Mord vor Schönheit: Kriminalroman

Manfred Weinland

Published by Cassiopeiapress/Alfredbooks, 2017.

Inhaltsverzeichnis

Title Page

Mord vor Schönheit

Copyright

1

2

3

4

5

6

7

8

9

10

11

12

13

14

15

16

17

18

19

20

21

22

23

24

25

26

27

28

29

30

31

32

33

34

35

36

37

38

39

40

41

42

43

44

45

46

47

48

49

50

51

52

53

54

55

56

57

Sign up for Manfred Weinland's Mailing List

Further Reading: 1166 Seiten Thriller Spannung: Neun Top Thriller für den Sommer

Also By Manfred Weinland

About the Publisher

image
image
image

Mord vor Schönheit

image

Krimi von Manfred Weinland

Der Umfang dieses Buchs entspricht 120 Taschenbuchseiten.

Drei verschwundene Kinder legen den Verdacht nahe, dass es sich um einen Fall von Kinderhandel handeln könnte. Die Spur führt zu einer Schönheitsfarm, und dort treffen die FBI-Agenten auf ein Nest von unglaublichen Verbrechen.

image
image
image

Copyright

image

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker.

© by Author

© dieser Ausgabe 2017 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

image
image
image

1

image

Jill Lamonica schloss die Tür zu ihrer teuren Penthouse-Wohnung auf und strich sich eine Strähne ihres roten Haares aus der Stirn. Sie war etwas außer Atem. Der Koffer in ihrer Linken hatte sein Gewicht.

Zu ihren Füßen bildete sich eine Pfütze aus schmelzendem Schnee, während sie das Licht einschaltete.

Die plötzliche Helligkeit im Flur blendete sie.

Irgendwo klickte etwas.

Jill blieb wie angewurzelt stehen.

Sie nahm feinen Zigarettendunst wahr.

Eine emotionslose Stimme sagte: »Nur herein, Lady, und keine Mätzchen! Mein Revolver zielt genau zwischen deine falschen Titten!«

Jill hatte das scheußliche Gefühl, alles Blut würde aus dem oberen Teil ihres durchgestylten Körpers in den Bauch absacken und dort ein unerträgliches Brennen verursachen.

Einen Moment wurde ihr schwarz vor den Augen. Sie registrierte gar nicht, wie der Koffer ihren Fingern entglitt und dumpf auf dem Teppichboden aufschlug.

Erst das Geräusch der hinter ihr wie eine Falle zuschnappenden Tür brachte sie ins Diesseits zurück.

Der Mann, der der Tür einen Tritt versetzt hatte, trat vor. Sie kannte ihn nicht. Er trug einen dunklen, ziemlich abgewetzten Trenchcoat im Stil alter Hollywood-Schinken der Schwarzen Serie. Sein Allerweltsgesicht wirkte eher unbeteiligt, überhaupt nicht bösartig. Sogar ein gewisser melancholischer Ausdruck schimmerte in seinen wässrigen Augen. Wäre da nicht der drohende Revolver mit dem verlängerten, schalldämpfenden Lauf gewesen, er hätte eine fast mitleiderregende, tragische Figur abgegeben.

Aber die Bedrohung existierte.

Und Jill Lamonica, das alternde Starlett, dessen Branchenruhm unaufhaltsam im Erlöschen begriffen war, empfand eine derartige Angst, dass sie regelrecht paralysiert war.

Es kostete sie schier übermenschliche Kraft zu sprechen.

»Was ... wollen Sie? Geld? Meinen Schmuck?«

Die dunkel drohende Revolvermündung schien sich plötzlich in das Auge einer Studiokamera zu verwandeln.

Jill lächelte reflexartig.

Eine Maske des Schreckens, die auch den letzten ihrer nicht mehr allzu zahlreichen Fans vergrault hätte.

»Nehmen Sie sich meinetwegen, was Sie wollen! Nehmen Sie es und verschwinden Sie ... Bitte!«

Sie spielte eine Rolle, verdammt! Eine schauerliche Farce! Selbst in dieser kritischen Situation konnte sie nicht aus ihrer zweiten Haut schlüpfen.

Als ihr bewusst wurde, wie wenig nach zwanzig Jahren Schaugeschäft noch von der wahren Jill Braddock übriggeblieben war, war es für eine Umkehr zu spät.

Der Mann mit der Waffe ließ sich weder täuschen noch beeindrucken.

Dieser Mann nicht!

Er war so wenig ein gewöhnlicher Einbrecher, der von ihrer Heimkunft überrascht worden war, wie Jill eine gute Schauspielerin war.

Sein Desinteresse an den dargebotenen Gegenständen war offenkundig. Geld und Schmuck lockten ihn nicht. Vielmehr – und diese Erkenntnis steigerte die dunkle Furcht ins Unerträgliche – schien er den genauen Zeitpunkt ihrer Rückkehr gekannt und deshalb hier auf sie gewartet zu haben.

»Geh voran!«, befahl er halblaut. Seine Stimme klang herrisch. Und wieder verstrickte sich Jill in einer Scheinvorstellung, die ihr vorgaukeln wollte, einen Regisseur vor sich zu haben, der letzte Anweisungen gab. »Ins Wohnzimmer!«

Ihre Beine fühlten sich an wie Weichgummiprothesen, aber sie gehorchte.

Erneut flammte Licht auf.

Ihr geschmackvolles Wohnzimmer, diese Insel in ihrem ansonsten unsteten Leben, strahlte nach den zwei Wochen ihrer Abwesenheit nicht die gewohnte Vertrautheit aus.

Sie spürte einen Stoß im Rücken und taumelte in einen freien Sessel.

»Hinsetzen!«

»Und was jetzt?«, fragte sie mit zitternden Lippen.

Der Bewaffnete lächelte ohne Einbeziehung der Augen. Plötzlich hielt er einen Bogen Papier und einen Federhalter zwischen den behandschuhten Fingern. Beides legte er vor Jill auf den niedrigen Marmortisch.

»Schreib!«

Jill nahm mechanisch den Stift auf.

»Wollen Sie etwa ein Autogramm? Das hätten Sie leichter haben können ...«

Es gelang ihr nicht einmal, Sarkasmus in die Stimme zu legen. Der Ansatz eines Lächelns gefror ihr auf den knallig geschminkten Lippen.

»Kaum«, gab der Mann kalt zurück. »Ich diktiere.«

Jill sank in sich zusammen. Sie hatte das Gefühl, als würde eine unsichtbare Brise die letzten Reste von Müdigkeit aus ihrem Hirn vertreiben. Mit erschreckender Hellsichtigkeit begriff sie, dass sie den unglaublichen Vorfall in einem versteckten Winkel ihres Verstandes bisher immer noch unterschätzt hatte. Was hier passierte, war weder ein simples Spiel, noch zeichnete sich ein Ausweg daraus ab.

»Schreib!«, wiederholte der Unbekannte, der sich benahm, als empfände er selbst keine rechte Freude an seinem Tun und erfülle nur eine lästige Pflicht.

Jill blickte auf und las ihr Schicksal in seinen melancholischen Augen.

Und dann – begann sie zu schreiben.

image
image
image

2

image

Zur gleichen Zeit, Manor Road, Staten Island!

DR. JOSEPH NITRIBIT stand in erhabenen Lettern auf der Marmorverkleidung am Eingangstor des Anwesens mit der Nummer 69.

Beim Anblick der Zahl leckte sich der vierschrötige, gedrungene Kerl im Schlagschatten einer Straßenlaterne lüstern über die wulstigen Lippen.

Diese Anwandlung dauerte exakt solange, wie er brauchte, um einen letzten prüfenden Blick in die Umgebung zu werfen. Anschließend hangelte er sich samt Werkzeugtasche mit beeindruckender Geschwindigkeit über die mannshohe Steinmauer und ließ sich auf der anderen Seite federnd in den Schnee fallen.

Sofort hechelten die beiden Bullterrier heran. Weiße Atemfahnen wehten in die helle Nacht.

Polanski warf ihnen die präparierten Köder hin, wartete kaltblütig, bis das Gift seine Wirkung erzielte, und stieg dann über die beiden noch zuckenden Körper hinweg. Durch dichtes Buschwerk näherte er sich der Villa, an der eine einsame Lampe über dem Haupteingang die Wachsamkeit des Bewohners vorgaukelte.

Im Haus selbst brannte kein Licht mehr.

Der radikale Besucher wandte sich der Rückseite des Hauses zu.

Mit einer schweren Kombizange knackte er das Türschloss.

Im selben Moment wummerte eine Sirene los, und überall gingen die Lichter an.

Polanski hielt sich keine Sekunde damit auf, wie jeder andere an seiner Stelle beim Losheulen der Alarmanlage reagiert hätte.

Er handelte auf seine Weise.

Statt sich planlos zur Flucht zu wenden, griff er in die Tasche und tauchte die Zange gegen eine Blei-Spritze aus.

Dann eilte er zügig, aber keineswegs überhastet, in die jäh aus dem Schlaf gerissene Arztvilla.

image
image
image

3

image

»Das Leben ...«, begann der Fremde mit Melancholie in der Stimme.

»Das Leben« schrieb Jill Lamonica. Der Federhalter schabte über das Blatt.

»... hat keinen ...«

Hat keinen – Jill konnte kaum klar denken.

»... Sinn mehr ...«

Sinn mehr

Sie schrieb es mechanisch.

Dennoch sickerte ihr mit eisiger Gewissheit ins Bewusstsein, was sie da gerade zu Papier brachte.

Ihr Todesurteil nämlich!

Der Mann mit den traurigen Augen zog ihr das Blatt ruckartig unter der Hand weg und legte es beiseite.

Als ob dieser Reflex Jill aus einer Art Trance gerissen hätte, begann sie plötzlich zu schreien. Das Grauen, das sich in ihr gestaut hatte, entlud sich in einem schrillen Brüllen.

Eine Sekunde lang wirkte der Mann irritiert.

Aber dann krachte der ummantelte Revolverlauf kraftvoll unmittelbar über Jills rechtes Ohr, und der Schmerz stach wie eine glühende Lanze durch ihre Sinne, löschte eine Zeitlang jede Empfindung aus.

Als sie wieder zu sich kam, lag sie fast nackt auf ihrem Bett und wurde halb verrückt bei dem Gedanken, die Bestie könnte jetzt auch noch das von ihr verlangen ...

Stattdessen hatte er nur ihr Erwachen abgewartet, kniete nun mit dem rechten Bein auf dem Bett, um sich besser abstützen zu können, und packte Jills Kopf wie ein routinierter Raubtierbändiger. Mit der einen Hand zwang er ihre Kiefer auseinander, mit der anderen stopfte er ihr Tabletten in den Mund. Dann hielt er ihr den Mund mit unwiderstehlicher Kraft zu, damit sie den Inhalt nicht ausspucken konnte, griff schnell ein bereitstehendes Glas Wasser, hielt ihre Nase zu, wartete, bis sie Luft schnappen musste, und goss ihr das Wasser in den Mund!

Jill hatte keine Wahl. Sie musste alles schlucken, bevor sie überhaupt wieder atmen konnte!

Würgend und hustend bäumte sie sich noch ein paarmal im Griff des Mannes auf, ehe sie erschöpft in sich zusammensank.

Obwohl er damit rechnen musste, dass Jills Schrei jemanden alarmiert hatte, wartete der Fremde geduldig, bis ihr Atem endlich verflachte.

image
image
image

4

image

Dr. Joshua Nitribit fuhr hoch. Das gewaltige Wasserbett blubberte verhalten und wiegte ihn sanft wie ein warmer Frauenschoß hin und her.

In seinen umnebelten Sinnen vermischte sich die Alarmsirene mit Jeannys unartikulierten Protestlauten.

Nitribit beugte seinen kaum behaarten, femininen Körper zur Seite und knipste die Nachttischlampe an. Im Lichtsog wichen die Dämonen moderner Pharmazeutik hinter die unsichtbaren Schranken der Wirklichkeit zurück. Dennoch dauerte es eine volle Minute, bis der Arzt die Nachwehen der kleinen Privatorgie einigermaßen unter Kontrolle hatte.

Neben ihm blinzelte Jeanny, den Blick immer noch völlig verklärt vom ,Engelsstaub‘.

»Hörst du die Glöckchen?«, hauchte sie verzückt.

Joshua Nitribit hörte keine Glocken. Er hörte Schüsse – aus dem Erdgeschoss!

»Das wird der Priester sein, der uns vermählt«, kicherte das Girl mit den Traummaßen 95-58-85. Er hatte sie bei einem drei Wochen zurückliegenden Ärztekongress kennengelernt.

Nitribit schwang sich aus dem Bett.

Ihre Hand, die ihn zurückhalten wollte, schlug ins Leere.

»Schick ihn nicht weg!«, verfiel sie übergangslos in Schluchzen. »Bitte, schick ihn nicht weg! Schon als kleines Mädchen habe ich von einer weißen Hochzeit geträumt ...«

Arme Närrin, dachte der Arzt, dessen Nüchternheit mit brutaler Wucht zurückkehrte. Er hatte nur wenig Engelsstaub konsumiert – Jeanny hingegen befand sich noch voll auf dem Trip.

Joshua Nitribit riss die Schlafzimmertür auf.

Mit drei schnellen Schritten war er an der Balustrade, von dem aus er in die weite Vorhalle der Villa hinunterblicken konnte.

Überall brannte das mit der Alarmanlage gekoppelte Licht.

Eine reglose Frauengestalt lag mitten auf dem gefliesten Boden in einer Blutlache, von einem Kugelhagel buchstäblich zerfetzt.

»Amy!«, schrie Nitribit betäubt.

Er erkannte sofort seine Haushälterin, obwohl sie grausig zugerichtet war.

Einen Moment überlegte er, ob er alles nur träumte – ob er immer noch unter den teuflischen Nachwirkungen des Rauschmittels litt.

Aber die nervenzerfetzende Alarmsirene machte jeden noch so vagen Hoffnungsschimmer zunichte.

Eine bizarre Gestalt trat aus ihrer Deckung hervor.

Ein gedrungener Mann in dunklem Mantel, der mit seiner Handtasche unter dem linken Arm fast wie ein strebsamer Buchhalter wirkte, der sich lediglich hierher verirrt hatte.

Fassungslos starrte Joshua Nitribit auf den unscheinbaren Mann mit der MPi in der einen und der Brandfackel in der anderen Hand.

»Hallo, Doc!«, sagte der Killer – ehe er den Arzt mit einer Serie von Schüssen von der Balustrade holte.

image
image
image

5

image

»Marilyn-Syndrom«, tippte der bleiche Polizeiarzt lustlos. »Eindeutig. Sie war Schauspielerin, war sie das nicht? Ich glaube, ich habe sie mal in einer schlecht gemachten Vorabendserie gesehen, muss aber Jahre her sein. War nicht gerade ein Renner ...«

»Danke!«, stoppte Detective Lieutenant Harry Easton die Ausführungen des aus dem besten Schlaf gerissenen Mediziners.

Das Bild, das sich ihnen bot, war von deprimierender Trostlosigkeit. Die nackte Frau auf dem Satinlaken des Bettes trug nichts am Leib außer einem schwarzen Bustier und einem kaum der Rede werten String-Tanga. In ihrer linken Hand hatten sie den hingekritzelten Abschiedsbrief gefunden. Auf ihrem Nachttisch lag ein leeres Tablettenröhrchen, daneben, umgeworfen, ein gleichfalls leeres Wasserglas.

So gesehen hatte der Doc recht.

Es war das klassische Szenario.

Allerdings mit ein paar Schönheitsfehlern, die zunächst Eastons Schatten, Detective Sergeant Ed Schulz, bei seiner routinemäßigen Befragung der Nachbarschaft bitter aufgestoßen waren.

Man hatte Schreie gehört und deshalb schließlich die City Police verständigt.

Allerdings war die Streife zu spät gekommen.

Dennoch ... Selbstmörder schrien selten – außer sie überlegten es sich kurzfristig noch anders.

»Ich brauche eine Obduktion«, verschreckte Easton den wenig kooperativen Arzt deshalb. »Umgehend. Informieren Sie mich über alles, jede Kleinigkeit, die auf Tod durch Fremdverschulden hindeutet.«

»Sie sind mir vielleicht ein Spaßvogel!«, zeterte der Endfünfziger im grauen Anzug, unter dessen Jacke Easton beim Aufstehen Hosenträger blinken sah. »Haben Sie zu wenig Arbeit, oder was? Das hier ist ein lupenreiner Suizid! Bei der Monroe mögen sich Spekulationen für phantasievolle Geister ja in klingender Münze bezahlt gemacht haben – für Sie und mich wird ein Breittreten dieses Falles nur eines bedeuten: Unnütze Überstunden!«

»Tun Sie’s trotzdem – mir zuliebe«, bat Easton zuckersüß. »Waren Sie mal Pfadfinder?«, fragte er, und als der Doc mürrisch den Kopf schüttelte, fügte er hinzu: »Aber ich! So was geht einem in Fleisch und Blut über. Sie wissen doch: Jeden Tag eine gute Tat. Probieren Sie’s ruhig auch mal. Danach fühlen Sie sich gleich ein bisschen glücklicher.«

»Armleuchter!«, knurrte der Arzt, raffte aber seine Utensilien zusammen und signalisierte den im Hintergrund wartenden Helfern, dass sie die Leiche nun einpacken durften.

»Wohin damit?«, fragte einer von ihnen, der den kurzen Disput verfolgt hatte.