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IMPRESSUM

Der Märchenprinz aus Monaco erscheint in der HarperCollins Germany GmbH

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© 2004 by Rebecca Winters
Originaltitel: „To Marry For Duty“
erschienen bei: Mills & Boon Ltd., London
Published by arrangement with HARLEQUIN ENTERPRISES II B.V./S.àr.l.

© Deutsche Erstausgabe in der Reihe ROMANA
Band 1637 - 2006 by CORA Verlag GmbH, Hamburg
Übersetzung: Helga Meckes-Sayeban

Umschlagsmotive: shironosov / Getty Images

Veröffentlicht im ePub Format in 09/2017 – die elektronische Ausgabe stimmt mit der Printversion überein.

E-Book-Produktion: GGP Media GmbH, Pößneck

ISBN 9783733753238

Alle Rechte, einschließlich das des vollständigen oder auszugsweisen Nachdrucks in jeglicher Form, sind vorbehalten.
CORA-Romane dürfen nicht verliehen oder zum gewerbsmäßigen Umtausch verwendet werden. Sämtliche Personen dieser Ausgabe sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen sind rein zufällig.

Weitere Roman-Reihen im CORA Verlag:
BACCARA, BIANCA, JULIA, HISTORICAL, MYSTERY, TIFFANY

 

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1. KAPITEL

August, Kingston, New York

„Danke, dass Sie mich so kurzfristig angenommen haben, Dr. Arnavitz. Ich war noch nie bei einem Psychiater und bin deshalb etwas nervös.“

Der Angesprochene neigte das ergraute Haupt leicht zur Seite. „Nervosität ist bei meinen Patienten völlig normal. Jedenfalls beim ersten Besuch. Wenn Sie mir sagen, was Sie bedrückt, können wir dem Problem gleich auf den Grund gehen.“

Die Hände fest auf den Knien gefaltet, saß Piper auf der Stuhlkante. „Alles bedrückt mich …“, platzte sie heraus, und Tränen rannen ihr über die Wangen.

Wortlos schob der Arzt ihr eine Schachtel Papiertücher zu. Piper nahm eins heraus und tupfte sich das tränennasse Gesicht ab. Nachdem sie sich wieder etwas gefasst hatte, gestand sie: „Zum ersten Mal in meinem Leben bin ich alleine und komme damit nicht sehr gut zurecht. Ehrlich gesagt komme ich überhaupt nicht zurecht.“ Wieder verlor sie die Fassung.

„Seelisch oder körperlich?“

„Beides.“ Immer noch betupfte sie sich die meergrünen Augen mit einem Tuch.

„Aus Ihrer Karteikarte ersehe ich, dass Sie siebenundzwanzig Jahre alt und ledig sind. Leiden Sie unter der Trennung von einem Freund oder Verlobten?“

Nic war keines von beiden, er interessierte sich nicht einmal für sie. Im Grunde war Nicolas de Pastrana aus dem spanischen Hause Bourbon-Parma für sie von Anfang an unerreichbar gewesen, doch das hatte sie nicht gewusst, als sie Nic und seinen Cousins zum ersten Mal begegnet war.

„Nein“, erwiderte Piper mit bebender Stimme. „Aber ich könnte mir vorstellen, dass man sich dann genauso fühlt … einfach schrecklich.“

„Erzählen Sie mir von Ihrer Familie.“

„Meine Eltern sind beide gestorben, und meine Schwestern Greer und Olivia sind verheiratet und leben in Europa. Olivia hat erst kürzlich in Marbella geheiratet. Ich bin vor drei Tagen aus Spanien nach New York zurückgekommen.“

„Sie leben allein?“

Piper nickte. „In einem Erdgeschossapartment hier in Kingston. Nach Daddys Tod im Frühling hatten wir es zu dritt bewohnt.“

„Ist Ihre Familie sehr groß?“

„Nein. Unsere Eltern haben erst spät geheiratet, und ihre Verwandten sind alle verstorben.“

„Also sind Sie jetzt ganz allein.“

Wieder zog Pipers Kehle sich schmerzlich zusammen. „Ja. Das klingt ziemlich nach Selbstmitleid, nicht wahr?“

„Ganz und gar nicht. Die meisten Menschen haben zumindest Verwandte, die in der Nähe wohnen. Wo stehen Sie innerhalb Ihrer Familie?“

Piper glaubte zu verstehen, was der Arzt meinte. „In der Mitte, würde ich sagen, obwohl das irreführend klingt, weil meine Schwestern und ich Drillinge sind – wenn auch keine eineiigen.“

„Aha …“ Mehr sagte der Arzt nicht, doch offenbar war ihm durch ihre Worte einiges klar geworden.

„So einsam wie jetzt habe ich mich noch nie gefühlt. Damit meine ich nicht die räumliche Trennung von meinen Schwestern, sondern die seelische.“

„Die Herrschaft der drei Musketiere ist zu Ende?“, versuchte er, ihr weiterzuhelfen.

„Ja!“, rief Piper. „Genau so war es! Alle für eine, eine für alle. Aber nachdem meine Schwestern jetzt Ehemänner haben, wird nichts mehr wie früher sein.“

„Macht Sie das zornig?“

Sie senkte den Kopf. „Ja. Und ich weiß, es ist schrecklich, so etwas zu sagen.“

„Absolut nicht. Es ist ehrlich. Etwas anderes hätte ich Ihnen auch gar nicht geglaubt.“

„Und dabei ist es einzig und allein meine Schuld, dass sie verheiratet sind.“

„Soll das heißen, Sie haben die Ehemänner Ihrer Schwestern mit vorgehaltener Pistole zum Heiratsantrag gezwungen?“

Trotz der Tränen musste Piper nun lachen. Wenn der Mann wüsste, wie viele Tricks dazu nötig gewesen waren! „Nein.“

„Wieso sollten Sie dann schuld daran sein, dass Ihre Schwestern geheiratet haben?“

„Das ist eine lange Geschichte.“

„Uns bleiben noch zwanzig Minuten.“

Piper beschloss, die restliche Zeit so effektiv wie möglich zu nutzen. „Als Älteste hat Greer Olivia und mir immer gesagt, was wir tun sollten. Sie war es auch, die uns überredet hat, nach dem College unsere Internet-Firma zu gründen. Greer hatte uns zum Ziel gesetzt, dass wir Millionärinnen sein müssten, ehe wir dreißig sind. Deshalb sollte auch keine von uns heiraten, das würde nur alles verderben. Da Olivia und ich aber nicht so verrückt darauf waren, Millionärinnen zu werden, war uns klar, dass wir Greer erst unter die Haube bringen mussten, ehe wir auch heiraten und eine Familie gründen konnten, um so glücklich zu werden wie unsere Eltern.

Greers Einstellung beunruhigte auch Dad. Ehe er starb, haben Olivia und ich ihn überredet, das Geld, das er uns hinterlassen wollte, in einem Hochzeitsfonds anzulegen, mit der Auflage, dass wir es nur für die Suche nach Ehemännern ausgeben dürfen. Dad fand die Idee prima und hat Greer natürlich nicht verraten, dass wir dahintersteckten. Im Juni beschlossen wir, an die Riviera zu fliegen. Das erschien uns als der ideale Ort, einen aufregenden Mann kennen zu lernen. Im Grunde genommen ging es mir und Olivia aber darum, dass Greer jemanden treffen sollte, der sie ihren Millionärinnentick vergessen lassen würde. Ahnungslos flog sie mit, um Daddys letzten Wunsch zu erfüllen. Sie hatte gar nicht vor zu heiraten, wollte an der Riviera nur einen Playboy finden, der ihr einen Heiratsantrag macht. Und sie freute sich schon darauf, ihn dann kalt lächelnd abblitzen zu lassen.

Olivia und ich spielten mit. Wir konnten es kaum fassen, als sie dort in Maximilliano di Varano aus dem Hause Bourbon-Parma ihren Traummann fand – und ihm schließlich einen Heiratsantrag machte! Innerhalb von sechs Wochen waren die beiden verheiratet und leben jetzt in Italien.

Damit war Olivias und mein Plan mehr als aufgegangen. Wir konnten nach New York zurückkehren und endlich unser eigenes Leben beginnen. Doch dann“, ihre Stimme bebte, „verliebte Olivia sich in Max’ besten Freund Lucien de Falcon, ebenfalls aus dem Hause Bourbon-Parma. Vor einigen Tagen haben die beiden geheiratet und wohnen jetzt in Monaco.“

Dr. Arnavitz nickte. „Und jetzt sind Sie frei und können Ihr eigenes Leben beginnen.“

Piper unterdrückte einen Schluchzer. „Nun ja, mein eigenes Leben … ich weiß gar nicht mehr, was das ist.“

Der Arzt beugte sich vor. „Das Ende der drei Musketiere mag das Ende Ihrer Mädchenzeit bedeuten, aber es ist auch der Anfang von Piper Duchess’ neuem Leben als Frau, die neue Welten erobert. Europa ist nur einen Flug entfernt.“

„Das weiß ich“, brachte Piper matt hervor.

Aber in Europa war Nic. Und nachdem er sie abgewiesen hatte, sollte er nicht glauben, dass sie auch nur einen Gedanken an ihn verschwendete.

„Betreiben Sie Ihr Internet-Geschäft weiter?“

„Ja.“

„Erzählen Sie mir davon.“

„Ich bin Grafikerin und entwerfe Illustrationen für Wandkalender mit typischen Feministinnensprüchen wie: ‚Wenn du möchtest, dass etwas funktioniert, geh zu einer Frau.‘ Greer war für die Texte verantwortlich, Olivia fürs Marketing.“

Amüsiert lächelte der Doktor. „Können Sie davon leben?“

„Ja. In den Staaten verkaufen die Kalender sich gut. Demnächst werden sie in zwei europäischen Städten vertrieben.“

„Sie Glückliche. Warum drehen Sie den Spieß nicht einfach um?“

„Wie meinen Sie das?“

„Ihre Schwester Greer wollte mit dreißig Millionärin sein. Sie wollten heiraten. Legen Sie sich jetzt ins Zeug, und versuchen Sie, bis dreißig viel Geld zu verdienen. Erweitern Sie Ihren Operationsradius. Da sind auch noch Südamerika, Australien, der Ferne Osten. Werden Sie Globalunternehmerin. Bauen Sie ein Imperium auf. Stellen Sie Leute ein. Wer weiß, was die Zukunft Ihnen zu bieten hat. Wenn Sie in dem Erdgeschossapartment hocken bleiben und sich hinter Ihrem Zorn verschanzen, wird niemand Sie bemitleiden. Nicht jede Frau besitzt Ihre Intelligenz, Ihr Talent, Ihre Gesundheit, Ihr wunderschönes blondes Haar, Ihre Möglichkeiten zu tun, wozu Sie Lust haben. Nichts kann Sie davon abhalten, nur Ihr läppisches Selbstmitleid.“

Oh.

Dr. Arnavitz verstand es, die wunde Stelle seiner Patienten zu finden. Aber dafür bezahlte sie ihm schließlich auch zweihundert Dollar für eine halbe Stunde …

Und diese halbe Stunde war jetzt um. Piper bedankte sich bei dem Psychiater und versprach, gründlich über seine Vorschläge nachzudenken.

Auf der Heimfahrt im alten Pontiac ihres Vaters gingen ihr die Worte des Arztes nicht aus dem Kopf.

Bauen Sie ein Imperium auf. Stellen Sie Leute ein …

Zu Hause angekommen, stand ihre Entscheidung fest. Vor ihrem dreißigsten Geburtstag wollte sie Millionärin sein und Nic beweisen, dass sie ihn nicht brauchte.

Im Apartment ging sie direkt ins Wohnzimmer, das sie und ihre Schwestern auch als Büro benutzten, und rief Don Jardine an, Greers Ex-Freund, der bei ihr nie eine echte Chance gehabt hatte. Don gehörte die Firma, die ihre Kalender für die Vereinigten Staaten druckte.

„Hallo, Don!“

„Piper … Ich wusste nicht, dass du aus Europa zurück bist. Wie war’s?“

Mit keinem Wort hatte er sich nach Greer erkundigt. Kluger Mann. Von ihm konnte sie lernen. Auf keinen Fall würde sie ihre Schwestern nach Nic fragen.

„Olivia ist jetzt mit Lucien de Falcon verheiratet. Ich überlasse es dir, Fred reinen Wein einzuschenken.“

Fred war Olivias Ex-Freund und ein Kumpel von Don.

Längeres Schweigen folgte. „Zwei von dreien. Die Varanos müssen etwas in den Genen haben, was die Duchess-Drillinge dahinschmelzen lässt.“

Don sprach aus, was Piper dachte. Sicher gab es eine wissenschaftliche Erklärung dafür, dass sie und ihre Schwestern sich in Männer aus derselben Familie verliebt hatten.

„Das gilt nicht für alle Duchess-Drillinge!“, erklärte sie bestimmt.

„Heißt das, dass Tom sich noch Hoffnung machen kann?“

„Nein.“

Tom war Pipers Ex-Freund und ebenfalls ein guter Freund von Don. Früher waren sie zu sechst begeistert Wasserski gelaufen und gemeinsam ins Kino gegangen. In der Gruppe sind wir sicher, hatte Greer immer gesagt.

Wie recht sie gehabt hatte! Max’ Hochzeit mit Greer war das Ende des lebenslangen Mädchentriumvirats gewesen und hatte wie ein Dominoeffekt gewirkt. Olivia hatte sich in Luc verliebt. Und was sie, Piper, betraf …

Sie hatte ihre Lektion gelernt und würde sich keinem Mann mehr an den Hals werfen.

„Ich möchte dir ein Geschäft vorschlagen, Don. Etwas wirklich Großes.“

„Wie groß?“

„Wenn du bereit bist, mit mir nach Sydney, Tokio und Rio zu fliegen, erfährst du’s. Je nachdem, wie die Dinge sich anlassen, gründen wir eine Aktiengesellschaft und gehen an die Börse. Bist du interessiert?“

Wieder folgte langes Schweigen. „Und wann wollen wir uns zusammensetzen, um die Sache zu besprechen?“

„Noch heute Abend, wenn du Zeit hast. Als Erstes müssen wir uns den besten, ausgebufftesten Firmenanwalt und Aktienrechtler suchen, den es hier gibt.“

„Einverstanden. Aber was ist mit Europa?“

Unwillkürlich verkrampfte Piper sich. „Vergiss es. Auf den Kontinent setze ich keinen Fuß mehr.“

„Das meinst du doch wohl nicht ernst, Piper. Dort leben deine Schwestern.“

„Wenn sie mich sehen wollen, müssen sie zu mir kommen.“

„Da muss mir etwas entgangen sein. Ich dachte, du warst letzte Woche in Spanien, um neue Märkte zu erschließen.“

„Das dachte ich auch, bis ich feststellen musste, dass das eine Falle war. Ich möchte nicht darüber reden.“

„Wenn du mich als Geschäftspartner haben willst, wirst du es wohl müssen. Was war das für eine Falle, und um was ging es da?“

Wieder packte Piper die Wut. „Die Varano-Cousins haben ihren Einfluss und ihr Geld in die Waagschale geworfen und Signore Tozetti dafür bezahlt, dass er unseren Vertrieb in Europa übernimmt. Das war ein raffinierter Schachzug von Luc. Mit einem viel versprechenden geschäftlichen Angebot hat er Olivia nach Europa zurückgelockt, um sie für sein grausames Verhalten um Verzeihung zu bitten. Sein schlauer Plan hat so gut funktioniert, dass sie jetzt auf Hochzeitsreise sind! Aber ich will nichts von dem Geld, das wir mit unseren Kalendern in Europa verdienen!“

Das konnten ihre Schwestern sich teilen. Sie wollte keinen Cent der Gewinne aus dem Vertrag, bei dem Nic die Finger im Spiel gehabt hatte!

„Das kann ich dir nachempfinden“, erwiderte Don leise.

„Danke für dein Verständnis.“

„Ich verstehe viel mehr, als du denkst. Immerhin bist du die Grafikerin, die hinter den Zeichnungen steckt. Eine überragende Grafikerin sogar, würde ich sagen.“

„Danke, Don.“

„Es ist doch wahr! Eines Tages wirst du berühmt sein, Piper.“

Genau das hatte Olivia auch gesagt, ehe sie feststellen mussten, dass sie in eine Falle gelockt worden waren.

Mom und Daddy wären so stolz, wenn sie miterleben könnten, dass deine Zeichenfiguren in ganz Europa berühmt werden.

Das wissen wir noch nicht. Bis jetzt sind das noch Wunschträume.

Signore Tozetti hätte uns keinen Reisevorschuss gegeben, wenn er nicht überzeugt wäre, dass deine Zeichnungen einschlagen. Warte, bis er deine neuesten Entwürfe gesehen hat, dann schickt er dich überallhin: nach Frankreich, in die Schweiz …

Piper packte den Telefonhörer fester. „Mit einer Hand voll Kalender wird man nicht berühmt, Don.“

„Deine Kalender sind doch nur der Grundpfeiler. Es wird Zeit, dass du dich vergrößerst.“

Jetzt klang Don beinahe wie Dr. Arnavitz. „Und wie?“

„Fernsehwerbung und das Internet sind im Augenblick das Wichtigste. Wenn du global denkst, gibt es keine Grenzen. Kontinente umspannende Megafirmen zahlen Grafikern von internationalem Format sieben- bis achtstellige Honorare.“

Dons Reaktion erstaunte Piper. „Wie lange findest du schon, dass ich ganz groß einsteigen sollte?“

„Seit ich angefangen habe, die Kalender für Duchesse Designs zu drucken. Bei deinen Zeichnungen springt einfach ein Funke über, Piper. Vielleicht können wir ihn gemeinsam zu einem Großfeuer anfachen.“

„Deine Denkweise gefällt mir. Könntest du um sieben bei mir sein?““

„Ich komme mit einigen Ideen, die ich schon sehr lange mit mir herumtrage.“

„Hast du schon mal mit Greer darüber gesprochen?“

„Wie bitte?“

„Du hast recht. Das war eine dumme Frage.“

Von niemandem außer Max hatte Greer sich je etwas sagen lassen. Auf der Piccione hatte er ihr mit seinen Küssen den Verstand geraubt, sie dann verhaften und eine Nacht in einem italienischen Gefängnis schmoren lassen, um ihr hinterher einen Heiratsantrag zu machen. Das war genau der richtige Weg zu ihrem Herzen gewesen, und sie hatte sich ihm bereitwillig an den Hals geworfen.

Luc war da etwas anders vorgegangen. Nachdem er Olivia wegen eines tragischen Missverständnisses das Herz gebrochen hatte, hatte er sie unter falschen Voraussetzungen nach Europa zurückgelockt. Dort hatte er sie in seiner selbst entworfenen Roboterlimousine namens Cog eingeschlossen, in die er so viele ausgeklügelte Erfindungen eingebaut hatte, dass Olivia prompt schwach geworden war und ihm verziehen hatte.

Es war zum Verrücktwerden!

Natürlich freute Piper sich über das Glück der vier. Doch sie wollte nicht an ihre beiden Schwäger denken, sonst spukte ihr gleich wieder Nic im Kopf herum … und das konnte katastrophale Folgen haben.

2. Januar, Marbella, Spanien

„Señor de Pastrana?“

Si, Filomena?“

Nic war im Begriff, sein Büro in der Banco de Iberia zu verlassen. Seit er sein Zweigstellennetz umstrukturiert hatte, konnte die Bank erneut mit einem erfolgreichen Quartalsergebnis aufwarten, das seine Erwartungen übertraf. Dennoch empfand er keine Freude darüber.

„Ein Herr vom Auktionshaus Christie’s in New York ist am Telefon und möchte Sie sprechen.“ Die bloße Erwähnung New Yorks brachte Nics Puls zum Jagen. „Soll ich das Gespräch durchstellen oder eine Nachricht entgegennehmen?“

„Ich rede mit ihm.“

„Sehr wohl, Señor.“

Während Nic wartete, schloss er die Datei über die ausländischen Goldreserven der Bank und schaltete den Computer aus.

„Señor de Pastrana?“, meldete sich eine Stimme mit amerikanischem Akzent.

„Am Apparat. Was kann ich für Sie tun?“

„Hier ist John Vashorn von der Antikschmuckabteilung Christie’s. Sie werden sich erinnern, dass Sie uns vor einiger Zeit beauftragt haben, die Augen nach Stücken aus der Sammlung der Kaiserin Marie Louise offen zu halten, die aus dem Palast der Familie Varano im italienischen Corlono gestohlen wurde. Heute Morgen ist hier auf einer Auktion ein mit Edelsteinen besetzter Kamm eines anonymen Anbieters aufgetaucht. Daraufhin habe ich unsere Datenbank für verloren gegangenen Schmuck durchforstet und die Fotos ausgedruckt, die Sie uns überlassen haben. Das fragliche Stück scheint zur Kollektion zu gehören. Wie soll ich jetzt vorgehen?“

Erregt sprang Nic auf.

Auf wundersame Weise war ihm gerade ein Vorwand in die Hände gespielt worden, sich der teuflischen Verpflichtung gegenüber der Familie seiner verstorbenen Verlobten Nina Robles entziehen zu können. Den monatlichen Pflichtbesuch, vor dem ihm so grauste, würde er von nun an nie mehr absolvieren müssen.

„Ich wäre Ihnen dankbar, wenn Sie der Sache schleunigst nachgehen würden, Mr. Vashorn.“

„Ich werde mein Bestes tun.“

Befreit streifte Nic sich die schwarze Trauerbinde vom Arm und warf sie in den Papierkorb. Auf einmal konnte er sich kaum noch zügeln. „Ein CIA-Agent wird sich umgehend mit Ihnen in Verbindung setzen. Warten Sie bis dahin, und sprechen Sie mit niemandem darüber.“

„Sie können sich auf mich verlassen.“

Nic blickte auf die Uhr. An der amerikanischen Ostküste war es jetzt halb zehn. „Ich komme sofort nach New York und müsste bis Auktionsschluss bei Ihnen sein. Geben Sie mir Ihre Handynummer, damit wir in Kontakt bleiben können.“

Während Nic sich die Nummer notierte, ging er im Geist die Leute durch, die er benachrichtigen musste. Sobald er aufgelegt hatte, rief er den Chefinspektor in Rom an, der die Arbeit der mit dem Fall beauftragten Polizeibeamten und verdeckten Ermittler koordinierte. Signore Barzini würde sich mit dem CIA in New York in Verbindung setzen.

Als Nächstes rief er den führenden Echtheitsexperten für italienische Nationalschätze, Signore Rossi, in Parma an und bat ihn, in einer Varano-Maschine nach New York zu fliegen. Nur er konnte entscheiden, ob der Juwelenkamm echt war.

Die Kollektion hatte der Herzogin von Parma gehört, der zweiten Frau Napoleon Bonapartes, auch bekannt als Marie Louise von Österreich aus dem Hause Bourbon. Der Diebstahl des Schatzes vor zwei Jahren hatte die gesamte Familie schwer getroffen. Seitdem hatten Nic und seine Cousins mit Hilfe der Polizei und verdeckter Ermittler weltweit Nachforschungen angestellt.

Ein echtes Stück war im vergangenen August auf einer Londoner Auktion aufgetaucht. Es hatte Nic ein kleines Vermögen gekostet, es wiederzubekommen. Bedauerlicherweise gab es jedoch immer noch keinerlei Hinweise auf die Person oder Personen, die hinter dem dreisten Schmuckraub steckten.

Doch nachdem nun ein weiteres Stück der Sammlung in den Vereinigten Staaten aufgetaucht war, hoffte Nic, dass sich in dem Fall endlich ein Durchbruch abzeichnete.

Er rief seinen Vater an, erreichte jedoch nur dessen Anrufbeantworter. Nachdem er die Situation kurz geschildert hatte, bat er seine Eltern, ihn bei der Familie Robles zu entschuldigen. Sein Vater würde verstehen, dass der Anruf des Auktionshauses wichtig genug war, um Nics Abwesenheit zu rechtfertigen.

Über das spanische Haus Bourbon waren die Familien Pastrana und Robles durch uralte Bande verbunden. Doch wenn Ninas Eltern glaubten, sie könnten ihm als Ersatz für Nina ihre siebenundzwanzigjährige Tochter Camilla andienen, hatten sie sich geirrt.

Nachdem Nic seinen Fahrer bestellt hatte, verließ er die Bank durch seinen Privatausgang und ließ sich auf den Rücksitz der Limousine sinken. Auf dem Weg zum Flughafen rief er den Piloten an und beauftragte ihn, den Jet der Pastranas flugbereit zu machen. Zu Hause brauchte Nic nicht vorbeizufahren, da sich an Bord stets Reisekleidung und Toilettenartikel befanden.

Erleichtert, die lästigen Fesseln endlich los zu sein, rief er Max an, um ihm von den jüngsten Entwicklungen zu berichten, doch auch hier erreichte er nur den Anrufbeantworter. Genervt hinterließ Nic eine Nachricht und rief Luc an, der sich nach dem dritten Klingeln meldete.

„Olivia und ich wollten dich gerade einladen. Am Wochenende segeln wir nach Mallorca. Hättest du Lust, Sonntag nach deinem Pflichtbesuch zu uns zu stoßen?“

In letzter Zeit wirkte Luc wie verwandelt. Seit er Olivia geheiratet hatte, sprühte er vor Lebensfreude. Im September erwarteten sie ihr erstes Baby. Nic konnte sich kein glücklicheres Ehepaar vorstellen … außer Max und Greer, die ein Kind adoptieren wollten.

„Nichts würde ich lieber tun, aber es hat sich etwas Wichtiges ereignet. Deswegen rufe ich dich auch an.“ In knappen Worten berichtete er Luc von der Benachrichtigung des Auktionshauses Christie’s.

Prompt entschied Luc: „Ich treffe dich in New York.“

„Nein. Genieße du deine Flitterwochen mit Olivia. Ich informiere dich nur, weil ich eine Weile verreist und mit den Ermittlungen beschäftigt sein werde.“

„Wie geht es dir jetzt?“

Nic atmete tief durch. „Meine Trauerbinde liegt in meinem Büro im Papierkorb und wird in wenigen Minuten mit dem Abfall entsorgt.“

„Gott sei Dank!“ Sein Cousin atmete hörbar auf. „Du hättest dich auf den verstaubten alten Brauch gar nicht erst einlassen dürfen. Wirst du jetzt tun, was ich hoffe?“

„Seit Max’ Hochzeit habe ich an nichts anderes mehr denken können“, gestand Nic.

„Du wirst Piper nur schwer aufspüren können“, warnte Luc. „Vorige Woche hat sie Olivia aus Sydney angerufen, und ich bin nicht sicher, ob sie schon wieder in den Staaten ist.“

„Ich finde sie, und wenn ich nach Australien fliegen muss.“

„Falls ich etwas Genaues hören sollte, gebe ich dir Bescheid. Willst du wirklich nicht, dass ich nach New York komme?“

„Warten wir erst mal ab, was Signore Rossi über den Kamm sagt. Wenn er echt ist, sollten wir eine Konferenzschaltung mit Max abhalten.“

„Na gut. Pass auf dich auf, und viel Glück, mon vieux.“

Nic wusste genau, wie sein Cousin das meinte. Seit Lucs Hochzeit hatte er Piper nicht mehr gesehen. Wegen der verhassten schwarzen Armbinde, die ihn brutal an die Schatten der Vergangenheit erinnerte, hatte er sich ihr nicht nähern können.

Elf Monate, fünfundzwanzig Tage und sieben Stunden hatte er diese Armbinde tapfer getragen … bis auf die vier Tage im Juni, als er verdeckt als Kapitän auf der Piccione gearbeitet hatte.

In den vier Tagen hatten ihn Pipers blaugrüne Augen verzaubert, während er mit seinen Cousins die Duchess-Drillinge verfolgt hatte, die sie irrtümlich für die Diebinnen des Familienschmucks der Varanos gehalten hatten.

In dieser kurzen Zeit hatte sein Leben sich für immer verändert.

„Das werde ich brauchen, Luc.“

„Was hast du vor?“

„Gute Frage. Eigentlich hätte ich die Armbinde erst in einer Woche loswerden können. Aber da ich länger außer Landes gehe, wird bis auf Piper niemand davon erfahren. Falls sie überhaupt noch mit mir spricht, heißt das.“

„Wenn jemand sie umstimmen kann, dann du. Bis bald.“

„Ich gebe dir Bescheid, wenn ich mit ihr gesprochen habe“, erklärte Nic überzeugter, als ihm zu Mute war. Bei Piper wusste er nie, woran er war. Beim bloßen Gedanken, sie wiederzusehen, fühlte er sich atemlos.

Nachdem er seine Trauerzeit jetzt beendet hatte, würde nichts und niemand ihn mehr davon abhalten, um diese Frau zu kämpfen …

29. Januar, Kingston, New York

„Entschuldige die Störung, Piper, aber draußen ist ein Mann, der dich sprechen möchte.“

Jan, die vorher den Vertrieb von Duchesse Designs im Nordosten der Vereinigten Staaten geleitet hatte, war jetzt Pipers Assistentin in der Firma Cyber Network Concepts, die sie mit Don Jardine gegründet hatte.

Piper blickte nicht vom Zeichentisch auf. „Offiziell bin ich erst morgen zurück.“