es Ihnen?“, fragte eine ihr nur allzu vertraute männliche Stimme.

2. KAPITEL

Claire öffnete langsam die Augen und betrachtete den großen, schlanken Mann, der vor ihrem Bett stand. Sie konnte es nicht fassen: Tante Lauras Arbeitgeber, der mächtige Aufsichtsratsvorsitzende einer Bank, war immer noch bei ihr im Krankenhaus! Er hatte doch nicht etwa die ganze Zeit gewartet?

„Wie fühlen Sie sich?“ Forschend betrachtete er sie.

„Als hätte mir jemand eine Holzhammernarkose verabreicht.“ Sie schnitt ein Gesicht.

„Das sind die Nachwirkungen des Betäubungsmittels. Es dauert etwas, bis sie abgeklungen sind. Sobald Sie sich gut genug fühlen, dürfen Sie nach Hause.“