image
image

IMPRESSUM

Nie genug davon erscheint in der HarperCollins Germany GmbH

Cora-Logo Redaktion und Verlag:
Postfach 301161, 20304 Hamburg
Telefon: +49(0) 40/6 36 64 20-0
Fax: +49(0) 711/72 52-399
E-Mail: kundenservice@cora.de

© 1999 by Fiona Walker
Originaltitel: „Cullen‘s Bride“
erschienen bei: Silhouette Books, Toronto
Published by arrangement with HARLEQUIN ENTERPRISES II B.V./S.àr.l.

© Deutsche Erstausgabe in der Reihe COLLECTION BACCARA
Band 175 - 2001 by CORA Verlag GmbH, Hamburg
Übersetzung: Silke Schuff

Umschlagsmotive: DariaZu / Getty Images

Veröffentlicht im ePub Format in 09/2017 – die elektronische Ausgabe stimmt mit der Printversion überein.

E-Book-Produktion: GGP Media GmbH, Pößneck

ISBN 9783733753184

Alle Rechte, einschließlich das des vollständigen oder auszugsweisen Nachdrucks in jeglicher Form, sind vorbehalten.
CORA-Romane dürfen nicht verliehen oder zum gewerbsmäßigen Umtausch verwendet werden. Sämtliche Personen dieser Ausgabe sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen sind rein zufällig.

Weitere Roman-Reihen im CORA Verlag:
BIANCA, JULIA, ROMANA, HISTORICAL, MYSTERY, TIFFANY

 

Alles über Roman-Neuheiten, Spar-Aktionen, Lesetipps und Gutscheine erhalten Sie in unserem CORA-Shop www.cora.de

 

Werden Sie Fan vom CORA Verlag auf Facebook.

1. KAPITEL

Er trat voll auf die Bremse, schaltete den Motor aus und glitt mit einer geschmeidigen Bewegung aus seinem Jeep.

Cullen Logan war todmüde, jeder einzelne Muskel in seinem Körper schmerzte, wobei die Verletzung an seinem Oberschenkel ganz besonders wehtat. Der riesige Bluterguss war auf eine unangenehme Begegnung mit einem seiner jungen Ochsen zurückzuführen – ein äußerst missgelauntes Exemplar seiner Gattung.

Um zehn Uhr an einem der feuchtwarmen Sommerabende in Northland, Neuseeland, hätten die meisten Menschen den Zwischenfall in der engen Seitenstraße wahrscheinlich gar nicht bemerkt.

Aber Cullen war nicht wie die meisten Menschen. Durch seinen Beruf war es ihm mittlerweile zur zweiten Natur geworden, die Schatten abzusuchen und gerade der Dunkelheit besondere Aufmerksamkeit zu schenken. Mit einem Fluch auf den Lippen steckte er den Autoschlüssel in die Hosentasche seiner Jeans und hastete über die verlassene Straße. Er würde es nicht zulassen, dass einer von diesen brutalen Kerlen eine wehrlose Frau attackierte.

Nun, ganz so wehrlos war sie vielleicht nicht, dachte er in einem Anflug von schwarzem Humor, als er die enge Gasse erreichte. Die Frau schien sich für den Moment noch ganz gut behaupten zu können. In der einen Hand hielt sie eine Spraydose, in der anderen eine große Basttasche, mit der sie nach dem Angreifer schlug. Bis jetzt hatte sie sich den Kerl offensichtlich vom Leibe halten können. Aber sie war zu klein und zu schmal, um den Kampf gewinnen zu können.

Cullen hielt sich nicht mit langen Reden auf. Innerhalb von Sekunden hatte er die verschiedenen Möglichkeiten, diese Angelegenheit ohne Gewalt zu beenden, im Geiste durchgespielt. Beinahe sanft legte er dem Mann von hinten die Hand auf die Schulter. Aber als der Typ herumfuhr und Cullen die Angriffslust in seinen Augen aufblitzen sah, entschied er sich für einen präzise ausgeführten Schlag auf dessen Kinn.

Es gab keinen Kampf. Der große, hagere junge Mann – fast noch ein Teenager – krachte durch die Wucht des Uppercuts gegen eine Hauswand und sackte dann fast gemächlich in sich zusammen, bis er wie ein Häufchen Elend auf dem Bürgersteig liegen blieb.

Die heftigen Atemzüge der Frau zogen Cullens Aufmerksamkeit auf sich. Er wandte sich zu ihr um und sah gerade noch, wie sie strauchelte, das Gleichgewicht verlor und mit einem kräftigen Fluch auf ihrem Allerwertesten landete.

„Alles in Ordnung?“, fragte er, während er ihr die Hand reichte.

„Abgesehen von dem Teil, auf den ich gefallen bin, ja“, sagte sie trocken. „Vielen Dank.“

Mit einem schwachen Lächeln nahm sie seine Hilfe an. Er spürte ihre zarte Haut in seiner von der Arbeit schwieligen Handfläche. Aber er bemerkte auch ihren kraftvollen Griff, als er sie hochzog. Sobald sie auf den Füßen stand, ließ er sie los.

Die Frau reichte ihm kaum bis zur Schulter. Im Zwielicht der Dämmerung, das der ganzen Situation eine seltsame Intimität verlieh, blickte sie ihn unverwandt an.

„Mein Name ist Rachel Sinclair“, sagte sie mit einer äußerst angenehmen Altstimme.

Er kniff die Augen zusammen. Dieser Nachname war ihm nicht fremd. Die ausgedehnten, wohl gepflegten Ländereien von Cole Sinclair grenzten unmittelbar an die undurchdringliche Wildnis, die Cullen selbst sein eigen nannte. Sinclair war nicht gerade ein seltener Name, aber in einem so kleinen Ort wie Riverbend war die Chance recht groß, dass hier irgendeine Form der Verwandtschaft vorlag.

„Wird er sich wieder erholen?“, fragte sie und deutete auf den Jungen, der sich immer noch nicht rührte. Sie zog eine Grimasse, als sich eine Strähne ihres dunklen Haares aus dem Knoten am Hinterkopf löste, strich sie sich aus dem Gesicht und begann dann, ihre seidig glänzende Mähne mit geschickten, graziösen Bewegungen wieder zu ordnen.

In der düsteren Umgebung dieser verlassenen Seitenstraße wirkte die Frau sehr feminin und zerbrechlich. Mit jeder ihrer Bewegungen nahm Cullen ihren Duft wahr; sie roch sauber, nach Wildblumen – und nach Frau … Prompt spürte Cullen eine so heiße Welle der Erregung in sich aufsteigen, wie er es zuletzt als Jugendlicher erlebt hatte.

Hastig trat er einen Schritt zurück, biss die Zähne zusammen und zwang sich, ruhig und gleichmäßig zu atmen. Es ist nichts weiter als ein Adrenalinstoß, sagte er sich, nur ein merkwürdiger Reflex. Er war zu lange allein gewesen und hatte seit Wochen nicht mehr mit einer Frau gesprochen. Geschweige denn mit einer, deren dunkle, sexy Stimme allein auf die Fantasie eines Mannes äußerst anregend wirkte.

„Ich habe ihm nur einen leichten Schlag aufs Kinn versetzt“, erwiderte er. „Dass er noch nicht wieder zu sich gekommen ist, liegt vermutlich eher an seinem Konsum irgendwelcher illegaler Substanzen.“

„Sie meinen, dass er …?“

„Ich habe keine Ahnung, was er genommen hat“, antwortete Cullen brüsk und bedauerte noch im selben Moment seinen Tonfall. Er fühlte, wie die Wirkung des Adrenalins nachließ. Nun war er zweimal so müde wie zuvor und noch übellauniger. Wenn er sich nicht zusammennahm, würde er Rachel Sinclair mehr Angst einjagen, als der Junge auf dem Bürgersteig es getan hatte. „Ich bin nicht mehr so ganz auf dem Laufenden, was die Jugendlichen von heute konsumieren, um das Elend ihres Alltags zu verdrängen.“

Rachel musterte den Mann, der den Jungen mit solcher Leichtigkeit zu Boden geschickt hatte. Seine sachliche Bemerkung hatte sie ihre Nervosität für eine Weile vergessen lassen. Aber die Kälte in seiner tiefen, rauen Stimme schien ihr wie ein Schlag ins Gesicht. Sie wurde daran erinnert, dass auch er ein Fremder war.

Ein Schauer durchfuhr sie, als sie daran dachte, wie die aggressive Stimme des Jungen durch den Nebel von Müdigkeit zu ihr durchgedrungen war und sie begriffen hatte, dass er ihre Tasche verlangte. Es waren kostbare Sekunden vergangen, bis ihr bewusst geworden war, dass das, was gerade geschah, Wirklichkeit war: Hier, in ihrer verschlafenen, kleinen Heimatstadt, wurde sie doch tatsächlich überfallen!

Rachel war nun immer noch benommen und verwirrt. Die dunkle, enge Gasse ließ ihren Retter noch größer erscheinen, als er schon war. Er hatte außerordentlich breite Schultern, unter dem verwaschenen Jeansstoff seiner Hose zeichneten sich die Muskeln seiner kräftigen Oberschenkel ab. Im diffusen Licht der Straßenlaterne wirkte er wie ein mächtiger Schatten. Sein Gesicht konnte sie nur erahnen. Aber sie sah das Glitzern in seinen Augen und sein markantes Kinn. Er roch nach Pferd und schwerer Arbeit. Mit seinen rastlosen, geschmeidigen Bewegungen schien er ihr plötzlich bei Weitem gefährlicher als der junge Mann dort am Boden.

Seine Berührung jedoch war sanft, fast zärtlich gewesen. In ihren geschlossenen Fingern spürte sie noch immer die Wärme seiner Hand.

Rachel schluckte und öffnete die Faust, um sich von dieser Wärme zu befreien. Das war doch lächerlich! Fast ebenso lächerlich wie ihr Wunsch, die Hand auszustrecken, um ihn noch einmal zu berühren. Entweder wurde sie allmählich verrückt, oder der Überfall hatte sie mehr mitgenommen, als sie gedacht hatte.

Doch nun, da die unmittelbare Gefahr vorüber war, merkte sie wieder, wie müde sie war. Es war ein anstrengender Tag gewesen. Ihr Steißbein schmerzte von dem Sturz, und die Innenfläche ihrer Hand begann zu brennen. Sie musste sich die Haut aufgeschürft haben. Das Vernünftigste wäre, ihre Tasche aufzuheben und sich zum Wagen und damit wieder auf sicheres Terrain zu begeben. Aber es war ihr nicht möglich, den Schutz, den der Fremde für sie bedeutete, zu verlassen. Schweigend beobachtete sie, wie er sich über den Jungen beugte und dessen Puls fühlte. Er tat es mit der Sicherheit eines Menschen, der über medizinische Erfahrung verfügte.

Als sie die reglose Gestalt des Jungen betrachtete, durchlief Rachel erneut ein Schauer. „Ich bin froh, dass Sie hier aufgetaucht sind“, sagte sie in die Stille hinein. „Obwohl er mir jetzt viel zu jung und zu mager vorkommt, als dass er irgendjemanden etwas antun könnte.“

Der Mann wandte ihr das Gesicht zu. Sie konnte seine Züge noch immer nicht deutlich erkennen. Aber sie spürte seine Ungeduld.

„Er war dabei, Ihnen ernsthaft wehzutun. Es ist ein Fehler, anzunehmen, dass Kleinstädte sicher wären, weil die Großstädte es nicht sind. Wenn Sie das nächste Mal so spät am Abend unterwegs sind, sollten Sie einsame Seitenstraßen wie diese hier unbedingt meiden.“ Mit methodischer Gründlichkeit begann er die Sachen, die ihr bei ihrem Sturz aus der Tasche gefallen waren, wieder einzuräumen.

Langsam fiel die Benommenheit von Rachel ab, und ihr Temperament kam wieder zum Vorschein. Sie war siebenundzwanzig Jahre alt, seit Kurzem die stolze Eigentümerin eines Friseursalons, und ihr einziges Verbrechen war ihre Gedankenlosigkeit gewesen. Schließlich war nicht sie es gewesen, die versucht hatte, jemanden zu berauben.

„Er wollte meine Tasche“, sagte sie ärgerlich und bückte sich nach ihrer Geldbörse und einem zerbrochenen Lippenstift. „Vielleicht hätte ich sie ihm geben sollen. Aber dieser Gedanke ist mir gar nicht gekommen. Und selbst wenn ich Zeit gehabt hätte, darüber nachzudenken, hätte ich mich wahrscheinlich genauso entschieden. Ich habe zu viel verloren, um etwas so einfach herzugeben, was mir gehört. Und ich kann es verdammt noch mal nicht leiden, wenn jemand in meinen persönlichen Sachen herumkramt!“

Die Reaktion auf ihre heftigen Worte war Schweigen. Fast augenblicklich bereute es Rachel, ihre Verletzlichkeit preisgegeben zu haben. Warum hatte sie sich dazu hinreißen lassen, so viel von ihren persönlichen Angelegenheiten bloßzulegen? Nun, die Antwort war einfach: Zu der körperlichen Erschöpfung, die der Umzug nach Riverbend und die Aufgabe ihres Lebens in der Großstadt Auckland mit sich gebracht hatte, war nun auch noch ein Schock gekommen.

Sie spürte, wie der Mann seinen Blick über sie gleiten ließ. Er musterte sie ruhig, geduldig und merkwürdigerweise mit unübersehbarem Mitgefühl. Nun wusste sie, dass sie tatsächlich verrückt wurde! Als Nächstes würde sie sich vermutlich diesem Mann auch noch an den Hals werfen, den Kopf an seine beachtliche Schulter legen und ihm schluchzend ihre ganze Lebensgeschichte erzählen. Sie hatte jedoch nicht den Eindruck, dass ihr Retter besonders an dieser Story interessiert wäre. Bestimmt war ihm auch nicht daran gelegen, Rachel Trost zu spenden bei der immer wiederkehrenden Frage, warum die Menschen, die sie liebte, ihre Gefühle niemals in gleichem Maß erwiderten.

Sie schluckte hart und kämpfte erfolgreich aufsteigende Tränen nieder. Trotzdem war die Selbstbeherrschung, die sie sich in den vergangenen zwei Jahren mühsam angeeignet hatte, empfindlich angekratzt.

„Sie müssen sich keine Sorgen machen“, erklärte sie mit betont fester Stimme. „Sie werden mir kein zweites Mal zu Hilfe kommen müssen. Ich mache einen Fehler immer nur einmal und lerne dann daraus.“

Er sagte noch immer kein Wort, sondern reichte ihr nur schweigend die Tasche. Dabei vermied er es sorgfältig, ihre Hand zu berühren.

Diese Tatsache verstärkte Rachels Unbehagen noch. „Ich weiß nicht einmal Ihren Namen. Wie kann ich Ihnen danken?“

Sein Gesicht lag halb im Schatten. Etwas an der klaren Linie seines Profils und den hohen Wangenknochen berührte ihre Erinnerung und kam ihr seltsam bekannt vor. Aber dieser Eindruck verschwand so plötzlich, wie er gekommen war. Sie hatte diesen Mann noch nie zuvor gesehen, das wusste sie genau.

Er beugte sich zu dem bewusstlosen Jungen hinunter, hob ihn hoch und lud ihn sich so mühelos auf die Schulter, als würde der Junge nicht mehr wiegen als ein Kind. „Sie können mir danken, indem Sie jetzt nach Hause gehen – bevor noch etwas geschieht, bei dem Ihnen Ihr Tränengas nichts nützt.“

„Das ist kein Tränengas. Es ist Haarspray, und ich habe …“

„Haarspray?“ Seine Stimme schwankte zwischen Belustigung und Ungläubigkeit.

Rachel unterdrückte die Flut von wüsten Beschimpfungen, die in ihr hochstieg, indem sie die Lippen fest zusammenpresste. „Es war besser als gar nichts“, sagte sie nach einer Weile schnippisch.

„Nächstes Mal, Rachel Sinclair, sollten Sie lieber versuchen, sich gar nicht erst in eine solche Situation zu bringen! Vorsicht ist besser als Nachsicht!“

Das Geräusch seiner Schritte auf dem Asphalt durchbrach die nächtliche Stille. Rachel starrte ihm nach. Er bewegte sich beim Gehen längst nicht so geschmeidig, wie sie es erwartet hatte. Es schien ihr, als ob er ein Bein nicht voll belastete. Nachdem er den reglosen Jungen auf den Beifahrersitz seines staubigen Jeeps verfrachtet hatte, setzte er sich hinters Steuer und fuhr – ohne sie eines weiteren Blickes zu würdigen – davon.

Als das Motorgeräusch verklungen war, blickte sie sich in der Dunkelheit um. Ihr Zorn war verflogen, sie fror und fühlte sich zu Tode erschöpft. In Gegenwart des großen, kräftigen Mannes hatte sie den Schock nach dem Angriff nicht so sehr gespürt. Nun, da der Fremde fort war, kam der Schrecken jedoch mit aller Macht über sie. Sie begann zu zittern.

Nein, ich darf mich jetzt nicht gehen lassen, dachte Rachel. Sie holte tief Luft, straffte die Schultern und machte sich dann eilig auf den Weg. Furchtsam spähte sie in jede dunkle Ecke der Seitenstraße für den Fall, dass da noch ein gewalttätiger Bursche auf sie lauerte. Immer wieder musste sie dabei über ihren Retter nachgrübeln. Etwas an ihm war ihr für einen flüchtigen Moment sehr vertraut vorgekommen, ohne dass sie benennen konnte, woher dieses Gefühl rühren mochte. Sie atmete auf, als sie die hell erleuchtete Hauptstraße betrat.

Verdammt. Sie wusste noch immer nicht seinen Namen!

Cullen fuhr ein paar Hundert Meter, wendete dann und parkte am Straßenrand. Nachdem er den Motor und die Scheinwerfer ausgestellt hatte, lehnte er sich zurück und wartete. Jetzt war er so weit von der dunklen Seitengasse entfernt, dass Rachel Sinclair ihn nicht bemerken würde, doch immer noch so nah, dass er selbst sie gut beobachten konnte. Er wollte sichergehen, dass sie heil zu ihrem Auto kam.

Da ertönte das Klicken ihrer hohen Absätze auch schon auf dem Bürgersteig. Sie eilte zu einem Kleinwagen, schloss die Tür auf und warf ihre Tasche auf den Rücksitz. Als sie sich vorbeugte, rutschte ihr cremefarbenes Sommerkleid hoch und enthüllte ein wenig mehr von ihren Oberschenkeln. Ihre Beine waren lang, schlank und wohlgeformt. Plötzlich musste Cullen an die dunkle Strähne denken, die sich aus ihrem Haarknoten gelöst hatte.

Ihr Anblick brachte ihn dazu, an Seide und Mondlicht zu denken. Sie wirkte so zart und kühl. Aber unter dieser Oberfläche schien eine glühende Hitze zu schwelen. Eine Hitze, die er körperlich gefühlt und die ihn mit einem seltsamen Verlangen erfüllt hatte.

Glücklicherweise hatte ihn die gewisse Kälte in ihrer Stimme dann davon abgehalten, etwas zu tun, was er später bereut hätte. Er war der Versuchung nicht erlegen, herauszufinden, ob sie verheiratet war, wo sie lebte und wie ihre Telefonnummer lautete.

Jetzt hatte sie ihre Schlüssel auf die Straße fallen lassen. Cullen hörte das laute Klirren und Bruchteile einer Sekunde später einen ihrer deutlichen, ganz und gar undamenhaften Flüche, als sie den Bund aufhob. Dann stieg sie in den Wagen, ließ den Motor an und fuhr viel zu schnell die Straße hinunter.

Cullen umklammerte das Lenkrad. Er konnte sich nur allzu gut vorstellen, wie sie sich fühlte. Er wollte sie trösten und beschützen, ihr folgen und sicher sein, dass sie wohlbehalten zu Hause ankam. Mann! Selbst erstaunt über diese Wünsche, schloss er die Augen und atmete tief durch. Er musste wirklich sehr müde sein, denn er hatte keinen anderen Gedanken als den, wie er dieser Frau näherkommen konnte. Dabei verlangte jemand wie Rachel Sinclair garantiert mehr als eine unverbindliche Affäre. Und das wäre alles, was er ihr anbieten könnte.

Mit grimmigem Blick taxierte er den reglosen Passagier neben sich. Eine Straßenlaterne warf spärliches Licht auf den mageren Körper des Jungen. Er wäre sicher kräftiger, wenn er jemals eine Chance im Leben gehabt hätte. Dane Trask. Cullen hatte ihn schon mehrfach in der Stadt gesehen, wo er mit einigen anderen verwahrlosten Jungen herumhing. Erst vor einigen Wochen hatte er Dane aus einem Graben gezogen, in dem dieser, bis zur Bewusstlosigkeit betrunken, gelandet war.

Nachdem er nochmals Puls und Atmung des Jungen überprüft hatte, stellte Cullen erleichtert fest, dass beides regelmäßig und stabil war. Er hatte ihn also wirklich nicht zu fest geschlagen.

Die Zufriedenheit darüber blendete für einen Moment alles andere aus. Instinktiv war ihm jedoch bewusst, dass er sich bei dem Schlag sehr zurückgehalten hatte. Seine Knöchel waren nicht geschwollen, und auf dem Kinn des Jungen zeigte sich nur ein leichter rötlicher Schatten. Cullens Training bei der Armee und seine eiserne Selbstdisziplin hatten standgehalten gegen die Wut darüber, dass eine Frau bedroht worden war. Er hatte sich nicht hinreißen lassen, auch nicht durch die zähe Last der Erinnerungen, die seine Rückkehr nach Riverbend mit sich gebracht hatte.

Nach einem letzten Blick auf den Jungen startete er den Motor und fuhr in Richtung von Dan Holts Haus. Riverbend war zu klein, um eine ständig besetzte Polizeiwache zu haben. Aber es gab immerhin einen Officer, der hier lebte.

Um zu der zehn Kilometer entfernten Ranch zu gelangen, auf der ihre Familie lebte, brauchte Rachel heute fast zwanzig Minuten – doppelt so lange wie sonst. Aber sie zitterte immer noch und wollte auf der kurvenreichen Straße keinesfalls einen Unfall riskieren. Der Überfall des Jugendlichen reichte ihr für eine Nacht!

Abgesehen von dem Licht auf der Veranda lag das Haus in völliger Dunkelheit. Im Moment wohnten nur ihr Halbbruder Cole und Rachel selbst hier. Cole betreute die Schaf- und Rinderherden, während ihr Vater sich im Süden Neuseelands seiner bevorzugten Nebenbeschäftigung widmete, der Aufzucht von Rennpferden. Ihre anderen drei Halbbrüder, Ethan, Nick und Doyle, verfolgten andere berufliche Interessen und lebten in weiter entfernt gelegenen Städten.

Während Rachel ihr Auto in die große Garage fuhr, fingen die Hunde an zu bellen. Als sie die Tiere beim Namen rief, verstummten sie jedoch augenblicklich. Rachel war erst seit einer Woche wieder da. Es war ihr nach dem Wohnen und Arbeiten in der Großstadt unerwartet leicht gefallen, sich wieder an das Landleben zu gewöhnen. Nachdem ihre Ehe in die Brüche gegangen war, hatte sie dringend eine Veränderung gebraucht – eine Tatsache, die sie ihrer fürsorglichen Familie jedoch nicht unbedingt eingestehen wollte, aus Angst, noch mehr bemuttert zu werden.

Von den Unterkünften der Rancharbeiter drang Musik herüber. Die Männer, die für Cole arbeiteten, waren also noch auf, unterhielten sich und spielten wahrscheinlich Billard im Aufenthaltsraum. Coles BMW stand nicht in der Garage.

Rachel schloss ihren Wagen ab, ging über den gepflegten Hof und betrat das schöne alte Ranchhaus. Sie wusste nicht recht, ob sie wegen Coles Abwesenheit traurig oder erleichtert sein sollte. Ihr älterer Bruder hätte sie sicher getröstet. Aber er hätte sie auch mit Vorwürfen überschüttet, genauso wie der Fremde in der Seitenstraße, an den sie immerzu denken musste. Er beherrschte ihre Gedanken in ebenso starkem Maße wie die gefährliche Situation, in die sie so unversehens geraten war.

Der Überfall hatte ihr Bild einer idyllischen neuseeländischen Kleinstadt im Allgemeinen und Riverbend im Besonderen grausam zerstört. Ihr war plötzlich klar geworden, dass sie sich keineswegs an einem sicheren, von Kindesbeinen an vertrauten Zufluchtsort befand. Nach all den Sicherheitsvorkehrungen, die ihr während ihres Aufenthaltes in Auckland völlig normal erschienen waren, konnte Rachel es kaum glauben, wie naiv und unvorsichtig sie sich an diesem Abend verhalten hatte.

Am nächsten Morgen war Rachel gerade dabei, sich Kaffee einzuschenken, als Cole zu ihr in die große, sonnige Küche kam.

Wie es zu seiner burschikosen Art gehörte, hielt sich ihr Bruder nicht lange mit Höflichkeiten auf. „Dan Holt hat gerade angerufen. Er sagte, du hättest letzte Nacht Schwierigkeiten gehabt.“

Sie stellte die Kanne ab, lehnte sich gegen die Arbeitsplatte und griff nach ihrer Tasse. Rachel hatte sich eben überlegt, dass sie heute sehr viel Koffein würde zu sich nehmen müssen, um das benommene Gefühl in ihrem Kopf vertreiben zu können. Trotz ihrer Erschöpfung hatte sich nicht gut geschlafen, weil sie den nächtlichen Angriff in der Seitenstraße im Geiste wieder und wieder durchlebt hatte. Und immer, wenn sie gerade glaubte, endlich zur Ruhe zu kommen, hatte ihr der Gedanke an den dunklen Fremden den Schlaf geraubt. So hatte sie sich unruhig hin und her geworfen, bis sie es schließlich aufgab und mit offenen Augen auf die Morgendämmerung wartete.

„Nachdem ich den Friseursalon verlassen hatte, wurde ich von einem Betrunkenen überfallen. Zum Glück hat jemand angehalten und mir geholfen.“

Cole blickte von dem Speck, den er gerade braten wollte, auf und reckte grimmig das Kinn vor. „Der Betrunkene, der dich überfallen hat, ist ein siebzehnjähriger Junge namens Dane Trask. Und dieser Jemand, der dir geholfen hat, heißt Cullen Logan.“

Cullen Logan.

Rachel zuckte vor Schreck so heftig zusammen, dass sie beinah ihren Kaffee verschüttet hätte. Jede Kleinstadt besaß ein schwarzes Schaf – und das von Riverbend hieß Cullen Logan!

Rachel hatte ihn vor Jahren einmal gesehen, als sie gerade vom Internat gekommen war, um die Weihnachtsferien hier zu verbringen. Sie hatte an einem Samstagmorgen auf dem Bürgersteig vor einem Supermarkt gestanden, die frische, klare Luft eingeatmet und auf Ethan und Cole gewartet, die Einkäufe erledigten. Da hatte ein Motorrad an der gegenüberliegenden Tankstelle angehalten. Der große Fahrer in schwarzer Lederkluft hatte breitbeinig auf der laut knatterten Maschine gehockt, seinen Helm abgenommen, die Handschuhe ausgezogen und eine dunkle Sonnenbrille aufgesetzt. Dann hatte er seine Maschine ausgeschaltet und seinen Blick lässig und etwas herausfordernd über die belebte Straße gleiten lassen.

Rachel war nicht nah genug gewesen, um sein Aussehen genau beschreiben zu können. Aber trotz ihrer zwölf Jahre hatte sie damals die ungebändigte Wildheit spüren können, die von ihm ausging. Sein schwarzes, wirres Haar reichte ihm bis auf die Schultern. Als er ein Bein über den Sattel schwang, hatte sich seine Jacke, die er offen trug, geteilt und den Blick auf eine breite, nackte Brust freigegeben. Seine geschmeidigen, kraftvollen Bewegungen hatten Rachel augenblicklich in seinen Bann gezogen. Er hatte den Tankwart ignoriert, der halbherzig seine Dienste anbot, das Benzin selbst eingefüllt und war dann zum Bezahlen gegangen.