Aus dem Amerikanischen von Michael Siefener

Impressum

Die amerikanische Originalausgabe

Sex and the Cthulhu Mythos

erschien 2014 im Verlag Hippocampus Press.

Copyright © 2014, 2015 by Bobby Derie

Copyright © dieser Ausgabe 2017 by Festa Verlag, Leipzig

Alle Rechte vorbehalten

eISBN 978-3-86552-475-1

www.Festa-Verlag.de

Inhalt

Einleitung

1. Sex und Lovecraft

Lovecraft und die Liebe

Lovecrafts Ansichten über Sex

Lovecrafts Ansichten über Liebe und Beziehungen

Lovecrafts Ansichten über Erotik und Pornografie

Der Schatten der Syphilis

Lovecrafts Ansichten zu Geschlecht und Homosexualität

Lovecrafts Ansichten über Rassenmischung

Mrs. H. P. Lovecraft

2. Sex und der Lovecraft-Mythos

Vorgänger und Einflüsse

›The Great God Pan‹ (1890)

›Novel of the Black Seal‹ (1895)

›The White People‹ (1904)

Analysen

›Facts concerning the Late Arthur Jermyn and His Family‹ (1920)

›The Outsider‹ (1921)

›The Lurking Fear‹ (1922)

›The Rats in the Walls‹ (1923)

›The Unnamable‹ (1923)

›The Horror at Red Hook‹ (1925)

The Dream-Quest of Unknown Kadath (1926/27)

The Case of Charles Dexter Ward (1927)

›The Dunwich Horror‹ (1928)

›The Shadow over Innsmouth‹ (1931)

›The Dreams in the Witch House‹ (1932)

›The Thing on the Doorstep‹ (1933)

›Supernatural Horror in Literature‹ (1927, überarbeitete Fassung 1933)

Gemeinschaftsarbeiten

Themen und Parallelen

Sexuelle Symbolik bei Lovecraft

Unheimlicher Sex

Der Reiz des Verbotenen

Verbotenes Wissen, persönliche Verwandlung

Rassenmischung und Missgeburten

Die Rolle der Frauen

Die unsichtbaren Mütter

Die weise Frau

Die »anti-gothische« Heldin

Lovecrafts Schlampen

Vergewaltigung im Lovecraft-Mythos

Die Suche nach Shub-Niggurath

Asexuelle Außerirdische

Homosexuelle Interpretation

3. Sex und der Cthulhu-Mythos

Neue Entwicklungen

Stammbäume der Götter

Die Benennung des Unnennbaren

Das Necronomicon als Pornografie

Körper-Horror

Geile Außerirdische

Parodie

Lovecraft als sexueller Charakter

Geschlecht, Sexualität und Mythos-Autoren

Wichtige Werke und Autoren

Robert E. Howard

Clark Ashton Smith

Robert Bloch

August Derleth

Ramsey Campbell

Richard A. Lupoff

Peter H. Cannon

Brian McNaughton

Robert M. Price

W. H. Pugmire

Caitlín R. Kiernan

Edward Lee

Alan Moore

Cthulhu Sex-Magazin (1998–2007)

Eldritch Blue: Love and Sex in the Cthulhu-Mythos (2004)

Cthulhurotica (2010)

Whispers in Darkness: lovecraftsche Erotika (2011)

Andere Autoren und wichtige Werke

Sex und Mythos-Dichtung

Mythos-Erotika im eBook

4. Jenseits von Cthulhurotica

Sex und das lovecraftsche Okkulte

Hintergrund

Kenneth Grant

Michael Bertiaux

Simon

Phil Hine

Donald Tyson

Asenath Mason

Sex und der Mythos in der Kunst

Sex und der Mythos in den Comics

Sex und der Mythos in den japanischen Mangas und Animes

Sex und das Mythos-Kino

Der Mythos und die Regel 34

Diskussionsforen

Fanliteratur

Fankunst

Webcomics

Nachwort

Zitierte Werke

Zur weiteren Lektüre

Entdecke die Festa-Community

Einleitung

Jede Warnung, die ich dem Leser dieser Studie geben könnte, wird zweifellos im Vergleich zu dem, was er sich angesichts des Titels selbst vorstellen wird, verblassen. Daher will ich nur sagen, dass das Folgende sowohl mehr als auch weniger pervers ist, als man es sich wohl vorstellt. Beim Schreiben des vorliegenden Buches kam ich mir vor wie einer von Lovecrafts fiktiven Gelehrten, denn ich musste esoterische, okkulte und obszöne Werke aufspüren, sie lesen und sie bewerten. Da ich auch im Schatten von Autoren wandle, die sich diesem Thema schon früher gewidmet haben, war ich gezwungen, meine Kenntnisse des Mythos und die Vermutungen, die ich über Lovecraft und seine Werke angestellt hatte, neu zu bewerten, und ich glaube, dass dies mein Verständnis und meine Wertschätzung des Mannes, seiner Arbeit und all dessen, was ihm nachgefolgt ist, vertieft hat. Ich verlange von den Lesern nicht, meinen Analysen und Schlussfolgerungen zuzustimmen, doch ich bitte sie, unvoreingenommen zu sein und das vorgelegte Material angemessen zu bewerten.

Schon in den frühesten Biografien lässt sich ein akademisches Interesse an der Rolle der Geschlechtlichkeit in der Literatur H. P. Lovecrafts und auch an seiner persönlichen Haltung dazu feststellen. Weniger wurde über die Rolle geschrieben, die Lovecraft dem Sex in seinen Geschichten zuteilt, und fast nichts wurde über die sexuell expliziten Cthulhu-Mythos-Geschichten verfasst, die nach Lovecraft verfasst wurden. Arbeiten zu allen drei Themenbereichen sind selten und weit verstreut erschienen, oft in obskuren Fanmagazinen und literarischen Zeitschriften, und sie werden meist nur bruchstückhaft in Rezensionen und Kritiken besprochen. Dieses Buch sammelt die unterschiedlichsten wissenschaftlichen Arbeiten und bemüht sich gleichzeitig, ein umfassendes Bild von Lovecraft, seiner unheimlichen Literatur und dem Cthulhu-Mythos zu vermitteln, soweit es um Sex geht.

Der erste Abschnitt dieses Buches, ›Sex und Lovecraft‹, untersucht Lovecrafts eigene Sexualität und dessen Ansichten zu diesem Thema. Eine ganze Bibliothek von Biografien, Kommentaren und gesammelten Briefen hat vieles von Lovecrafts persönlichem und schriftstellerischem Leben aufgedeckt; mein Kapitel konzentriert sich deshalb nur auf die uns hier interessierenden Gebiete: seine persönlichen Gedanken über Liebe und Sex, seine sexuelle Erziehung und Einstellung etc. Lovecraft als sexuelles Wesen ist aus zwei Gründen eine Studie wert: Zum einen werden damit Einblicke in sein Werk ermöglicht, und zum anderen werden Elemente seines persönlichen Lebens deutlich, die er in Geschichten benutzt hat, die sich auf ihn (oder seine Familie) beziehen.

Der zweite Abschnitt, ›Sex und der Lovecraft-Mythos‹, behandelt Sexualität und Geschlechtlichkeit in Lovecrafts fantastischem Werk. Von besonderem Interesse sind dabei seine literarischen Einflüsse und die Themen, die er durch seine eigenen Erzählungen und seine Zusammenarbeit mit anderen Schriftstellern entwickelte und zum Ausdruck brachte. Der Lovecraft-Mythos bleibt die Quelle, aus der die meisten späteren Mythos-Autoren schöpfen, um ihre eigenen Pastiches und Hinzufügungen zum Cthulhu-Mythos zu erschaffen. Deshalb ist es wichtig, die ihnen zugrunde liegenden Geschichten zu verstehen, damit man die Werke all jener, die Lovecraft gefolgt sind, besser schätzen und begreifen kann.

Der dritte Abschnitt, ›Sex und der Cthulhu-Mythos‹, untersucht die Entwicklung von Sexualität und Geschlechtlichkeit in den Mythos-Geschichten außerhalb von Lovecrafts Werk. Es werden die bekanntesten, einflussreichsten und wichtigsten Werke und Verfasser behandelt, insbesondere die erotischen Anthologien, die als Meilensteine für die Sammlung solcher Literatur gelten und Einsichten in die Erschaffung von betont sexuellen Mythos-Geschichten geben.

Der vierte Abschnitt, ›Jenseits von Cthulhurotica‹, ist eine kurze Abhandlung über sexuelles Mythos-Material in anderen Medien. Der Mythos hat sich im Film, in den Comics und Mangas, im Internet und in der okkulten Literatur ausgebreitet, und auch in diesen neuen Formen lässt sich eine Unterströmung bewusst sexuellen Materials erkennen.

Eine Bemerkung zu den Quellen und zur Zitierweise

Viele der Artikel und literarischen Werke, die von den Verfassern zu Lovecraft und dem Mythos zitiert werden, sind inzwischen selten und schwer aufzutreiben, ebenso einige der randständigeren Quellen, die den Mythos mit nicht jugendfreien Inhalten kombinieren. Wo immer es möglich war, habe ich aus den ursprünglichen Fanmagazinen und Publikationen zitiert; wo das nicht möglich war – sei es wegen ihrer Seltenheit oder der ungeheuer hohen Preise, die für sie verlangt werden –, bin ich auf Nachdrucke ausgewichen. Alle kursiven Texte, Auslassungen und unterschiedlichen oder falschen Schreibweisen sind genau so wiedergegeben, wie sie im Ursprungstext zu finden sind.

Aus Gründen der Kürze und üblichen Vorgehensweise wurden statt der üblichen Zitierweise Abkürzungen für mehrbändige Werke wie Lovecrafts Selected Letters gebraucht. Folgende Abkürzungen wurden benutzt:

CC Lovecraft, The Call of Cthulhu and Other Weird Stories (1999)

CF Smith, The Collected Fantasies of Clark Ashton Smith (5 Bände)

CrC Lovecraft und andere, The Crawling Chaos and Others (2011)

DWH Lovecraft, The Dreams in the Witch House and Other Weird Stories (2004)

ES Lovecraft und Derleth, Essential Solitude (2008)

HM Lovecraft und andere, The Horror in the Museum and Other Revisions (1989)

LJM Lovecraft, Letters to James F. Morton (2011)

LR Cannon, Lovecraft Remembered (1998)

LRB Lovecraft, Letters to Robert Bloch (1993)

LRK Lovecraft, Letters to Rheinhart Kleiner (2005)

LSLS Lovecraft, Letters to Samuel Loveman & Vincent Starrett (1994)

MC Lovecraft und andere, Medusa’s Coil and Others (2012)

MF Lovecraft und Howard, A Means to Freedom (2009)

OFF Lovecraft, O Fortunate Floridian (2007)

REH Howard, The Collected Letters of Robert E. Howard (3 Bände)

TD Lovecraft, The Thing on the Doorstep and Other Weird Stories (2001)

Dank und Anerkennung gebühren Andrew Heston, Carrie Cuinn, Dan Harms, François Launet, Jess Gulbranson, Justine Geoffrey, Katha Pollitt, Kevin L. O’Brien, Matthew Carpenter, Robert M. Price, Scott R. Jones und S. T. Joshi für all ihre Hilfe und Unterstützung.

1. Sex und Lovecraft

Die Betrachtung von Lovecrafts Leben und Ansichten dient drei Zwecken: dem besseren Verständnis seiner Literatur, dem Auswerten des Materials für neue Werke und der Befriedigung der Neugier der Leser. Mehr als 70 Jahre nach seinem Tod ist der Mensch Howard Phillips Lovecraft aus den Erinnerungen der Lebenden verschwunden, aber er existiert weiter durch seine Werke, seine Briefe und die veröffentlichten Erinnerungen anderer Personen an ihn. Forschungen über Lovecrafts Sexualität, über sein Sexleben, seine zwischenmenschlichen Beziehungen, seine Einstellungen zum Geschlechtlichen, zur Erotik in der Literatur und zur Sexualität im Leben waren bisher nur bruchstückhaft. Doch gerade dies ist ein wichtiges und oft übersehenes Element für das Verständnis des Lovecraft-Mythos und dadurch auch des größeren Cthulhu-Mythos, der sich nach seinem Tod herausbildete.

Dieses Kapitel stellt keinen Versuch dar, Lovecrafts Charakter zu analysieren, sondern es will all das ordnen und zusammenfassen, was wir über das Leben und die Ansichten des Autors durch seine eigenen Berichte und die von Freunden, insbesondere durch die seiner ehemaligen Frau Sonia, wissen. Zunächst werden wir uns auf seine eigenen Anschauungen und seine geschlechtliche Erziehung konzentrieren, wie sie in seinen Briefen zutage treten und durch die Bemerkungen anderer bestätigt werden, die ihn gut kannten. Dieses Kapitel wird mit einigen Aspekten von besonderer Bedeutung für die Lovecraft-Forschung enden. Es wird die Tatsache diskutiert, dass Lovecrafts Vater an Syphilis starb, und auf Lovecrafts geschlechtliche Vorurteile, insbesondere im Hinblick auf Frauen und Homosexuelle, sowie auf seine Ansichten zur Rassenmischung eingegangen werden. Diese Themen stellen nicht nur die umstrittensten Elemente von Lovecrafts Charakter dar, sondern sie sind auch von besonderer (tatsächlicher oder vermeintlicher) Bedeutung für seine Werke und für die an eine erwachsene Leserschaft gerichtete, an Lovecraft anknüpfende Cthulhu-Mythos-Literatur. Sie werden eine Überleitung zum Kapitel ›Sex und der Lovecraft-Mythos‹ bilden.

Das zehnte Kapitel von Lyon Sprague de Camps Lovecraft: A Biography (1975) trägt den Titel ›Bashful Lover‹ und stellt im Prinzip einen Prototyp für das vorliegende Kapitel dar. De Camp war der Erste, der sich ausgiebig auf Lovecrafts Briefe bezog und aus ihnen zitierte, um zu einem besseren Verständnis über dessen sexuelle Orientierung, seine Ansichten darüber und sein Sexualleben zu gelangen. Damals wurde dieses Material sehr kontrovers aufgenommen. So kann man am Beginn des 14. Kapitels von Frank Belknap Longs Howard Phillips Lovecraft: Dreamer on the Nightside (1975) den Versuch erkennen, de Camps Behauptungen zu widerlegen oder zumindest zu korrigieren. Long verfasste sein Buch in großer Eile, nachdem er einige Kapitel von de Camps Biografie im Manuskript gelesen hatte. Das Hauptproblem in den beiden Werken sind mangelhafte Informationen, denn seit 1975 sind viele weitere Briefe und Anekdoten aufgetaucht, und es lässt sich eine deutliche Voreingenommenheit bei dem Versuch erkennen, Lovecrafts Persönlichkeit zu deuten bzw., in Longs Fall, Lovecrafts Ruf zu retten. Ich werde versuchen, es besser zu machen, aber zweifellos wird ein zukünftiger Rezensent in meinem Buch ebenso grundlegende Fehler bemerken. Daher wird der Leser gebeten, dies im Hinterkopf zu haben, wenn er das Material des vorliegenden Kapitels betrachtet.

Lovecraft und die Liebe

Die Schwierigkeiten begannen mit Winfield Townley Scott, der in ›His Own Most Fantastic Creation: Howard Phillips Lovecraft‹ die Sexualität Lovecrafts wie folgt zusammenfasste:

Seine Geschichten sind geschlechtslos, und man neigt zu der Vermutung, dass der Mann es ebenfalls war, möglicherweise bis zur Impotenz bemuttert. Man kann sagen, dass fast all seine Beziehungen als Erwachsener homosexuell waren, wenn man die Bezeichnung in ihrer mildesten Form begreift. Es gibt keine Anzeichen eines starken sexuellen Impulses irgendwelcher Art bei ihm. In der Gegenwart von Frauen war ihm »unwohl«. Seine Ehe war ein Fehler und zu raschem Scheitern verdammt. Schon milde sexuelle Textstellen verwirrten ihn. Wenn er Pulp-Magazine bei Douglass Dana’s Old College Book Shop am Ende der College Street kaufte, riss er die grellen Umschläge ab, damit seine Freunde seine Interessen nicht missverstehen konnten. (LR, S. 26)

Scotts Essay erschien zuerst in Marginalia bei Arkham House (1944) und wurde später überarbeitet und in seine eigene Sammlung Exiles and Fabrications (1961) übernommen; ein Nachdruck erfolgte in Lovecraft Remembered (1998). So kam es, dass dieser Essay die Lovecraft-Forschung mehr als fünf Jahrzehnte beeinflusst hat. Dafür gab es einen guten Grund, denn er enthielt wichtige Forschungsergebnisse zu Lovecrafts Leben, dem seiner Eltern und seiner Familie sowie persönliche Gespräche mit Lovecrafts früherer Frau. Doch in den letzten Jahrzehnten hat sich ein viel vollständigeres Bild von Lovecrafts persönlichem Leben ergeben, das Townleys Vorstellung von Lovecraft als geschlechtslosem oder impotentem Menschen berichtigte, sowohl was seine Literatur als auch was sein Leben angeht.

Seinen eigenen Äußerungen und den Erinnerungen von anderen zufolge sprach Lovecraft nur sehr selten über Sex und so gut wie nie über schlüpfrige und anzügliche Literatur. Das machte ihn bei den Treffen des Kalem-Clubs in New York bisweilen zum Außenseiter, wie Sonia bestätigte:

[…] wenn die Jungs und HPL sich in Sam Lovemans Appartement in der Clinton Street trafen und ich nicht dabei war, eröffneten sie das Gespräch oft mit sexuellen Themen, weil sie genau wussten, dass Lovecraft solche Geschichten gar nicht gern hörte […] (Everts)

Sonias Bericht stimmt mit den Briefen eines weiteren Mitglieds des Kalem-Clubs überein – mit denen von George W. Kirk, der anführt, dass zumindest einige Male Sex zum beherrschenden Thema des Gesprächs wurde (Hart und Joshi, S. 28, 33). Eine dieser Mittelungen ist von besonderem Interesse: »Einer war ein Homo, ein anderer ein bekennender Fetischist, einer ein Nichts, was Sex angeht, und dann war da noch euer GW, mit dem ihr ja vertraut seid« (Hart und Joshi, S. 28). George Kirk ist »GW«. Es ist verführerisch, diese sexuellen Vorlieben bestimmten Kalemiten zuzuschreiben, vielleicht Loveman (»Homo«), Morton (»Fetischist«) und Lovecraft (»ein Nichts«), aber das wäre reine Spekulation. Zum Beispiel wird Frank Belknap Long mit den Worten zitiert, dass »Morton […] Sex niemals in einem Gespräch erwähnt« habe, obwohl das seltsam erscheint, da wir von Mortons Beziehung zu einer Gruppe wissen, die »freie Liebe« und anderes praktizierte (Cannon 1997, S. 23).

Lovecraft erwähnt Sex durchaus in seinen Briefen. Zum Beispiel begann er 1919 eine Korrespondenz mit seinem Schriftstellerkollegen Rheinhart Kleiner über Sex (SL 1, S. 88), und George Kirk erinnert sich daran, mit Lovecraft während eines langen herbstlichen Spaziergangs in New York über »gewisse Aspekte des Geschlechtlichen« gesprochen zu haben (Hart und Joshi, S. 65). Es sind diese wenigen veröffentlichten Briefe und Erinnerungen, die einen gewissen Einblick in die persönlichsten Bereiche eines sehr verschlossenen Gentleman gewähren und unmittelbare Informationen über Lovecrafts Meinungen zu Liebe, Sex, Ehe und Erotik in Kunst und Literatur liefern. Wie alle Menschen veränderte und verfeinerte auch Lovecraft seine Ansichten im Laufe der Zeit, und wie aus seinen Briefen (SL 1, S. 122), Werken und Handlungen ersichtlich ist, wandelten und entwickelten sich seine Meinungen über das Geschlechtliche, Erotik und menschliche Beziehungen sein ganzes Leben hindurch fortwährend. Das beste Beispiel für eine solche Veränderung ist seine Beziehung zu Sonia H. Greene, die im Jahre 1924 seine Frau werden sollte.

Lovecrafts Ansichten über Sex

In einem Brief an Frank Belknap Long aus dem Jahr 1924 beschreibt Lovecraft seine frühe sexuelle Erziehung:

Als ich sechs oder sieben Jahre alt war, machten mich natürlich all die Anspielungen in den Büchern der Erwachsenen neugierig, die ich nicht verstand, genau wie die Beschränkungen, denen meine Gespräche mit älteren Menschen unterlagen. Da mein Geist schon immer von wissenschaftlicher und forschender Art war, folgte ich diesen Mysterien natürlich Schritt für Schritt in Enzyklopädien und anderen Büchern, denn wegen meiner Gemütsart wagte es niemand, meine Lektüre ernsthaft zu beschneiden. Nach der Durchsicht der medizinischen Bücher meines Arzt-Onkels wusste ich schon im Alter von acht Jahren alles, was es über Anatomie und die Physiologie der Fortpflanzung bei beiden Geschlechtern zu wissen gibt. Danach war jegliche Neugier natürlich unmöglich geworden. Das gesamte Thema war für mich zu einem langweiligen Detail animalischer Biologie geworden […] (SL 1, S. 394)

Ein Jahrzehnt später berichtete Lovecraft in einem Brief an J. Vernon Shea eine etwas andere Version dieser Geschichte:

Was die zurecht gerühmten »Tatsachen des Lebens« angeht, so habe ich nicht auf mündliche Informationen gewartet, sondern mich bereits im Alter von acht Jahren ausgiebig in der Medizinabteilung der Familienbibliothek erkundigt (zu der ich schon Zugang hatte, auch wenn ich nicht sehr gesprächig war, was diese Art meiner Lektüre anging): in Quains Anatomy (durchgehend illustriert und voller Diagramme), Dunglinsons Physiology &c. &c. Dies geschah aufgrund meiner Neugier und Verblüffung hinsichtlich der seltsamen Zurückhaltung und Verlegenheit der Erwachsenen, wenn sie über dergleichen redeten, & der rätselhaft unerklärlichen Anspielungen und Situationen in der gewöhnlichen Literatur. Das Ergebnis war dem, was Eltern normalerweise fürchten, völlig entgegengesetzt, denn anstatt in mir ein abnormales und frühreifes Interesse am Sex zu erwecken (wie es eine ungestillte Neugier vielleicht vermocht hätte), tötete es mein Interesse an diesem Thema fast vollständig ab. Die ganze Sache wurde auf einen prosaischen Mechanismus reduziert, den ich ziemlich abscheulich fand, zumindest aber wegen seiner rein animalischen Natur & seiner Trennung von solchen Elementen wie Intellekt & Schönheit als wenig glanzvoll ansah. Die ganze Dramatik war verschwunden. Wenn andere Kinder schmutzige Dinge sagten oder taten, hätte ich ihnen mehr verraten können, als sie mir zu verraten versuchten […] (SL 4, S. 355)

Diese beiden Passagen weichen in den Einzelheiten voneinander ab, aber die grundlegende Geschichte, die in jedem der Briefe erzählt wird, stimmt überein und passt zu Lovecrafts materialistischer Sicht des Universums. Nachdem Lovecraft seine Neugier befriedigt hatte, scheint er wenig Interesse daran gehabt zu haben, weitere Kenntnisse über die Sexualität zu sammeln, wie er in einem Brief an Kleiner aus dem Jahr 1919 schreibt: »Natürlich bin ich mit den Liebesphänomenen nur durch gelegentliche Lektüre vertraut« (SL 1, S. 88). Everts zufolge bekannte Lovecrafts Ex-Frau Sonia, dass »Lovecraft alles kaufte und las, was er zum Thema Ehe, Sex und die Pflichten des Mannes im ehelichen Bett finden konnte« (Everts). Umfang und Art von Lovecrafts Lektüre auf diesem Gebiet sind unbekannt, aber es gab eine Menge von Werken, über die Lovecraft während seiner literarischen oder wissenschaftlichen Lektüre gestolpert sein könnte, und möglicherweise hatte er auch entsprechende Hinweise von seinen Freunden erhalten. Einige dieser Möglichkeiten verdienen eine besondere Beachtung.

Everts bringt als mögliche Quelle für solches Material Lovecrafts Freund und Korrespondent James Ferdinand Morton ins Spiel. »Mortonius«, wie Lovecraft ihn scherzhaft nannte, war in sexuellen Angelegenheiten sehr beschlagen, hatte einige überaus erotische Gedichte geschrieben und war in den frühen Jahren des 20. Jahrhunderts sogar Mitglied einer Gruppe, die freie Liebe praktizierte (Everts), aber in den 1920er-Jahren wurde er allmählich alt, war einsam und »glaubt seit Kurzem an die Ehe und wirbt einmal die Woche um die kultivierte Mme. Greene« (SL 1, S. 178). Ob Lovecraft Morton oder andere seiner Freunde konsultierte, ist unbekannt. Neben Morton könnten mindestens zwei weitere Kalemiten Material bereitgestellt haben: die Buchhändler George Kirk und Samuel Loveman. Kirks Briefe aus dieser Zeit weisen darauf hin, dass er auch mit Ware handelte, die es üblicherweise nur unter dem Ladentisch gab, und er wäre zumindest in der Lage gewesen, Lovecraft den Weg zu einer guten Leihbücherei mit sexualwissenschaftlichem Material zu weisen.

Lovecraft erwähnt in seinen Briefen mehrfach damals sehr bekannte »Sexologen« und Autoren, die über Erotik, Ehe und Beziehungen schrieben, wie Bertrand Russell, Sigmund Freud, Auguste Forel, Richard von Krafft-Ebing und insbesondere Havelock Ellis (SL 3, S. 70–72, 106; 4, S. 298; 5, S. 164). Eine weitere mögliche Quelle für solches Material war Lovecrafts literarischer Kunde, der Reverend David Van Bush, der Vorträge über Populärpsychologie hielt und überdies Geistlicher und Dichter war. Während der Zeit ihrer gemeinsamen Geschäftsbeziehung veröffentlichte Bush solche Werke wie Practical Psychology and Sex Life (1922) und Psychology of Sex: How to Love and Marry (1924). Der zweite Titel wurde in dem Jahr veröffentlicht, in dem Lovecraft und Sonia heirateten. Es ist unbekannt, ob Lovecraft eines dieser Bücher gelesen oder gar einen Teil davon für den Autor überarbeitet hat. Obwohl er definitiv während dieser Zeit mit »Bush work« (wie er es zu nennen pflegte) beschäftigt war, scheint es sich dabei doch in erster Linie um Gedichtrevisionen gehandelt zu haben (Joshi 2010, S. 405–9).

Lovecraft erkannte Freuds überragende Bedeutung in der Psychologie und den Wert seiner Arbeit sowie der seiner Nachfolger wie Alfred Adler (SL 1, S. 134). Es ist nicht bekannt, wie viel Lovecraft von Freuds Arbeiten gelesen hat (Joshi 2010, S. 469 f.), aber ihm waren offensichtlich nicht alle Theorien Freuds gleichermaßen wichtig, vor allem nicht jene über die Träume und die psychosexuelle Entwicklung (OFF, S. 246). Lovecraft erwähnt in seinen Briefen Havelock Ellis, Krafft-Ebing und andere, aber er schreibt nicht, wann er sie gelesen hat oder welche Werke er von ihnen kannte – mit einer einzigen Ausnahme. In einem Brief von 1929 an Woodburn Harris nennt Lovecraft eine Gruppe von Sexualkundlern, und im selben Brief erwähnt er Ellis’ Essays in Love & Virtue (1920) (SL 3, S. 60). Falls dies das einzige Werk von Ellis war, das Lovecraft las, dann fand die Lektüre vermutlich kurz vor seiner Heirat statt, als er zu lernen versuchte, wie sich ein Ehemann zu verhalten hat. Da er Ellis’ Schriften sogar noch 1935 erwähnt, weist dies darauf hin, dass sie einen gewissen Einfluss auf Lovecraft ausübten, oder dass er Ellis zumindest als Autorität auf diesem Gebiet ansah (SL 5, S. 164). Es ist jedoch durchaus möglich, dass Lovecraft die Werke der Sexologen nicht gelesen, sondern nur bekannte und bedeutende Autoritäten erwähnt hat. Leider sind die Terminologie und die Vorstellungen, die Lovecraft benutzt, so allgemein, dass sie sich nicht auf bestimmte Autoren zurückführen lassen. Doch zumindest scheint Lovecrafts Betrachtung der Sexualität, die von seiner Lektüre bestimmt war, zu seinem allgemeinen materialistischen Weltbild zu passen. Immerhin war er so vertraut mit dem Thema, dass er mit Korrespondenten wie Robert E. Howard oder August Derleth über Sadismus, Homosexualität, Pädophilie, Nekrophilie und Inzest diskutieren konnte, wenn solche Themen zur Sprache kamen, und er schien diese sexuellen Spielarten sowohl auf biologische als auch auf psychologische Ursachen zurückzuführen.

Neben den wissenschaftlichen Werken las Lovecraft sicherlich auch andere Literatur, die einen Einfluss auf seine Gedanken über Liebe und Sex ausübte. Winfield Townley Scott nimmt einen Hinweis auf Sonias Erinnerungen auf (Davis 1992, S. 23 f.) und nennt The Private Papers of Henry Ryecroft (1903) von George Gissing als einen wesentlichen Einfluss auf Lovecraft, wobei er bemerkt: »Es gibt keine Liebe in Ryecrofts Leben« (LR, S. 24 f.).

Sonia behauptet auch, dass Lovecraft mit glühenden Worten die Beinahe-Heirat zwischen Edgar Allan Poe und Sarah Whitman verherrlichte (Davis 1992, S. 27), doch später, nach seiner eigenen Ehe, schrieb er abfällig über »das Gefasel in den Liebesbriefen von Poe & Mrs. Whitman« (SL 3, S. 65). S. T. Joshi hat darüber spekuliert, welche Version der Arabischen Nächte der junge Lovecraft wohl gelesen haben mag: »Im Lichte von Lovecrafts späteren rassistischen Ansichten ist es recht interessant, dass einige der Erzählungen mit großer Empörung über sexuelle Begegnungen zwischen schwarzen Männern und islamischen Frauen berichten« (Joshi 2010, S. 31). Doch insgesamt behandelt Lovecraft das Thema nur sehr selten in seinen Briefen, und daher kann nur wenig Definitives in dieser Hinsicht gesagt werden, wenn man von seinen Ausführungen über die griechisch-römische Literatur und Kultur absieht:

Was den geringen Wert der Erotik angeht, wenn sie ihrer romantischen Aura beraubt wird, so lässt sich sagen, dass sie der vorrangigen Verwertung in Leben & Kunst nicht wert ist, was sich bereits dadurch erzeigt, dass sie in den großen klassischen Werken des Altertums vollkommen nebensächlich ist. (SL 3, S. 68)

Lovecraft war in der antiken Literatur bewandert, und diese strotzt vor Material über Liebe und Sex, vom Zarten bis zum Derben. Lovecraft zitierte bisweilen klassische Quellen, wenn er über Sex redete. Er ging sogar so weit, die Götter Hymen (›Lovecraft on Love‹, S. 245) und Priapus (SL 1, S. 308) anzuführen, wenn er über Liebe und Sex schrieb, aber natürlich waren diese Zeilen nie zur Veröffentlichung bestimmt. Wissenschaftlern und Laien stand beträchtliches klassisches Material zur Verfügung, das nicht jugendfrei war, einschließlich Boccaccios Dekameron, von dem auch Lovecraft eine Ausgabe besaß (SL 3, S. 109), Ovids Ars Amatoria (SL 3, S. 266; 4, S. 285) und der skatologischen Gedichte Jonathan Swifts (SL 1, S. 306; 3, S. 109).

Jenseits seiner Lektüre war Lovecrafts persönliche Erfahrung mit körperlicher Zuneigung vermutlich fast ganz auf die kurze Periode seiner Ehe beschränkt. Seiner Frau zufolge »mied er geschlechtliche Beziehungen zu Frauen vor seiner Heirat« (Davis 1969). Schon sehr früh in ihrer gemeinsamen Zeit bemerkte sie Lovecrafts Unfähigkeit, seine Zuneigung zu zeigen:

Sein fortgesetzter Enthusiasmus am nächsten Tag war so aufrichtig und ernst, dass ich ihn damit überraschte und schockierte, ihn zu küssen. Er war so verlegen, dass er zuerst errötete und dann bleich wurde. Als ich ihn deshalb neckte, sagte er, er sei nicht mehr geküsst worden, seit er ein kleines Kind war, und als Erwachsener sei er noch von keiner Frau geküsst worden, auch nicht von seiner Mutter und seinen Tanten, und vermutlich würde er nun auch nie wieder geküsst werden. (Aber ich belehrte ihn eines Besseren.) (Davis 1992, S. 19)

Diese Anekdote ist in ihrer Vollständigkeit in zweifacher Hinsicht bemerkenswert. Zum einen handelt es sich hier um den Ursprung der Überarbeitung von ›The Horror at Martin’s Beach‹ (1922), und zum anderen ist es eine der wenigen wahrhaft romantischen Geschichten, die sich um Lovecraft ranken.

Es ist bekannt, dass das Paar seine gesamte Hochzeitsnacht damit verbrachte, das Typoskript von ›Under the Pyramids‹ (verfasst für Harry Houdini und veröffentlicht 1924) wiederherzustellen, weil es in der Nacht vor ihrer Eheschließung verloren gegangen war (Davis 1992, S. 12). Sonia sprach nur selten über ihr Sexleben, und Lovecraft erwähnt es in seinen veröffentlichten Briefen nie. Die einzigen publizierten Bemerkungen seiner Frau dazu sind diese: »Als verheirateter Mann war er ein angemessen guter Liebhaber, aber er weigerte sich, seine Gefühle in der Gegenwart von anderen zu zeigen« und »Eine Art von H. P., seine Zuneigung zu zeigen, bestand darin, seinen kleinen Finger um den meinen zu winden und dabei zu sagen: Umph!« (Davis 1969).

Everts weiß mehr über Lovecrafts Widerstreben und seine sexuellen Fähigkeiten zu sagen; seine Informationen basieren auf Gesprächen mit Sonia:

Diese Hemmungen wurden noch deutlicher, als ich mit Sonia redete und unsere Gespräche auf Band aufnahm. HPL hat sich seiner Frau sexuell nie von selbst genähert. Es war stets Sonias Rolle, das Vorspiel einzuleiten, doch wie sie mir mitteilte, hatte HPL etliches über seine ehelichen Pflichten gelesen und war mehr als ausreichend in seiner Leistungsfähigkeit […] Er habe jedoch betont, dass ein Mann, der zur Zeit seines stärksten Geschlechtsdrangs, was bei ihm im Alter von neunzehn Jahren der Fall gewesen war, nicht verheiratet sei oder sein könne, später, wenn er das dreißigste Lebensjahr schon hinter sich gelassen habe, eher unempfänglich gegenüber diesen Dingen werde. Ich war ein wenig entsetzt, schwieg aber dazu. (Everts)

Lovecrafts mangelndes Interesse am Geschlechtlichen, mag es durch sein Alter, durch eine persönliche Marotte oder eine Verbindung von beidem begründet sein, kann seine Frau eigentlich nicht überrascht haben. Lovecraft erwähnt diesen Umstand selbst (SL 5, S. 163), und es erscheint durchaus wahrscheinlich, dass er aus persönlicher Erfahrung spricht, wenn er in ›Lovecraft on Love‹ über die jugendliche Glut und Inbrunst schreibt:

Die Jugend bringt gewisse erogene und imaginative Stimuli mit sich, die mit den taktilen Erscheinungen schlanker, jungfräulich sich zeigender Körper und der visuellen Bildwelt klassischer ästhetischer Umrisse verbunden sind, die eine Art von Frische und frühlingshafter Unreife symbolisieren, die wunderschön sind, aber nichts mit häuslicher Liebe zu tun haben. […] Kein konservativer Mann und keine konservative Frau erwartet eine so außerordentliche physische Begeisterung außer in einer kurzen Periode der frühen Jugend […]. Liebe in der frühen Jugend ist eher eine Angelegenheit der Physiologie als der Psychologie und vollkommen unabhängig von Gefühlen des reiferen mittleren Alters. Da in den meisten Fällen die jugendliche Liebe unvollkommen oder unbefriedigend ist, setzt im späteren Leben ein gesundes Verlangen nach der wahren Liebe ein, die nur die Reife zu gestalten und unversehrt zu halten in der Lage ist, ohne dass jene Erregung der körperlichen Begeisterung erwartet wird, welche allein das rechtmäßige Erbe frühlingshafter Jugend ist. (S. 245)

Lovecraft kannte diesen Aspekt seiner Persönlichkeit und hat möglicherweise Selbstbeobachtung mit seinen rassistischen Ansichten verknüpft, als er »unsere wilden blonden Vorväter als erotisch träge & extrem keusch« (SL 3, S. 65) beschrieb. Das ist eine passende Beschreibung für Lovecraft selbst. In einem Brief an J. Vernon Shea aus dem Jahr 1931 betonte er: »In diesen Tagen des Übergangs sind die glücklichsten Personen jene mit einer trägen Erotik, die in der Lage sind, diese ganze verworrene Angelegenheit beiseitezudrängen & das Wimmeln der primitiven Mehrheit mit ironischem Abstand zu betrachten« (SL 3, S. 425).

Trotz seiner Abscheu vor dem »unverhüllten Animalismus der Jugend« (›Lovecraft in Love‹, S. 245) erkannte Lovecraft aber auch an, dass der »ursprünglich motivierende Erotizismus« (SL 3, S. 66) oder das »Element biologischer Erotik« (SL 4, S. 356) als Grundlage einer Beziehung notwendig ist.

1927 diskutierten Lovecraft und August Derleth über Geburtenkontrolle. Obwohl Derleths Briefe aus dieser Korrespondenz verloren gegangen sind, können wir etliches aus Lovecrafts Gegenargumenten ableiten: »Vergiss nicht, dass Geburtenkontrolle nicht weniger künstlich & gegen die Natur ist als die Friedenspolitik & das sentimentale Gewäsch der Schwachen, durch die die Welt übervölkert wird und die Geburtenkontrolle erst notwendig macht« (ES, S. 78). Lovecraft war eindeutig ein Befürworter der Geburtenkontrolle; dabei führte er keine persönlichen Ansichten oder Erfahrungen an, sondern allgemeine, rationale Gründe wie Überbevölkerung und Zweckmäßigkeit, gewürzt mit einer kräftigen Dosis Rassismus und Standesdünkel:

Es darf nicht erwartet werden, dass der geschmackvoll lebende, aber nicht reiche Mittelklassenbürger keine Geburtenkontrolle praktiziert. Solange er weiß, dass er niemals zehn Kinder ordentlich erziehen kann, wird er es bei einem oder zwei oder drei belassen & dafür sorgen, dass sie ordentlich erzogen werden. Für ihn ist es eine rein praktische Angelegenheit, was er über die Theorien auch immer denken mag. So befinden sich die besseren Schichten also außerhalb des Streits. Für sie ist Geburtenkontrolle eine Tatsache, & so wird es immer bleiben. Da so die Reproduktion guten Blutes künstlich beschnitten wird, sollten wir etwa dem schlechten Blut erlauben, sich durch Unwissenheit ungehindert fortzupflanzen, bis die Brut der Schwachen & Unfähigen die Masse unserer Bevölkerung darstellt? Meine Antwort ist ein nachdrückliches Nein! Zur Hölle mit den Prinzipien – unsere erste Pflicht ist es, die grundlegende biologische Qualität der Rasse zu sichern! (ES, S. 78)

Nach dem Scheitern seiner Ehe kehrte Lovecraft jedenfalls wieder zu einer keuschen Existenz zurück. Er blieb Sonia freundschaftlich verbunden, aber ihre Beziehung war in keiner Hinsicht mehr körperlich, wie Sonia bemerkte, als sie von einer Europareise zurückkehrte und ihn besuchte:

Als Howard und ich uns für die Nacht trennten, sagte ich: »Howard, willst du mir denn keinen Gutenachtkuss geben?« Seine Antwort lautete: »Besser nicht.« [Am nächsten Abend] bat ich vor dem Zubettgehen nicht mehr um einen Kuss. Ich hatte meine Lektion gelernt. […] Ich hatte gehofft (vielleicht war es Wunschdenken), dass meine »Umarmung« ihn nicht nur zu einem großen Genius, sondern auch zu einem Liebhaber und Ehemann gemacht hatte. Während sich der Genius entwickelte und durch den Kokon brach, wichen der Liebhaber und Ehemann in den Hintergrund zurück, bis sie zu Gespenstern wurden und schließlich ganz verschwanden. (Davis 1992, S. 23, 27)

Es ist nicht bekannt, dass Lovecraft eine weitere körperliche oder romantische Beziehung eingegangen ist. Wenn es einen letzten Hinweis darauf gibt, dass er noch ein gewisses körperliches Verlangen empfand, diesem aber aufgrund von praktischen Erwägungen nicht nachgab, dann ist dieser in einem Brief an R. H. Barlow aus dem Jahr 1936 zu finden: »Natürlich würden wir alle gern hübsche Mädchen bis zu unserem Todestage küssen – aber wir wissen verdammt genau, dass dies nur ein abstoßender und schäbiger Scherz wäre, außer bei den sehr wenigen Frauen, die uns wirklich gemocht haben, als wir noch jung waren« (SL 5, S. 314 f.).

Lovecrafts theoretische Ansichten über Sex in den letzten Jahren seines Lebens finden sich in einem weiteren Brief an Barlow aus dem Jahr 1935 und stellen eine Art von Krönung seiner Auffassung über die Stellung des Geschlechtlichen in der menschlichen Natur und Gesellschaft dar.

Sex? […][1] Dass er als eine Art von Stimulans für alle anderen Arten menschlicher Aktivität dient, ist sehr wahrscheinlich, aber das bezieht sich natürlich auf sublimierte, ätherisierte & und zart assoziierende Formen, die nichts gemein haben mit dem billigen Herumhuren des Pöbels & der dekadenten Pseudo-Intelligenzia von der Greenwich-Village-Art. Ob Sex als spezifischer Gegenstand in der Kunst dargestellt werden sollte – abgesehen von der allgemeinen Art, in der er der Kraft anderer Triebe zusätzliche Kraft verleiht –, wage ich sehr zu bezweifeln. Die Freudianer verwechseln seine häufige Benutzung (durch eine dekadente Moderne) als Gegenstand mit seiner eigentlichen Funktion als Bestandteil des gesamten ästhetischen Prozesses. Es ist kaum nötig zu betonen, dass die fiebrige Überbetonung des Sex in der westlichen Welt seit 1920 ein unnatürliches & im Wesentlichen temporäres Phänomen darstellt, das plötzlich veränderten philosophischen Perspektiven & einer dekadenten, im Umschwung begriffenen Sozialordnung geschuldet ist. Zunächst können wir annehmen, dass Sex ein sehr starker Instinkt ist, für dessen natürlichen & adäquaten Ausdruck jede Sozialordnung sorgen muss. In früheren Phasen der Gesellschaft wurde auf ein Dutzend verschiedene Weisen damit umgegangen – klug & unklug, sodass die Resultate von vernünftiger Harmonie (das republikanische Rom vor 150 v. Chr.) bis zu unaussprechlicher Scheußlichkeit und Schrecklichkeit reichen (Indien seit dem Mittelalter, Teile Afrikas & Polynesiens). In unserem Fall besaß das vorangegangene Zeitalter drei Faktoren, die für die Regulierung & Kanalisierung des Erotischen nicht mehr einsetzbar sind: a) religiöser & mystisch-ethischer Druck; b) weise Zweckmäßigkeit aufgrund der Unheilbarkeit von Geschlechtskrankheiten & nicht zur Verfügung stehender Möglichkeiten zur Geburtenkontrolle; & c) eine scheinheilige, heuchlerische Haltung, die zu seltsamen Dualitäten der moralischen Standards führte.

Die westliche Zivilisation hat sich auf diese Faktoren als einzige Verteidigung gegen die katastrophale Überbetonung des Geschlechtlichen gestützt, so wie sie sich auf verschiedene vorübergehende Faktoren (Nichtexistenz effektiver Transportmittel & zerstörerischer Apparate) als Verteidigung gegen die katastrophale Überbetonung der Aggressivität verließ, wie sie im Krieg zutage tritt. Deshalb wurden die wirklichen Gründe für eine Regulierung & Kanalisierung des Geschlechtlichen – ästhetische & soziale Gründe im höheren Sinne – vollkommen vernachlässigt. Dann begann das Zeitalter des wissenschaftlichen Rationalismus – & all die alten Verteidigungsmechanismen versagten plötzlich. Ergebnis: die Freiheiten des »Jazz-Zeitalters« & die Popularität des guten alten Doc Sigmund. Aber eine solche vollkommene Unordnung kann nicht ewig anhalten. (OFF, S. 246–48)

Hier vereinen sich Lovecrafts Akzeptanz des Geschlechtlichen als treibendes Verlangen und ästhetische Nützlichkeit, seine schöngefärbte Bewunderung der klassischen Welt im Gegensatz zu seiner Angst vor anderen, fremden Kulturen, ein offener Ekel vor edwardischen und religiösen Sitten sowie einer Zensur der Sexualität und schließlich seine Abneigung gegen die offene Zurschaustellung der Sexualität in den dekadenten Goldenen Zwanzigern, gegen die Theorien Sigmund Freuds und die »Pseudo-Intelligenzia«, der er während seiner Zeit in New York begegnet war. All diese Themen hatte er auch vorher schon in verschiedenen Zusammenhängen behandelt, aber noch nie in einer einzigen These: nicht nur die Akzeptanz des Geschlechtstriebes, sondern auch die Wichtigkeit der Kontrolle und Lenkung (»Kanalisierung«) dieser Impulse. Nachdem er diese Grundlagen erörtert hat, schaut das Ende von Lovecrafts Mini-Essay in die Zukunft und auf das, was eine kommende Gesellschaft in dieser Hinsicht unternehmen wird:

Mit der Zeit werden sich Vernunft & Geschmack auf dieses Thema genauso auswirken wie auf alle anderen. Die erotischen Instinkte des Menschen werden anthropologisch und zoologisch gezähmt werden, & mit ihnen in Verbindung stehende lösbare Probleme (z. B. sexuelles Ausleben zwischen Erwachsenen, lösbar durch Probeehen auf nicht ökonomischer Basis) werden von solchen Problemen getrennt werden können, die vermutlich niemals lösbar sein werden (Verlangen nach Polygamie trotz damit in Widerspruch stehenden Verlangens nach der Psychologie der Monogamie, unerwidertes Verlangen der Alternden nach jungen & schönen Partnern &c.). Die tatsächlichen Triebe werden in eine wissenschaftliche Beziehung zu dem Drängen nach Beschränkung gesetzt werden, die von der Natur & der ästhetischen Tradition verlangt werden; gleichzeitig wird die Entwicklung der Philosophie auf einem festeren Fundament die frühere Erkenntnis des Menschen wiederherstellen, dass einige Instinkte im Interesse von anderen & wesentlicheren stets gezügelt werden müssen. Durch einen neuen & allgemein akzeptierten Kodex, mit dem der natürliche & und harmonische Ausdruck der Erotik erheblich erleichtert wird, darf erwartet werden, dass ein großer Teil der morbiden Aufmerksamkeit von dem ganzen Thema des Sex endlich abgelenkt werden wird. (OFF, S. 248)

Dieser zweite Auszug enthält einige Hinweise auf Lovecrafts persönlichere Erfahrungen und Anschauungen über die Sexualität. Die »nicht ökonomische Basis« für eine Probeehe war vermutlich teilweise von den ökonomischen Schwierigkeiten inspiriert, die Lovecraft für das Scheitern seiner eigenen Ehe verantwortlich machte; der Hinweis auf die Polygamie könnte sich auf die Ansichten seines Freundes Morton über »freie Liebe« beziehen, und das »unerwiderte Verlangen der Alternden« ist ein Aspekt, der in seinen Schriften über die Liebe mehrfach wiederkehrt. Es ist jedoch anzumerken, dass Lovecraft hier nur über Sex und Erotik spricht, über das körperliche Verlangen nach geschlechtlicher Vereinigung, nicht aber über das Gefühl der Liebe oder über Beziehungen, die auf Liebe gegründet sind.


[1] Unmittelbar vor dem zitierten Abschnitt teilt Lovecraft eine Tabelle mit »13 Abteilungen des grundlegenden Ego-Dranges« mit, auf die sich der Teil in Klammern bezieht. Die Liste habe ich um der Klarheit willen entfernt. Der wesentliche Teil der Tabelle ist:

Instinkt / Erkennbare Gefühle / Anwendung

Fortpflanzung / Erotik / Sex, Religion (teilweise), Liebe (teilweise)

Elternschaft / Zärtlichkeit/ Liebe (hauptsächlich)

Diejenigen, die es interessiert, sollten den Inhalt dieses Briefes mit Lovecrafts Essay ›Some Causes of Self-Immolation‹ (1931) vergleichen.