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Matthias McDonnell Bodkin

Die Gefangennahme des Paul Beck

Matthias McDonnell Bodkin

Die Gefangennahme des Paul Beck

Überarbeitung und Korrekturen: Null Papier Verlag
Herausgeber: Jürgen Schulze
Published by Null Papier Verlag, Deutschland
Copyright © 2017 by Null Papier Verlag
1. Auflage, ISBN 978-3-962810-38-2

null-papier.de/472

Das hier veröffentlichte Werk ist eine kommentierte, überarbeitete und digitalisierte Fassung und unterliegt somit dem Urheberrecht. Verstöße werden juristisch verfolgt. Eine Veröffentlichung, Vervielfältigung oder sonstige Verwertung ohne Genehmigung des Verlages ist ausdrücklich untersagt.

Inhaltsverzeichnis

Ers­tes Ka­pi­tel – Ein An­trag

Zwei­tes Ka­pi­tel – Ein Freund in der Not

Drit­tes Ka­pi­tel – Haus­se und Krach

Vier­tes Ka­pi­tel – Aus den Klau­en des To­des

Fünf­tes Ka­pi­tel – Eine Ver­wand­lung

Sechs­tes Ka­pi­tel – Ver­lo­ren und ge­fun­den

Sie­ben­tes Ka­pi­tel – Die Ver­gel­tung

Ach­tes Ka­pi­tel – Der An­griff

Neun­tes Ka­pi­tel – Ver­tei­di­gung

Zehn­tes Ka­pi­tel – Die Fo­to­gra­fie mit Na­mens­zug

Elf­tes Ka­pi­tel – Der Le­bens­ret­ter

Zwölf­tes Ka­pi­tel – Blin­der Alarm

Drei­zehn­tes Ka­pi­tel – Tisch­rücken

Vier­zehn­tes Ka­pi­tel – Eine War­nung

Fünf­zehn­tes Ka­pi­tel – Der Lie­be hol­der Traum

Sech­zehn­tes Ka­pi­tel – Eine Par­tie Bridge

Sieb­zehn­tes Ka­pi­tel – Ein Waf­fen­still­stand

Acht­zehn­tes Ka­pi­tel – Ein Kom­plott

Neun­zehn­tes Ka­pi­tel – Ge­gen­kom­plott

Zwan­zigs­tes Ka­pi­tel – Ein Zu­sam­men­tref­fen

Ein­und­zwan­zigs­tes Ka­pi­tel – Über­lis­tet

Zwei­und­zwan­zigs­tes Ka­pi­tel – Tri­umph

Drei­und­zwan­zigs­tes Ka­pi­tel – Waf­fen­still­stand

Vier­und­zwan­zigs­tes Ka­pi­tel – Wei­bes Wil­le

Fün­f­und­zwan­zigs­tes Ka­pi­tel – In die Fal­le ge­gan­gen

Sechs­und­zwan­zigs­tes Ka­pi­tel – In Eile

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Jürgen Schulze, Verleger, js@null-papier.de

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Erstes Kapitel – Ein Antrag

»Sa­gen Sie nicht glatt­weg ›n­ein‹, das ist al­les, was ich er­bit­te. Ich be­dau­re schon, dass ich da­von an­fing, es ist reins­te Ver­mes­sen­heit, und ich weiß nur zu gut, dass ich nicht wert bin, Ih­nen die Schuhrie­men zu lö­sen. Ha­ben Sie Mit­leid mit dem ar­men Kerl, der den Mund nicht län­ger hal­ten konn­te. Wei­sen Sie mich nicht ganz ab, las­sen Sie mir ein Fünk­chen Hoff­nung; dass Sie ›ja‹ sa­gen, ver­lan­ge ich ja gar nicht.«

»Sie ver­lan­gen nicht, dass ich ›ja‹ sage?«

Die­se Wor­te klan­gen in ei­nem lei­sen spöt­ti­schen La­chen aus. Der jun­ge Mann, der sich zu ei­nem völ­lig un­über­leg­ten An­trag hat­te hin­rei­ßen las­sen, hob nun zum ers­ten Mal die Au­gen zu dem Ant­litz des jun­gen Mäd­chens. Die Wan­gen er­glüh­ten un­ter sei­nem hei­ßen Blick, die zar­ten, sü­ßen Lip­pen zit­ter­ten lei­se, aber in den Tie­fen der kla­ren brau­nen Au­gen lach­te neckisch ein Schelm.

Eine wil­de, tol­le Hoff­nung er­fass­te sein Herz.

»Nor­ma, Nor­ma, ist es mög­lich? Willst du mich?«

»Sie ver­lan­gen ja gar nicht, dass ich ›ja‹ sage,« noch lei­ser als vor­her klan­gen die­se Wor­te.

Das war ge­nug, er hol­te sich die Ant­wort von den fri­schen Lip­pen, die sich ihm wil­lig bo­ten. Ein Won­ne­ge­fühl von Lie­be und Tri­umph durch­rann sei­ne Glie­der. Er hat­te ge­siegt; das Mäd­chen, nach dem sei­ne See­le ver­lang­te, war sein. Die gan­ze Welt ver­sank um die­se zwei, die jetzt die höchs­te Se­lig­keit des ir­di­schen Da­seins kos­te­ten, die über­wäl­ti­gen­de Se­lig­keit der ers­ten Lie­be.

»Ach du dum­mer Jun­ge,« sag­te sie und strich ihm mit zag­haf­ter Hand das Haar aus der Stirn, »du hät­test doch wis­sen müs­sen, dass ich dich mehr lie­be, als du mich je lie­ben kannst. Ich war­te­te ja nur auf dei­ne Fra­ge, um dir das zu ge­ste­hen.«

Ihm schwin­del­te vor Ent­zücken. »Sie liebt dich, sie liebt dich,« flüs­ter­te es in ihm. Er um­schlang sie fest und küss­te sie wie­der und wie­der, und die Ge­wiss­heit ih­rer Lie­be er­füll­te ihn mit na­men­lo­ser Won­ne, und in weltent­rück­ter Se­lig­keit ge­nos­sen sie den Au­gen­blick. Der schwach be­leuch­te­te Sa­lon mit sei­nen ge­dämpf­ten rei­chen Far­ben war wie der Tem­pel ih­rer Lie­be. Der Mann er­wach­te zu­erst aus die­sem Rausch des Ent­zückens, in un­ge­dul­di­ger Er­war­tung noch grö­ße­rer Won­nen. Dem Mäd­chen ge­nüg­te die glück­li­che Ge­gen­wart.

»Nor­ma,« flüs­ter­te er ihr in das klei­ne Ohr, »wann wol­len wir hei­ra­ten?«

»Nie, nie, wenn du mich so fest hältst. Ich fürch­te mich vor dir. Wir sind noch nicht ein­mal rich­tig ver­lobt, und du re­dest schon vom Hei­ra­ten. Vi­el­leicht hei­ra­ten wir nie­mals.«

»Was!« rief er mit ei­nem Stich der al­ten qual­vol­len Angst. »Du scher­zest. Na­tür­lich sind wir ver­lobt, das will ich dir schon be­wei­sen. Na, sind wir’s, oder nicht?«

»Ich kann mich ja nicht weh­ren, du bist stär­ker als ich. Aber ehe nicht mein Va­ter da­von weiß, be­trach­te ich mich nicht als ver­lobt. Ich habe ja kei­ne Mut­ter,« setz­te sie sehn­süch­tig hin­zu. »Ich habe die Mut­ter wohl nie so ent­behrt wie ge­ra­de jetzt.«

»Nun bist du mein, Lieb­ling, und dei­nen Va­ter will ich gleich be­nach­rich­ti­gen. Willst du hier war­ten, bis ich wie­der­kom­me?«

»Ja, ich will war­ten. Ich bin für nie­mand heut zu Hau­se. Aber merk dir eins, Phil, wenn Va­ter dich nicht will, will ich dich auch nicht. Du musst also sehr lieb mit ihm sein.«

»Da­rum mach dir kei­ne Sor­ge,« ant­wor­te­te er ver­trau­ens­voll schon an der Tür, »dein Va­ter und ich sind gute Freun­de.«

Als er hin­aus war, mach­te sie Licht und trat an den Spie­gel. Ei­tel­keit? – Weit ge­fehlt! Sie woll­te das Mäd­chen se­hen, das er lieb­te. In dem brei­ten Glas sah sie ein jun­ges Ge­schöpf, das ihr zu­erst fremd er­schi­en; nie vor­her hat­te sie die­ses Ge­sicht ge­se­hen, die­ses selt­sam süße Ge­sicht, glü­hend von wil­den Küs­sen, mit Au­gen, in de­ren Tie­fen das Mor­gen­rot der Lie­be schim­mer­te. Sie er­schrak fast vor dem Leuch­ten in ih­ren Au­gen, dreh­te schnell das Licht aus und warf sich in einen der tie­fen Ses­sel, zit­ternd vor un­be­stimm­ter Freu­de und Angst. – –

»He­rein!« rief die schar­fe Stim­me des Mr. Theo­phi­lus Lee, und voll fro­her Zu­ver­sicht be­trat Phil Ar­mi­ta­ge das ge­räu­mi­ge, be­hag­li­che Ar­beits­zim­mer. Groß, ma­ger und eckig er­hob sich Mr. Lee von sei­nem Zy­lin­der­bü­ro, ihn zu be­grü­ßen; doch in dem Gruß lag kei­ne Wär­me. Die kal­ten grau­en Au­gen blick­ten höf­lich, aber kühl fra­gend auf den Ein­dring­ling. Mr. Lee trug eine gol­de­ne Bril­le tief auf sei­ner lan­gen, schma­len Nase, schau­te aber ganz un­er­war­tet häu­fig über die Glä­ser hin­weg ge­ra­de in die Au­gen sei­nes Be­suchs.

Phil Ar­mi­ta­ges fröh­li­cher Mut be­gann zu sin­ken. So hat­te ihn Mr. Lee noch nie be­han­delt. Selbst ste­hend und ohne sei­nen Gast zum Sit­zen auf­zu­for­dern, nahm er eine fra­gen­de Hal­tung an, die deut­li­cher als Wor­te sag­te: ›Was ha­ben Sie hier zu su­chen? Sa­gen Sie es und ge­hen Sie.‹

»Es han­delt sich um Ihre Toch­ter, Mr. Lee,« stot­ter­te Phil.

»Mei­ne Toch­ter! So? Und was ist mit mei­ner Toch­ter, Mr. Ar­mi­ta­ge?« Kein Laut ver­riet, dass er den Zweck des Be­su­ches ahn­te; nur höf­li­ches Er­stau­nen, dass der jun­ge Mann et­was über sei­ne Toch­ter zu sa­gen habe.

Sein Ton sta­chel­te den Mut des Be­wer­bers an. »Ich kom­me zu Ih­nen, Mr. Lee,« sag­te er sehr ru­hig, »um Sie um die Hand Ih­rer Toch­ter zu bit­ten.«

Das Ant­litz des Äl­te­ren blieb völ­lig aus­drucks­los, er strich mit der ma­ge­ren Hand über den spit­zen Bart, als streich­le er einen Lieb­lings­hund. Plötz­lich tra­fen die kal­ten grau­en Au­gen über die Bril­lenglä­ser hin­weg die des jun­gen Man­nes. »Sie ha­ben schon mit mei­ner Toch­ter ge­spro­chen?« frag­te er scharf.

»Jetzt eben, vor we­ni­gen Mi­nu­ten.«

»Sie hal­ten das na­tür­lich für eh­ren­haft?«

»Ich ver­ste­he Sie nicht.«

»Ver­mut­lich nicht. Sie wis­sen doch, dass mei­ne Toch­ter mein ein­zi­ges Kind und eine rei­che Er­bin ist?«

»Dar­über habe ich nie nach­ge­dacht.«

»Aber die Tat­sa­che war Ih­nen be­kannt, als Sie hier­her ka­men und ihr den Hof mach­ten, und nach­dem Sie ihr das Ver­spre­chen ab­ge­lockt ha­ben, kom­men Sie zu mir und bit­ten um ihre Hand und ihr Ver­mö­gen.«

»Nein, nein; ich ver­si­che­re Ih­nen, ich ver­lan­ge nicht einen Pfen­nig.«

»Sie brau­chen sich hier durch­aus nicht als Thea­ter­held auf­zu­spie­len, Mr. Ar­mi­ta­ge, das macht auf mich gar kei­nen Ein­druck. Sie wis­sen recht gut, dass mein Geld einst mei­ner Toch­ter ge­hö­ren wird.«

Bei den letz­ten Wor­ten klang ein wär­me­rer Ton in sei­ner Stim­me. »Ich weiß wohl, dass man mich für hart hält, weil ich schwer ge­ar­bei­tet habe und auf ehr­li­che Wei­se ein großes Ver­mö­gen er­warb, das ich nicht un­nütz aus­ge­be. Aber nie hat mich je­mand einen har­ten Va­ter ge­nannt. Jun­ger Mann, Sie sa­gen, Sie lie­ben mei­ne Toch­ter, aber Sie lie­ben sie nicht halb so sehr wie ich. Al­les, was ich bin und habe, ge­hört ihr. Wenn Nor­ma einen Bett­ler oder einen Lum­pen hei­ra­ten will, so än­dert das nichts dar­an; aber sie soll we­der einen Bett­ler noch einen Lum­pen hei­ra­ten, so lang ich es ver­hin­dern kann.«

Der schmäch­ti­ge Alte häuf­te Be­lei­di­gung über Be­lei­di­gung auf den jun­gen Hü­nen, der ihn mit ei­nem Griff zer­bre­chen, mit ei­nem Schla­ge tö­ten konn­te. Phil biss sich die Lip­pen und ball­te die Fäus­te, um durch phy­si­sche An­stren­gung die hei­ße, wil­de Lei­den­schaft, die nach ei­nem Aus­weg rang, nie­der­zu­hal­ten. »Er ist ein al­ter Mann, er ist ihr Va­ter,« wie­der­hol­te er sich im­mer wie­der.

»Ich hof­fe, Mr. Lee,« sag­te er nach ei­ner Wei­le mit ei­ner so voll­kom­me­nen Ruhe, dass es ihn selbst über­rasch­te, »Sie hal­ten mich we­der für einen Bett­ler noch für einen Lum­pen. Ich habe eine sehr gute Stel­lung in Aus­sicht und be­sit­ze au­ßer­dem zwan­zig­tau­send Pfund für den An­fang.«

»Zwan­zig­tau­send,« höhn­te der alte Mann, »die­se Rie­sen­sum­me wa­gen Sie ge­gen die zwei­mal­hun­dert­tau­send, die mei­ne Toch­ter am Hoch­zeits­tag er­hal­ten wird. Eine gute Spe­ku­la­ti­on! Sie ver­ste­hen es, Ihren Vor­teil und Ihre Lie­be zu ver­ei­ni­gen. O, Sie brau­chen na­tür­lich kein Geld, ein un­ei­gen­nüt­zi­ger Mann braucht das ja nie, wenn er eine rei­che Er­bin hei­ra­ten will. Man nennt mich einen Geiz­hals, und wenn gei­zig sein heißt, dass man an die Macht und den Wert des Gel­des glaubt, dann bin ich ein Geiz­hals.«

Er­schöpft sank er auf sei­nen Stuhl, asch­grau, mit bläu­li­chen Lip­pen.

»Set­zen Sie sich,« sag­te er mit An­stren­gung und wies auf einen Stuhl, »wir wol­len zu Ende kom­men.« Er lehn­te sich zu­rück und wisch­te sich den kal­ten Schweiß von der Stirn, fuhr dann aber rück­sichts­los fort: »Ich will, dass mei­ne Toch­ter al­les ha­ben kann, was mit Geld zu er­kau­fen ist, und das ist bei­na­he al­les auf der Welt. Abra­ham Lam­man hat bei mir um die Hand mei­ner Toch­ter an­ge­hal­ten, und ich habe ihm mein Wort ge­ge­ben, wenn er ihre Ein­wil­li­gung er­lan­gen kann.«

Der jun­ge Ar­mi­ta­ge war durch die­se An­kün­di­gung auf das höchs­te über­rascht. »Ha­ben Sie Lam­man nicht ge­sagt, dass ich –«

»Sie?« un­ter­brach ihn der Va­ter. »Wozu soll­te ich Sie er­wäh­nen?«

»Ich mei­ne nur, er ist ein Freund von mir.«

»Heißt das, dass er nur mit Ih­rer Er­laub­nis hei­ra­ten darf?« Wie­der brach der Zorn bei ihm her­vor. »Ich sage Ih­nen hier­mit, jun­ger Mann, es ist mein Wunsch, dass mei­ne Toch­ter Lam­man hei­ra­tet, und ich bin durch­aus da­ge­gen, dass sie Sie hei­ra­tet. Wenn Sie ein­mal Hun­dert­tau­send Ihr ei­gen nen­nen, dann fra­gen Sie wie­der an. Und nun ge­hen Sie.«

»Darf ich Ihre Toch­ter noch spre­chen, ehe ich gehe?«

Mr. Lee starr­te ihn einen Au­gen­blick an, be­vor er ant­wor­te­te.

»Ge­wiss,« sag­te er kühl. »Sie wür­den es doch auf ir­gend­ei­ne Art zu­we­ge brin­gen, sie zu spre­chen. Am bes­ten jetzt gleich; auf mei­ne Toch­ter kann ich mich ver­las­sen.« Da­mit dreh­te er sich sei­nem Schreib­tisch zu, und Ar­mi­ta­ge ver­ließ nie­der­ge­schmet­tert das Zim­mer.

Das jun­ge Mäd­chen hör­te ihn die Trep­pe her­auf­kom­men und sprang auf. »Nun?« rief sie un­ge­stüm, »das hat lan­ge ge­dau­ert. Hat er –« Trotz der mat­ten Be­leuch­tung sah sie sein ver­än­der­tes Ge­sicht, und der schar­fe Blick der Lie­be deu­te­te den re­si­gnier­ten Aus­druck so­fort rich­tig.

»Was be­deu­tet das, Phil? Er hat dich doch nicht ab­ge­wie­sen? Seid ihr an­ein­an­der­ge­ra­ten? Schnell, sag mir al­les.«

»Dein Va­ter hat mich nie­der­träch­tig be­han­delt, Nor­ma,« sag­te er bit­ter. »Er nann­te mich au­ßer Mit­gift­jä­ger noch Bett­ler, Lump und Lüg­ner, und zwar mit dür­ren Wor­ten. Er wünscht, dass du den Mil­lio­när Abra­ham Lam­man hei­ra­test.«

Sie seufz­te nur lei­se.

»Wenn der Mil­lio­när nicht auf­ge­taucht wäre, hät­te ich viel­leicht eine Chan­ce ge­habt, so aber bin ich der Mit­gift­jä­ger, der nur nach dei­nem Ver­mö­gen trach­tet. Man kann ja gern ein Lump sein, wenn man nur über Mil­lio­nen ver­fügt. – Nein, das woll­te ich nicht sa­gen, denn Aby Lam­man ist ein gu­ter Freund von mir und brav und ehr­lich wie nur ei­ner.«

»Mir ist schon sein An­blick zu­wi­der,« ent­geg­ne­te Nor­ma.

»So willst du ihn nicht hei­ra­ten?« fleh­te er eif­rig.

»Nicht um al­les in der Welt! Wie kannst du fra­gen.«

»Mein Lieb­ling,« sag­te er be­ru­higt. »Dein Va­ter wird sich wohl erst ein biss­chen sträu­ben, aber bald ge­nug nach­ge­ben, wenn wir nur erst ver­hei­ra­tet sind. Je eher, de­sto bes­ser.«

Er zog sie bei die­sen Wor­ten an sich, und sie wi­der­streb­te ihm nicht; schon glaub­te er ge­won­ne­nes Spiel zu ha­ben.

»Phil,« flüs­ter­te sie, »wir müs­sen war­ten, das siehst du doch ein, nicht wahr? Ich kann nicht ge­gen Va­ters Wil­len hei­ra­ten. Mit der Zeit wer­de ich ihn schon über­zeu­gen, er kann mir ja nichts ab­schla­gen.«

»War­ten, war­ten,« rief er, »und wie lan­ge, Nor­ma?«

»Wie kann ich das sa­gen? Bis ich Va­ters Ein­wil­li­gung habe.«

»Und wenn er sie nie gibt?«

»O, das wird er doch, Phil, si­cher. Ich ken­ne ihn bes­ser als du.«

Das Ohr des Lie­ben­den hör­te die leich­te Zag­haf­tig­keit in ih­rem Ton. »Wenn er es aber nicht tut,« drang er wei­ter in sie, »willst du mir dann ver­spre­chen, in drei Mo­na­ten – nein, sa­gen wir in sechs Mo­na­ten mei­ne Frau zu wer­den? Willst du mir das ver­spre­chen?«

Sei­ne Wor­te klan­gen nicht wie eine Bit­te, son­dern als habe er ein Recht zu for­dern; da­ge­gen aber lehn­te sich et­was in ihr auf.

»Nein,« ant­wor­te­te sie kühl, »so et­was ver­spre­che ich nicht. Ich hei­ra­te nicht ge­gen den Wil­len mei­nes Va­ters.«

»Dann liebst du mich nicht, weißt gar nicht, was wah­re Lie­be ist.«

»Aber du weißt es!« gab sie spöt­tisch zu­rück. »Vor ei­ner Stun­de ba­test du de­mü­tig um einen lei­sen Hoff­nungs­schim­mer, und nun, wo ich dir tö­rich­ter­wei­se mei­ne Lie­be ver­ra­ten habe, be­lei­digst du mich!«

»Be­lei­di­ge ich dich, Nor­ma?«

»Ja, du sagst, ich sei falsch, un­be­stän­dig und wis­se nicht, was Lie­be sei. Also gut, dann wol­len wir nicht wei­ter dar­über spre­chen. Dann sind wir fer­tig mit­ein­an­der.«

»Da­mit bin ich wohl ent­las­sen?«

»Wie es Ih­nen be­liebt.«

»Le­ben Sie wohl, Miss Lee.«

»Le­ben Sie wohl.«

Er griff nach sei­nem Hut und Stock; im Grun­de sei­nes Her­zens fühl­te er wohl, dass er sie ver­letzt habe, und dass sie im Recht war. Er hät­te sich ohr­fei­gen kön­nen und sie auf den Kni­en um Ver­zei­hung bit­ten, aber der Trotz war grö­ßer als die gute Re­gung. Un­mu­tig, mit ge­senk­tem Blick ging er durch das Zim­mer zur Tür.

Sei­ne Hand fass­te schon den Griff, als eine lei­se Berüh­rung ihn auf­se­hen ließ. Ne­ben ihm war ihr er­rö­ten­des Ant­litz.

»Nein, nein,« rief sie, als er sie um­fas­sen woll­te. »Setz dich da­hin, nicht so nahe, und höre mich an. Ich kann es nicht er­tra­gen, dass wir so aus­ein­an­der ge­hen. Ich glau­be, dass du mich liebst – nein – bleib sit­zen – Va­ter hat dich sehr häss­lich be­han­delt, und ich darf dir nicht böse sein. Ver­su­che aber ein­mal die Sa­che mit mei­nen Au­gen zu se­hen. Ich lie­be Va­ter, und er liebt mich. An mei­ne Mut­ter kann ich mich nicht er­in­nern, er war mir Va­ter und Mut­ter, er hat mich nie ge­straft, nur ver­hät­schelt; er hat mich ge­pflegt, wenn ich krank war. Er wür­de mich auch jetzt es nicht ent­gel­ten las­sen, wenn ich dich mor­gen hei­ra­te­te.«

»Das sag­te er auch,« stöhn­te Phil. Er woll­te ehr­lich han­deln, ob­wohl sei­ne Hoff­nung im­mer mehr schwand.

»Ich wuss­te es, ohne dass er es mir sag­te. Er wür­de mir nicht zür­nen, aber es wür­de ihm das Herz bre­chen, wenn ich so we­nig Lie­be für ihn hät­te, dass ich ge­gen sei­nen Wil­len han­deln könn­te. Ich kann ihm sei­ne große Lie­be nicht so loh­nen.«

»Du bist ein En­gel, Nor­ma, und ich bin nicht wert, dei­ne Füße zu küs­sen.«

Vor ih­rem Lä­cheln schwand sei­ne De­mut, er zog sie in sei­ne Arme und küss­te sie – wenn auch nicht ge­ra­de auf die Füße.

»Willst du auf mich war­ten?« frag­te er flüs­ternd.

»Hun­dert Jah­re, Phil.«

»Hof­fent­lich nicht ganz so lan­ge,« rief er ent­setzt, und bei­de muss­ten la­chen. »Sag­te ich dir, dass dein Va­ter ein­wil­ligt, so­bald ich hun­dert­tau­send Pfund be­sit­ze?«

»Die hast du aber nicht, Liebs­ter?«

»Ich kann sie aber viel­leicht be­kom­men. Aby Lam­man sag­te mir mal, dass er zu­wei­len in ei­ner Wo­che so viel ver­dient.«

»Ach, Aby Lam­man!« Ab­nei­gung und Ver­ach­tung la­gen in ih­rem Ton.

»Ich wün­sche gar nicht, dass du ihn gern hast, Lieb­chen. Mir ist er aber ein gu­ter Freund ge­we­sen und er kann mir viel­leicht einen gu­ten Tipp ge­ben.«

»Trau’ ihm nicht.«

»Ich glau­be, ich ken­ne ihn sehr ge­nau. Nun wün­sche mir Glück und sag’ mir adieu.«

Der Ab­schied war lang und um­ständ­lich, und als sich end­lich die Haus­tür hin­ter ihm schloss, fand das jun­ge Mäd­chen ein klei­nes Me­dail­lon auf dem Trep­pen­läu­fer. Sie nahm es auf, öff­ne­te es und fand ihr ei­ge­nes Bild dar­in. »O, du glück­li­ches Mä­del,« flüs­ter­te sie, küss­te es und ver­barg es in ih­rem Kleid.

Zweites Kapitel – Ein Freund in der Not

»Was um al­les in der Welt bringt denn dich in die City, al­ter Freund? Aber herz­lich will­kom­men und dop­pelt will­kom­men, wenn ich dir die­nen kann.«

Herz­lich­keit klang aus je­dem Wort des großen Man­nes, und Treu­her­zig­keit sprach aus sei­nem brei­ten, gut­mü­ti­gen Ge­sicht.

»Setz dich, mein Jun­ge und steck dir ’ne Zi­gar­re an.« Er schob ihm einen Kas­ten hin. »Das mil­des­te, was es gibt. Du früh­stückst doch mit mir, was? Und wenn ich hier ir­gend et­was für dich tun kann, her­aus mit der Spra­che.«

Aby Lam­man mit sei­ner jo­via­len Stim­me und sei­ner mäch­ti­gen, un­ge­schick­ten Fi­gur war die Verzweif­lung der großen Schnei­der in Bond Street, und sein Kon­tor war wie der Mann selbst un­or­dent­lich und ge­müt­lich. In ei­ner Ecke la­gen An­gel­ge­rä­te, in ei­ner an­dern das Fut­te­ral mit den Golf­schlä­gern. Sein Aus­se­hen und sei­ne Um­ge­bung er­weck­ten Ver­trau­en.

Phil Ar­mi­ta­ge fühl­te nur zu gut den er­mu­ti­gen­den, er­fri­schen­den Ein­fluss die­ses Man­nes.

»Es ist ei­gent­lich eine Un­ver­schämt­heit von mir, Aby,« sag­te er, »über­haupt zu dir zu kom­men, denn ich habe so­eben her­aus­ge­fun­den, dass wir Ri­va­len sind.«

Ei­nen Mo­ment ver­düs­ter­te sich Lam­mans hei­te­res Ge­sicht und die Brau­en zo­gen sich fins­ter zu­sam­men. Sei­ne Selbst­be­herr­schung aber war be­wun­derns­wert. Er lä­chel­te und frag­te freund­lich und ru­hig: »Miss Lee?«

Ar­mi­ta­ge nick­te.

»Das habe ich ge­fürch­tet. Aber Phil, du kommst doch nicht etwa, um mich zu for­dern? Oder um zu ver­lan­gen, dass ich alle An­sprü­che auf­ge­be?«

»Das nicht ge­ra­de,« ant­wor­te­te Ar­mi­ta­ge. Er war froh, dass der an­de­re die Sa­che so leicht zu neh­men schi­en. »Mich ver­langt durch­aus nicht nach ei­nem Streit.«

»Das freut mich,« rief Lam­man fröh­lich mit sei­ner lau­ten Stim­me. »Freie Bahn, und der Bes­te ge­winnt. Ich habe das klei­ne Mä­del ver­zwei­felt lieb, das be­greifst du wohl, Phil.«

Bei den letz­ten, mit tie­fem Ernst ge­spro­che­nen Wor­ten fühl­te Ar­mi­ta­ge einen lei­sen Stich, wie einen Ge­wis­sens­biss. »Du tust mir von gan­zem Her­zen leid, ar­mer Kerl. Ich hat­te kei­ne Ah­nung, dass dir die Sa­che so tief geht, aber ich bin mit Miss Lee ver­lobt.«

Die­se Neu­ig­keit brach­te Lam­man of­fen­bar ganz aus dem Gleich­ge­wicht. Er barg sein Ge­sicht in den Hän­den und saß lan­ge so. Dann sprang er auf und ging schwei­gend auf und ab.

»Phil,« sag­te er schließ­lich und leg­te ihm die Hand auf die Schul­ter, »ich leug­ne nicht, dass mir das sehr nahe geht, aber wenn ich sie nicht ha­ben kann, so gibt es kei­nen, dem ich sie eher gönn­te als dir. Bes­ten Glück­wunsch, al­ter Jun­ge. Wann wollt ihr hei­ra­ten?«

»Das weiß ich nicht. Of­fen ge­stan­den, der Va­ter will mich nicht, er möch­te lie­ber dich, oder viel­mehr dein Geld ha­ben.«

»Das kann ich be­grei­fen,« sag­te Lam­man lang­sam. »Du hast aber doch ge­nug zum Hei­ra­ten.«

»Ge­nug für Nor­ma, ge­wiss – aber nicht für den al­ten Lee. Er ver­langt als Min­dest­ver­mö­gen hun­dert­tau­send Pfund.«

»Das ist ja nicht so schwer zu er­lan­gen,« er­wi­der­te Lam­man et­was weg­wer­fend.

»Nicht für dich, dem al­les, was er an­fasst, zu Gol­de wird. Die­se Gabe habe ich lei­der nicht.«

»Man kann nicht al­les ha­ben,« sag­te der and­re bit­ter. »Du hast dein Teil. Ich wür­de ger­ne tau­schen.«

Ar­mi­ta­ge schi­en die Bit­ter­keit nicht zu be­mer­ken. »Sag mal, al­ter Freund,« be­gann er zö­gernd, »ich kam zu dir, weil ich glaub­te, dass du mir hel­fen könn­test. Es ist frei­lich nicht ganz fair, das weiß ich wohl, aber da du sag­test, dass du mich al­len an­dern vor­zie­hen wür­dest, könn­test du –«

»Was?« frag­te Lam­man un­ge­dul­dig, als der and­re stock­te.

»Na, ich dach­te, viel­leicht wür­dest du mir einen Tipp für die Fonds­bör­se ge­ben. Ich habe über zwan­zig­tau­send Pfund, die ich mor­gen in ir­gend­was, wozu du rätst, an­le­gen kann. Ich habe nie den Wunsch nach Geld ge­habt, aber jetzt seh­ne ich mich fast krank da­nach, um den al­ten Lee zu­frie­den­stel­len zu kön­nen.«

Lam­man be­trach­te­te ihn auf­merk­sam, wäh­rend ein selt­sa­mes Lä­cheln um sei­ne fest­ge­schlos­se­nen Lip­pen spiel­te. »Na, an über­großem Zart­ge­fühl scheinst du nicht zu kran­ken. Du ver­langst von mir, dass ich mir ein­fach die Gur­gel ab­schnei­de und dir zu dem ver­hel­fe, was ich selbst er­rei­chen möch­te.«

»Du hät­test doch kei­ne Chan­cen. Nor­ma sag­te mir, dass sie dich un­ter kei­nen Um­stän­den hei­ra­ten wür­de.«

»Das mag wohl sein, aber jun­ge Mäd­chen än­dern zu­wei­len ih­ren Sinn. Wenn sie aber dich ge­hei­ra­tet hat, ist das nicht mehr mög­lich, und dazu soll ich noch hel­fen?«

»Nein, das sollst du nicht, wenn du es so auf­fas­sest,« gab Ar­mi­ta­ge steif zu­rück. »Ich wer­de mein Heil al­lein ver­su­chen.«

»Im­mer lang­sam vor­an,« sag­te der gut­mü­ti­ge Lam­man. »Ich habe we­der ge­sagt, dass ich dir nicht hel­fen will, noch dass ich es will; so et­was will reif­lich über­legt sein. Heu­te isst du erst mit mir, dann ge­hen wir ins Thea­ter und mor­gen um zwölf er­neu­ern wir die Sit­zung. Bis da­hin kein Wort wei­ter von der gan­zen Ge­schich­te.«

Ar­mi­ta­ge fand in Lam­man den frei­ge­bigs­ten und an­ge­nehms­ten Wirt wie bei frü­he­ren Ge­le­gen­hei­ten, und als sie nach dem aus­ge­zeich­ne­ten Früh­stück, eine gute Zi­gar­re im Mun­de, Pall Mall hin­un­ter schlen­der­ten, füh­le Ar­mi­ta­ge sich vol­ler Zu­ver­sicht. –

Am nächs­ten Tage, als Ar­mi­ta­ge zur be­stimm­ten Stun­de im Kon­tor er­schi­en, war Lam­man ge­mes­sen und ernst. Schwei­gend reich­te er ihm die Zi­gar­ren­kis­te. Lam­mans Zi­gar­ren wa­ren mit Recht be­rühmt, und schwei­gend rauch­ten sie wohl fünf Mi­nu­ten lang. Dann sag­te Lam­man lang­sam: »Hör mal, mein Jun­ge, ich wünsch­te, du ließest mich mit der Ge­schich­te in Ruhe.«

»Wie du willst,« sag­te Ar­mi­ta­ge kurz.

»Ich bin nur in Sor­ge dei­net­we­gen.«

»O, um mich mach dir kei­ne Ge­dan­ken. Ich sehe, dass du et­was Gu­tes weißt.«

»Et­was, das ich für gut hal­te. Das ist aber im­mer­hin noch kei­ne Ga­ran­tie für ab­so­lu­te Si­cher­heit.«

»Gibt es denn die über­haupt an der Fonds­bör­se?«

»Nein, das wohl nicht, we­nigs­tens nicht bei großen Sa­chen.«

»Lässt du dich selbst dar­auf ein?«

»Selbst­ver­ständ­lich.«

»Dann tue ich es auch; das heißt, wenn du es er­laubst.«

»Bit­te, sei nicht böse, wenn ich dich dar­auf auf­merk­sam ma­che, dass ein Ver­lust, den ich leicht ver­schmer­zen kann, dich rui­nie­ren wür­de.«

»Ich wer­de die Fol­gen tra­gen.«

»Dann mei­net­we­gen,« sag­te Lam­man, »des Men­schen Wil­le ist sein Him­mel­reich. Ehr­lich ge­stan­den,« füg­te er wie wi­der­stre­bend hin­zu, »glau­be ich nicht, dass ein großes Ri­si­ko da­bei ist. Aber ich ma­che eine Be­din­gung.«

»Schieß los.«

Der große Mann war au­gen­schein­lich ver­le­gen. »Ar­mi­ta­ge,« be­gann er schließ­lich, »ich sage dir ganz ehr­lich, ich habe noch nicht alle Hoff­nung auf Nor­ma Lees Hand auf­ge­ge­ben und wer­de das auch nicht tun, bis ihr ver­hei­ra­tet seid. Wenn die­ser Coup ge­lingt, willst du sie dann vom Fleck weg hei­ra­ten?«

Der an­de­re nick­te.

»Das passt mir nicht in mei­nen Plan; ich ver­lan­ge auch eine Chan­ce für mich. Jun­ge Mäd­chen än­dern ih­ren Sinn.«

»So ist Nor­ma nicht.«

»Um so bes­ser für dich, das er­leich­tert dir die Be­din­gung. Willst du ver­spre­chen, wenn du dies Spiel ge­winnst, sechs – na, sa­gen wir drei Mo­na­te zu war­ten?«

Ei­nen Au­gen­blick zau­der­te Ar­mi­ta­ge. »Es gilt,« sag­te er und streck­te die Hand aus.

Lam­man er­fass­te sie mit kräf­ti­gem Druck. »Nun ans Ge­schäft,« sag­te er mun­ter. »Nach mei­nen In­for­ma­tio­nen muss man jetzt Amal­gama­ted Gold Sha­res kau­fen. Du hast doch von der Ge­sell­schaft ge­hört?«

»Of­fen ge­stan­den nein!«

»Na, du küm­merst dich ja auch nicht um die Bör­se. Amal­gama­ted Gold ge­hört seit vie­len Ta­gen zu den be­gehr­tes­ten Pa­pie­ren an der Bör­se. Eine An­zahl Ame­ri­ka­ner ha­ben ein paar Mi­nen, gute und schlech­te, alte und neue, zu­sam­men­ge­fasst und trei­ben sie in die Höhe. Die Fünf­dol­laran­tei­le stan­den nach acht Ta­gen auf zehn, nach ei­ner Wo­che fie­len sie al­ler­dings wie­der auf fünf. Ich glau­be aber, dass sie nur um so hö­her wie­der stei­gen wer­den.«

»Ich ver­ste­he,« sag­te Ar­mi­ta­ge, »die Mi­nen er­wei­sen sich als bes­ser, als man er­war­te­te.«

Lam­man be­trach­te­te ihn mit gut­mü­ti­gem Spott. »Du bist sehr grün, mein Jun­ge! Die Mi­nen oder das Gold sind ganz ne­ben­säch­lich, die Leu­te auf dem Markt, die reichs­ten und bes­ten in den Ve­rei­nig­ten Staa­ten, be­rei­ten, wie ich glau­be, eine neue Haus­se vor, und ich will von An­fang an da­bei sein.«

»Ich auch.«

»Du auch, wenn du’s ris­kie­ren willst. Jetzt heißt es kau­fen, kau­fen und noch mal kau­fen. Hier ist das Te­le­gramm für mei­nen Agen­ten in Ame­ri­ka. Die Chif­fren sind ganz ein­fach, wenn man den Schlüs­sel hat. Ich will die Nach­richt gleich selbst auf­ge­ben, denn jetzt be­deu­ten Mi­nu­ten viel­leicht schon Tau­sen­de.«

»Kannst du auch für mich kau­fen?«

»Nein, du musst dich an dei­nen ei­ge­nen Mak­ler hal­ten. Aber sei vor­sich­tig, dass du mich nicht ver­rätst, sonst geht am Ende die Kar­re in den Dreck.«

»Du kannst dich auf mich ver­las­sen. Wann soll ich an­fan­gen?«

»Am bes­ten so­fort.«

Sie gin­gen zu ei­nem ru­hi­gen klei­nen Te­le­gra­fen­bü­ro, wo Lam­man das Te­le­gramm auf­gab. Ar­mi­ta­ge sah mit großem Er­stau­nen, dass der Be­am­te, der es in Empfang nahm, eine merk­wür­di­ge Ähn­lich­keit mit ihm selbst hat­te. Ar­mi­ta­ge war glatt ra­siert und der Be­am­te trug einen klei­nen Schnurr­bart und spit­zen Ba­cken­bart. Im­mer­hin war die Ähn­lich­keit so auf­fal­lend, dass es ihm son­der­bar er­schi­en, dass we­der Lam­man noch der Be­am­te sie be­merk­ten.

Lam­man trenn­te sich dort von ihm, und er ging al­lein zu sei­nem Mak­ler.

Mr. Sam­son, ein erns­ter, ge­wis­sen­haf­ter, sil­ber­haa­ri­ger Mann, war sehr er­staunt, als Phi­lip Ar­mi­ta­ge ihn be­auf­trag­te, für ihn bis zu zwan­zig­tau­send Pfund Amal­gama­ted Gold Sha­res zu kau­fen.

»Das ist eine große Sum­me,« warn­te er vä­ter­lich, »Amal­gama­ted Gold gilt für ein Spe­ku­la­ti­ons­pa­pier.«

»Ich tra­ge die Verant­wor­tung,« er­wi­der­te Ar­mi­ta­ge.

»Sie ha­ben mir aber kei­nen ge­nau­en Auf­trag ge­ge­ben. Wie weit soll ich ge­hen? Soll ich ge­gen bar oder auf Rech­nung kau­fen?«

»Da­von ver­ste­he ich nichts, Mr. Sam­son. Kau­fen, kau­fen und wei­ter­kau­fen, so weit die zwan­zig­tau­send rei­chen. Al­les and­re über­las­se ich Ih­nen.«

»Er scheint sei­ner Sa­che sehr si­cher,« dach­te Mr. Sam­son. »Da will ich auch ein biss­chen was ris­kie­ren.« So kauf­te er erst ein­mal ein gu­tes Teil der be­zeich­ne­ten Ak­ti­en für sich, ehe er Phil Ar­mi­ta­ges Auf­trag aus­führ­te.

Drittes Kapitel – Hausse und Krach

Zum ers­ten Mal in sei­nem Le­ben stu­dier­te jetzt Phil Ar­mi­ta­ge die Bör­sen­be­rich­te. Flüch­tig glitt sein Blick über die Spal­ten der Zei­tung – Par­la­ment und Sport – de­nen sonst sein In­ter­es­se ge­gol­ten hat­te, und haf­te­te an dem Be­rich­te über den Geld­markt.

In den ers­ten Ta­gen blieb Amal­gama­ted Gold ganz ru­hig, dann be­gann ein lei­ses Schwan­ken auf- und ab­wärts über die Pa­ri­li­nie und all­mäh­lich ging es ru­hig und si­cher in die Höhe. Ein Ach­tel, ein Vier­tel, ein Halb wur­de er­reicht, und im­mer wei­ter stie­gen die Ak­ti­en. Ar­mi­ta­ge ge­nüg­ten die Zei­tungs­be­rich­te nicht mehr, er ver­folg­te die neues­ten Mel­dun­gen im Klub. Die fie­ber­haf­te Auf­re­gung der Spie­ler rann auch durch sei­ne Adern. Bald zog die Haus­se all­ge­mei­ne Auf­merk­sam­keit auf sich, tol­le Gerüch­te ka­men auf, und bil­de­ten das Ta­ges­ge­spräch im Klub.

Un­ser Freund Phil lä­chel­te über­le­gen, wenn er sol­che Un­ter­hal­tun­gen mit an­hör­te, er ge­hör­te ja zu den Ein­ge­weih­ten, und die tö­rich­ten Be­mer­kun­gen der Au­ßen­sei­ter mach­ten ihm Spaß. Ei­nes Ta­ges traf er Lam­man zu­fäl­lig auf der Stra­ße.

»Na,« sag­te die­ser, als Ar­mi­ta­ge ihm warm die Hand drück­te, »bist du zu­frie­den?«

»Wer­den sie noch wei­ter stei­gen?« frag­te Ar­mi­ta­ge.

Lam­man lach­te sein gut­mü­ti­ges, dröh­nen­des La­chen. »Wie kann ich das sa­gen? Ich bin kein Pro­phet. Aber wenn du zu den jet­zi­gen Prei­sen ver­kau­fen willst, so neh­me ich dei­nen klei­nen Vor­rat, du wirst mir wohl die Vor­hand las­sen, was? Spie­len und job­bern1 ist nichts für jun­ge Leu­te, das fällt auf die Ner­ven.«

»Was tust du denn?« frag­te Phil.

»Ich kau­fe,« sag­te Lam­man mit ei­nem er­mu­ti­gen­den Zwin­kern und ras­te da­von.

Für den Au­gen­blick war Phil zu­frie­den und be­ru­higt; er fühl­te aber doch, wie sehr die Sa­che ihm auf die Ner­ven ging. Als ei­nes Ta­ges die Fünf­dol­laran­tei­le auf elf stan­den, ging er zu sei­nem Mak­ler.

Mr. Sam­son emp­fing ihn mit über­großer Lie­bens­wür­dig­keit.

»Ich gra­tu­lie­re, Mr. Ar­mi­ta­ge,« sag­te er, »Sie ha­ben eine fei­ne Nase ge­habt. Sie ver­zei­hen wohl, dass ich Ih­nen ab­ge­ra­ten habe, aber ich ahn­te ja nicht, dass Ih­nen so et­was liegt.«

Phil Ar­mi­ta­ge war noch sehr jung. Ihm schmei­chel­te das Kom­pli­ment, als habe er wirk­lich et­was Wun­der­ba­res voll­bracht.

»Na­tür­lich, Herr Sam­son,« er­wi­der­te er mit über­le­ge­ner Mie­ne. »Ich kam nur her­ein, um mal zu hö­ren, wie ich ste­he.«

»Sehr gern,« ant­wor­te­te der Mak­ler. »Jen­kins,« rief er in das große Bu­reau, »bit­te brin­gen Sie mir mal Mr. Ar­mi­ta­ges Kon­to.«

Er schlug das Buch auf dem Tisch auf. »Las­sen Sie uns mal se­hen. An dem Tag, als Sie uns die Or­der ga­ben, kauf­ten wir zwei Par­ti­en zu –«

Ar­mi­ta­ge un­ter­brach ihn höf­lich. »Be­mü­hen Sie sich nicht um die Ein­zel­hei­ten. Kön­nen Sie mir sa­gen, wie ich jetzt ste­he – ich mei­ne, wie viel mir dies Ge­schäft ein­bringt, wenn ich jetzt ver­kau­fe?«

»Sie glau­ben also, dass der Hö­he­punkt er­reicht ist?« frag­te Mr. Sam­son ängst­lich und mit lä­cher­li­cher Un­ter­wür­fig­keit.

Ar­mi­ta­ge lä­chel­te ge­heim­nis­voll und schüt­tel­te den Kopf. »Das habe ich nicht ge­sagt. Ich wünsch­te nur eine un­ge­fäh­re Aus­kunft.«

»Ver­zei­hen Sie, wenn ich in­dis­kret war. Ei­nen Au­gen­blick.« Er rech­ne­te eif­rig mit sei­nem gol­de­nen Blei­stift auf ei­nem Stück Pa­pier. »Hier ha­ben Sie eine Auf­stel­lung. Wir ha­ben zwan­zig­tau­send An­tei­le für Ihre Rech­nung ge­kauft. Der Durch­schnitts­ge­winn ist un­ge­fähr sechs Dol­lar. Wenn Sie jetzt ver­kau­fen wol­len, Mr. Ar­mi­ta­ge, so macht das einen Ge­winn von cir­ca vier­und­zwan­zig­tau­send Pfund.«

Ar­mi­ta­ge war sprach­los. In ei­ner Wo­che vier­und­zwan­zig­tau­send Pfund und in ei­nem Mo­nat wa­ren es viel­leicht hun­dert­tau­send. Man­che Zei­tun­gen pro­phe­zei­ten ja ein im­mer wei­te­res Stei­gen. Er fühl­te, dass er sei­nen Freund Lam­man um Rat fra­gen müs­se, denn er war ja un­er­fah­ren wie ein neu­ge­bo­re­nes Kind in sol­chen Din­gen. Und doch schmeck­te die Hil­fe des groß­mü­ti­gen Freun­des ein we­nig bit­ter; sein Ego­is­mus hat­te sein Ge­wis­sen be­täubt, das ihn mahn­te, es sei un­edel, ge­ra­de die­sen Mann um Hil­fe an­zu­ge­hen.

»Soll ich für Sie rea­li­sie­ren?« frag­te Mr. Sam­son.

»Nein, Mr. Sam­son. Ich will noch nicht ver­kau­fen. Amal­gama­ted wer­den wohl noch wei­ter hin­auf­ge­hen. Sie hö­ren in ein paar Ta­gen von mir.«

Er wun­der­te sich selbst über die ru­hi­ge Ge­las­sen­heit, mit der er sich von dem Mak­ler ver­ab­schie­de­te. Wie ge­tra­gen durch das große Glück schritt er da­hin. Plötz­lich aber durch­zuck­te ihn ein Ge­dan­ke. Die­ser gan­ze große Reich­tum war Zau­ber­gold, das eben­so rasch zer­rann, wie es ge­won­nen wur­de. Schon war er ein paar Schritt rück­wärts ge­gan­gen, um den Mak­ler mit dem Ver­kauf zu be­auf­tra­gen, da wink­te er sich einen Wa­gen her­an und gab dem Kut­scher Lam­mans Adres­se.

Lam­man war au­gen­schein­lich er­freut über sei­nen Be­such.

»Hab’ dich halb und halb er­war­tet. Nun?« Das eine Wort ent­hielt un­end­lich viel.

»Ich wäre schon längst ge­kom­men, wenn ich nicht fürch­te­te, dich zu stö­ren,« sag­te Ar­mi­ta­ge et­was ver­le­gen. »Du bist ein Zau­ber­künst­ler. Wie kann ich dir dan­ken?«

»Ist nicht der Rede wert. Ein klei­ner Tipp kos­tet mich ja nichts. Ich bin ja selbst be­tei­­­­