WildArt Kiss





Roman



Digitale Originalausgabe



 

Impressum


Ein Imprint der Arena Verlag GmbH

Digitale Originalausgabe
© Arena Verlag GmbH, Würzburg 2017
Covergestaltung: Casandra Krammer
Alle Rechte vorbehalten
E-Book-Herstellung: Arena Verlag 2017

ISBN: 978-3-401-84004-8

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Some people become cops

because they want to make the world a better place.

Some people become vandals

because they want to make the world a better looking place.

― Banksy, Wall and Piece –

 

 

 

 

 

Manche Menschen werden Polizisten,

weil sie die Welt besser machen möchten.

Manche Menschen werden Vandalen,

weil sie die Welt schöner machen möchten.

― Banksy, Wall and Piece –

Erster Teil

1

 

Yes, I can!

Blutrot zischte sein Slogan aus der Dose. Er liebte ihn, denn in ›can‹ steckte gleichzeitig das Wort für Spraydose. Und mit denen konnte er umgehen. No shit.

Er hatte eine Weile gebraucht, bis er den perfekten Spot für sein neues Projekt gefunden hatte. Ohne ein direktes Ziel vor Augen war er eines Morgens in den M-Train Richtung Brooklyn gestiegen, um sich überraschen zu lassen. In Manhattan fuhren die U-Bahnen nur unterirdisch, doch diese Linie tauchte irgendwann aus den Gedärmen der Metropole auf. Sie ratterte über die Williamsburg Bridge, eine Hängebrücke aus bleigrauem Stahl, die die Lower East Side mit dem Stadtteil Williamsburg in Brooklyn auf Long Island verband. Und dort, direkt am Ufer des East River, stand sie. Die stillgelegte Zuckerraffinerie. Das #AEROSOUL#. Sechs Wochen waren seit diesem ersten Besuch verstrichen. Die morbide Ästhetik der gewaltigen Industrieanlage hatte ihn damals sofort in ihren Bann geschlagen. Ein perfekter Mix aus Mittelalter und Steampunk: Fenster, wie in einer Kathedrale, durch die das Licht in breiten Spots auf den grauen Betonboden flutete. Galerien aus rostigen Stahlgittern in schwindelnder Höhe. Sie umsäumten den Innenraum, gestützt von enormen Säulen aus altersschwarzem Profilstahl auf melasseverkrusteten Betonsockeln. Der Kirchturm, ein ovaler Backsteinschlot, bestimmt fünfzig Meter hoch, mit verzinktem Schornsteinkopf. In den Seitenschiffen Labyrinthe aus korrodierten Rohren mit Überdruckventilen, aus denen einst Dampf gequollen war, Zu- und Abläufe, Kessel, ölige Antriebswellen, Kurbeln und längst stillgelegte, altertümlich anmutende Maschinen, deren Analoganzeigen den Zeitpunkt des Jüngsten Gerichts vorhersagten. Der Altar: das zentrale Schaltpult mit unzähligen Hebeln und Reglern zum Schieben, Drehen, Drücken, Ziehen. Mit anderen Worten, diese alte Zuckerfabrik war geradezu geschaffen für Urban Explorer oder Urbexer, Sprayer und Street-Artists oder Menschen, die eine Schwäche für Lost Places hatten. Sie war ein Eldorado für Leute wie ihn.

Übrigens konnte er für einen geeigneten Spot tagelang durch verlassene Gebäude streifen, das Knirschen von Glas und Dreck unter den Sohlen. Manchmal war es ein zerbrochenes Fenster, eine bröckelnde Mauer, ein zurückgelassenes Maschinenbauteil, das entschied, ob er blieb oder weitersuchte. Oft war es nur eine spontane Eingebung, ein Lichteinfall. Ein Geruch. Ein Vogelzwitschern.

Vielleicht war es auch nur eine Idee, ein Gedanke, der ihn antrieb (oder umtrieb?). Zunächst diffus, irgendwo im hintersten Winkel seines Gehirns. Doch meist dauerte es nur wenige Tage und die Idee brach an die Oberfläche, wurde konkret. Dann machte er sich auf die Suche nach dem passenden Ort für seine Idee. Mitunter brachte er seine Dosen gleich mit und entfachte ein Feuerwerk. Und während um ihn die Welt in Farben explodierte, hämmerte das wilde Klackern der Mischkugel den Takt dazu und das Adrenalin toste durch seine Adern.

Etwas faszinierte ihn ganz besonders an diesen Lost Places: Jeder einzelne von ihnen, auch diese Zuckerfabrik hier, war einst für die Menschen, die dort gelebt, gelitten, geschuftet, vielleicht sogar den Tod gefunden hatten, von existentieller Bedeutung gewesen. Ihre Seelen blickten ihm über die Schulter, während er im Rausch der Farben und Formen schwelgte.

Dabei war es möglich, dass die Suche nach dem optimalen Spot länger dauerte als das eigentliche Piece. Oft reichten ihm ein paar Stunden. Die Suche nach dem letzten Spot hatte sechs Wochen gedauert. Beinahe die kompletten Sommerferien.

Sicher, in der Szene war das #AEROSOUL# kein Geheimtipp mehr. Im Gegenteil: es war gerade auf dem besten Weg, eine richtige Eventlocation zu werden, ein Ausstellungs- und Veranstaltungsort, an dem sich Künstler aller Art austoben durften. In ein paar Monaten sollte es in dem mehrstöckigen Gebäude einen Vorführraum für Independent-Filme geben, ein Music-Lab für Bands, eine Dunkelkammer für Fotofreaks, die noch Filme selbst entwickelten und eventuell – doch das hing noch von der Genehmigung und der Frage ab, wer haftete, falls sich einer den Hals brach - einen Indoor-Skatepark.

ZODIAC hatte ihm den Spot freigegeben. Sogar kostenlos, weil er ihn kannte. Und weil er ihn mochte. Vermutlich. An ZODIAC mussten sich alle Künstler wenden, wenn sie in den Räumen des #AEROSOUL# ausstellen oder malen wollten. ZODIAC hatte mit dem Besitzer des Geländes, Mr. Westergaard, einen Deal abgeschlossen: Alles war erlaubt, solange nichts passierte. Je nachdem, ob man nur einen Spot zum einmaligen Sprayen oder einen kompletten Raum zum regelmäßigen Arbeiten haben wollte, kassierte Westergaard eine gewisse Summe. Ansonsten drückte er beide Augen zu und kümmerte sich nicht weiter um das Treiben in der Fabrik.

Gewöhnlich arbeitete er lieber allein. Der Grat zwischen Mitwisser und Verräter war schmal. Doch das hier war ein legaler Spot. Außerdem waren ZODIAC, MURIATI und SPY absolut zuverlässig und ziemlich cool drauf. Gerade von MURIATI konnte er noch viel lernen. Er hatte sich auf 3D-Pieces spezialisiert. Je nachdem aus welchem Blickwinkel man seine Bilder betrachtete, entfalteten sie ihre Wirkung. Außerdem machte er Licht- und Videoinstallationen, die er in der alten Fabrik an die Wand warf.

MURIATIS richtigen Namen kannte er nicht. Auch nicht die der anderen, doch das war in der Szene normal. Wer nichts wusste, verplapperte sich auch nicht bei den Bullen.

»Hey, CELLO!«, ZODIACS Stimme drang gedämpft durch die Kopfhörer auf seinen Ohren. »Ist das deine Braut?«

CELLO. Das war sein Nickname. Er mochte ihn, auch wenn er ihn sich nicht selbst ausgesucht hatte. Keith hatte ihm zu Beginn der Sommerpause seinen Cellokasten ausgeliehen, ohne zu fragen, wozu er ihn brauchte. Keith war ok. Und der Kasten geradezu ideal, denn damit konnte er seine Dosen überall hinschleppen ohne aufzufliegen. In Kombination mit seinem Formal Dress, dem blauen Blazer mit dem Schulwappen und den Hochglanzschuhen, hatte er ausgesehen, als ginge er zu einem Konzert. Wer von den Cops mit Dosen erwischt wurde, bekam Ärger.

Er schob den Kopfhörerbügel in den Nacken und zog die Atemmaske runter. Dann trat er einen Schritt zurück und begutachtete sein Werk aus zusammengekniffenen Augen.

Seine Braut. Schön wär’s!

Diesmal hatte er eine Kombination aus Paste-up und Farbe gewählt. Aus dem Internet hatte er das Foto einer Tänzerin gezogen, mit Photoshop nachbearbeitet und im Copyshop vergrößert. Der Fotograf hatte die Tänzerin mitten in einem Wahnsinnssprung erwischt und er fragte sich, wie sie dabei auch noch so intensiv hatte in die Kamera schauen können. Anfangs war ihm beim Betrachten jedes Mal ein Schauer über den Rücken gelaufen. Er wäre zu gern bei den Aufnahmen dabei gewesen.

Einen ganzen Tag hatte es gedauert, bis das Plakat an der zuckrigen Wand hielt und der Kleister endlich getrocknet war, denn die Luftfeuchtigkeit war im September noch verdammt hoch. Erst als alles knochentrocken war, hatte er sich getraut, das Schwarz-Weiß-Foto mit Sprühfarbe zu kolorieren und das Ganze zu einem Mural zu verarbeiten. Er hatte der Tänzerin eine Zuckerdose als Tanzboden gemalt. Doch statt Zucker tickte eine Zeitbombe darin.

»Ziemlich gut«, meinte ZODIAC anerkennend. »Deine Zuckerfee passt wirklich super hier rein.«

ZODIAC und SPY hatten heute am anderen Ende der Halle gearbeitet: Ein riesiger, schleimgrüner Cyborg, der seine borstigen Tentakel über die halbe Wand gleiten ließ. Er versuchte, an einen Sicherungskasten zu gelangen, der als trauriges Überbleibsel an einer der hinteren Wände hing. Schwarze und gelbe Kabel quollen wie Eingeweide daraus hervor und die Tür hing schief in ihren Angeln.

ZODIAC zündete sich eine Zigarette an. »Wir hauen ab. Sehen wir uns morgen?« ZODIAC und SPY waren ein Paar. Soviel hatte er mitbekommen. SPY hatte bereits in Ateliers ausgestellt und sogar schon mal was verkauft. Das hatte sie ihm vor Kurzem erzählt. Sie war etwas redseliger als ZODIAC.

Er schüttelte den Kopf. »Hab schon was vor.«

Am Montag würde das neue Schuljahr losgehen und in der Woche davor gab es zahlreiche Veranstaltungen zum Kennenlernen, bei denen Anwesenheitspflicht herrschte. Doch warum sollte er ZODIAC auf die Nase binden, dass er noch auf die Highschool ging? Wahrscheinlich schätzte der ihn deutlich älter ein. Gut so. »Ist MURIATI noch hier?«

ZODIAC zuckte die Achseln. »Glaub nicht«, presste er aus dem Mundwinkel hervor. Dann blies er genüsslich den Rauch aus und tippte an seinen Hut, ohne den er nirgends aufkreuzte. »Man sieht sich.«

Kurz darauf gehörte ihm die alte Fabrik ganz allein. Ihm und seiner Zuckerfee. Niemand würde sie mehr stören. Er liebte diese Einsamkeit.

Ein Luftzug wehte durch die zerborstenen Fenster und vertrieb die drückende Hitze und den Geruch nach Fäulnis. Das Licht hatte sich verändert, die Sonne stand schon tiefer und die Spots waren ein gutes Stück die Wände hinaufgeklettert. Irgendwo fiepte eine Ratte.

Er zog die Kopfhörer wieder auf und betrachtete kritisch sein Werk. Der Hintergrund war noch ein wenig blass. Ein kräftiges Blau vielleicht? CELLO sah sich nach der Dose um. Dann schweiften seine Gedanken wieder ab. Dieses Jahr würde er seine Zuckerfee treffen. Ganz bestimmt! Ok, das mit Jade war schön gewesen. Und er mochte sie immer noch sehr. Aber als sie zusammen waren, hatte sie einfach zu viele Fragen gestellt. Irgendwann wäre sie dahintergekommen. Vermutlich hätte sie alles brühwarm weitererzählt. Sie war nun mal ein Gossip Girl. Mit ihr Schluss zu machen, war das einzig Richtige gewesen.

Entschlossen griff er nach dem Blau, das er gesucht hatte und schüttelte die Dose. Seine Zuckerfee wäre ganz anders als Jade. Er würde ihr alle seine Pieces zeigen und sie würde ihn nicht verraten. Niemals!

Die Mischkugel im Inneren der Dose begann aufgeregt hin- und herzurollen. Er liebte dieses Klackern! Er regelte die Lautstärke an seinem Smartphone hoch und hüllte die Welt um sich in blauen Nebel.

Deshalb hörte er auch den gellenden Schrei nicht.

Doch er spürte etwas durch die Gummisohlen seiner Chucks. Eine Vibration. Irgendwas musste heruntergekommen sein. Etwas Schweres. Er riss sich den Kopfhörer runter und lauschte.

»MURIATI?«

Nichts.

»Hallo?«

Er ließ die leere Dose fallen. Sie rollte davon und verfing sich in einem Haufen welker Blätter.

Wie spät war es eigentlich? Er warf einen Blick auf sein Handy.

»Verdammt!« Er musste zurück! Check-in war um halb acht und er hatte keine Lust, dem Studiendekan in die Arme zu laufen.

»MURIATI?!«

Wenigstens nachsehen musste er.

Er durchquerte die Halle und warf einen Blick durch die Fenster auf das Außengelände. Ein Container mit Bauschutt, eine zerbrochene Kabeltrommel, Abdeckplanen, ein paar Farbdosen. Im Spätnachmittagsdunst die Skyline von Manhattan. Davor der East River und die Williamsburg Bridge – die Schlagader, auf der der Verkehr Richtung Manhattan pulsierte.

Er rannte zum Ende der großen Halle und durch den Raum mit den riesigen Kesseln. Der Geruch nach Taubenscheiße, vermischt mit dem süßlich-gärenden Gestank alter Melasse, stieg ihm in der Nase. Und noch etwas, vermutlich Lösungsmittel. Von MURIATIS Farben.

»HALLO?«

Etwas raschelte davon. Staubpartikel tanzten im schimmernden Licht der Nachmittagssonne. Asbeststaub. Jede Wette.

Jede zweite Stufe überspringend stürmte er eine Eisentreppe hoch und rannte über einen schmierigen Metallsteg. Von hier hatte er einen guten Überblick auf sämtliche Kessel und Rohrleitungen. Der Steg schwang unter seinen Füßen im Rhythmus seiner Schritte. Er folgte ihm bis zur rückwärtigen Wand. Da war MURIATIS Piece.

Aber irgendwas war anders. Er beugte sich über das Geländer. Starrte ins Halbdunkel. Überall Farbe. Und da: MURIATIS Leiter! Daneben die Planke eines Baugerüsts. Sie ragte zu ihm hoch. Sein Herz begann hektisch zu pochen.

Verdammte Scheiße!

Er wirbelte herum und rannte den Metallsteg zurück bis zur Treppe. Aufsteigende Panik niederkämpfend. Die Treppe wankte und ächzte unter ihm. Mit einem Satz flankte er über das Geländer. Dabei riss er sich den Handteller an einer rostigen Metallkante blutig. Fahrig wischte er die Hand an seiner Jeans ab. Rannte weiter.

»MURIATI!«

Ein Stöhnen.

Noch mehr Staub und Schutt.

Er tauchte unter zwei Rohren durch und stürmte auf die Ecke zu, aus der das Stöhnen kam.

Und dann wäre er am liebsten wieder umgekehrt.

Nicht schreien! NICHT SCHREIEN!

Eine dunkle Flüssigkeit breitete sich auf dem Boden aus. War das Blut? Oder Farbe? Und was jetzt? Am besten verpisste er sich. Sofort!

Es kostete ihn eine Menge Überwindung, nicht panisch davonzurennen. Zögernd kniete er sich neben den Körper, der merkwürdig verdreht vor ihm auf dem Betonboden lag.

»MURIATI! Kannst du mich hören?«

Der Mann am Boden röchelte. Seine Augenlider flatterten. Aus seinem rechten Ohr floss ein dünnes Rinnsal Blut.

»MURIATI! Was ist passiert?«

»… Beine«, flüsterte MURIATI.

»Was ist mit denen?«

»… spür nix.« Er versuchte sich aufzurichten.

CELLO nagelte ihn mit einer Hand auf dem Beton fest. »Bleib so!«

MURIATI stöhnte erneut. Dann öffnete er die Augen. Sein Blick irrte umher, bis er CELLO fand. »Die Leiter, das Brett … einfach abgeschmiert …« Er hustete. Jetzt floss ihm das Blut auch aus dem Mund.

CELLOS Magen rebellierte. Er musste woanders hinsehen. Krampfhaft versuchte er zu rekonstruieren, was geschehen war. MURIATI hatte anscheinend eine Holzplanke über zwei Eisenträger gelegt und eine Leiter daraufgestellt, damit er die Wand bearbeiten konnte. Dabei war die Diele an einer Seite weggerutscht und hatte MURIATI auf seiner Leiter mit in die Tiefe gerissen. Vier Meter waren das mindestens. Plus Leiter. CELLO schluckte. MURIATIS Gesicht war aschfahl.

»Scheiße Mann, bleib bei mir!« Doch da kippten MURIATIS Augen auch schon nach hinten und sein Körper erschlaffte.

»Fuck!« CELLO fühlte, wie sein Herz einen Schlag aussetzte. Er fummelte sein Handy aus der Tasche.

Wenn er jetzt Hilfe holte, würde es eine Menge Fragen geben. Vielleicht war sein Stipendium im Arsch. Und mit ihm alles, wovon er geträumt hatte. Aus die Maus! Das College konnte er sich dann in die Haare schmieren.

Egal! Er würde jetzt die 9-1-1 rufen, verdammt!

Und dann hatte er auch schon die drei Ziffern eingetippt.

 

2

 

»Komm’n Se bidde mal mit«, näselte die Stimme des Zollbeamten in breitem Hessisch, während er auf einen kleinen Raum direkt hinter Gate 41 wies. Gerade hatte eine perfekt gestylte Stewardess Stellung bezogen, um die Boardingpässe der Passagiere von Flug LH 401 zum New York John F. Kennedy International Airport zu kontrollieren.

»Aber das Boarding beginnt doch schon!«, protestierte Jojo und musterte den Beamten in seiner nachtblauen Uniform verärgert. Was sollte das jetzt?

»Hier endlang, bidde«, sagte der Beamte, ohne auf ihren Einwand zu reagieren. Irgendwie klang dieses Hessisch immer ein wenig vorwurfsvoll.

Irritiert und ihren Zorn unterdrückend nahm sie ihr Handgepäck und folgte dem Mann, einem beleibten Mittvierziger mit dunklen Schweißflecken unter den Achseln.

Wozu wurde sie jetzt noch einmal kontrolliert? Sie hatte Check-in und Sicherheitskontrolle doch schon hinter sich.

Der Raum war winzig. Es gab keine Fenster, nur einen Schreibtisch mit Computer, hinter dem ein weiterer Beamter saß und ihr ausdruckslos entgegenstarrte.

»Wir möchten noch einen Blick in Ihr Handgepäck und in Ihren Koffer werfen«, sagte der am Schreibtisch kurz angebunden und im Gegenteil zum anderen Beamten auf Hochdeutsch. Er war etwas jünger als sein Kollege. Sein babyblaues Hemd spannte über einem muskulösen Brustkorb.

»Aha. Warum?«

»Reine Routine.«

Ein wenig eingeschüchtert öffnete Jojo ihre Schultertasche, damit die Beamten hineinsehen konnten. Da keiner der beiden reagierte, holte sie seufzend den Laptop und ihre Kamera, das Handy, ein noch leeres Skizzenbuch, das Mäppchen mit ihrem heißgeliebten Füller und den Stiften, Portemonnaie, Labello, Aspirin, Reisepass, Impfausweis, Stadtplan, Anmeldeformulare, Pillenpäckchen, 4 Kondome (man konnte nie wissen!) und das Döschen mit den Tampons heraus.

Mann, wie peinlich war das denn?

»Bitte mal aufklappen und hochfahren.« Der Jüngere erhob sich und kam um den Schreibtisch herum.

Sie unterdrückte einen Seufzer und klappte ihren Laptop auf. Ein Foto der New Yorker Skyline poppte auf.

»In Ordnung. Was ist in dem Koffer?«

Shit, wenn der so weitermachte, würde sie noch ihren Flug verpassen!

»Ein Tenor-Saxofon.«

»Aha. Könnten wir das bitte mal sehen.«

»Gerne

Zähneknirschend nahm sie das Lederband ab, das sie um den Hals trug und puzzelte den Schlüssel aus den diversen Anhängern, die ihr auf ihrer Reise Glück bringen sollten. Dann schloss sie den Koffer auf. Mit einem trockenen Schnappen öffneten sich die beiden Verschlüsse und offenbarten den Inhalt ihrer Schatzkiste.

»Bidde ma‹ rausnehme un roiblose«, forderte der Ältere sie auf.

Rausnehmen. Reinblasen. Hallo?!

»Auf Ihre Verantwortung«, murmelte sie und steckte das Instrument zusammen, befeuchtete ein neues Bambusblättchen und schmetterte die ersten Takte eines Solos, das sie sich bei Candy Dulfer auf YouTube abgeschaut, oder vielmehr abgehört hatte.

Die beiden Beamten, die gerade im Begriff waren, die mit schwarzem Samt bezogenen Polster aus dem Koffer zu zerren, schreckten zusammen.

»Großer Godd!«, entfuhr es dem Älteren. »Louis Armstrong, odder was?«

Ignorant!

»Danke, das genügt«, schaltete sich nun auch der andere ein. »Sie können das Ding jetzt wieder einpacken.«

Ja, Dankeschön. Sie mich auch!

»Ei, un‹ guhde Fluch«, schob der Dicke noch hinterher und hielt ihr die Tür auf.

Jojo unterdrückte einen weiteren Seufzer. Die beiden machten auch nur ihren Job.

Als sie das Kabuff verließ, wurde sie mit vereinzeltem Applaus und Pfiffen begrüßt. Einige der Wartenden waren wohl Zeugen ihrer Exklusivbehandlung geworden. Jetzt musste sie doch grinsen. Erleichtert machte sie eine knappe Verbeugung und reihte sich hinter den Fluggästen ein. Ab jetzt sollte ihrer Reise nach New York nichts mehr im Wege stehen.

 

 

***

 

Während der Flieger, ein Riesenvogel vom Typ A380, ruhig durch gleißendes Sonnenlicht glitt, schaute sie sich nicht weniger als drei Filme an. Natürlich auf Englisch. Ab jetzt würde alles nur noch auf Englisch ablaufen. Da konnte sie auch gleich damit beginnen.

Leider konnte sie sich einfach nicht auf die Inhalte konzentrieren. Unzählige Fragen jagten durch ihren Kopf: Der Alltag an einer amerikanischen Highschool mitten in New York – wie würde der sich abspielen? Wie war überhaupt das Leben an einer Privatschule? Würde sie schnell Anschluss finden oder waren das alles nur Bonzenkids? War ihr Schulenglisch salonfähig oder würde sie sofort auffliegen? Mit wem würde sie ihr Zimmer teilen? Und nicht zuletzt: Wie wohl die Jungs so waren?

Dass sie nach ihrem Turbo-Abi für ein Jahr in die USA gehen würde, hatte sie bereits vor zwei Jahren beschlossen. Viele ihrer Freundinnen waren während der zehnten Klasse zu einem Auslandsaufenthalt aufgebrochen. Neuseeland war der große Renner, aber auch Australien, die USA oder Kanada.

Sie hatte damals zurückstecken müssen. Aus »familiären Gründen«, wie sie ihren Freundinnen kurz angebunden mitgeteilt hatte. Fakt war, dass ihre Eltern sich zu diesem Zeitpunkt eine erbitterte Schlammschlacht geliefert und für ihre Wünsche einfach kein Verständnis hatten. Man hatte erwartet, dass sie funktionierte und sich aus allem heraushielt, bis die Scheidung über die Bühne war.

Danach war sie mit ihrer Mutter in eine kleine Altbauwohnung in Barmbek gezogen. Doch bereits ein halbes Jahr nach der Scheidung teilte sie Jojo mit, dass sie eine »Auszeit« brauche. Sie hatte ihre Koffer gepackt, die Wohnung gekündigt und war mit Ärzte ohne Grenzen nach Liberia gegangen, um dort in einem Krankenhaus in Monrovia zu arbeiten.

»Du bist doch ohnehin demnächst mit der Schule fertig. Und dann geht’s nach Amerika!«, hatte sie gesagt und Jojo war ›nur übergangsweise‹ zu ihrem Vater gezogen. Obwohl bei dem eigentlich kein Platz für sie war, seit der mit Julia zusammen war. Jojo mochte die neue Frau ihres Vaters nicht und das beruhte auf Gegenseitigkeit. Dass die beiden mittlerweile auch noch ein Baby hatten, machte die Sache nicht einfacher.

Doch Jojo war ohnehin kaum zu Hause. Neben den Abivorbereitungen hatte sie gejobbt: gekellnert, babygesittet, in Fußgängerzonen Saxofon gespielt und war mit ihrer Band aufgetreten. Sie hatte sogar im alten E-Werk eine Ausstellung für ihre Schwarz-Weiß-Fotografien organisiert und dabei gar nicht schlecht verdient.

Doch obwohl sie nach kurzer Zeit bereits eine ansehnliche Menge Geld zusammenhatte, reichte das nicht aus für ihre USA-Pläne. Also hatte sie sich auf ein Stipendium beworben und tatsächlich Glück gehabt: Ein Vollstipendium für eine private Highschool in Manhattan, New York. Wow!

Und der große Vorteil: Da sie das Abi ja bereits in der Tasche hatte, brauchte sie in ihrem Gap-Year nur die Fächer zu belegen, die sie wirklich interessierten. Rhetorik oder Kreatives Schreiben oder Drama zum Beispiel. Oder Mandarin! Vielleicht sollte sie Mandarin lernen?

Auf jeden Fall würde sie etwas mit Kunst machen, Visual Arts hieß das drüben. Oder Art Major, der Unterschied war ihr noch nicht ganz klar. Aber in einem dieser Fächer könnte sie bereits an einer Kunstmappe arbeiten, die ihr dann den Einstieg an einer Kunstakademie in Deutschland erleichtern würde. Egal, wofür sie sich entschied, sie hatte nun ein ganzes Jahr Zeit zum Pläne schmieden und das war fantastisch!

Darüber hinaus hatte ein Internat in den USA nicht nur den Vorteil, dass sie nicht bei ihrem Vater, Julia und ihrem kleinen Stiefbruder Ben leben musste, sondern auch, dass sie sich nicht mit nervigen Gasteltern herumschlagen und womöglich deren verzogene Kinder hüten musste.

All diese Gedanken ließen Jojo nicht los. Doch als sie schließlich pünktlich zur Mittagszeit (und nach etwa siebzehn Stunden Reisezeit ohne eine Minute Schlaf!) in einer Warteschleife über New York kreiste, hatte sie das berauschende Gefühl, die Stadt mit all ihren Verlockungen läge ihr zu Füßen. Ihre Hochstimmung änderte sich selbst dann nicht, als sie auf dem Weg durch das Flughafengebäude am Fuß einer Rolltreppe in einen Menschenauflauf geriet, weil ein übereifriger Officer beschlossen hatte, genau hier eine Passkontrolle durchzuziehen. Einige Passagiere versuchten, die Rolltreppe rückwärts wieder nach oben zu kommen, um dem Stau zu entgehen, doch hinter ihnen drängten schon die nächsten nach, bis endlich einer den Notknopf betätigte und die Rolltreppe anhielt.

Nach gefühlten fünfhundert Kehren durch einen Absperrparcours in der Warteschlange für Touristen stand Jojo endlich dem Immigration Officer gegenüber. Die Augen hinter einer dunklen Sonnenbrille verborgen, musterte er sie und ihre Papiere penibel, nahm ihre Fingerabdrücke, fotografierte sie mit einer eiförmigen Kamera und fragte sie schließlich, was sie in die Staaten führte und wo sie sich wie lange aufhalten werde.

»Welcome to the United States«, sagte er auf ihre stockenden Erklärungen schließlich und gab ihr die Papiere mit einem kleinen Lächeln zurück.

Sie hatte es geschafft! Sie war in Amerika!

 

 

***

 

Quälend langsam zockelte das gelbe Taxi im dichten Straßenverkehr voran. Mittlerweile war sie hundemüde, immer wieder nickte sie ein. Dabei hatte sie sich fest vorgenommen wach zu bleiben, bis sie an der Schule ankommen würden. Als das Auto schließlich abrupt stoppte, fuhr sie erschrocken hoch. Wie lange hatte sie geschlafen? Verwirrt starrte sie auf ihr Handy, das noch europäische Zeit anzeigte. Minus wie viele Stunden nochmal? Egal.

Fröstelnd schlüpfte sie in die Fleecejacke, die ihr als improvisiertes Kopfkissen gedient hatte. Die Klimaanlage des Fahrzeugs lief auf Hochtouren und sie fragte sich, warum um alles in der Welt der Latino (durfte man ihn überhaupt so nennen, oder war das rassistisch?) die Temperatur so weit heruntergeregelt hatte. Draußen waren es vermutlich 40 Grad. Die Luft flimmerte und die Sonne steckte wie ein funkelnder Pin an einem makellosen Himmel, der sich über die Stadt spannte. Doch hier im Taxi herrschte geradezu arktische Kälte. Die Anzeige, die sie durch das Steuerrad erkennen konnte, stand auf 62 °F. Sie hatte keine Ahnung, wie viel das in Celsius war. Viel konnte es jedenfalls nicht sein.

Benommen beugte sie sich vor und blickte durch die Windschutzscheibe, vorbei an dem zitronengelben Duft-Tannenbäumchen, das mit einem Totenschädel aus Plastik um die Wette schaukelte. Das Taxi stand mit laufendem Motor auf der für Busse markierten Fläche einer mehrspurigen Prachtstraße. An der Ampel direkt vor ihr wartete eine Traube Kinder, flankiert von zwei Erzieherinnen. Die Kids waren noch sehr klein, vielleicht vier oder fünf Jahre alt. Sie trugen gelbe Shirts und hielten sich schnatternd und kichernd an einem roten Band fest. Als die Ampel umsprang, trippelten sie los und verschwanden im Park auf der anderen Straßenseite. War das der Central Park?

Jojo warf einen Blick durchs Seitenfenster. Neben sich erkannte sie das hübsche rot-weiße Backsteinhaus wieder, das sie über Google Maps bereits ausgespäht hatte. Den Eingang überspannte eine königsblaue Markise, die bis zur Bordsteinkante reichte, damit man bei Regen trockenen Fußes bis ins Innere des Gebäudes gelangen konnte. Vorne auf der Markise war in silbernen Lettern der Schriftzug ›Columbia Academy aufgedruckt. Zusammen mit einem Wappen wiederholte er sich auf einer Fahne rechts vom Gebäudeeingang.

Jojo zählte sieben Stockwerke, was ihr für New Yorker Verhältnisse erstaunlich wenig vorkam. Dafür zierte das Dachgeschoss eine Reihe hübscher Dachgauben, die – so viel hatte sie ebenfalls bei Google Maps recherchiert – nur Fake waren und das Flachdach dahinter verdeckten.

Während der Motor gleichmäßig weiterlief, machte sich der Fahrer am Kofferraum zu schaffen. Stöhnend wuchtete er ihr Gepäck aus dem Wagen und fluchte halblaut vor sich hin. »Puta madre! Was ist denn da drin? Goldbarren?«

Bis kurz vor dem Abflug hatte Jojo überlegt, was sie wohl für ein ganzes Jahr mitnehmen sollte und so hatte sie am Ende einfach alles eingepackt, was sie Tage vorher in mehreren Stapeln auf dem Boden ausgelegt hatte. Zum einen hatte sie danach nicht auch noch aufräumen müssen. Zum anderen - und das hatte den Ausschlag gegeben - bekam sie dadurch das Gefühl, endlich ihr altes Leben hinter sich zu lassen.

Ihr Vater hatte am Flughafen zähneknirschend das Geld für das Übergepäck bezahlt und sie mit einem resignierten Seitenblick bedacht. Sie hatte ihm angesehen, dass er gerne gemeckert hätte, doch das hätte den Augenblick des Abschieds verdorben. Und so hatte er sich auf die Zunge gebissen und sie in die Arme geschlossen.

Der Rollkoffer krachte auf den Asphalt und holte Jojo zurück in die Gegenwart. Mit einem Satz war sie bei dem Fahrer (Mexiko? Puerto Rico?), bevor er noch einmal mit seinem Oberkörper im Kofferraum verschwinden konnte.

»Ich mach das schon, danke!« Auf keinen Fall wollte sie, dass er mit ihrem Saxofon genauso umsprang wie mit ihrem Koffer.

Sie zahlte das Taxi (wie viel Trinkgeld gab man eigentlich? Gab man überhaupt welches?) und zerrte ihr Gepäck durch die schwere Eingangstür ins Innere des Gebäudes.

Ein Mann, etwa Anfang fünfzig, lächelte ihr von seinem Empfangspult entgegen. »Willkommen an der Columbia!«, begrüßte er sie mit einem breiten amerikanischen Akzent. »Du musst Johanna sein.«

»Äh, ja. Hallo. Ich bin Jojo. Jojo Tillmann«, stammelte sie und ärgerte sich sogleich über ihre holprigen ersten Sätze an ihrer neuen Schule.

Doch der Mann am Empfang ließ sich nichts anmerken. »Schön dich kennenzulernen, Jojo. Mein Name ist Robert Brown. Ich bin hier der Hausmeister.« Er wies einladend auf einen verglasten Raum neben dem Empfang. »Wenn du möchtest, kannst du hier warten. Dort hinten gibt es Kaffee, Wasser, was immer du willst. Ich melde dich gleich mal bei Ms. Chapman an.«

Er griff nach dem Telefonhörer neben sich und tippte eine Zahlenkombination ein. Jojo zerrte ihren Koffer aus dem Eingangsbereich und ließ sich auf einen der gepolsterten Stühle im Warteraum fallen.

»Laura? Hier ist Bob. Johanna Tillmann aus Deutschland ist gerade eingetroffen. Hast du Zeit für sie? Zehn Minuten? In Ordnung.«

Zehn Minuten. Jojo sah sich um. Auf dem Flachbildschirmfernseher an der Wand liefen die aktuellen Nachrichten ohne Ton und sie versuchte, dem eingeblendeten Schriftzug zu folgen. Doch sie konnte sich nicht auf den Inhalt konzentrieren. Schließlich gab sie auf und holte sich eine Flasche stilles Wasser, das sich im Nachhinein als aromatisiert herausstellte. Mango, vermutete sie. Es schmeckte scheußlich und sie überlegte gerade, wo sie die Flasche unauffällig entsorgen konnte, als eine Frau mit sorgfältig geföhnter Bobfrisur auftauchte.

»Hallo! Tut mir leid, dass du warten musstest. Schön, dich kennenzulernen, Johanna. Ich bin Laura Chapman. Ich kümmere mich um die internationalen Schüler hier.« Sie streckte Jojo eine schlanke, kühle Hand entgegen. Ihre grünen Augen strahlten sie durch eine randlose Brille an. »Hattest du eine gute Reise? Du bist bestimmt müde, oder? Wie lange bist du denn schon unterwegs?«

Jojo zögerte. Sie hatte vollkommen das Zeitgefühl verloren. »Ich bin heute Nacht gegen ein Uhr in Hamburg losgefahren«, sagte sie und spürte, wie sich ein dumpfes Gefühl in ihrem Kopf ausbreitete. »Da müsste es hier sieben Uhr abends gewesen sein.«

Ms. Chapman lächelte mitfühlend. »Dann hast du sicher einen ordentlichen Jetlag! Am besten, wir gehen gleich in mein Büro und erledigen den Papierkram, dann kannst du dich vor dem Abendessen noch ein bisschen erholen.«

Jojo griff nach ihrem Gepäck, doch Mr. Brown kam ihr zuvor. »Das kannst du bei mir am Empfang lassen. Wir bringen die Sachen gleich hoch in dein Zimmer. Auch die Posaune -«

»Saxofon.«

»Wunderbar! Keine Sorge, hier kommt nichts weg.«

Jojo bedankte sich bei Mr. Brown und folgte Ms. Chapman einige knarzende Holztreppen hinauf in den zweiten Stock. Es ging einen verwinkelten Gang entlang, dessen Wände mit Schülerzeichnungen und Fotos dekoriert waren.

»Die Columbia Academy besteht aus zwei Blocks, die inzwischen zu einem einzigen Gebäudekomplex zusammengeschlossen wurden«, erklärte Ms. Chapman, noch bevor Jojo sich wundern konnte. »Auf diese Weise können unsere Schüler Schule und Apartments erreichen, ohne das Haus zu verlassen.«

Sie betraten ein geräumiges Büro, das vermutlich auch repräsentativen Zwecken diente. Vielleicht sollte es Eltern überzeugen, die noch nicht ganz sicher waren, ob sie ihr Kind hier anmelden wollten oder nicht. Jojos Blick schweifte über den wuchtigen Holzschreibtisch mit der aufgeräumten Marmoroberfläche (der lichtgraue Laptop sah etwas verloren darauf aus) und dem dunkelbraunen Ledersessel dahinter. An der Wand hingen Bilder ernstblickender Männer in Anzügen (vermutlich die ehemaligen Direktoren der Schule) und natürlich steckte eine amerikanische Flagge in einer vergoldeten Wandhalterung zwischen den beiden Sprossenfenstern. Dicke Samtvorhänge und ein hochfloriger Teppich rundeten das Bild ab und dämpften Jojos Schritte, als sie sich auf ein Zeichen von Ms. Chapman auf einem blauen Sofa niederließ. In Deutschland musste es jetzt tiefste Nacht sein. Jojo unterdrückte ein Gähnen und versuchte krampfhaft, sich auf Ms. Chapmans sprudelndes Englisch zu konzentrieren. Worte wie Zuverlässigkeit, Verantwortungsbewusstsein und Fairness wirbelten gnadenlos durch ihr Gehirn. Diverse Regeln, die den Schulalltag bestimmten und ein völlig komplizierter Stundenplan, bestehend aus merkwürdigen Buchstabenkombinationen, denen sie keine Bedeutung zuordnen konnte, verwirrten sie vollends. Als es dann auch noch um den Dresscode ging (meinte Ms. Chapman damit allen Ernstes eine Art Kleiderordnung?), schaltete Jojo einfach ab. Doch zum Glück hatte Ms. Chapman schließlich ein Einsehen mit ihr.

»Alles Weitere kann dir Jade später noch erzählen. Sie ist deine Mitbewohnerin. Bei ihr bist du in guten Händen, was die Schule und deine Mitschüler betrifft. Abendessen gibt es von viertel vor sechs bis sieben, du hast also noch etwas Zeit. Heute haben wir ein großes Willkommensessen in der Dining Hall. Eine gute Gelegenheit für dich, schon ein paar Kontakte zu knüpfen, bevor es richtig losgeht.«

 

 

***

 

Kurz darauf erschien Ms. Berry in der Tür zu Ms. Chapmans Büro, um sie wie angekündigt zu ihrem Zimmer zu bringen. Passend zu ihrem Namen hatte sie einen erdbeerblonden Kurzhaarschnitt, war schätzungsweise Mitte zwanzig, sportlich (Leichtathletik? Basketball? Lacrosse?) und Jojo auf Anhieb sympathisch.

»Hallo Johanna, willkommen an der Columbia. Ich bin für dieses Jahr deine Tutorin.« Ms. Berrys Händedruck passte zu ihrer sportlichen Figur. Verstohlen öffnete und schloss Jojo ihre rechte Hand ein paarmal, während sie Ms. Berry durch das Mädchenstockwerk im Dachgeschoss folgte. »Hattest du einen guten Flug? Was macht der Jetlag?«

»Ganz ok.«

»Wir haben gedacht, wir bringen dich bei Jade unter. Sie ist in ihrem Senior Year und ihr müsstet daher vom Alter gut zusammenpassen.«

Jojo erhaschte einen Blick in eine kleine Gemeinschaftsküche, dann passierten sie einen Aufenthaltsraum mit großem Flachbildschirm und einigen alten Sofas.

Das Zimmer, zu dem sie Ms. Berry führte, lag am Ende eines langen Flurs. Schon von Weitem hörte Jojo, dass, wer auch immer sich in diesem Zimmer aufhielt, gerade eine Menge Spaß zu haben schien. Ms. Berry runzelte die Stirn.

»Normalerweise dürfen keine Jungs ins Mädchenstockwerk und umgekehrt. Doch bei den An- und Abreisetagen drücken wir ein Auge zu.«

Jojo schluckte. Sie hatte gehofft, dass sie zunächst einmal in Ruhe auspacken könnte. Alleine.

»Was ist denn hier los? Lee, ich dachte du hilfst Jade beim Einräumen ihrer Sachen?«

Hinter der Schranktür kam ein dunkelhäutiger Junge mit wilden Rastazöpfen zum Vorschein. Er verbarg etwas hinter seinem Rücken, das verdammt nach einem spitzenbesetzten, malvenfarbenen Push-up-BH aussah. »Aber klar doch, Ms. Berry! Ohne meine fachkundige Hilfe wäre Jade aufgeschmissen.« Seine Stimme klang tief und melodisch.

Aus dem Hintergrund schoss eine Hand hervor und grabschte nach dem Dessous. »Bullshit!«, zischte eine Stimme.

Jojo spähte über Ms. Berrys Schulter in das Zimmer und entdeckte ein Mädchen. Vermutlich war das ihre neue Mitbewohnerin Jade. Sie war das krasse Gegenteil von Lee: klein, elfenhaft, hellblondes Glatthaar und eine Haut, die aussah, als hätte sie noch niemals Sonne abbekommen.

»Von wegen fachkundig! Pfoten weg, du Freak!« fauchte sie und drohte Lee mit dem Kleiderbügel, auf den sie gerade ein dunkelblaues Kleid hängen wollte. Dann wandte sie sich mit zuckersüßem Lächeln an Ms. Berry. »Keine Sorge, Ms. Berry, Ich habe alles unter Kontrolle.«

»Das will ich meinen! Ich möchte euch Johanna vorstellen. Jojo, das ist deine Mitbewohnerin Jade - und dieser junge Mann hier ist Lee. Bestimmt möchte er dir ebenfalls beim Auspacken helfen, stimmt’s Lee?«

Lee schloss die Schranktür und musterte Jojo. Er überragte sie um einen ganzen Kopf. Jojo hielt seinem prüfenden Blick stand. Schwarze Augen hinter unverschämt langen Wimpern. »Yo, Jojo! What’s up?«

»Hi«, sagte sie ein wenig verlegen. Was antwortete man auf ›What’s up‹?

»Jade, bist du bitte so nett und zeigst Jojo, wo sie Bettwäsche und Handtücher findet?«

»Ja klar. Mach ich.«

»Jojo, wenn du etwas brauchst, mein Apartment ist neben der Gemeinschaftsküche. Ich lass euch dann mal auspacken. Bis später.« Die Zimmertür fiel ins Schloss und es entstand ein Augenblick peinlichen Schweigens.

Jojo ließ ihren Blick durch das Dachzimmer mit den beiden Gauben schweifen. Der Raum wirkte beengend und war für zwei Leute nahezu absurd winzig. Die Mittagshitze hatte die Wände ordentlich aufgeheizt und nur einem kleinen Ventilator war es zu verdanken, dass man es hier überhaupt einigermaßen aushalten konnte. Außer den beiden Betten gab es noch zwei Schubladenkommoden aus abgegriffenem Holz, die gleichzeitig als Nachttische dienten und zwei Schreibtische, die so angeordnet waren, dass sie den Raum in der Mitte teilten und ihn damit komplett zustellten. Man konnte sich kaum rühren. Zwei Schreibtischstühle und ein in die Wand eingelassener Schrank vervollständigten das Ganze.

Lee war ihrem Blick gefolgt. »Wir könnten die Schreibtische an die Wand und die Betten in die Gauben schieben, dann hättet ihr mehr Platz. Chuck und ich haben es so gemacht. Macht enorm was aus.« Er hatte einen merkwürdigen Akzent und Jojo musste sich ziemlich konzentrieren, um ihn zu verstehen.

»Warum nicht? Was meinst du, Jojo? Wollen wir?«, fragte Jade.

Dankbar, dass Lee auf diese Art das Eis gebrochen hatte, nickte Jojo und die drei machten sich an die Arbeit. Durch die Enge, die im Raum herrschte, mussten sie wie bei einem Schiebespiel vorgehen, doch mit viel Gekicher und Geschubse hatten sie es schließlich geschafft.

»Wow!«, staunte Jojo. Durch das Gaubenfenster hatte man eine herrliche Aussicht über den Central Park (es war definitiv der Central Park) und große Teile Manhattans.

»Cool, oder? Die Seniors bekommen immer die Panoramazimmer. Damit der Abschied von der Highschool besonders schwerfällt.« Jade hatte sich neben sie auf das Bett gekniet und betrachtete die Skyline, die im Dunst der Spätnachmittagssonne aussah, als hätte man sie mit einem Weichzeichner bearbeitet.

»Seniors?« Jojo schüttelte verständnislos den Kopf. Senioren?

»Na, die Abschlussklassen. Die, die dann aufs College wechseln«, schaltete Lee sich dazwischen. Er klang ungeduldig. »Was ist jetzt mit Auspacken?« Neugierig beugte er sich über Jojos Sachen, die noch immer unberührt in der offenen Tür standen. »Was ist in dem Koffer?«

»Hallo? Klamotten natürlich!« Jojo spürte Ärger in sich aufsteigen. Keinesfalls würde sie es zulassen, dass er in ihren Sachen herumstöberte.

»Ich meine in dem anderen?«

»Oh. Ach so. Ein Saxofon.« Jojo ließ die Verschlüsse aufschnappen. Schwarzer Samt und Messing, auf Hochglanz poliert.

Jade sprang auf. »Ist nicht wahr! Ein Saxofon! Bist du gut?«

Was sollte sie darauf antworten? Ja, für eine Schulband war sie sicher gut, aber wer weiß, welche Ansprüche man hier hatte? »Gut wofür?«, fragte sie daher vorsichtig.

»Wir suchen dringend ein Saxofon für unser Musical nächstes Frühjahr. Und jemanden, der sich traut, das Ganze mit einem Solo zu eröffnen.«