Kai Romhardt

Achtsam wirtschaften

Wegweiser für eine neue Art zu arbeiten,
zu kaufen und zu leben

Logo

Titel der Originalausgabe: Achtsam wirtschaften. Wegweiser für eine neue Art zu arbeiten, zu kaufen und zu leben

© Verlag Herder GmbH, Freiburg im Breisgau 2017

Alle Rechte vorbehalten

www.herder.de

Umschlaggestaltung: Gestaltungssaal

E-Book-Konvertierung: le-tex publishing services GmbH, Leipzig

ISBN (E-Book): 978-3-451-81211-8

ISBN (Buch): 978-3-451-06971-0

Inhalt

Geleitwort von Thich Nhat Hanh

Vorwort

Einleitung: Wir sind die Wirtschaft

Wir sind die Arbeit

Der Duft der Arbeit

Förderliche Geisteszustände in unserer Arbeit

Methoden der Achtsamkeitsschulung

Unsere Arbeitshaltung ändern

Die wahre Natur der Arbeit

Mythen und Zerrbilder der Arbeit

Zentrale Wahldimensionen unserer Arbeit: Wählen oder gewählt werden

Das Maß der Arbeit

Gesichter der Maßlosigkeit

Maßvolle Aktivität und konzentrierte Tatkraft

Die Motivation der Arbeit

Heilsame Motivation entwickeln und nähren

Die drei Komplexe des Geistes überwinden

Neue Wege gehen

Wir sind das Geld

Der Duft des Geldes

Wahre Großzügigkeit

Heilsamer Umgang mit Geld und Eigentum

Die wahre Natur des Geldes

Mythen zum Thema Geld und Finanzen

Unsere Finanzen verstehen

Finanzielles Maß

Wege zum rechten Maß

Die Motivation des Geldes

Unsere tiefsten Wünsche – Die Glückssuche

Wir sind der Konsum

Der Duft des Konsums

Konsumfallen

Unseren Konsum befreien – Frei Konsumieren

Heilsames Konsumverhalten im Alltag

Wahre Natur des Konsums

Materieller Konsum

Geistiger Konsum

Heilsame Konsumstrategien

Maß des Konsums

Maßvolles Konsumieren – Wege zum rechten Konsummaß

Motivation des Konsums

Konsumgewohnheiten erkennen und transformieren

Epilog: Wir sind die Zukunft

Endnoten

Literatur

Das Netzwerk Achtsame Wirtschaft

Übungsorte der Achtsamkeit

Über den Autor

Danksagung

Geleitwort von Thich Nhat Hanh

Im Jahre 1999 führten wir in Plum Village (Frankreich) ein Achtsamkeitsretreat für Geschäftsleute durch.

Wir übten Sitzmeditation und erfreuten uns an unserem Ein- und Ausatmen. Wir übten Gehmeditation, schritten sanft über die Erde, kamen mit jedem Schritt im gegenwärtigen Augenblick an und berührten die Wunder des Lebens. Gemeinsam schauten wir in uns, wie wir arbeiten, wie wir mit finanziellen Themen umgehen und wie wir konsumieren. Können wir wirtschaftlich erfolgreich sein und gleichzeitig unsere Achtsamkeit aufrechterhalten? Ja, das können wir.

Als Geschäftsleute können wir glücklich und friedvoll leben. Auch Firmen und Unternehmen können glücklich und friedvoll sein. Sie möchten, dass Ihr Unternehmen gedeiht und Erfolg hat, doch dies muss nicht auf Kosten anderer Unternehmen geschehen. Alle Unternehmen können wachsen und florieren und sich dabei gegenseitig fördern.

Kai Romhardt verbrachte als Langzeitpraktizierender mehr als 1 ½ Jahre in Plum Village, unserem Praxiszentrum im Südwesten Frankreichs. Hier schloss er sich der täglichen Achtsamkeitspraxis unserer monastischen Gemeinschaft an. In seinem Buch teilt Kai mit uns, wie die Übungen des Innehaltens und tiefen Schauens zu einem machtvollen Instrument werden können, um das Leiden zu überwinden, das uns durch falsches ökonomisches Denken und Handeln entstanden ist. Hierbei helfen uns achtsames Atmen, Gehmeditation, tiefes Zuhören und und liebevolle Rede.

Wenn wir tief in unser eigenes Glück und Leiden schauen, werden wir sehen, dass dieses nicht vom Glück und Leiden anderer getrennt ist. Wahres Glück ist ohne Verstehen und Mitgefühl nicht möglich. Wenn wir Macht, Reichtum und Sinnesvergnügen hinterher rennen, können wir viel Leiden und Verzweiflung in uns und anderen hervorrufen. Mit Hilfe der Achtsamkeitspraxis können wir den gegenwärtigen Augenblick genießen und die Wunder des Lebens berühren – in uns und um uns herum. Wir werden sehen, dass wir schon ausreichend Bedingungen in unserem Leben haben, um glücklich zu sein – jetzt, in diesem Augenblick.

Mit der Einsicht, dass Glück keine individuelle Angelegenheit ist und dass das Wohlergehen anderer unser eigenes Wohlergehen darstellt, werden wir auf neue Art und Weise arbeiten, konsumieren und mit unseren Finanzen umgehen. Wir erfreuen uns am eigenen Erfolg und am Erfolg anderer. Mit Hilfe nicht-dualistischen Denkens können wir unsere Wirtschaft gemeinsam transformieren.

Thich Nhat Hanh, Sommer 2009,
Plum Village, Frankreich.

Vorwort

Als das Buch neu auf den Markt kam, schien das Thema „Achtsamkeit in der Wirtschaft“ eines für Exoten zu sein. Diese Zeiten sind inzwischen vorbei, wie schön.

Dieses Buch hat vielen Akteuren – sei es in der Wirtschaft oder in spirituellen Kreisen – verdeutlicht, wie die buddhistische Lehre und Praxis konkret dabei helfen kann, eine menschlichere Wirtschaft zu schaffen. Und dass es dabei nicht allein um „die da oben“, sondern um jeden Einzelnen von uns geht. Jeder von uns schafft unsere Wirtschaft – sei es als Konsument, Sparer, Investor oder Arbeitender – jeden Tag aufs Neue. Es geht darum, bei uns selbst zu beginnen und in konzentrischen Kreisen weiter zu wirken. Alles beginnt mit unserer persönlichen Art zu arbeiten, zu konsumieren oder mit Geld umzugehen.

Ob in der Wirtschaft oder in buddhistischen Kreisen, immer mehr Menschen wird klar, dass wir nicht mit den alten ökonomischen Ideen und Werten weitermachen können. Und immer mehr Menschen hinterfragen unsere wirtschaftlichen Glaubenssätze. Mit Hilfe der buddhistischen Lehre – des Dharma – gelangen sie so zu einem neuen wirtschaftlichen Verständnis, das dem Leben dient.

Die Verabschiedung von Glaubenssätzen ist langwierig, weckt Widerstände und beginnt beim Einzelnen. Das habe ich am eigenen Körper und Geist erfahren. Denn ich war ein privilegierter Teil des Wirtschaftssystems. Neun Jahre intensive Sozialisation im ökonomischen Denken prägten meine Art, die Welt und mich selbst zu betrachten. Sie haben Spuren in meinem Geist hinterlassen.

Mein wirtschaftlicher Werdegang umfasste eine kaufmännische Ausbildung im Axel-Springer-Verlag, ein BWL-Studium in Hamburg und St. Gallen und eine Promotion zum Wissensmanagement in Genf. Dazu gesellten sich Praktika bei McKinsey&Company und Roland Berger Consultants sowie intensive Zeiten in der Studentenorganisation AIESEC und bei den Hamburger Wirtschaftsjunioren.

Im Alter von 30 Jahren hatte ich einen Management-Bestseller geschrieben, einen ökonomischen Forschungspreis gewonnen, meine ersten Unternehmen beraten und stieg als Berater bei McKinsey&Company ein. Und ich hatte Werte wie Leistung, Wettbewerbsdenken, Wachstum und Erfolg tief verinnerlicht. Sie dienten mir als Kompass. Ich atmete sie.

Doch ich war nicht glücklich, noch nicht einmal zufrieden. Etwas lief falsch. Wo war die versprochene Belohnung für all meine Bemühungen? Statt zur Ruhe zu kommen, statt zufrieden zu werden, baute sich hinter jedem bestiegenen Berg ein neues Gebirge, neuer Druck auf. Die Zweifel am Sinn meines Weges wuchsen, machten mir Angst und schließlich kapitulierten mein Körper und Geist vor diesem Widerspruch.

In der anschließenden Sinnkrise hinterfragte ich alles, an das ich bisher geglaubt hatte. Was macht mich wirklich glücklich, was macht mich zufrieden, was kann ich tun, um ein sinnvolles Leben zu führen? Was ist meine tiefste Motivation? Mit welchen Augen schaue ich auf die Welt?

Diese Fragen stellte ich mir vor 18 Jahren, sie gaben meinem Leben und meiner Arbeit eine neue Richtung. Nach intensivem Suchen und Studieren fand ich die besten Antworten in der buddhistischen Lehre, Meditation und Übungspraxis. Insgesamt zwei Jahre verbrachte ich in buddhistischen Übungszentren. Meine Sicht auf mich selbst und mein Denken über das, was wir Wirtschaft nennen, änderte sich umfassend. Ich begann, die wahren Quellen von Glück und Zufriedenheit zu sehen, und befreite mich schrittweise von Konkurrenz-denken, innerer Unruhe und anderen inneren Quälgeistern. Mir wurde klar, dass wir bei unserem eigenen Geist ansetzen können und müssen, wenn wir uns selbst und unsere Wirtschaft verändern wollen. Wenn wir eine achtsamere und sinnvollere Wirtschaft wollen, dann gilt es, uns selbst zu verändern. Ohne die Zähmung und Weiterentwicklung unseres Geistes werden uns Konsum, Geld und Arbeit nicht glücklich machen können. Im Gegenteil, sie können uns selbst und unsere Gesellschaft zerstören.

Das, was ich in diesem Buch vorstellen möchte, sind die Koordinaten einer „Achtsamen Wirtschaft“. Einer Wirtschaft, die dem Leben dient. Einer Wirtschaft, deren Akteure sich um Klarheit und tiefe Bewusstheit für ihre Taten bemühen, die sich aus falschen ökonomischen Glücksversprechen befreit und sinnvolle Aktivitäten entwickelt haben.

Wirtschaft sollte neu gedacht werden und sich von scheinbaren ökonomischen Wahrheiten oder Normalitäten als auch von destruktivem Denken und Handeln lösen, denn vieles kann einem einfachen Glück im Wege stehen: Gnadenlose Selbstbewertung, Dauervergleich, latente Unzufriedenheit und falsche Koordinatensysteme und Glücksvorstellungen. In hunderten von Gesprächen und Austauschrunden habe ich von persönlicher Transformation gehört, die ihren Ausgangspunkt in der Meditations- und Achtsamkeitspraxis gefunden hatte.

Noch vor zehn Jahren schienen Buddhismus und Wirtschaft, Meditation und Produktion, Mitgefühl und wirtschaftlicher Erfolg zwei Welten zu sein – zwei unvereinbare Welten. Ich war mir sicher, dass dem nicht so ist. Das hatte ich persönlich und in meiner Arbeit im Netzwerk Achtsame Wirtschaft erfahren. Den Schatz des Dharma, die heilsame Transformationskraft der Achtsamkeitspraxis sichtbar und erlebbar zu machen und auf konkrete Felder des Wirtschaftens anzuwenden, das war die Hauptmotivation für das Verfassen dieses Buches.

Dass ein solcher Wandel möglich ist, davon war und bin ich zu tiefst überzeugt. Ich habe es im Kleinen und im Großen erlebt – persönlich und durch meine Freunde und Freundinnen im Netzwerk Achtsame Wirtschaft, in dem wir uns seit 2004 gemeinsam treffen und die verschiedensten Aspekte achtsamen Wirtschaftens vertiefen und mit ihnen experimentieren. Wir wollen die Grundpfeiler unseres Wirtschaftssystems furchtlos betrachten, verändern und durch heilsamere Denkweisen und Werte verändern. In einer Zeit von Unsicherheit, Krisen und Umbrüchen, sind die Rückkehr zum Wesentlichen und die Abkehr von Gier, Hass und Verblendung von größter Bedeutung.

Ich erlebe eine große Sehnsucht, sich von diesen Geistesgiften zu befreien. In meiner Arbeit mit Banken, Versicherungen oder Energieerzeugern, mit Sozialträgern, NGOs oder Behörden, Unternehmensberatungen oder mittelständische Betriebe – überall stoße ich auf Menschen, die sich diese Befreiung für sich und ihre Organisationen wünschen. Ich stoße auf große Ängste und großen Mut. Hinter jeder Rolle, jedem Titel treffe ich auf Menschen, die sich für ihr Leben sehr Ähnliches wünschen: Mehr Verbundenheit, mehr Zufriedenheit, mehr Sinn und mehr Liebe. Und die darunter leiden, dass sie sich im Strom ihrer Arbeit und den Kontakt zu Wesentlichem verlieren. Es ist wunderbar zu erleben, wenn sich diese Verbundenheit aufs Neue einstellt. Wenn eine Gruppe nach Jahren zum ersten Male wieder einander zuhört oder den Mut findet, die wahren Probleme zu benennen und die lähmende Angst zu überwinden, die uns in so vielen Bereichen der Wirtschaft die Lebensenergie raubt.

In der Gesellschaft ist die Offenheit für das Thema Achtsamkeit über die Jahre in vielen Lebensbereichen deutlich gewachsen. Ja, heute beobachten wir gar einen wahren Hype um das Thema. Manager lassen sich meditierend für Wirtschaftsmagazine ablichten, die Anzahl wissenschaftlicher Studien zum Thema explodiert. Diverse Zeitschriften, Institute, Studien, Beratungsunternehmen tragen inzwischen das Wort Achtsamkeit im Namen. Was wird diese Bewegung verändern? Welche Ideen von Wirtschaft müssen neu gedacht, welche scheinbaren ökonomischen Wahrheiten oder Normalitäten abgelegt werden? Wie tief muss der Wandel gehen? Eins ist klar: Der Wandel fängt bei uns selbst an, indem wir erkennen, wie wir selbst unserem einfachen Glück im Wege stehen.

Aktuell wird viel über säkularen Buddhismus geschrieben, einen Buddhismus, der sich von seinen historischen Bezügen und Begrifflichkeiten und jeder Anmutung von Religiösität verabschiedet, um höhere Anschlussfähigkeit in unserer Gesellschaft zu erzielen. Die Verheißung, dass Achtsamkeit zu erhöhter Leistungsfähigkeit, Effektivität, Durchhaltevermögen und Stressresistenz führt, dominiert hauptsächlich in ökonomischen Zusammenhängen. Die klassische Motivation der Achtsamkeitsschulung, die Kultivierung von Sammlung, Einsicht und Weisheit sowie Mitgefühl spielt weiterhin nur eine untergeordnete Rolle. Durch diese zunehmende Bekanntheit und Verbreitung des Themas Achtsamkeit kommen zwar immer mehr Menschen mit der Praxis in Kontakt und erhalten heilsame Impulse für ihr Leben, gleichzeitig wird die Tiefe des Dharma dadurch immer weiter vereinfacht. Daher müssen wir auf der Hut sein, aus einem lebenslangen Praxisweg und einer ethisch gegründeten Lebenshaltung kein Tool zu machen, das den Turbokapitalismus auf eine noch höhere Stufe der Selbstausbeutung hebt, denn: In meiner Erfahrung tun wir uns selbst und anderen keinen Gefallen, wenn wir uns selbst überholen.

Dieses Buch entscheidet sich bewusst dafür, die buddhistischen Wurzeln seiner Inspiration zu benennen und verwendet seine zentralen Begrifflichkeiten. Ich liebe das Dharma und das dürfen auch alle wissen. Ich liebe die Tiefe und Unermesslichkeit seiner Lehren und bin mir bewusst, dass ich auch als Dharmalehrer in vielen Feldern der Praxis immer noch am Anfang stehe.

Wenn ich für ein Seminar, einen Vortrag, ein Coaching oder einen Workshop angefragt werde, frage ich heute meist: „Wie buddhistisch darf es denn sein?“ Das Problem mit manchen Angeboten zum Thema Achtsamkeit besteht darin, dass man meint, dass man Achtsamkeit trainieren und dabei Fragen der Ethik ausklammern könnte. Doch das ist nicht möglich, wir berühren zwangsläufig eine Reihe von ethischen Themen und Fragen. Mein Lehrer Thich Nhat Hanh hat immer wieder betont, dass Achtsamkeit und Ethik zwei Seiten derselben Medaille sind. Achtsamkeit schafft ein Feld, das unsere grundlegende erwachte Natur aktiviert und uns auf natürliche Art und Weise ethisch handeln lässt. Und ethisches Handeln stärkt wiederum unsere Verbundenheit mit der Welt und uns selbst. Achtsamkeit schenkt uns Klarheit, gibt uns einen Kompass für heilsames Handeln und Nicht-Handeln.

Organisationen, die sich auf einen solch tiefgehenden Prozess einlassen oder in ihre Gründungsverfassung aufnehmen, wünschen sich primär, dass ihre Mitglieder mitfühlender, weiser, verständnisvoller, freudiger, gesammelter, freier und sinnvoller in und für die Organisation agieren und ihr wahres Potenzial entfalten. Die Organisation ist Mittel zum Zweck höherer, gemeinwohlfördernder Ziele. Dass ihre Mitglieder auf diesem Wege zudem effektiver, entspannter und gesünder agieren, ist ein schöner und logischer Nebeneffekt. Eine achtsamkeitsbasierte Wirtschaftsethik ist in diesen Prozess integriert, sinnstiftend und orientierend.

Dieses Buch hatte in vielem etwas Klärendes. Ich war überrascht vom Interesse sehr unterschiedlicher Unternehmen und Organisationen, sich mit dem Potenzial von Achtsamkeit für ihren Arbeitsalltag und ihre ethische Ausrichtung auseinanderzusetzen. Über die Durchführung von Vorträgen, Workshops, Trainings, Retreats und Einzelcoachings mit Unternehmern und Professionals erhielt ich einen noch tieferen Einblick in die Herausforderungen und Sehnsüchte der verschiedensten Akteure unseres Wirtschaftssystems.

Auch das Netzwerk Achtsame Wirtschaft machte durch dieses Buch einen Entwicklungs- und Wachstumssprung. In vielen Städten im deutschsprachigen Raum entstanden über die Jahre regionale Gruppen, die sich regelmäßig zu achtsamer Arbeit, achtsamem Konsum, dem heilsamen Umgang mit Geld und Finanzen austauschen – den Themen dieses Buches. Und die sich gegenseitig auf dem Weg des Verstehens und des Mitgefühls unterstützen. Es formierte sich eine „Business Sangha“, in der sich Weggefährten zu gemeinsamer Meditation, zum Austausch und vertiefendem Verstehen treffen und zunehmend auch gemeinsam nach außen wirken. Im Netzwerk sind viele Publikationen entstanden, die auf den Aussagen dieses Buches aufbauen und in klassischen ökonomischen Lehrbüchern und Fachzeitschriften veröffentlicht wurden. Wir haben gemeinsam Methoden und Prinzipien entwickelt und ausprobiert, mit denen wir unsere Arbeit in Organisationen heilsamer gestalten können. Mit mehr Leichtigkeit und Tiefe. Heute ist das Netzwerk ein gemeinnütziger Verein, der in 20 Städten mit Initiativen und Regionalgruppen präsent ist, um die 160 Veranstaltungen pro Jahr organisiert und von einem Förderkreis finanziell unterstützt wird.

In den vergangenen Jahren haben wir im Netzwerk Achtsame Wirtschaft zentrale Einsichten der buddhistischen Weisheitslehre auf den wirtschaftlichen Alltag bezogen und in einer buddhistisch inspirierten Wirtschaftsethik zusammengefasst. Auf Basis dieser Wirtschaftsethik wurde ein „Mindful Business Commitment“ entwickelt, das sechs Übungsfelder umfasst, und das im Rahmen einer Zeremonie als freiwillige Selbstverpflichtung und Übungsweg angenommen werden kann – ein übungsbasierter Eid des Hippokrates für wirtschaftlich aktive Menschen. In der Einführung heißt es:

„Indem ich mich innerlich auf eine regelmäßige Achtsamkeitsübung verpflichte und meinen Geist heilsam ausrichte, leiste ich einen wichtigen Beitrag zur positiven Veränderung unseres Wirtschaftssystems und gewinne Sinn, Einsicht und nähre mein Mitgefühl. Indem ich meine Verbundenheit mit allen Wesen erfahre, bekommt mein Leben eine klare Ausrichtung. Indem ich wirtschaftliche Zusammenhänge mit den Augen der Achtsamkeit betrachte und tiefer verstehe, kann ich zum Wandel werden, den ich in der Welt sehen möchte. Ich kann beginnen, heilsame Samen auszusäen, die unsere Ökonomie und Gesellschaft an der Wurzel verändern oder gar heilen können.“

Nur zusammen können wir eine achtsamere Wirtschaft schaffen ,ob als Unternehmer, Haushaltsvorstand oder Kleinsparer. Vieles, was hier vorgestellt wird, braucht lebendige Gemeinschaft, um zu wachsen. Dieses Buch ist kein fertiges Konzept, kein Handbuch, keine To-do-Liste. Es ist die Einladung, einen achtsamen Pfad zu betreten, in einen offenen Prozess einzutreten und mit vielen kleinen Schritten eine sinnvollere Wirtschaft zu schaffen. In diesem Sinne hoffe ich, dass die Neuauflage dieses Buches weitere Samen der Achtsamkeit in die Welt sendet und uns alle ermutigt, furchtlos und bescheiden, mit Humor und Klarheit voranzuschreiten und mit offenem Geist auf das scheinbar Normale zu blicken.

Mögen alle Wesen glücklich sein!

Kai Romhardt, Berlin, Sommer 2017

Einleitung:
Wir sind die Wirtschaft

Unser Leben ist von wirtschaftlichen Prozessen durchdrungen. Wir arbeiten. Wir kaufen Produkte. Wir leihen uns Geld oder investieren es. Durch unsere Arbeit, unseren Konsum und unseren Umgang mit Geld formen und stützen wir das, was wir Wirtschaft nennen. Wir sind diese Wirtschaft. Doch dient diese Wirtschaft unseren tiefsten Wünschen? Leistet unser aktuelles Wirtschaftssystem einen positiven Beitrag zu unserem Lebensglück? Als Menschen sehnen wir uns nach Gemeinschaft, Liebe Vertrauen und Verstehen. Unsere Arbeit, unser Konsum und unser Geld sollen und können uns auf diesem Wege dienen. Wirtschaft muss Sinn ergeben und schaffen. Das sollte unser Anspruch sein.

Unsere aktuelle Wirtschaft enttäuscht uns und macht viele von uns wütend. Wirtschafts- und Finanzkrisen schaffen eine Atmosphäre der Angst und Unsicherheit. In vielen Unternehmen nehmen Stress, Druck und Konkurrenzdenken zu. Sinn und Freude an der Arbeit geraten dagegen immer mehr ins Hintertreffen. Maßlosigkeit und Gier erschüttern das Vertrauen in die wirtschaftliche Elite. Wie konnte es dazu kommen? Was läuft falsch? Wie konnten wir eine Wirtschaft schaffen, die unsere tiefsten Bedürfnisse nicht befriedigt, die unsere Gemeinschaften schwächt, unsere Ängste und unsere Unzufriedenheit verstärkt und unsere Herzen sich verkrampfen lässt?

In Zeiten der Krise fühlen wir uns leicht als Opfer. Als Opfer von gierigen Investmentbankern, inkompetenten Politikern, unerbittlichen Marktgesetzen oder eines kühlen Managements, das Arbeitsplätze streicht oder verlagert. Es scheint, dass das, was in der Wirtschaft geschieht, weit, weit entfernt ist. Dass wir stumme Beobachter eines mächtigen Systems sind, das uns dann aber in Form von Preisen, Löhnen, Verbindlichkeiten, Steuern, Arbeitsplätzen oder Logiken einholt, prägt und bindet. Diese Beobachterperspektive ist unangemessen und gefährlich. Statt ärgerlich nach den Schuldigen zu fahnden und die sichtbaren Hauptakteure zu kritisieren, sollten wir schauen, was wir tun können, damit sich unsere Wirtschaft im Kleinen und Großen sinnvoll verändert.

Wirtschaft geschieht uns nicht! Wirtschaft ist kein autarkes System, das außerhalb unser selbst steht. Wirtschaft ist keine Veranstaltung, bei der wir nur machtlose Zuschauer sind. Wir sind es, die täglich kaufen und verkaufen, sparen und Schulden machen, arbeiten oder nicht arbeiten. Wir sind es, die Bedürfnisse entwickeln und befriedigen, die Sinnvolles herstellen oder Schädliches. Wir sind es, die unzufrieden sind oder zufrieden durchs Leben gehen. Wir sind es, die maßvoll oder maßlos konsumieren, bewusst oder unbewusst kaufen, Sinnvolles oder Sinnloses unterstützen.

Wir wählen jeden Tag aufs Neue, auch wenn die aktuellen Wirtschaftsstrukturen eine Menge strukturelle und faktische Macht besitzen. Wir sind in vielem freier, als wir denken. Das ist wunderbar und anspruchsvoll zugleich. Wirtschaft ist kein unumstößliches Naturgesetz, sondern Ausdruck unseres aktuellen individuellen und kollektiven Geistes. Jeden Tag können wir dieser Wirtschaft eine sinnvollere Richtung geben. Indem wir bewusster kaufen und konsumieren, bewusster investieren und Verbindlichkeiten eingehen und bewusster arbeiten, schaffen wir im Kleinen eine Wirtschaft, die sich vom aktuellen Wirtschaftssystem deutlich unterscheiden kann.

Millionen und Milliarden dieser kleinen, mittleren und größeren wirtschaftlichen Tätigkeiten flechten Tag für Tag eine neue Wirtschaft und bilden somit Potenziale für positive Veränderungen.

Wir sind die Wirtschaft.

Die Menschheit hat in jeder ihrer Entwicklungsphasen ein anderes wirtschaftliches Verhalten gezeigt. Ändern sich unsere Geisteshaltungen, ändert sich unsere Wirtschaft. Dieses Buch lädt dazu ein, einen frischen, praktischen und tiefen Blick auf wirtschaftliche Kernthemen zu wagen. Welchen Theorien, Begriffen und Strukturen vertrauen wir uns an? Welche Wirtschaft wollen wir?

Toxische Wirtschaftsbegriffe

In unserem Streben nach Glück haben wir uns als Einzelne und als Gesellschaft einigen zentralen wirtschaftlichen Ideen anvertraut: Wachstum, Wettbewerb, Effizienz, Rendite, Konkurrenz, Leistung und andere Konzepte haben sich tief in unserem Geist verankert. Wir spüren die Auswirkungen in unseren Schulen, Kulturbetrieben, in der Politik und an unserem Arbeitsplatz. Und wir beurteilen uns selbst mit diesen Maßstäben. Machen uns diese Ideen glücklicher? Oder haben sie die Spaltung, das Gegeneinander, das Misstrauen und die Angst in unserem Leben verstärkt?

Das Vertrauen in das vorherrschende Wirtschaftssystem bekommt immer mehr Risse. Immer weniger Menschen glauben an das Versprechen von Ökonomen, Unternehmenslenkern und Politikern, dass uns wirtschaftliches Wachstum, florierende Unternehmen und steigende Aktienkurse ein „gutes Leben“ sichern. Die Vertrauensrisse gehen inzwischen durch die gesamte Gesellschaft.

Es sind nicht nur spezielle Wertpapiere, die sich als toxisch erwiesen haben. Schauen wir genau hin, sehen wir, dass eine ganze Reihe ökonomischer Konzepte toxischer Natur sind.

Nehmen wir das Dogma des Wachstums. Was wächst denn da? Stellen wir uns folgende Frage: Was haben die Märkte für (1) Antidepressiva, (2) Gefängnisse, (3) Luxusjachten, (4) private Sicherheitsdienste und (5) Schönheitschirurgie gemeinsam? Sie wachsen weltweit. Können wir uns über dieses Wachstum freuen? Ich meine nein. Wenn diese Märkte wachsen, ist das ein Zeichen dafür, dass (1) Depression, (2) Exklusion und Gewalt, (3) Maßlosigkeit und Gier, (4) Angst und Unsicherheit sowie (5) Selbsthass und Minderwertigkeit zunehmen. Das Wachstum vieler Märkte und der steigende Konsum vieler Produkte sind kein Grund zur Freude, sondern vielmehr ein Symptom für das Anwachsen geistigen Leidens. Diese Zusammenhänge werden zu wenig beachtet, wenn über „Wachstum“ gesprochen wird.

Oder nehmen wir die Lobpreisung des Wettbewerbs. Konkurrenz und Wettbewerb werden als Kardinaltugenden der Marktwirtschaft angesehen. Doch Wettbewerb schafft gleichzeitig auf allen Ebenen unserer Gesellschaft Druck, Trennung und Spannung. Wettbewerb betont das Gegeneinander und nicht das Miteinander. Schauen wir tiefer, sehen wir, dass viele Probleme unserer modernen Gesellschaften wie Stress, Burn-out, Depression oder Ruhelosigkeit von der Idee des Wettbewerbs angetrieben werden. Es ist nie genug. Wir sind nie sicher.

Es ist an der Zeit, das wirtschaftliche Glücksversprechen auf Herz und Nieren zu prüfen. Welchen Nutzen schaffen wir wirklich? Unsere Wirtschaft hat sich in vielen Bereichen von unseren wahren Bedürfnissen entkoppelt. Sie hat uns nicht glücklicher, zufriedener oder mitfühlender gemacht, sondern hat unser Leiden vertieft, unsere Unzufriedenheit genährt und unsere Gemeinschaften geschwächt. Wir haben begrenzten wirtschaftlichen Ideen und Vorstellungen in den letzten Jahrzehnten zu viel Macht über unser Leben gegeben. Wir sollten das Monster zähmen. Und bevor wir dies tun können, müssen wir unseren eigenen Geist klären.

Dieses Buch zeigt in seinen drei Hauptkapiteln Alternativen zu einer Reihe etablierter wirtschaftlicher Begriffe und Konzepte. Ideen von Wachstum, Rendite, Gewinn und Erfolg werden herausgefordert. Das ökonomische Denken ist von falschen Ursache-Wirkungs-Vermutungen durchdrungen und agiert mit vergifteten Begriffen und Hypothesen. Macht uns unsere aktuelle Wirtschaft zufriedener oder liebevoller? Die meisten Ökonomen fühlen sich für diese und ähnliche Fragen schlicht nicht zuständig. Doch sie sind relevant, ja sie sind entscheidend. Eine Ökonomie, die unseren geistigen Wohlstand nicht im Blick hat, unser menschliches Potenzial nicht sieht und die unsere tieferen Bedürfnisse nicht verstehen und befriedigen kann, die hat versagt und sollte durch eine umfassendere Perspektive ersetzt werden.

Wir brauchen ein neues Leitbild für unser ökonomisches Handeln.

Ein neues Leitbild: Achtsam wirtschaften

Im Buddhismus heißt es: „Es ist der Geist, der unsere Welt erschafft.“ Unser Geist umfasst unser Denken, unser Fühlen, unser Urteilen und unsere Sinneswahrnehmungen. Unsere Ideen, Theorien, Werte und Erinnerungen sind Teil unseres Geistes. Unser aktueller Geisteszustand, unsere Stimmungen färben unser Alltagserleben ein. Sie erschaffen auch unsere wirtschaftliche Realität und lenken unsere alltäglichen wirtschaftlichen Handlungen. Die Wurzeln von Glück, Freude oder Zufriedenheit sind ebenfalls geistiger Natur. Wir sollten hohe Klarheit über unsere persönlichen geistigen Prozesse besitzen. Wir sollten wissen, wie unser Geist funktioniert. Nur wenn wir wissen, was wir denken und fühlen und wie wir wahrnehmen und urteilen, können wir die Welt tief verstehen und frei entscheiden. Der Schlüssel zu einer solchen geistigen Klarheit liegt in der Kultivierung von Achtsamkeit.

Achtsamkeit wird im Buddhismus als „royal state of mind“ gesehen. Achtsamkeit ist die Fähigkeit unseres Geistes, die Dinge so zu sehen, wie sie wirklich sind. Achtsamkeit ist kein Konzept, sondern ein Geisteszustand, den wir wie einen Muskel trainieren können. In diesem Buch werden einige effektive und erprobte Methoden zur Kultivierung dieses Geisteszustandes vorgestellt. Im Mittelpunkt steht dabei, wie die Klarheit, die uns Achtsamkeit schenkt, unser Denken über wirtschaftliche Zusammenhänge revolutionieren kann.

Durch erhöhte Achtsamkeit können wir geistige Prozesse erhellen. Wir sehen, was wir uns vom Kauf eines Autos erwarten, welche Gefühle der Blick auf unser Girokonto auslöst und wie der Vergleich mit unseren Kollegen unseren Körper anspannt. Wir erforschen die tieferen Motivationen unserer Handlungen, legen das Wesentliche frei, dekonditionieren uns und erhalten so neue Freiräume. Wir betrachten unsere emotionalen Erwartungen beim Produktkauf, spüren unsere Unruhe beim Studieren der Aktienkurse und erkennen, wie wir durch Stress, ständiges Planen und Spekulieren die Schönheit des aktuellen Augenblicks verpassen.

Achtsamkeit bringt uns mit der lebendigen Wirklichkeit in Kontakt – mit dem Zauber des gegenwärtigen Moments. Wir leben nur jetzt. Nicht in der Zukunft und auch nicht in der Vergangenheit. Unser Leben ist aus Gegenwart gemacht. Verpassen wir diese Gegenwart, verpassen wir unser Leben. Berühren wir den gegenwärtigen Augenblick tief und rennen wir nicht an ihm vorbei, öffnet sich ein Tor. Hier einige Effekte und Erfahrungen, welche die Achtsamkeitsschulung in das Leben und Arbeiten von Mitgliedern des Netzwerkes Achtsame Wirtschaft gebracht hat: Freude absichtslosen Gebens – Klarheit über Arbeitsgewohnheiten durch Arbeitsmeditation – Dankbarkeit für das Vorhandene – De-Identifikation mit materiellen und geistigen Besitztümern – Freude des einfachen Lebens – Kultivierung einer entspannten Grund- und Arbeitshaltung – Transparenz über heilsame und unheilsame Produkte – Stärkung persönlicher Impulsdistanz – Betonung von Inklusivität statt Exklusivität – Aufgabe der Idee des „Mittelheiligenden-Zweckes“ – Meisterung schwieriger Emotionen – Stärkung der Genussfähigkeit – Halten des rechten Maßes – bewusste und freudige Selbstbeschränkung – Wahl einer ethischen Grundausrichtung und Einübung derselben – Erkennen wahrer Bedürfnisse – Schrittorientierung statt Leben in der Zukunft – Zähmung der eigenen Begierden.

Diese Erkenntnisse verändern unsere Arbeit, unseren Konsum und unseren Umgang mit Geld und Finanzen. In den Hauptkapiteln dieses Buches werden neben den oben genannten Themen eine Vielzahl weiterer Erkenntnisse und Erfahrungen vorgestellt, die unser wirtschaftliches Handeln umfassend verändern können. Hierbei sind die Erfahrungen von Hunderten Achtsamkeitsübenden eingeflossen. Achtsamkeit ist kein Zaubertrank, sondern ein Übungsweg. Ein geistiger Schlüssel, der uns zu einem Ausblick auf eine inspirierendere, sinnvollere, heilsamere Wirtschaft verhilft.

Mut zur Vision

Unser aktuelles Wirtschaftssystem bietet wenig Inspirierendes. Sieht man von einigen wenigen Unternehmerpersönlichkeiten ab, strahlt unsere Wirtschaft Kälte aus. Vielen von uns macht sie Angst, sie weckt in uns Ärger oder macht uns hilflos. Die Börse erscheint uns wie ein unberechenbares, wildes Tier, das mit seinen unvorhersehbaren Bewegungen ganze Branchen und Volkswirtschaften in den Abgrund reißen kann. Das kann es nicht sein. Wir brauchen eine andere Vision. Wir brauchen den Mut, eine andere Wirtschaft zu fordern und schrittweise im eigenen Leben zu erproben. Wir brauchen das Herz, die Disziplin und die persönliche Erfahrung, dass wir wirtschaftliche Prozesse auch sinnvoller, achtsamer und liebevoller organisieren können. Das gibt uns die Kraft, eine wahrhaft inspirierende Wirtschaftsvision zu formulieren und zu leben.

Wie sähe unser Leben mit einer Wirtschaft aus, die …

Wir brauchen eine solche Vision, um nicht an der „Normalität“ des Status quo zu verzweifeln. Wir brauchen Geduld, Disziplin und Weggefährten. Und die Erfahrung, wie unsere Arbeit und alle anderen ökonomischen Prozesse schrittweise zu wahren Quellen von Glück, Freude, Verbundenheit und anderen geistigen Schätzen werden. Basis hierfür ist ein realistisches, entwicklungsbasiertes, positives Menschenbild.

Ein neues Menschenbild

Die Ökonomie hat mit dem „Homo oeconomicus“ ein unrealistisches und negatives Referenzmodell des Menschen geschaffen. Niemand ist je einem Menschen begegnet, der sich wie ein eigeninteressierter, rational handelnder Nutzenmaximierer verhält, der mit feststehenden Präferenzen ausgestattet ist und auf der Basis vollständiger Information wie eine Maschine reagiert. Heute findet sich kaum noch ein Ökonom, der den Homo oeconomicus nicht als unrealistisches Konstrukt bezeichnet. Und dennoch prägt diese Kunstfigur, dieses fiktive Wesen weiterhin ökonomische Lehrbücher, volkswirtschaftliche Theorien und die Ideen über zentrale wirtschaftliche Ursache-Wirkungs-Zusammenhänge.

Psychologie, Philosophie, Soziologie und viele andere Wissenschaften haben auf vielerlei Wegen gezeigt, dass der Homo oeconomicus eine ungeeignete, fehlerhafte Modellierung des Menschen ist. Seit Tausenden von Jahren diskutieren die besten Denker der jeweiligen Zeit über die menschliche Natur. Wie funktionier t der Mensch? Was motivier t ihn? Jeder von uns hat in diesem Feld seine eigenen Erfahrungen gemacht – mit sich selbst und seinen Mitmenschen. Ist der Mensch von Natur aus gut oder böse, frei oder determiniert, triebgesteuert oder rational, ein Kind Gottes oder eine Ansammlung von Zellen? Die Meinungen gehen hier sehr auseinander.

Dieses Buch vertraut dem Menschenbild des Buddhismus. Der historische Buddha hat in einem sehr intensiven Prozess der Selbsterforschung und Meditation zentrale Erkenntnisse über die menschliche Natur gewonnen. Diese Erfahrungen machte er zur Grundlage seiner Lehre, dem Dharma. Die Erfahrungen des Buddha wurden über 2.500 Jahre von zahllosen Meditierenden, Dharma-Lehrern, Mönchen und Nonnen sowie Laienpraktizierenden bestätigt. Ein beispielloser empirischer Test, die Verifizierung eines Menschenbildes durch Millionen von Menschen, die jeder für sich zum gleichen Ergebnis kamen wie der Buddha selbst. Welche aktuelle Theorie ist über 2.500 Jahre von jeder Generation von Wissenschaftlern bestätigt worden? Welche Idee der Menschheit ist durch einen so langjährigen Untersuchungsprozess gegangen? Diese umfassende historische Verankerung in einer lebensnahen Praxis allein scheint es wert zu sein, sich mit dem buddhistischen Menschenbild und seiner Bedeutung für unsere heutige Zeit und Wirtschaft auseinanderzusetzen.

Zu welcher Erkenntnis kam der historische Buddha? Er kam zu dem Ergebnis, dass unsere wahre Natur grenzenlose Liebe, grenzenloses Mitgefühl und tiefe Weisheit ist. Dass wir durch Schulung unseren Geist so weit klären können, unsere wahre Natur zu erkennen, die Natur des Interseins – der wechselseitigen Verwobenheit allen Lebens. Er erkannte, dass alle Prozesse menschlichen Seins in steter Umformung begriffen sind und dass das Festhalten und die Identifikation mit einem nicht veränderlichen „Ich“ zu mannigfaltigen Problemen führt. Durch geduldige Geistesschulung können wir unseren Geist so weit klären, dass unsere wunderbare, strahlende, wahre Natur immer mehr durchscheint.

Wenn wir dies hören, mögen wir skeptisch werden. Auch ich habe erst durch die Kultivierung von Achtsamkeit immer größeres Vertrauen in dieses Menschenbild gefasst. Indem ich mich auf die strahlende, liebevolle Natur meines Gegenübers beziehe und es nicht als berechnenden Egoisten sehe, verändert sich manches, wenn nicht alles. Es gilt, den Homo oeconomicus und seine Anverwandten in den verdienten Ruhestand zu schicken.

Der Buddha galt zu seinen Lebzeiten als Erleuchteter. Nicht weil er übermenschlich war, sondern weil er das menschliche Potenzial voll verwirklicht und ausgeleuchtet hat.

Wirtschaft der Fülle statt Mangelwirtschaft

Unser Wirtschaftssystem betont die Idee und das Lebensgefühl des Mangels. Je mehr wir besitzen und haben, umso mehr Dinge erscheinen uns gleichzeitig als unzureichend. Trotz immenser technischer Fortschritte und materieller Verbesserungen in vielen Lebensbereichen scheint uns etwas zu fehlen. Wir sind materiell reich wie keine Generation vor uns und leiden dennoch an Hunger. Doch dieser Hunger ist geistiger Natur und kann nicht durch eine weitere Innovationsrunde im Produkt- oder Dienstleistungsbereich gestillt werden.

In jedem Moment des Tages ist unser Geist in einem bestimmten Zustand. Mal sind wir ungeduldig und genervt. Mal freudig und entspannt. Die Summe dieser kleinen Momente bildet unsere Tage, Wochen, Monate, Jahre und schließlich unser Leben. Wollen wir unser Leben in eine positive Richtung entwickeln, brauchen wir Mittel, um uns von geistigen Problemzuständen zu lösen und heilsame Geisteszustände in uns zu stärken und zu verankern. Wir wissen in der Regel genau, welche Geisteszustände unser Leben bereichern und welche uns auf Dauer zerstören. Machen Sie einmal das folgende Bewertungsspiel: Welche der folgenden Geisteszustände sollen in Ihrem Leben wachsen und welche lieber nicht? Achtsamkeit – Ärger – Akzeptanz – Angst – Angespanntheit – Bescheidenheit – Dankbarkeit – Depression – Eifersucht – Freude – Furchtlosigkeit – Geduld – Gelassenheit – Glück – Gier – Innere Unruhe – Konzentration – Neid – Misstrauen – Mitgefühl – Selbsthass – Selbstliebe – Stolz – Unkonzentriertheit – Ungeduld – Unzufriedenheit – Vertrauen – Weisheit – Zufriedenheit – Zweifelsucht

In meinen Seminaren an der Universität St. Gallen sind sich die Studenten immer sehr einig, welche der hier aufgeführten Geisteszustände in ihrem Leben wachsen sollen. Sie wollen nicht von Ärger, Unzufriedenheit und Gier beherrscht werden. Sie wünschen sich mehr Vertrauen und Gelassenheit. Unklar ist ihnen eher, wie sie die heilsamen Geisteszustände stärken und die unheilsamen schwächen können. Und dies in einem Umfeld, das Unzufriedenheit, Konkurrenz und ein „Es-ist-nie-genug“ Tag für Tag nährt.

Das, was uns zu fehlen scheint, ist bereits in uns. Es kann nicht durch Konsum, Karriere oder andere Erfolge im Außen erjagt werden. Konzentrieren wir uns auf unseren Geist und kultivieren wir Achtsamkeit, sehen wir, dass wir in einer Welt der Fülle leben. Wir konzentrieren uns weniger auf die materielle Dimension des Lebens und stärken die geistige Dimension unseres Daseins, die für unsere Lebensqualität von zentraler Bedeutung ist.

Eines der größten Missverständnisse unserer Marktwirtschaft ist die Annahme, dass die wichtigsten Güter, die zur Befriedigung unserer Bedürfnisse gebraucht werden, begrenzt sind. Dies mag für materielle Güter zutreffen. Die Güter, die für unser tieferes Wohlergehen in materiell wohlhabenden Gesellschaften entscheidend sind, sind jedoch immaterieller Natur. Liebe, Sinnhaftigkeit, Glück, Frieden, Freude, Zufriedenheit und andere Zustände unseres Geistes sind allesamt immaterieller Natur. Und: Diese „Güter“ sind in unserem eigenen Geist unbegrenzt verfügbar. Sie führen die ökonomische Logik ad absurdum. Sie lassen sich nicht mit ökonomischen Prinzipien erjagen. Liebe, Freude, Frieden und Glück sind keine begrenzten Güter, die wir kaufen, dauerhaft besitzen oder anhäufen könnten. Wir müssen und können diese geistigen Schätze immer wieder aufs Neue berühren. Hierbei hilft uns unsere Achtsamkeit. Ein echtes Lächeln kennt keinen Preis. Es verschenkt sich und verbreitet sich im Zuge positiver Resonanzen.

Sprechen wir über achtsames Wirtschaften, sprechen wir von einer Wirtschaft, die nicht oberflächliche und unendliche Bedürfnisse befriedigt, sondern uns dabei hilft, auf einer tiefen, geistigen Ebene Zufriedenheit, Freude und Glück zu kultivieren. Hier hat unser aktuelles Wirtschaftssystem schlicht versagt. Trotz jahrzehntelangem Wachstum sind wir nicht zufriedener, freudvoller oder glücklicher geworden. Das zeigen wissenschaftliche Befragungen, die Untersuchungen von Glückforschern und unsere eigenen Erfahrungen.

Die wertvollsten Dinge in unserem Leben, die Dinge, nach denen unser Innerstes am lautesten ruft, sind unbegrenzt vorhanden und kostenlos. Das ist eine revolutionäre Aussage, daher noch einmal: Das Wertvollste in unserem Leben ist unbegrenzt vorhanden und hat auf Märkten keinen Preis.

Geistiges Wachstum zur Priorität machen

Wir brauchen ein tiefes Verständnis der geistigen Dimensionen unseres Lebens, um nicht auf falsche Versprechungen anzuspringen. Gier bleibt unter allen Umständen Gier, und eine Wirtschaft, in der Gier und Verlangen zu Haupttreibern werden, hat die Kraft, uns ernsthaft zu verletzen, ja zu zerstören. Achtsamkeit hilft uns, die Verbindung von wirtschaftlichen und geistigen Prozessen in einem neuen Licht zu sehen. Im Kapitel „Wir sind die Arbeit“ werden diese Prozesse genauer untersucht und Transformationsstrategien vorgestellt. Im Moment soll es reichen, die extreme Bedeutung der geistigen Dimension für unser Handeln in allen wirtschaftlichen Rollen, Zusammenhängen und Handlungsfeldern festzustellen.

In unserer Wirtschaft wird mit hohem Aufwand alles Mögliche gemessen: Einnahmen-Ausgaben, Gewinne-Verluste, Investitionen, Konsumausgaben, das Bruttosozialprodukt, Renditen und vieles mehr. Doch was wir brauchen, ist eine geistige Bilanz, die uns zeigt, ob wir als Gesellschaft unsere geistigen Schätze wie Freude, Glück und Zufriedenheit weiterentwickelt haben. Ist die Wahrscheinlichkeit, als Passant auf der Bahnhofstraße in Zürich ein Lächeln von einem anderen Passanten zu erhalten, in den letzten zehn Jahren gestiegen oder gefallen? Es kann nicht sein, dass bis heute nur ein einziges Land der Welt systematisch die Veränderungen des geistigen Wohlstandes im Rahmen eines Bruttoglücksproduktes erhebt und ernst nimmt: das Königreich Bhutan. Mit unseren ausgefeilten statistischen Methoden sollte es uns gelingen, ein differenziertes geistiges Bild unserer Gesellschaft zu erheben. Wir brauchen ein klares Verständnis davon, wie sich unser kollektiver Geist entwickelt, und davon, was wachsen soll und was nicht. Das undifferenzierte Gerede über Wachstum sollte ein Ende finden. Dies gilt auch für uns selbst. Für ein gelingendes Leben braucht es einen Glückskompass und ein Gefühl dafür, wie sich unser Leben entwickelt, was in unserem Leben wächst und was schrumpft.

Abbildung 1

Abbildung 1: Geistige Bilanz verschiedener Geisteszustände

Das wahre Wachstumspotenzial liegt nicht auf unerschlossenen Märkten, sondern in uns selbst, ist nicht materieller, sondern geistiger und immaterieller Natur. Wirtschaftliche Aktivitäten sind darauf zu befragen, inwiefern sie einen positiven Beitrag zum geistigen Wachstum leisten oder ob sie vielmehr unheilsame Geisteszustände verstärken. Produkte, Unternehmen und Branchen, die ihr materielles Wachstum geistigen Ausbeutungsprozessen oder Notständen verdanken, sollten nicht gefeiert werden. Gemeinsam sollten wir Prozesse, Institutionen und Personen unterstützen, die Heilsames und Sinnvolles in die Welt tragen.

Gemeinsam sollten wir die unheilsamen Geisteszustände, die sich in unseren Wirtschaftsstrukturen, Unternehmen und unserem eigenen Geist eingenistet haben, erkennen und transformieren. Dies heißt auch:

Wir alle tragen die Samen von Gier, Trägheit, Unzufriedenheit, Aggressivität, Geiz und Unehrlichkeit in uns. Die Gier ist nicht irgendwo da draußen, in den Chefetagen und in den Börsensälen zu Hause. Sie wohnt in uns allen, auch wenn sie auf manchen Nährböden besser wächst als auf anderen. Wir sind nicht so anders als diejenigen, die wir als unsere Feinde ausmachen.

Vorgehen dieses Buches

Dieses Buch ist kein Buch „über“ Wirtschaft. Abstrakte Analysen gibt es schon zur Genüge. In diesem Buch geht es um uns selbst und darum, wie wir selber die Wirtschaft schaffen können, die wir uns wünschen. Hierbei gilt es, im Kleinen zu beginnen.

In den drei Hauptkapiteln des Buches werden die zentralen Handlungsfelder achtsamen Wirtschaftens – Arbeit, Geld und Finanzen und Konsum – untersucht und vorgestellt. Wir werden uns sehr praktisch fragen, wie wir diese Felder nutzen können, um ein sinnvolleres, wacheres und freudigeres Leben zu führen. Hierbei helfen uns die Erfahrungen von verschiedensten Wirtschaftsakteuren mit der Achtsamkeitspraxis sowie die Weisheit von Zen-Meistern und Dharma-Lehrern, die uns wertvolle Hinweise für eine positive Transformation unseres aktuellen Wirtschaftssystems aufzeigen. Fokus ist dabei unser alltägliches Wirtschaftshandeln, seien es unsere Aktivitäten am Arbeitsplatz, unser täglicher Einkauf oder unsere Gedanken über mögliche Geldanlagen.

Die Handlungsfelder Arbeit, Geld und Konsum werden in vier Dimensionen systematisch untersucht.

  1. Das „Wie?“: Welche geistige Qualität und Wirkkraft besitzen unsere Taten? Welcher Duft geht von ihnen aus? Wie handle ich, wenn ich arbeite, mit Geld umgehe oder konsumiere? Welche Geisteshaltung nehme ich ein? (Beispiel: Arbeite ich gereizt oder freudvoll?)
  2. Das „Was?“: Was ist die wahre Natur von Arbeit, Geld und Konsum? Habe ich genügend Transparenz und Verständnis in diesen Feldern? Was ist für mich „normal“? Nach welchen Grundüberzeugungen richte ich mein Handeln aus und welche Wahlen treffe ich? (Beispiel: Was macht mein Geld gerade? Verstehe ich die Aktivitäten meiner Bank und unterstütze diese?)
  3. Das „Wie viel?“: Halte ich das rechte Maß? Stimmen die Relationen zu anderen Lebensbereichen und Lebenswelten? Wann ist es genug? (Beispiel: Wann bin ich satt?)
  4. Das „Warum?“: Was treibt mich an? Was ist meine tiefste Motivation? Was gibt meinen Taten Sinn? (Beispiel: Was ist für mich Erfolg?)

Wir können im Umgang mit Geld, Arbeit und Konsum die richtigen Dinge (Was?) in heilsamer Weise (Wie?), im rechten Maße (Wie viel?) und aus sinnvollen Gründen (Warum?) tun. Wir können aber auch die falschen Dinge in unheilsamer Weise, in destruktivem Maße und aus sinnlosen oder schädlichen Gründen tun. Um in diesem Feld den richtigen Kurs zu finden und zu bewahren, brauchen wir hohe Achtsamkeit. Die folgende Abbildung zeigt die Struktur der drei Hauptkapitel.

Abbildung 2

Abbildung 2: Themenfelder und Tatdimensionen

Achtsamkeit zeigt uns auf konkrete Art und Weise, welche Wege in eine sinnvollere, nachhaltigere, dem Leben dienende Wirtschaft führen. Zunächst verändern wir die Wirtschaft im Kleinen. Durch unsere veränderte Arbeitsweise, unseren achtsamen Konsum und unseren bewussten Umgang mit Geld senden wir kleine Wirkungswellen in unser Wirtschaftssystem. Diese kleinen Wellen addieren sich auf und können eine Bewegung schaffen, die unsere Art, über Wirtschaft zu denken und wirtschaftlich zu handeln, revolutionieren kann.

Wir sind die Arbeit

Wie, wo und für wen arbeiten wir? Welchen Beitrag leistet unsere Arbeit? Was bedeutet uns Arbeit? Ergibt unsere Arbeit Sinn?