Das große Buch der Berlin-Krimis 2017 - Romane und Erzählungen auf 1000 Seiten

Alfred Bekker präsentiert, Volume 40

Alfred Bekker et al.

Published by Alfred Bekker präsentiert, 2017.

Inhaltsverzeichnis

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Das große Buch der Berlin-Krimis 2017 – Romane und Erzählungen auf 1000 Seiten

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​  Kubinke und der Mord in Wien

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​  Prolog

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Kubinke und der eiskalte Mord

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Fendt hört mit

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1. Szene: S-Bahnhof Savignyplatz

2. Szene: Nicoles Zimmer

3. Szene: Großer Hörsaal der FHVR

4. Szene: Hermsdorf, Modellbahnschmiede Baabe

5. Szene: S-Bahnhof Savignyplatz

6. Szene: Hermsdorf, Villa Vogelsang

7. Szene: Polizeipräsidium

8. Szene: S-Bahnlinie 3 zwischen Ostkreuz und Köpenick

9. Szene: Platz der Luftbrücke

10. Szene: Justizvollzugsanstalt Tegel

11. Szene: Stadtautobahn

12. Szene: Straßen in Hermsdorf

13. Szene: Wohnung Lübz am Hundekehlesee

14. Szene: Hermsdorf, Modellbahnschmiede Baabe

15. Szene: Straßenbahnlinie 68, Grünau - Alt-Schmöckwitz

16. Szene: Häuschen am Zeuthener See

17. Szene: Unter den Linden

18. Szene: Hermsdorf, Modellbahnschmiede Baabe

19. Szene: Kotzbusser Off-Theater

20. Szene: Wohnung Mannhardt

21. Szene: U-Bahnlinie 7

22. Szene: Märkisches Viertel, Stadion Finsterwalder Straße

23. Szene: Besetztes Haus in der Sredzkistraße

24. Szene: Radrennbahn Schöneberg

25. Szene: Waidmannslust, Buchhandlung »Leselust«

26. Szene: Besetztes Haus in der Sredzkistraße

27. Szene: Tegeler Forst

28. Szene: Neukölln, Hermannstraße

29. Szene: Neuköllner Mietwohnung

30. Szene: Zahnarztpraxis

31. Szene: S-Bahnlinie 1 zwischen Frohnau und Wilhelmsruh

32. Szene: Arbeitszimmer Jeanette Vogelsang-Nisble

33. Szene: Hermsdorf, Heinsestraße

34. Szene: Friedhof Heerstraße

35. Szene: Justizvollzugsanstalt Tegel

36. Szene: Humboldtkrankenhaus Intensivstation

37. Szene: Dorfkrug Ahrensfelde

38. Szene: Schmöckwitz/Seddinsee/Gosener Graben

39. Szene: Humboldthafen

40. Szene: Hermsdorf, Modellbahnschmiede Baabe

41. Szene: Mordkommission

42. Szene: Hermsdorf, Modellbahnschmiede Baabe

43. Szene: Justizvollzugsanstalt Tegel

44. Szene: Hennsdorf, Modellbahnschmiede Baabe

45. Szene: Humboldtkrankenhaus

46. Szene: S-Bahnhof Hennsdorf

47. Szene: S-Bahnhof Frohnau

48. Szene: Hermsdorf, Waldsee

49. Szene: Hermsdorf, Gymnasium

50. Szene: Hermsdorf, Modellbahnschmiede Baabe

51. Szene: Mordkommission

52. Szene: Hennsdorf, S-Bahntrasse

53. Szene: Radrennbahn Schöneberg

54. Szene: Polizeipräsidium

55. Szene: Klassenzimmer

56. Szene: Mordkommission

57. Szene: Verlagsleitung/Taxifahrt/Villa Vogelsang

58. Szene: S-Bahnlinien 5 und 7 zwischen Westkreuz und Zoo

59. Szene: Alt-Tegel

60. Szene: Bahnhof Zoologischer Garten

KILLER IM KÄFIG

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DORNBUSCH - DIE NACHT BRICHT HEREIN

22. August

1. September

16. September

3. Oktober

7. Oktober

21. November

29. November

3. Februar

8. März

27. April

5. Mai

16. Mai

17. Mai

19. Mai

21. Mai

23. Mai

25. Mai

Die Jahre im Internat. Die Zeit mit Gila!

4. Juni

11. August

13. September

28. September

9. Oktober

24. Oktober

1. November

3. November

13. Februar

17. Februar

6. März

28. März

16. April

18. Juli

20. August

24. August

12. September

18. September

8. Dezember

13. Dezember

15. Dezember

7. März

Der Auftrag – Mord in Berlin

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VERSPERRTE HINTERTÜR

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Langes Leben, schneller Tod

Further Reading: 10 Morde, 10 Killer - 10 Krimis auf 1400 Seiten: Ermordet und ermittelt

Also By Alfred Bekker

Also By Horst Bosetzky

Also By Bernd Teuber

Also By Richard Hey

Also By Lence Vio

Also By Margaret Kassajep

About the Author

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Das große Buch der Berlin-Krimis 2017 – Romane und Erzählungen auf 1000 Seiten

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von Alfred Bekker, Marten Munsonius, Margaret Kassajep, Horst Bosetzky , Bernd Teuber, Richard Hey und Lence Vio

Der Umfang dieses Buchs entspricht 1000 Taschenbuchseiten.

Mal historisch, mal gegenwärtig, mal spekulativ: Berlin als Hauptstadt des Verbrechens in Deutschland steht im Mittelpunkt dieser Krimis. Ob nun in der Gegenwart der 2000er Jahre, kurz nach dem Ende des Kalten Krieges oder am Ende der Weimarer Republik.

Dieses Buch enthält folgende Krimis:

Alfred Bekker: Kubinke und der Mord in Wien

Bernd Teuber/Richard Hey: Das Leben eben!

Bernd Teuber/ Richard Hey: Zwei Morde sind genug

Alfred Bekker: Kubinke und der eiskalte Mord

Horst Bosetzky alias „-ky“: Fendt hört mit

Alfred Bekker & Marten Munsonius: Killer im Käfig

Margaret Kassajep: Dornbusch - Die Nacht bricht herein

Alfred Bekker & Marten Munsonius: Der Auftrag - Mord in Berlin

Lence Vio: Versperrte Hintertür

Alfred Bekker (als Henry Rohmer): Langes Leben, schneller Tod

Kommissar Harry Kubinke ist Ermittler beim BKA in Berlin. Aber plötzlich muss er sich mit einem Fall beschäftigen, der sich in Wien ereignet hat. Doch alle Spuren führen zurück nach Berlin. Kubinke und sein Team gehen auf Mörderjagd und kommen einer schier unglaublichen Verschwörung auf die Spur.

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Ein CassiopeiaPress Buch

© by Authors

© dieser Ausgabe 2015 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

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​  Kubinke und der Mord in Wien

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Ein Harry Kubinke Kriminalroman von Alfred Bekker 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 150 Taschenbuchseiten.

Kommissar Harry Kubinke ist Ermittler beim BKA in Berlin. Aber plötzlich muss er sich mit einem Fall beschäftigen, der sich in Wien ereignet hat. Doch alle Spuren führen zurück nach Berlin. Kubinke und sein Team gehen auf Mörderjagd und kommen einer schier unglaublichen Verschwörung auf die Spur.

Alfred Bekker ist ein bekannter Autor von Fantasy-Romanen, Krimis und Jugendbüchern. Neben seinen großen Bucherfolgen schrieb er zahlreiche Romane für Spannungsserien wie Ren Dhark, Jerry Cotton, Cotton reloaded, Kommissar X, John Sinclair und Jessica Bannister. Er veröffentlichte auch unter den Namen Neal Chadwick, Henry Rohmer, Conny Walden, Sidney Gardner, Jonas Herlin, Adrian Leschek, Jack Raymond, John Devlin, Brian Carisi, Robert Gruber und Janet Farell.

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​  Copyright

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Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author

© dieser Ausgabe 2017 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

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​  Prolog

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“Hättest du gedacht, dass wir mal ganz offiziell einen Mord aufklären müssen, der sich in Wien ereignet hat?”, meinte Rudi, als wir an der Currywurstbude in der Nähe unseres Präsidiums standen und das machten, wozu wir oft genug viel zu wenig Zeit fanden: Eine Currywurst essen. “Ich meine, wir sind hier in Berlin und wir klären einen Mord auf, dessen Tatort sich in einem anderen Land befindet!”

“Ja”, sagte ich.

“Wie weit ist es von hier nach Wien?”

“Keine Ahnung.”

“Ungefähr 650 Kilometer”, mischte sich der Currywurst-Mann ein. “Ik will mir ja nich ungefragt einmischen, aber Sie reden so laut, dass ich zuhöre musste.”

“Schon klar”, sagte ich.

“Also wenn man über Tschechien fährt”, sagte der Currywurst-Mann. “Sage icke zumindest. So Pi mal Daumen.”

“Könnte hinkommen”, meinte mein Kollege Rudi Meier. “So Pi mal sonstwas.”

“Ja und was haben Sie beede jetzt mit dieser Sache in Wien zu tun, wo Sie doch Kommissare hier in Berlin sind?”, fragte der Currywurst-Mann, denn die Sache schien ihm keine Ruhe zu lassen.

Ich sah ihn an.

“Neugierig, was?”

“Icke?”

“Wer sonst?”

“Ja, wat soll ick da sagen? Sie nich?”

“Doch. Berufsbedingt.”

“Na eben! Dann verstehnse mir doch!”

“Nur darf ich darüber leider nicht mehr sagen”, sagte ich.

“Wat?”

“Dienstgeheimnis!”

“Also nachdem Sie schon die eine Hälfte vom sogenannten Dienstgeheimnis hinausgeplärrt haben, dass ik mir schon gar nich mehr auf mein Curry-Saucen-Rezept konzentrieren konnte, könnense auch noch die andere Hälfte erzählen”, meinte der Currywurst-Mann. “Finde icke jedenfalls.”

“Wir hatten ja keine Ahnung, dass Sie so gute Ohren haben”, sagte Rudi.

“Gute Ohren und gute Wurst”, sagte ich.

Aber das war alles später.

Vorher geschah auch noch was.

Ich werde Ihnen erzählen, wie es dazu kam, dass sich zwei Kriminalkommissare aus Berlin mit einem Mord in Wien beschäftigen mussten.

“Irgendwie habe icke jetze das Gefühl, dass Sie mir nichts mehr erzählen werden, Herr Kubinke” sagte der Currywurst-Mann seufzend und sichtlich enttäuscht, nachdem Rudi Meier und ich nun schon ein paar Augenblicke konsequent geschwiegen hatten.

“Hm”, sagte ich.

“Seiense jetzt nicht so gehemmt, nur weil Sie denken, dat icke alles mithöre!”, meinte der Currywurst-Mann. “Sonst quasselnse doch auch völlig ungeniert!”

*

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EIN PAAR TAGE ZUVOR...

Norbert Artlinger zog sich die Krawatte zurecht und blickte auf die Uhr. Es würde kein Problem sein, pünktlich am Flughafen Berlin Tegel zu sein. Er ging auf Socken zum Computer und begann, ihn hochzufahren.

„Das darf doch wohl nicht wahr sein! Ich dachte, wir müssen gleich los!“, meldete sich eine weibliche Stimme in seinem Rücken. Sie gehörte Jarmila Mohnheim, seiner Lebensgefährtin. Zusammen bewohnten sie ein Loft im Berliner Stadtteil Charlottenburg. Artlinger sah sie kurz an. Sie war bereits vollkommen fertig und trug ein eng anliegendes Kleid, das in einem schrillen Farbgemisch gehalten war. „Meinst du der Flieger nach Wien wartet auf uns, Norbert?“

„Wir kommen schon pünktlich. Ich möchte nur kurz sehen, wie das Wetter in Wien so ist.“

Artlinger hatte eine Seite mit Webcams angewählt, die in verschiedenen Städten in aller Welt installiert waren. In Wien gab es gleich drei. Eine zeigte den Platz vor dem Stephansdom, eine das Rathaus und die dritte war in der Nähe des Donauufers angebracht. Artlinger wählte letztere aus. Per Mausklick konnte man den Bildausschnitt schwenken.

Artlingers Gesichtszüge gefroren plötzlich.

„Das gibt's doch nicht“, murmelte er.

„Was hast du denn da für perverses Zeug angeklickt!“, stieß Jarmila Mohnheim hervor und trat näher. „Da wird ja jemand umgebracht!“

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Norbert Artlinger zoomte einen bestimmten Bildausschnitt heran. Zwei Männer waren zu sehen. Der eine Ende dreißig und dunkelhaarig. Er trug einen Anzug. Der zweite war größer und kräftiger. Er hatte rotes Haar und trug Jeans und Lederjacke. Artlinger hatte gesehen, wie die beiden sich auffällig heftig gestikulierend gegenübergestanden hatten. Der Rothaarige hatte den Anzugträger an der Schulter gefasst. Dieser schüttelte die Hand von sich und wandte sich zum Gehen.

Mit einer blitzschnellen Bewegung nahm der Rothaarige dann etwas aus seiner Jackentasche. Artlinger hatte erst nicht sehen können, was es war. So fein war dann die Auflösung der Webcam wohl doch nicht.

Aber im nächsten Moment wurde klar, dass es sich um eine Art Schlinge handeln musste.

Mit einer raschen, geübten Bewegung schlang sie der Rothaarige um den Hals seines Opfers, das verzweifelt ersuchte, sich zu wehren. Es dauerte nur einen Augenblick, dann sank der Anzugträger zu Boden und blieb regungslos liegen. Der Rothaarige beugte sich über ihn und schien sich zu vergewissern, dass das Opfer auch wirklich tot war.

Dann begann er, die Taschen des regungslos daliegenden Mannes zu durchwühlen. Er holte ein Klappmesser hervor und fing damit an, die Etiketten aus der Kleidung heraus zu trennen.

Er ging dabei sehr ruhig vor.

„Meine Güte, wie ist das möglich? Das ist mitten in einer großen Stadt von mehr als einer Million Einwohner!“, stieß Jarmila hervor, die noch immer kaum fassen konnte, was sie da zu sehen bekam.

„Das ist eine ziemlich einsame Stelle am Donauufer“, sagte Artlinger. „So etwa gibt es in  Berlin auch. Auf der einen Seite sind ein paar Lagerhallen, wo anscheinend nicht mehr gearbeitet wird und von der anderen Seite schützen den Mörder die Pfeiler einer Donau-Brücke.“

„Wieso bringt denn dort jemand eine Webcam an, Norbert?“

„Weil man eine prima Aussicht auf die UNO-Gebäude in Wien hat, wenn man die Kamera virtuell etwas schwenkt – und außerdem natürlich auf die Donauschiffe, deren Kais ein Stück weiter liegen.“

Quälend lange Augenblicke des Schweigens vergingen.

Der Mörder schleifte indessen sein Opfer zum Ufer und warf den reglosen Körper in den Fluss. Dann blickte sich der Rothaarige nach allein Seiten um.

„Norbert, wir müssen etwas tun!“

„Und was, wenn ich fragen darf? Was wir sehen geschieht tausend Kilometer von uns entfernt in einem anderen Land...“

„Lass uns die Polizei anrufen.“

„Welche Polizei? Die in Wien? Bis die am Ort des Geschehens sind, ist der Kerl längst auf und davon. Und wenn ich 110 hier in Berlin wähle...“ Artlinger machte eine wegwerfende Handbewegung. „Denen traue ich nicht mehr viel zu!“

Der Mörder war unterdessen aus dem Bildausschnitt herausgegangen.

Artlinger versuchte durch einen virtuellen Kameraschwenk seinem Weg zu folgen, was aber unmöglich war. Für einen kurzen Moment war der Mörder noch einmal im Erfassungsbereich der Webcam zu sehen. Er hatte ein Handy am Ohr und gestikulierte fast genauso heftig wie in seinem Gespräch mit dem Ermordeten.

Dann war er verschwunden.

Artlinger ließ sich in den Drehsessel fallen, der vor dem Computer stand.

„Jedenfalls weißt du jetzt, wie das Wetter in Wien ist“, sagte Jarmila.

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Norbert Artlinger ging auf und ab. Die für Berlin enorm große zweihundert Quadratmeter Wohnung, die Artlinger in einem Altbau bewohnte, bot genug Platz dafür. Artlinger brauchte diesen Platz.

Er war Galerist und Kunst bedeutete ihm in mehrfacher Hinsicht alles. Beruflich und privat. Beruflich war er Galerist und privat mit einer Künstlerin liiert. Vor einem Jahr war Jarmila Mohnheim bei ihm eingezogen.

Die hohen Wände waren seitdem mit ihren großformatigen Bildern vollgehängt, die ein fröhliches Durcheinander von Formen und Farben darboten.

Nur war sie damit bislang nicht besonders erfolgreich gewesen - und das, obwohl sie nun einen der erfolgreichsten Galeristen der Berliner Kunstszene in mehrfacher Hinsicht an ihrer Seite hatte. 

Sie hatte ihren Vornamen geändert und nannte sich nun Jarmila anstatt einfach und schlicht Jana Mohnheim. Und außerdem benutzte sie seit einiger Zeit vorwiegend Tierblut anstatt Ölfarbe und anstatt eines Pinsels ihren eigenen Körper, mit dem sie sich auf der Leinwand wälzte.

Das alles hatte ihr allerdings nur in den Boulevard-Medien einige Aufmerksamkeit eingebracht. Ihrer Wertschätzung in der Kunstszene waren diese Aktionen eher abträglich gewesen und der Wert ihrer Bilder hatte sich nicht gesteigert. Die meisten erwiesen sich schon auf Grund ihrer außerordentlich großen Formate als unverkäuflich und so hingen sie nun im Dutzend in Artlingers Wohnung. Wenigstens waren hier die Räume hoch genug, um Gemälde, die derartig aus dem Rahmen fielen, aufzuhängen.

In Wien standen ihnen nun wichtige Gespräche mit Galeristen aus Europa bevor und außerdem hatten sie einen Termin mit einem Event-Manager aus Basel, der Jarmilas Karriere etwas auf die Sprünge helfen sollte.

Dass sie wirklich die künstlerische Potenz hatte, um ganz groß herauszukommen, daran glaubte nicht einmal Artlinger.

Er musste es schließlich wissen.

Er hatte zahllose Künstler aufsteigen und fallen sehen. Von den meisten sprach schon nach wenigen Jahren niemand mehr. Eine kleiner Hype, damit hatte es sich für das Gros. Über längere Zeit oben zu bleiben, das schafften nur die wenigsten. Und eigentlich gab es keine Indizien dafür, dass ausgerechnet Jarmila dazugehören sollte.

Bei einem anderem Künstler hätte Artlinger vielleicht argumentiert, dass sich der ganze Aufwand nicht lohnte.

Aber bei Jarmila galten andere Regeln. Sie war einfach  besserer Laune, wenn sie zumindest die Illusion hatte, dass es aufwärts ging. Also machte Artlinger auch diese Aktion mit. 

Und davon abgesehen, war Wien ohnehin immer eine Reise wert.

Aber jetzt hatte sich alles geändert.

Norbert Artlinger griff zum Telefon.

„Wen rufst du an?“, fragte Jarmila.

„Das Büro.“

„Jetzt? Wieso das denn?“

„Wir werden unseren Flug etwas verschieben müssen.“

“Was?”

“Ja, du hast richtig gehört.”

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Ich trug unter der Lederjacke eine schusssichere Weste.

Man macht schon einiges mit, nur damit man nichts abkriegt.

Angenehm ist das nicht, kann ich Ihnen sagen!

Und eine Zulage gibt es auch nicht dafür.

Über Headset war ich mit den anderen BKA-Kollegen funktechnisch verbunden, die an diesem Einsatz beteiligt waren. Da ich den Reißverschluss meiner Lederjacke geschlossen hatte, um die Kevlar-Weste zu verbergen, steckte meine Dienstwaffe in der Seitentasche und nicht im Holster. Meine Hand hatte sich um den Griff der Pistole gelegt, sodass ich sie jederzeit herausreißen konnte.

Zusammen mit meinem Kollegen Rudi Meier ging ich die Straße entlang, vorbei an einem Club, der sich „Bordsteinschwalbennest“ nannte.

Aber so verrucht, wie der Name vermuten ließ war das „Bordsteinschwalbennest“ nicht. Es war ein Nachtclub der Luxusklasse, in dem viel Geld umgesetzt und wenig Gewinn gemacht wurde. Aber das war nach unseren Ermittlungen auch gar nicht das, was der Besitzer im Sinn hatte.

Das „Bordsteinschwalbennest“ diente unseren Ermittlungen nach der Geldwäsche. Dreckige Drogendollars sollten weiß gewaschen werden. Der Besitzer hieß Dima Modesta und war keineswegs ein unbeschriebenes Blatt.

Er galt als treuer Gefolgsmann der Russen-Mafia-Größe Vladi Gruschenko und hatte sich in dessen Organisation vom Türsteher und Schläger aufwärts hochgedient und war offenbar auf seine alten Tage mit dem nicht gerade anstrengenden Job belohnt worden, einen Club zu führen, der keine Gewinne, sondern nur Umsatz zu machen brauchte.

Immer dasselbe Spiel.

Formal war Modesta der Besitzer – aber unser Kollegen hatten ermitteln können, auf welchen verschlungenen Finanzpfaden Vladi Gruschenko seinen Strohmann mit dem nötigen Kapital ausgestattet hatte. Das alles lief über mehrere Scheinfirmen in Liechtenstein, der Schweiz und auf den Cayman Islands. 

Wir hatten genug gegen ihn gesammelt, um ihn festnehmen zu können. Damit brach dann auch für Modestas Boss Vladi Gruschenko ein wichtiges Stück aus dem Imperium heraus, das diese graue Eminenz des organisierten Verbrechens aufgebaut hatte.

Rudi und ich hatten den Eingang zum „Bordsteinschwalbennest“ passiert. Ich machte an einem Zeitschriftenladen Halt und sah mir die Magazine im Drehständer an, den ich mit der Linken leicht bewegte. Rudi ging noch ein Stück weiter und blieb dann zwischen zwei parkenden Fahrzeugen stehen. Er tat so, als wollte er über die Straße gehen. Da die Straße stark befahren war, konnte er dort eine ganze Weile bleiben, ohne dass es auffällig war und gleichzeitig den Eingang des „Bordsteinschwalbennest“ beobachten.

Es war später Vormittag. Da war der Nachtclub natürlich noch nicht geöffnet. Es gab lediglich hin und wieder Lieferverkehr.

Wir wussten, dass Dima Modesta hier auftauchen würde. Er sah dann nach dem Rechten und traf sich auch mit Geschäftspartnern.

Maximal eine halbe Stunde dauerten diese Aufenthalte.

Dima Modesta war ein sehr misstrauischer Mann.

Offenbar hatte er sich vorgenommen, nie wieder so einfach in seiner Privatwohnung verhaftet zu werden, wie es im Zusammenhang mit seiner letzten Verurteilung wegen schwerer Körperverletzung und Nötigung der Fall gewesen war. Er besaß zwar ein Luxus-Apartment, das auch von unseren Kollegen überwacht wurde – aber dort hielt er sich so gut wie nie auf.

Statt dessen übernachtete er abwechselnd in mehreren, über den gesamten Großraum Berlin verteilten Wohnungen. Wohnungen, die formal so genannten „Freundinnen“ gehörten. In Wahrheit handelte es sich dabei um Call-Girls, die für ihn anschafften. Leider kannten wir die meisten Schlupflöcher nicht und so mussten wir ihn vor dem „Bordsteinschwalbennest“ abpassen.

Unser Kollege Kronburg meldete sich über Funk.

„Modestas kanariengelber Ferrari ist im Anmarsch“, sagte er. „Er müsste gleich um die Ecke kommen.“

„Verstanden“, murmelte ich in das Mikro am Kragen hinein.

Es dauerte nur wenige Augenblicke, da bog der unübersehbare kanariengelbe Ferrari von Dima Modesta um die Ecke. Schnelle Autos waren eine Schwäche von Modesta.

Er parkte den Wagen am Straßenrand. Seine Leute sorgten – manchmal auch mit ziemlich rabiaten Methoden – dafür, dass vor dem „Bordsteinschwalbennest“ immer ein Parkplatz frei war, wenn Modesta ihn brauchte.

Selbst Lieferfahrzeuge mussten dann notfalls weichen. Inzwischen war allerdings wohl bereits jedem Lieferanten des „Bordsteinschwalbennest“ eingeimpft worden, wo die „Verbotene Zone“ war.

Dima Modesta saß nicht allein im Ferrari.

Neben ihm auf dem Beifahrersitz befand sich eine wasserstoffblonde Schönheit mit aufgespritzten Lippen. Die beiden schienen einen ziemlich heftigen Wortwechsel zu haben, von dem wir allerdings kein Wort verstehen konnten.

Dann stiegen beide aus.

Das war der Moment für unseren Zugriff.

Von der einen Seite näherten sich Rudi und ich, von der anderen unsere Kollegen Fred Düpree und Lukas Marxheimer.

Modesta kannte keinen von uns persönlich. Trotzdem schien er einen sechsten Sinn für solche Situationen entwickelt zu haben. Er blickte in Freds Richtung, ließ die Blondine in seinem Schlepptau los und machte einen schnellen Schritt in Richtung des „Bordsteinschwalbennest“-Eingangs.

„Bleiben Sie stehen! BKA!“, rief Rudi.

Wir rissen unsere Waffen heraus.

Dima Modesta ebenfalls. Er zog eine Automatik unter der Jacke hervor und feuerte wild um sich. Unser Kollege Lukas Marxheimer sank getroffen zu Boden.

Wir feuerten ebenfalls. Eine Kugel traf Modesta in die Brust, riss seinen Blouson auf und offenbarte das graue Kevlar, dass er darunter trug. Er taumelte durch die Wucht des Treffers gegen die Wand. Er ballerte aber weiterhin um sich. Seine Schüsse waren vollkommen ungezielt.

Stolpernd rettete er sich dann durch die Tür des „Bordsteinschwalbennest“.

Fred Düpree kümmerte sich um unseren niedergeschossenen Kollegen Lukas Marxheimer und verständigte bereits den Rettungsdienst. Die Kugel hatte ihn am Hals erwischt, wo ihn auch die Kevlar Weste nicht schützte. Eine Blutlache breitete sich auf dem Pflaster des Bürgersteigs aus.

Rudi und ich setzten nach, um Modesta gefangen zu nehmen.

Die Blondine mit den aufgespritzten Lippen stand wie angewurzelt da.

Dann dröhnte das Geräusch einer gewaltigen Explosion uns in den Ohren.

Die Fenster des „Bordsteinschwalbennest“ barsten nach außen. Glassplitter flogen wie Geschosse durch die Luft. Wir warfen uns zu Boden und ich riss die Blondine mit mir auf das Pflaster. Ihr Aufschrei ging im Detonationslärm unter. Eine Welle aus Druck und Hitze brandete über uns hinweg und ließ auch noch die Scheiben des Ferrari und einiger anderer parkender Fahrzeuge zerplatzen.

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Norbert Artlinger betrat das Dienstzimmer von Max Herter, einem Innendienstler aus der Fahndungsabteilung.

„Bitte setzen Sie sich, Herr Artlinger“, sagte Herter und deutete auf den freien Sessel.

„Danke.“

„Die Kollegin, die Sie an mich verwiesen hat, sagte, Sie hätten im Internet einen Mord beobachtet.“

Artlinger nicke. „Richtig. Allerdings nicht hier, sondern in Österreich, genauer gesagt in Wien.“ Er lächelte.

„Dann erzählen Sie mal!“

Artlinger holte einen sorgfältig gefalteten Computerausdruck aus der Innentasche seines Jacketts und legte das Blatt auf den Tisch, nachdem er es ausgebreitet und mit der Hand glatt gestrichen hatte.

„Ich hatte leider kein Fotopapier mehr, sonst wäre der Ausdruck noch besser geworden. Aber ich habe die Daten auf eine CD gebrannt, die ich Ihnen überlassen kann.“

„Da wäre sehr nett.“

Er griff in die andere Innentasche, holte den Datenträger hervor und legte ihn neben das Blatt.

Herter nahm sich zunächst den Ausdruck.

„Das ist ein Screenshot.“

„Scheint, als hätten Sie genau im richtigen Augenblick auf den Knopf gedrückt“, sagte Max Herter.

„Das Gesicht des Täters ist gut zu sehen“, bestätigte Artlinger. „Und was er tut auch.“

„Die ganze Videosequenz haben Sie nicht zufällig gespeichert?“

„Nein, nur den Screenshot. Das ganze stammt von einer Wettercam, die man virtuell schwenken kann. Es ist reiner Zufall, dass ich gerade den passenden Ausschnitt erwischt habe.“

„Und wo ist das Ganze passiert?“

„Am Donauufer. Die genaue Position der Webcam können Sie auf der Homepage ersehen, über die man an die Wettercams herankommt. Die Netzadresse steht auf der Rückseite des Ausdrucks.“

„Wie lange ist das her?“

„Eine Stunde.“ Er zucke mit den Achseln. „Tut mir leid, aber ich musste erst ein paar Dinge regeln. Eigentlich waren meine Lebensgefährtin und ich auf dem Sprung nach Wien. Deswegen wolle ich ja auch wissen, wie dort das Wetter ist.“

„Verstehe“, nickte Max.

„Nein, Sie verstehen gar nichts. Ich musste unseren Flug umbuchen und ein paar ziemlich wichtigen Leuten sagen, dass ich erst morgen früh in Wien sein werde.“ Artlinger hatte jetzt einen hochroten Kopf. Er lehnte sich zurück und strich sein Haar nach hinten. „Aber ich wollte nicht einfach los fliegen, ohne dass hier gemeldet zu haben.“

„Sie sind ein vorbildlicher Staatsbürger, Herr Artlinger.“

„Danke. Nur wird sich der Staat dafür kaum bedanken und mir höchstens noch mehr von meinem sauer verdienten Geld durch seine Steuern abknöpfen.“

„Trotzdem, Sie waren sehr aufmerksam. Und wir würden uns manchmal wünschen, dass mehr Menschen so reagierten. Wo ist eigentlich Ihre Lebensgefährtin?“

„Die ist mit den Nerven ziemlich am Ende und wollte nicht mitkommen.“

„Es wäre gut, wenn sie noch vor Ihrem Flug nach Wien hier vorbei schauen und auch noch eine Aussage machen könnte. Manchmal gibt es ja Details, die der eine übersieht, aber an die sich der andere noch gut erinnert.“

„In Ordnung.“

„Und nun schildern Sie mir bitte die gesamte Szene, die Sie gesehen haben. Möglichst von Anfang bis zum Schluss. Jedes Detail kann eventuell wichtig sein.“

„In Ordnung.“ 

„Sind Sie damit einverstanden, dass ich eine Audioaufzeichnung Ihrer Aussage anfertige? Wir vermeiden dadurch womöglich unnötige Rückfragen an Sie...“

„Meinetwegen.“

„Und ich nehme an, dass Sie auch nichts dagegen haben, wenn wir diese Aufzeichnung möglicherweise an die österreichischen Behörden weiterleiten?“

„Nein. Ich hoffe nur, dass sich der ganze Aufwand lohnt und dieser Killer hinter schloss und Riegel kommt!“

Artlinger schilderte wie der Mann im Anzug mit einer Schlinge erwürgt und anschließend in den Fluss geworfen wurde. „Dieser Rothaarige hat die Taschen durchsucht und die Etiketten in der Kleidung entfernt. Deutet das nicht auf einen Profi hin?“

„Ja, das ist gut möglich“, gab Max Herter zu. „Aber für solche Spekulationen ist es im gegenwärtigen Stadium der Ermittlungen wohl noch zu früh.“

Artlinger beugte sich etwas nach vorn und hob die Augenbrauen. „Was geschieht jetzt?“

„Wir werden die österreichischen Behörden informieren und Ihnen alle Daten zur Verfügung stellen. Viel mehr wird man von hier aus nicht machen können. Ach ja, außerdem werden die Bilddaten Ihres Screenshots abgespeichert und mit unserem Datenverbundsystem verglichen. Erstens, um herauszufinden, ob der Täter vielleicht in der EU schon mal straffällig geworden ist...“

„...was ja wohl ein ziemlich unwahrscheinlicher Zufall wäre!“, meinte Artlinger.

„Sagen Sie das nicht. Die Globalisierung gilt auch für das organisierte Verbrechen. Leider, denn die polizeilichen Befugnisse enden immer noch an Ländergrenzen und so ist uns die andere Seite stets ein Stück voraus. Außerdem könnte es ja auch sein, dass der Täter später mal in der EU herumreisen möchte oder hier durch eine Straftat auffällt, die dazu führt, dass er erkennungsdienstlich behandelt wird.“

Artlinger telefonierte wenig später mit seiner Lebensgefährtin, die wenig Lust zu haben schien, vor dem BKA eine Aussage zu machen. Aber Artlinger konnte sie schließlich überzeugen. „Sie ist gleich hier“, meinte er.

„In der Zwischenzeit werde ich mal die Website anwählen, deren Adresse Sie mir gegeben haben...“

Max Herters Finger glitten über die Tastatur seines Rechners. Es dauerte nicht lange und er hatte die Wettercam gefunden, auf der Artlinger den Mord gesehen hatte. Herter bedeutete dem Galeristen, auf die andere Seite des Schreibtischs zu kommen.

„Da sind Sie richtig“, bestätigte er.

„Stellen Sie mir doch bitte den Bildausschnitt so ein, wie bei ihrem Screenshot gewesen ist, Herr Artlinger.“

„Kein Problem!“, versprach Artlinger.

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Schon wenige Minuten nach der Explosion verstopften Dutzende von Einsatzfahrzeugen die Straße und die Kollegen der Schutzpolizei waren damit beschäftigt, den Verkehr umzuleiten. Fahrzeuge der Feuerwehr waren ebenso eingetroffen wie Rettungswagen.

Für unseren Kollegen Lukas Marxheimer kam leider jede Hilfe zu spät.

Er war tot.

Lukas Marxheimer war frisch von der Polizeihochschule gekommen und erst seit gut vier Wochen in unserem Präsidium im Einsatz.

Ins Innere des „Bordsteinschwalbennest“ durften bislang weder wir noch die inzwischen angerückten Kollegen der Ermittlungsgruppe Erkennungsdienst des BKA, kurz EED.  So nannte sich der zentrale und für alle Berliner Polizeieinheiten zuständigen Erkennungsdienst.

Aber zunächst mal hatten die Männer der Feuerwehr Vorrang. Es konnte auch nicht ausgeschlossen werden, dass sich giftige Dämpfe gebildet hatten und so lange wir kein grünes Licht der Feuerwehr bekamen, würde keiner unserer Kollegen einen Fuß in das Gebäude setzen.

Dass es in den Räumlichkeiten des „Bordsteinschwalbennest“ wohl keinerlei Überlebende gab, hatte man uns bereits über Funk durchgegeben. Inzwischen war man dabei, die Bewohner der oberen Stockwerke zu evakuieren.

Ich wandte mich an die Blondine, mit der Dima Modesta vorgefahren war. Sie lehnte gegen die Motorhaube des Ferrari, der so von Einsatzfahrzeugen eingekeilt war, dass man ihn ohnehin nicht hätte wegfahren können.

„Harry Kubinke, BKA“, stellte ich mich vor. „Die ist mein Kollege Rudi Meier.“

Sie sah mich vorwurfsvoll an und kaute nervös auf irgendetwas herum.

„Was ist mit Dima?“, fragte sie.

„Sie sollten sich keine Hoffnungen machen. Im Inneren des Clubs lebt niemand mehr.“

„Ich will dort hinein!“

„Das können Sie nicht! Es besteht Vergiftungs- und Einsturzgefahr!“

Sie schluckte. Ihr Make-up war schon ziemlich verlaufen.

„Sie sind Jennifer Petersen, nicht wahr?“ Es war keine Frage, sondern eine Feststellung. Sie blickte mich überrascht an. Ihre Augen wurde schmal und hatten jetzt etwas katzenartiges an sich.

„Sie...“

„Wir haben Dima Modesta schon seit längerem im Visier und dabei sind wir auch auf Sie gestoßen.“

„Jetzt werden Sie mir wahrscheinlich wieder diverse Gerichtsurteile vorhalten...“

„Prostitution, Scheckbetrug, Drogen...“, mischte sich Rudi ein.

„Na großartig! Es wäre ja auch zu schön gewesen, mit Bullen zusammenzutreffen, die einem keinen Ärger machen.“ Sie deutete in Richtung des „Bordsteinschwalbennest“ und setzte hinzu: „Wer für dieses Verbrechen verantwortlich ist, interessiert Sie wahrscheinlich auch einen Dreck! Vermutlich denken Sie: Klasse, es trifft ja den Richtigen! Aber wenn Sie geglaubt haben, über Dima Bescheid zu wissen, dann kann ich Ihnen nur sagen: Sie wissen gar nichts! Er war ein großartiger Mann und hat es ganz bestimmt nicht verdient, von einer Sprengladung zerrissen zu werden.“

„Da bin ich ganz ganz Ihrer Meinung“, versicherte ich. „Und auch wenn Dima Modesta unseren Ermittlungen nach ein Gangster war, so gibt das tatsächlich niemandem das Recht, ihn zu töten. Wir werden seine Mörder mit derselben Intensität suchen wie jede anderen Straftäter.“

Jennifer Petersen lachte heiser. „Das glaube Sie doch selbst nicht“, meinte sie. „Träumen Sie schön weiter,  Herr Kubinke...“

„Vielleicht können Sie uns etwas helfen, indem Sie uns ein paar Fragen beantworten.“

„Bitte! Es kommt sowieso nichts dabei heraus. Das weiß ich jetzt schon. Am Ende bin ich es nur, die den Ärger bekommt...“

„Dass Sie Ihr Geld als Prostituierte verdienen und wahrscheinlich weder Steuern noch Krankenversicherung zahlen, interessiert uns nicht weiter“, sagte Rudi.

“Unterstellungen!”

“Wie auch immer!”

“Miese, miese Unterstellungen!”

„Dafür sind andere zuständig. Uns geht es um denjenigen, der hinter dem Mord an Ihrem Lebensgefährten steckt und außerdem ja auch noch einen unserer Kollegen auf dem Gewissen hat.“

„Habe ich mir schon gedacht, dass Ihr gesteigertes Interesse in Wahrheit daher kommt...“ Sie machte eine wegwerfende Handbewegung. Dann fingerte sie in ihrer Handtasche herum, bis sie einen Blister mit Pillen gefunden hatte. Sie nahm zwei davon. „Ist nur etwas gegen meine Kopfschmerzen“, behauptete sie. „Nichts Illegales.“

„Haben Sie eine Ahnung, wer Dima Modesta das angetan haben könnte?“, fragte ich.

„Nicht die Geringste“, behauptete sie.

„Wo hat er heute Nacht geschlafen?“

„Das wissen Sie nicht?“ Sie lachte erneut auf, diesmal schriller. Aber in diesem Lachen klang auch ihr ganzer Schmerz mit. Irgendwie schien sie tatsächlich etwas für Modesta empfunden zu haben. Wie genau die Beziehung zwischen den Beiden nun eigentlich aufzufassen war, davon hatte ich noch kein rechtes Bild. Aber das würde sich noch ergeben. „Jedenfalls nicht bei mir. Er hat mich auf dem Weg zum „Bordsteinschwalbennest“ von Zuhause abgeholt.“

„Können Sie uns nicht irgendeinen Ansatzpunkt liefern? Wurde Herr Modesta bedroht? Hatte er vielleicht Streit mit seinem Boss?“

„Mit seinem Boss? Wer soll das gewesen sein? Dima war sein eigener Boss.“

„Ich spreche von Vladi Gruschenko.“

Ihr Gesicht veränderte sich. Für einen kurzen Moment hatte sie ihre Züge nicht unter Kontrolle. Ihr Lächeln wirkte gezwungen und erinnerte an eine Maske.

„Ich habe keine Ahnung, von wem Sie sprechen, Herr Kubinke.“

„Und ich nehme an, diesen Namen haben Sie auch noch nie gehört?“

„Nie! Beim Leben meiner Mutter.“

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Vladi Gruschenko war ein breitschultriger, großer und ziemlich beleibter Mann mit schwarzem, nach hinten gekämmtem Haar und einem dunklen Vollbart. Seine Stimme war so durchdringend, dass man hätte glauben können, dass sie einem Bühnenschauspieler oder Opernsänger gehört hätte und tatsächlich hatte Gruschenko an einem Konservatorium Gesang und Klavier studiert, dann allerdings dieses Studium abgebrochen, als sein Vater gestorben war und er dessen Geschäfte hatte übernehmen müssen.

Aber dass er kein zweiter Caruso war, wusste er auch selbst. Sein Talent entsprach gutem Mittelmaß, nicht mehr. Immerhin hatte er es zu einer Plattenaufnahme mit den Berliner Philharmonikern gebracht. Allerdings war die Verdi-Arie, die er aufgenommen hatte, später wegen Überlänge nicht mit auf die Platte gekommen. Erst als die Platte später als CD wieder veröffentlicht worden war, war dieses Lied als Bonus-Track enthalten gewesen.

Aber das war zu einem Zeitpunkt gewesen, als Vladi Gruschenko seine Karriere als Musiker längst aufgegeben hatte. Es hatte ihm damals nicht mehr viel bedeutet, denn es war für ihn eher eine schmerzhafte Erinnerung an die aufgegebenen Träume seiner Jugend.

Dass der Track seinerzeit nicht mit auf die Platte gepresst worden war, das sah er bis zum heutigen Tag als die schlimmste Niederlage und Demütigung an, die er hatte hinnehmen müssen.

Schlimmer sogar als die vier Wochen Untersuchungshaft, die er vor ein paar Jahren mal über sich hatte ergehen lassen müssen, weil ein in seinen Augen übereifriger Staatsanwalt ihn unbedingt mit einem Auftragsmord in Verbindung bringen wollte.

Gruschenko war glimpflich aus der Sache herausgekommen.

Ein paar Zeugen waren mit Geld oder Schlägen günstig gestimmt worden, sodass es nicht einmal zu einem Hauptverfahren gekommen war.

Vladi Gruschenko steckte sich eine dicke Zigarre in den Mund ließ sie aufglimmen. Mochte dieser Genuss inzwischen auch fast überall sonst in Berlin schon fast einem Kapitalverbrechen gleichkommen – in seinen eigenen vier Wänden konnte Vladi Gruschenko diesem Laster ungehemmt frönen. Er mochte Havannas.

Echte Havannas aus Kuba natürlich, nicht irgendwelche Nachgemachten und nicht mal halb so schmackhaften Imitate. Gemessenen Schrittes trat Vladi Gruschenko auf den Dachgarten seines Penthouses. Man hatte von hier aus einen hervorragenden Rundumblick über den Wedding.

Gruschenko besaß mehrere Dutzend Immobilien. Einen Teil seiner Drogengelder hatte er darin angelegt. Die Hälfte dieser Anwesen hatte er gut und teuer vermietet – die andere Hälfte nutzte er selbst. Darunter auch eine Finca auf Mallorca, wo er den Winter verbrachte und ein Haus auf Sylt für den Sommer.

Aber als Zentrum seines Lebens sah er immer noch diese Wohnung im Wedding an. In diesem Stadtteil war er aufgewachsen, hier hatte sich sein Vater nach oben geboxt und ihm eine Organisation hinterlassen, die er dann noch einmal um ein Vielfaches vergrößert hatte.

Vladi Gruschenko sog die klare kühle Luft ein und trat bis zur Balustrade. Dann blickte er hinab. Irgendwo hörte man ein paar Sirenen - Polizei, Feuerwehr, Rettungsdienst und ein paar Spaßvögel die einfach nur so gerne Krach machten. In der Stadt war eben immer was los..

Das alles mischte sich mit dem Lärm des Verkehrs und einem Gewirr von Stimmen. Der immer währende Chor jener Stadt, die ihn groß gemacht hatte und als deren Teil er sich fühlte.

„Vladi?“

Eine sanft klingende Frauenstimme drang erst ganz allmählich in sein Bewusstsein. Erst als sie seinen Namen noch einmal etwas eindringlicher wiederholte, drehte sich Vladi Gruschenko mit einem Ruck herum.

„Violetta“, murmelte er.

Seine Frau hatte dunkle Augen und ebenso dunkles Haar, auch wenn die Schwärze von letztem inzwischen nicht mehr natürlichen Ursprungs war. Kinder waren ihnen nicht vergönnt gewesen. Es gab eben Dinge, die man sich selbst für das astronomische Gruschenko-Vermögen nicht kaufen konnte.

Violetta trat auf ihn zu. Sie hielt ein Telefon in der Hand.

„Der Anruf aus Wien“, sagte sie.

„Ah ja. Danke.“

Er nahm den Apparat ans Ohr.

„Ist das Problem gelöst?“, fragte er.

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Nachdem Rudi und ich unsere Arbeit am Tatort erledigt hatten, waren wir in unseren Ermittlungen noch kein Stück weiter. Zusammen mit den Kollegen hatten wir Dutzende von Anwohnern aus der Nachbarschaft befragt, ob sie etwas Verdächtiges gesehen hatten. Die Toten waren inzwischen in der Gerichtsmedizin und die Erkennungsdienstler versuchten herauszufinden, welche Art von Sprengstoff verwendet worden war.

Uns blieb jetzt nur eins – die so genannten Freundinnen von Dima Modesta abzuklappern. Wir kannten etwa Hälfte von ihnen.

Jennifer Petersen blieb jedenfalls bei ihrer Aussage, nicht zu wissen, wo Modesta die letzte Nacht verbracht hatte.

Während wir am Tatort gewesen waren, hatten unsere Kollegen Carnavaro und Medina das Apartment untersucht, das Dima Modestas offizieller Wohnsitz war, ohne, dass er sich dort in letzter Zeit länger aufgehalten hatte.

Dieses Apartment hatte schon Tagelang unter Beobachtung gestanden und Dima Modesta musste das wohl geahnt haben.

Jedenfalls meldete sich Jürgen Carnavaro per Handy bei uns und berichtete, dass im Apartment buchstäblich nichts zu finden gewesen sei.

„Das war so glatt geleckt wie ein Hotelzimmer“, berichtete er. „Keine persönlichen Sachen. Vielleicht gibt es noch nicht mal Fingerabdrücke des Besitzers darin. Der Telefonanschluss ist definitiv seit seiner Freischaltung erst einmal benutzt worden.“

„Wahrscheinlich der Begrüßungsanruf des Telefonanbieters“, meinte ich eine Spur zu gallig. Es wurmte mich einfach, dass unsere Karten, in diesem Fall ein Stück weiter zu kommen, einfach so schlecht standen.

Wir wussten, dass es einen kriminellen Zusammenhang zwischen Dima Modesta und Vladi Gruschenko gab. Aber das war auch schon so ziemlich alles. Kündigte sich da ein Gangsterkrieg an? Wollte jemand Gruschenkos Organisation zerstören oder ihn unter Druck setzen, wobei Modesta dann nicht mehr als ein Bauernopfer war, das dem Betreffenden deutlich machen sollte, dass der Unbekannte es ernst meinte?

Fragen über Fragen gingen mir im Kopf herum, aber im Augenblick schien es auf all diese ungeklärten Fragen nicht den Hauch einer wirklich befriedigenden Lösung zu geben.

Wir statteten Kendra Dörnemeyer in ihrer Wohnung einen Besuch ab.

„Wer ist da?“, fragte uns eine barsche Frauenstimme über die Sprechanlage an ihrer Wohnungstür. Ein Kameraauge verfolgte jede unserer Bewegungen.

„BKA! Machen Sie bitte die Tür auf!“, forderte ich und hielt meinen Dienstausweis in die Kamera.

Kendra öffnete.

Sie sah Jennifer Petersen erschreckend ähnlich. Sie waren beide blond und kurvenreich. Dima Modesta schien einen ganz bestimmten Frauentyp zu bevorzugen.

Kendra Dörnemeyer trug Jeans und T-Shirt und war barfuß. Die Fußnägel sahen aus wie frisch lackiert und im Augenblick waren gerade ihre Hände offenbar mit der Nagelpflege dran.

„BKA, Kriminalhauptkommissar Harry Kubinke“, stellte ich mich vor. „Mein Kollege Rudi Meier und ich haben ein paar Fragen an Sie.“ 

„Hier geschieht nichts Ungesetzliches!“, versicherte sie. „Zumindest werden Sie das wohl kaum nachweisen können.“

„Es geht nicht um Sie, sondern um Dima Modesta“, sagte ich.

„Ich kann Ihnen zu Dima auch nicht viel mehr sagen, als Sie ohnehin schon wissen“, erwiderte sie. „Und im Übrigen sind wir auch nur flüchtig bekannt.“

„Ja, sicher... Vielleicht können wir hereinkommen und die Sache in Ruhe besprechen. Herr Modesta ist einem Sprengstoff-Attentat zum Opfer gefallen und wir dachten, dass Sie uns vielleicht ein paar Angaben machen können, die uns weiterbringen.“

Kendra Dörnemeyer wurde bleich.

Ihr Kinnladen fiel herunter und ihre Augen wurden groß, als sie erst mich und dann Rudi anstarrte. Sie schluckte.

Entweder war sie eine sehr gute Schauspielerin oder es hatte ihr wirklich etwas an Modesta gelegen.

„Kommen Sie herein“, sagte sie.

Wir folgten ihrer Einladung.

„Wann haben Sie Herr Modesta zuletzt gesehen?“, fragte Rudi.

„Gestern Abend.“

„Aber er hat nicht hier übernachtet.“

„Sie lassen mich beobachten?“

„Frau Dörnemeyer, Dima Modesta stand kurz vor einer Verhaftung wegen Geldwäsche. Natürlich haben wir versucht, alle bekannten Anlaufstellen zu überwachen. Leider ist das bei ihm nicht so einfach.“

„Hören Sie...“

„Nein, hören Sie mir erst zu. Modestas Geschäfte haben keine Bedeutung mehr. Sie können ihn nicht hereinreißen und was Ihren Broterwerb angeht, das interessiert uns auch nicht und wir werden auch nicht überprüfen, ob Modesta vielleicht die Miete für diese Wohnung gezahlt hat... Aber Sie müssen uns helfen.“

„Ich muss gar nichts“, murmelte sie.

Ich hörte der Unterhaltung zwischen Rudi und Kendra Dörnemeyer  zu und sah mich ein bisschen im Raum um. Ich suchte nach irgendetwas, das von Modesta stammen oder einen Hinweis auf ihn geben konnte. Einen Durchsuchungsbefehl hatten wir nicht und den würden wir auch nicht bekommen. Die Durchsuchung der Wohnung eines Mordopfers war Routine, aber genau da war der Haken. Modesta hatte in seiner eigenen Wohnung so gut wie nie gelebt.

Aber ich fand nichts. Durch die halb offene Tür des Bades konnte ich auf die Ablage des Waschbeckens sehen. Kein Rasierwasser, nichts, was darauf hätte hinweisen können, dass Modesta mal hier gewesen war.

„Ich würde Ihnen ja gerne helfen“, behauptete Kendra.

„Dann nennen Sie uns alle Adressen von Modestas Schlupflöchern“, forderte Rudi.

„Kennen Sie die nicht alle längst?“

„Machen Sie keine Mätzchen. Ich dachte, Sie wollen auch, dass der oder die Mörder gefasst werden...“

Jetzt mischte ich mich ein. „Sie hätten auch mit drauf gehen können“, erklärte ich. „Und bis zur Stunde ist die genaue Zahl der Opfer noch nicht einmal bekannt, weil wir nicht genau wissen, wie viele und welche Personen sich zum Zeitpunkt der Explosion im „Bordsteinschwalbennest“ aufgehalten  haben“, sagte ich.

„Ich? Wieso ich?“

Ich schilderte ihr die Szene kurz vor der Detonation und wie wir versucht hatten, Modesta festzunehmen. „Er ging mit Jennifer Petersen im Schlepptau auf den Eingang zu. Es war purer Zufall, dass sie nicht auch in den Club gegangen ist. Und an einem anderen Tag hätten Sie das sein können. Das ist doch richtig, oder?“

„Wir haben über Geschäftliches nie geredet“, sagte sie.

„Und Sie haben auch nie etwas mitbekommen?“, hakte ich nach.

„Nur, dass Dima in letzter Zeit ziemlich nervös und angespannt war. Ja, ich gebe ja zu, dass er selbst für seine Verhältnisse in letzter Zeit schon richtig übertrieben paranoid war. Er ging einmal am Tag zum „Bordsteinschwalbennest“, um da den Betrieb zu kontrollieren, aber ansonsten hatte er sich total zurückgezogen.“

„Wie konnten Sie ihn erreichen?“

„Über ein Prepaid-Handy.“

„Die Nummer bitte.“

Sie nannte sie uns und Rudi schrieb sie auf. Ich ging indessen ein paar Schritte vor und erreichte die Tür zum Schlafzimmer. Sie stand einen Spalt weit offen.

Durch einen kleinen Stoß sorgte ich dafür, dass sie sich weiter öffnete und der Blick auf ein Wasserbett frei wurde. Daneben lag eine Sporttasche auf dem Boden.

„Ist das Ihre Tasche, Frau Dörnemeyer ?“, fragte ich.

„Ja, sie gehört mir. Was soll das außerdem?“

„Dann sind Ihre Initialen neuerdings DM? Seltsam...“

Sie drängelte sich an mir vorbei und stellte sich mir in den Weg. „Sie haben kein Recht, hier eine Durchsuchung durchzuführen.“

„Ich habe nicht vor, Ihre Sachen zu durchsuchen – aber den Inhalt einer Tasche, die offensichtlich Dima Modesta gehört, darf ich mir sehr wohl ansehen...“ Ich schob Kendra Dörnemeyer  zur Seite und hob die Tasche auf.

Sie war ziemlich schwer. Ich legte sie auf das Wasserbett, das daraufhin heftig schaukelte. Die Tasche war ein edles Stück, das Dima Modesta sich mit seinen aufgestickten Initialen hatte verzieren lassen. Sie waren im Stil eines Graffiti-Takes gestaltet. Eigentlich hätte Modesta ahnen können, dass so eine Tasche direkt auf ihn deuten würde. Er war vielleicht in großer Eile gewesen, als er sie hier, in der Wohnung von Kendra Dörnemeyer zurückgelassen hatte.

Ich zog den Reißverschluss auf und spreizte die Tasche auseinander.

Zum Vorschein kamen mehrere Waffen. Eine Automatik, eine Beretta, ein 38er Smith & Wesson-Revolver, eine zierliche 22er und eine handliche Maschinenpistole vom Typ Uzi.

Ich fasste natürlich keine der Waffen an.

Um die würde sich unser Labor kümmern. Stattdessen wandte ich mich an Kendra Dörnemeyer . „Wie wär's, wenn Sie uns das hier mal etwas näher erklären, Frau Dörnemeyer ? Ich wette, es gibt für keine dieser Waffen einen Waffenschein.“

„Dima hat mich gebeten, die Tasche hier aufzubewahren! Ich hatte keine Ahnung, was sich darin befand!“, behauptete sie.

Ein Waffen-Depot in Kendra Dörnemeyers Wohnung - das machte durchaus Sinn. Mir kam der Gedanke, dass Dima Modesta vielleicht auch noch andere Dinge schön gleichmäßig auf seine Schlupflöcher verteilt hatte, um das Gesamtrisiko zu minimieren. Belastende Geschäftsunterlagen zum Beispiel.

In diesem Augenblick klingelte es an der Tür.

„Erwarteten Sie Besuch?“, fragte Rudi.

Aber Kendra Dörnemeyer schien ehrlich überrascht zu sein. Sie schüttelte den Kopf.

„Nein, eigentlich nicht.“

„Öffnen Sie ruhig“, sagte ich.

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In der Tür von Kendra Dörnemeyers Wohnung stand ein Mann mit hellblonden, fast weißen Haaren und sehr blasser Haut. Seine Augen wirkten angestrengt, der Blick machte einen unruhigen Eindruck.

Der Mann war sehr dürr, aber der gute Dreiteiler, den er trug, hatte trotzdem eine nahezu perfekte Passform und war vermutlich maßgeschneidert.

„Frau Dörnemeyer ?“

„Ja?“

„Wie ich sehe haben Sie Besuch...“

„Zwei Beamte des BKA.“

„Dann komme ich ja gerade noch rechtzeitig.“

Kendra Dörnemeyer  schien ihn zu kennen. Der Mann im grauen Dreiteiler trat ein und hielt uns seine Visitenkarte entgegen. „Hüssein Gümüs von Gümüs, Töppwall & Associates. Ich vertrete die Interessen von Frau Dörnemeyer. Ich hoffe, Sie haben noch keine Aussage gemacht, mit der Sie sich selbst belasten könnten.“

„Frau Dörnemeyer wird lediglich als Zeugin vernommen“, erwiderte ich etwas erstaunt und nahm die Visitenkarte an mich. Der Name Gümüs kam mir bekannt vor und zwei Sekunden später fiel mir auch ein, in welchem Zusammenhang ich ihn zuletzt gelesen hatte.