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Anke Bergmann

Enneleyn und der Nordmann

Historischer Liebesroman





BookRix GmbH & Co. KG
80331 München

Zitat

 

 

 

 

 

Seelen begegnen

einander

niemals zufällig.

 

 

Unbekannt

Prolog

Die Edda ist seit jeher ein Lehrbuch für Skalden über die skandinavischen Götter- und Heldensagen. In ihr wird neben all den nordischen Gottheiten auch über die Weltenesche Yggdrasil geschrieben, die an der Schicksalsquelle in Åsgard – der Urdquelle – wächst. Und auch über die weiblichen Nornen Urd, Verdandi und Skuld, die an einer der drei Wurzeln von Yggdrasil leben und dort der Menschen Schicksalsfäden spinnen.

Für die junge Enneleyn Eriksdotter sponnen die Nornen ein ungewöhnliches Schicksal.

1

 

Wohlbehütet wuchs Enneleyn unter drei Brüdern bei ihren Eltern auf. Ihr Vater Erik war ein tüchtiger Kaufmann und verstand es, mit anderen Stämmen zu handeln, weshalb er neben dem Hersen Magnus in Torredal als angesehener, reicher Mann galt. Ihre Mutter Vigdis war eine kräuterkundige Frau, was sie zur Heilerin ihres Dorfes machte. Enneleyns Brüder Yngvar, Ulfrik und Folkmar wurden, sobald sie das Mannesalter erreicht hatten, zu Kriegern des Hersen und fuhren schon bald mit den Drachenbooten aus dem heimatlichen Fjord hinaus, um – oft gemeinsam mit ihrem Vater – im Auftrag des Hersen Handel zu treiben.

Ihre Mutter unterwies Enneleyn seit jeher in der Kräuterkunde und so begleitete sie diese oft zu den Erkrankten oder schwangeren Frauen ihres Stammes.

Als Enneleyn ins heiratsfähige Alter kam, begannen die Krieger des Hersen, um ihre Gunst zu werben. Doch zu Enneleyns Glück wollte ihr Vater Erik sie nicht irgendeinem Mann zur Frau geben. Ihre Eltern selbst hatten sich zuvor kennenlernen und entscheiden können und ihr Vater Erik wollte dieses Glück auch seiner einzigen Tochter schenken. So hatte Enneleyn unter den Waffengefährten ihrer Brüder zwar viele Verehrer, die sich jedoch chancenlos Hoffnungen machten. Und so kam es, dass Enneleyn mit nicht ganz siebzehn Wintern noch immer unverheiratet war und im Hause ihrer Eltern lebte.

 

Enneleyns bislang idyllisches Leben änderte sich ganz plötzlich. Es war ein sonniger Spätsommertag, als fast alle kampftüchtigen Männer auf das Meer hinausgefahren waren – Enneleyns Brüder und ihr Vater ebenfalls – und das Dorf von einer Überzahl dänischer Wikinger überfallen wurde. Die Fremden raubten, töteten, brandschatzten und vergewaltigten. Die zurückkehrende Flotte mit ihren Brüdern und ihrem Vater wurde ebenso brutal niedergemetzelt wie die zurückgebliebenen Dorfbewohner.

Nur der Vernunft ihrer Mutter hatte Enneleyn ihr Leben zu verdanken – beide waren auf dem Rückweg vom Kräutersammeln gewesen, als das Dorf überfallen wurde. Ihre Mutter Vigdis hatte Enneleyn zurück in den Wald geschickt, während sie selbst ins Dorf schlich und sich um die Verletzten kümmern wollte.

Enneleyn hatte Stunden um Stunden in ihrem Versteck gesessen, bis in die tiefe Nacht hinein, noch bis zum nächsten Tag, und hatte wie von ihrer Mutter befohlen gewartet, bis sie keine Schreie und Rufe mehr aus der Richtung ihres Dorfes vernommen hatte.

Als sie schließlich dorthin zurückkehrte, konnte sie das, was sie sah, kaum begreifen. Menschen, die sie ihr Leben lang gekannt hatte und mit denen sie aufgewachsen war, waren tot. Sie fand ihren jüngsten Bruder Folkmar mit dem Schwert in der Hand und sie betete unter Tränen zu den Walküren, dass sie ihn und all die anderen sicher nach Walhall bringen würden.

Auf der Suche nach Überlebenden stolperte Enneleyn durch die verkohlten Ruinen ihres Dorfes. Nach einiger Zeit kamen zwei ältere Dorfbewohner zurück, die sich vor dem Übergriff noch hatten retten können. Enneleyn konnte aber nicht bei den Alten bleiben. Sie hatten selbst nicht genug zum Überleben und schickten Enneleyn – die in ihrem bisher beschützten Leben nie ihr Dorf und den Fjord verlassen hatte – in das nächste Tal, um dort bei einem anderen Stamm vielleicht Zuflucht finden zu können.

Bis zu diesem Zeitpunkt hatte die Trauer über ihren Verlust Enneleyns Innerstes noch nicht erreicht. Erst auf ihrer tagelangen Wanderschaft zerbrach ihr junges Herz an dem Schmerz, ihre Familie und ihre Freunde für immer verloren zu haben. Sie weinte und schrie die Nornen an, warum diese ihr dieses Schicksal gesponnen hatten.

Die Tage ihrer Reise vergingen, und manchmal lag sie regungslos im Gras und starrte schluchzend in den Himmel. Sie vergaß die Zeit um sich herum und verlor jedes Gefühl dafür, wie lange und wie weit sie schon gegangen war. Zu tief saß ihr schmerzender Verlust in ihrem Inneren.

 

*

 

Eines Morgens erwachte Enneleyn mit pochenden Kopfschmerzen, verwirrt und orientierungslos, vom Geschrei zweier Raben, die auf einem Felsen in ihrer Nähe saßen. Aus verweinten Augen blinzelte Enneleyn zu den beiden schwarzen Tieren hinüber.

Sind die beiden vielleicht Hugin und Munin? Sind sie hier, um mir zu helfen? Um mir den Weg zu weisen?

„Seid ihr des Göttervaters Raben?“

Die Vögel verharrten beide auf der Stelle und blickten in ihre Richtung. Durch den Tränenschleier vor Augen sah es für Enneleyn sogar so aus, als würde einer der Raben ihr zunicken.

Tief atmete sie durch, wischte sich mit dem Handrücken über die Augen. „Könnt ihr mir sagen, in welche Richtung ich gehen soll?“, wisperte sie ihnen zu. Wieder schien der Rabe zu nicken, krächzte seinem gefiederten Kameraden etwas zu und beide erhoben sich in die Lüfte. Bodennah flogen die zwei am Fluss entlang. Enneleyn erhob sich müde und folgte den beiden Raben. Als hätten diese ihre Lebensgeister wiedererweckt, spürte sie auch mit einem Mal wieder Hunger und Durst.

Seit wie vielen Tagen habe ich nicht mehr gegessen und getrunken? Wie viel Zeit ist seit dem Überfall vergangen?

Enneleyn konnte sich beim besten Willen nicht mehr erinnern.