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Renate Holm

»Wer seiner Seele
Flügel gibt …«

Mit Kunst das Leben meistern

Aufgezeichnet von
Christine Dobretsberger

Mit 75 Abbildungen

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Bildnachweis

Alle Abbildungen stammen aus Renate Holms Privatarchiv außer:
Burmester (11, 222), Schneider-Press (26, 137 unten, 217 oben), NLK Schleich (33 rechts unten), Horst Maack (43), Theatermuseum/IMAGNO/picturedesk.com (49 rechts), Lothar Winkler (56/57, 122 links, 133 links), Sabine Gudath (71), Brüder Basch (86/87), Oswald Kneip (102), Privatarchiv Renate Holm/Ernst Bruzek (167 unten), Privatarchiv Renate Holm/Georg Fruhstorfer (178 unten), Privatarchiv Renate Holm/Stadttheater St. Gallen (182), Archiv der Salzburger Festspiele/Foto Karl Ellinger (190), Deutsches Theatermuseum München, Archiv Ilse Buhs/Jürgen Remmler (197)

Der Verlag hat alle Rechte abgeklärt. Konnten in einzelnen Fällen die Rechteinhaber der reproduzierten Bilder nicht ausfindig gemacht werden, bitten wir, dem Verlag bestehende Ansprüche zu melden.

Besuchen Sie uns im Internet unter: amalthea.at

© 2017 by Amalthea Signum Verlag, Wien

Alle Rechte vorbehalten

Umschlaggestaltung: Elisabeth Pirker/OFFBEAT

Umschlagfotos: Cover: © Harri Mannsberger, Rückseite: © Anne Huneck

Lektorat: Maria-Christine Leitgeb

Herstellung und Satz: Gabi Adébisi-Schuster, Wien

Gesetzt aus der Minion Pro 11,4/14,5 pt

Designed in Austria, printed in the EU

ISBN 978-3-99050-098-9

eISBN 978-3-903083-74-5

Inhalt

Brief an mein Publikum

Von der Heugabel zur Stimmgabel – ein Leben in Gegensätzen

Von den Früchten der Natur leben

Die andere Seite von Ragow …

Wie ich »Bäuerin aus Liebe« wurde

Die Mühle – mein »Lebensnest«

Der »Glöckchenweg«, meine Kraftquelle

Wie alles begann …

Die Namensverwechslung – oder warum aus Renate Franke Renate Holm wurde

Neue Gesangstechnik – und ganz neues Repertoire

Berlin – Wien – und retour

Treffpunkt der Weltprominenz in Kempinskis Gobelin-Halle

Von der »Berliner Nachtigall« zum »Wiener Lercherl«

Schein und Sein … (oder Wasser statt Wein …)

Zu jeder Uhrzeit in gesanglicher »Champagnerlaune«

Termine, Termine … (Text: Christine Dobretsberger)

Disziplin – ein Lebensthema

Auf der Bühne gelten eigene »Gesetze« …

Woher kommt die Disziplin?

Alles in letzter Minute!!!

Der Ohrenzeuge

(Text: Christine Dobretsberger)

Wie meine Tiere mich fanden – und was sie mir bedeuten …

Blacky, der »Philosoph«

Flora, die dankbare Hundemutti

Snooffy, der tibetische »Weise«

Bimbo, »the King«

Warum meine Lieblingskatze »Stümpfi« hieß

Mehr als nur Fanpost (Text: Christine Dobretsberger)

Lernen – und – Lehren

»Doppelrolle« – singen UND unterrichten …

Lernen von den ganz Großen …

Quadri, Böhm, Karajan …

Wie ich meine Rollen einstudiere …

Nico Dostal, ein Meister seines Faches

Meine Begegnung mit Robert Stolz

Das entscheidende Gespräch über Gesangstechnik mit Rudolf Schock

Ein ungewöhnliches »Casting«: Musetta in der »Schusterstube von Hans Sachs«

Meine »Philosophie« beim Unterrichten

Von Computermäusen und Facebookeulen

(Text: Christine Dobretsberger)

Von den kleinen »Wundern« im Stall …

Lisi, die »Wunderziege«

Als ich die Weihnachtskrippe plötzlich mit anderen Augen sah …

Wie ein Wallach doch noch »Vater« wurde …

»Woran ich glaube« – Von Glauben und Aberglauben

(M)ein langer Weg zu den Schutzengeln …

Auch der Aberglaube hat einen Platz in meinem Leben …

Astrologie – eine Art Lebenshilfe

Meine »schicksalhafte« Begegnung mit dem Buddhismus

Die Liebe … eine »Himmelsmacht«

Liebe – Leidenschaft – Singen … ein (fast) lebenslanges »Duell« zwischen der Frau und der Sängerin

Die große Ausnahme …

»Age is just a number?«

Dreißig Jahre lang fünfzig bleiben?

Schlüsselerlebnisse im Leben …

Wie schafft sie das? Wie kann man
»dreißig Jahre lang fünfzig bleiben«?

(Text: Christine Dobretsberger)

Die Löwin kämpft …

Mein tägliches Fitnessprogramm – Tai Chi

Morgendliche Rituale …

Frühstücken wie ein Kaiser?

Immer ein bisschen unter dem »Limit« bleiben …

Gesichtspflege und Kosmetik … ein wichtiges Thema!

Mode: »zeitlose« Eleganz

Was eine RICHTIGE Atemtechnik alles bewirken kann

ATEMÜBUNGEN

Atemübung 1

Atemübung 2

Aber das Ringen mit der geliebten Natur geht weiter …

ANHANG

Filme

Die wichtigsten Bühnenrollen und Gastspiele (Auswahl)

Operette und Oper

Musical

Theater

Diskografie (Auswahl 1952–2011)

Schlager

Operette

Oper

Diverse Aufnahmen – Querschnitte durch Renate Holms Schaffen

Auszeichnungen und Ehrungen

Personenregister

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»Nichts ist, das dich bewegt,
du selber bist das Rad,
das aus sich selbsten läuft
und keine Ruhe hat.«

ANGELUS SIBELIUS

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nachdem ich von Ihnen und all meinen Freunden immer wieder darauf angesprochen wurde, doch die Fortsetzung meines ersten Buches Ein Leben nach Spielplan zu schreiben, um zu erfahren: Was ist seither passiert? Wie waren die letzten 25 Jahre? Lebt man auch »nach dem Spielplan«, also nach einer dreißigjährigen Ära an der Wiener Staatsoper, nach einem »Spielplan«? Oder hängt man ihn ein für alle Mal in den Schrank? Gibt es einen sinnvollen Ersatz für den Spielplan? Wie schafft man das Leben »danach«?, habe ich mich endlich dazu entschlossen, den Versuch zu starten.

Interessanterweise ist mir erst im Prozess des Schreibens das Tempo des »Hamsterrades«, in dem ich zeit meines Lebens drinnen war, so richtig bewusst geworden. Und das Schreiben hat mir geholfen, von diesem Wahnsinnstempo ein wenig herunterzukommen – sozusagen vom allegro assai (Hamster in voller Aktion! Sehr schnell!) zum andantino (etwas langsamer, aber immer noch beschwingt) bis hin zum andante zu finden, um dann im Finale zu sein. Nur mit dem einen Unterschied, dass in meinem Leben – im Gegensatz zur Musik – das FINALE nicht das ENDE bedeutet!

Mir ist es ein großes Anliegen, Ihnen, liebes Publikum, das mich zu dem gemacht hat, was ich werden konnte, und mir geholfen hat, die Höhen zu erreichen und auch lange dort bleiben zu können, auf diesem Wege einfach DANKE zu sagen. Durch die Arbeit an diesem Buch ist mir mehr denn je klar geworden, wie sehr ich von Ihnen beschenkt wurde. Ihre jahrzehntelange Treue und Zuneigung, Ihr herzlicher Zuspruch, Ihre Ermutigungen, die für mich oft so unendlich wichtig waren, haben mich dazu bewogen, mich auf meine Art und Weise bei Ihnen zu bedanken und zwar indem ich versucht habe, jene Erfahrungen, die mir persönlich im Laufe meines Lebens zugutekamen, weiterzugeben – sei es in künstlerischer Hinsicht oder in ganz alltäglichen Dingen. Vielleicht mag es den einen oder anderen von Ihnen auch interessieren, wie es gelingen kann, »dreißig Jahre fünfzig zu bleiben« – wobei diese kleinen Geheimnisse in Wahrheit ziemlich real sind …

Denn wenn man über sein Leben reflektiert, empfindet man die glücklichsten und die schwersten Momente noch einmal besonders intensiv. Manchmal war es in der langen Zeit von der achtzehnjährigen Renate Franke bis zu der fünfundachtzigjährigen Renate Holm für mich fast nicht nachvollziehbar, dass es sich um ein und dieselbe Person gehandelt hat.

Aber eins weiß ich ganz sicher, dass es neben meiner Musik für mich immer eine große Lebens- und manchmal sogar Überlebenshilfe war – bildlich gesprochen –, meiner Seele hin und wieder Flügel zu geben, der Realität für eine kurze Zeit zu entfliehen, um danach den Alltag mit ein wenig mehr Gelassenheit zu meistern.

Mit meinen besten Wünschen verbleibe ich allerherzlichst,

Ihre

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Renate Holm

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»Zauberlied der Nacht, Stimme der Natur, deine Melodie klingt so süß an mein Ohr. Zauberlied der Nacht, Stimme der Natur, deine Töne fliegen zum Himmel empor.«

Auszug aus dem

LIED DER NACHTIGALL

Wir mussten an diesem Tag bereits zum dritten Mal in den Luftschutzkeller. Draußen heulten die Sirenen … Nach Jahren des täglichen Bombenhagels über Berlin hatte man es sich hier im Keller bereits ein bisschen häuslich eingerichtet. Jeder Hausbewohner hatte sein kleines Eckchen mit einigen persönlichen Dingen. Für mich waren mein Puppenwagen und meine Käthe-Kruse-Puppe das Wichtigste. Die waren immer dabei. Der Luftschutzkeller war für uns schon so etwas wie ein zweites Wohnzimmer geworden. In dieser Nacht im Jahre 1943 war es besonders schlimm. Ganz in unserer Nähe schlugen die Bomben ein und jedes Mal glaubten wir, diesmal hier nicht mehr lebend herauszukommen … Aber dann trat sie doch wieder ein – die so ersehnte Totenstille … Und nach einiger Zeit wagte sich der erste Nachbar zum Ausgang und gab das Zeichen, dass wir wieder in unsere Wohnungen konnten. In diesem Moment hatte man die Hoffnung: Nun ist es endlich vorbei! Alles wird gut … Großes Aufatmen … und man konnte sogar wieder ein bisschen lächeln. Doch am nächsten Tag ging mit den ersten Sirenen dasselbe von vorne los …

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Diese Situation änderte sich erst, als eines Morgens über das Radio der Aufruf kam, dass Goebbels alle Mütter und Kinder aus Berlin evakuieren ließ. In den darauffolgenden Tagen wurde uns ein Quartier im Spreewald zugeteilt. Wir durften nur das Notwendigste mitnehmen. Mein Puppenwagen war gleichzeitig mein Koffer, darin ließ sich recht viel verstauen. Man brachte uns in ein kleines Dorf, rund neunzig Kilometer von Berlin entfernt. Dieses Dorf hieß Ragow. Wir wurden in einer ehemaligen Schule untergebracht, wo meiner Mutter und mir eineinhalb Zimmer zugewiesen wurden. Was war das für ein ungeheurer Sprung von Berlin hierher aufs Land! Es dauerte nicht lange und man kannte jeden Einzelnen im Dorf. Für uns Kinder war es freilich ein kleines Paradies. Wiesen, Äcker, Felder, ein kleiner Teich – kurzum: Möglichkeiten zum Spielen und Herumtoben ohne Ende! Und was das Beste war: Plötzlich gab es Tiere zum Anfassen, die man bislang nur aus Schulbüchern kannte: Kühe, Pferde, Ochsen, Ziegen, Hennen, Hasen … das war eine Sensation für mich! Und da begann meine ganz große Tierliebe. Im Vergleich zu Berlin war es für mich fast wie ein Urlaub auf dem Land!

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Meine Mutti und ich zu Kriegsbeginn, nicht ahnend, was alles Schreckliches auf uns zukommen wird

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Doch jetzt kam auch ganz schnell der Ernst des Lebens zurück. Schließlich musste ich ja in die Schule. Und das war in der Tat nicht so einfach und bequem, denn das Gymnasium befand sich im Nachbarort Lübben, sechs Kilometer von Ragow entfernt. Also hieß es für mich rauf aufs Rad! Bei jedem Wetter! Aber ich fuhr gerne in die Paul-Gerhardt-Schule, nicht zuletzt deshalb, weil hier Jungen und Mädchen unterrichtet wurden. Das war neu für mich, denn in Berlin ging ich ins Lyzeum, eine reine Mädchenschule. Ich muss ehrlich sagen: Ich habe die Schulzeit in Lübben richtig genossen! Wir hatten eine tolle Klassengemeinschaft. Burschen wie Mädchen teilten miteinander Freud und Leid. Da war keine Konkurrenz, sondern ein Miteinander. Abgesehen davon, waren wir in Musik ein unschlagbares Team! Wolfgang Friedrich war unser bravouröser Tenor, Klaus Ostermann ein sensationeller Bass, ich war mit meiner Sopranstimme die Dritte im Bunde. Aus dieser Kameradschaft wurde übrigens eine Freundschaft, die über fünfzig Jahre anhielt.

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Die Paul-Gerhardt-Schule in Lübben, in deren Aula ich den allerersten Gesangsauftritt meines Lebens hatte – unvergesslich …

Wolfgang war auch der Initiator für unser erstes Konzert, ein Oratorium von Bach. Wir hatten viel und mit großem Enthusiasmus probiert. Am Tag der Aufführung verwandelte sich die Aula der Schule in einen kleinen Konzertsaal, und wir feierten auf Anhieb einen Riesenerfolg! Damit hätte ich nie im Leben gerechnet … noch weniger damit, dass man einhellig der Meinung war, dass ich einmal eine große Sängerin werden würde. Keiner ahnte wohl, dass ich in diesem Moment ganz andere Gedanken im Kopf hatte. Im Stillen dachte ich: »Lieber Gott, lass mich nie wieder solches Lampenfieber haben!« Leider hat der liebe Gott anscheinend genau in diesem Moment weggehört …

Von den Früchten der Natur leben

In Ragow wohnten wir direkt neben einem Bauernhof. Sobald ich mit den Schulaufgaben fertig war, halfen wir unseren Nachbarn bei der Arbeit. Dafür bekamen wir einen Laib Brot oder ein Stück Butter. In dieser Zeit lernte ich so gut wie alle landwirtschaftlichen Tätigkeiten. Wenn auf den Feldern das Korn reif zur Ernte stand, haben wir mit der Hand die Manderln aufgestellt und die Körner mit dem Dreschflegel herausgeschlagen. Das Ackerland wurde mithilfe zweier Ochsen bestellt. Was heute maschinell in zehn Minuten erledigt wird, dauerte damals gut zwei Stunden. Zu meinen Aufgaben zählten auch Stallausmisten und Melken. Ich lernte auch, wie man Butter selber macht. Das war ein spannendes Unterfangen, denn wenn die Temperatur nicht optimal war, hatte man nach vier Stunden Stampfen nicht Butter, sondern einen riesigen Berg Schlagsahne! Das war natürlich lustig, nur gab es dann eben keine Butter … Aber wenn man Glück hatte und die Temperatur richtig war, hat sich die Butter am Boden des Fasses zusammengeballt, und man durfte sich obendrein auf ein Glas frische Buttermilch freuen!

Die Kartoffelernte erfolgte ebenfalls noch in reiner Handarbeit. Auf Leinensäcken kniend, haben wir die Kartoffeln mit einer Harke herausgeholt und nach ihrer Größe aussortiert. Das war eine ziemliche Prozedur – aber als Belohnung versammelten sich nach der Arbeit alle Helfer an einem riesigen Tisch und wir aßen die frisch gekochten Pellkartoffeln, die wir zuvor gerade geerntet hatten. Dazu gab es das berühmte Spreewälder Leinöl und Quark, was bis zum heutigen Tag zu meinen absoluten Lieblingsspeisen zählt! Keine Woche vergeht ohne dieses Gericht! Das weiß auch mein treuer Berliner Fanclub, der mir alle zwei Monate frisches Spreewälder Leinöl nach Wien schickt.

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Mit Ragow verbinde ich noch etwas: den herrlichen Duft von frisch getrocknetem Heu. Nachdem die Männer mit Sensen die Wiesen gemäht hatten, hieß es für uns, das geschnittene Gras so lange sorgfältig zu wenden, bis es trocken war. Und zwar wirklich ganz trocken! Andernfalls bestand die Gefahr, dass das Heu schimmlig werden würde und somit als Futter unbrauchbar war. Also mussten wir wenden, wenden, wenden … Danach wurde stundenlang zusammengerecht und das Heu auf den Ochsenkarren verladen. Wenn abends der Heuwagen voll war, kletterte ich ganz hinauf und genoss dieses unbeschreiblich schöne Gefühl, weich gebettet und eingehüllt von diesem herrlichen Duft nach Hause zu fahren – in der untergehenden Sonne … All das gehörte jetzt schon zu meinem Leben. Es hätte eine schöne Zeit sein können, wenn nicht dieser fürchterliche Krieg die Idylle ständig wie ein Damoklesschwert überschattet hätte.

Die andere Seite von Ragow …

Was ich bisher von Ragow erzählt habe, waren die positiven Seiten meiner Jugendjahre auf dem Land. Mit der Heugabel zu hantieren, war für mich das Natürlichste auf der Welt. Dass ich relativ bald mit einer ganz anderen Art von Gabel konfrontiert sein würde, nämlich mit der Stimmgabel, zählt zu den kleinen Wundern, die einem im Leben widerfahren können … Zunächst kamen aber sehr schmerzhafte Jahre auf uns zu. Als der Krieg 1945 zu Ende ging, marschierten russische Soldaten in unser kleines Dorf ein. Ich kann mich nur an Eines erinnern: Angst, Angst, Angst … Besonders schlimm war es, als sie eines Tages drohten, das ganze Dorf niederzubrennen, weil sich angeblich unser Nachbarbauer einem russischen Befehl widersetzt hätte. Alle Dorfbewohner mussten in ein nahegelegenes Waldstück flüchten. In der Eile konnten wir nur ein paar Lebensmittel, Kissen und Decken mitnehmen. Wieder war es mein Puppenwagen, den wir als Transportmittel nutzten. Es waren unvorstellbar qualvolle Stunden, es war tiefer Herbst, feucht, kalt und nebelig. Und dann diese Riesenangst, dass womöglich unser ganzes Dorf mitsamt allen Tieren, Häusern und Lebensmittelvorräten in Flammen aufgehen könnte … Von einer Stunde zur anderen haben wir geschaut, ob der Himmel über dem Dorf schon vom Feuer rot geworden ist …

Als drei Tage und drei Nächte nichts passiert war, schlich sich einer der Männer ins Dorf, um auszukundschaften, was geschehen war. Er kam mit der Nachricht zurück, dass die Russen das Dorf nicht niedergebrannt hätten. Stattdessen hätten sie die ganze Familie von jenem Bauern exekutiert, der angeblich Widerstand geleistet haben soll. Diesen Anblick werde ich nie vergessen … Als wir ins Dorf zurückkehrten, fanden wir die ganze Familie – vom Enkelkind bis zur Großmutter – an den Händen zusammengebunden tot vor ihrem Bauernhof liegen.

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Heute, siebzig Jahre später, sind solche Grausamkeiten in erschütternder Weise nahezu täglich in allen Facetten in den Medien zu sehen. Der Unterschied zu den Gräueltaten des Zweiten Weltkrieges ist nur, dass diese nicht medial transportiert wurden. Die Menschen, die das damals erleben mussten, haben keine Wiedergutmachungen erhalten. Es gab zu dieser Zeit weder psychologische Betreuung noch karitative Hilfeleistungen, wie es heute der Fall ist. Erst im Jahr 1949, als meine Mutter und ich nach Berlin zurückgekehrt waren, änderte sich alles zum Besseren und somit auch unser Leben.

Wie ich »Bäuerin aus Liebe« wurde

Aus Ragow nahm ich allerdings einen Traum mit: Ich wollte später einmal Tiere haben, einen Stall und einen Acker, ich wollte Kartoffeln anbauen und diese Nähe zur Natur noch einmal erleben … Und schicksalhaft sollte dieser Traum fünfzehn Jahre später in Erfüllung gehen. Zu dieser Zeit war Wien bereits mein Lebensmittelpunkt und Herbert von Karajan hatte mir gerade einen langjährigen Vertrag an der Staatsoper angeboten. Für mich als Sängerin bedeutete das, in der Weltelite angekommen zu sein. Ich war erfüllt von unendlicher Dankbarkeit … Gleichzeitig kam ein enormes Arbeitspensum auf mich zu. Um den hohen Erwartungen gerecht zu werden, widmete ich mich von morgens bis abends der Materie Sängerin. Und zwar mit voller Konzentration! Und vollem Einsatz! Da gab es nicht viel Freizeit. Aber auf der Suche nach einem kleinen Stück Erde und einem kleinen Häuschen in der Natur, wo ich meine Batterien aufladen konnte, ergab sich ganz plötzlich Folgendes: In einer Zeitungsannonce wurde in Niederösterreich, in der Nähe von Hollabrunn, eine dreihundert Jahre alte Mühle zum Verkauf angeboten. Es war »Liebe« auf den ersten Blick. Inmitten der idyllischen Hügellandschaft des Weinviertels stand diese im Jahr 1693 errichtete Wassermühle, umsäumt von mehreren Hektar Ackerland. Mit einem Schlag waren meine Erinnerungen an Ragow wieder da … Ich dachte nur: »Mein Gott, wäre es schön, wenn ich diese Mühle erwerben könnte!« Sie war zwar um ein Vielfaches größer, als ich es mir ursprünglich vorgestellt hatte und noch dazu in einem sehr desolaten Zustand, doch ich spürte, dass sich hier nicht nur mein Wunsch nach einer Ruheoase im Grünen verwirklichen ließe, sondern sogar mein Traum von einer eigenen kleinen Landwirtschaft … Die große Frage war nun: Würde ich das finanziell überhaupt schaffen? War das realistisch? Aber mit dem bereits gesparten Geld konnte ich mir die Anzahlung leisten und durch die Sicherheit, die mir mein Engagement an der Staatsoper bot, war es mir möglich, den Hypothekarkredit auf zehn Jahre abzubezahlen und in Renovierungsarbeiten zu investieren.

Ein derart altes Gebäude zu sanieren, ist eine echte Herausforderung! Ich wollte nach Möglichkeit alles so belassen, wie es war, nur eben reparieren und neu herrichten. Der Charme der Mühle, die alte Bausubstanz, sollte um jeden Preis erhalten bleiben. Das war mir sehr wichtig. Jeder einzelne Dachziegel zeugt im Grunde von einer längst vergangenen Epoche. Ich habe großen Respekt vor der Arbeit jener Menschen, die vor mehr als dreihundert Jahren in stundenlanger Handarbeit kleine Kunstwerke geschaffen haben. In die tragenden Balken meines jetzigen Kaminzimmers sind wunderschöne Figuren gemeißelt, und die Türen des Hauses sind mit kunstvollen Holzschnitzereien versehen worden, zufälligerweise mit Löwen-Motiven (mein Sternzeichen!). Und dann diese riesengroßen Mühlräder! Die unglaubliche Erhabenheit und Wucht dieser Holzkonstruktion ist faszinierend und vermittelt mir Wärme und Geborgenheit.

Schlossmühle bei Altenmarkt

Am Wiesengrund

Baum umstanden

steht die alte Mühle.

Gladiolen, Türkenbund, Rosen

duften in die Abendkühle.

Altes Mauerwerk im Flur

bergend Truhen, einen alten Schrank.

Blumen füllen Krüge, Kannen

und man sitzt auf brauner Bank,

sieht durchs offne Tor

in die Weite der Natur.

Bei dunklem Brot –

Wein ist hingestellt –

wachsen gute Gedanken

in die Nacht.

Alfred Tuschak

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Ein Gemälde aus dem Jahre 1892, als in der Mühle noch Getreide gemahlen wurde, und 100 Jahre später, als das Getreide kurz vor der Ernte stand

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Weihnachtsstimmung in der Mühle: Hier finden alljährlich meine legendären Adventkonzerte statt.

Doch zunächst galt es, realistisch zu sein. Zuallererst musste das Gebäude trockengelegt werden, was viele Monate in Anspruch nahm. Danach wurde eine Heizung eingebaut, die Außenfassade saniert, das Dach repariert etc. etc. Auch das angrenzende Ackerland, das fast bis zum Haus mit Schilf bewachsen war, musste trockengelegt und urbar gemacht werden. Das dauerte Jahre … und ist heute eine wunderbare Wiese und Koppel für meine Tiere.

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Noch ein Lebenstraum ließ sich in meiner Mühle verwirklichen – und das bringt mich wieder zur Stimmgabel: Weil mir sehr viel daran lag, meine Kunst aus Wien hierher in die Natur zu transferieren, habe ich mir in der oberen Etage – also im ursprünglichen Mühlraum mit Schüttkasten – einen kleinen Konzertsaal eingerichtet. Oben ist sozusagen das Reich der Musik, unten sind meine Felder, meine Tiere und mein biologischer Gemüseanbau. Heute kann man Biogemüse ja schon in jedem Supermarkt kaufen, aber damals war das doch etwas Besonderes … Und wer weiß? Vielleicht ist das ja ein Teil des Geheimnisses, warum ich bis heute so prima beisammen bin?!

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Meine Passion für das Landleben hatte sich auch bei meinen Sänger- und Schauspielkollegen herumgesprochen. Sie wussten, dass ich in meiner Mühle Bäuerin aus Liebe war – und hier nicht nur Getreide und Gemüse angebaut wurde, sondern dass ich auch Tiere hatte. So ergab es sich, dass ich immer wieder gefragt wurde: »Kannst du vielleicht ein Kaninchen nehmen? Meine Kinder haben es sich sehnlichst zu Ostern gewünscht, aber jetzt bleibt die ganze Arbeit an mir hängen …« Also habe ich das Kaninchen genommen, dann einen Hamster, bald darauf ein Meerschweinchen, eine Katze, einen Hund … In dieser »Tonart« ging es auch auf dem Land weiter. Leute kamen mit sehr alten oder halb verhungerten Tieren zu mir, und die Stallungen mussten von Jahr zu Jahr vergrößert werden. Bald hatte ich auch Esel und Pferde in meiner Menagerie.

Bei so vielen Tieren ist die Heuernte natürlich besonders wichtig. Und da konnte es schon vorkommen, wie gerade letzte Woche, als ich mit meinem Pianisten meine Lieder für das nächste Konzert einstudierte, dass sich draußen plötzlich der Himmel verfinsterte, ich aus dem Fenster blickte und mein erster Gedanke war: »O Gott, das Heu liegt ja noch auf der Wiese!« Im selben Atemzug sage ich zu meinem Pianisten: »Wir müssen abbrechen, ich muss sofort in die Mühle fahren! Das Heu muss eingebracht werden, sonst war die tagelange Arbeit umsonst!« In der Mühle angekommen, erwartete mich bereits mein Verwalter. Alle Anzeichen standen auf Gewitter! Pechschwarze Wolken zogen auf, stürmischer Wind. Buchstäblich in Windeseile und in letzter Sekunde haben wir das Heu trocken in die Scheune gebracht, ehe es wie aus Kannen zu schütten begann. Ein Stoßgebet: »Danke, lieber Gott, dass wir es geschafft haben!«

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Im letzten Jahr war uns der Wettergott gut gesinnt und wir konnten viel entspannter das Heu einbringen.

Am nächsten Morgen konnte ich in Wien die Probe mit meinem Pianisten fortsetzen. Ja, so pendle ich von der Heugabel zur Stimmgabel – oder manchmal auch umgekehrt.

Im Einklang mit der Kunst und der Natur schöpfe ich neue Kräfte.

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»Ruhe ist Glück,
wenn sie ein Ausruhen ist.«

LUDWIG BÖRNE

In meiner Mühle werde ich immer wieder mit dem natürlichen Kreislauf von Werden und Vergehen, von Geburt und Sterben konfrontiert, und zwar auf eine ganz direkte, unvermittelte Art und Weise. Es ist ein besonderes Erlebnis zu beobachten, wie im Frühjahr die Natur erwacht, die grünen Halme des Korns aus der Erde schießen, die Büsche und Bäume austreiben und die ersten Blumen sich zu entfalten beginnen. Auch die Tiere schütteln die Müdigkeit des Winters ab und bekommen ein neues, glänzendes Fell. Im Sommer zeigt die Natur, wie kraftvoll und prächtig sie sein kann, bis dann im Herbst, wenn die Tage immer kürzer werden und die Natur zu welken beginnt, sich überall schon die Ahnung der Wintermüdigkeit einschleicht … Dieser jährliche Wechsel, bei dem die Schönheit der Natur in jedem Frühling wiedergeboren erscheint, zählt zu den großen Mysterien unserer Schöpfung. Da ist der Rosenstrauch voller Knospen, die eines Tages aufbrechen, erblühen, sich entfalten – und vergehen, um im nächsten Jahr in der gleichen Schönheit wieder zu erstrahlen.

Manchmal denke ich, wieso können wir Frauen nicht auch wie die Rosen Jahr für Jahr in der gleichen Schönheit neu »erblühen«?