Irina und das sprechende Bild

 

 

 

Irina und das sprechende Bild

 

Nicole Grom

 

 

Für Veronika Kreß

 

 

Veröffentlicht im Kiel & Feder-Verlag

 

Bibliographische Information der Deutschen Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte Daten sind im Internet über http://dnb.ddb.de abrufbar.

 

1. Auflage

Erstausgabe August 2017

© 2017 für die Ausgabe Kiel & Feder-Verlag, Plochingen

Alle Rechte vorbehalten.

Autorin: Nicole Grom

Lektorat/Korrektorat: Tanja Balg

Zeichnungen: Jörn Fuhlendorf

Covergestaltung: Ulrike Künnecke/Literaturtest auf Grundlage einer Zeichnung von Jörn Fuhlendorf

Umschlaggestaltung: Finisia Moschiano

Buchgestaltung: Finisia Moschiano

 

ISBN: 978-3-946728-17-7

 

© Die Rechte des Textes liegen beim Autor und Verlag.

 

Kiel & Feder-Verlag

Finisia Moschiano

Teckstraße 26

73207 Plochingen

www.kielundfeder.de

 

Inhaltsverzeichnis

 

 

Der geheime Auftrag

Auf ins Abenteuer!

Der Wundertäter

Ein ganz besonderes Bild

Bei der Hexe Baba Jaga

Die Glücksfeder

Der Puppenspieler

Neuanfang mit Lampenfieber

Eine unheimliche Begegnung

Unheil am Mühlenweiher

Die Unterwasserhochzeit

Alles falsch herum

Ein gefährliches Geschenk

Am Ziel

 

 

Der geheime Auftrag

Über der Stadt Archastran ging die Sonne auf. Gerade eben waren der Marktplatz, die Holzhäuser und die goldenen Türme der Kirchen noch im Dunkel der Nacht gelegen. Dann strich der erste Sonnenstrahl über die Stadt und färbte die Turmspitzen glutrot. Mit diesem Sonnenstrahl kam Leben in jede Ecke und in jeden Winkel. Schon holperte ein Fuhrwerk über die Straßen. Das Geschrei von Kindern mischte sich mit dem Gezanke zweier Frauen, die immer lauter um eine Gans stritten. Die Vögel machten ihre Stimmen bereit für den Tag, ein Rudel Hunde bellte mit und irgendwo murrte ein Kälbchen. Die Schritte auf dem Pflaster wurden zahlreicher und schneller. Man grüßte sich eilig, ein junger Bursche trällerte ein schiefes Lied. Alle waren auf den Beinen, wie das eben zu einer frühen Morgenstunde so üblich ist.

Wäre man um diese Zeit allerdings am Haus des Kaufmanns Timofej vorbeigekommen, so hätte man aus dem ersten Stockwerk ein tiefes Schnarchen gehört. Wahrscheinlich hätte man sich gewundert, dass ein Kaufmann, der längst im Handelshaus hätte stehen müssen, noch immer in den Federn lag, und wäre dann kopfschüttelnd weitergegangen. Wäre man aber noch einen Augenblick stehen geblieben, um das stattliche Haus des Kaufmanns mit den zwei Stockwerken, dem geschwungenen Giebel und den geschnitzten Fensterläden zu bewundern, hätte man vielleicht bemerkt, wie aus dem Zwielicht einer Nebengasse plötzlich ein Junge mit auffällig blondem Haarschopf hervortrat. Dieser Junge, in ärmlicher und zerrissener Kleidung, ging zielstrebig auf Timofejs Haus zu, blieb unter dem Fenster stehen, aus dem das Schnarchen kam, griff in seine Jackentasche und warf Steinchen gegen den geschlossenen Fensterladen.

Doch oben rührte sich nichts. Der Junge ließ sich nicht entmutigen, griff wieder in die Tasche und zielte von Neuem: eins – zwei – drei! Auch diesmal passierte nichts. Der Junge kratzte sich am Kopf, schob die Mütze in den Nacken, zog dann aus seiner Hosentasche eine Mundharmonika und begann zu spielen.

Schon nach den ersten Tönen wurden die Schritte, die vorher hastig übers Pflaster geeilt waren, langsamer. Bald blieben einige Leute stehen, klatschten und sangen mit. Zwei alte Marktfrauen, die dicke Agafja und die dürre Lisaweta, rafften sogar die Unterröcke und wagten ein Tänzchen. Und als ob dieser Tanz die Menschen daran erinnert hätte, dass ja jeder zwei Beine zum Tanzen hat, begannen nun alle, sich zur Musik zu drehen. Immer mehr Leute strömten herbei und bald ging es auf dem Marktplatz drunter und drüber.

Und da, mitten in der größten Fröhlichkeit, wurden im ersten Stock des Hauses von Kaufmann Timofej plötzlich die Fensterläden aufgestoßen.

„Was ist das denn für ein Lärm? Nicht mal in Ruhe schlafen kann man hier!“, schrie es von oben. Die Tänzer und Sänger hielten inne und schauten hinauf. Die Musik setzte aus.

„Das ist ja wirklich ein grauenvoller Katzenjammer!“

In eben diesem Moment kam die Morgensonne mit ganzer Kraft heraus und schien genau auf die Fenster im ersten Stock des Hauses. Sie beleuchtete ein Mädchen, das sich verärgert im Schlafanzug über die Brüstung lehnte. Die Stimme, die eben so kraftvoll geschimpft hatte, schien gar nicht zu der zierlichen Person mit den strubbeligen rotbraunen Haaren und dem sommersprossigen Gesicht zu passen, das noch vom Schlafen zerknautscht war.

„Das hätte ich mir doch gleich denken können, dass du hinter all dem steckst, Valentin!“, rief das Mädchen und schüttelte missbilligend den Kopf.

Der Junge mit der Mundharmonika ließ sich nicht aus der Ruhe bringen. Er neigte seinen Oberkörper leicht und sagte keck: „Auch ich wünsche dir einen wunderschönen Morgen, Irina.“

„Was gibt es heute Besonderes?“, rief es von oben.

„Ecke Kommandantenstraße ein Schlangenbeschwörer aus Indien, fast schwarzes Gesicht, Turban, zwei Kobras. An der Handelspromenade zwei fahrende Portugiesen mit einer sprechenden Meerkatze!“

„Eine sprechende Meerkatze! Ein Schlangenbeschwörer!“, raunten die Leute auf dem Marktplatz. Und da liefen die ersten auch schon erwartungsvoll in Richtung Handelspromenade, andere Neugierige zog es zur Kommandantenstraße. Bald hatten sich die Menschen zerstreut.

„Komm durch den Hintereingang rauf, Valentin!“, befahl das Mädchen namens Irina und verschwand vom Fenster.

Die Morgentoilette stand an. Dieses großartige Wort hatte Irina von ihrem Französischlehrer gelernt, der sicherlich schon im Studierzimmer auf sie wartete. Irina nannte das morgendliche Waschen aber ganz einfach „blubbern“. Dabei schüttete sie Wasser in die große Porzellanschüssel, hielt den Atem an und tauchte ihren Kopf hinein. Dann stieß sie die Luft so heftig aus, dass das Wasser große Blasen warf, die auch ihre Ohren gleich mitwuschen.

Heute wollte Irina außerdem unter Wasser die französischen Verben aufsagen, die sie neu gelernt hatte. „Lire: j’ai lu – savoir: j’ai …“, begann sie zu blubbern.

„So ähnlich klingt die Meerkatze an der Handelspromenade auch!“, ertönte plötzlich eine Stimme hinter ihr. Irina atmete vor Schreck Wasser ein und verschluckte sich. Es war natürlich Valentin.

„Deine Morgentoilette wird immer ungewöhnlicher. Dabei solltest du dich beeilen, statt deine Zeit mit unnützen Dingen wie Waschen zu vergeuden!“

„Ein bisschen blubbern würde dir auch nicht schaden“, keuchte Irina mit hochrotem Kopf. „Schau dich doch an! Du bist ganz dreckverschmiert!“

„Was war das eigentlich, was du da beim Waschen gesungen hast?“, erkundigte sich Valentin ungerührt.

„Ich habe nicht gesungen. Ich muss doch Französisch lernen“, antwortete Irina, und ihre Stimme klang mit einem Mal nicht mehr so kraftvoll.

„Und der Schlangenbeschwörer? Die Meerkatze?“

„Auch heute wird nichts daraus werden.“ Irina seufzte. „Nicht einmal, wenn der Kaiser von China durch die Stadt spazieren würde, dürfte ich einfach so raus. Nur mit ganz viel Glück kann ich es mal schaffen, mich aus dem Haus zu schleichen. Das weißt du doch.“

„Vielleicht ist ja dein Französischlehrer heute krank …“

Wie zur Antwort ertönte ein lautes Keuchen, das sich die knarzende Eichentreppe hochschleppte.

„Vorsicht! Serafima im Anmarsch!“, zischte Irina.

Serafima war die Zofe im Hause des Timofej, die auch dafür zu sorgen hatte, dass Irina sich gut benahm, wie es sich eben für die Tochter einer reichen Familie gehörte. Die Zofe war so kurzatmig, dass sie wie ein pfeifender Teekessel klang, wenn sie aufgeregt oder ungehalten war.

„Können wir uns vielleicht um zehn Uhr treffen?“, drängte Valentin und schielte zur Tür.

„Nein, du weißt doch: Um zehn Uhr hab ich Gesellschaftstanz bei Monsieur Vinaigrette!“

„Und um eins?“, fragte Valentin wieder. Der Klang pfeifenden Messings drang bereits durch die geschlossene Tür.

„Mathematik und Mechanik bei Professor Coppelius!“

„Um drei?“

„Englische Konversation bei Sir Geoffrey!“

„Fünf?“

„Ich kann dir genau … sagen, was unsere Irina um … fünf Uhr macht!“, dröhnte es von der Tür, die mit Schwung aufgerissen wurde. Eine kleine, dickliche Frau mit krebsrotem Kopf und zitterndem Kinn schob sich ins Zimmer. Die Luft im Raum schien nicht auszureichen für ihre maßlose Empörung.

„Und habe ich dir … verlaustem Bengel nicht … schon deutlich klar … gemacht, dass Gassenjungen mit … Mundharmonika und ohne … Schuhe hier nichts … verloren haben?“

Sie schritt bedrohlich auf Valentin zu, der geschickt zur Seite auswich. „Läuse und … Flausen, das ist alles, was … von dir zu erwarten … ist, du …“

„Satansbraten? Taugenichts?“, schlug Valentin grinsend vor. „Oder vielleicht Strauchdieb?“

Und damit trat er blitzschnell hinter die Zofe, zog die Schleifen ihrer Schürze auf, sprang in den Flur und rief lachend: „Leb wohl, o du meine teuerste Serafima! Und Irina, was ich dir zum Trost noch sagen wollte: Die Meerkatze kann gar nicht sprechen! Und der Schlangenbeschwörer kommt auch nicht aus Indien, es ist nur der Schuster Matwej, der sein Gesicht mit schwarzer Salbe eingeschmiert hat!“

„Raus, du …“, zischte Serafima. Valentin zwinkerte Irina zu und sprang leichtfüßig die Treppe hinunter.

Serafimas eiserner Zeigefinger stieß in Richtung Irina. „Marsch!“, kommandierte die Zofe mit strichdünnen Lippen. Ihre gelöste Schürze fiel zu Boden. Und jetzt pochte auch noch Irinas Französischlehrer Maitre Jacques dröhnend mit dem Metallknauf seines Gehstocks gegen die Decke des Unterrichtsraums, der genau unter ihrem Zimmer lag.

„Ich muss wohl nicht … erklären, was das zu … bedeuten hat!“, drohte Serafima. Irina warf sich ein Kleid über, fuhr sich einige Male mit dem Kamm durchs Haar und packte ihre Französischbücher. Wie gerne hätte sie die Meerkatze gesehen, die gar nicht sprechen konnte, und wie gerne den Schlangenbeschwörer, gerade weil es nur der Schuster Matwej war! Stattdessen wartete ein alter, übellauniger Mann auf sie, der sich am liebsten beim Zaren höchstpersönlich über seine Schülerin beschwert hätte.

 

Der Tag verlief genauso wie fast alle anderen Tage in Irinas Leben, nur vielleicht noch ein klein wenig langweiliger. Als Irina die unregelmäßigen französischen Verben vor Maitre Jacques aufsagen musste, verhaspelte sie sich ständig. Im Tanzunterricht trat Irina Monsieur Vinaigrette mehrmals auf die Füße, was dieser ihr sehr übel nahm, da er an Gicht litt. Der Mathematik-Professor Coppelius stellte wieder einmal fest, dass Irina nicht logisch denken konnte, ja, wahrscheinlich gar nicht denken konnte, und von Magister Nelida, der extra aus Böhmen herbestellt worden war, hatte sie in Geografie eine Rüge bekommen, weil sie nicht wusste, wo Unterhaching lag.

Erst gegen Abend hatte Irina etwas Zeit, um ihren Vater in seinem riesigen Handelshaus zu besuchen, das ganz aus Holz war und direkt am Fluss stand. Dort gab es die wunderbarsten Sachen zu bestaunen, die aus aller Welt kamen und wieder in alle Welt verschickt wurden: duftende Gewürze, feines Glas, Eierwärmer, Karamellbonbons und grusinischen Kartoffelschnaps.

Heute Morgen erst war eine neue Stofflieferung eingetroffen. Die Tuche lagen zu großen Ballen aufgewickelt nahe dem Eingang.

Irina strich vorsichtig und fast ehrfurchtsvoll über die Stoffe, die aus fernen Ländern des Ostens kamen, schob ihre Finger zwischen die kühlen Schichten der glänzenden Seide und rieb ihre Nasenspitze am wärmenden Samt. Sie konnte sich dabei so schön in andere Länder träumen und sich vorstellen, sie würde in einer Karawane mitreiten. Dann roch Irina sogar den Duft des Weihrauchs, den die Kamele geladen hatten. Auch edlen Schmuck hatten die Händler im Gepäck; der gefiele ihrer Mutter ganz bestimmt. Irina würde die besten Stücke für ihre wasserblauen Augen aussuchen, sobald sie in der Karawanserei angekommen wären. Da bemerkte sie, dass eines der Kamele eine längliche Holzkiste transportierte, die reich mit Lilien geschmückt war. Wie seltsam, dass die Blumen unter der sengenden Sonne nicht verwelkten! Als Irina näher kam, sah sie, dass es ein Sarg war, und einer der Händler flüsterte ihr zu: „Das ist doch deine Mutter“, woraufhin der feine Wüstenstaub in Irinas Augen zog und Wasser aus ihnen hervor trieb. Es schmerzte so sehr, sie musste sich die Augen reiben …

Irina fuhr hoch. Sie war eingeschlafen! Schuldbewusst stellte sie fest, dass sie mitten auf einem Stoffballen von zartestem Batist lag. Zum Glück hatte keiner der Handelsgehilfen sie hier erwischt, denn ihr Vater verstand keinen Spaß, wenn es um seine Ware ging. Vor Mutters Tod war er viel fröhlicher gewesen, immer zu Scherzen aufgelegt. Oft hatte er so sehr gelacht, dass es durchs ganze Haus gehallt war, und seine Augen und Zähne hatten dabei geblitzt. Besonders viel Freude hatte es ihm gemacht, Zeit mit Irina zu verbringen. Sie liebte es, wenn ihr Vater sie mit auf ein Handelsschiff nahm und mit ihr in den Rumpf hinab stieg, wo die Waren lagerten, die sich in der Dunkelheit verbargen und nur darauf warteten, von ihr entdeckt zu werden. Doch schon seit über einem Jahr hatte Irina kein Schiff mehr von innen gesehen, denn die Zeit ihres Vaters gehörte nun nicht mehr ihr. Auch an diesem Abend stand er noch im Kontor und besprach wichtige Geschäfte mit seinen Partnern. Seine Tochter hatte er nicht einmal bemerkt.

Irina erhob sich schnell, schlich aus dem Handelshaus, lief heim und warf sich auf ihr Bett. Erschöpft von dem anstrengenden Tag streifte sie die Schuhe ab.

Dann schloss sie die Augen und flüsterte „Mama“. Wenn sie das tat, konnte sie ihre Mutter immer genau vor sich sehen, ihren aufrechten Gang, ihre fürsorglich blickenden Augen und ihre fließenden Bewegungen.

„Liebe Mama, hilf mir! Lass doch bitte einmal etwas passieren! Etwas, das mein Leben zumindest ein kleines bisschen verändert. Machen wir es doch einfach so: Ich baumle dreimal mit dem rechten Bein, dann dreimal mit dem linken Bein, fasse mir mit überkreuzten Händen an die Nase und rufe ‚Wunder, komm!’, und dann lässt du ein kleines Wunder geschehen. Ein klitzekleines Wunder würde ja schon genügen … Beispielsweise könntest du ja Monsieur Vinaigrette stocksteif werden lassen, sodass er nie wieder tanzen kann … Oder du könntest … Nein, nein, ich will dir ja gar keine Vorschriften machen. Also, bist du bereit, fangen wir an?“

Irina legte sich so hin, dass sie frei mit den Beinen baumeln konnte und dann ging es los. Erst mit dem rechten Bein, ganz langsam, um das Wunder nicht zu drängen. Der Eichenboden kitzelte an ihren Fußsohlen. Dann mit dem linken Bein, auch ganz langsam, was schwer war, weil sie immer aufgeregter wurde. Nun kam der Schluss, der besonders gut gelingen musste. Sie konzentrierte sich und griff mit überkreuzten Händen an ihre Nasenspitze. „Wunder, komm!“

Da hörte sie es am Fenster ganz leise klopfen.

Irina lauschte. Ja, doch, da klopfte es … Ängstlich drehte sie ihren Kopf zu dem kleinen Fenster über dem Bett. Ihr Herz schlug wie wild. Was mochte das wohl sein? Etwa das gewünschte Wunder?

Nein, wohl doch nicht. Irina war erleichtert und enttäuscht zugleich. Da saß nur eine Taube auf dem Fensterbrett. Eine Taube, die genauso aussah wie tausend andere Tauben in Archastran auch. Aber trotzdem, irgendetwas war an dieser Taube doch anders … Irina hob den Kopf und schaute genauer hin. Die Taube war so zahm, dass sie nicht davonflog. Und jetzt konnte Irina ganz deutlich sehen, dass der graue Vogel etwas um den Hals trug. Plötzlich war Irina wieder hellwach. Sie öffnete das Fensterchen behutsam. Da schob die Taube auch schon ihren Kopf ins Zimmer, schaute Irina mit ihren winzigen schwarzen Augen an, nickte und trippelte herein. Dann flatterte sie auf den Bettpfosten und gurrte leise. An ihrem Hals war ein zusammengerolltes Stück Birkenrinde befestigt!

„Ist das etwa für mich?“, flüsterte Irina, der vor Aufregung heiß und kalt wurde. Die Taube gurrte wieder. Dann hob sie ihr Köpfchen so weit, dass Irina ihr die Birkenrinde abnehmen konnte. Mit zitternden Fingern begann sie, die Rinde auseinanderzurollen. Tatsächlich, da war eine Nachricht eingeritzt! Irina begann sie zu entziffern:

 

GEHEIMER AUFTRAG FÜR IRINA

 

Irina, lies die folgenden Anweisungen gut durch, die dir meine Taube Libussa überbringt. Nicht weit von Archastran entfernt liegt der Ulmensee. Dort gibt es eine Insel, auf der ein alter Mann wohnt. Begib dich zu ihm; er erwartet dich. Alles Weitere erfährst du von ihm. Entscheide dann, ob du den Auftrag annimmst oder nicht. Wenn du es nicht willst, kehre in dein altes Leben zurück – wenn du ihn aber annimmst, wirst du eine Reise antreten. Überlege es dir also gut.

Übermorgen bei Sonnenaufgang wird am Markt der Ochsenwagen eines Bauern stehen, der auf seinem Weg zum Nachbardorf am Ulmensee vorbei muss. Bevor der Bauer seine Fahrt beginnt, wird er im Gasthaus am Marktplatz noch Proviant holen. Diesen Moment musst du nutzen, um auf den Wagen zu klettern. Wenn du den Ulmensee siehst, spring rasch vom Wagen und verstecke dich im Gebüsch, bis der Bauer weg ist. Wie du über den See gelangst, wirst du sehen, wenn du dort bist.

Mach dir keine Sorgen um die Menschen, die hier zurückbleiben, denn du wirst bald zurück sein.

Irina ließ die Birkenrinde sinken. War dieser geheimnisvolle Auftrag das Wunder, das sie bei ihrer Mutter bestellt hatte? Das klang ziemlich gefährlich …

Und das Wunder betraf nicht nur sie allein. Welche Sorgen würde man sich machen, wenn sie einfach verschwände? Irina stellte sich vor, wie ihr Vater verzweifelt die langen Gänge des Warenhauses nach ihr absuchen und Valentin unter ihrem Fenster stehen und Steine werfen würde. Doch die Fensterläden würden sich nicht öffnen.

Irina zuckte zusammen. Der Flügelschlag der Taube holte sie in die Realität zurück. Sie fühlte noch, wie Libussas rechter Flügel ihren Oberarm streifte, dann war das Tier auch schon hinausgeflogen. Inzwischen war es im Zimmer fast dunkel. Irina fröstelte.

Und dennoch wusste sie plötzlich, dass sie diese Reise machen würde.

„Danke, Mama“, flüsterte sie in die Dunkelheit und schloss ihre Finger um die Birkenrinde.

 

Auf ins Abenteuer!