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Für die hyggeligen Dörfer.

Thorsten Scherer

Tod in der Gülle-Lagune

Eine Liebeserklärung an M Nordfriesland

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.dnb.deabrufbar.

Verlag: Tredition Hamburg

© 2017 Thorsten Scherer

Illustration: Thorsten Scherer

ISBN:

978-3-7439-6011-4 (Paperback)

978-3-7439-6013-8 (e-Book)

Vorwort:

Das Straßendorf Ostenfeld im Osten Nordfrieslands liegt im Landschaftsschutzgebiet Ostenfelder Geest. Große Teile des Gemeindegebiets sind Bestandteile von überregionalen Fauna- und Flora-Schutzgebieten. So konnte die Schönheit der Natur erhalten werden. Die Infrastruktur des Dorfes ist beispielhaft vollständig.

Das Leben der Menschen hier ist eng verwandt mit dem der hyggeligen Nachbarn in Dänemark.

Der schönste Teil von Ostenfeld ist vielleicht der östliche Teil, Ostenfeldfeld genannt. Er grenzt dort an den Fluss Treene, wo vor 1000 Jahren die Wikinger ihre Waren zwischen Haithabu an der Schlei im Osten und der Nordsee im Westen umschlugen.

Die plattdeutsche Sprache gehört zur Ostenfelder Geest und daher müssen in diesem Krimi auch einige Personen plattdeutsch sprechen. Ich habe daher, für Unterhaltungsliteratur unüblich, immer dort Fußnoten hinzugefügt, wo ich regionale Begriffe oder die plattdeutsche Sprache benutzt habe. Ich hoffe, dass es nicht den Lesefluss stört.

Als Rechtschreibhilfe für diesen Roman wurde das Werk „Kleines plattdeutsches Wörterbuch“ von Johannes Sass verwendet.

Alle in diesem Buch geschilderten Handlungen und Personen sind frei erfunden. Ahnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen wären zufällig und sind nicht beabsichtigt.

Sonntag, der 12. Juni, 14:45 Uhr

„Moin“

„Moin“

„Moin“

„Moin“

Mühsam mäandert Maximilian Landwehr auf die höchste Erhebung der Umgebung.

Oben erwarten ihn vier Gestalten, die ihm schief vom ewigen Wind gewachsen, mit ihren wetterverwöhnten Gesichtern entgegenblicken.

Ohlsen kennt er, den Polizeihauptmeister aus Husum, den Ohlsen, der hier jahrelang eine kleine Dorfstation betrieben hat, die dem roten Stift der Kieler Landesregierung zum Opfer fiel. Ove Ohlsen ist ein hoch aufgeschossener Mann, der eigentlich angesichts der Windverhältnisse viel zu lang gewachsen ist. Hier oben auf dem Deich der Gülle-Lagune wiegt er in den Böen wie ein Reetstängel vor und zurück.

Ohlsen wird als Präsenzstreife immer nach Ostenfeld geschickt, wenn dort etwas Ungewöhnliches geschieht. Verkehrssicherung beim Ringreiten, beim Schützenfest, beim Kinderfest. Zweimal sogar für den Schützenverein von 1750, dessen Jahreszahl als Quersumme schon einmal fast der Anzahl der teilnehmenden Ehepaare zu entsprechen drohte.

Da sonst nichts geschieht, hat Ohlsen nur wenig dienstlichen Kontakt zu den Einheimischen. Privat ist das ganz anders.

Privat wohnt er mit seiner Frau in Ostenfeld in der alten Dienstwohnung, die er vor zwölf Jahren gekauft und vor einem Jahr abbezahlt hat. Seine beiden Kinder sind schon lange aus dem Haus und, abgesehen von den sonntäglichen Telefonaten, nur in unumgänglichen Not-fállen wie den Geburtstagen bereit, ihr Heimatdorf zu sehen.

Im Dorf verballhornen die Kinder regelmäßig seinen Vornamen Ove in ein langgezogen klagendes „Oh weh“, wenn er in alter Tradition seinen ehemals dienstlichen, nun privaten Spaziergang durch das Dorf macht.

Im Dienst hat ihn das sehr gestört, denn er konnte kaum Ordnungswidrigkeiten aufspüren, weil ihn das „Oh weh“ „Oh weh“ der Kinder ankündigte und die Täter bereits hinter allen Scheunen waren, bevor Ohlsen den Tatort erreichte.

Morgens fuhr Ohlsen in Fahrgemeinschaft zum Dienst nach Husum. Alle vier Wochen war Ohlsen mit seinem Lada Nova für eine Woche an der Reihe.

Das geländegängige Vehikel benötigte Ohlsen, um den Pferdeanhänger zu ziehen, mit dem er früher das Pony und jetzt das Holz für den Kachelofen transportierte.

In seinem Hobbykeller hatte Ove einen Kalender, an dem er seit seiner Versetzung jeden Tag seine restlichen Tage bis zur Pensionierung abliest. Anfang des Monats hat er die 2000 unterschritten. Bei 3133 hatte er angefangen.

Maximilian Landwehr behandschlagt Ohlsen noch einmal mit einem kurz gebellten „Moin“ und mustert die drei anderen Gestalten auf ihre Wichtigkeit und Notwendigkeit.

„Lage?“, seine militärische Herkunft hat den Kommissar Landwehr geprägt, daran lässt er auch hier keinen Zweifel.

Der Vater Fachoffizier, als Major in den Ruhestand versetzt, hatte Maximilian früh eingenordet: „Du gehst zum Bund und machst Berufsoffizier!“

Das berufliche Scheitern von Maximilian Landwehr loderte unterdes zu einem Haufen. Das Gymnasium verließ er nach Absolvierung von zwei Ehrenrunden mit der Klassenstufe 10. Er erhielt den Grad der mittleren Reife ausdrücklich mit Rücksicht auf die Eltern.

Eine Berufsausbildung zum Tischler endete im ersten Lehrjahr. Maximilian testete seinen Lehrherren und Meister Dethleffsen auf Geduld und Zuversicht. Dethleffsen war die Testerei schließlich leidig und so übergab er seinen Quälgeist dem Arbeitsamt zur weiteren Behandlung.

Glücklicherweise erhielt Maximilian Landwehr zur gleichen Zeit die Aufforderung, sich der Musterung unterziehen zu lassen. So musste er sich nicht der weiteren Berufsberatung unterwerfen, sondern konnte sofort in den Dienst für Vaterland und Ego eintreten.

Keine Frage, er wollte sofort die Offizierslaufbahn beginnen und endlich seine zahlreichen Talente gewürdigt wissen.

Die Musterung zeitigte ein ernüchterndes Ergebnis. Nicht nur fehlten Maximilian die grundlegenden Voraussetzungen für die angestrebte Tätigkeit, sondern es fehlte ihm an allen körperlichen und geistigen Tüchtigkeiten, die damit verbunden wären.

So beschränkte sich seine olivgrüne Karriere auf vier Jahre als Soldat auf Zeit, in denen er über den Dienstgrad Hauptgefreiter nicht hinauskam. Immerhin konnte er den Führerschein der Klasse 2 machen und schaffte die Prüfung bereits im zweiten Anlauf.

Am Ende der Dienstzeit war es dann ein Berater des Berufsförderungsdienstes der Bundeswehr, der ihm den mittleren Dienst bei der Landespolizei ans Herz legte.

Maximilian Landwehr begann nach der Ausbildung in Eutin bei der Schutzpolizei, verharrte jedoch wegen verschiedener Widrigkeiten mit Vorgesetzten länger als üblich im Beamtenverhältnis auf Probe.

Seine Ernennung zum Beamten auf Lebenszeit wurde nur mit äußerst mäßiger Beteiligung der Kolleginnen und Kollegen seines Reviers gefeiert, was jedoch dem Landwehrschen Selbstbewusstsein keinen Abbruch tat.

Maximilian Landwehrs Vater Sturmhart pflegte eine langjährige Freundschaft zu dem Leiter des Polizeireviers Husum Hans Fiedler. Die Beer-Calls, Grillabende und der jährliche Salvator-Abend in der Fliegerhorst-Kaserne in Husum schweißten die trinkfesten Herren zu bierseligen Kumpanen zusammen, zwischen die nach eigenem Bekunden nicht einmal mehr ein Blatt Japanpapier gepasst hätte.

Unter der Protektion von Vater und Vorgesetztem und nach etlichen gescheiterten Versuchen gelang Maximilian Landwehr endlich die Übernahme in den höheren Dienst als Kriminalpolizist.

Kommissar Maximilian Landwehr war in dem Polizeirevier ein Außenseiter. Der vom Vater geerbte Befehlston fand nur sehr wenige Liebhaber im Kollegium. Zumeist fuhr Maximilian allein zu seinen Einsätzen, obwohl das eigentlich nicht mit dem Dienstrecht vereinbar ist.

„Ausnahmsweise“, sagte Direktionsleiter Hans Fiedler regelmäßig, weil niemand Landwehr begleiten wollte.

So sollte Maximilian Landwehr auch hier in Ostenfeld allein seinen Mann stehen.

„Ja, die Lage ist so“, respondierte Ohlsen sinnig, „dass ich sie noch nicht überblicke. Aber der Kopf ist wieder in der Lagune.“

Landwehr zog eine Augenbraue hoch, weil das sehr intellektuell wirkt, und wandte sich an den untersetzten Mann, der mit seinem ausgeprägten Breitenwachstum besser in die Landschaft passte und von einem Orkan nicht umgeworfen werden, sondern höchstens herumgekugelt werden konnte.

„Name? Warum hier?“, schnitt Landwehr die dicke Luft über der Gülle-Lagune. Doch der Angesprochene erwiderte lediglich den Blick und zwang erst Landwehrs Augenbraue und dann dessen Augen mit seinem Blick nieder.

„Hier sagt man erst einmal Moin und stellt sich dann vor“, kam es nach einer gefühlten Ewigkeit über die Lippen des Angesprochenen.

Landwehr übermannte wieder das Gefühl von Wut und Hilflosigkeit, das sein Vater so leicht in ihm auslösen konnte. Er hatte jedoch Strategien erlernt, wie er dieses Gefühl in den Griff bekommen konnte.

Viele Stunden Gruppen- und Einzeltherapie waren dazu notwendig gewesen, aber Maximilian wusste jetzt in solchen Fällen, was er tun musste. So vollführte er eine zackige Linksdrehung und umrundete im Geschwindschritt auf dem Deich die Gülle-Lagune, um schließlich wieder vor Polizeihauptmeister Ohlsen zum Stehen zu kommen..

„Stellen Sie mir die Leute mal vor, Ohlsen!“, schoss er Ove Ohlsen vor die Brust.

„Ja, also, der Dicke da mit dem schwarzen Hund ist Anton Albrecht. Der Hund ist ausgebildeter Leichenspürhund. Der mit der Latzhose dahinter ist Peter Petersen, der Bauer, dem die Gülle-Lagune gehört. Und der mit der Mütze ist Knecht Bogdan.“

So viel hatte Ohlsen lange nicht mehr dienstlich in einem Satz sprechen müssen. Der Mund war ihm ganz trocken und am liebsten hätte er jetzt eine schöne Apfelschorle am Stammtisch im Kirchspielkrug zu sich genommen. Aber noch war Dienst. Vielleicht konnte er nachher bei Bäuerin Petra eine ayurvedische Vanille-Mango-Lassi ergattern.

Die sommerliche Wärme verstärkte den Durst und der Wind führte dazu, dass die Verdunstungsgase der Gülle-Lagune Ohlsen und den anderen auf dem Deich einen glasigen Blick in die Augen malten.

Maximilian Landwehr betrachtete erneut die drei Personen, diesmal mit einer erzwungen freundlichen Miene: „Moin, die Herren, mein Name ist Kommissar Landwehr, Kriminalpolizeistelle Husum.“

„Weet wi“, knarzte die Stimme von Bauer Petersen, „dat hett uns Ohlsen all vertellt1.“

„Dzien Dobry“, erwiderte teilnahmslos der als polnischer Landarbeiter Bogdan vorgestellte Knecht.

Irritiert wandte sich Maximilian Landwehr Polizeihauptmeister Ohlsen zu: „Spricht hier keiner hochdeutsch?“

„Doch“, mischte sich Anton Albrecht ein, „aber üblich ist es nicht. Komm, Hilde, die Gülle wird brünstig, hier riecht es mir zu streng nach Oberbulle.“ Damit pfiff er seine Hündin an seine Seite, leinte sie an und rollte den Deich hinab. „Ich bin im Stumpen!“, rief er Ove Ohlsen zu und dackelte mit seiner Hilde am Halsband querfeldein zum Heudamm.

Der Mund von Maximilian Landwehr klappte auf und zu, auf und zu. Sein Gehirn konnte im Moment zwar die Muskulatur bewegen, nicht aber gleichzeitig das Sprachzentrum bedienen.

So stand er, wie ein Fisch auf dem Trockenen liegen würde, mit kieferklappenden Bewegungen und musste auch noch mit ansehen, wie Knecht Bogdan und Bauer Peter Petersen den Deich in Richtung Hofstelle verließen. Der eine mit einem „Do widzenia!“, der andere mit einem gegrummelten „Moin, und mok de Schiet wech, wenn Du ferdi büst!“.

Ohlsen schaute besorgt und belustigt zugleich dem Kommissar bei seinen Kaumuskel-Übungen zu. „Luft scheint er zu kriegen“, dachte er sich und wandte sich seiner Tätigkeit zu, die er bis zum Eintreffen Landwehrs ausgeübt hatte.

Er nahm die Teleskopstange mit dem daran angebundenen Kescher auf, mit der nun schon verschiedene Personen erfolglos in der Lagune gefischt hatten, ging die seewärts gelegene Deichseite der Gülle-Lagune hinab und zog den Kescher mit gleichmäßigen Bewegungen über die Oberfläche.

Sonntag, der 12. Juni, 10:50 Uhr

Bauer Petersen hatte heute Morgen begonnen, die Gülle in seiner herrlichen Lagune mit dem Güllestabmixer RÜHRGIGANT MZR5 Lagune der Firma SUMA, einem leistungsstarken Lagunen-Rührwerk zu rühren. Das musste regelmäßig geschehen, damit die Schwimmschicht auf der Gülle nicht zu dick wurde. In Ostenfeldfeld gab es insgesamt drei Gülle-Lagunen, auch als Gülle-Erdbecken bezeichnet. Petersen hatte sich gleichzeitig mit zwei Landwirten aus der Nachbarschaft beraten und dann eine Lagune bauen lassen. Es handelte sich dabei um Sammelbecken für die Tierausscheidungen, die im Stall produziert wurden. Beim Bau der Sammelbecken wurde die Erde 4 Meter tief ausgehoben und der Aushub als Deich rund um die so entstehende Grube geschüttet. Das entstandene Becken wurde dann mit Folien ausgelegt und abgedichtet.

Der Inhalt von Peter Petersens Lagune bestand aus dicker, zäher Rindergülle und bildete mit der Zeit eine natürliche Schwimmdecke.

Der Rührgigant verfügte über einen Getriebemotor mit 18,5 KW Leistung, konnte bis zu 4 Meter tief rühren und hatte Rührflügel mit einem Durchmesser von 700 Millimetern. Er konnte in einer Minute 94 Kubikmeter Wasser mit einer Strömungsgeschwindigkeit von 15,8 Kilometer pro Stunde umwälzen.

Der MZR Lagune war der Mercedes unter den Rührwerken und Petersens ganzer Stolz.

Allerdings war das heutige Mix-Erlebnis für Petersen nicht rundweg angenehm gewesen. Dem Blubbern der Rinderausscheidungen lauschend, umrundete der Bauer seine feine Lagune, als plötzlich das Rührwerk begann, sich zu schütteln, als hätte es ein großes Wesen von unten gepackt und wolle es in die Tiefe ziehen.

Nun kam es vor, dass die Propeller einen großen Ast erwischten, der im Rahmen der stetigen Orkantätigkeit in Nordfriesland seinen Weg in die Gülle geschafft hatte. So reagierte Petersen auf das Geschüttel erst, als er den zerrissenen Fuß sah, der mit den Luftblasen nach oben trieb.

Gegen jede Tradition entschloss sich der Landwirt, seine Umrundung zu unterbrechen und das am falschen Ort exponierte menschliche Überbleibsel genauer zu inspizieren. Er holte sich einen Kescher und zog damit das Fleischstück zu sich heran.

Mit seinem Stofftaschentuch reinigte er den Fuß und entdeckte dabei, dass ein Zeh fehlte, glatt abgeschnitten von dem Propeller der MZR Lagune. Auch die Trennstelle des Fußes war sauber geschnitten. Petersen fühlte sich in seiner Entscheidung bestätigt, ausschließlich V2A-Stahl mit zusätzlicher Oberflächenvergütung für seinen Güllemixer bestellt zu haben. Dazu hatte ihm der Nachbar Tom Frisch geraten, der schon länger mit einem fest installierten Güllemixer seine Gülle mixte.

Er spähte über den Deichrand, ob dort vielleicht der Verlierer auf einem Bein stünde, Knecht Bogdan beispielsweise. Aber Petersen war allein auf weiter Flur.

Er starrte auf die bräunliche Oberfläche seiner Lagune, die 40 Meter lang und 20 Meter breit war. Jeder Halm Stroh, jeder Fladenklumpen schien eine Form anzunehmen, die menschlichen Körperteilen ähnelte.

Schon wollte er sich zur Hofstelle begeben, da er einen Anruf bei Ohlsen in Husum für gegeben hielt und sein Handy natürlich wieder einmal auf dem Deutz liegengelassen hatte, da schoss ein Ball aus dem Rührstrudel herauf.

Petersen erstarrte. Bälle mit Haaren waren hier in Nordfriesland nicht üblich. Wieder zog er den Kescher heran, um sogleich dieser behaarten Kugel habhaft zu werden. Sie trieb allerdings zu weit mittig in der Lagune. Hier war ein längeres vonnöten. Also holte er schnell eine zehn Meter lange Teleskopstange, seinen Angelkescher und Klebeband und kam so auf eine Reichweite von 10 Metern. Es bereitete überaus große Mühe, den Kescher gezielt hinter den Kopfball zu manövrieren. Aber endlich gelang es Petersen und er zog das Rätsel Stück um Stück zu sich heran und schließlich auf festen Grund. Mit dem ohnehin verdorbenen Taschentuch begann er, den nun deutlich als Kopf sich entpuppenden Ball und erkannte immer deutlicher die Konturen eines Gesichts.

„Düvel ok! So een Schiet!“, fuhr es aus ihm hervor, „wat schall dat hier bi mi?“, und nach einer Sekunde: „Und wat schall ick nu dormit maken2?“

Er überlegte, das Rührwerk einfach auszuschalten. Dann würde es keine weiteren Überraschungen und keine Fragen geben. Tot waren die Körperteile ohnehin, was sollte man sich lange damit aufhalten.

Oder sollte er es laufen lassen, um eventuell noch vorhandene Fremdkörper nach oben zu befördern? Auch unter der Gefahr, dass die Rührpropeller die Fremdkörper immer kleiner häckselten? Oder war es schlauer, das Rührwerk so lange laufen zu lassen, bis der Propellerganze Arbeit getan und den gesamten Laguneninhalt zu zentimetergroßen Stücken verarbeitet hätte?

Die Entscheidung nahm ihm sein Knecht Bogdan ab, der über die Deichkrone auf ihn zuhielt. Wenn Bogdan so schnell lief, konnte es sich nur um besonders schmackhaftes Essen handeln.

„Frau tutet Mittag“, rief Bogdan ihm folgerichtig zu und verschwand schon wieder, um als Erster am Kü-chentisch sitzen und die Pfanne mit den leckeren Bratkartoffeln in Empfang nehmen zu können, nach denen der Innenhof so appetitanregend duftete.

Petersen entschloss sich, den MZR Lagune vom Strom zu nehmen und eilte hinter Bogdan her, denn auch als Zweiter am Tisch hatte man gute Chancen, mit reichhaltigem Speck und Zwiebeln für die Mühen des Vormittags entlohnt zu werden.

Dabei stieß er mit dem Fuß an den Kopf, der in aller Seelenruhe zurück in die Lagune kullerte. Petersen blickte ihm verärgert hinterher, konnte sich aber momentan nicht um ihn kümmern, denn der wichtigste Termin des Tages war eingeläutet.

Essen war um 12. Um 12, das hieß Punkt 12, kein cum tempore, kein „Ich musste noch eben“, keine Ausreden. Wer nicht kam zur rechten Zeit, der musste essen, was übrig blieb. So war das auf diesem Hof schon seit Generationen.

Das galt nur für die beiden Kinder nicht, die in die siebte und zehnte Klasse an weiterführenden Schulen in Husum gingen und morgens um 6 den Hof verließen, um völlig ermattet um halb 2 Uhr aus dem Bus zu fallen, der vor der Hofeinfahrt hielt.

Nach dem Essen war Mittagsstunde bis 2. Das galt für den Bauern und den Knecht. Für Bäuerin Petra galt das nicht, denn sie musste nach der Mahlzeit den Tisch abdecken und für die Kinder neu eindecken. Zumeist nutzte sie die Zeit bis zur Ankunft der Kinder, um in einem der zahllosen Bücher zu lesen, die sie sich entweder von der Fahrbücherei holte, die im Dorf vierzehntäglich für eine Stunde Halt machte oder über ihren Tolino die Onleihe zwischen den Meeren, ein Angebot der Schleswig-Holsteinischen Bibliotheken, zu nutzen.

Petra druckte sich über das Internet die Bestsellerlisten Belletristik und Sachbuch aus, hakte die gelesenen Bücher ab und bestellte die neu hinzugekommenen online oder im Büchereibus. Neben der Stunde, die sie sich mittags Zeit nahm, gehörten die Abende ihrer großen Leseleidenschaft.

Heute Mittag war etwas anders. Während Peter sonst die Mahlzeit nutzte, um Petra die neuesten Ereignisse und Erkenntnisse bezüglich des Hofes mitzuteilen, saß er heute stumm und starrte vor sich hin. „Er wird mir doch nicht krank werden“, dachte Petra und sprach ihren Ehemann mit den Worten „Peter, ist was mit dir?“ an.

„Dor is wat in de Güllebassin“, kam als Antwort, und: „Ik glööv, ick heff een Kopp funn.3

Petra meinte, sie hätte sich verhört. „Was hast Du gefunden? Einen Knopf?“ Ihr Plattdeutsch war nicht perfekt, schließlich stammte sie aus Husum, wo seltener plattdeutsch gesprochen wird als auf dem Land.

„Een Kopp mit Haar. Und een Foot. Und viellicht is dor noch mehr binnen.4

Petra starrte ungläubig auf ihren Teller, während Bogdan besorgt vom einen zur anderen blickte. Er ahnte, dass hier ein schweres Wetter aufzog.

„Im GüUebassin?“ Petra betonte jede Silbe, als würde sie gar nicht zur vorherigen passen. „In der Lagune?“

Sie warf ihr Esswerkzeug auf den Teller, so dass Zwiebeln, Speck und Kartoffeln erschrocken in die Luft sprangen und fluchtartig den Teller verließen.

„Und dann sitzt Du hier in aller Seelenruhe und schlägst dir den Bauch voll?“

Petersen merkte ihrem Ton an, dass er nur Millimeter von einem Vulkanausbruch entfernt saß und ergriff, um der explosiven Eruption zu entkommen, mit den Worten „Kumm mol mit“ die Flucht.

Er kannte das gut: Zuerst pyroklastische Ströme, dann Glutwolken, Lavaströme und abends kein geschmiertes Brot.

Mit doppelter Schrittgeschwindigkeit wetzte er zur Lagune, seinen Knecht im Gefolge und drehte sich erst auf der Deichkrone nach seinem persönlichen Feuerberg um. Der Berg folgte ihm allerdings nicht. So schickte er den von der ungewohnten Geschwindigkeit schnaufenden Bogdan zurück mit den Worten: „Kiek mol na de Fru!“

Der wendete mit kurzem Salut und machte sich, nun allerdings deutlich gemächlicher, auf den Rückweg. Auch er kannte mittlerweile das Leben am Fuße des menschlichen Vulkans und hatte Sorge, dass ihn vielleicht ein Gesteinsbrocken treffen könnte.

Unterdes hatte Petra das Polizeirevier Husum angerufen und nach Polizeihauptmeister Ohlsen verlangt, mit dem sie seit Jahren im Gospelchor der Kirchengemeinde sang.

Ohlsen hatte minutenlang verständnislos geschwiegen, so dass Petra schon dachte, dass das verdammte IP-Telefon schon wieder ausgefallen war.

Dann die endlos gedehnte Nachfrage: „Einen was? Einen Knopf?“

„Komm sofort her, Ohlsen. Entweder ist Peter verrückt und Du nimmst ihn mit oder er hat tatsächlich einen Kopf gefunden und dann nimmst Du den mit.“

„Aber“, versuchte Ohlsen eine Widerrede, wurde aber gestoppt mit den Worten: „Wenn Du dich nicht unverzüglich auf den Weg machst, dann werde ich Svetlana am Mittwoch sagen, dass Du nur brummelst.“

Svetlana war die deutschstämmige stämmige Chorleiterin des Gospel-Chors. Und mittwochs war der Probenabend des Chores, der sechs Männerstimmen und 25 Frauenstimmen umfasste.

Ab und zu mussten die ohnehin in der Minderzahl anwesenden Männer ihren Part solistisch vortragen, weil Svetlana behauptete, dass sie brummeln.

Die Wahrheit war, dass alle brummelten.

Svetlana nutzte die Vorführung der solistischen Unzulänglichkeiten dazu, ihre Truppe insgesamt zu disziplinieren. Mit den gutmütigen Männern hatte sie dabei leichteres Spiel als mit den Frauen, denn diese verbündeten sich sofort und ließen das Opfer mit den unisono vorgetragenen Worten „Das stimmt nicht, das habe ich genau gehört“, nicht aus ihrer Mitte.

Das Vortragen in Front zum Chor als Mittel der Demütigung und zu ihrer eigenen Aufheiterung hatte Svetlana während ihrer musikalischen Ausbildung in Kasachstan so gelernt.

Das gesamte Chorensemble fürchtete die ausgestreckte Hand Svetlanas, die sich wie eine Blume in Richtung des Delinquenten öffnete mit den Worten: „Magst singen noch amal für uns?“

Wer Ziel dieser Aufforderung wurde, hatte zumeist akute Stimmbandverzerrung und Luftnot.

Zumeist blieb die blamierte Person nach diesem überaus peinlichen Versagen zwei bis drei Übungsabende fern.

Einzelne Betroffene hatten aber auch im Dorf berichtet, dass sie danach vor operativen Eingriffen weniger Angst mehr gehabt hätten.

Auch Ohlsen hatte panische Angst vor dem Sangespranger und hauchte mit einem „Komm gleich“ den Hörer in die Ladestation.

Petra rief auch Anton Albrecht an. Der nahm ihren Anruf sofort entgegen, als hätte er auf ihren Anruf gewartet.

„Seelenverwandter“, dachte sie, sagte laut: „Anton, Du musst sofort herkommen“, und legte auf.

Anton Albrecht war ihr engster Vertrauter, seitdem sie hierher gezogen war.

Nach ihrem Mann Peter. Oder eigentlich doch vor ihm. Mit Anton verband sie unter anderem die gemeinsame Liebe zu guter Literatur, die auch Antons Frau Anna und der Polizeihauptmeister Ohlsen teilten.

Petra war vor 17 Jahren nach Ostenfeldfeld gezogen, nachdem sie ein Jahr zuvor Peter in Kiel kennengelernt hatte.

Gerade hatte sie ihr Diplom der Ökotrophologie am Institut für Ernahrungswissenschaft und Verbrauchslehre an der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel summa cum laude abgeschlossen, als der Blick ihrer liebstenbesten Kommilitonin auf einen Aushang des Instituts für Pflanzenernährung und Bodenkunde fiel. Beide Studiengänge waren an der Agrar- und Ernährungswissenschaftlichen Fakultät beheimatet.

Die Bodenkundler-Studenten des Abschluss-Semesters luden zu ihrem traditionellen Abschlussball ein.

Während das eine Institut überwiegend von jungen Männern konsultiert wurde, fühlten sich den Studieninhalten des anderen Instituts eher Frauen verbunden. Obwohl die Studierenden unter dem Dach der gleichen Fakultät lernten, herrschte weltanschaulich zwischen ihnen eine unleugbare Diskrepanz. Der Abschlussball brachte die beiden Interessengruppen zueinander und führte in einzelnen Fällen doch immer wieder zur Kongruenz der Gruppenmitglieder.

In Peter und Petras Fall kam es allerdings über Umwege zur Deckungsgleichheit. Peters älterer Bruder Hinnerk hatte als erster Nachkömmling der Familie die allgemeine Hochschulreife an der Hermann-Tast-Schule erreicht und zugleich klargemacht, dass die elterliche Bauernstelle nicht für ihn infrage kam.

So erhielt er von den Eltern das Studium bezahlt und der Hof fiel an den Jüngeren. Hinnerk strebte eine Karriere im Sales- und Marketingbereich bei dem Agrarunternehmen Syngenta an. Zum Abschlussball nahm Hinnerk seinen Bruder mit. Diese gemeinsame Feier stellte sich Hinnerk als Ausgangspunkt der künftig getrennten Wege vor. Da die landmännische Bevölkerung seit jeher zu feiern weiß, hatte Peter keine Berührungsängste. Weder mit der Alma Mater noch mit den Ökotrophologen.

Er selbst hatte nach dem Fachabitur an den Beruflichen Schulen Husum an die Fachhochschule Kiel gewechselt und an dem Studienort Rendsburg in sieben Semestern den Bachelor of Science erreicht. Zu den Vorlesungen fuhr er zwischen, denn morgens und abends musste er seinem Vater auf dem Hof beim Melken helfen. Die so begonnene Romanze gipfelte nach neun Monaten in einer Hochzeit und einem Hoferben namens Sören. Peters Eltern waren überglücklich und zogen sogleich in den Altenteiler im Dorf, um den jungen Leuten ihr Glück zu gönnen. Und um nicht mehr so viel Arbeit auf dem Hof zu haben. Peter war überglücklich, dass er nun den Hof verantwortlich führen durfte und im ersten Anlauf einen Hoferben errungen hatte. Petra war alles in allem mit ihrem Los relativ zufrieden. Peter war ein lieber Mensch.

Ja.

Aber.

Anfangs fühlte sie Schmetterlinge im Bauch, später hatte sie das Gefühl, dass sich in ihrem Bauch lauter Raupen im Fressstadium befanden.

Seitdem hoffte sie insgeheim auf die Verpuppung dieser Raupen und erneute Metamorphose zu Schmetterlingen.

Sie bemühte sich, die Menschen der Region zu verstehen, was deren Sprache und Mentalität betraf. Sie bemühte sich, die Maschinen zu verstehen, die sie auf dem Hof bedienen musste. Und sie bemühte sich, der Einsamkeit zu entfliehen, die sie tagein, tagaus auf dem Hof umschlang, wenn Peter bei den Tieren, auf der Weide, beim Säen, beim Ernten oder am Stammtisch war. Und dann war oft schon der Nachbar Anton Albrecht da gewesen. Der hörte zu, wenn sie ihre Leere zu füllen versuchte mit Worten, die erklärten, vertuschten, milderten. Und wenn alle Buchstaben über ihre Lippen gepurzelt waren, dann nahm er sie in den Arm und gab sie ihr geordnet zurück. Er ordnete sie in Worte, die ihre Welt wieder ein wenig zurechtrücken konnten.

Vor 13 Jahren wurde der Ostenfeldfelder Literaturkreis von Petra, Ohlsen und Anton aus der Taufe gehoben. Petras jüngerer Sohn Friedrich wurde in der Ostenfelder Sankt Petri Kirche getauft. Das romanische Taufbecken in der Kirche stammt aus dem 12. Jahrhundert und belegt das Alter der Gemeinde. Es hat einen Durchmesser von fast einem Meter, so dass auch Mehrlingstaufen kein Problem aufwerfen. Anton und Ove Ohlsen waren von Petra und Peter gebeten worden, als Taufpate für Friedrich zu stehen. Diese Bitte hatte Anton zur Ehre gereicht und er brauchte keine Sekunde Bedenkzeit, um zuzustimmen. Anton hatte als Taufgabe neben einem Sparvertrag für den Täufling auch ein antiquarisches Buch von einem Autor ausgesucht, der ihm sehr gefiel.

Aus diesem Buch von einigem Wert wollte Anton einige Zeilen vortragen, allerdings hatte die Schwerkraft an diesem Tag die Übermacht und riss das Werk aus Antons Hand und ließ es in das mäßig gefüllte Becken platschen, dass die Tropfen vor Freude den kleinen Friedrich netzten, bevor die Pastorin Hand anlegen konnte.

Petra war gedankenschnell vorgetreten und hatte blitzschnell zugegriffen, bevor das Buch ernsthaften Schaden nehmen konnte.

„Wie schön. ‚Radetzkymarsch’ von Joseph Roth!“ staunte sie.

„Signierte Erstausgabe“, freute sich Anton und blickte sie mit vor Erkennen ganz großen Augen an.

So war denn von dieser Sekunde der Unachtsamkeit einerseits Friedrich von der schönen Literatur getauft, andererseits der Literaturkreis geboren und schließlich auf das Gesicht der Pastorin ein bitterböses Emoji gemalt worden.

Petra hatte vor sechs Jahren ein erfolgreich laufendes Studio für Ernährungsberatung im Vorderteil des Hofgebäudes eingerichtet. Danach schloss sie sich einer Dachorganisation für Ernährungsberatung an und erarbeitete für Hilfesuchende Pläne für die Ernährung bei Nahrungsmittelallergien oder Unverträglichkeiten. Natürlich führte sie auch Beratungen bei Adipositas durch.

In der hiesigen ländlichen Umgebung war es allerdings schwer, neue Patienten zu finden.

Nahrungsunverträglichkeiten traten hier seltener auf als in den Städten und die Notwendigkeit, für das Abnehmen Geld zu bezahlen, war den meisten Einheimischen nicht eingängig.

Ihre erfolgreiche Arbeit hatte sich jedoch bis zu den Internisten und Kardiologen in weiter Umgebung herumgesprochen. Diese legten ihren adipösen, allergischen oder schlichtweg fehlernährten Patienten nahe, bei Petra eine Beratung und dadurch eine Verbesserung der Lebensqualität zu erhalten. Petra hatte allerdings nicht nur tatsächlich erkrankte, sondern auch Kunden mit somatoformen Störungen. Diese Kunden fürchteten Nahrungsbestandteile wie beispielsweise das Gluten wie der sprichwörtliche Teufel das Weihwasser. Sie bildeten sich ein, an einer Glutenunverträglichkeit zu leiden, ohne dass diese jemals diagnostiziert wurde. Diesen Kunden, deren Anzahl in den letzten Jahren immer größer geworden war, legte sie zuweilen nahe, sich psychiatrische Hilfe zu holen. Zwar waren diese Kunden häufig bereit, über lange Zeiträume viel Geld für die Ernährungsberatung auszugeben, aber Petra empfand diese Geldschneiderei als unfair. Petra verdiente mit ihrem Studio für Ernährungsberatung deutlich mehr als die Hälfte des Familieneinkommens. Gerade in Zeiten der niedrigen Milchpreise sicherte sie so dem Hof das Überleben. Petras Wunschpatient war Anton.

Antons Frau Anna hatte so manches Mal mit Petra zusammengehockt und die beiden hatten ihre Sorge um Antons Übergewicht geteilt. Wenn Petra dann Anton darauf ansprach, antwortete er regelmäßig: „Lass uns bitte Freunde bleiben.“ So versuchten Anna und Petra, heimlich die Kalorienaufnahme von Anton zu verringern, was diesem in aller Regel auffiel, denn er war Feinschmecker.

Jeden zweiten Montag um 19.00 Uhr c.t. trafen sich Petra, Ohlsen und Anton „mol bi ehr und mol bi em“ zum Austausch der Gedanken über die gelesenen Bücher und über das bisher gelebte Leben.

Sonntag, der 12. Juni, 13:30 Uhr

So eilten nun also Ohlsen aus Husum und Anton Albrecht vom Stumpen in Richtung des Peterschen Hofes. Ohlsen in seinem Dienst-Golf, Anton mit seiner Hündin Hilde, über die im Dorf ungeheuerliche Geschichten erzählt wurden.

Urheber dieser Geschichten waren Petra und Anton, die sich einen Spaß aus der Leichtgläubigkeit machten und einen Wettbewerb darum betrieben, wer am schnellsten die Rückkoppelung eines Gerüchts vernehmen konnte. Zumeist wurde Anton auf seinen Spaziergängen angesprochen: „Minsch, Anton, ik heff hört, dat dien Hund Lieken utbuddelt hett5?“

Das war sogar wahr. Nicht wahr war, dass Hilde eine Ausbildung zum Leichensuchhund in den Vereinigten Staaten absolviert hatte. Die absurdeste Frage, die als Gerüchtefolge zu Anton zurücklief, lautete: „Minsch, Anton, ik heff hört, dat dien Hund een Rettungssanitäter is?“6

Anton ging mit Hilde querfeldein. Zwischen den bestellten Ackerflächen verliefen die Knicks, an denen man gut entlanglaufen konnte. Das Land war in diesem Sommer ungewöhnlich nass, starke Niederschläge hatten die Landwirte an einer rechtzeitigen Aussaat gehindert. Jetzt, Anfang Juni, waren die Böden immer noch zu nass, auch wenn tagsüber die Sonne und der ständige Sturm den Boden oberflächlich leicht trockneten.

Während seiner Schritte schmatzte der schwere Geestboden an dem groben Profil von Antons Gummistiefeln.

Anton scheuchte ein Fasanenpärchen auf und einen Fuchs, der gerade dem Fasanenweibchen hinterherschnürte, um es sich bei erstbester Gelegenheit einzuverleiben. Beleidigt zog Meister Reineke von dannen, nicht ohne ein wütendes Bellen in Richtung der Störer zu senden.

Ein kurzes Stück noch den Kirchenwald gequert und schon erreichte Anton zeitgleich mit Polizeiobermeister Ohlsen den Petersen-Hof.

Petra empfing die beiden schon in der Einfahrt und mit raumgreifender Gestik der Arme.

Anton fühlte sich von diesen Bewegungen an eine Windenergie-Anlage erinnert. Während Anton schnaufend Hündin Hilde ableinte, damit sie den Hofhund Kalle gebührend begrüßen konnte, parkte Ohlsen seinen Golf III neben den Kälberständen.

Ove Ohlsen rief schon beim Öffnen der Tür: „Nichts anfassen! Können alles Beweismittel sein!“

Anton hingegen schritt auf Petra zu und nahm sie in den Arm. Er spürte, dass sie zutiefst erschüttert war. Nachdem Ohlsen zu ihnen gestoßen war, erzählte sie tonlos, was Peter ihr berichtet hatte. Sie schloss mit den Worten: „Was ist das für ein Mensch an meiner Seite? Kommt dieser Kerl in aller Seelenruhe an meinen Tisch, frisst wie ein Berserker meine Bratkartoffeln und sagt nichts!“

Anton strich ihr mit den Worten: „Lass uns später darüber reden“, über das Haar, da drängte Ohlsen die beiden, ihn zur Gülle-Lagune zu begleiten.

Auf dem Lagunen-Deich sahen sie Peter Petersen mit seinem Knecht Bogdan gestikulieren. Offensichtlich weigerte sich der Knecht, eine Anweisung seines Bauern auszuführen.

Petra, Anton und Ohlsen erklommen die Deichkrone, immerhin fast 4 Meter hoch, und betrachteten das fürchterliche Spektakel.

Peter und Bogdan hatten einen guten Teil an großen und kleinen Klumpen geborgen und auf dem Deich abgelegt. Alle Stücke hatten gemein, dass sie von schwärzlicholiv glänzender Masse überzogen waren. Bei erstem Hinsehen erinnerte die Kontur einiger Klumpen die Vorgewarnten vage an Menschenteile. Petra schaute nur sehr kurz hin, drehte bei und übergab sich vor Ohlsens Füße.

Anton rief Bogdan zu, dass er Petra schnell ins Haus bringen solle, was diese mit einem dankbaren Augenblick bedachte.

Nun wandten sich Anton und Ohlsen dem mürrisch dreinblickenden Petersen zu. „Was ist denn nun genau hier los?“, fragte Ohlsen ihn.

Petersen spie aus: „Allens so´n Schwienkram! Un ick sitt dormit to!7“, wies auf die Klumpen und drehte einzelne davon mit der Stiefelspitze hin und her.

„Und wo ist der Kopf?“, insistierte Ohlsen.

„De is wedder rinfulln.8

Anton pfiff seine Hilde herbei, die wie ein Pfeil herbeigeschossen kam, im Schlepp ihren Verehrer und Kumpel Kalle. Dieser stoppte jedoch abrupt und machte sich genüsslich über die frisch erbrochenen Bratkartoffeln seines Frauchens her.

Angewidert betrachteten Anton und Hilde das unwürdige Schauspiel. Der eine zog die Mundwinkel, die andere die Lefzen hinunter und mit einem „Lass uns später darüber reden“, forderte Anton Hilde auf, ihm zu folgen.

Gemeinsam umrundeten sie von außen den 1,80 Meter hohen Zaun, der den Deichfuß umgab. Anton hielt nach verdächtigen Veränderungen im Gras Ausschau und Hilde schnupperte das Gelände nach Duftspuren ab.

Am Nebentor blieb Hilde wie angewurzelt stehen und gab Laut. Anton bückte sich neben sie und sah sofort, was sie erschnüffelt hatte. Rostrote Flecken auf Grashalmen, die sich bis zum Nebentor zogen. Anton ging zu dem Tor und drückte die Klinke herunter. Das Tor ließ sich öffnen. Hinter dem Tor führte eine aufgeschüttete Rampe zur Deichkrone.

Es handelte sich bei dieser Rampe um eine Rührrampe. Peter Petersen konnte einen mobilen Güllemixer an dem Heck seines 215 PS-Traktors John Deere 6215R befestigen und von der Rampe aus die Gülle zusätzlich zu dem fest installierten Rührgigant MZR5 rühren, wenn die Schwimmdecke zu dick wurde.

Die Rampe hatte nur eine Grand-Deckschicht, in der sich eine deutliche Schleifspur abzeichnete. Und Anton sah auch hier wieder die rostroten Flecken, an denen Hilde sogleich lecken wollte.

Hier wurde ein blutendes Subjekt den Deich hinaufgezogen, so viel war eindeutig klar.

Auch konnte Anton den Zeitraum einengen, wann dies geschehen war. In der letzten Nacht hatte es nicht geregnet, während hingegen in den Nächten davor jeweils mehrere Millimeter Niederschlag gefallen waren.

Anton fragte sich, warum das Tor nicht verschlossen gewesen war. Eigentlich war das Pflicht, damit keine unbefugte Person zur Lagune gelangte.

Zumindest konnte davon ausgegangen werden, dass die Schleifarbeit zwischen der gestrigen Mittagszeit und dem heutigen Vormittag getätigt worden war. Anton würde zuhause seine Wetterstation kontrollieren und den Zeitpunkt des letzten Niederschlags herausfinden.

Zusammen mit Hilde, die er ausgiebig lobte, beendete Anton seine Umrundung, rüttelte am Tor der gegenüberliegenden zweiten Rührrampe und nahm bei Ohlsen und Petersen den Aufstieg. Die beiden hatten noch keine Strategie entwickelt, wie sie an den verschwundenen Kopf herankommen könnten.

Anton berichtete Ohlsen von seinem Spurenfund und gab zu bedenken, dass es sich hier unbedingt um ein Gewaltdelikt handeln müsse, da sich kein blutender Kopfträger freiwillig den Deich hinaufziehen würde, um sich dann in die Lagune zu stürzen. Das leuchtete Ohlsen ein und er teilte den anderen mit, dass er nun die Kripo und die Spurensicherung einschalten müsse.

Petersen sah Ungemach auf sich zukommen und versuchte, Ohlsen von seinem Entschluss abzubringen. Dieser ließ sich jedoch nicht auf das Gerede ein und stob ab in Richtung seines Golf, um per Funk seine Revierleitung zu informieren.

Anton fragte Petersen, an welcher Stelle dieser den Kopf hatte hineinrollen lassen. Petersen wies auf die lange Kescher-Konstruktion, deren Spitze in der zähen Brühe lag: „Dor.“ Gemeinsam gingen sie zu der Stelle und während Anton den Kescher aufnahm, knurrte Petersen vor sich hin: „Ick will den Schiet hier nich hebben. Dat ward een Frömde ween. Sonst kummt doch keen Döösbaddel op de Idee, dorin to baden9.“

Anton schob den verlängerten Kescher langsam vor und zurück, dann von links nach rechts, um schließlich die Spitze in die Tiefe zu versenken und dort zu rühren. Die aufsteigenden Ammoniak-Dämpfe reizten die Augen und Anton hatte zwischendurch das Gefühl, dass ihm die Luft knapp würde.

Petersen schienen die Dämpfe hingegen nicht viel auszumachen. Nach einigen Minuten übernahm Petersen die rührende Aufgabe und folgte dem Beispiel von Anton. Als er Bogdan sah, der Petra in die Küche geleitet und mit einem frischen Ingwer-Tee gegen die Übelkeit versorgt hatte, ließ er diesen weiterrühren.

„Das wird so nichts“, stellte Anton nach wenigen Minuten fest.

Ohlsen, der sich inzwischen auch wieder zu ihnen gesellt hatte, konnte berichten, dass die Kripo Husum sowie die Leitstelle in Harrislee alarmiert und Hilfe unterwegs sei.

Ohlsen nahm Bogdan die Konstruktion ab und begann nun seinerseits, in der Gülle zu wühlen. Das tat er aber nicht in der Hoffnung, etwas zu finden, sondern um sich zumindest den Anschein von zielgerichteter Betriebsamkeit zu geben.

Wenig später bog ein schwarzer Passat in die Hofeinfahrt ein, die Fahrertür wurde aufgestoßen und Kommissar Maximilian Landwehr schnellte aus dem Sitz, um sogleich neben dem Fahrzeug eine stramme Haltung anzunehmen und sein militärisch geschultes Auge die Umgebung mustern zu lassen. Nachdem er die vier Personen auf dem Lagunen-Deich entdeckt hatte, strebte er auf diese zu und mäanderte mühsam den Deich hinauf.

Sonntag, der 12. Juni, 14.45 Uhr

Maximilian Landwehr blickte von den enteilenden Anton, Petersen und Bogdan zu dem mit der überlangen Stange in der Gülle-Lagune fischenden Polizeihauptmeister Ohlsen. Dieser Auftritt war gründlich ruiniert und er hatte nicht schlecht Lust, alles zusammenzuschreien, was ihm über den Weg lief.

Es lief ihm aber nichts über den Weg und so musste er wohl oder übel auf die Spurensicherung warten, die allerdings eigens aus Flensburg anreisen musste und daher wohl nicht vor Ablauf einer halben Stunde hier sein konnte.

Zwischenzeitlich beäugte er einen Hund, der schwanzwedelnd zu ihm gekommen war, um sich streicheln zu lassen. Gedankenverloren fuhr Maximilian Landwehr dem Hofhund Kalle über den Kopf und kraulte ihm das Kinn, was der wiederum durch intensives Lecken von Landwehrs Hand honorierte. Landwehrs Geruchssinn wurde durch die Ammoniak-Dünste auf das Äußerste beansprucht, wenn nicht lahmgelegt. So wunderte er sich nur mäßig, dass eine olfaktorische Wahrnehmung von Bratkartoffelduft aus dem Maul des Vierbeiners aufzusteigen schien.

„Auf dem Land werden alle geruchssenil“, stellte er fest, ließ Hund Hund sein und schritt zu Ohlsen, um ihm ordentlich Beine, respektive Arme zu machen.

Vor Ohlsen machte er sich ganz breit und schnauzte ihn an: „Und? Es soll hier einen Leichenfund geben? Wo ist die Leiche?“

„Es sind wohl nur Teile einer Leiche“, huschend kamen die Worte aus Ohlsens Mund, der ahnte, dass ein Ausbruch mit wenigstens 7,5 Punkten auf der nach oben offenen Choleriker-Skala bevorstand, wenn er jetzt die falschen Worte wählte.

Er legte den Kescher beiseite und begann, sein Ermittlungswissen mit ruhiger Stimme, bedachten Worten und unterstützenden Gesten vor dem Kommissar auszubreiten. Dabei beobachtete er sehr genau die mimische Entwicklung in Landwehrs Gesicht. Ergänzte, wenn er Unverständnis sah, beschwichtigte, wenn er Unruhe erkannte und ließ jedes Wort in Ruhe nachhallen. Mit seiner Tochter hatte er auch immer so gesprochen, als sie in der frühkindlichen Trotzphase war. Wie lange war das jetzt schon her? Sie war so ein süßer Fratz, nicht immer einfach zu händeln, aber...

„Ohlsen!“

Schon bereute Ohlsen seinen abschweifenden Gedanken. Ein kurzer Moment der Unachtsamkeit.

Er konzentrierte sich wieder auf seinen Vorgesetzten und brachte seine spärlichen Erkenntnisse zu Ende.

„Das heißt“, wiederholte Landwehr den letzten Satz, „dass hier vermutlich eine Leiche mit einer Art Mixer geschreddert wurde? Habe ich das richtig verstanden?“

Ohlsen nickte stumm.

„Und ein Leichenteil wurde wieder zurück in die Brühe geworfen?“

„Der wichtigste sogar, der Kopf. Aber er wurde nicht geworfen, sondern fiel dem Bauern aus der Hand.“

Sonst wusste Ohlsen beim besten Willen nichts zu berichten. Dass Peter Petersen mit dem Fuß gegen den Kopf gestoßen hatte, musste Landwehr in seinem jetzigen Zustand nicht erfahren. „Rühren! Weitermachen!“, mit militärischem Gruß fertigte Landwehr seinen Untergebenen ab und ließ seinen Blick über die Hofstelle schweifen.

Rund um die Gülle-Lagune war Grasland zu sehen. Nach Westen bildete der Kirchenwald die Grenze zu der 10 Hektar großen Wiese. Nach Osten wurde die Wiese von einem Knick abgeschlossen, hinter dem Straßengeräusche zu hören waren, dem Heudamm. Aus Osten führte auch die Hofzufahrt zum Hauptgebäude, die Landwehr vorhin genutzt hatte.

Den inneren Hofbereich begrenzte ein großer Freiluft-Kuhstall im Norden. Westlich zum Wald hin schlossen Scheunen und Schuppen den Innenbereich..

Von dem Kuhstall führte ein leicht holpriger Grandweg zur Gülle-Lagune und mündete in einem geteerten Platz.

Die Gülle-Lagune schätzte er auf etwa 40 Meter in der Nord-Süd-Richtung und 20 Meter in der Breite. Nach den genauen Maßen musste er den Bauern fragen.

Landwehr schaute verstohlen zu dem Ort, an dem eine Reihe undefinierter Klumpen lagen. Ein Fuß sollte dort noch liegen, wenn er alles richtig verstanden hatte. Eigentlich müsste er sich das genauer ansehen. Mit geringstmöglicher Geschwindigkeit näherte er sich den Objekten, die infolge der Trocknung an der frischen Luft nun nicht mehr so ansehnlich glänzten, sondern wie ordinäre Lehmklumpen auf der Deichkrone lagen, die keinen Arg kannten.

Landwehr näherte sich inzwischen so langsam, dass er rechts fast von einer spanischen Nacktschnecke überholt worden wäre.

Glücklicherweise hörte er kurz vor dem Ziel die Geräusche von mehreren Motoren, blickte auf und stellte erleichtert fest, dass Spurensicherung und Rechtsmedizin auf den Hof gebogen kamen. Schleunigst bewegte er sich seitlich weg von den Objekten, nicht ohne der Schnecke einen Tritt mit dem Schuh zu verpassen, die sie gute vier Meter zurückwarf. „Tomorrow, my friend, tomorrow“, grinste er ihr hinterher und fühlte sich wie ein ehemaliger Fußballspieler des Hamburger Sportvereins namens Marcelo Diaz nach seinem vereinsrettenden Freistoß.

Er beobachtete, dass die Türen der zwei angekommenen Fahrzeuge sich öffneten und insgesamt sieben Personen ausstiegen. „Großes Besteck“, dachte er bei sich und näherte sich mustergültig zackig den Angekommenen.

„Guten Tag, Kommissar Maximilian Landwehr mein Name!“, schmetterte er ihnen entgegen.

Diese blickten ihm mit verzerrtem Lächeln entgegen, denn allen gemein war, dass sie schon von diesem Kommissar gehört hatten. Und noch gemeiner war, dass sie alle nur Schlechtes gehört hatten.

Die Rechtsmedizinerin Rieger stellte die Gruppe zivil vor und eröffnete das Gespräch:

„Leichenteile?“

„Gleich da vorn“, entgegnete Landwehr.

„Begleiten Sie mich?“

Diese Frage hatte Landwehr befürchtet.

„Das gibt Arbeit“, stellte die Rechtsmedizinerin Dr. Beate Rieger fest, als sie die Klumpen sah.

Rieger war zufállig in anderer Sache bei der Bezirkskriminalinspektion in Flensburg, als Kommissar Thomsen den Auftrag erhielt, sofort zur Spurensicherung nach Ostenfeld in Nordfriesland zu fahren, weil dort Körperteile in einer Gülle-Lagune aufgetaucht wären.

Thomsen und Rieger hatten schon mehrfach zusammengearbeitet und so hatte Thomsen die Rechtsmedizinerin gefragt, ob sie gleich mitkommen könne. Diese hatte spontan zugesagt: „Ostenfeld liegt ja nun wirklich ganz zentral in Schleswig-Holstein. Das ist kein großer Umweg auf dem Weg nach Kiel.“

Interessiert wandte Rieger sich nun dem schon von Bauer Petersen abgewischten Fuß zu, der nach Stunden Trocknungszeit nicht mehr so gut aussah wie frisch aus der Lagune.

„Wen haben wir denn da?“, flötete sie, zog sich Untersuchungshandschuhe an, nahm den Fuß auf und musterte ihn eingehend, bevor sie ihn in eine Plastiktüte steckte.

„War nicht lange im Wasser, aber die Bestimmung des Todeszeitpunktes wird schwierig, weil er nun ja schon wieder einige Zeit an der Luft lag“, bemerkte sie und ergänzte an Landwehr gewandt: „Nach welcher Faustregel wird die Fäulnisgeschwindigkeit an der Luft, im Wasser oder in der Erde berechnet? Wissen Sie ja wohl noch aus dem Seminar Rechtsmedizin?“