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Ingeborg Elisabeth Ohlmann wurde 1956 in Illingen/Saarland geboren. Nach einer Ausbildung als Altenpflegerin studierte sie Sozialpädagogik. Die Autorin arbeitet in Hessen und lebt mit ihrem Lebenspartner, einem Pferd und zwei Katzen im Odenwald. Bei R. G. Fischer in der Anthologie, Autoren-Werkstatt; 36 ist ihre Kurzgeschichte: „Das lebendige Bild“ 1993 erschienen. In dem Gedichtband der Nationalbibliothek des Deutschsprachigen Gedichtes, Ausgewählte Werke IV erschien 2001 ihr Gedicht: „Die Mauer“ und bei der Frankfurter Bibliothek, Jahrbuch für das neue Gedicht, Brentano-Gesellschaft, Frankfurt a.M. wurde 2004 ihr Gedicht: „Jerusalem“ veröffentlicht. Ihr erster Roman: „Die Magd von der Ronneburg“ wurde 2016 bei dem tredition-Verlag veröffentlicht. „Oswald, der kleine Esel“ und andere Geschichten für Kinder“ erschien 2017 ebenfalls bei dem tredition-Verlag. Diese Geschichten sind zur Unterstützung für krebskranke - und behinderte Kinder und Erwachsene gedacht.

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© 2017 Ingeborg Elisabeth Ohlmann

Illustration des Titelbilds: Ingeborg Elisabeth Ohlmann

Lektorat, Korrektorat: Dajana Arnold, Zeichnungen der Kindergeschichte: „Das blaue Schrankhaus“ sind von Birgit Closen und Silvia Weichel.

Illustrationen der weiteren Kindergeschichten sind von Ingeborg E. Ohlmann

Verlag: tredition GmbH, Hamburg

ISBN

Paperback 978-3-7439-3703-1 (Paperback)
Hardcover 978-3-7439-3704-8 (Hardcover)
e-Book 978-3-7439-3705-5 (e-Book)

Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichkeit.

Ingeborg Elisabeth Ohlmann

Oswald, der kleine Esel und andere Geschichten für Kinder und Erwachsene

Für Birgit, Silvia und Monika

Inhaltsverzeichnis:

Der flügellahme Schmetterling Muriel

Auf der Suche nach Mutters Freund Jesus

Das blaue Schrankhaus

Charlotte, das Känguru

Oswald, der kleine Esel

Der flügellahme Schmetterling Muriel

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Der flügellahme Schmetterling Muriel

Es war einmal ein Schmetterling in einem fernen Land. Die Landschaft war hügelig, die Wiesen umzäunt mit wilden Buschrosenhecken, blühenden Rhododendronhecken und aufgehäuften Steinmauern. Von den schroff abfallenden Klippen sah das Meer azurblau aus. Von den Einheimischen wurde das Meer nur die Azurblaue See genannt. Die bunten Flügelfarben des Schmetterlings sahen so farbenfroh aus, als seien sie von einem Maler gerade vermischt worden. Der Schmetterling unternahm jetzt bereits zum dritten Mal einen Flugversuch. Aber auch dieser scheiterte kläglich. Zu allem Unglück fiel er diesmal sogar auf den Rücken. Aus dieser misslichen Lage konnte er sich nicht mehr alleine befreien.

Fast lautlos zog eine Schneckenfamilie an ihm vorbei, ohne ihn zu beachten. Seine Rufe „Hilfe! Hilfe!“, hörten sie nicht. Sie waren viel zu beschäftigt, ihren Weg fortzusetzen.

Als nach geraumer Zeit die kleine Schnecke Agnes langsam und schnaufend vorbeikam und vor sich hin schimpfend sagte: „Warum können die nicht einmal auf mich warten, immer haben sie keine Zeit! Sie haben gar nicht gemerkt, dass ich nicht da bin!“ „Hilfe, Hilfe!“, schrie der verunglückte Schmetterling noch einmal.

Die Schnecke stoppte abrupt, sodass ihr Haus fast auf der Seite stand. „Warst du das, kleiner Schmetterling?“ „Ja, bitte hilf mir! Ich liege auf dem Rücken und kann mich nicht mehr auf die Seite drehen. Ich bekomme keine Luft mehr!“ japste er. Agnes schob ihre kleinen Hörner unter den federleichten Körper des Schmetterlings und schon war er wieder aus seiner misslichen Lage befreit. „Danke, liebes Schneckenmädchen. Ich dachte schon, mein letztes Stündlein hätte geschlagen. Ich kann auch nicht mehr fliegen.

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Irgendetwas sitzt auf meinem Rücken fest und beschwert die linke Seite, so dass ich nicht zum Flug starten kann.“ Agnes betrachtete den Rücken des Schmetterlings. „Ich sehe einen dicken braunen Knuppel. Ich habe versucht, ihn mit meinen Hörnern wegzudrücken, aber der sitzt fest, tut mir leid. Aber lass mich einmal überlegen. Ich kenne den Käfer Hoster, der kann mit seinen Scheren Gras und große Blätter schneiden. Vielleicht kann er auch deinen Knuppel wegschneiden. Da du nicht fliegen kannst, hebe ich dich auf mein Haus und trage dich zum Käfer Hoster. Du weißt doch, Schnecken sind die stärksten Tiere der Welt, denn wir tragen unser Haus auf dem Rücken.

Einen leichten Schmetterling kann ich auch noch zusätzlich tragen.“ Dabei lachte sie verschmitzt. „Danke, liebe Schnecke, dass du das für mich tun willst!“ Mit einem tiefen Seufzer der Anstrengung hob Agnes den Schmetterling auf ihr Haus. Jetzt ging es im Schneckentempo durch die bunten Blumenwiesen.

Sie waren schon viele Stunden gewandert, als sie endlich den Park erreichten. Hier gab es viele verschiedene Bäume. Es gab sogar Bäume, die waren über hundert Jahre alt. Auf einem dieser Bäume war die Behausung des Hirschkäfers. Es war ein Mammutbaum. Hier stoppte die Schnecke Agnes. Zur Verwunderung des Schmetterlings sagte sie jetzt einen Losungsspruch: „Hoster, gib fein Acht, ich habe dir etwas mitgebracht. Von den Rhododendronblüten fein, soll es jetzt dein Honig sein.“ Kaum hatte sie diesen Spruch gesagt, da kam in einer großen Geschwindigkeit ein mächtiger schwarzer Käfer mit großem Geweih und schweren Scheren den riesigen Stamm des Baumes heruntergelaufen. Der zarte Schmetterling erschreckte sich vor dem mächtigen Tier. Aber als er sah, wie die Schnecke Agnes aus ihrem Haus einige Blütenblätter der Rhododendronbüsche an den Käfer verteilte, und er nach einer liebevollen Umarmung mit der kleinen Schnecke friedlich und laut schmatzend die Blätter genüsslich verzehrte, hatte der Schmetterling wieder Zuversicht, dass der Käfer ihm nichts zuleide tun würde, sondern ihm viel mehr helfen würde. Nachdem der Käfer sein Mahl beendet hatte, sagte er: „Ich sehe schon, Agnes, du hast mir wieder einen neuen Patienten mitgebracht, denn ich sehe, dass er auch diese schwarzen Knuppel hat. In den letzten Wochen kamen viele Tiere zu mir. Überall haben sich die Knuppel breitgemacht. Selbst Vögel kommen jetzt schon zu mir: Möwen, Krähen, Enten, sogar ein Weißkopfseeadler hatte die riesigen Knuppel zwischen seinen Flügeln. Den Knuppel habe ich rausgeschnitten, aber jetzt muss er noch in die Azurblaue See abtauchen und die Höhle der blauen Fee finden. Nur diese Fee vermag aus Seerosen und Magnolienblättern, einen Heilverband zu weben. Sie webte zusammen mit ihren Seidenspinnerinnen ein feines Netz, so dass der Adler wieder fliegen konnte. Aber es ist schwer, den Eingang zur Azurblauen See zu finden. Viele haben vergeblich gesucht. Aber jetzt will ich dir erst einmal den Knuppel wegschneiden. Wie ich diese ekeligen Knuppel hasse!“ brummelte er vor sich hin.

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