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GRISCHKA
VOSS

Wer nicht kämpft,
hat schon verloren

Erinnerungen
eines Gauklerkindes

Mit 67 Abbildungen

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Bildnachweis

Alle Abbildungen aus dem Privatarchiv der Autorin, außer S. 183 und 184 sowie 191 und 192: Herzlichen Dank dafür an Klaus Vyhnalek und Günter Macho!

Besuchen Sie uns im Internet unter: amalthea.at

© 2017 by Amalthea Signum Verlag, Wien

Alle Rechte vorbehalten

Umschlaggestaltung: Elisabeth Pirker/OFFBEAT

Umschlagfotos: Privatarchiv Grischka Voss

Lektorat: Maria-Christine Leitgeb

Herstellung und Satz: VerlagsService Dietmar Schmitz GmbH, Heimstetten

Gesetzt aus der 11,35/13,9 pt Chaparral Pro

Designed in Austria, printed in the EU

ISBN 978-3-99050-105-4

eISBN 978-3-903083-83-7

Für meinen Sohn Emil
und Markus

Inhalt

Prolog

I Frühe Kindheit

München

Stuttgart

Bodensee

China

II Lebenswege

Bochum

Wien

New York

Rückkehr nach Wien

Mein Weg

III Loslösung und Sterben

Mein Vater

Meine Mutter

Wiederauferstehung

Epilog

Personenregister

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Ich mit »Grischka«-T-Shirt und meine Mutter im Jahr 1975

Prolog

Angefangen hat es schon einmal damit, dass ich keinen richtigen Namen habe … Bis zu meinem sechsten Lebensjahr war mein Vorname – und daran bestand für mich kein Zweifel – Grischka, was wohl auf eine intuitiv-romantische Entscheidung meiner Eltern im Geiste der Siebzigerjahre, genau genommen, des Jahres 1969 zurückgeht. Mit Schulbeginn habe ich dann erfahren, dass ich laut Geburtsurkunde Christina Marion heiße. Zu alledem war auch mein Nachname aufgrund einer Beamtenschlamperei falsch geschrieben, nämlich Voß. Ich gehörte also nicht einmal zur selben Familie wie meine Eltern …

Damals durfte man seine Kinder noch nicht auf poetische Namen wie Majolie oder Bluesky taufen, daher haben meine Eltern wohl hektisch im Namensregister geblättert und sind gerade einmal bis zum Buchstaben C wie Christina (die Christliche) gekommen. Marion haben sie mich nach der Mutter meines Vaters benannt.

Von einem Tag auf den anderen wurde ich nun mit einem mir völlig fremden Namen gerufen, und meine Mutter verwendete ihn ab diesem Zeitpunkt, wenn sie besonders wütend auf mich war, quasi als Schimpfwort. Eine Zeit lang kämpfte ich noch verzweifelt um meinen richtigen Namen. Ich bastelte mir zum Beispiel T-Shirts, auf denen Grischka stand, aber irgendwann wurden mir die ewig gleichen Fragen – »Ja, aber wieso heißt du dann Christina im Pass und was ist Krisska für ein komischer Name? Man kann ihn ja nicht einmal aussprechen!« – zu dumm.

Ich gründete den sogenannten inneren Kreis von Menschen, die mich Grischka nannten und mir sehr nahestanden, Familienmitglieder etwa oder Theaterfreunde, und den sogenannten äußeren Kreis, der aus Menschen bestand, mit denen ich amtlich, gewissermaßen also offiziell verkehrte, Mitschüler etwa, Lehrer, später auch Kollegen und Arbeitgeber.

Als ich sechzehn Jahre alt war, schenkte mir ein Freund das Buch Grischka und sein Bär, und ich erfuhr, dass Grischka die Koseform des russischen Namens Grigori war, eines Männernamens also. Nach dem Tod meiner Eltern im Jahr 2014 entdeckte ich beim Räumen ihres Hauses einen kleinen Ordner, in dem meine Großmutter Marion alle Briefe meiner Eltern aufbewahrt hatte. In diesen Briefen fand ich endlich die Bestätigung für ein Gefühl, das mich zeitlebens begleitet hatte: Ich hätte eigentlich ein Sohn werden sollen. Ich hatte also nicht nur keinen richtigen Vornamen, sondern auch noch das falsche Geschlecht!

Mein Vater schrieb am 4.3.1969 in Braunschweig an seine Mutter Marion:

Liebstes Muggelchen!

Vergiss nie, dass wir deinen Rat immer brauchen und die Heimat, die du uns gibst! Wir brauchen dich unendlich!

Der Mümmelmann bekommt die wunderbarste Großmutter der Welt! Und wir beide haben die wunderbarste und liebste Mutter der Welt in dir! So ein kleines Kerlchen würde eigentlich gerade noch zu unserer kleinen Familie passen. Er soll Kai Oliver heißen oder Marc Oliver, wenn er ganz dunkle Haare haben sollte …

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Brief meines Vaters

Meine Mutter schrieb ihr am 20.3.1969:

Mein liebes Muggelchen!

Inzwischen geht es mir wieder sehr gut, ich stehe schon wieder nachts auf, um nochmals zu futtern. Der Mümmelmann wird also die Woche Hungerkur in einigen Tagen wieder überstanden haben. Zum Glück kann man sich auf die Plazenta verlassen, und ich brauche mich nicht zu sorgen, dass der Mümmelmann irgendwelche Krankheitskeime abbekommen hat. Außerdem strampelt er so ungestüm, dass es ihm bestimmt gut geht …

Mein drittes Problem zeigte sich bereits im Sandkasten: Ich war ein Kind, das sich ungerührt von anderen Kindern das Spielzeug aus der Hand reißen ließ und dabei weder weinte, noch wütend wurde, geschweige denn das Eigentum zurückholte. Vielmehr schaute ich eine Weile mit großen, überraschten Augen herum und suchte mir dann genügsam, wie ich war, etwas Neues zum Spielen. Man könnte also sagen, mir fehlte angeborenerweise der Selbstverteidigungstrieb oder die Fähigkeit, mich abzugrenzen. Großartige Voraussetzungen für das Leben in einer Leistungsgesellschaft!

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Ich bei der Buchauswahl, München 1971

I Frühe Kindheit

München

Ich habe die Siebzigerjahre als eine Zeit wahrgenommen, in der alle Erwachsenen zutiefst politisch waren, ständig diskutierten, viel lasen, demonstrierten und sehr aufgeregt waren. Meine früheste Erinnerung: Als fast Dreijährige wurde ich auf dem Balkon vom Enthusiasmus der vorbeiziehenden Demonstranten mitgerissen und stimmte, so laut ich konnte, begeistert in das Ho-Ho-Ho-Chi-Minh unten auf der Straße ein. Schon sehr früh interessierte ich mich auch für Bücher. Ich war leidenschaftliche Daumenlutscherin, und wenn mein Böti, eine alte zerfetzte Stoffwindel, in der Wäsche war, räumte ich großflächig die Bücherregale meiner lesebegeisterten Eltern leer und wählte meine nächste Lektüre, indem ich eine Seite aufschlug, eine Ecke abriss, über meinen Daumen faltete und sie las, respektive abnuckelte.

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Beim »Lesen«

Mein Vater fristete nach Engagements in Konstanz und Braunschweig relativ frustriert eine Spielzeit am Residenztheater in München. Während draußen beinahe täglich gegen die Vietnampolitik demonstriert wurde, fanden im Theater hitzige Auseinandersetzungen zwischen Bühne und Zuschauerraum statt. Das Publikum forderte progressives Theater.

Eines Tages brachte mein Vater eine Schachtel mit einem Hundebaby nach Hause. Jemand hatte sie einfach im Garderobengang abgestellt, mit einem Zettel, auf dem »Bitte mitnehmen!« stand. Sofort nahm ich mich des Hundebabys an und taufte es auf den Namen Übü. Im Prinzip nannte ich zu dieser Zeit alles Übü, weil ich das Wort Rüssel noch nicht sagen konnte und geradezu besessen von Elefantenrüsseln war …

Durch Übü bekam ich zumindest für ein Jahr – danach wurde er zu meiner größten Empörung von meinen Eltern weggegeben, weil in der nächsten Wohnung, die wir im Begriff waren zu beziehen, Hunde verboten waren – einen Eindruck, wie sich das Leben mit einem Geschwisterchen anfühlen würde. Übü, eine wilde Mischung aus Chow-Chow, Schäferhund und noch einigem mehr, brachte regelmäßig meine mühevoll errichteten und fein ausbalancierten Holzklötzchentürme zum Einsturz, woraufhin ich als Vergeltungsmaßnahme stets sein gesamtes Feuchtfutter herunterwürgte. Ich knabberte übrigens auch mit Begeisterung die säuerlich schmeckenden Schwefelköpfe von Streichhölzern ab – ganze Schachteln voll, mit Übü unter dem Tisch sitzend, während die Erwachsenen über uns langweilige Sachen diskutierten.

Nicht selten brachte Übü meine Mutter und mich in Situationen, in denen wir von aggressiven Passanten beinahe körperlich angegriffen wurden. Er hatte die Angewohnheit, mit einem extralangen Stock im Maul zwischen den Beinen der Fußgänger hindurchzurennen und sie mit gezielten Stockschlägen in die Kniekehle reihenweise zu Fall zu bringen. Nicht gerade sehr höfliche Bayern schrien uns »Sie Wühdsau!« hinterher. Wurden wir zusätzlich auch noch verfolgt, schnappte mich meine Mutter schnell und rannte mit uns in den schützenden Englischen Garten. Während meine Mutter einmal versuchte, Übü den Stock zu entreißen, nützte ich die Zeit dazu, mir so viele Vogelbeeren wie nur irgend möglich in die Nase zu stopfen. Der Ausflug endete mit meiner ersten Blaulichtfahrt ins Krankenhaus …

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Meine Eltern und Übü, München 1971

Stuttgart

1972 zogen wir nach Stuttgart um. Übü kam auf einen Bauernhof, wo ihm ein Jahr später eine Kuh das Genick brach.

Mein Vater war vom umstrittenen, weil als zu unpolitisch geltenden Hans Peter Doll engagiert worden, und ich machte die Bekanntschaft mit für mich zutiefst beeindruckenden Schauspielerpersönlichkeiten wie Kirsten Dene, Lore Brunner, Therese Affolter, Branko Samarovski, Peter Sattmann, Traugott Buhre, Edith Heerdegen und Martin Schwab, der mich mit seinen weißen Synthetikrollkragenpullovern irgendwie immer an Cary Grant erinnerte …

Komischerweise wurde ich ausgerechnet in einen katholischen Nonnenkindergarten geschickt, obwohl meine Mutter Nonnen hasste und, wie sie mir am Höhepunkt meiner Engelverehrungsphase mitteilte, eine erklärte Atheistin war und an Engel schon gar nicht glaubte. Sie hatte selber eine katholische Nonnenschule besucht und einschlägige Erfahrungen gesammelt. Aber der Kindergarten war zu Fuß von unserer Wohnung leicht zu erreichen, man musste einfach nur die Treppen hinunterlaufen – in Stuttgart befand sich alles entweder oben auf einem Berg oder unten im Tal.

Bereits an meinem ersten Kindergartentag beschloss ich kurz vor dem Mittagessen, dass dies nicht der passende Ort für mich war. Die seltsamen Kopfbedeckungen der Nonnen, die nicht nur die Haare verhüllten, sondern auch das Gesicht nur eingeschränkt freigaben, waren mir suspekt, außerdem fand ich, dass die Pinguinfrauen gemein funkelnde, kleine Äuglein hatten. Lächelnd, aber bestimmt nahmen sie mir das Spielzeug, mit dem ich gerade beschäftigt war, aus der Hand, da sie befanden, dass nun Zeit für das Mittagsgebet und das Mittagessen war. Die freundliche Art, mit der sie das sagten, war für mich leicht zu durchschauende Verlogenheit, hinter der ich das Schlimmste vermutete. Abgesehen davon beteten wir zu Hause nie und Hunger hatte ich auch gerade nicht. Ich lächelte genauso verlogen zurück, gab ihnen die Spielsachen und teilte ihnen freundlich mit, ich müsse noch auf die Toilette, um meine schmutzigen Hände zu waschen. Immer noch lächelnd, zog ich mich langsam in den Vorraum zurück, wo sich die Toiletten befanden, wartete, bis ich nicht mehr beobachtet wurde, schlüpfte geräuschlos durch die Eingangstür in den Garten und kletterte beherzt und unbemerkt über den Zaun und marschierte nach Hause. Meine Mutter war sehr überrascht, als ich plötzlich klingelte und freudig »Bin da-a!« durch die Gegensprechanlage piepste. Sie fragte, was denn geschehen sei. Nach meiner dramatischen Schilderung der empörenden Ereignisse wurde sie furchtbar wütend, nahm mich an der Hand und wir gingen zurück zum Nonnenkindergarten. Ich wurde erstmals Zeuge, wie meine Mutter jemanden wegen mir regelrecht zur Sau machte, wie man so schön sagt. Sie schrie sich, glaube ich, ihren ganzen Kindheitsärger über katholische Nonnen, gepaart mit der Wut, weil man ihr Kind nicht gut betreut hatte, von der Seele. Die Pinguinfrauen blickten mit verschreckten Maulwurfsäuglein zu Boden und machten verbissen lächelnde Mündchen.

Daraufhin kamen meine Eltern zu der Ansicht, ich sei hochsensibel, und meldeten mich in einem Waldorfkindergarten an. Dort blieb ich freiwillig.

Kabale und Liebe (1973) war mein erster Theaterbesuch. Ich war vier Jahre alt und derart begeistert, meinen Vater auf der Bühne zu sehen, dass ich mich nach nur wenigen Minuten auf den Klappstuhl stellte, in Windeseile splitternackt auszog und meine Kleider ins Publikum schleuderte, weil mir vor Aufregung so heiß geworden war.

Im Herbst 1975 übernahm Claus Peymann die Intendanz am Staatstheater Stuttgart, und ich kam in die Freie Waldorfschule am Kräherwald, gewissermaßen also in den Adlerhorst der Waldorfschulen. Auch hier machte ich bereits am ersten Tag einen Abgang. Nach der Begrüßungsfeier, bei der jeder Erstklässler eine Sonnenblume von einem Abiturienten überreicht bekam, beschloss ich, dass es nun genug mit der Schule war und trottete nicht brav mit den anderen Schulanfängern in die erste Klasse, sondern überredete ein kleines Mädchen, mit mir abzuhauen und ein Eis essen zu gehen. Als wir eineinhalb Stunden später mit eisverschmierten Gesichtern zur Schule zurückschlenderten, weil wir dort von den Eltern abgeholt werden sollten, erwarteten uns vier Polizeibusse und ein Suchtrupp mit Hunden. Im benachbarten Kräherwald waren des Öfteren Kinder verschwunden. Wir blickten in eine Runde von etlichen besorgten Lehrern, Mitschülern und völlig aufgelösten Eltern.

Als Initiatorin dieser Missetat musste ich zum Schulleiter. Gemeinsam mit meiner Mutter stieg ich die knarzende Holztreppe des alten ehrwürdigen Schulgebäudes für die Oberstufe hinauf, wo sich – logischerweise ganz oben – das Büro des Direktors befand. Er wirkte sehr ausgezehrt, blickte mich ernst an und begann mir ins Gewissen zu reden. Wie immer, wenn mich etwas emotional überforderte, senkte sich in meinem Inneren ein dickes Eisentor. Ich hörte zwar peripher zu, war aber innerlich vollkommen distanziert und zog mich in eine meiner Fantasiewelten zurück. Erholt und gestärkt kehrte ich daraus zurück, als mich meine Mutter mit dem Ellbogen anstieß. Lächelnd schüttelte ich die knochige Hand des Direktors und nickte. Das schien mir in diesem Moment angebracht. Im Treppenhaus blieb meine Mutter plötzlich stehen, zog die Augenbrauen nach oben und sah mich fragend an. Ich grinste, senkte den Blick und sagte: »Tut mir leid …!« Ich dachte, wir könnten jetzt endlich nach Hause gehen, aber weit gefehlt. Da ich dem Direktor ja nicht zugehört hatte, wurde ich nun von meiner Mutter über den nächsten Programmpunkt aufgeklärt. Ich musste mich bei jedem meiner neuen Lehrer vorstellen, ihm die Hand geben – ein geradezu exzessiv betriebenes Ritual aller Anthroposophen – und mich entschuldigen. Das Ganze in einem unvergesslichen Outfit, einem schwarzen Samthosenanzug, der mir eigentlich schon zu klein war. Meine Omi mütterlicherseits, die wegen Geldmangels meine gesamte Garderobe strickte und nähte und dabei immer nur Reste verarbeitete, was gelegentlich zu äußerst gewagten Farbkombinationen führte, hatte an den zu kurz gewordenen Ärmeln und Beinen meines Hosenanzugs rotweiß geblümten Stoff angestückelt.

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Erster Schultag in Omis Hosenanzug, Stuttgart 1975

Natürlich wollte ich nach diesem Einstand erst einmal raus aus dem Rampenlicht, was sich als schwierig herausstellte, da ich damals eines der wenigen Einzelkinder war, und das an einer Waldorfschule, wo die Durchschnittsfamilie vier bis fünf Kinder hatte. Einzelkinder waren dort eine suspekte, als bösartige Egoschweine verschriene Minderheit. Folglich antwortete ich auf die Frage meiner Mitschüler, ob ich noch Geschwister hätte, mit: »Ja, aber meine beiden älteren Brüder sind gerade bei einem schweren Verkehrsunfall gestorben!« Daraufhin wurde meine Mutter mit zahllosen Beileidsanrufen bombardiert. Meine kleine Geschichte flog auf und ich galt von da an nicht nur als Schulschwänzerin, sondern auch noch als Lügnerin.

Auch wenn ich kaum die Fähigkeit besaß, mich selbst zu verteidigen, war mein Bedürfnis, anderen zu helfen und sie zu beschützen, sehr groß. Kurz gesagt, ich hatte einen ausgeprägten Messiaskomplex. Stets kümmerte ich mich aufopfernd um jedes welke Pflänzchen, jedes verwundete Tier oder unbeliebte Kind – später kamen dann noch Männer dazu … Meine besten Freunde waren stets sehr schüchterne, skeletthaft dünne Mädchen oder Jungen, die sonst keine Freunde hatten, oder Brillenträger mit chronischem Mundgeruch, Sommersprossen und roten Haaren, im besten Fall waren sie auch noch Vollwaisen, die bei ganz strengen Zieheltern lebten.

Ich werde nie den stoischen Gesichtsausdruck des entführten Industriellen Hanns Martin Schleyer vergessen (1977 ). In regelmäßigen Abständen wurden in den Nachrichten Fotos von ihm gezeigt, mit einem demütigenden Schild um den Hals, auf dem die Anzahl der Tage seiner RAF-Gefangenschaft stand. Die Gefasstheit, mit der Schleyer in einer Videobotschaft den Staat anklagte, ihn einfach zu opfern, wühlte mich entsetzlich auf. Drei Tage vor seiner Ermordung richtete sein ältester Sohn einen verzweifelten Appell an Helmut Schmidt und die Regierung, den Forderungen der Geiselnehmer doch nachzugeben. Es zerriss mir beinahe das Herz vor Mitleid.

Das Gefühl der Ohnmacht im Angesicht einer derart dramatischen sozialen und politischen Entwicklung, die in einer Katastrophe zu enden drohte, gehört sicher zu den prägendsten Erfahrungen meiner Kindheit. 1972 waren die Anführer der Roten Armee Fraktion, Andreas Baader, Gudrun Ensslin, Ulrike Meinhof, Holger Meins und Jan-Carl Raspe, wegen mehrfachen Mordes und Bombenanschlägen in Kaufhäusern und auf das Axel-Springer-Hochhaus verhaftet worden. Überall an den Stuttgarter Hauswänden prangte das RAF-Symbol und verbreitete eine angstvolle und aufgebrachte Stimmung unter der Bevölkerung. Die Stuttgarter schienen in zwei Lager gespalten zu sein, und es fanden regelrechte Generationenschlachten statt zwischen Studenten und jungen Leuten wie auch meinen Eltern und deren Eltern, die mit Vergangenheitsbewältigung beziehungsweise mit der Verdrängung derselben kämpften und sich in ihrem konservativen, materialistischen Weltbild bedroht sahen.

In den Nachrichten wurde über den Bau des neuen Gerichtsgebäudes berichtet, das extra für den Baader-Meinhof-Prozess neben dem Gefängnis in Stuttgart Stammheim errichtet worden war. Der Gerichtssaal hatte keine Fenster und Wände aus rohem Beton, er wurde mit Neonlicht beleuchtet, über den Hof war ein Stahlnetz gezogen worden, weil man Angst vor Befreiungsversuchen aus der Luft hatte. Immer wieder hörte man von unwürdigen Haftbedingungen. Holger Meins, einer der angeklagten Terroristen, trat in den Hungerstreik und starb noch vor Prozessbeginn an den Folgen. Das Bild seines bis aufs Skelett abgemagerten Körpers hat sich tief in meine Erinnerung eingegraben. Es hieß, die Inhaftierten würden durch Isolationshaft gequält und gedemütigt. Gleichzeitig begingen die RAF-Mitglieder der sogenannten zweiten Generation ein Terrorverbrechen nach dem anderen, um die Gefangenen freizupressen. Vertreter des Staates und der Wirtschaft, etwa Siegfried Buback und Jürgen Ponto, wurden regelrecht hingerichtet, Bombenanschläge folgten und das Flugzeug Landshut wurde entführt. Beinahe täglich waren die Menschen – so auch ich – hin- und hergerissen zwischen Mitleid mit den Terroristen, Entsetzen über ihre brutalen Morde und tiefem Mitgefühl für die Angehörigen der Opfer.

Nach dem Sandmännchen um 19 Uhr setzte sich mein Vater jeden Abend zu mir vor den Fernseher in Erwartung der Tagesschau. Wir hatten uns dafür ein nervenaufreibendes Ritual zurechtgelegt: Beide zogen wir die schlimmsten Grimassen, und zwar bis kurz vor dem Gong, mit dem die Tagesschau um 20 Uhr begann. Wenn man die Grimasse bis über den Gong hinaus beibehielt, blieb sie für immer und ewig im Gesicht haften – behauptete mein Vater zumindest …

Im Jahr 1975 begann der Stammheim-Prozess. Man sah eine Heerschar von Polizisten auf dem Gelände des Gerichtsgebäudes, das an eine Festung erinnerte. Die Richter ließen sich von den Beschimpfungen seitens der Angeklagten provozieren, das Verfahren selbst hatte eine Art polizeistaatlichen Charakter, was den Vorwurf der Angeklagten diesem Staat und seiner Justiz gegenüber nur bestätigte, angefangen von den sogenannten Zwangsverteidigern und haftbedingten Gesundheitsschäden. Ein Jahr nach Prozessbeginn erhängte sich Ulrike Meinhof in ihrer Zelle. Es wurde bekannt, dass Briefe zu den anderen Gefangenen durchgelassen worden waren, die Stricke enthielten und die Aufforderung, das Gleiche zu tun.

Der Rechtsanwalt und spätere Politiker Otto Schily bezeichnete das Verfahren damals als »systematische Zerstörung aller rechtsstaatlichen Garantien«.

Im Deutschen Herbst 1977 überschlugen sich die Katastrophen und gipfelten in der Befreiung des entführten Flugzeugs Landshut in Mogadischu durch ein Kommando der GSG9, einer Spezialeinheit der deutschen Bundespolizei. Noch in derselben Nacht nahmen sich Andreas Baader, Gudrun Ensslin und Jan-Carl Raspe das Leben – ein bis heute von Mordtheorien umranktes Ereignis – und das Entführungsopfer Hanns Martin Schleyer wurde erschossen. Nur wenige Tage danach sah man Bilder von Helmut Schmidt bei seiner Trauerfeier. Schmidt, der Mann, der hart geblieben war und sich von den Terroristen nicht in die Knie hatte zwingen lassen. So charismatisch ich den kettenrauchenden Politiker auch immer gefunden habe, so sehr hasste ich ihn damals – als Achtjährige – für seine Härte.

Die Folge all dieser Ereignisse war eine regelrechte Hetzjagd nach geistigen Helfern des Terrors und seinen Sympathisanten. Die machte naturgemäß auch nicht vor dem Theater halt, dem Ort, wo ja angeblich Menschen ohne Moral ihr Unwesen trieben, Orgien feierten, dem Alkohol und Drogen frönten, provozierten und politisch verdächtig waren. Aus diesem Grund wurde ich als Kind übrigens so gut wie nie zu Geburtstagspartys eingeladen. Claus Peymann war wegen seines politisch engagierten Spielplans ohnehin suspekt, zusätzlich hatte er aus Mitleid einhundert D-Mark für die Zahnbehandlung der inhaftierten Terroristen gespendet. Sein Kopf wurde als einer der ersten gefordert, er blieb jedoch, wie damals auch Helmut Schmidt, hart und war bis zum Ende seiner Spielzeit im Jahr 1979 Intendant des Stuttgarter Staatstheaters. Dennoch nahmen ihn diese Anfeindungen, glaube ich zumindest, sehr mit: Ich erinnere mich an ihn in dieser Zeit als einen an ein trauriges Walross gemahnenden, schnurrbärtigen Mann, der sich ab und an auf dem Schoß von Frauen sitzend – ich kannte es bis dato nur umgekehrt – trösten ließ. Jedenfalls tat er mir sehr leid.

Mit einem Mal waren alle, die mit dem Theater zu tun hatten, verdächtig. Meine Mutter und ich wurden einmal, nachdem wir meinen Vater ins Theater begleitet hatten, beim Spaziergang über den Rasen des Stuttgarter Schlossparks plötzlich von zwei bedrohlich wirkenden Männern, die wie aus dem Nichts aufgetaucht waren, flankiert. Sie drängten sich zwischen meine Mutter und mich und wollten von meiner Mutter wissen, woher sie käme, wohin sie wolle, und forderten ihren Ausweis. Wir waren beide furchtbar erschrocken und hatten Angst. Meine Mutter begann aggressiv zu werden, fragte, wer die Herren seien und was das solle. Die Männer behaupteten, Polizisten in Zivil zu sein. Meine Mutter forderte sie dazu auf, ihr erst einmal ihre Polizeiausweise zu zeigen, was sie nicht taten. Meine Mutter selbst hatte keinen Pass bei sich, nur ihren Studentenausweis. Der gelte nicht, sagten die Männer und packten sie rechts und links am Arm. Sie schrie, man solle sie gefälligst loslassen. Die Männer antworteten, sie müsse mit aufs Revier, bis jemand mit ihrem Pass dorthin käme. Meine Mutter wiederum schrie, dass das gänzlich unmöglich sei, und bat sie, wenigstens das Kind in Ruhe zu lassen. Als die Männer infrage stellten, ob ich überhaupt ihr Kind sei und nicht vielleicht eine Tarnung, geriet ich in Panik und bekam Angst, die Männer würden meine Mutter einfach verschleppen und mich alleine im dämmrigen Park zurücklassen. Ich fing an zu weinen und rief laut: »Hilfe, die nehmen meine Mama mit!« Das wurde den Herren rasch unangenehm, weil nun auch erste Spaziergänger stehen blieben. Sie ließen meine Mutter los. Einer der Spaziergänger kam näher und fragte, was da los sei. Ich schluchzte und erklärte ihm, dass sie meine Mutter wegbringen wollten. Auch meine Mutter fing an zu weinen. Der Spaziergänger forderte die Männer daraufhin auf, sich auszuweisen, und fragte, was sie denn von meiner Mutter wollten. Ihm zeigten die Männer ihren Polizeiausweis sofort und antworteten, meine Mutter sei wahrscheinlich eine gesuchte Terroristin und leiste Widerstand gegen die Staatsgewalt, man müsse sie daher mitnehmen und ihre Personalien überprüfen. Ich weinte vor Angst und Empörung, dass meine Mutter eine Verbrecherin sein sollte und eingesperrt würde, noch lauter. Unangenehm berührt von meinem Geheule, lenkten die Männer etwas ein und fragten, ob meine Mutter freiwillig mitkommen würde auf die Wache. Sie dürfe dann auch jemanden anrufen, der sie legitimieren könne. Ich packte ganz fest die Hand meiner Mutter und war mir in diesem Moment ganz sicher, dass ich sie gerettet hatte.

Die Eltern meiner Mutter waren gerade bei uns zu Besuch, und als schließlich mein Opa mit dem Pass und seiner Aura als Berufssoldat in beigem Kurzarmhemd, Bügelfalten-Shorts, weißen Socken und beigen Leisetretern (meine Bezeichnung für unerotische Kreppsohlenschuhe) in Erscheinung trat, galten wir sofort wieder als ordentliche Staatsbürger und durften gehen.

Ich mochte meinen Opa nicht besonders, weil er ein Grapscher war, und hätte ihm am liebsten gegen das Schienbein getreten, als er meiner Mutter vorwarf, man gehe auch nicht einfach so verlottert gekleidet – sie trug Jeans, Stiefel, ein altes Hemd meines Vaters, eine Schafwollweste und eine Kassenbrille – über einen Rasen, noch dazu ohne Handtasche!

Kurz darauf konnte ich auch meinen Vater aus einer ähnlich prekären Situation retten. Wiederum weinte ich lauthals … Wir waren gerade in der Lebensmittelabteilung eines Kaufhauses einkaufen oder besser gesagt klaufen, wie es familienintern genannt wurde. Da meine Eltern fast kein Geld hatten, war es absolut üblich, dass das eine oder andere Lebensmittel einfach geklauft wurde, meine Lieblingswurst, die Gelbwurst, etwa. Ich war darauf trainiert, sie in Windeseile auf dem Weg zur Kasse hinunterzuschlingen und den Wurstzettel dezent verschwinden zu lassen. Auch für meine Versorgung mit Süßigkeiten war ich selbst verantwortlich. Meine Spezialität waren gezuckerte Erdbeeren, die innen aus einer Art Marshmallowteig bestanden. Nach dem Vertilgen der ganzen Tüte war mir regelmäßig kotzübel. Auch Spielsachen wie zum Beispiel klitzekleine Gabeln und Messer für meine Puppenstube oder ähnliche Accessoires fanden ihren Weg in meine Hosentasche. Meine Technik war zwar extrem auffällig, aber immer erfolgreich. Ich stellte mich vor das Objekt der Begierde, betrachtete es lange, nahm es in die Hand, legte es wieder zurück, schaute wieder, nahm es erneut in die Hand und wiederholte diesen Vorgang etliche Male. Irgendwann ließ ich es dann einfach in der Hand und tat nur so, als würde ich es zurücklegen. Das heißt also, meine Technik bestand im langsamen Ermüden eines etwaigen Beobachters, bis dieser irgendwann gelangweilt wegschaute … Meine Mutter hingegen steckte die geklauften Sachen einfach in ihre riesige Handtasche, mein Vater ließ die Beute durch die stets löchrigen Taschen seiner Jacken oder seines braunen Plüschmantels ins Futter gleiten.

Es war kurz vor Weihnachten. Mein Vater hatte das Bedürfnis, ein paar Schweinereien, wie er sagte, für Weihnachten zu klaufen, die selbstverständlich nicht im Budget waren, wie eine kleine Entenleberpastete oder – noch kurz vor der Kasse – ein Döschen Billig-Kaviar. Plötzlich trat ein Mann an uns heran, sagte leise zu meinem Vater, er sei Ladendetektiv und hätte ein paar Fragen an ihn. Wir sollten ihm bitte folgen, er könne jedoch auch gleich die Polizei rufen, wenn mein Vater das wolle. Das war ein überzeugendes Argument und wir trotteten bedrückt hinter dem Ladendetektiv her. Ich nahm die Hand meines Vaters, um ihm zu zeigen, dass ich bei ihm war. Wir nahmen in einem kleinen Büro im Lagerbereich der Lebensmittelabteilung an einem grauen Tisch Platz. Der Mann betrachtete uns beide. Es war ihm sichtlich unangenehm, dass ein Kind anwesend war. Mit leiser Stimme erklärte er, er habe genau gesehen, dass mein Vater eine kleine Kaviardose eingesteckt hatte. Mein Vater blickte zu Boden und seufzte. Ich spürte, jetzt war der Moment, um mit dem Weinen anzufangen. Das tat ich auch, und es fiel mir nicht schwer, denn mir war wirklich zum Weinen zumute, schließlich wusste ich ja bereits, dass man ins Gefängnis kam, wenn man seine Schulden nicht bezahlen konnte. Nun blickte der Ladendetektiv zu Boden. Ich drückte noch fester die Hand meines Vaters und sah ihn an. Er versuchte zu lächeln, was ihm nicht besonders gut gelang. Dann fixierte ich mit zitternder Unterlippe den Detektiv. Schließlich zog er scharf die Luft ein und murmelte: »Also sagen wir, Sie geben mir jetzt 20 D-Mark bar auf die Hand und wir vergessen die Sache – wegen dem Kind!« Mein Vater sagte leise ja, kramte aus der Brusttasche einen zerknitterten Zwanzig-Mark-Schein, legte ihn auf den Tisch – und dann passierte das unfassbar Schreckliche. Mein Vater stand abrupt auf und alle geklauften Waren im Futter seines braunen Plüschmantels purzelten durcheinander. Es machte ein ohrenbetäubendes Klonk! Wir erstarrten alle drei. Geschockte Blicke wanderten zwischen mir, meinem Vater und dem Ladendetektiv hin und her. Eine gefühlte Ewigkeit bewegte sich keiner. Dann sog der Detektiv ganz viel Luft durch die Nase ein und ließ sie mit einem scharfen Geräusch wieder entweichen. »Gehen Sie einfach – jetzt – auf der Stelle!«, zischte er uns an. Wir marschierten schnurstracks aus dem Büro, grußlos, ohne uns auch nur ein einziges Mal umzusehen bis hinaus auf die Straße. Ich hielt immer noch die Hand meines Vaters fest umklammert, drehte langsam den Kopf zu ihm und lächelte triumphierend. Er sagte nur »Mensch, Grischi!« und drückte meine Hand. Seit diesen beiden Erlebnissen fühlte ich mich als die Retterin meiner Eltern aus allen Lebenslagen. Dieses Gefühl hat mich bis zu ihrem Tod nie wieder verlassen.

Meine Mutter hatte die Angewohnheit, Rechnungen auf einen Haufen zu legen, über den sie dann, verschmitzt lächelnd, andere Papiere stapelte, mit dem Satz: »So, jetzt sieht man sie nicht mehr und muss sie auch nicht bezahlen!« Einmal kam ein Polizist zu uns nach Hause. Es ging um einen Strafzettel und um etliche Mahnungen. Meine Mutter, die etwas cholerisch veranlagt war, fing sofort einen Streit mit dem Polizisten an, sagte, es sei einfach eine Unverschämtheit, Strafzettel auszustellen, sie werde sie aus Prinzip nicht bezahlen. Ich hatte wieder einmal Sorge, dass wir in Schwierigkeiten kämen. Der Polizist drohte mit Gerichtsvollzieher und Pfändung oder Gefängnis. Irgendwie dachte ich, dass Weinen diesmal nicht das Richtige wäre, und rannte in mein Zimmer, wo meine erst ein paar Wochen alte graue Katze Micky schlief. Behutsam trug ich sie ins Esszimmer, wo meine Mutter und der Polizist immer heftiger stritten. Der Polizist hatte seine Mütze vor sich auf dem Tisch liegen. Ich setzte meine Katze in die Mütze, woraufhin sie sich sofort gemütlich einrollte. Der Polizist betrachtete die kleine Katze, dann blickte er zu mir. Ich warf ihm einen flehentlichen Blick zu, nahm seine Hand und legte sie auf die kleine Katze. Micky schmiegte sich sofort an ihn und begann freudig, ihr Köpfchen an seinen Fingern zu reiben. Der Polizist musste kapitulieren und schmolz dahin. Er sah meine Mutter an und sagte: »Gut, dann vergessen wir die Mahnungen, und Sie bezahlen mir jetzt auf der Stelle den Strafzettel!« Zu meinem größten Entsetzen entgegnete meine Mutter bockig: »Ich habe aber kein Bargeld!« Schnell schob ich meinen Stuhl neben den Polizisten, setzte mich dicht neben ihn, streichelte meine Katze und sah ihn mit großen, um Verständnis bittenden Augen an. Schließlich schickte er meine Mutter zur Bank, und ich beantwortete brav seine infantilen Fragen, bis meine Mutter mit dem Geld zurückkam.

Die ständig drohenden Existenzsorgen bewirkten, dass ich an den absurdesten Stellen in meinem Zimmer Ersparnisse versteckte, stets sämtliche Geldgeschenke von Verwandten hortete und mit Freunden auf der Straße durch den Verkauf von selbst gepflückten Blumensträußchen oder bemalten Steinen Geld verdiente, um im Notfall meine Familie auslösen zu können. Auch versuchte ich, meinen Eltern, die nicht und nicht auf mich hören wollten, das Rauchen abzugewöhnen – einerseits aus gesundheitlichen Gründen, aber auch, weil ich Zigaretten als verzichtbare Ausgabe betrachtete. Aus jeder neuen Schachtel entwendete ich fünf Zigaretten und sammelte sie in einem kleinen Picknickkorb, den ich unter meinem Bett versteckt hatte. Eines Tages, als mein Vater nahe an der Verzweiflung war, weil ihm ausgerechnet an einem Sonntag die Zigaretten ausgegangen waren und der Zigarettenautomat kaputt war – er konnte nur mit Zigarette im Mund Text lernen –, zeigte ich ihm stolz meinen Vorrat. Zu meiner großen Überraschung waren meine Eltern keineswegs gerührt und dankbar über meinen Abgewöhnungsplan, vielmehr bezeichneten sie meine Aktion als blöde Idee und beschlagnahmten den gesamten Koffer. Als besessene Optimistin, die niemals aufgab, war mir sofort klar, dass ich zu drastischeren Mitteln greifen musste. Als meine Mutter einmal ihre brennende Zigarette im Aschenbecher liegen ließ und telefonierend mit dem Apparat in der Hand das Zimmer verließ, schnappte ich mir die Zigarette, steckte sie in den Mund und setzte mich lässig in ihren Sessel. Als meine Mutter zurückkam, sog ich gierig an der Zigarette. Es schmeckte ekelhaft und ich musste furchtbar husten. Meine Mutter fing an herumzufuchteln und deutete mir, ich solle das lassen. Ich fixierte sie, zog wieder an der Zigarette und marschierte provokant rauchend um den Sessel herum, bis sie auflegte und mich durch die Wohnung jagte. Ich fand das sehr lustig. Schließlich erwischte sie mich, nahm mir die Zigarette weg und sah mich besorgt an. Ich verstand erst nicht warum, muss zu diesem Zeitpunkt aber bereits sehr blass gewesen sein, weil ich mich kurz darauf, zuerst noch triumphierend lachend, mehrfach übergab. Trotz meines Einsatzes schafften es meine Eltern noch lange nicht, mit dem Rauchen aufzuhören, aber sie zogen es zumindest in Erwägung.

Wenige Wochen später wurde ich von einem Auto erfasst und entging das erste Mal nur knapp dem Tod. Ich war ohne zu schauen über die Straße gerannt, wurde von einem weißen Pkw angefahren und in die Luft geschleudert. Wie durch ein Wunder landete ich auf dem grasbewachsenen Hang der Böschung und kam mit ein paar Prellungen davon. Dieses Erlebnis versetzte mir zwar einen ordentlichen Schock – bis heute habe ich derartige Angst, eine Straße zu überqueren, dass ich oft ewig warte, bis wirklich kein einziges Auto mehr in Sicht ist –, gleichzeitig bestärkte es mich jedoch in dem Gefühl, im letzten Moment immer irgendwie Glück zu haben und noch einmal mit dem Leben davonzukommen. Davon bin ich nach wie vor überzeugt!

Zu Beginn der Intendanz von Peymann war mein Vater oft verzweifelt und frustriert. Bei den Proben zu Die Räuber stolperte er, weil er sehr kurzsichtig war, über einen Stock und bohrte sich diesen in den Hals. Von da an bekam er von der Krankenkasse Kontaktlinsen bezahlt und auch für meine Mutter gab es endlich Linsen. Bis dahin mussten beide hässliche Kassenbrillen mit Gläsern, die dick wie Aschenbecher waren und furchtbar drückten, tragen. Komischerweise bekam ich trotz der erblichen Vorbelastung nie eine Brille, obwohl ich gerne eine gehabt hätte, schon, um besser zu meinen Eltern zu passen. Fasziniert beobachtete ich immer, wie sie die Linsen in den Mund steckten, ablutschten, dann auf den Finger legten und sich ins Auge fassten. Wenn einer von beiden eine Linse verlor, war ich immer diejenige, die sie erfolgreich aufspürte.

Der Unfall mit dem Stock blieb bei Weitem nicht der einzige. Mein Vater war ein regelrechter Verunfaller. Ich bin nie wieder jemandem begegnet, der so oft verunglückt ist wie mein Vater, und zwar nicht nur auf der Bühne. Selbst im Urlaub passierte es ihm. Einmal tauchte er mit seinem Schauspielkollegen Peter Sattmann nach der schönsten Muschel um die Wette. Mein Vater tauchte dabei so tief, dass ihm anschließend Blut aus den Ohren lief. Peter Sattmann und mein Vater machten zur großen Freude von mir und Sattmanns Tochter, die in meinem Alter war, immer ziemlich viel Blödsinn miteinander.

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Mein Vater und der Tintenfisch, Elba 1974

Gemeinsam mit den Sattmanns, Manfred Zapatka, Regine Vergeen und ihren beiden Kindern verbrachten wir einmal zwei Wochen auf Elba. Mein Vater trug dort stets ein verknotetes Stofftaschentuch auf dem Kopf, ein altes T-Shirt, weil er extrem zu Sonnenbrand neigte – Doktor Puter, wie wir ihn nannten –, und Stoffturnschuhe. Das sah an ihm besonders lustig aus, weil er sehr dünne Beine hatte. Einmal stocherte er dort, im Wasser stehend, so lange mit einem Stock nach einem Tintenfisch, der sich unter einem Felsen versteckt hatte, bis ihn dieser plötzlich packte und unter Wasser riss. Mein Vater gewann und kochte den hart erkämpften Tintenfisch anschließend. Ich weigerte mich, auch nur davon zu kosten, und war später sehr froh darüber, denn der Tintenfisch hatte die Konsistenz von Gummi, und mein Vater, der ihn unbedingt trotzdem essen wollte, bekam wenig später furchtbare Bauchkrämpfe, die fast zwei Tage anhielten.

Viele meiner Kindheitserlebnisse sind unmittelbar mit dem Theater verbunden. Als ich das Käthchen von Heilbronn sah, war ich tief beeindruckt von der Hauptdarstellerin Lore Brunner und verliebte mich Hals über Kopf in Martin Lüttge, der den Grafen Wetter vom Strahl spielte. Er blieb über Jahre hinweg mein heimlicher Schwarm, bis mich mein Vater eines Tages in der Kantine vor ihm outete. Das war mir derart peinlich, dass ich ihn mir wieder aus dem Herzen riss. Zu dieser Peymann-Inszenierung gab es noch ein Beiprogramm, einen Liederabend mit dem Titel O, Liebste, wie nenn ich dich? Das war das erste und einzige Mal, dass mein Vater auf der Bühne gesungen hat. Das Lied handelte von einem Mädchen, das mit einem Vergissmeinnicht verglichen wird. Ich fand es wunderschön und liebte diesen Abend ganz besonders.

Mit Edith Heerdegen, einer sehr zarten, weißhaarigen Schauspielerin, die mich an meine Urgroßmutter erinnerte, sang er gemeinsam Brechts Erinnerung an die Marie A. Die Stimme von Edith Heerdegen war schon sehr brüchig damals, aber die Art, wie sie sang, diese feine alte Dame, im Duett mit meinem sehr jungen Vater, berührte mich sehr. Es gab durchaus auch Anspielungen und erotische Zwischentöne, die mir nicht verborgen blieben und mich innerlich entflammten, obwohl ich noch nicht wirklich sagen konnte, warum das so war. Von diesem Liederabend wurde auch eine Schallplattenaufnahme gemacht, die man kaufen konnte. Ich war ungemein stolz, dass es eine Platte mit meinem Vater gab, konnte bald alle Lieder auswendig und imitierte genau die Interpretation jedes einzelnen Künstlers.

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Die erste Schallplatte mit meinem Vater, Stuttgart 1976

Eine der schönsten Produktionen, bei denen ich dabei war, war für mich lange Der Sommernachtstraum aus dem Jahr 1977 mit meinem weiblichen Idol Anneliese Römer. Diese Inszenierung von Alfred Kirchner faszinierte mich ungemein, auch weil ein Steg durch den Zuschauerraum gebaut war, auf dem die Schauspieler in ihren prächtigen Kostümen an den Köpfen der Zuseher vorbeiflanierten. Die Bühnenbilder in Stuttgart waren von Künstlern wie Achim und Ilona Freyer oder Jan Peter Tripp. Sie verzauberten mich und versetzten mich in unbekannte Welten. Mein Vater spielte den Puck im Sommer nachtstraum. Ich musste sehr über ihn lachen – zumindest so lange, bis er auch hier verunglückte: Er war so ungestüm in einen herabhängenden Sack gesprungen, dass er sich überschlug und sich ein Loch im Kopf zuzog. Er musste von einem Arzt aus dem Publikum genäht werden.

Bei der Premierenfeier nahm mich ein Kollege meines Vaters an der Hand und fragte mich, ob er mich zu Anneliese Römer führen solle, da ich ja so ein Fan von ihr sei und immer gerne mit ihr plaudere. Freudig nickte ich und ging mit. Mein Idol saß in einem Sessel und war vollkommen betrunken. Sie nahm meine Hand und hauchte lallend meinen Namen. Ihr Alkoholatem verursachte mir beinahe Übelkeit. Ich empfand eine Mischung aus tiefem Ekel, Verachtung, Schmerz und Trauer. Mein Idol war zerbrochen. In dieser Nacht beschloss ich, niemals zum Theater zu gehen, wo großartige Künstler und Menschen zu unwürdigen Alkoholikern und Kantinengestalten mit großporiger, geröteter Gesichtshaut verkamen. Ich würde Schwarzweißfilmstar werden! Von der Filmleidenschaft meines Vaters angesteckt, war ich geradezu besessen von Schwarzweißfilmen, liebte die Ästhetik und Reinheit unberührbarer Filmschauspieler wie Cary Grant, Gregory Peck, Humphrey Bogart, Ingrid Bergman, Joan Crawford und Katherine Hepburn. Mein Vater ging eher selten in die Kantine und trank höchstens einmal ein Bier oder ein Gläschen Wein. Er hasste die sogenannte typische Kantinenatmosphäre und das frustrierte Geschimpfe von Kollegen, das sich mit zunehmendem Alkoholpegel zu regelrechten Schreiorgien steigern konnte.

Während der Proben zu dem Mammutprojekt Faust, Erster Teil und Zweiter Teil