Inhalt

  1. Cover
  2. Über das Buch
  3. Über die Autorin
  4. Titel
  5. Impressum
  6. Widmung
  7. Crosnes oder Japankartoffel
  8. Dank
  9. Kapitel 1
  10. Kapitel 2
  11. Kapitel 3
  12. Kapitel 4
  13. Kapitel 5
  14. Kapitel 6
  15. Kapitel 7
  16. Kapitel 8
  17. Kapitel 9
  18. Kapitel 10
  19. Kapitel 11
  20. Kapitel 12
  21. Kapitel 13
  22. Kapitel 14
  23. Kapitel 15
  24. Kapitel 16
  25. Kapitel 17
  26. Kapitel 18
  27. Kapitel 19
  28. Kapitel 20
  29. Kapitel 21
  30. Kapitel 22
  31. Kapitel 23
  32. Kapitel 24
  33. Kapitel 25

Katie Fforde

GLÜCKS-
BOTEN

Aus dem Englischen von
Michaela Link

beHEARTBEAT

Für die älteren Frauen,

die ich gekannt und geliebt habe,

ich danke euch

für eure Weisheit

Crosnes oder Japankartoffel:

Über Winter in Torf einschlagen.

Im März einpflanzen. Guter Boden, reichlich Wasser,

starker Zehrer. Blüht Juli bis August. Wachstumszeit:

fünf bis sieben Monate. Im Frühwinter,

nachdem die Blätter verwelkt sind, herausnehmen.

Bei Kälte in Sand oder Torf setzen.

Frisch zubereitet sind sie weißfleischig und köstlich.

Dank

Frances Smith von Appledore Salads hat mich nicht nur zu diesem Buch inspiriert, sondern sich geradezu als ständige Quelle von Informationen und neuen Ideen erwiesen. Durch Sybil Kapoor habe ich Frances kennen gelernt. Jacquie und Steve Fischer von Fischer's Restaurant in Stroud, Ben, ihr Küchenchef, und Ollie haben mir freundlicherweise ihre Küche geöffnet. Ian Peters von der Forellenfarm Bilbury erzählte mir alles über Forellenköder, und Jane Peters hat uns dann Forellen gekocht. Sandra Ashenford nahm mich mit ins Chavignol in Chipping Norton, das Restaurant ihres Schwagers Marcus Ashenford. Einfach und freundlich war die Zusammenarbeit mit Kate Parkin, Kate Elton und Anna Dalton-Knott bei Random House. Die gute Sarah Molloy ist immer eine großartige Hilfe, ganz gleich, wie neurotisch und lästig ich werde; in technischer Hinsicht unterstützte mich schließlich Desmond Fforde.

Zwei Bücher von Joy Larkcom waren eine riesige Hilfe für mich: The Salad Garden und Oriental Vegetables. Im Übrigen hat Frances Smith alles getan, was in ihren Kräften stand, um mich in Sachen Gartenbau auf dem rechten Weg zu halten. Alle Fehler, die ich auf diesem Gebiet gemacht habe, gehen auf meine eigene Kappe.

Kapitel 1

Nun? Willst du reinkommen? Oder wolltest du mit deinem Korb nur ein Weilchen in der Tür stehen und ein malerisches Bild abgeben?«

Perdita war wie gelähmt vor Schreck und Verwirrung. Wie konnte sich der kleine, untersetzte, freundliche und unbeschwerte Enzo praktisch über Nacht in das große Monstrum mit den schwarzen Augenbrauen verwandelt haben, von dem sie sich vor zehn Jahren hatte scheiden lassen? Irgendwie schaffte sie es, die Türschwelle zu überwinden.

»Und zieh dir diese verdammten Gummistiefel aus! Das hier ist eine Profiküche, kein Bauernhof!«

Perdita blickte auf ihre Füße hinab und bemerkte, dass der Boden erheblich sauberer war als gewöhnlich. Sie sah zu ihrem Exmann auf. »Nein.«

»Also bist du auf deine alten Tage aufsässig geworden, ja? Aber schwierig warst du ja immer schon.«

»Ich bin überhaupt nicht schwierig. Wo ist Enzo?«

»Hat sich in das sonnige Napoli davongemacht, schätze ich. Woher zum Teufel soll ich das wissen?«

Perdita wurde plötzlich bewusst, dass nicht nur Enzo eine grauenhafte Verwandlung durchgemacht hatte. Auch der Rest der Küche war betroffen. Irgendwie war alles um sie herum plötzlich weiß geworden. Der freundliche, geschäftige Raum, in dem sie seit fünf Jahren Gemüse auslieferte, erinnerte heute befremdlich an einen Operationssaal. Das Lärmen und Klappern war verstummt, ebenso das fröhliche Gesumm des Radios, das normalerweise wie eine Art griechischer Chor im dem allgemeinen Getöse der Küche wirkte. Niemand sang, niemand fluchte, weder Töpfe noch Pfannen klapperten. Tatsächlich schien überhaupt niemand irgendetwas zu tun.

Die restliche Belegschaft der Küche war zwar mit knapper Not noch zu erkennen, hatte sich aber ebenfalls vollkommen verändert. Statt leuchtend bunter Baumwollhosen, eines mit frechen Sprüchen bedruckten Sweatshirts und einer gestreiften Schürze in einem Fall und einer fransigen Jeans und eines schmuddeligen T-Shirts im anderen, trugen die beiden jetzt weiße Jacken und Kochhosen. Janey, die junge Beiköchin, die wie eine Siebzehnjährige aussah, hatte versucht, ihr präraffaelisches Haar unter eine weiße Mütze zu zwängen, aber wie seine Besitzerin, so argwöhnte Perdita, war es von dem verzweifelten Wunsch beseelt zu entkommen.

Der mit Fettflecken bespritzte, voll gekritzelte Kalender, auf dem die Ferien und Geburtstage aller Angestellten verzeichnet waren, hing auch nicht mehr neben dem Telefon. An seine Stelle war ein schickes weißes Brett mit Textmarker getreten, dessen leere Fläche auch nicht ein einziger Smiley etwas freundlicher erscheinen ließ. Die großen Töpfe mit frischen, von Perdita angepflanzten Kräutern waren vom Fensterbrett verschwunden; verschwunden waren auch die dicke Kette von Knoblauchzwiebeln, die irgendjemand aus Frankreich mitgebracht hatte, die Peperoni, die zu scharf waren, um sie zu benutzen, aber so fröhlich aussahen, und die »Schnitzertabelle«, eine Liste mit Fehlern, die im Laufe der Woche gemacht worden waren. Derjenige, der die meisten Böcke geschossen hatte - im Allgemeinen Enzo selbst -, brachte am Samstagabend eine Runde Bier mit, die dann nach der Schicht getrunken wurde. Das Verschwinden der Schnitzertabelle war das ultimative Symbol für das Ende von Enzos Regime: Ein übel meinender Diktator hatte ihn vom Thron gestoßen.

In dem Bewusstsein, dass sie im Zentrum der Aufmerksamkeit stand und dass der übel meinende Diktator ein sehr vertrautes Stirnrunzeln zur Schau stellte, beschloss Perdita, Normalität zu heucheln. »Hey, Janey, Greg. Wie geht es denn so?«

Greg und Janey nickten steif, sagten aber nichts. Janey sah aus wie ein Kaninchen im Angesicht eines Wiesels. Sie fragte nicht, ob sie den Kessel aufsetzen oder einen Toast machen solle, und sie fing auch nicht an, Perditas Gemüse zu durchstöbern und dabei mit spitzen kleinen Schreien ihr Entsetzen oder ihre Begeisterung zu bekunden. Ihre Augen waren vom Weinen gerötet, aber ob das nun an dem Häufchen fein gewürfelter Zwiebeln auf ihrem Hackbrett lag oder an Enzos Ersatz, konnte Perdita nicht erkennen.

Greg, der Tellerwäscher und Mann fürs Grobe, hatte sein langes Haar zum Pferdeschwanz zurückgebunden und trug statt eines Stirnbands eine weiße Kochmütze. Nicht ein einziger seiner sexistischen, rassistischen und politisch inkorrekten Witze, die Perdita gegen ihren eigenen Willen immer zum Lachen gebracht hatten, kam heute über seine Lippen.

Die ganze Küche schien unter einem seltsamen, finsteren Bann zu stehen. Es war nicht schwer, den dafür verantwortlichen Hexenmeister auszumachen: Lucas Gillespie.

»Ihr werdet wohl bemerkt haben«, sagte er an seine Belegschaft gewandt, »dass Perdita und ich uns früher nahe standen.« Er warf ihr einen schrägen Blick zu, und sie versteifte sich. Sie hatte kein Verlangen danach, ihre schmutzige und tränenbefleckte Wäsche in aller Öffentlichkeit zu waschen. »Es war nur eine kurze Zeit, vor etlichen Jahren, als wir beide noch sehr jung waren.«

Sie entspannte sich. Auch Lucas wollte offensichtlich seine fehlgeschlagene Ehe nicht an die große Glocke hängen. »Ich bin immer noch jung«, erwiderte sie.

Er zuckte mit den Schultern. »Also, was hast du für uns?«

Perdita sah in ihren Korb. »Deine - Enzos übliche Bestellung. Feldsalat, verschiedene Sorten Chicorée, Braunkohl, die üblichen kleinen Blattsalate, Kopfsalate und Erbsenblätter.«

»Erbsenblätter?«

»Ja. Exzellente Ware.« Jedenfalls fand Perdita sie exzellent. Das Gemüse war arbeitsintensiv, aber sie verdiente eine Menge Geld damit. Sie durchstöberte ihren Korb und brach Lucas ein Blatt ab.

Er knabberte daran. »Hm. Hält es sich gut?«

»Selbstverständlich. Alles, was ich verkaufe, hält sich gut.«

»Das erklärt wahrscheinlich die exorbitanten Preise, die du berechnest.« Er zog eine Augenbraue in die Höhe. »Ich habe mir die Rechnungsbücher angesehen«, fügte er hinzu.

Perdita war gekränkt. »Meine Preise mögen hoch erscheinen, aber ich biete sehr gute Qualität. Und wenn du deine Ware nicht länger über mich beziehen willst, kannst du die Lieferungen jederzeit stoppen. Es gibt eine Menge Köche, die ich im Augenblick nicht bedienen kann.« Die Restaurants lagen allerdings nicht ganz so günstig für sie wie das Grantly House Hotel, tatsächlich waren sie zu weit entfernt, um gewinnträchtig mit ihnen zusammenzuarbeiten, aber es gab diese Interessenten wirklich.

»Und du meinst, du kannst alles anbauen?«

»Nun, ich baue nichts an, was sich für mich nicht lohnt. Immerhin muss ich meinen Lebensunterhalt damit verdienen.«

»Wie sieht es mit spanischem Pfeffer aus?«

Sie schüttelte den Kopf. »Zu wärmebedürftig. Zu teuer.«

Lucas runzelte nachdenklich die Stirn. »Warte hier!«, befahl er und stolzierte in Richtung Kühlraum davon.

Sobald er aus dem Raum war, fragte Perdita in weithin hörbarem Flüsterton: »Was um alles in der Welt ist aus Enzo geworden? Und wer hat euch den da aufgehalst?«

Janey warf einen verschüchterten Blick zum Kühlraum. »Enzo hat sich zur Ruhe gesetzt«, flüsterte sie ängstlich zurück. »Wir können von Glück sagen, dass wir überhaupt wieder einen Chefkoch haben. Er hat einen sehr guten Ruf.«

Perdita schnaubte. Für sie war Enzo der Chefkoch. Es war nicht richtig. »Der Chef ist tot, lang lebe der Chef«, murmelte sie. »Was hältst du von ihm, Greg?«

Greg zuckte die Schultern. »Er ist nicht so lässig wie Enzo.«

Das war nicht weiter überraschend. Enzo wurde im Allgemeinen als »in sich ruhend« beschrieben, er war absolut gelassen, eine ungewöhnliche und sympathische Eigenschaft bei einem Chefkoch. Allerdings keine Eigenschaft, die, wie Perdita gerechterweise zugeben musste, in dieser Branche großen Erfolg garantierte. Bevor sie weitere Spekulationen anstellen konnte, kam Lucas zurück in die Küche.

»Hier.« Er reichte Perdita eine etwa fingerlange, wie eine dicke Raupe segmentierte Knolle. »Kannst du die da anbauen?«

Perdita war ein Profi. Sie glaubte, dass sie ihr Gemüse kannte - je ausgefallener, desto besser -, aber diesmal war sie ratlos. »Ahm … was ist das?«

»Es ist eine Crosnes.«

»Ich dachte, das sei eine Krankheit«, entfuhr es Perdita.

»Das Gemüse ist nach einer französischen Stadt benannt, aber wenn du willst, kannst du es auch Chinesische Artischocke nennen. Es ist wie eine Taubnessel mit essbaren Wurzeln. Ich habe das Gemüse aus Frankreich mitgebracht. Wenn du es anbauen kannst, kaufe ich dir alles ab, was du produzierst.«

Sie untersuchte die Knolle, die er ihr in die Hand gelegt hatte. »Hm, ich werd es mal probieren. Hast du eine Ahnung, was sie zum Wachsen braucht?«

»Du bist die Gärtnerin. Aber wenn du Zweifel hast, gib mir die Knolle zurück. Die Dinger sind teuer.«

Perditas Finger schlossen sich um das Gemüse. »Nein, nein. Ich bin sicher, ich werde keine Probleme haben. Also, ich gehe eben raus und hole den Rest deiner Bestellung.«

Niemand schien sich vom Fleck zu rühren, während sie zurück zu ihrem Lieferwagen ging, drei Kisten mit Gemüse übereinander stapelte und wieder in die Küche kam. Sie brachte die Kisten in den Kühlraum und verstaute sie dort. Als sie wieder in die Küche trat, inspizierte Lucas gerade mit deutlich zur Schau getragenem Abscheu einige Enten, Janey hackte weiter Zwiebeln, und Greg nahm die Backbleche aus dem Ofen, damit er ihn säubern konnte. Das hatte Perdita noch nie gesehen. Es muss ja nicht bedeuten, dass er den Ofen niemals gereinigt hat, solange Enzo noch das Kommando geführt hat, sagte sie sich. Sie hatte es eben bloß nie mit angesehen. Dieser tröstliche Gedanke wurde jäh zunichte gemacht, als Greg sich auf den Boden hockte, in den Ofen spähte und einen höchst unflätigen Kraftausdruck benutzte.

»Also«, meinte Perdita, halb um Lucas daran zu hindern, durch den Raum zu gehen und sich den Ofen selbst anzusehen, »hast du irgendwelche Sonderwünsche für nächste Woche?«

»Ich werde erst mal sehen, wie gut diese Lieferung war.«

Perdita antwortete mit einem als Lächeln kaschierten Knurren. »Rufst du mich dann an?«

Er durchschaute die Verstellung. »Ja, aber ich glaube, ich habe deine Handynummer nicht.«

»Ich habe kein Handy. Meine Telefonnummer ist dienstlich wie privat dieselbe. Du kannst mich praktisch rund um die Uhr erreichen, obwohl es mir natürlich lieber wäre, wenn du dich tagsüber melden würdest.«

Er runzelte die Stirn. »Ich kann es nicht fassen, dass du ein Geschäft betreibst und kein Handy hast. Aber wie auch immer, wenn du gern weiter im Mittelalter leben möchtest, werde ich nicht versuchen, dich daran zu hindern.«

»Oh, das wäre auch sinnlos.«

»Und sorg dafür, dass dieser Crosnes nichts passiert.«

Perdita klopfte auf ihre Tasche, um sich zu versichern, dass sie noch da war. »Also, wenn du jetzt nichts mehr bestellen willst, mache ich mich auf die Socken. Ich habe noch den ganzen Wagen voll jungem Gemüse für die Gesundheitsfarm.«

»Dann zisch ab. Ich bin sicher, die warten genauso ungern auf Lieferungen wie ich.«

Perdita ignorierte diesen Seitenhieb. »Janey könnte wohl nicht …« Bevor ihr ein guter Grund einfiel, warum sie Hilfe brauchte, um ihren leeren Korb zum Wagen zu tragen, ersparte Lucas ihr jede weitere Mühe.

»Nein, könnte sie nicht. Sie hat viel zu tun. Wenn sie ihren Job behalten möchte. Was angesichts des Tempos, das sie vorlegt, unwahrscheinlich ist.«

Perdita schauderte und schwor sich, Janey so bald wie möglich aus dieser Küche herauszuholen. Das Mädchen erinnerte sie an sie selbst in diesem Alter, und einen Job bei Lucas hätte sie niemals überlebt. Greg, hoffte sie, war zäh genug, um auf sich selbst aufzupassen.

Sie nickte in Lucas' Richtung und winkte ihren beiden Freunden zaghaft zu. Perdita kam sich wie eine Verräterin vor, weil sie die zwei wieder mit Lucas allein ließ, aber sie fürchtete, wenn sie noch einen Augenblick länger in dieser Küche blieb, würde sie im Nu das gleiche eiszeitliche Gefühl befallen, das offensichtlich bereits Greg und Janey in seinem Bann hielt. Ein lautes Brüllen begleitete ihre Flucht und verriet ihr, dass sie Schmutz auf dem Fußboden hinterlassen hatte. Ihre Befriedigung darüber hatte nur einen kleinen Schönheitsfehler: Perdita war sicher, dass Lucas nicht derjenige sein würde, der hinter ihr sauber machte. Und wahrscheinlich würde er seine Wut an Janey oder Greg auslassen.

Als sie in ihren Wagen kletterte, waren ihre Gefühle in Aufruhr, und keines dieser Gefühle machte sie allzu glücklich. War Enzo freiwillig gegangen? Oder hatte man ihn aus seinem Job, den er liebte, herausgedrängt, damit der abscheuliche Lucas seine Stelle einnehmen konnte? Und die Preisfrage: Wieso zum Teufel war Lucas plötzlich Chefkoch? Während ihrer Ehe hatte er nicht mal ein Ei kochen können - keiner von ihnen hatte ein Ei kochen können, das war ein Teil ihres Problems gewesen. Er war ein ehrgeiziger junger Börsenmakler gewesen, fest entschlossen, vor seinem dreißigsten Geburtstag Millionär zu sein. Was hatte sein Interesse vom Aktienmarkt auf den Viktualienmarkt gelenkt?

Sie selbst war eine verträumte Kunststudentin gewesen, die nur eines gewollt hatte, nämlich malen. Die zehn Jahre, die inzwischen vergangen waren, hatten sich auf Lucas' Träume und Ambitionen offensichtlich genauso stark ausgewirkt wie auf die ihren.

»Nun, wenigstens mache ich mir absolut nichts mehr aus ihm«, murmelte sie, während sie ihre Gummistiefel von den Füßen schleuderte, um fahren zu können. Sie ließ den Motor an. Ob sie sich nun etwas aus ihm machte oder nicht, sie musste zugeben, dass diese plötzliche Begegnung mit ihm ein schrecklicher Schock gewesen war. Erst drei Tage zuvor hatte sie das letzte Mal eine Lieferung nach Grantly House gebracht. Warum hatte niemand sie gewarnt, dass ein nuklearer Winter unmittelbar bevorstand?

Sie drehte den Schlüssel noch ein paar mal in der Zündung und betete, dass sie nicht in die Küche würde zurückkehren müssen, um jemanden zu bitten, ihren Wagen anzuschieben. »Na komm schon, Baby«, gurrte sie. »Spring an, tu es für Mami, dann kaufe ich dir auch schönen, neuen Tannenduft.« In überlangen Wollsocken drückte sie sachte auf das Gaspedal, und der Lieferwagen wurde mit einem sonoren Brummen lebendig.

»Ich weiß, du brauchst mehr als ein Raumdeo, Schätzchen«, fuhr sie fort, »aber im Augenblick komme ich ohne dich einfach nicht zurecht. Und möchtest du dich in deinem Alter wirklich noch einer schweren Operation unterziehen?«

Zur Antwort machte der Lieferwagen einen Schlenker durch eine Pfütze, dass das Wasser nur so spritzte.

Auf der Gesundheitsfarm, Perditas zweitgrößtem Kunden, der ihr so ziemlich alles abnahm, was sie erntete, hatte sich seit ihrem letzten Besuch nichts geändert - ein echter Trost.

»Hallo, Kleines«, grüßte Ronnie, der Direktor, als sie mit einem Stapel Plastikkisten auf den Armen in die Küche getaumelt kam. »Bringst du uns wieder eine Ladung Schnecken und Blattläuse, ja?«

»Du weißt doch, dass ihr viel mehr Zeit habt, das Gemüse zu putzen, als ich«, antwortete Perdita liebenswürdig. »Außerdem hätte ich gedacht, die Gäste hier wären dankbar für ein paar zusätzliche Proteine.«

»Du weißt ganz genau, dass wir hier niemanden hungern lassen, selbst wenn er eine Entgiftung macht …«

»Und deshalb seid ihr auch so scharf auf mein frisch aus der Erde gezogenes Gemüse, das vor Vitaminen und Mineralien nur so strotzt. Wie auch immer, das spielt jetzt keine Rolle. Hast du von dem neuen Chefkoch im Grantly House gehört? Ich hab fast einen Anfall bekommen, als ich gesehen habe, dass Enzo nicht mehr da ist.«

Ronnie, der etwas Klatsch nie abgeneigt war, vor allem, wenn er mehr auf Lager hatte als sein Gegenüber, neigte wissend den Kopf. »Hast du Lust auf einen Kaffee? Du siehst ein bisschen spitz aus.«

Perdita fühlte sich tatsächlich ein wenig schwach auf den Beinen. »Ja, bitte. Schwarz mit besonders viel Zucker.«

»Lass uns rüber ins Büro gehen, damit wir in Frieden reden können. Der Schwerarbeiter da geht mir heute Morgen auf die Nerven.« Der Schwerarbeiter mit dem Gemüsehobel, der mit einem Weißkohl kämpfte, wählte ausgerechnet diesen Augenblick, um einen Schmerzensschrei auszustoßen, als wollte er Ronnies Worte unterstreichen.

»Also?«, fragte Perdita, sobald die Tür hinter ihnen zufiel.

»Oh, setz dich nicht auf diesen Hocker, Schätzchen, der wackelt«, meinte Ronnie und nahm selbst auf dem Drehstuhl hinterm Schreibtisch Platz. Er war sichtlich nicht in Stimmung, sich hetzen zu lassen.

»Nein, nein, ich komme prima zurecht. Jetzt erzähl schon …«

»Moment mal. Ich schiebe eine Zigarettenpackung drunter. Keine Ahnung, was dieser Stuhl hier eigentlich zu suchen hat. Man sollte meinen, die würden mir ein anständiges Büro geben. Dieser Betrieb hier wäre nichts ohne mich.«

»Oh, Ronnie! Spann mich nicht so auf die Folter! Warum musst du dich immer so aufführen, wenn du mir etwas Spannendes zu erzählen hast?«

»Bring die Leute zum Lachen, bring sie zum Weinen und bring sie zum Warten, wie man so schön sagt.«

»Ronnie!«

»Okay, okay. Also, die Geschichte ist die: Mr Grantly war in Frankreich - du weißt doch, dass er da ein Haus hat?«

»Ja!«

»Oh, schon gut«, erwiderte Ronnie verschnupft. »Ich wollte dir nur die nötigen Hintergrundinformationen geben. Wie auch immer, er war gerade da, und er hat diesen neuen jungen Chefkoch kennen gelernt …«

»So jung ist er nun auch wieder nicht, oder?« Lucas musste inzwischen fünfunddreißig sein. Für einen Chefkoch war das schon uralt.

»Jedenfalls jünger als Enzo. Und Mr Grantly fand, er sei genau der Richtige, um Grantly House einen Michelin-Stern zu verschaffen. Also hat er Enzo ausgezahlt und diesen Typen herkommen lassen.«

»Aber das ist ja schrecklich! Enzo einfach rauszuwerfen, damit … dieser neue Chefkoch … angerauscht kommen und seine Küche übernehmen kann! Wir sollten Mr Grantly bestreiken! Sein Hotel boykottieren! Die Presse hinzuziehen!« Perdita war ebenso empört wie verwundert. Lucas war nach dem Tempo des Lebens in der City süchtig gewesen. Was hatte ihn zu einem derart drastischen Berufswechsel bewogen?

»Ich glaube nicht, dass du es dir leisten kannst, Mr Grantly gegen dich aufzubringen, Kindchen, er ist schließlich einer deiner Hauptkunden«, bemerkte Ronnie. »Und nach allem, was man so hört, ist Enzo ganz glücklich mit der Entwicklung der Dinge. Er war nie so recht aus dem Holz geschnitzt, aus dem man hochkarätige Chefköche macht. Auf sein Konto gehen ein paar ziemlich furchtbare Schnitzer.«

Da Perdita selbst diejenige war, die Ronnie von einigen besonders ergötzlichen Katastrophen Enzos erzählt hatte, konnte sie es schlecht leugnen. Sie errötete allerdings, weil sie das Gefühl hatte, Enzo irgendwie verraten zu haben.

»Du brauchst deswegen gar nicht so ein Gesicht zu machen«, fuhr Ronnie fort. »Enzo ist überglücklich.«

»Wirklich? Woher weißt du das?«

»Er hat mich angerufen, bevor er gegangen ist. Er meinte, er hätte einen sehr guten Schnitt bei der Sache gemacht. Außerdem redet er schon seit Jahren davon, dass er nach Italien zurückkehren will. Das weißt du. Er ist schließlich nicht mehr der Jüngste.«

Perdita wusste es tatsächlich, bezweifelte aber, dass irgendjemand allzu begeistert darüber sein konnte, in einem solchen Tempo vor die Tür gesetzt zu werden.

»Er hat noch gesagt, dass wir ihn alle in Italien besuchen müssen. Er will ein eigenes Lokal eröffnen.«

Perdita nahm einen Schluck von ihrem kaum verflüssigten Zucker. »Also dann mal los. Wie ist denn der Neue so?«

»Hm, du hast ihn gesehen, also erzähle du es mir. Aber nach allem, was man so hört, soll er zum Anbeißen sein. So ein dunkler Typ, ein schwelender Vulkan.« Ronnie warf Perdita einen Seitenblick zu. »Dein Typ ist er also nicht?«

»Ah, nein. Genau genommen kennen wir uns sogar. Sozusagen. Das war vor Jahren, in einem früheren Leben. Er war damals Börsenmakler.« Besser, sie sagte Ronnie selbst, was sie ihn wissen lassen wollte. Ansonsten konnte sie nur hoffen, dass sein sechster Sinn für alte Skandale ihn diesmal im Stich lassen würde. Ronnie konnte selbst die unschuldigste Begegnung zu etwas machen, das in jedem Schundblatt einen Platz gefunden hätte; nicht auszudenken, was er daraus machen würde, wenn er erfuhr, dass sie damals mehr oder weniger durchgebrannt war.

»Und ihr habt euch nicht verstanden?«

»Nein. Er war ein Schwein. Ah … hat Enzo was über seine Frau erzählt?«

»Wessen Frau? Enzos?«

»Nein! Die von Lucas Gillespie. Als ich ihn kannte, war er verheiratet.« Das immerhin war die Wahrheit.

»Oh? Nun, Enzo hat nicht erwähnt, ob dieser Lucas verheiratet ist oder nicht. Anscheinend wohnt er bei Mr Grantly, bis seine Personalwohnung fertig ist, aber von einer Ehefrau habe ich nichts läuten hören. Wie war sie denn?«

Perdita zögerte nur eine Millisekunde, bevor sie auf die Rolle der Gattin verzichtete und diese Position stattdessen mit der Frau besetzte, um derentwillen sie verlassen worden war. »Hm, ich kannte sie nicht besonders gut.« Perdita hatte die andere Frau im Leben ihres Mannes nur ein einziges Mal gesehen. »Aber sie war älter als ich.« Das war der Gipfel der Kränkung gewesen - Lucas hatte sie allein mit ihrem Spielzeug spielen lassen, während er selbst mit den Erwachsenen auf und davon spaziert war. »Und sehr kultiviert. Dunkelhaarig. Ungeheuer gepflegt.«

»Und sie hast du auch nicht gemocht?«

»Ich kannte sie nicht! Aber sie gab mir das Gefühl, sehr jung und naiv zu sein. Was ich damals ja auch war.«

»Und jetzt bist du wohl eine Dame von Welt, hm?« Er klang skeptisch.

»Naiv bin ich jedenfalls nicht mehr!«

»Doch, bist du wohl. Aber zerbrich dir deswegen nicht den Kopf, es ist ein Teil deines Charmes. Erzähl mir lieber, wie du den verruchten Mr Gillespie kennen gelernt hast?«

»Oh, bei einer Party.« Ronnie schien es ein wenig genauer wissen zu wollen. »Ich hatte gerade erst die Schule hinter mir. Im Grunde kannte ich ihn überhaupt nicht.« Auch das entsprach der Wahrheit. Sie hatten sich kennen gelernt und binnen drei Monaten geheiratet. »Aber diejenige, um die ich mir Sorgen mache, ist Janey. Er wird sie schikanieren, bis sie nur noch ein Nervenbündel ist!«

»Wenn du Lucas Gillespie nicht so gut gekannt hast, woher willst du das dann wissen?«

»Ich kenne Janey. Sie ist jung und unschuldig …«

»Und hübsch. Erinnert dich das an jemanden?«

»Hör auf, mich auf den Arm zu nehmen, Ronnie. Die Sache ist ernst. Wir müssen sie da rausholen! Du hättest nicht zufällig einen Job für sie, hm?«

»Perdita, Schätzchen, ich hoffe, es macht dir nichts aus, wenn ich persönlich werde …«

»Du wirst sowieso kein Blatt vor den Mund nehmen, egal, was ich sage.«

»Aber meinst du nicht, du verbringst zu viel Zeit damit, dir über andere Leute den Kopf zu zerbrechen, und lässt dir nicht genug Zeit, an dich selbst zu denken? Du solltest dir einen netten Freund zulegen, ein bisschen Spaß haben.«

Perdita sah Ronnie an, als hätte sie diesen Rat noch nie zuvor von ihm gehört, obwohl er ihr fast bei jeder Begegnung damit kam. Aber diesmal warfen seine Worte eine wichtige Frage auf: Was würde Lucas denken, wenn er erfuhr - und das würde er unweigerlich tun -, dass sie vollkommen unbemannt war, dass sie keinen Freund hatte, geschweige denn einen Ehemann? Eingebildeter Bastard, der er war, würde er denken, dass sie ihm immer noch nachtrauerte, und wenn diese bemalte Porzellanpuppe, um derentwillen er sie verlassen hatte, immer noch um ihn herumscharwenzelte, nun, dann verlangte ihr Stolz einfach, dass sie selbst jemand Sensationelles am Arm hängen hatte - wenn auch nur für besondere Anlässe.

Ronnie, überrascht, dass Perditas gewohnte Proteste ausblieben, hakte sofort nach. »Du bist wirklich ein entzückendes Mädchen, wenn du nur ein klein wenig mehr auf dein Äußeres achten würdest. Ich meine, sieh dir doch mal deine Kleider an.«

Ausnahmsweise einmal tat Perdita wie geheißen. Der uralte Pullover aus Shetlandwolle, der warm und bequem war und in ihren Augen auch hübsch, hatte einmal Kittys lange verstorbenem Mann gehört. Er reichte ihr fast bis zu den Knien, und der Saum hatte sich zum Teil aufgeribbelt. Im Arm war ein Loch, und auf der einen Seite hatte sich das Ärmelbündchen fast vollständig abgelöst. Auf der Innenseite ihres Beins verlief von ihren Gummistiefeln aus eine Schmutzspur nach oben bis übers Knie.

»Und dein Haar …« Ronnie, der bemerkte, dass seine Worte ausnahmsweise einmal auf fruchtbaren Boden fielen, ließ nicht mehr locker. »Ein ordentlicher Schnitt und ein paar Strähnchen würden einen Riesenunterschied machen - du könntest dich von diesem Straßenköterblond verabschieden und mehr ins Dunkelgoldene gehen. Warum kommst du nicht mal zu einer Generalüberholung zu uns? Du würdest auch Personalrabatt bekommen. Die Mädchen wären bestimmt begeistert, dich mal in die Finger zu bekommen.«

Perdita schauderte. »Wenn du vielleicht noch einen wunderbaren Mann in petto hättest, für den sich das Ganze lohnen würde, denke ich vielleicht mal drüber nach.«

Ronnie hatte lange versucht, Perdita dazu zu überreden, mehr aus sich zu machen, und jetzt unternahm er noch einen weiteren Anlauf. »Du wirst keinen Mann finden, solange du wie Aschenputtel aussiehst. Aber nein«, fuhr er besiegt fort, »ich fürchte, ich habe für dich kein Ass im Ärmel. Mir laufen nur selten ledige junge Männer über den Weg, was wirklich ein Jammer ist. Und unter unseren Kunden zu suchen, hat wenig Zweck. Wie du weißt, haben wir hier überwiegend Frauen, und darunter sind so viele Singles, dass hier jeder Mann zu einer leichten Beute wird.«

»Aber es sind doch auch Prominente unter euren Kunden, ich meine, männliche.«

»Ab und zu mal, aber …«

»Ich sag dir was, Ronnie. Wenn du mir Bescheid gibst, falls hier jemand auftaucht, der nett ist, männlich und nicht schwul, unterwerfe ich mich jeder Folter, von der du glaubst, dass sie meiner Verschönerung dienen könnte.«

»Perdita, Schätzchen«, gab Ronnie scharf zurück, »dieser plötzliche Meinungsumschwung hängt doch nicht etwa mit dem neuen Chefkoch im Grantly House zusammen, oder?«

»Gütiger Himmel, nein!« Perdita versuchte verzweifelt, sich einen Grund für diese Kehrtwendung um hundertachtzig Grad auszudenken. »Es ist bloß so, dass ich stark auf die dreißig zugehe …«

Ronnie, der ein gutes Gedächtnis für Geburtstage hatte, runzelte die Stirn. »Nicht vor nächstem Jahr, oder?«

»Na ja, aber ich werde doch auch bis nächstes Jahr brauchen, um mich auf Vordermann zu bringen.«

»Stimmt«, pflichtete er ihr schonungslos bei. »Also, wenn du so verzweifelt bist, könntest du vielleicht eine Annonce aufgeben.«

»Nein, könnte ich nicht!« Man stelle sich nur vor, dass Lucas ihre Anzeige in der Lokalzeitung lesen würde! Genauso gut könnte sie sich ein blutendes Herz auf ihren Ärmel applizieren und sich alle weitere Mühe sparen.

Ronnie sah sie gekränkt an. »Warum nicht? Das läuft alles ganz diskret, du bekommst eine Chiffre-Nummer. Es gibt alle möglichen Vorkehrungen, die dich vor Perversen schützen. Ich habe selbst ein paar reizende Männer durch Annoncen kennen gelernt.«

Perdita biss sich auf die Unterlippe und seufzte kläglich. »Ich fürchte, dafür bin ich einfach zu feige. Es muss doch eine weniger unheimliche Möglichkeit geben, einen Mann zu finden.«

»Perdita, bist du dir ganz sicher, dass dieser plötzliche Gesinnungswandel nichts mit dem neuen Chefkoch zu tun hat?«

Perdita spürte, dass sie errötete, und wusste, dass es Ronnie mit Sicherheit ebenfalls aufgefallen sein musste. »Nur indirekt. Das unerwartete Wiedersehen mit ihm hat mich gezwungen, zurückzublicken und mir vor Augen zu führen, wie ich bei unserer letzten Begegnung gewesen bin.« Ein Wrack, aber es war nicht nötig, Ronnie das auf die Nase zu binden. »Ich habe seither eine Menge erreicht. Ich bin unabhängig, ich habe mein eigenes Geschäft auf die Beine gestellt, nur einen Partner habe ich immer noch nicht. Meine Frisur ähnelt nach wie vor einem Wischmopp. Ich habe so viel Zeit und Energie darauf verwandt, meine Gärtnerei in Schwung zu bringen, dass ich seit Jahren kein Rendezvous mehr hatte. Es macht mir nichts aus, mein Leben als alte Jungfer zu beschließen, aber ich möchte es freiwillig tun und nicht, weil ich nie die Gelegenheit hatte zu heiraten.«

Diese doch ziemlich erwachsen klingende Erklärung schien den adleräugigen Ronnie zufrieden zu stellen. »Du hast deshalb keine Gelegenheit zum Heiraten, weil du deine ganze Freizeit für Mrs Anson opferst. Wie geht es ihr übrigens?«

»Kitty? Oh, prima. Sie erledigt immer noch den ganzen Tag Gartenarbeit, obwohl ich ihr eine Million Mal gesagt habe, ich würde alles erledigen, was anfällt.«

»Ich glaube nicht, dass sie es gutheißen würde, wenn du per Annonce nach einem Mann suchst.«

Perdita runzelte die Stirn. »Ehrlich gesagt, weiß ich nicht, was sie davon halten würde; sie ist absolut unberechenbar. Sie würde es allerdings gern sehen, wenn ich einen Freund hätte. Kitty liegt mir ständig in den Ohren, dass ich eigene Kinder haben sollte, statt meine Zeit damit zu verschwenden, sie wie ein Kind zu behandeln. Als würde ich das je wagen!«

»Sie hat Recht, weißt du das, Perdita? Diese alte Dame hat eine Menge Verstand.« Ronnie tätschelte ihr väterlich das Knie und stand auf. »So, ich muss jetzt weitermachen.«

»Ich auch. Danke für den Kaffee und das Plauderstündchen, Ronnie.«

»Jederzeit, Schätzchen. Und gib mir Bescheid, wenn du eine Generalüberholung wünschst. Oder auch nur ein paar Schminktipps.«

»Mach ich.« Eine Generalüberholung, so grauenhaft ihr der Gedanke war, würde wohl all die Qualen lohnen, wenn sie ihr half, einen Mann zu finden, bevor Lucas dahinter kam, dass sie noch keinen hatte.

»Und herzliche Grüße an Mrs A.«

»Natürlich. Bis dahin, Ronnie.«

»Bis dahin, Schätzchen.«

Kapitel 2

Obwohl Kitty und Perdita so dicht beieinander wohnten, dass ihre Gärten hinten aneinander grenzten, fuhr Perdita auf dem Heimweg bei Kitty vorbei, parkte ihren Lieferwagen vor dem Haus und klopfte an die Hintertür.

»Kitty? Bist du da? Ich bin es nur!« Sie erwartete eigentlich keine Antwort, und so ging sie gleich in den Garten, wo sie Kitty im Gemüsebeet fand, damit beschäftigt, Bohnenstangen auszuziehen.

»Hallo, Liebes, wie geht es dir?« Die ältere Dame nahm die Pfeife aus dem Mund und küsste Perdita liebevoll auf die Wange. »Hier, nimm die da und sieh dir meinen Majoran an. Ich glaube, er wird jetzt endlich doch blühen. Ich habe ihn schon seit Jahren.«

Perdita nahm die Bohnenstangen und folgte ihrer Freundin ins Gebüsch. Dort angekommen, musterten sie zusammen die gerade aufkeimende Blüte. »Du bist wirklich geduldig. Ich hätte schon längst die Nase voll und das Ding rausgeworfen, wenn es bis jetzt immer noch nicht geblüht hätte.«

»Bis du so alt bist wie ich, wirst du auch Geduld gelernt haben, Liebes, und er riecht himmlisch.« Kitty streifte die Chirurgenhandschuhe ab, die sie bei der Gartenarbeit trug, und stöberte in einer der vielen Taschen ihrer Weste nach ihrem Tabak. Die Weste war die äußerste der vielen Kleiderschichten, die sie trug, und da sie Kleidungsstücke mit Taschen bevorzugte, nahm ihre Suche einige Zeit in Anspruch. Zu guter Letzt fand sie den Plastikbeutel in der Tasche ihrer Armeehose und förderte zugleich eine Postkarte zu Tage, die sie Perdita reichte. Dann legte sie ihren Zopf, der verrutscht war, wieder um den Kopf und befestigte ihn mit einer Haarnadel, die sie aus einer anderen Tasche angelte. Sie zeigte auf die Postkarte.

»Die ist von deinem Vater. Wohin die Leute heutzutage so reisen! Ich schätze, auf dich wartet zu Hause auch eine Karte.«

Perdita warf einen Blick auf das Bild, das einen Wasserfall in den Anden zeigte. »Kitty, was hat der Arzt gesagt?«

Kitty öffnete den Beutel und fischte einen Stopfer heraus. Sie klopfte die Pfeife am Zaun aus und machte sich dann daran, den Kopf auszukratzen. »Oh, das Übliche. Es war nur eine Routineuntersuchung. Ich bin kerngesund.«

»Hat er gesagt, dass du das Pfeifenrauchen aufgeben sollst?«

»Nein, hat er nicht«, erwiderte Kitty entschieden.« Er meinte, in meinem Alter hätte es keinen Sinn, meine kleinen Vergnügungen aufzugeben.«

»Selbst wenn es sich dabei um starken Pfeifentabak und Malzwhisky handelt?«

»Heutzutage zählt die Lebensqualität. Langlebigkeit ist aus der Mode gekommen.« Sie zupfte etwas Tabak aus dem Beutel und stopfte damit ihre Pfeife.

Perdita lachte. »Ein Jammer, dass man das noch nicht wusste, als du fünfundachtzig wurdest!«

Kitty kicherte. »Man hätte mich hygienisch euthanisieren und mit einem Pappkartonsarg entsorgen können.« Kitty hatte ihre Pfeife gestopft und verstaute sie in einer anderen Tasche, wo sie bleiben würde, bis ihre Besitzerin sie später wieder vorkramen würde. »Jetzt komm mit ins Haus und lass mich dir etwas zu essen geben. Ich weiß ja, dass du nichts isst, wenn ich es dir nicht zubereite.«

»Unsinn! Du bist diejenige, die draußen im Garten bleibt, bis es dunkel ist, und die dann zu müde ist, um zu kochen!«

»Wenigstens bin ich nicht der Meinung, dass ein paar Chemikalien in einem Plastikblumentopf eine ordentliche Mahlzeit darstellen«, gab Kitty zurück.

Eines Abends hatte Kitty gegen zehn Uhr mit einem befreundeten Herrn auf dem Rückweg von ihrem Philosophiekurs bei Perdita hereingeschaut. Kitty war entsetzt gewesen, dass Perdita zu so später Stunde noch aß und noch dazu etwas derart Ungesundes.

»Ich esse nicht oft Fertignudeln.«

»Wenn man bedenkt, dass du biologisches Gemüse anbaust, weil du Chemikalien für ungesund hältst, solltest du sie überhaupt nie essen.«

»Ich bin nicht ganz biologisch, wie du weißt. Nur fast«, räumte Perdita ein.

»Versuch nicht, das Thema zu wechseln, und komm zum Mittagessen. Ich wette, du hast nicht gefrühstückt.«

Perdita und Kitty warfen einander ständig vor, nicht ordentlich zu essen, stritten aber ab, dass sie sich dieses Vergehens beide in gleicher Weise schuldig machten. Kitty behauptete, sie brauche in ihrem Alter nicht mehr viel zu essen, und Perdita meinte, sie sei jung und arm und könne es sich nicht leisten, aus ihren Jeans rauszuwachsen. Einmal hatten sie einander zu Weihnachten zufällig gegenseitig einen Mikrowellenherd geschenkt. Perdita taute in ihrem Tiefkühlpizzen auf, und Kitty benutzte ihr Gerät, um Erde zu sterilisieren.

Diesmal verlor Perdita den Wettstreit, wer das Essen zubereiten solle, weil sie so lange brauchte, um ihre Hände sauber zu bekommen. Im Gegensatz zu Kitty konnte sie im Garten nicht mit Handschuhen arbeiten. Sie setzte sich an den großen Mahagonitisch und blätterte die Wurfsendungen durch, die mit der Post gekommen waren. Gleichzeitig staunte sie insgeheim, wie fit ihre alte Freundin wirkte. Kitty war siebenundachtzig und agiler als viele Leute, die nur halb so alt waren. Sie war von allen Menschen auf der Welt derjenige, den Perdita am liebsten mochte.

Perditas Eltern lebten im Ausland, da sie beide im diplomatischen Dienst waren. Perdita hatte ihre Internatsferien bei Kitty verbracht, der Patentante ihrer Mutter, die für Perdita selbst noch viel mehr gewesen war als das. Sie erinnerte sich lebhaft an ihre erste Begegnung mit Kitty. Man hatte sie in einen Zug gesetzt, damit sie die Osterferien bei ihr verbrachte, und Perdita hatte schreckliche Ängste ausgestanden. Zunächst einmal hatte sie keine Ahnung gehabt, wie sie die Frau anreden sollte, von der ihre Mutter als »Tante Kitty« zu sprechen pflegte, denn niemand war auf den Gedanken gekommen, ihr Kittys Familiennamen mitzuteilen. Fast den ganzen ersten Tag gelang es ihr, jede Anrede zu vermeiden.

Sie wurde in ihr Zimmer geführt, ein großes Schlafzimmer im ersten Stock mit Fenstern an zwei Seiten.

»Das wird von jetzt an dein Zimmer sein, Kind«, hatte Kitty gesagt. »Meine anderen Gäste können den Dachboden nehmen. Wenn du während der Ferien bei mir wohnst, brauchst du einen Raum, der grundsätzlich dir gehört. Ich kann mir nicht vorstellen, dass es dir viel Spaß machen wird, bei einer alten Dame wie mir zu wohnen, aber deine Mutter meinte, es wäre niemand sonst da, dem sie dich anvertrauen würde.«

Später fand Perdita heraus, dass Kitty eine ganze Menge einzuwenden hatte gegen Internate und gegen Eltern, die ihre Karriere über ihre Familien stellten, aber am Anfang hatte sie sich jeglichen Kommentars enthalten.

Obwohl sie keine eigenen Kinder hatte, wusste Kitty instinktiv, wie sie Perdita das Gefühl vermitteln konnte, bei ihr zu Hause zu sein. Wahrscheinlich eher, so überlegte Perdita, weil sie keine Kinder hatte. Sie behandelte Perdita einfach wie eine Erwachsene, die ein wenig verhätschelt werden musste. Die Frage der Anrede wurde sehr schnell geklärt, als sie einander Gute Nacht wünschten. Perdita fing mit dem »Tante« an, und Kitty brachte sie sofort zum Schweigen. »Nenn mich Kitty, Liebes. Alle meine Freunde tun das, und ich glaube, wir werden sehr gute Freunde werden.«

Seit jener ersten Begegnung waren viele Jahre verstrichen, und die Liebe zwischen ihnen war gewachsen und gediehen. Nach dem Scheitern von Perditas Ehe hatte ihr erster Instinkt sie zu Kitty geführt, die nicht lamentiert hatte: »Ich hab es dir ja gesagt«, obwohl sie Perdita davor gewarnt hatte, einen Mann zu heiraten, den sie erst so kurze Zeit kannte. Sie hatte lediglich verkündet: »Männer sind Mistkerle!«, und ihr einen ordentlichen Drink in die Hand gedrückt.

Jetzt hatte sich das Gleichgewicht ein wenig verlagert, und sie sorgten beide füreinander.

»Also, was gibt es Neues in der Welt?«, fragte Kitty, als sie zwei Schüsseln mit Tomatensuppe aus der Dose und einen Teller mit Brot und Butter auf den Tisch gestellt hatte. »Du kannst es mir erzählen, während ich uns Sherry nachschenke. Du kannst ja zu Fuß nach Hause gehen, wenn du dir wegen ›Alkohol am Steuer‹ Gedanken machst.« Sie wählte diese Worte mit dem ganzen Spott eines Menschen, der keinen Führerschein besaß, aber dem Alkohol recht stark zusprach, ganz so, als wäre »Alkohol am Steuer« eine Erfindung der Presse.

Perdita schüttelte den Kopf. »Nein, ich muss den Wagen nach Hause bringen. Er macht wieder mal Mätzchen.«

»Schon wieder? Warum erlaubst du mir nicht, dir einen neuen zu kaufen …«

»Das haben wir doch alles schon besprochen. Also, ich erzähle dir, was heute Morgen passiert ist.« Perdita wäre es lieber gewesen, Kitty mit der Neuigkeit zu verschonen, aber sie war keineswegs Kittys einzige Informationsquelle, sodass die ältere Dame es am Ende ohnehin erfahren würde. Und für Perdita war es besser, wenn sie sie persönlich ins Bild setzte. »Enzo arbeitet nicht mehr im Grantly House!«

»Michael Grantly wusste eine gute Sache noch nie richtig zu schätzen. Ich fand, dass Enzo ein vorzüglicher Koch war. Jedenfalls an seinen guten Tagen.«

»Genau! Und du wirst niemals erraten, wer an seine Stelle getreten ist!«

»Dann erzähl es mir einfach. Du scheinst das ja sehr aufregend zu finden.«

Perdita konzentrierte sich darauf, einen möglichst heiteren Tonfall anzuschlagen. Es war ein echter Schock für sie gewesen, Lucas an Enzos Stelle vorzufinden, aber sie wollte Kitty nicht aufregen. »Also! Es ist eine Riesenüberraschung.«

»Wirst du es mir dann endlich erzählen? Oder werde ich ins Grab gehen, ohne deine Neuigkeit erfahren zu haben?«

»Es ist Lucas! Lucas Gillespie! Mein Exmann!«

Einen Augenblick herrschte Schweigen. »Ich weiß ganz gut, wer Lucas Gillespie ist, Liebes. Aber er ist kein Koch, er ist Börsenmakler.«

»Jetzt ist er Chefkoch. Anscheinend. Ronnie hat mir erzählt, dass Michael Grantly ihn in Frankreich entdeckt und daraufhin Enzo gekündigt hat, damit Lucas Grantly House in sämtliche Gourmet-Restaurantführer katapultieren kann.«

Kitty runzelte die Stirn. »Nun, du scheinst ja sehr glücklich darüber zu sein, aber ich sehe da keinen Grund zum Jubeln.«

»Natürlich bin ich nicht direkt glücklich darüber. Aber ich stehe auch nicht unter Schock. Immerhin liegt unsere Trennung Jahre zurück, und dank deiner Hilfe bin ich jetzt eine unabhängige Frau. Nicht mehr die kleine graue Maus, die er in Tränen aufgelöst zurückgelassen hat.«

Es war Kitty gewesen, die darauf bestanden hatte, dass Perdita ihre Tränen trocknete und ihr, und sei es auch nur zur Ablenkung, im Garten half. Erst als später Perditas grüner Daumen zu Tage trat, hatte sie ihr den Vorschlag gemacht, sich zur Gärtnerin ausbilden zu lassen. Anschließend hatte Kitty Perditas Vater überredet, Perdita die fünfzehntausend Pfund zu geben, die er für ihre Hochzeit aus dem Fenster geworfen hätte, wäre es nach seiner Frau gegangen. Mit diesem Kapital hatte Perdita Bonyhayes Salads gegründet. Jetzt war es ein gut gehendes, wenn auch nicht direkt lukratives Geschäft.

»Nein. Du hast dich wunderbar geschlagen, aber ich werde einfach das Gefühl nicht los, dass es hübsch wäre, wenn du neben deinem kleinen Besitz auch noch einen Mann hättest.«

»Liebste Kitty, Frauen brauchen heutzutage keine Männer mehr.« Sie sah Kitty von der Seite an. »Du selbst bist fast vierzig Jahre ohne zurechtgekommen.«

»Stimmt«, fuhr Kitty fort, während sie einen Teller mit ziemlich stark schwitzendem Käse aus dem Kühlschrank holte. »Die Art und Weise, wie Lionel starb, hat mich für den Rest meines Lebens männerlos gemacht. Aber bei dir liegen die Dinge vollkommen anders.«

Perdita war entrüstet. »Ach ja? Warum?«

»Weil meine Ehe zwar kurz, aber doch befriedigend war. Du hast nur dieses Schwein gekannt. Du solltest der Sache noch mal eine Chance geben. Und er soll doch wohl nicht glauben, du hättest ihm all diese Jahre nachgeweint, hm?«

Perdita zog einen Katalog aus dem kleinen Stapel auf dem riesigen Mahagonitisch, dem Dreh- und Angelpunkt von Kittys Leben. Das Manöver diente zumindest teilweise dazu, Kittys direktem Blick auszuweichen. »Meinst du wirklich, dass er das denken würde? Er muss schließlich wissen, dass der Aufbau eines Geschäftes eine Menge Arbeit erfordert. Ich hatte einfach nicht die Zeit für ein Privatleben als solches. Diese Kleider sind übrigens hübsch. Hast du was bestellt?«

Kitty ging nicht auf den Themenwechsel ein. »Er wird denken, du hättest ihm nachgeweint, weil er arrogant ist. Du brauchst einen Mann, um ihn von dieser Fährte abzubringen. Schließlich möchtest du doch nicht, dass er glaubt, er könne da weitermachen, wo er aufgehört hat.«

Perdita schüttelte den Kopf. »Ich glaube nicht, dass er auch nur im Traum auf diese Idee käme. Er hat mich verlassen, weil er mich leid war. Aber du hast Recht, ich möchte nicht, dass er glaubt, ich trauere ihm nach. Ich sehe besser zu, dass ich einen Mann finde. Das Problem ist, es gibt keine Männer, jedenfalls nicht hier in der Gegend.«

Kitty schnitt die Rinde von einem Stück Käse ab. »Was meinst du, hat Universal Aunts eine Abteilung für präsentable Männer?«

»Das ist doch eine Begleitagentur? Nach der Doku-Soap zu urteilen, die ich mir neulich abends angesehen habe, will ich mit so etwas nichts zu tun haben. Falls du nicht irgendeinen Gardisten aus dem Ärmel ziehen kannst, habe ich nicht viele Alternativen.«

Kitty kicherte. »Alle Soldaten, die ich kenne, wären mittlerweile über neunzig.«

Perdita gab augenzwinkernd zurück. »Nun, du weißt ja, was die Leute sagen: ›Besser eines alten Mannes Schatz als eines jungen Mannes Sklavin.‹ Schließlich will ich keine Beziehung, sondern nur jemanden, der Lucas von dem Gedanken abbringt, ich säße traurig zu Hause.«

»Aber warum willst du keine Beziehung? Du solltest eine haben! Du solltest mittlerweile Kinder haben.«

»Ich habe schon meine Gärtnerei, ich brauche keine Kinder …«

Kitty runzelte die Stirn. »Also wirklich, Liebes. Du brauchst jemanden. Ich werde nicht ewig hier sein.«

»Doch, wirst du. Also, möchtest du jetzt noch einen Sherry? Oder soll ich abwaschen? Oh!« Ihr Blick fiel auf »Derek, Tierarzt«, der in dem Katalog Segelhosen vorführte. »Der ist nett. Meinst du, man kann auch die Männer kaufen, oder gibt es da nur die Kleider?«

Als Perdita das nächste Mal eine Lieferung nach Grantly House brachte, war sie vorbereitet. Sie hatte sich nicht direkt geschminkt oder ihre besten Sachen angezogen, aber sie hatte dafür gesorgt, dass ihr Haar sauber war und ihre Jeans frisch gewaschen und nicht allzu offensichtlich reparaturbedürftig. Lucas hatte viel mehr bestellt, als sie bisher dorthin zu liefern pflegte, und das gefiel ihr.

Sie stapelte die Plastikkisten und trug sie vorsichtig in die Küche. Diesmal rechnete sie mit einem kühlen Empfang, und so war es eine Erleichterung, auf so viel Betriebsamkeit in der Küche zu stoßen, dass niemand ihre Ankunft überhaupt bemerkte. Mehrere Personen hatten sich um Lucas geschart, der vor sich hin wütete und entnervt die Hände hochwarf.

»Das hier ist eine professionelle Küche. Mir leuchtet nicht ein, warum sie nicht benutzt werden darf!«

»Aber wir machen unsere Sendung nicht für Profis«, erklärte ein junger Mann mit kultiviertem Akzent, dünnen Haaren und ängstlichem Gesichtsausdruck. »Es geht um Unterhaltung.« Er klang müde.

Bei dem Wort »Unterhaltung« verfinsterte sich Lucas' düstere Miene noch mehr. »Aber ich dachte, der Drehort sei schon vor Monaten abgesegnet worden! Noch bevor man überhaupt an mich herantrat!«

»So war es auch.« Der müde junge Mann schien genauso frustriert zu sein wie Lucas. »Aber nicht von mir. Er ist einfach nicht interessant genug.«

Lucas öffnete den Mund, um seinen Besucher anzuschreien, besann sich dann aber eines Besseren. Perdita beschloss, sich rasch bemerkbar zu machen.

»Hallo allerseits!«, rief sie über die oberste ihrer Kisten hinweg. »Ich bringe das Gemüse.« Aller Augen richteten sich auf sie. »Ich stelle es einfach in den Kühlraum, ja? Du hast ja offensichtlich zu tun.« Niemand bewegte sich oder sprach, daher schlängelte sie sich zwischen den übrigen Anwesenden hindurch, bis sie vor dem Kühlraum stand. »Es könnte mir wohl nicht jemand die Tür öffnen, nein?« Sie lächelte, um zu zeigen, dass sie sich der Störung, die sie verursachte, durchaus bewusst war und dass sie sich so schnell wie möglich entfernen wollte.

Der Mann, der mit Lucas gesprochen hatte, reagierte sofort und öffnete ihr die Tür. »Barockengel in Jeans«, murmelte er, während sie hindurchging. »Und seht euch mal dieses Gemüse an!«

»Wer ist dieses entzückende Geschöpf?«, erklang eine andere Stimme, sodass Perdita im nächsten Augenblick höchst dankbar für die Kälte im Kühlraum war.

»Das ist Perdita von Bonyhayes Salads«, hörte sie Lucas antworten.

»Ich finde, wir sollten sie unbedingt mit reinnehmen. Das wäre ein wunderbarer Kontrast zu Lucas. Ihr wisst schon, so was wie Engel und Teufel.«