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Kein Preis ist mir zu hoch erscheint in der HarperCollins Germany GmbH

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© 2002 by Gina Wilkins
Originaltitel: „The Groom‘s Stand-In“
erschienen bei: Silhouette Books, Toronto
Published by arrangement with HARLEQUIN ENTERPRISES II B.V./S.àr.l.

© Deutsche Erstausgabe in der Reihe BIANCA
Band 1346 - 2003 by CORA Verlag GmbH, Hamburg
Übersetzung: M.R. Heinze

Umschlagsmotive: DmitriiSimakov / Getty Images

Veröffentlicht im ePub Format in 09/2017 – die elektronische Ausgabe stimmt mit der Printversion überein.

E-Book-Produktion: GGP Media GmbH, Pößneck

ISBN 9783733753191

Alle Rechte, einschließlich das des vollständigen oder auszugsweisen Nachdrucks in jeglicher Form, sind vorbehalten.
CORA-Romane dürfen nicht verliehen oder zum gewerbsmäßigen Umtausch verwendet werden. Sämtliche Personen dieser Ausgabe sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen sind rein zufällig.

Weitere Roman-Reihen im CORA Verlag:
BACCARA, JULIA, ROMANA, HISTORICAL, MYSTERY, TIFFANY

 

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1. KAPITEL

Donovan Chance hatte Bryan Falcon, seinem Freund und Arbeitgeber, schon oft einen Gefallen erwiesen. Mehrmals hatte er dabei sogar Kopf und Kragen riskiert. Bisher hatte er sich jedoch nie als Babysitter betätigt. An diesem Sonntagnachmittag Anfang April hatte er es zwar nicht direkt mit einem Baby zu tun, aber trotzdem erinnerte ihn die ganze Sache an das Hüten eines Kindes.

Widerstrebend hatte er zugestimmt, Chloe Pennington, Bryans derzeitige Freundin, von ihrer Wohnung in Little Rock zu Bryans Ferienhaus am Table Rock Lake in Missouri zu bringen. Auf die etwa drei Autostunden mit einer völligen Fremden freute Donovan sich nicht im Geringsten.

Seufzend tastete er nach dem Türgriff. Er schuldete Bryan mehr als eine Gefälligkeit. Darum musste er im Moment seine persönlichen Gefühle zurückstellen.

Die Wohnung befand sich im Erdgeschoss. Reichlich Regen war angesagt, und die Luft war kühl, als Donovan klingelte.

Nach dem Foto, das Bryan ihm gezeigt hatte, erkannte er sofort die Frau, die ihm öffnete. Glattes braunes Haar, zum Pagenkopf geschnitten, große grünbraune Augen, helle Haut, gerade schmale Nase, weicher Mund. Keine Schönheit, aber hübsch. Zur Jeans trug sie ein langärmeliges rotes T-Shirt.

Sie war nicht sein Typ. Die ganze Angelegenheit war für ihn eine Überraschung – und keine angenehme.

„Ms. Pennington? Ich bin Donovan Chance, Bryan Falcons Freund und Mitarbeiter“, stellte er sich vor.

Kühl betrachtete sie ihn vom Scheitel bis zur Sohle. „Freund und Mitarbeiter? Meinen Sie nicht eher Laufbursche?“

Das sollte die Frau sein, die Bryan heiraten wollte und die er als reizend, warmherzig, humorvoll und leicht altmodisch beschrieben hatte? Hätte Donovan nicht das Foto gesehen, wäre er überzeugt gewesen, sich in der Tür geirrt zu haben. „Sie sind doch Ms. Pennington, oder?“, fragte er sicherheitshalber.

„Ja. Darf ich Sie Donnie nennen?“ Ihr Tonfall war eine glatte Unverschämtheit.

„Auf den Namen werde ich kaum hören.“ Sie war nicht gerade freundlich. Vor Bryan gab sie sich bestimmt nie so. Donovan besaß allerdings viel Erfahrung im Umgang mit schwierigen Leuten und blieb darum ganz ruhig. „Wir sollten aufbrechen. Darf ich Ihr Gepäck nehmen?“

Vom Babysitter zum Pagen. Wenn sich Ms. Pennington nicht bald anders benahm, schuldete Bryan ihm nach diesem Unternehmen einen Gefallen, nicht umgekehrt.

„Meiner Meinung nach sollte sich Ihr reicher Chef eine andere für diese lächerliche Vernunftehe aussuchen“, entgegnete sie missbilligend.

Jetzt verstand er gar nichts mehr. Er hatte gedacht, Chloe Pennington wäre bereitwillig auf die überstürzte Werbung seines Freundes eingegangen, weil sie Bryan, sein Geld und seine Macht unwiderstehlich fand. Viele Frauen vor ihr hatten so gedacht. Diese Frau tat jedoch nicht einmal so, als würde sie sich auf die Woche mit Bryan freuen. Glaubte sie ernsthaft, dermaßen geringschätzig mit Bryans engstem Freund sprechen zu können, ohne dass es ihr schadete?

„Wenn Sie so darüber denken, vergessen wir einfach die ganze Sache“, sagte Donovan scharf. „Bryan hat ohnedies keine Zeit für Urlaub, schon gar nicht mit jemandem, der keine Lust hat. Und um ehrlich zu sein, habe ich Wichtigeres zu erledigen, um als Babysitter zu …“

„Grace, ich habe Mrs. Callahan in der Waschküche getroffen, und sie hat mich gebeten, dir auszurichten …“ Die Frau in einer Kakihose und einem grünen Sweater blieb stehen, als sie Donovan an der Tür entdeckte. „Ach, sie müssen Donovan Chance sein“, sagte sie verlegen. „Sie sind zeitig da.“

„Ich bin pünktlich“, erwiderte Donovan ziemlich verblüfft.

Sie stellte einen Korb mit frisch gewaschener Wäsche auf die Couch und kam näher. „Tut mir leid, meine Uhr ist wahrscheinlich stehen geblieben. Das hat sie in letzter Zeit öfters gemacht.“

Die beiden sahen einander zum Verwechseln ähnlich. Diese zweite Frau trug das braune Haar nur etwas länger und wirkte auch freundlicher.

„Grace, hast du Mr. Chance nicht gebeten einzutreten?“

Grace wich seufzend zur Seite. „Ich hatte ihn fast so weit, dass er ohne dich wegfährt.“

Chloe reichte Donovan die Hand. „Tut mir leid, falls meine Schwester unhöflich war. Ich bin Chloe Pennington, und es freut mich, Sie kennenzulernen, Mr. Chance. Bryan hat mir viel von Ihnen erzählt.“

Bryan hatte erwähnt, dass Chloe zusammen mit ihrer Schwester ein Geschäft betrieb. Allerdings hatte er verschwiegen, dass die beiden identische Zwillinge waren.

Donovan drückte Chloe die Hand. „Freut mich ebenfalls, Ms. Pennington.“

„Nennen Sie mich Chloe. Meine Schwester Grace kennen Sie ja bereits.“

Donovan hielt Grace’ eisigem Blick stand. „Ja, ich hatte das Vergnügen.“ Sie lächelte ihn daraufhin herausfordernd an.

Chloe betrachtete abwechselnd die beiden und schüttelte den Kopf. „Jetzt bin ich sicher, dass ich mich für meine Schwester entschuldigen muss.“

Donovan achtete nicht weiter auf Grace. „Sind Sie bereit?“, fragte er Chloe, die Auserwählte seines Freundes.

Chloe warf einen Blick auf ihre Armbanduhr, schüttelte sie, nahm sie schließlich ab und warf sie ihrer Schwester zu. „Könntest du sie bitte in meiner Abwesenheit reparieren lassen?“

Grace fing die Uhr geschickt auf. „Bleib hier und kümmere dich selbst darum.“

„Fang bitte nicht wieder damit an.“ Chloe griff nach dem Wäschekorb. „Fünf Minuten“, sagte sie zu Donovan. „Setzen Sie sich so lange.“

Er nickte und ließ Grace dabei nicht aus den Augen.

„Könntest du mir helfen?“, fragte Chloe ihre Schwester. Vermutlich hatte sie gemerkt, dass er sich in Grace’ Nähe nicht sonderlich wohl fühlte. „Mr. Chance macht es bestimmt nichts aus, allein zu warten.“

„Absolut nichts“, versicherte er.

Grace verschränkte die Arme. „Du kommst allein zurecht. Ich leiste Falcons Chauffeur Gesellschaft.“

Donovan hätte ihr das durchgehen lassen, doch Chloe ergriff seine Partei. „Mr. Chance ist kein Chauffeur, sondern Manager in Bryans Firma. Und er erweist Bryan einen großen Gefallen, wenn er mich heute fährt, weil Bryan in New York zu tun hat.“

„Manager? Nennt man Botenjungen jetzt so?“

„Grace!“

Donovan winkte ab. „Reden Sie sich alles von der Seele“, forderte er Grace auf. „Welche Beleidigungen wollen Sie mir noch an den Kopf werfen, bevor ich aufbreche?“

Zu seiner Überraschung wurde Grace rot. „Ich sollte mich bei Ihnen entschuldigen. Schließlich erledigen Sie nur einen Auftrag. Eigentlich geht es um meine Schwester. Der müsste man den Kopf zurechtrücken.“

„Dann sind Sie also mit der Verlobung nicht einverstanden?“

„Bryan und ich sind nicht verlobt“, warf Chloe hastig ein. „Wir stehen noch ganz am Anfang unserer Beziehung. Darum wollen wir während der Woche in seinem Ferienhaus über unsere gemeinsame Zukunft sprechen. Es hat uns beide sehr gestört, dass die Presse Wind von der Sache bekam und eine bevorstehende Heirat andeutete.“

„Sind denn Sie mit diesem albernen Arrangement einverstanden?“, fragte Grace.

Donovan zuckte mit den Schultern. „Das geht mich grundsätzlich nichts an.“

„Dann sind Sie also tatsächlich nur Bryan Falcons Angestellter und kein wahrer Freund.“

„Bryan Falcon ist mein bester Freund“, erwiderte er scharf. „Ich mische aber nicht in sein Privatleben ein.“ Hätte Bryan ihn allerdings um seine Meinung gefragt, hätte er ihm geraten, sich die Einheirat in diese Familie gründlich zu überlegen.

„Ich wünschte, sie könnten meiner Schwester beibringen, sich nicht ins Privatleben anderer einzumischen“, bemerkte Chloe.

Donovan bezweifelte, dass Grace Pennington bereit gewesen wäre, sich von ihm irgendetwas beibringen zu lassen. „Wir sollten aufbrechen.“

„Ich beeile mich“, versicherte Chloe. „Komm, Grace!“

Donovan blieb allein zurück und fragte sich, in welchen Schlamassel Bryan sie beide da hineingezogen hatte.

Chloe saß entspannt in dem bequemen Ledersitz des luxuriösen Wagens. Die vorüberziehende Landschaft gefiel ihr. Heute war es kühl, weil es vergangene Nacht ein Gewitter gegeben hatte. Durch die Wärme der letzten zwei Wochen hatten sich jedoch bereits die Blätter an den Bäumen geöffnet. Narzissen und Azaleen blühten.

Chloe liebte zwar die ersten Frühlingsboten, betrachtete jedoch immer wieder verstohlen den Mann am Steuer. Bryan hatte seinen Stellvertreter als stark, schweigsam, unverblümt und notfalls rücksichtslos beschrieben. Außerdem hatte er Donovan Chance den aufrichtigsten, zuverlässigsten und treuesten Freund genannt, den er jemals gehabt hatte. Sie hatte damit gerechnet, in Donovans Nähe befangen zu sein, aber nicht, dass er sie total einschüchtern würde.

Er sah nicht so gut aus wie Bryan – jedenfalls nicht im herkömmlichen Sinn. Donovans Gesicht war stärker ausgeprägt, mit einem kantigen Kinn und kräftigen Wangenknochen. Die Nase hatte er sich bestimmt in der Jugend gebrochen. Jedenfalls war sie nicht ganz gerade. Die hellgrünen Augen wirkten kühl. Der Mund gefiel ihr, doch bestimmt lächelte er selten.

Donovan trug einen dünnen, cremefarbenen Sweater mit V-Ausschnitt zu einem dunkelblau und beige karierten Hemd und dazu eine dunkelblaue Leinenhose und Halbschuhe. Eigentlich war er mehr der Typ für ein Denim-Hemd, Jeans und Stiefel. Das kastanienbraune Haar war nicht besonders lang und gut gekämmt, doch eine Strähne fiel ihm in die Stirn.

Bei einem anderen hätte sie das jungenhaft gefunden, nicht jedoch bei Donovan Chance. An ihm war absolut nichts jungenhaft.

Da er Bryans bester Freund war, beschloss sie, ihn am besten jetzt gleich besser kennenzulernen. Das war schließlich auch der Grund, warum Bryan sie mit Donovan zum Ferienhaus schickte, obwohl sie allein hätte fahren können.

„Bryan hat mir erzählt, dass er Sie seit der Highschool kennt“, begann sie.

„Ja“, erwiderte Donovan, ohne den Blick von der Straße zu wenden.

„Waren Sie Nachbarn?“

„Nein.“

Gut, dann eben keine Fragen mehr, die man mit ja oder nein beantworten konnte. „Wie haben Sie beide sich kennengelernt?“

Er antwortete erst nach einer Weile. „Vier Jungs haben mich zusammengeschlagen. Bryan hat mir geholfen.“

Chloe versuchte vergeblich, sich den stets makellosen und eleganten Bryan Falcon bei einer Schlägerei vorstellen. Viel eher glaubte sie, dass Donovan es mit vier Angreifern aufnahm. „Haben Sie und Bryan gesiegt?“

„Wir sind beide zusammengeschlagen worden.“

Chloe musste lachen. „Wie schrecklich!“

„Wir haben uns wieder erholt.“ War das eben ein Lächeln gewesen?

„Seither sind Sie und Bryan Freunde?“

Lange Pause. „Ja.“

Chloe seufzte lautlos und stellte sich auf eine lange Fahrt in tiefem Schweigen ein. Sah sie sich eben die Landschaft an.

Es fiel Donovan schwer, auf die Straße zu achten. Die Frau neben ihm lenkte ihn ab. Aus dem Augenwinkel sah er, dass sie durch das Seitenfenster die Gegend betrachtete. Die Hände hatte sie im Schoß fest ineinander verschränkt. Sie wirkte nicht wie eine Frau, die sich mit ihrem Auserwählten in einer romantischen Umgebung treffen wollte.

Wieso war sie auf einen dermaßen geschäftsmäßig nüchternen Antrag eingegangen? Die logische Antwort war, dass es dafür etliche Millionen Gründe gab, alle mit Dollarzeichen versehen.

Nettes Plaudern lag Donovan nicht. Trotzdem ließ er sich etwas einfallen, um sie wieder zum Reden zu bringen. Nur so konnte er sie durchschauen. „Bryan hat mir erzählt, dass Sie im Einzelhandel tätig sind.“

„Ja, Grace und ich betreiben im River Market District von Little Rock einen Laden. Wir haben ihn ‚Mirror Images‘ – Spiegelbilder – genannt, eine Anspielung darauf, dass wir Zwillinge sind. Wir sind auf Dekorationsstücke spezialisiert, hauptsächlich auf ungewöhnliche Spiegel, aber wir führen auch Töpferwaren, Skulpturen, Kerzenleuchter, geschnitzte Holzschatullen und mundgeblasenes Glas. Viele Einzelstücke werden in Handarbeit hergestellt.“

Sie sprach begeistert und liebte offenbar ihre Arbeit. Bryan sagte stets, ein Geschäft könnte nur erfolgreich sein, wenn der Eigentümer Leidenschaft aufbrachte. Wahrscheinlich war Bryan von Chloes Begeisterung für ihren Laden angezogen worden – und von ihrem Lächeln.

Donovan räusperte sich. „Wie läuft das Geschäft? Machen Sie Gewinn?“

„Wir kommen zurecht“, erwiderte sie eine Spur kühler.

Hielt sie ihn für neugierig, oder wollte sie nicht zugeben, dass der Laden kein Geld abwarf? Er wusste, wie schwer es kleine Unternehmen hatten. Die Hälfte machte im ersten Jahr wieder dicht. „Es wird besser laufen, sobald Bryan auf den Plan tritt“, meinte er.

Bryan Falcon war geradezu ein Magier, wenn es darum ging, ein Unternehmen profitabel zu machen. Bestimmt wusste Chloe über die geschäftlichen Fähigkeiten ihres neuen Freundes Bescheid – und über seinen Hang zu zauberhaften Frauen.

Jetzt schlug sie einen eisigen Ton an. „Ich erwarte von Bryan nicht, dass er sich in irgendeiner Weise um mein Geschäft kümmert. Meine Schwester und ich sind absolut in der Lage, es selbst zu führen.“

„Verstehe“, erwiderte er, was jedoch nicht hieß, dass er ihr auch glaubte. Wollte sie behaupten, sie hätte nie an die finanziellen Vorteile einer Ehe mit einem der erfolgreichsten Unternehmer des Landes gedacht?

„Sie denken, dass ich nur an Bryans Geld interessiert bin“, stellte sie fest.

„Das habe ich nicht gesagt.“

„Nein, gesagt haben Sie es nicht.“ Sie wandte sich ab und zeigte ihm deutlich, dass er sie beleidigt hatte.

Vielleicht sollte er sich entschuldigen, aber er tat es nicht. Erstens waren ihm Entschuldigungen schon immer schwer über die Lippen gekommen, und zweitens dachte er tatsächlich, dass sie sich für Bryans Geld interessierte. Er kannte nur wenige Frauen und Männer, auf die das nicht zutraf. Sogar ihre eigene Schwester hatte behauptet, dass es sich nicht um eine Liebesheirat handelte. Also hatte Chloe andere Gründe, Bryan zu heiraten.

Donovan dachte selbst praktisch und machte Chloe daher keinen Vorwurf. Trotzdem fand er das Arrangement nicht gut. Bryan hätte es verdient, nicht nur seines Geldes wegen geheiratet zu werden.

Nach Donovans Meinung war Bryans letzte gescheiterte Beziehung die Ursache für sein jetziges Verhalten. Die Frau hatte behauptet, nicht sein Geld, sondern ihn zu lieben. Der Schwindel flog auf, als sie von den strengen Bedingungen des Ehevertrags hörte, den Bryans Anwälte aufgesetzt hatten.

Weil Bryan schon mehrmals hintergangen worden war, gab es in seinen Augen nur eine Möglichkeit, wie er sich auf eine Lebenspartnerin verlassen konnte. Von Anfang an musste alles offen festgelegt werden. Er wünschte sich Kinder, die in einer traditionellen Familie mit beiden Elternteilen aufwuchsen. Darum nahm er die Ehe auf die gleiche Weise in Angriff wie ein neues Geschäft – mit Verträgen, Langzeitplanung, kalkulierten Risiken und deutlich umrissenen Vorteilsberechnungen.

Donovan hatte widersprochen, weil man eine Ehefrau nicht mit den gleichen Methoden wie einen Finanzberater auswählte. Bryan hielt jedoch an seinem Plan fest.

Im Februar hatte Bryan nach stundenlangen Besprechungen zufällig Chloes Laden betreten, sich mit ihr unterhalten und anschließend mit ihr im beliebten River Market Pavillon Kaffee getrunken. Rasch stellte er fest, dass Chloe die Frau war, die er suchte und die sich für eine Vernunftehe eignete.

Niemand konnte Donovan vorwerfen, auch nur im Entferntesten romantisch veranlagt zu sein. Bryans Plan wirkte jedoch sogar auf ihn kalt und kalkuliert. Vielleicht würde Bryan eines Tages merken, dass er sich mit weniger zufriedengegeben hatte, als er hätte bekommen können.

Da Donovan nicht die Absicht hatte, Kinder in die Welt zu setzen, war es für ihn einfacher. Er wollte überhaupt nicht heiraten. Seine Beziehungen waren auf kurze Dauer und frei von sämtlichen Bindungen angelegt. So war es am bequemsten.

Sie waren nun schon eine Stunde unterwegs, aber Chloes Haltung war unverändert steif.

„Ist alles in Ordnung?“, fragte Donovan. „Macht Sie vielleicht mein Fahrstil nervös?“

„Natürlich nicht“, antwortete sie und sah ihn an. „Sie sind ein sehr guter Fahrer. Ich bin überhaupt nicht nervös.“

Das war eindeutig gelogen. „Sie wirken leicht verspannt.“

„Es geht mir gut.“ Sie hielt den Blick starr geradeaus gerichtet. „Was genau machen Sie eigentlich in Bryans Unternehmen?“

„Was immer er von mir verlangt.“

„Zum Beispiel, mich heute zu begleiten?“

Da die Antwort auf der Hand lag, schwieg er.

Sie versuchte es erneut. „Sie waren in den letzten Monaten im Ausland. In Italien, wenn ich mich recht erinnere.“

„In Venedig. Fast drei Monate.“

„Das war bestimmt sehr schön.“

„Es war geschäftlich.“

„Sie haben sich doch sicher Zeit für Besichtigungen genommen“, meinte sie und drehte sich zu ihm.

„Selten“, räumte er ein. „Ursprünglich sollte ich nur zwei Wochen bleiben, aber dann wurde ich aufgehalten. Ich habe mich bemüht, sämtliche Probleme so schnell wie möglich zu lösen, um in die Vereinigten Staaten zurückkehren zu können.“

„Die Familie hat Ihnen gefehlt, nicht wahr?“

„Ich habe keine Familie, aber jede Menge Arbeit hat auf mich gewartet.“

„Verstehe“, sagte sie und blickte wieder nach vorne.

Bryan wollte bestimmt, dass er Chloe unterhielt. Daher überlegte Donovan, was er über die Zeit in Venedig erzählen konnte. „Das Essen war gut.“

„Ja, das glaube ich.“

„Die Sonnenaufgänge waren auch schön“, fuhr er fort. „Ich hatte einen Balkon, auf dem ich morgens Kaffee trank und Zeitung las.“

„Das muss großartig gewesen sein“, antwortete sie begeistert. „Ich wollte schon immer reisen und mir Orte ansehen, über die ich nur gelesen habe.“

„Wenn Sie Bryan heiraten, können Sie so viel reisen, wie Sie wollen.“

„Falls ich ihn heirate“, verbesserte sie ihn.

„Wenn man den Klatschjournalisten glaubt, ist alles schon geregelt.“ Er nahm an, dass die Gerüchte stimmten. Warum sollte sie einen Multimillionär, der ihr alles bot, nicht heiraten?

„Daran kann ich mich einfach nicht gewöhnen“, meinte sie geringschätzig. „Dass die Zeitungen über mich schreiben, meine ich.“

Geld zog eben die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit auf sich, obwohl Bryan stets versuchte, sein Privatleben abzuschirmen. Wahrscheinlich hatte jemand die Zeitungen über Chloe informiert. Das war einer der Gründe, aus denen Bryan ihn gebeten hatte, Chloe zu begleiten. Bryan fürchtete, Chloe könnte durch den Presserummel abgeschreckt werden. Donovan hatte damit kein Problem. Reporter warfen einen Blick auf ihn und steckten hastig die Notizblöcke weg.

„Einer dieser Reporter hat mich Zoe genannt“, bemerkte Chloe. „Ein anderer hat behauptet, Bryan würde sich nicht mit mir, sondern mit Grace treffen.“

„Ihre Schwester hat sich wohl kaum darüber gefreut, dass ihr Name mit Bryan in Verbindung gebracht wurde“, entgegnete er.

„Nein, sicher nicht.“

„Was hat sie eigentlich gegen Bryan?“

„Es geht nicht direkt gegen ihn. Sie fürchtet lediglich, dass ich einen Fehler begehe. Grace vertraut nur schwer anderen Menschen und vor allem reichen und mächtigen Männern. Sie ist überzeugt, dass ich verbittert und gedemütigt werde. Im Gegensatz zu gewissen anderen Leute weiß meine Schwester, dass ich von der Ehe mehr als finanzielle Sicherheit erwarte. Und sie glaubt nicht, dass Bryan meine Wünsche erfüllen wird.“

„Und wieso nicht?“

„Sie denkt, Bryan würde mir etwas vormachen und hätte gar nicht die Absicht, eine Familie zu gründen.“

„Bryan hält stets sein Wort.“

„Sie stehen eisern zu ihm, nicht wahr?“

Auch darauf schwieg er, weil sie nie begreifen würde, wie viel er Bryan schuldete. Außerdem ging es sie nichts an.

Erneut versanken sie in tiefes Schweigen. Donovan wusste nicht mehr, was er sagen sollte, und Chloe hatte sich endlich etwas entspannt.

2. KAPITEL

Nach etwa zwei Stunden Fahrt deutete Donovan auf eine Raststätte an der Straße. „Wir haben ungefähr Halbzeit. Ich würde gern etwas trinken. Was ist mit Ihnen?“

„Ja, etwas Kaltes wäre gut“, erwiderte Chloe.

Er blinkte und sah automatisch in den Rückspiegel. Ein großer Pick-up mit viersitzigem Fahrerhaus war direkt hinter ihm. Danach kam ein blauer Minivan, der ebenfalls blinkte. Das war nicht überraschend, weil es bis zur nächsten Raststätte weit war.

Da Donovan nicht tanken musste, fuhr er auf den Parkplatz neben dem kleinen Laden. Die einzige freie Stelle lag im Schatten. Heute war es nicht besonders kalt. Trotzdem fröstelte er, als er den Motor abstellte. Da er gelernt hatte, sich auf solche Gefühle zu verlassen, sah er sich vorsichtig um, ehe er die Tür öffnete. Alles wirkte harmlos – zwei ältere Wagen, mehrere Pick-ups und der Minivan parkten bei der Tankstelle.

„Sind Sie auch mein Leibwächter?“, fragte Chloe.

„Wieso fragen Sie?“

„Sie sehen sich vorsichtig um – wie ein Geheimagent in einem Hollywoodfilm.“

„Ich bin kein Leibwächter“, entgegnete er knapp. „Wollen Sie mit hineinkommen oder hier draußen warten?“

Sie öffnete schon die Tür. „Ich komme mit.“

Er ging hinter ihr um das Gebäude herum zur Vorderseite.

„Entschuldigen Sie mich“, sagte Chloe, betrat den Laden und eilte zu den Waschräumen.

Donovan trat ans Kühlregal, das die ganze Wand einnahm, und behielt die Tür zu den Waschräumen unter Beobachtung. Dabei wusste er nicht, warum er plötzlich so unruhig war. Vielleicht lag es an der ganzen Situation.

Chloe kam wieder zu ihm, nahm sich eine Diätcola und ging mit ihm zur Kasse.

„Ich bezahle“, sagte er, als sie die Handtasche öffnen wollte, und bei seinem Ton verzichtete sie auf Widerspruch.

Eine Wolke schob sich vor die Sonne, sobald sie ins Freie traten. Auf dem Parkplatz wurde es dunkel, und der Wind frischte auf. Donovan schob sich näher an Chloe heran.

„Stimmt etwas nicht?“, fragte sie neugierig.

Natürlich verhielt er sich unsinnig. Hier handelte es sich nicht um ein Unternehmen, bei dem er auf jedes Geräusch und jeden Schatten achten musste. Er brauchte nicht zu fürchten, Bewaffnete könnten plötzlich auftauchen. Er spielte lediglich für einige Stunden den Begleiter von Bryans Freundin. Das hätte er sich zwar nicht freiwillig ausgesucht, aber es war bestimmt nicht gefährlich.

Der Urlaub begann nicht gerade vielversprechend, stellte Chloe fest. Wenigstens hatte sie mit Bryan nicht die gleichen Probleme wie mit seinem Freund. Im Gegenteil, sie und Bryan hatten sich von Anfang an wie gute Freunde unterhalten.

Im Lauf der nächsten Tage wollte sie jedoch davon wegkommen, in Bryan einen guten Freund und keinen möglichen Liebhaber zu sehen. Er war attraktiv, umgänglich, intelligent, amüsant und sehr aufmerksam. Was wünschte sich eine Frau mehr? Sobald sie ungestört waren, entwickelte sich ihre Beziehung bestimmt weiter.

Sie erwartete in einer Ehe keine glühende Leidenschaft. Sie rechnete nicht damit, sich Hals über Kopf zu verlieben, und ihr Mann sollte sie auch nicht blindlings verehren. Bisher war sie nur enttäuscht worden, wenn sie auf romantische Liebe hoffte. Jetzt gab sie sich mit Sicherheit, Respekt, Zuneigung und vor allem mit Kindern zufrieden. Bryan hatte sie fast schon überzeugt, dass er sich das Gleiche wünschte. Wieso verstand Grace nicht, wie verlockend dieses Angebot klang?

Was Donovan anging … Chloe warf dem Mann mit dem ernsten Gesicht wieder einen verstohlenen Blick zu. Er war eindeutig dagegen. Hielt er sie wirklich für eine Goldgräberin, oder störte ihn wie Grace die geschäftsmäßige Art, in der sie und Bryan die Sache angingen? Donovan hatte bestimmt keine romantischen Vorstellungen von Liebe und Ehe. Höchstwahrscheinlich nahm er an, dass sie hinter Bryans Geld her war.