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© 1998 by Sandra Field
Originaltitel: „Remarried in Haste“
erschienen bei: Mills & Boon Ltd., London
Published by arrangement with HARLEQUIN ENTERPRISES II B.V./S.àr.l.

© Deutsche Erstausgabe in der Reihe JULIA EXTRA
Band 165 - 1999 by CORA Verlag GmbH, Hamburg
Übersetzung: Susanne Albrecht

Umschlagsmotive: monkeybusinessimages / Getty Images

Veröffentlicht im ePub Format in 09/2017 – die elektronische Ausgabe stimmt mit der Printversion überein.

E-Book-Produktion: GGP Media GmbH, Pößneck

ISBN 9783733753221

Alle Rechte, einschließlich das des vollständigen oder auszugsweisen Nachdrucks in jeglicher Form, sind vorbehalten.
CORA-Romane dürfen nicht verliehen oder zum gewerbsmäßigen Umtausch verwendet werden. Sämtliche Personen dieser Ausgabe sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen sind rein zufällig.

Weitere Roman-Reihen im CORA Verlag:
BACCARA, BIANCA, ROMANA, HISTORICAL, MYSTERY, TIFFANY

 

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1. KAPITEL

„Es wird Zeit, dass du zu deiner Frau gehst, Brant.“

Der runde Strandkiesel, mit dem Brant gerade spielte, glitt ihm aus den Fingern und fiel zu Boden. Brant bückte sich danach und erwiderte kühl: „Ich habe keine Frau.“

Ebenso kühl sagte Gabrielle: „Sie heißt Rowan.“

„Wir sind geschieden, wie du sehr wohl weißt.“

Gabrielle Doucette streckte sich, die Beine über eine der Armlehnen ihres Sessels gehängt. Ihr schwarzes Haar und die tiefblauen Augen waren Brant ebenso vertraut wie ihre Fähigkeit, in angespannten Situationen vollkommen entspannt zu wirken.

„Manchmal“, meinte sie, „ist eine Scheidung lediglich ein legales Dokument, ein Stück Papier, auf dem etwas geschrieben steht, das nichts mit dem Herzen zu tun hat.“

„Ich habe ein Jahr getrennt gelebt und bin seit vierzehn Monaten geschieden“, erklärte Brant gepresst. „Während all der Zeit habe ich von Rowan weder etwas gehört noch sie gesehen. Ihr Anwalt hat mir meinen ersten Stapel Unterhaltsschecks zurückgeschickt, zusammen mit einem Brief, der mehr oder weniger höflich besagte, dass ich mich zum Teufel scheren solle. Der Brief, der mit dem zweiten Stapel zurückkam, war wesentlich weniger höflich. Das alles bedeutet meiner Ansicht nach doch einiges mehr als nur ein legales Dokument.“

Gabrielle schaute nachdenklich in ihr Weinglas. Sie hatten gerade Bouillabaisse gegessen, eine ihrer Spezialitäten, und saßen nun am Fenster von Gabrielles Eigentumswohnung in Toronto, von dem aus man auf den stetigen Verkehrsstrom der 401 blickte.

„Von ihr aus betrachtet vielleicht.“

„Von meiner Seite auch.“ Brant leerte sein Glas. „Wann kommt denn das wunderbare Dessert, das du bestimmt irgendwo im Kühlschrank versteckt hältst?“

„Wenn ich so weit bin.“ In ihrem Lächeln lag aufrichtige Zuneigung. „Wir beide sind acht Monate lang unter höchst ungewöhnlichen Umständen zusammen gewesen …“

„Das ist die Untertreibung des Jahres“, warf er ein. Die stinkenden Zellen, die erdrückende Hitze, die unausweichlichen Tropenkrankheiten, die sie gemeinsam erduldet hatten, waren ausgesprochen unangenehm gewesen, wenn nicht gar lebensbedrohlich.

„… und doch hast du dich nie in mich verliebt.“

„Ich wusste, dass du nicht zu haben warst“, antwortete Brant. „Du hast Daniels Tod noch immer nicht überwunden.“

Daniel war Gabrielles Ehemann gewesen, der bei einem Autounfall gestorben war, ein Jahr ehe Brant und sie einander begegnet waren.

„Stimmt.“

Er ließ den Blick durch den kahlen, ultramodern eingerichteten Raum schweifen. „Außerdem mag ich deinen Einrichtungsgeschmack nicht.“

Sie schmunzelte. „Auch richtig. Aber ich glaube, es gibt noch einen anderen Grund dafür. Du hast dich nicht in mich verliebt, weil du Rowan noch immer liebst.“

„Als Gewerkschaftsunterhändlerin bist du völlig fehl am Platz, Gabrielle. Du solltest Romane schreiben.“

„Und was wäre, wenn du erfahren würdest, dass Rowan wieder heiratet?“

Brant erstarrte. „Tut sie das?“, stieß er rau hervor. „Wer hat dir das gesagt?“

Gabrielle lächelte selbstgefällig vor sich hin. „Du empfindest also doch etwas für sie. Das habe ich mir gedacht.“

„Sehr schlau.“ Brant gab sich keine Mühe, seinen Ärger zu verbergen.

„Früher oder später wird das sicher geschehen“, fuhr Gabrielle ruhig fort. „Rowan ist schließlich eine schöne und begabte junge Frau.“

„Was sie mit ihrem Leben anfängt, geht mich nichts an.“

Mit plötzlicher Heftigkeit stellte Gabrielle ihr Glas auf den Glas-Chrom-Tisch neben sich. „Also gut. Ich höre auf mit diesen Spielchen. Aber ich habe dich die letzten zwei Jahre beobachtet. Du hast dich verhalten wie ein Besessener. Wie einer, dem es vollkommen gleichgültig ist, ob er durch das, was er macht, draufgeht oder nicht. Jeder normale Mensch an deiner Stelle wäre schon längst tot bei den riskanten Unternehmungen, denen du dich seit eurer Trennung ausgesetzt hast.“ Ihre Stimme schwankte, wenn auch nur ganz leicht. „Ich möchte nicht eines Tages die Zeitung aufschlagen und darin deinen Nachruf lesen.“

Verständnislos sah Brant sie an, denn diese Möglichkeit war ihm bisher nie in den Sinn gekommen.

„Ich weiß, dass du Rowan immer noch liebst“, fuhr Gabrielle entschlossen fort. „Immerhin haben du und ich acht Monate Tag und Nacht miteinander als Geiseln in Gefangenschaft verbracht. Und ich hatte genügend Gelegenheit, dich zu beobachten. Eines der Dinge, die dir während dieser schrecklichen Zeit deine geistige Gesundheit bewahrt haben, war das Bewusstsein, dass du zu Rowan zurückkehren würdest.“

Durch die Zähne hindurch knirschte Brant: „Du hast eine blühende Fantasie.“

Ungerührt fuhr Gabrielle fort: „Und dann wurden wir unverhofft freigelassen. Als du nach Hause kamst, war sie gerade als Reiseleiterin in Grönland unterwegs, und nach ihrer Rückkehr hat ihr Anwalt dich davon in Kenntnis gesetzt, dass sie nichts mehr mit dir zu tun haben wollte, weil sie glaubte, du und ich, wir seien ein Paar. Aber du wolltest nicht, dass ich zu ihr gehe, um ihr alles zu erklären. Oh nein. Dazu warst du viel zu stolz. Also hast du sie verloren. Und über diesen Verlust bist du nie hinweggekommen. Ich weiß es einfach. Ich würde dafür sogar vor Gericht auf einem ganzen Stapel von Bibeln meinen Eid schwören.“

„Verdammt, ich bin geschieden! Und so gefällt es mir auch.“

„Lüg mich nicht an.“

Brant sprang auf. „Mir reicht’s, ich gehe.“

„Kannst du die Wahrheit nicht ertragen? Fürchtest du dich davor, Gefühle einzugestehen? Du, Brant Curtis, der Schmerz empfindet, weil eine Frau dich verlassen hat?“ Gabrielle schwang die Beine auf den Boden und erhob sich ebenfalls. „Ich weiß, dass du Gefühle hast. Auch wenn ich nicht begreife, warum du sie so radikal unterdrückst, dass sie keine Chance haben. So ähnlich wie wir damals in dieser furchtbaren Zelle. Aber sie sind in dir, und sie bringen dich um.“

„Du hast wirklich ein Talent für dramatische Prosa.“

„Also bist du ein Feigling“, sagte sie rundheraus.

Ihre Worte trafen ihn an einer Stelle, die Brant sich selbst nur selten eingestand. Selbstverständlich war er kein Feigling, sondern im Gegenteil ein Mann, der ständig irgendwelche Risiken einging wegen des Hochgefühls, das ihm dies verlieh.

Zur Tür strebend, warf er über die Schulter zurück: „Erinnere mich das nächste Mal dran, dass ich ablehne, wenn du mich zum Essen einlädst.“

„Du musst mit Rowan sprechen!“

„Ich habe keine Ahnung, wo sie ist, und ich werde sie auch ganz bestimmt nicht suchen!“

„Ich weiß, wo sie ist.“ Gabrielle wandte sich um, nahm eine Faltbroschüre aus einem Metallständer und schwenkte sie durch die Luft. „In drei Tagen führt sie eine kleine Reisegruppe auf verschiedene Inseln in der Karibik, um einheimische Vögel zu beobachten.“

Gegen seinen Willen blieb Brant wie angewurzelt auf dem Parkett stehen. „Ja und?“, meinte er schroff.

„Ein Platz in der Gruppe ist frei. Der Mann meiner Freundin Sonia, Rick Williams, sollte eigentlich mit, aber ihn hat eine schlimme Bronchitis erwischt. Du könntest seinen Platz einnehmen.“

Mit trockenem Mund höhnte Brant: „Ich? Ich soll auf die Suche nach Vögeln auf diesen hübschen kleinen Karibik-Inseln gehen? Das ist, als würde man einem Söldner sagen, er solle in den Kindergarten zurück.“

„Du würdest auf die Suche nach deiner Frau gehen, Brant.“ Gabrielle lächelte ironisch. „Auf die Suche nach deinem Leben.“

„Du hast zu viele Seifenopern gesehen.“

„Bitte, sei so freundlich, mich nicht zu beleidigen!“

Gabrielle geriet fast nie in Zorn, im Gegensatz zu Rowan, die ein äußerst hitziges Temperament besaß.

Rowan. Brant hatte ihren Namen immer sehr gemocht. Sein erstes Geschenk an sie hatte aus einem Paar Ohrringen bestanden, die er extra für sie hatte anfertigen lassen: kleine emaillierte Nachbildungen der orangeroten Beeren der Eberesche, die im Englischen Rowan hieß. Beeren von derselben feurigen Farbe wie ihr lockiges Haar, das ihr auf die Schultern fiel. Auf einem Kissen ausgebreitet, leuchteten ihre Haare wie Flammen …

Mit einem unwilligen Laut streckte Brant die Hand aus, und Gabrielle gab ihm die Broschüre.

„Endemische Vögel der östlichen Karibik“, las er vor. „Unter der Leitung von Rowan Carter.“

Nach einem Räuspern meinte er: „Du meinst, ich soll mich bei Rowans Reisegesellschaft als Ersatz für den Mann deiner Freundin anmelden? Soviel ich weiß, hat Rowan einiges zu sagen, was ihre Reisen angeht. Und ich wäre der Letzte, den sie auf einer davon würde dabeihaben wollen.“

„Sag’s ihr gar nicht erst. Tauch einfach auf.“

Schweigend und mit offenem Mund starrte er Gabrielle an.

„Rick kann ohne weiteres absagen. Er hat eine Rücktrittsversicherung abgeschlossen und kriegt sein Geld zurück. Oder du bezahlst ihm die Reise und fährst an seiner Stelle. Das Einzige, was du tun müsstest, ist, das Flugticket auf deinen Namen ändern zu lassen.“

„Ich würde also am Flughafen in …“, Brant ließ den Blick über die Seite gleiten, „… Grenada auftauchen und sagen: ‚Ach übrigens, Rowan, Rick Williams konnte nicht, deshalb dachte ich, ich könnte an seiner Stelle kommen.‘“ Er lachte auf. „Sie würde mich mit dem ersten Flugzeug zurück nach Toronto schicken.“

„Dann liegt es an dir, sie davon abzuhalten.“

„Ach, halt die Klappe“, brauste er auf. „Ich fahre natürlich nicht. Das ist eine völlig verrückte Idee.“ Dennoch legte er die Broschüre nicht aufs Regal zurück.

„Es gibt übrigens Tiramisu als Dessert. Und ich mach uns schon mal einen Kaffee.“ Gabrielle verschwand in der Küche.

Ohne es eigentlich zu wollen, begann Brant die Reisebeschreibung zu lesen. Sieben verschiedene Inseln mit je zwei Übernachtungen, Wandern im Regenwald und in Mangrovensümpfen, sowie Möglichkeiten zum Schwimmen und Schnorcheln.

Gelegenheiten, um mit Rowan zusammen zu sein – zwei ganze Wochen lang …

Ach, was für ein Blödsinn. Ich bin doch verrückt, das auch nur in Erwägung zu ziehen, schalt er sich. Ich brauche Rowan genauso wenig wie sie mich. Und ich komme mit meinem Leben sehr gut ohne sie zurecht.

Das, was ich jetzt brauche, ist eine Tasse starker schwarzer Kaffee und eine Riesenportion Tiramisu. Er warf die Broschüre auf den Esstisch und folgte Gabrielle in die Küche.

In zwölftausend Metern Höhe sahen die Wolken so massiv aus, als könne man darauf gehen, und der Himmel war strahlend blau. Brant streckte die langen Beine aus und schaute aus dem Fenster. Sein Flug ging nonstop von Toronto nach Antigua, wo er in ein kleines Flugzeug nach Grenada umsteigen musste.

Und dort würde Rowan auf ihn warten.

Anhand der Teilnehmerliste hatte Brant festgestellt, dass er außer Rowan der einzige Kanadier in der Reisegruppe war. Deshalb flogen die anderen vermutlich entweder über Puerto Rico oder über Miami.

Sein Essen mit Gabrielle war am Sonntag gewesen. Am Montag hatte Brant Sonia angerufen, um ihr zu sagen, dass er Ricks Ticket übernehmen würde. Am Dienstag jedoch hatte ihm sein Chef, der Herausgeber eines einflussreichen, internationalen politischen Magazins, ein Fax mit der Aufforderung geschickt, nach Myanmar, dem früheren Birma, zu fliegen und einen Artikel über den dortigen Heroinhandel zu schreiben. Beinahe hätte Brant daraufhin seine Karibik-Reise abgesagt. Er war gerne in Myanmar, denn dort umgab ihn jene Atmosphäre ständiger Gefahr, die ihn geradezu aufblühen ließ. Brants gesamtes Leben drehte sich um solcherlei Orte.

Grenada hingegen gehörte nicht gerade zur Liste der gefährlichsten Länder der Welt. Weshalb also fahre ich nach Grenada und nicht nach Myanmar? fragte er sich. Um mir zu beweisen, dass ich recht habe, dachte er sofort. Um zu beweisen, dass ich für Rowan nichts mehr empfinde.

Ach ja? Dafür gibst du aber eine Menge Geld aus. Und wieso hast du dann das Gefühl, dass deine Nerven zum Zerreißen gespannt sind? Brant betrachtete eine vorbeiziehende Wolke, die aussah wie ein prähistorisches Seeungeheuer mit einem langen, gebogenen Hals und einer gespaltenen Zunge.

Seinem Chef hatte er gesagt, er wolle sich einen wohlverdienten Urlaub gönnen, und er hatte Sonia nur noch einmal zurückgerufen, um sich Ricks Fernglas und ein Buch über die Vogelwelt der Karibik auszuleihen. Das Buch lag jetzt auf Brants Schoß, zusammen mit einer Liste derjenigen Vögel, die ihnen wahrscheinlich begegnen würden. Doch auf beides hatte er noch keinen einzigen Blick geworfen.

Warum in aller Welt verschwende ich zwei Wochen meiner kostbaren Zeit, um mit einer Frau zusammen zu sein, die glaubt, dass ich sie belogen und betrogen habe? Sie würde ganz schön lachen, wenn sie wüsste, dass in den acht Monaten unserer Gefangenschaft Gabrielle für ihn mehr die Schwester gewesen war, die er nie gehabt hatte, oder wie die Mutter, an die Brant sich nur noch schwach zu erinnern vermochte. Und das, obwohl Gabrielle eine äußerst attraktive Frau war.

Mit einem ungeduldigen Seufzer breitete Brant die Liste der Vogelarten vor sich aus, schlug das Buch auf und zwang sich dazu, sich zu konzentrieren. Er wollte sich unter keinen Umständen blamieren, weil er nicht im Stande war, einen Vogel von einem anderen zu unterscheiden – schon gar nicht vor seiner Exfrau.

Dass der Anschlussflug von Antigua vier Stunden Verspätung hatte, das hatte Rowan gerade noch gefehlt. Rick Williams aus Toronto war der Letzte der Gruppe.

Ursprünglich hatte das Flugzeug um halb sieben in Grenada landen sollen, also rechtzeitig genug, um mit den übrigen Teilnehmern im Hotel gemeinsam zu Abend zu essen. Jetzt war es bereits Viertel vor elf, und Rick war noch immer nicht durch die Zollkontrolle gekommen.

Sie haben sein Gepäck verloren, dachte Rowan düster. Nach einem kurzen Wortwechsel mit dem Sicherheitspersonal wurde ihr gestattet, in den Zollraum zu gehen. Vier Personen standen an dem Schalter, wo man sein verloren gegangenes Gepäck reklamieren konnte. Die ältere Frau kam ohnehin nicht in Frage. Rowan sah sich die drei Männer an. Den grauhaarigen Herrn schloss sie ebenfalls aus. Rick Williams war zweiunddreißig. Also blieben noch … Plötzlich sprang ihr das Herz bis zum Hals. Der Mann, der mit dem Beamten sprach, sah aus wie ein Doppelgänger von Brant.

Rowan schluckte und schloss kurz die Augen, aber als sie wieder hinschaute, hatte der Mann sich zu voller Größe aufgerichtet. Sein Rucksack zog das blaue Baumwollhemd straff über die breiten Schultern. Die schmalen Hüften und langen Beine steckten in einer abgetragenen Jeans. In dem dichten dunklen Haar über den Ohren lag ein leichter Grauschimmer. Das ist neu, dachte Rowan wie betäubt. Er hatte keine grauen Haare, als wir noch verheiratet waren.

Das ist nicht Brant. Das ist unmöglich.

Da jedoch drehte der Mann sich um, um etwas zu dem jüngeren Mann neben ihm zu sagen. Es war Brant. Brant Curtis, daran bestand kein Zweifel.

Ein schlechter Scherz, dachte Rowan, ein verrückter Zufall. Mühsam riss sie ihren Blick von ihm los und sah den jüngeren Mann an. Das musste Rick Williams sein.

Tief Atem holend und mit ausdrucksloser Miene ging Rowan auf den Schalter zu.

Als habe er ihre Gegenwart gespürt, wandte Brant sich um, und sie sah das durchdringende Blau seiner Augen, das klare intensive Blau eines Wüstenhimmels. Nicht einmal die geringste Gemütsregung war auf seinem Gesicht zu erkennen. Natürlich nicht, dachte Rowan gereizt. Er war ja schon immer Weltmeister darin, seine Gefühle zu verstecken. Dies war eines der Dinge, die sie auseinander getrieben hatte, auch wenn Brant das niemals zugeben würde.

Rowan zwang sich zu einem Lächeln.

„Na, welch eine Überraschung. Hallo, Brant.“

„Was zum Teufel hast du mit deinen Haaren angestellt?“

Seit fast drei Jahren haben wir uns nicht gesehen, und er redet von meinen Haaren? „Ich hab sie mir abschneiden lassen.“

„Warum zum Henker?“

Insgeheim freute es sie, dass es ihr gelungen war, Brants Selbstbeherrschung zumindest ein wenig zu erschüttern. Rowan fuhr sich durch die kurzen zerzausten Locken.

„Weil ich Lust dazu hatte. Und jetzt entschuldige mich bitte. Ich bin hier, um jemanden abzuholen.“ An den jüngeren Mann gewandt, meinte sie liebenswürdig: „Sie müssen Rick Williams sein?“

Der Mann blickte auf von dem Formular, das er gerade ausfüllte. Er roch recht stark nach Rum. „Nein, tut mir leid.“ Sie von oben bis unten musternd, meinte er: „Das tut mir sogar sehr leid.“

Rowan biss die Zähne zusammen. Wie kamen Männer nur darauf, dass eine Frau sich geehrt fühlte, wenn man sie wie ein Objekt begutachtete, das auf einem Tablett lag?

Da sagte Brant: „Rick konnte nicht kommen. Deshalb bin ich an seiner Stelle hier.“

„Was?“

„Rick hat eine Lungenentzündung, und die Ärzte haben ihm die Reise untersagt. Es ging alles drunter und drüber, sozusagen in letzter Minute, darum habe ich dich nicht extra davon unterrichtet.“

„Du wusstest genau, wenn du mir Bescheid gegeben hättest, hätte ich dich nicht aufgenommen!“, fuhr sie auf.

„Das ist wohl wahr.“

Deshalb also war Brant nicht überrascht, mich zu sehen, dachte sie empört. Er hat gewusst, dass ich ihn abholen würde.

„Hast du dich etwa gelangweilt und wolltest ein bisschen Unruhe stiften?“, fauchte sie. „Nach dem, was in den Zeitungen zu lesen ist, hätte ich angenommen, dass es in der Welt genug Kriege und Hungersnöte gibt, denen du dich widmen könntest, ohne dass du einen gewöhnlichen Touristen in der Karibik spielen müsstest!“

Ich bin ihr also doch noch einen guten Kampf wert, dachte Brant. Interessant. Sehr interessant.

Freundlich meinte er: „Falls wir uns … auseinander setzen wollen, sollten wir das vielleicht doch lieber nach draußen verlegen, wo wir etwas ungestörter wären, findest du nicht?“

Rowan schaute sich um, wobei ihr von allen Seiten höchst interessierte Blicke begegneten.

Mit Mühe beherrschte sie ihre Stimme. „Dein Gepäck ist verschwunden?“

Brant nickte. „Vermutlich ist es nach Trinidad weitergeleitet worden, dürfte morgen aber wieder hier sein. Kein Problem.“

„Hast du die Papiere ausgefüllt?“

„Ja. Wir können gehen.“

„In der Schalterhalle rufe ich die Fluggesellschaften an und reserviere dir einen Platz für den ersten Flug zurück nach Toronto“, erklärte Rowan knapp. „Eine ornithologische Reise ist mit Sicherheit nichts für dich.“

„Nein, das wirst du nicht. Ich habe schließlich mein Geld bezahlt, und ich bleibe.“

Sie hatte vergessen, wie groß und breit er tatsächlich war. „Brant, lass uns nicht …“

Mit einem Nicken wies er auf den Ausgang. „Draußen. Nicht hier …“

Er hatte natürlich recht. Sie würde augenblicklich gefeuert, wenn jemand von ihrer Gesellschaft mitbekam, wie sie einen Kunden begrüßte. Rowan machte daher auf dem Absatz kehrt, marschierte durch die Glastüren in die Schalterhalle und hinaus in die dunkle Schwüle der tropischen Nacht. Der Minibus stand am Randstein geparkt. Sie schwang sich auf den Fahrersitz und steckte den Schlüssel ins Zündschloss.

Brant saß auf dem Beifahrersitz. Rowan sah ihn an.

„Also, was geht hier vor?“, fragte sie schroff.

Er ließ sich Zeit mit seiner Antwort. Noch immer musste er sich an Rowans neuen Haarschnitt gewöhnen. Aber es steht ihr, dachte er zögernd. Die kurzen Haare betonten ihren schlanken Hals und die feinen Züge ihrer Wangenknochen. Ihre Augen, dunkelbraun bei Tageslicht, wirkten nun ebenso samtig wie der nachtschwarze Himmel. Augen, in denen man sich verlieren konnte …

Gelassen erwiderte Brant dann: „Ich brauchte mal Urlaub. Über eine Freundin hörte ich von Ricks Krankheit und beschloss, seinen Platz zu übernehmen. Mach nicht so ein Theater daraus, Rowan.“

„Wenn es dir nicht so wichtig ist, warum fährst du dann nicht einfach wieder nach Hause, wo du hingehörst?“

Zu mir jedenfalls gehörst du nicht, ergänzte Brant im Stillen, und es ärgerte ihn maßlos. „Früher hast du immer behauptet, ich würde mir nie die Zeit nehmen, den Duft der Rosen zu riechen. Oder, wie in diesem Fall, die Vögel zu beobachten … Du solltest dich freuen, dass ich es endlich tue.“

„Brant, lass uns eines klarstellen: was du tust oder nicht tust, geht mich nichts mehr an. Geh und beobachte Vögel, aber nicht auf meinem Terrain.“

„Du hast abgenommen.“

Entnervt stieß sie den Atem aus, das Steuer mit beiden Händen gepackt. Statt einer wütenden Entgegnung ließ sie jedoch lediglich ihren Blick über Brants flachen Bauch wandern.

„Du auch“, erwiderte Rowan honigsüß. „Habe ich recht?“

Brant war verärgert, gab jedoch nach einem kurzem Schweigen auf. „Hör zu, es war ein langer Tag, und ich bin müde. Könnten wir nicht bitte zum Hotel fahren, damit ich etwas Schlaf kriege?“

„Selbstverständlich. Aber dass eines klar ist: in den nächsten beiden Wochen mache ich hier meinen Job, Brant. Einen Job, den ich liebe und in dem ich gut bin. Für mich bist du nichts weiter als ein Reiseteilnehmer wie alle andern auch. Ich werde es nämlich nicht zulassen, dass du irgendetwas anderes bist. Verstanden?“

„Ich habe nicht gesagt, dass ich irgendetwas anderes sein möchte“, bemerkte er und sah, wie Rowan die Lippen aufeinander presste.

„Gut“, sagte sie boshaft, trat die Kupplung durch und ließ mit aufheulendem Motor den Wagen an.