cover
Thomas Herzberg

Alte Sünden: Wegners erste Fälle (6.Teil)

Hamburg Krimi





BookRix GmbH & Co. KG
80331 München

Titel

 

Alte Sünden

Wegners erste Fälle (6. Teil)

von Thomas Herzberg

 

Alle Rechte vorbehalten

Fassung: 1.11

 

Die Geschichte ist frei erfunden. Alle Ähnlichkeiten mit lebenden Personen und/oder realen Handlungen sind rein zufällig. Sämtliche Äußerungen, insbesondere in Teilen der wörtlichen Rede, dienen lediglich der glaubhaften und realistischen Darstellung des Geschehens. Ich verurteile jegliche Art von politischem oder sonstigem Extremismus, der Gewalt verherrlicht, zu selbiger auffordert oder auch nur dazu ermuntert!

 

Ein großes Dankeschön geht an:

Michael Lohmann (Lektorat, Korrektorat: worttaten.de)

Nicolas (für seine Hilfe bei Konzept und Entstehung)

Meine lieben Testleserinnen Birgit, Lia und Dagmar

 

Inhalt

 

März 1980: Saure-Gurken-Zeit in Sachen Mord. Während Kallsen in erster Linie Augenpflege betreibt, widmet sich Wegner alten Fällen, an denen sich schon ganz andere die Zähne ausgebissen haben. Im Zuge neuer Ermittlungen werden die Kommissare immer weiter in einen Strudel aus Lügen, Intrigen und rücksichtsloser Gewalt gezogen. Nichts ist, wie es scheint. Höchste Zeit also für außergewöhnliche Methoden. Doch jeder neue Versuch endet in der nächsten Sackgasse. Sollten die Verantwortlichen dieses Mal tatsächlich davonkommen?

 

»Alte Sünden« ist Teil 6 der Serie »Wegners erste Fälle«

(Jeder Wegner-Fall ist eine in sich abgeschlossene Geschichte. Es kann jedoch nicht schaden, auch die vorangegangenen Fälle zu kennen ...;)

 

Lektorat/Korrektorat: Michael Lohmann - worttaten.de

Wegner in chronologischer Folge

Bisher aus der Reihe Wegners erste Fälle:

Aus der Reihe Wegner & Hauser:

 Aus der Reihe Wegners schwerste Fälle:

Aus der Reihe Wegners letzte Fälle:

 Aus der Reihe Auftrag: Mord!:

Unter meinem Pseudonym "Thore Holmberg":

Weitere Titel:

 

 Noch mehr Bücher, Informationen und einen Newsletter-Service gibt es auf meiner Homepage: ThomasHerzberg.de

 

Thomas Herzberg auf facebook

1

 

»Habt ihr das gelesen? Der Strauß treibt sich schon seit ein paar Tagen in den Vereinigten Staaten rum.«

Irmgard schüttelte den Kopf, Wegner fiel mit ein. Der war ohnehin in eine alte Fallakte vertieft. Und genau der gehörte schon seit einer halben Stunde fast seine komplette Aufmerksamkeit. Aber eben nur fast!

»Unser lieber Franz Josef trifft sich da übrigens auch mit diesem Reagan.« Gerd Kallsen lachte höhnisch. »Wenn ihr mich fragt, ist der Typ nicht mehr als ein John Wayne für Arme. Aber eins sag ich euch, Kinder: Wenn die Amis ’nen Schauspieler zum Präsidenten wählen, dann gebe ich mein Parteibuch ab.«

»Seit wann gehörst du denn einer Partei an?«, erkundigte sich Irmgard in misstrauischem Ton von hinten. »Und was hast du überhaupt damit zu tun?«

Selbst Wegners Kopf wanderte ein Stück nach oben. Die sinnentleerten Vorträge seines Chefs gehörten zu seinem Büroalltag wie das Salz in die Suppe. Aber manchmal konnte es ganz interessant werden.

Kallsen störte auch das obligatorische Kopfschütteln seiner Kollegen nicht, denn er setze noch einen obendrauf: »Wahrscheinlich stapft der Kerl mit Revolvergurt und Cowboyhut ins Weiße Haus. Und die Regierungsgeschäfte werden bei Dosenbohnen am Lagerfeuer geführt.«

»Vielleicht schafft es der Reagan ja endlich, seine fünfzig Landsleute aus der iranischen Botschaft zu befreien«, gab Irmgard zu bedenken. »Das wäre doch mal was! Der Carter, bekleckert sich, was das angeht, ja nicht unbedingt mit Ruhm.«

»Es sind übrigens dreiundfünfzig!« Kallsen tippte auf seiner Zeitung herum, als wollte er sie durchbohren.

»Die sitzen aber nicht alle in der Botschaft«, hielt Irmgard zickig gegen. »Ein paar hocken nämlich auch im Außenministerium in Teheran.«

»Als würde das eine Rolle spielen.« Wegners Kopf wanderte ganz langsam nach unten. Zwei Atemzüge später war er wieder in die Fallakte vertieft.

»Was machst du da eigentlich, Manni?« Kallsen lachte und holte sich zumindest ein zaghaftes Lächeln bei Irmgard ab. »Probst du für ’ne Rolle als Bücherwurm im Luruper Laientheater?«

Wegner gab ein geräuschvolles Stöhnen von sich und warf danach die Akte auf den Schreibtisch. Seine nächsten Worte durfte man wohl als die offizielle Bankrotterklärung eines Mordermittlers ansehen: »Wir haben keinen aktuellen Fall, also macht es vielleicht Sinn, ein paar alte durchzugehen. Oder nicht?«

»Gib mal rüber!« Kallsens Finger grapschten in die Luft und gaben erst Ruhe, als eine vergilbte Akte dazwischensteckte. Der Hauptkommissar schlug die erste Seite auf und lieferte den erwarteten Kommentar: »Das Ding hatte ich doch schon fünf Mal in der Hand. Ist schließlich nicht zum ersten Mal Saure-Gurken-Zeit in Sachen Mord.«

Wegner zuckte mit den Schultern. »Und?«

Kallsens Kopf wippte hin und her. Vermutlich überlegte er, ob es überhaupt sinnvoll war, weitere wertvolle Zeit zu opfern. Das Finale seiner innerlichen Auseinandersetzung war ein seltsames Grunzen. »Na gut«, presste er schwer atmend heraus. »Ausnahmsweise ... und nur, weil du’s bist.«

Wegner reckte die Arme in die Luft und tat, als wolle er seinem Schöpfer für so viel Güte danken.

»Wenn du mich verarschen willst, darfst du gleich alleine weitermachen.«

»Kannst du nicht mal einen Tag wie ein normaler Mensch daherkommen?«, beschwerte sich Irmgard. »Mach es Manfred doch nicht immer so unnötig schwer.«

»Die Sache ist lange vor meiner Zeit passiert«, begann Kallsen nach einigem Zögern in hochwichtigem Ton. »Mitte der Fünfziger ... da waren die Kollegen Thiesen und Pfeiffer noch für Morde in Hamburg zuständig.«

»Die Namen lese ich in jeder zweiten Akte.« Wegner deutete auf einen verstaubten Aktenstapel, der sich neben seinem Schreibtisch auftürmte. »Die beiden waren anscheinend ein gutes Team und nicht wie wir ständig ...«

»Falls du Wert auf meine Meinung legst, dann halt die Klappe.« Kallsen drehte sich zu Irmgard um und fuhr unverändert grimmig fort: »Gibt’s heute eigentlich auch Kuchen oder wollt ihr euren Chef verhungern lassen?«

»Wenn du nicht aufhörst herumzupöbeln, gibt es bald gar keinen Kuchen mehr.« Trotz dieser barschen Abfuhr erhob sich die Schreibkraft widerwillig und schlurfte in Richtung Kaffeemaschine. »Außerdem ist es noch nicht mal Mittag. Und wenn du dich jetzt schon mit Kuchen vollstopfst, können wir uns wieder den ganzen Nachmittag dein Gequake anhören, weil dir das Essen in der Kantine nicht geschmeckt hat.«

»Bei dem Fall damals hat es einen gewissen Walter Krause erwischt«, fuhr Kallsen kurz darauf gelangweilt fort. Irmgard, die ihn unverändert wütend anstarrte, ignorierte er einfach. »Der Kerl hat direkt nach dem Krieg haufenweise zerbombte Häuser mit der heißen Nadel saniert. Schließlich brauchten viele Hamburger so schnell wie möglich ein vernünftiges Dach überm Kopf und trockene Füße.« Kallsens Gesicht verzog sich nacheinander in sämtliche Richtungen, was auch immer das bedeuten sollte. »Damals war übrigens noch so gut wie alles erlaubt.«

Wegner zuckte mit den Schultern. Eine häufige Reaktion, wenn sein Chef lediglich in Rätseln sprach.

»Bei einem der Häuser hat man es wohl besonders eilig gehabt. Die Bude ist, zwei Jahre nach ihrer halbherzigen Sanierung, wieder eingestürzt ... also, die obersten drei Stockwerke.«

»Sind dabei Leute zu Tode gekommen?«, fragte Irmgard, die im Begriff war, Kaffeebecher zu verteilen.

»Wenn du im Bett liegst, und über dir stürzen ein paar Stockwerke ein ...« Kallsen machte eine Pause und schaute seine Kollegen abwechselnd an. »Meinst du, das kann man überleben?«

»Höchstens die Bewohner weiter unten oder mit viel Glück«, stellte Wegner nüchtern fest. »Wie viele?«

Kallsen rieb sich mit Daumen und Mittelfinger beide Schläfen gleichzeitig. »Ich glaube, es waren insgesamt sieben. Eine komplette Familie: Vater, Mutter und zwei kleine Kinder. Ein junges Pärchen und eine alte Frau, die man erst Tage später gefunden hat, weil die ganze Bude vom Einsturz bedroht war.«

Wegner blätterte durch die Akte. »Wenn das alles mit dem Fall von damals zu tun haben könnte ... warum steht davon nichts hier drin?«

Diese letzte Frage hatte Kallsen wachgerüttelt. Der grapschte schon wieder in die Luft, bis die Akte erneut zwischen seinen Fingern steckte. »Meine kompletten Notizen fehlen«, pöbelte er im nächsten Moment.

»Heißt das, du hast ...?«

»Was soll es denn sonst heißen, du Torfkopp?« Kallsen war außer sich vor Wut. »Ich hatte das Ding schon drei Mal in der Hand und ...«

»Vorhin waren es noch fünf Mal«, sagte Irmgard, im dazu passenden Ton.

»Wisst ihr was? Ihr könnt mich mal!« Kallsen hatte die Arme vor der Brust verschränkt. Seine Miene hellte sich erst wieder ein bisschen auf, als zwei Stücke Kirschkuchen vor seiner Nase standen.

»Was ist denn mit diesem Krause seinerzeit passiert?«, fragte Irmgard unerwartet freundlich. »Ist der etwa auch in seinem maroden Haus umgekommen?«

Kallsen schüttelte nur den Kopf.

Also war es Wegners Aufgabe, weitere Informationen zu liefern, die er aus der halbherzig gepflegten Akte kannte und sie mittlerweile auswendig herunterleiern konnte. »Damals ist jemand in Krauses nagelneue Villa in Volksdorf eingebrochen und hat ihn wohl erschlagen.« Wegner hielt zwei vergilbte Schwarz-Weiß-Fotos empor. Darauf war zwar kein Toter zu erkennen, aber dafür jede Menge Blut.

»Von Krauses Leiche fehlt bis heute jede Spur«, gab Kallsen mit geheimnisvoller Stimme zu bedenken. »Man hat ihn irgendwann für tot erklärt. Da hatten deine tollen Freunde Thiesen und Pfeiffer den Fall schon seit Jahren zu den Akten gelegt.«

»Verstehe ich gar nicht«, sagte Wegner. »Sieben Leichen – für mich klingt das nach sieben guten Mordmotiven. Schließlich war der Krause wohl für den Einsturz verantwortlich.«

»Wenn es überhaupt Mord war!« Kallsen hatte sogar den Zeigefinger erhoben. »Es gab damals zwar etliche Zeugen und genauso viele Verdächtige ...« Der Hauptkommissar machte eine Pause, um sich ein halbes Kuchenstück in den Mund zu stopfen. »… nur rausgekommen ist dabei nichts.«

»Was hat er gesagt?«, fragte Irmie kopfschüttelnd.

Wegner winkte ab. »Ganz egal, ob es drei oder fünf Mal waren ... hast du nach deinen letzten Arbeiten an der Akte irgendwas unternommen?«

Kallsen musste runterschlucken, bevor er zu einer Antwort imstande war. Rückblickend betrachtet, hätten seine Kollegen wohl lieber darauf verzichtet. »Genauer erinnere ich mich nur noch ans letzte Mal ...«

»Und?« Wegner zuckte erwartungsvoll mit den Schultern. Sein Chef war ein miesepetriger Querulant, aber manchmal lieferte er auch bemerkenswerte Geistesblitze.

»War’n Freitag – also bin ich vermutlich nach Hause, hab die Füße hochgelegt und das Wochenende genossen.«

»Und so werden hier seit Jahrzehnten Mordfälle gelöst«, stöhnte Irmgard. Sie sank in ihren Stuhl zurück. »Da wundert mich gar nichts mehr.«

Wegner warf einen Blick in Kallsens Richtung, wobei der noch ganz friedlich aussah. Also versuchte er es mit einem spontanen Vorschlag: »Was hältst du davon, wenn wir uns mal vor Ort ein bisschen umschauen?«

»Was heißt denn hier, vor Ort? Was meinst du?«

»Rund um dieses Haus, das damals eingestürzt ist.« Wegner lächelte geheimnisvoll. »Auch wenn es längst wieder aufgebaut ist ... wir sind uns doch hoffentlich einig darüber, dass – falls der Krause umgebracht wurde – es deshalb passiert ist.«

»Weshalb?«

»Na ... weil er mit seinem Pfusch für sieben Leichen gesorgt hat.« Wegners Grinsen reichte von einem Ohr bis zum anderen. »Wird vielleicht Zeit, dass wir uns der Sache mal richtig annehmen.«

»Sag mal, haste sie noch alle? Was wollen wir denn heute noch da? Vielleicht nach Fingerabdrücken suchen … fünfundzwanzig Jahre später?«

Wegner überlegte einen kurzen Moment. »Auf dem Weg in die Hafenstraße könnten wir bei Rudi anhalten.«

»Ich nehme zwei Halbe mit Bismarckhering«, meldete sich Irmgard energisch zu Wort. »Und seht zu, dass er sie dieses Mal vernünftig einwickelt.«

Kallsen nickte gedankenversunken. »Dann könnten wir auch gleich Rex beim Tierarzt abholen.«

»Du meinst, auf dem Rückweg?«

»Auf dem Hinweg, du ...«

»Kalle!« Irmgard hatte es dieses Mal tatsächlich geschafft, weitere Beschimpfungen zu verhindern. Trotzdem stand eine wichtige Frage im Raum. »Was macht Rex denn schon wieder beim Tierarzt?«

»Krallen schneiden«, erwiderte Kallsen mit gequälter Stimme. »Der arme Kerl läuft seit Wochen wie auf rohen Eiern.«

»Und warum bleibst du nicht einfach bei ihm und wartest, bis er fertig ist?«

Mittlerweile schaute auch Wegner seinen Chef interessiert an. Aber der wich den Blicken aus und blies ungewohnt energisch zum sofortigen Aufbruch.

»Du kannst nicht zusehen, weil er dir leidtut, richtig?« Irmgard sah aus, als hätte sie den Stein der Weisen entdeckt. »Hier machst du alle rund, aber wenn’s ans Eingemachte geht, dann ...«

Kallsen hatte schon seinen Mantel an und drehte sich in Wegners Richtung. »Da kam doch letzte Woche ’ne Notiz aus der Personalabteilung ... ging um’n junges Mädel, das ’nen Posten als Tippse sucht.«

Wegner zuckte vorsichtshalber mit den Schultern und zupfte viel zu lange an seinem Reißverschluss herum.

»Wenn die Tante auch backen kann, dann schauen wir sie uns mal genauer an.«

 

2

 

»Was macht eigentlich deine Lütte, die Stripperin?« Kallsen wartete keine Antwort ab. »Bin ohnehin gespannt, wie lange das mit euch beiden noch gut geht.«

Wegner kurbelte am Lenkrad und bog vom Parkplatz des Präsidiums Richtung Innenstadt ab. Völlig unerwartet hatte man der Mordkommission einen brandneuen Audi 100 L als Dienstfahrzeug spendiert. Dessen Sitze rochen noch ganz neu; das Armaturenbrett hatte ein stolzer junger Kommissar erst an diesem Morgen wieder auf Hochglanz poliert.

»Wo willst du eigentlich hin?«, erkundigte sich Kallsen. »Zum Tierarzt geht’s nach rechts.«

»Ist das wirklich dein Ernst?«, jammerte Wegner. »Wir können ihn doch auch auf dem Rückweg ...«

»Nach rechts!« Kallsens Hand fuhr unter seinen Mantel. Vermutlich tätschelten die Finger bereits seine Dienstwaffe.

»Coco hat seine Decke fürs Auto am Wochenende in die Waschmaschine gestopft«, flüsterte Wegner. »Und ich Idiot hab sie heute Morgen natürlich vergessen.«

»Also hast du nur Schiss, dass dir mein Prachtkerl die Sitzbank vollsaut?«

Wegner hatte an einer roten Ampel gehalten und drehte sich vorsichtig zur Seite. Er brachte sogar ein aufrichtiges Lächeln zustande. »Wir könnten doch auf dem Rückweg aus der Hafenstraße bei mir zu Hause vorbei und danach holen wir Rex ab. Wie wär’s?«

Kallsen nickte eifrig. »Klingt gar nicht schlecht, Manni ...«

Wegner atmete erleichtert aus. Schließlich wollte er sein neues Schmuckstück namens Audi so lange wie möglich in fabrikneuem Zustand erhalten.

»Aber wir holen ihn lieber jetzt gleich, also bieg nach rechts ab.«

 

»Mein Gott! Er mag den Quacksalber von Tierarzt eben nicht. Da ist es doch nur logisch, dass er kotzen muss.«

»Dann frag ich mich nur, warum er dem Blödmann nicht einfach vor die Füße kotzt.« Wegner fluchte schon eine ganze Weile. Während Kallsen in die Praxis marschiert war, hatte er eilig ein paar Zeitungsblätter auf der Rückbank ausgebreitet. Und der Audi war kaum wieder in Bewegung, da erklang von hinten bereits das altbekannte Keuchen und Würgen. Die Zeitung hatte sich längst in den Fußraum verabschiedet. Also landete die rötliche Pampe direkt auf den Polstern und verteilte sich augenblicklich in jede Ritze.

»Das kann nicht alles aus einem einzelnen Hund kommen«, stellte Wegner würgend fest. Er hatte an einer Tankstelle angehalten und sofort die komplette Papierrolle vor den Zapfsäulen entführt. »Sag mal ... hat er gestern Pfannkuchen gefressen?«

»Meine Nachbarin hat uns einen ganzen Berg davon rübergebracht«, erwiderte Kallsen völlig unbeeindruckt. »Rex ist ein richtiger Feinschmecker ... mag sie am liebsten mit Erdbeermarmelade.«

»Was du nicht sagst.« Zu Wegners Füßen türmte sich ein Berg von rot verfärbten Papiertüchern auf. Er schüttelte verzweifelt den Kopf. »Vielleicht kriege ich den Dreck einigermaßen raus, aber der Gestank bleibt sicher noch bis ...«

»Jetzt hab dich mal nicht so! Irgendwann ist immer das erste Mal.«

Wegner wollte gerade etwas erwidern, als der Tankwart mit fliegenden Fahnen auf die beiden Kommissare zustürmte. Ein typischer Frührentner, der aussah, als müsse er sich zum Lachen in den Keller verabschieden. Dementsprechend fiel die Begrüßung aus: »Sagen Sie mal: Glauben Sie, die anderen Kunden brauchen kein Papier?«

Wegner schob den Berg zu seinen Füßen beiseite, bugsierte Rex zurück auf die Rückbank und hockte kurz darauf wieder hinterm Lenkrad. Der Motor heulte auf. Fehlte nur noch ein Hupen.

Kallsen wechselte derweil ein paar Blicke mit dem Tankwart, dessen Gesicht vor Wut leuchtete. Nachdem der Hauptkommissar mit seiner Dienstmarke für klare Verhältnisse gesorgt hatte, war das Ergebnis dieses wortlosen Duells nur ein Schulterzucken auf beiden Seiten.

 

»Du musst mal ein bisschen runterkommen, Manni. Wenn du dich ständig so aufregst, ist das auf Dauer nicht gut für deinen Blutdruck.« Kallsen atmete vernehmlich. »Du bist gerade mal Mitte zwanzig, Jungchen … in deinem Alter war ich noch die Ruhe selbst.«

Wegner hatte seit dem Alarmstart von der Tankstelle kein einziges Wort gesprochen. Und auch jetzt beschränkte er sich nur auf ein Grunzen, das so gut wie alles bedeuten konnte.

»Anstatt in alten Fällen rumzugraben, solltest du dich lieber um deine Prüfung kümmern. Sonst wird das nix mit meiner Nachfolge – in fünfzig Jahren.«

Wegner warf einen Blick zur Seite, seine Brauen wanderten nach oben. »Wer sagt denn, dass ich den Scheißjob überhaupt will?«

Von nun an schwieg auch Kallsen. Erst als die Kommissare in die Hafenstraße abbogen, fand er seine Sprache wieder: »Ich weiß gar nicht, was wir hier eigentlich wollen. Wenn du mich fragst, ist das reine Zeitverschwendung.«

Wegner steuerte den Audi in eine Lücke. Er wollte aussteigen, besann sich jedoch eines Besseren. »Warst du jemals hier? Ich meine, vor Ort ... um dir die Sache mit eigenen Augen anzusehen?«

Kallsen tat sich mit einer Antwort sichtlich schwer. Bevor er die lieferte, zog er sein Hosenbein ein Stück hoch und klopfte ein paar Mal auf seine Unterschenkelprothese. Die nutzte er gerne als Ausrede für so gut wie alles. »Weißt du eigentlich, wie es ist, wenn man für jeden Ausflug einen Chauffeur braucht? Und außerdem: Im Gegensatz zu dir arbeite ich vorzugsweise mit dem Kopf.«

»Natürlich!« Wegner hatte den Türöffner in der Hand. »Wie konnte ich das nur vergessen?«

Kurz darauf standen die beiden Kommissare nebeneinander auf dem Bürgersteig und musterten die bunten Fassaden der Hafenstraßen-Häuserzeile.

»Lange geht das mit den Bruchbuden hier nicht mehr gut ...«

»Willst du mir auch verraten, was du damit wieder meinst?« Wegner begrüßte Rex, der aus dem Auto gesprungen war und sich zu den Männern gesellt hatte.

Kallsen beugte sich ebenfalls hinunter und streichelte den Schäferhund. »Hast du mal’n Taschentuch, seine ganze Schnauze ist noch voll mit ...«

»Fang nicht wieder damit an!«, motzte Wegner – in Erinnerung einer anderen widerlichen Episode – übertrieben barsch zurück. »Von mir bekommst du keine Taschentücher mehr. Nie wieder!«

Kallsen hatte sich aufgerichtet und betrachtete erneut die Häuser der Hafenstraße. »Die Linken sind aktuell gegen alles, was mit Recht und Ordnung zu tun hat«, murmelte der Hauptkommissar im Ton eines Nachrichtensprechers. »Und wenn man den Zeitungen glauben darf, dann brodelt es hier hinter jeder zweiten Wohnungstür.« Er deutete auf ein Haus weiter rechts. An dessen Fassade stand mannshoch und in bunten Farben: ›Wir brauchen keine Vermieter-Schweine‹. Ein Stück darüber und sogar noch etwas größer: ›Tod dem Faschismus‹.

»Warte ab, nicht mehr lange, dann fliegen hier die ersten Molotowcocktails. Du wirst noch an meine Worte denken, Jungchen.«

Wegner war kopfschüttelnd stehen geblieben und setzte sich jetzt erneut in Bewegung. »Redest du nur von Unruhestiftern oder von Terroristen?«

»Egal ... für mich sind die Grenzen da fließend.« Auch Kallsen machte einen weiteren Schritt nach vorne. »Aber vielleicht kommst du langsam mal zu Potte, ich will nämlich zum Kaffee wieder hinter meinem Schreibtisch hocken.«

 

3

 

»Das ist auf jeden Fall die richtige Hausnummer.« Wegner deutete auf die bunt beschmierte Eingangstür, die wohl nur noch aus alter Gewohnheit in ihren Angeln hing. Sein nächster Blick fiel auf eine Reihe von Postkästen. Davon war die eine Hälfte demoliert, die andere stand offen oder quoll über. »Meinst du, hier wohnt überhaupt noch jemand?«

»Genau deshalb werfe ich gerne – bevor ich zu solch einer sinnlosen Reise aufbreche – einen Blick ins Melderegister.« Kallsen im Tonfall eines Oberlehrers. »Vielleicht merkst du dir das: Man kann es sich nämlich auch einfach machen.«

Wegner nickte schwerfällig, insbesondere, weil sein Chef recht hatte.

Der schob sich an ihm vorbei, Rex folgte auf Tuchfühlung. »Und mit deiner dämlichen Hauruck-Methode werden wir es wohl nur herausfinden, wenn wir reingehen.« Kallsen winkte seinen jungen Kollegen mit wütenden Gesten hinter sich her. »Es war deine Idee – also mach gefälligst ...«

Im Erdgeschoss stand gleich die erste Wohnungstür sperrangelweit offen. Dahinter regierten Chaos und Verfall. Der Müll stapelte sich bis unter die Decke. Davon abgesehen schlug den Kommissaren ein Gestank entgegen, der es spielend mit einem Friedhof oder einer Mülldeponie hätte aufnehmen können.

»Sieht nicht unbedingt nach bevorzugter Wohnlage aus«, presste Wegner an einem Lachen vorbei. »Schau dir Rex an, selbst der will da nicht rein.«

»Wie lange ist das mit dem Einsturz noch her?«, fragte Kallsen.

Wegner musste kurz überlegen. »Ist fünfundfünfzig passiert, also genau fünfundzwanzig Jahre. Danach hat man nur ein paar Monate gebraucht, um die Bude ein zweites Mal zu sanieren – scheint seither zu halten.«

»Aber viel besser geworden ist es auch nicht«, stellte Kallsen fest und lächelte gequält, denn das Treppenhaus konnte es ohne Weiteres mit einem Tuschkasten aufnehmen. »So, die nächste Tür ... bringt sowieso nichts.«

Wegner betätigte den Klingelknopf gegenüber. Es verging eine halbe Ewigkeit, bis ein Rumoren erklang. Dazu kamen jetzt Gezeter und Flüche. Als sich die Tür vor den Kommissaren öffnete, übertraf der Anblick deren schlimmste Befürchtungen. Vor ihnen stand ein langhaariges Ungetüm, dessen Geschlecht nicht mal auf Anhieb zweifelsfrei zu identifizieren war.

»Mordkommission.« Wegner hatte seinen Dienstausweis gezückt und hielt ihn dem geschlechtslosen Wesen entgegen. Sein nächster Blick fiel auf Rex, der neugierig in die Luft schnupperte. Als ehemaliger Polizeihund hatte er längst Witterung aufgenommen.

»Da dröhnt sich wohl einer schon vor dem Mittag mit Gras zu?« Kallsens Stimme hallte von den Wänden im Treppenhaus wider. »Mach mal’n bisschen weiter auf, Kollege ... wir kommen rein.«

»Kann mich nicht erinnern, euch eingeladen zu haben«, kam es in halbbetäubtem Singsang zurück. Ein seltsames Lachen erklang. Trotzdem folgte eine halbe Aufforderung und auch die Tür schwang ein Stück weiter auf. »Aber macht euch bloß keine Hoffnungen – das Gras ist längst alle.«

 

»Was ist das denn für ’ne Versammlung?« Kallsen und Wegner hatten das Wohnzimmer erreicht – wenngleich dieser Raum nicht unbedingt wie ein solches wirkte. Überall lagen Matratzen verteilt, dazwischen Unrat, überquellende Aschenbecher und haufenweise Zeitungen, in denen wahrscheinlich schon seit Ewigkeiten niemand mehr gelesen hatte. Die Fenster waren zur Hälfte mit Pappen zugeklebt, die frei gebliebenen Scheiben allerdings so schmutzig, dass man darauf wohl auch hätte verzichten können. Insgesamt fünf langhaarige Gestalten saßen oder lagen herum. Deren Gesichter machten klar, dass sie sich kurz vor oder längst mitten im Delirium befanden.

»Wer ist denn hier der Hausherr?«, fragte Wegner, der, angesichts des fürchterlichen Gestanks, nur noch ganz flach atmete. »Wer ist Mieter ... oder Eigentümer?«

Fünf Augenpaare richteten sich auf Wegner, aber kein Mund wollte sich öffnen.

»Dann machen wir es anders: die Ausweise bitte. Von allen!«

Rex hatte vor einem total verrosteten Heizkörper einen Teller entdeckt. Darauf türmten sich verschimmelte Reste, die vage an Spaghetti mit Tomatensoße erinnerten. Der Schäferhund schnupperte daran und klebte im nächsten Moment schon wieder an Kallsens Oberschenkel.

»Wat wollt ihr eigentlich?«, erkundigte sich eine der Gestalten, die eindeutig als Mann zu identifizieren war. Oder aber es handelte sich doch um eine Frau, der im Laufe von Jahren ein halber Vollbart gewachsen war.

»Das frage ich mich übrigens auch, Manni.« Kallsen flüsterte nur. Er hatte sich ein Stück zur Seite gelehnt und streichelte Rex, der die Zuwendung sichtlich genoss. »Wenn sich mein Prachtkerl in der verwahrlosten Bude hier an irgendwas den Magen verdirbt, zahlst du den Tierarzt.«

Selbst Wegner fragte sich mittlerweile, wie er auf diese selten blöde Idee gekommen war. Anstatt alte Mordfälle zu untersuchen, könnte er es doch auch ebenso gut wie sein Chef machen: den ganzen Tag nichts tun und auf den Feierabend warten. Kallsen hatte recht, es gab noch viel zu lernen.

»Haben wir euch irgendwas getan?«, wollte eine andere verlotterte Gestalt wissen. Deren Strickpullover offenbarte faustgroße Löcher und wurde wohl nur noch vom sprichwörtlich seidenen Faden zusammengehalten. »Ist schon klar: Für euch Bullen sind wir Abschaum ...« Ein weitestgehend zahnloses Grinsen wanderte durch die Runde. »... aber ich muss euch leider enttäuschen: Wir sind alle rechtschaffene Bürger.«

»Ja ja!« Wegner nickte und verzog keine Miene, während Kallsen neben ihm zu keuchen anfing. Wahrscheinlich kämpfte der Hauptkommissar mit einem herzhaften Lachen.

»Hat einer von euch den Namen Walter Krause schon mal gehört?«

Fünf langhaarige Gestalten tauschten fragende Blicke.

»Die sind in einer anderen Welt, Manni.« Kallsen klang wie das Orakel der Hafenstraße. »Lass uns raus hier, mir wird von der schlechten Luft ganz schwindelig.«

»Walter war ein Scheißkerl«, erklang es aus der hintersten Ecke, als die Kommissare sich bereits zum Gehen wenden wollten. Diese Feststellung stammte von einem weiteren zotteligen Ungetüm, das vierzig, aber ebenso gut auch schon sechzig sein konnte. »Ich bin hier damals als Erster eingezogen, nachdem der liebe Walter die Bude saniert hat.«

Während Wegner sinnbildlich die Ohren spitzte, stöhnte Kallsen neben ihm genervt. Der Hauptkommissar wünschte sich vermutlich, sie wären eine Minute früher aufgebrochen und hätten damit diesen letzten zweifelhaften Geistesblitz verpasst.

»Warum ist Walter Krause ein Scheißkerl?« Wegner ließ seinen Blick von einer langhaarigen Gestalt zur nächsten wandern. Das Ergebnis war vier Mal Schulterzucken und ein weiterer halber Hinweis: »Hier war doch jedem klar, dass sein Pfusch nicht lange halten würde. Wie auch?«

Kallsen hatte sich ein Stück dichter an Wegners Seite geschoben. Der hoffte noch auf Hilfe von seinem Chef, aber es kam ganz anders: »Ich hab die Schnauze voll! Rex und ich nehmen den Bus – wir sehen uns im Präsidium.«

 

4

 

Fünf Minuten später saßen Wegner und der einzige Langhaarige, von dem er sich einen ernsthaften Hinweis erhoffen durfte, in einem anderen Raum. Der ähnelte ansatzweise einer Küche. Zumindest türmte sich rundherum schmutziges Geschirr; irgendwo darunter war eine Spüle zu erahnen.

»Wie hält man es bloß in diesem Dreck aus?«, erkundigte sich Wegner lachend. »Am besten schieß ich ein paar Fotos – meine Freundin meint nämlich, ich wäre unordentlich.«

»Vielleicht verrätst du mir lieber mal, was du eigentlich hier willst.« Der Langhaarige lehnte sich zurück und geriet dabei in Schräglage. Ein Wunder, dass er sich überhaupt auf dem Stuhl halten konnte.

»Fangen wir mal mit Ihrem Ausweis an«, erwiderte Wegner in übertrieben sachlichem Ton. »Und danach würde ich gerne ein bisschen mehr über diesen Walter Krause erfahren.«

Nachdem ein halbes Dutzend leerer Kaffeedosen durchsucht waren, fand sich ein bis zur Unleserlichkeit abgegriffener Personalausweis zwischen zwei schmutzigen Brotbrettern ein.

Wegner hielt das Teil mit spitzen Fingern. »Wolfram Bluhm«, las er vor. »Der ist übrigens seit drei Jahren abgelaufen.« Er hatte alle Mühe, ernst zu bleiben. »Aber auf dem Foto sehen Sie wenigstens noch wie ein Mensch aus.«

Wolfram Bluhm saß wieder auf einem der beiden klapprigen Küchenstühle. Mittlerweile wirkte er etwas lebendiger. Deshalb schaffte es sein Gesicht auch mimisch, die wesentliche Frage zu wiederholen.

»Ich will wissen, was damals passiert ist.« Wegner klang, als wäre das die natürlichste Sache der Welt. Der Fast-Hauseinsturz lag gerade mal fünfundzwanzig Jahre zurück. Da durfte man doch wohl erwarten, dass ein anderer sich an jedes Detail erinnerte.

»Geht es vielleicht ein bisschen genauer?«, beschwerte sich Bluhm wie erwartet. »Was wollen Sie wissen?«

»Alles! Damals sind schließlich ein Haufen Leute ums Leben gekommen.«

»Insgesamt sieben«, ergänzte Bluhm nach kurzem Überlegen.

»Waren Freunde von Ihnen dabei ... oder Verwandte?«

Ein wenig überzeugendes Kopfschütteln.

Wegner wühlte in seinen Erinnerungen auf der Suche nach Kallsens halbherzigen Informationen. »Da waren eine vierköpfige Familie und ein junges Pärchen ...«

»Und eine alte Frau!«

Wegner wartete geduldig, denn das schien noch nicht alles zu sein.

»Meine Mutter!«

 

***

 

»Wo hast du denn unseren Manfred gelassen?«

»Der Junge stößt sich an der Front die Hörner ab. Das hab ich nicht mehr nötig.«

Irmgard verzichtete auf jeden Kommentar. Bei Kallsen lernte man schnell, wann sich eine Widerrede überhaupt lohnte.

»Was ist das denn?« Der Hauptkommissar lag schon in seinem Bürostuhl, als ihm ein Zettel auffiel, den Irmie auf seinen Telefonhörer geklebt hatte.

»Der Revierleiter aus Lokstedt hat angerufen.«

»Und ... was wollte er?«

Anstelle einer Antwort zuckte Irmgard mit den Schultern.

Kallsen blieb also nichts anderes übrig, als zum Hörer zu greifen. Den Lokstedter Revierleiter begrüßte er gewohnt herzlich: »Was gibt’s denn, Horst? Wollte eigentlich gleich Feierabend machen.«

»Ist früher Nachmittag ... hast du auf Teilzeit umgestellt?«

»Neue Fälle nehmen wir nur noch morgens von acht bis halb neun an. Daran solltest du dich lieber gewöhnen.«

»Meinetwegen, gerne. Dann lassen wir den toten Autohändler am Nedderfeld einfach bis morgen liegen. Mir soll’s recht sein.«

Kallsen knurrte irgendwas, dessen Sinn er vermutlich nicht einmal selbst hätte erklären können.

»Was soll ich meinen Leuten sagen«, drängte der Revierleiter. »Die stehen sich da draußen schon seit über zwei Stunden die Beine in den Bauch.«

»Ich schick euch Manni rüber ... kann aber ’ne Weile dauern.«

 

***

 

»Und das ist alles, ja?« Wegner wurde das Gefühl nicht los, dass ihm Wolfram Bluhm nur einen Happen hingeworfen hatte. »Was ist denn mit den anderen, die zu Tode gekommen sind?«

Irgendwo im Gewirr eines ungepflegten Vollbarts waren Lippen zu erkennen, die sich immer fester aufeinanderpressten.

»Ich kann Sie übrigens auch gerne mit aufs Revier nehmen. Zwei Nächte in der Arrestzelle ... danach betteln die meisten darum, mir die Wahrheit sagen zu dürfen.«

»Die Familie war gerade erst eingezogen«, erklang es nach längerem Zögern flüsternd. »Haben direkt unterm Dach gewohnt ... die hatten nicht so viel Glück wie wir hier unten im Erdgeschoss.«

»Und das junge Paar?«

»Mein Bruder und seine Frau.« Bluhms Augen sahen plötzlich todtraurig aus. »Die beiden haben ein halbes Jahr davor geheiratet. Uschi war im fünften Monat schwanger.«

Wegner wollte gerade etwas erwidern, als es von außen gegen die Wohnungstür bollerte.

»Polizei!« Durch das dünne Holz hörte es sich allerdings so an, als würden die Beamten bereits im Flur stehen. »Aufmachen, sofort!«

 

»Könnt ihr mir verraten, was ihr hier wollt?« Wegner klang wütend, denn keine Minute später standen mitten in der Küche zwei Uniformierte. Die musterten noch mit angeekelten Gesichtern das Tohuwabohu rundherum. »Hallo! Was wollt ihr hier?«

Einer der Beamten zog sein Notizbuch aus der Tasche. »Wir haben ’ne Nachricht für dich.«

»Von Kallsen«, fügte der zweite Kollege grinsend hinzu.

»Und?« Wegner zuckte mit den Schultern.

»Willst du es wortwörtlich?«, erkundigte sich der erste Streifenbeamte. Er zögerte nicht lange. »Du sollst deinen Arsch zum Nedderfeld bewegen, dort wartet ein richtiger Mord auf dich.«

Wegner schüttelte müde den Kopf und erhob sich entsprechend träge. Dieser Fall in der Hafenstraße hatte fünfundzwanzig Jahre auf ihn gewartet, da würde ein weiterer Tag keinen Unterschied mehr machen. Außerdem – er warf einen kurzen Blick auf Wolfram Bluhm, der auf seinem Stuhl immer kleiner wurde – glaubte er, schon einen ersten Verdächtigen gefunden zu haben.

»Es geht übrigens noch weiter«, flüsterte der zweite Kollege in Uniform und wedelte dabei mit seinem Notizbuch herum. Das hämische Grinsen deutete auf den Inhalt dieser Fortsetzung hin.

»Verzichte!«, knurrte Wegner. »Den Rest kann ich mir auch denken.«