Yvette Kolb

Die Dachkatzen

vom Basler Marktplatz

Yvette Kolb

Die Dachkatzen

vom Basler Marktplatz

Roman

Mit Zeichnungen von Jürgen von Tomëi

© 2017 Schwabe AG, Verlag Johannes Petri, Basel

Alle Rechte vorbehalten.

Lektorat: Satu Binggeli

Korrektorat: Claudia Walder, text-it GmbH

Umschlagsbild: Jürgen von Tomëi

Umschlaggestaltung: Stephanie Kübler

Gesetzt aus: Bembo

Gesamtherstellung: Schwabe AG, Basel/Muttenz

ISBN Print 978-3-03784-136-5

ISBN ePUB 978-3-03784-140-2

ISBN mobi 978-3-03784-141-9

www.verlag-johannes-petri.ch

rights@schwabe.ch

Rolph

Nachdem ich fünfzig Jahre alt geworden bin, eröffne ich eine für Rolph und mich zukunftsweisende Diskussion.

Rolph, mein Gatte, schreibt sich mit «ph». Eigentlich hätte er ein Ralph werden sollen, aber ein älterer, leicht zerstreuter Standesbeamter brachte irgendetwas durcheinander und nach der Taufe mussten die Eltern des kleinen Ralphs erstaunt zur Kenntnis nehmen, dass sie in ihren Armen keinen kleinen Ralph, sondern einen kleinen Rolf – aber mit ph geschrieben – nach Hause trugen.

Als ich über drei Jahrzehnte später die Eltern des inzwischen nicht mehr ganz so kleinen Rolphs fragte, wie es zu diesem Irrtum kommen konnte, wussten sie das auch nicht mehr so genau. Nach der Taufe des kleinen Rolphs mit ph brach das Inferno des Zweiten Weltkriegs aus und die Eltern des Babys mussten sich um andere Dinge kümmern als um die beiden Buchstaben «p» und «h».

Wie auch immer, mein Mann Rolph schreibt sich mit «ph», ich bin fünfzig geworden und ich eröffne folgende Diskussion: «Rolph», beginne ich, «ich höre auf, Theater zu spielen. Ich stehe, seit ich acht Jahre alt bin, auf der Bühne. Jetzt mag ich nicht mehr. Jetzt will ich privatisieren. Ich will keine Tourneen mehr machen und ich will in keiner fremden Stadt mehr leben. Ich will nur noch zu Hause sein. Hier, in der Sattelgasse, im Bermudadreieck von Basel. Allerdings will ich, wenn ich nur noch zu Hause bin, eine Katze.»

Rolph schaut mich lange an, dann sagt er: «Du spinnst.»

«Ich spinne nicht», antworte ich, «ich bin mit Katzen aufgewachsen. Einmal hatten wir zwölf Stück. Im Grunde genommen ist ein Leben ohne Katze gar nicht lebenswert. Wenn ich ab jetzt privatisiere, dann nur mit einer Katze.»

Rolph schüttelt seinen Kopf. «Du spinnst wirklich total! Wir wohnen mitten in Basel. Wir können unmöglich eine Katze halten.»

«Wieso?», frage ich, «ich habe noch nie gehört, dass Basel eine katzenfeindliche Stadt ist oder dass man Katzensteuern zahlen muss oder dass der Besitz einer Katze in Basel strafbar ist.»

«Darum geht es doch gar nicht», antwortet mein Gatte leicht genervt. «Es geht darum, dass man eine Katze nicht in einer Wohnung einsperren darf. Sie braucht ihre Freiheit. Damals, als du zwölf Stück hattest, hast du in Allschwil gewohnt. Auf dem Land. Deine zwölf Katzen konnten Tag und Nacht herumstreunen, und das braucht eine Katze, um glücklich zu sein.»

«Bei uns wäre eine Katze aber nicht eingesperrt», erkläre ich und ich versuche, geduldig zu bleiben. «Wir wohnen auf zwei Stockwerken, wir haben eine Terrasse, und ausserdem könnte unsere Katze auf den Dächern herumklettern. Die ganzen Dächer vom Mövenpick, Ramstein, Gifthüttli und Haubensack hätte sie für sich alleine. Das ist doch ein riesiges Stück Freiheit. Ausserdem könnte sie von da oben eine herrliche Sicht auf den Globus, die Martinskirche, die Freie Strasse und den Himmel geniessen. Den Morgenstreich könnte sie von einem Platz aus beobachten, um den sie jede Baslerin und jeder Basler beneiden würde. Kurz und gut: eine Katze wäre bei uns sehr glücklich.»

«Aha. Und was ist, wenn unsere glückliche Katze vom Dach herunterfällt?»

«Unsere Katze fällt nicht vom Dach herunter. Unsere Katze ist doch nicht blöd!»

«Das stimmt! Unsere Katze ist nicht blöd, weil wir nämlich gar keine besitzen und auch niemals eine besitzen werden.»

Rolph mit ph glaubt wahrscheinlich, dass das Thema durch den resoluten Ton, den er anschlägt, abgeschlossen sei, aber das ist es natürlich nicht.

«Wenn ich gewusst hätte, dass du Katzen nicht ausstehen kannst, hätte ich dich nicht geheiratet», sage ich trotzig. Ich merke, dass ich mich benehme wie ein kleines, quengelndes Kind. Aber Rolph kennt mich schon sehr lange. Wir waren zehn Jahre lang verlobt, bevor wir endlich geheiratet haben. Und den Ehestand führen wir jetzt auch schon seit zwanzig Jahren. Ihn kann also nichts mehr erschüttern, was mich betrifft.

«Ich kann Katzen sehr wohl ausstehen», sagt er also friedfertig. «Ich kann Katzen sogar so gut ausstehen, dass ich keiner zumuten will, ihr Leben in einer Wohnung fristen zu müssen, Dächer hin oder her. Ausserdem kenne ich dich: Du wirst wieder Theater spielen wollen und was geschieht dann mit der Katze? Wer passt auf sie auf? Ich kann es nicht, ich arbeite in Bern.»

«Falls ich wieder Theater spielen will, kann ich das auch hier in Basel. Im Theater Fauteuil oder beim Häbse oder sonst wo. Wenn ich eine Katze habe, werde ich garantiert nicht mehr in die Fremde gehen, um Theater zu spielen.»

Darauf sagt Rolph: «Ich will trotzdem keine Katze.»

Ich beschliesse, das Thema für den Moment fallen zu lassen. Ich beschliesse aber auch, es beim nächsten Mal diplomatischer anzufassen. Viel, viel diplomatischer.

Restaurant Mövenpick

Freitagabend. Wir sitzen gemütlich in unserer Stammbeiz, dem Restaurant Mövenpick – heute Brasserie Baselstab – am Marktplatz. Wir sitzen eigentlich fast jeden Freitagabend dort. Ab und zu besuchen wir auch das Gifthüttli oder die Hasenburg, aber unser Lieblingsrestaurant ist das Restaurant Mövenpick. Wahrscheinlich ganz einfach deshalb, weil wir ein paar Schritte weniger gehen müssen.

Weil das Essen auch an diesem Abend ausgezeichnet war und der Wein Rolphs Wangen ziemlich rot gefärbt hat, denke ich, dass der Augenblick für ein bisschen Diplomatie günstig ist. Also packe ich ihn beim Schopf.

«In der Basler Zeitung stand etwas sehr Trauriges», sage ich traurig.

Rolph, der in Bern arbeitet, liest keine Basler Zeitung und folglich fragt er mich, was denn so traurig gewesen sei.

«Man hat eine Katze aus der Birs gefischt. Jemand hat der Katze die Ohren abgeschnitten und sie dann in die Birs geworfen. Man sollte solche Leute öffentlich hinrichten. Aber die Katze hat den Horror überlebt. Jetzt ist sie im Tierheim und sie suchen für sie ein schönes Plätzchen.»

Rolph schaut mich an, als wäre ich ein rosarotes Kaninchen, das aus dem Hut eines Zauberers gesprungen ist.

«Also echt! Du bist doch völlig verrückt! Wenn du glaubst, dass wir eine Katze mit abgeschnittenen Ohren aus dem Tierheim holen, dann hast du einen abgeschnittenen Verstand! Ich will keine Katze mit abgeschnittenen Ohren! Und ich will sie nicht nicht, weil sie abgeschnittene Ohren hat, sondern weil ich überhaupt keine Katze will. Ich dachte, das hätten wir geklärt.»

Es sieht fast so aus, als hätte ich das Thema nicht ganz so diplomatisch aufgegriffen, wie ich es geplant hatte.

Ich versuche, meinen Fehlstart zu korrigieren. «Nein, nein!», sage ich besänftigend, «es geht natürlich nicht um die Katze mit den abgeschnittenen Ohren. Die hat Gott sei Dank bereits ein schönes Plätzchen gekriegt. Es gibt eben doch mehr mitfühlende Menschen, als man glaubt.»

«Woher weisst du das?», fragt Rolph mit ph und er fragt es so, dass ich mein Weinglas hebe und ihm zuproste, in der Hoffnung, dass er sich auch noch einen Schluck genehmigt. Das tut er, aber das Misstrauen weicht trotzdem nicht aus seinem Blick.

«Also, woher weisst du das? Ich meine, woher weisst du, dass die Katze mit den abgeschnittenen Ohren ein Plätzchen gekriegt hat?»

Er ist hartnäckig.

«Na ja, ich habe im Tierheim angerufen. Aber nur, um mich zu erkundigen, wie es der armen Katze geht. Ich wollte denen nur sagen, dass ich, wenn nötig, bereit bin, die Kosten für den Tierarzt zu übernehmen.»

«Ich fass es nicht! Du spinnst wirklich total.»

Rolph glotzt mich an und ich habe zum ersten Mal das Gefühl, dass er überlegt, ob die Heirat mit mir nach nur zehn Jahren Bekanntschaft nicht doch ein wenig überstürzt gewesen war. Ich versuche, zu retten, was vielleicht noch zu retten ist.

«Schau mal, die Frau vom Tierheim hat gesagt, dass die Katze mit den abgeschnittenen Ohren zwar ein schönes Plätzchen gefunden hat, dass sie aber noch viele, viele Tiere haben, die dringend eines brauchen. Sie hat mir auch erklärt, dass sie im Tierheim unterscheiden zwischen einer Wohnungs- und einer Gartenkatze, und dass eine Wohnungskatze gar keinen Garten braucht, weil sie immer nur in einer Wohnung gelebt hat und gar nichts anderes gewohnt ist.»

Rolph sagt nichts. Er schüttelt nur seinen Kopf und glotzt unverwandt das rosarote Kaninchen an. Ich taste vorsichtig meine Ohren ab, aber es sind immer noch Menschenohren. Keine langen Kaninchenlöffel.

«Na ja», fahre ich fort, obwohl mich sein starrer Blick und sein Schweigen ziemlich irritieren, «ich dachte halt nur, weil du gesagt hast, dass eine Katze in einer Wohnung unglücklich sei. Und dass du deswegen keine willst. Aber jetzt, wo wir wissen, dass Wohnungskatzen auch in einer Wohnung glücklich sein können …?»

Endlich findet mein Gegenüber seine Sprache wieder. «Ich will nicht nur deswegen keine Katze. Ich will auch keine, weil man dann so gebunden ist. Man verliert dadurch seine Freiheit.»

«Wenn dir deine Freiheit so wichtig ist», sage ich, «dann hättest du nicht heiraten dürfen.»

Rolph grinst. «Das Gefühl habe ich langsam auch. Auf jeden Fall dann, wenn ich noch länger deinem buchstäblichen Katzengejammer zuhören muss.»

«Dem kann man abhelfen. Wir gehen ins Tierheim und schaffen uns eine Wohnungskatze an. Dann werde ich nie mehr jammern und du hast deinen Frieden.»

«Ja, ich habe meinen Frieden und eine Katze. Und wegen der Katze können wir nicht mehr verreisen und keinen Urlaub mehr machen und nicht mehr ganz spontan zu einem Skiwochenende aufbrechen.»

«Das können wir trotzdem. Wenn wir verreisen oder Urlaub machen, kommen meine Eltern, um für die Katze zu sorgen. Und wenn du zu einem spontanen Skiwochenende aufbrichst, sorge ich für die Katze, weil ich nämlich weder Skifahren kann noch will. Und ganz nebenbei: Ich hätte schrecklich gerne ein schneeweisses Weibchen.»

«Nein, nein», wehrt Rolph ab. «Sollte ich mich jemals dazu entschliessen, mir eine Katze anzuschaffen, dann müsste es ein dreifarbiger Kater sein. Etwas anderes käme gar nicht in Frage.»

«Dreifarbige Kater gibt es nicht», kläre ich meinen unwissenden Gatten auf. «Dreifarbige Katzen sind immer weiblich.»

«Na schön, dann halt ein Weibchen. Aber dreifarbig müsste es sein. Etwas anderes würde ich nicht wollen, falls ich mich überhaupt jemals für eine Katze entscheiden sollte, was ich wirklich nicht glaube.»

Darauf schlage ich meinem Gatten einen Kompromiss vor: «Wir könnten doch ins Tierheim gehen und fragen, ob sie ein dreifarbiges Weibchen haben, das zufällig eine Wohnungskatze ist. Wenn sie ein solches haben, dann nehmen wir es. Sollten sie aber kein dreifarbiges Wohnungsweibchen haben, dann lassen wir die ganze Sache sausen. Entweder ein dreifarbiges Weibchen oder gar nichts.»

Damit ist Rolph einverstanden.

Am nächsten Wochenende gehen wir ins Tierheim und wir kommen mit einem braunweiss getigerten Männchen und einem rabenschwarzen Weibchen nach Hause. Das schwarze Weibchen hat krumme Beine und das braunweisse Männchen hat eine plattgedrückte Nase. Die Schwarze mit den krummen Beinen heisst Tröpfchen und der braunweisse Tigerkater mit der platten Nase heisst Boxer.

Rolph heisst Rolph mit ph und ich heisse Yvette mit Ypsilon. Rolph und Yvette sind seit dem Tag, an dem die Dachkatzen vom Marktplatz in der Sattelgasse 2 in Basel Einzug gehalten haben, noch einmal verreist. Nach Paris. Sie haben noch zweimal Urlaub gemacht. Einmal in Griechenland und einmal in Südfrankreich.

Die Reise nach Paris und die Ferien in Südfrankreich und in Griechenland haben die beiden frühzeitig abgebrochen, weil sie überzeugt waren, dass ihre zwei Katzen vor lauter Sehnsucht nach ihrem Frauchen und ihrem Herrchen sterben würden. Rolph ist danach noch zweimal mit Freunden zu einem spontanen Skiwochenende aufgebrochen. Danach nie mehr. Weder die Freunde noch die verschneiten Berge noch das Skifahren im knirschenden Schnee konnten ihn über das Heimweh nach seinen beiden Stubentigern hinwegtrösten.

Boxi und Tröpfchen

Boxer, den wir bald nur noch Boxi nennen, und Tröpfchen sind Geschwister. Sie sind beide zwei Jahre alt und unglaublich pflegeleicht. Acht bis neun Stunden Aufmerksamkeit pro Tag genügen vollkommen, um sie zufriedenzustellen.

Auch ihre Ernährung bereitet uns nicht das geringste Kopfzerbrechen. Solange man ihnen kein Fertigfutter aufzwingt, essen sie eigentlich alles. Hauptsache, es ist Frischfleisch: Huhn, Rind, Kalb, Truthahn und am Samstag Kuhfleisch. Das Kuhfleisch am Samstag wird sehr schnell zu einer von Boxi und Tröpfchen sorgfältig gepflegten Tradition. Schon in der vierten Woche unseres Zusammenlebens weigern sie sich, am Samstag etwas anderes als Kuhfleisch zu sich zu nehmen. Wenn wir das Frischfleisch, sei es Kuh, Rind, Kalb, Truthahn oder Huhn, richtig zubereiten, danken es uns unsere beiden Herzchen, indem sie ihre Mahlzeiten gierig und genussvoll verschlingen.

Um unseren beiden Stubentigern zu einem uneingeschränkten Genuss ihrer kulinarisch hochstehenden Gerichte zu verhelfen, müssen wir das Fleisch erst in sehr kleine Stückchen schneiden. Danach muss es mit siedend heissem Wasser abgebrüht werden, damit das Fleisch nicht total roh ist. Total rohes Fleisch kann zu Band- oder anderen Würmern führen, und diese Schmach wollen wir den beiden natürlich ersparen. Sobald die Fleischstückchen im siedenden Wasser durchgekocht sind, müssen wir kaltes Wasser darüber giessen, damit sich unsere Herzchen an dem heissen Fleisch nicht ihre empfindlichen Zünglein verbrennen.

Am Anfang, wenn diese Art der Frischfleischzubereitung noch keiner Routine unterliegt, kann es schon sein, dass man sich beim Zerkleinern des Fleisches eine Fingerbeere abschneidet oder sich am siedend heissen Wasser die Hand verbrüht. Es ist auch gefährlich, das Fleisch in einer Glasschüssel abzubrühen. Glasschüsseln neigen dazu, zu explodieren, wenn sie mit siedend heissem Wasser gefüllt werden. Ich habe auf diese ungeschickte Art zwei Schüsseln opfern und mich einer Notfalloperation unterziehen müssen. Bei der zweiten Glasschüsselexplosion hat sich nämlich eine Scherbe so tief in meinen Handballen gebohrt, dass sie nur noch operativ entfernt werden konnte.

Aber diese kleinen Missgeschicke kann man ohne weiteres unter der Rubrik «Anfangsfehler» abbuchen. Sobald sich eine gewisse Routine eingestellt hat, passieren derartige Dinge kaum noch.

Rolph und ich betreiben diesen ganzen Aufwand, weil wir uns geschworen haben, dass Krummbeinchen und Plattnase sich bei uns wie im Paradies fühlen sollen. Die beiden haben in ihrem kurzen Leben noch nicht viel Schönes erlebt.

Im Tierheim, in dem wir sie geholt haben, haben sie uns erzählt, dass die beiden von einem Alkoholikerehepaar, das eines Tages spurlos verschwunden war, zurückgelassen wurden. Als einem Nachbarn auffiel, dass er von dem Pärchen nichts mehr sah und hörte, benachrichtigte er den Hauswart. Dieser verschaffte sich Zutritt zu der Wohnung und dort entdeckte er Krummbeinchen und Plattnase. Die Einzimmerwohnung war verdreckt, zugemüllt, es stank und die beiden Katzen, die dort zurückgelassen wurden, waren halb verhungert, halb verdurstet und völlig verwahrlost.

Nachdem wir diese traurige Geschichte gehört hatten, stand auch für Rolph ein dreifarbiges Kätzchen selbstredend nicht mehr zur Diskussion.

Wir nahmen die zwei unglücklichen Geschöpfe zu uns ins Bermudadreieck von Basel: in die Sattelgasse Nummer 2 am Marktplatz. Die beiden eroberten im Sturm das ganze sechsstöckige Haus, das Personal vom Gartencenter Haubensack, die Dächer über dem Marktplatz und vor allem natürlich unsere Herzen.

Sattelgasse 2

Es ist ein sehr spezielles Haus, das Haus in der Sattelgasse Nummer 2 am Basler Marktplatz. Wir wohnen unter dem Dach, im fünften und im sechsten Stock, und wir sind die einzigen Wohnungsmieter in dem riesigen Haus.

Zuunterst, im Keller, verkauft die Firma Haubensack alles, was Gärtner und Gärtnerinnen benötigen, um ihrem grünen Daumen zum Garten- oder Balkonglück zu verhelfen: Samen, Setzlinge, Erde, Dünger, Blumentöpfe, Schaufeln, Hacken, Harken, Rechen und, und, und! Der Dünger verströmt einen Duft, der sich manchmal durch alle Stockwerke bis in unsere Wohnung schleicht.

Im Parterre betreibt die Firma Haubensack ihr äusserst erfolgreiches Blumen- und Pflanzengeschäft. Der ganze Laden überquillt mit Pflanzen. Mit grossen Pflanzen, mit kleinen Pflanzen, mit Pflanzen für draussen und mit Pflanzen für drinnen, mit Pflanzen in Töpfen, in Kübeln, in Eimern. Und alle Pflanzen sind grün, grün, grün. Weil das Personal im Frühling und im Sommer im Laden zu wenig Platz hat für die vielen grünen Pflanzen, stellt es sie vor den Laden auf das Trottoir und, wenn dafür auch das Trottoir zu klein wird, auch auf die Strasse. Der Verkehr wird durch all die Grünpflanzen nicht behindert, weil in der Sattelgasse Fahrverbot herrscht. Rolph und ich wohnen also inmitten einer grünen Oase, oder in einem ziemlich wilden Dschungel.

Wenn sich unsere Gäste mit Sicheln und Säbeln durch das Pflanzengestrüpp geschlagen haben und unsere Wohnung finden, sagen sie meistens mit erschöpftem Lächeln, dass wir einen sehr lustigen Hauseingang hätten. Sie sagen es aber nur einmal, weil sie uns nämlich kein zweites Mal besuchen.

Im ersten Stock ist Haubensacks Zoohandlung untergebracht. Da kann man alles kaufen, was das geliebte Haustier glücklich macht. Da gibt es Futter für den Hund, die Katze, den Hamster, das Meerschweinchen, den Hasen und den Vogel. Es gibt aber auch Spielzeug für den Hund, die Katze, den Hamster, das Meerschweinchen, den Hasen und den Vogel. Es gibt Fress- und Trinknäpfe für Hund, Katze, Hamster, Meerschweinchen, Hase und Vogel. Natürlich gibt es Katzenkistchen, Hundeleinen, Hamster-, Meerschweinchen- und Vogelkäfige. Katzenstreu sowie Hasenstreu fehlen genauso wenig wie Vogelhäuschen für freilebende Vögel. Sollte jemand Hasenstreu, ein Hamsterrad oder Vogelfutter kaufen ohne das entsprechende Tier zu besitzen, kann er dieses gleich mit erwerben.

Im zweiten Stock des Hauses fristet eine Galerie ihr Dasein. Allerdings habe ich noch keinen einzigen Besucher getroffen, der sich dorthin verirrt hat. Vielleicht, weil kein Mensch weiss, dass sich in der Sattelgasse 2 im zweiten Stock eine Galerie befindet, vielleicht aber auch, weil ein allfälliger Besucher es nicht schafft, sich durch das Gestrüpp von Haubensacks Gartencenter zu kämpfen, um ohne grössere Schäden in den zweiten Stock zu gelangen.

Im dritten Stockwerk lagert die Firma Haubensack ihre Vorräte: Samen, Setzlinge, Erde, Dünger, Töpfe, Tierfutter, Tierspielzeug, Hasenstreu, Katzenkistchen, Vogel- und Hamsterkäfige und viele, viele grüne Pflanzen.

Im vierten Stock hat Herr Kaiser sein Büro. Herr Kaiser ist aber nur selten da. Er wohnt und arbeitet grösstenteils in Deutschland und so sehen wir den netten Herrn Kaiser eigentlich nur sporadisch.

Im fünften und sechsten Stock befindet sich unsere Trutzburg. Ein einziger, riesiger Raum – heute würde man Loft dazu sagen – beherrscht den fünften Stock. Schräge Dachbalken aus dunkelbraunem Holz verleihen dem Raum etwas rustikal Gemütliches. Eine winzige Küche und ein ebenso winziges Badezimmer ohne Badewanne, aber mit einer Dusche, vervollständigen den fünften Stock. Eine gewundene Treppe führt in den sechsten Stock. Dieser wiederum ist ein einziger quadratisch angelegter Raum. Das Besondere daran ist, dass an einer der Wände eine Feuerwehrleiter angebracht ist, die direkt auf das Flachdach des Häuserblocks Sattelgasse, Schneidergasse, Stadthausgasse und Marktplatz, führt.

Wer den Mut hat, über die Feuerwehrleiter zu klettern und das Dach zu betreten, dem bietet sich ein grandioser Blick über ganz Basel. Behauptet wenigstens Rolph. Ich kann das nicht bestätigen, weil ich den grandiosen Blick über Basel in den einunddreissig Jahren, in denen die Sattelgasse unser Zuhause war, kein einziges Mal geniessen konnte. Ich wurde von der Natur mit einem genialen Schwindeltalent ausgestattet, das schon gnadenlos ausbricht, wenn ich nur auf einen Küchenstuhl steige, um an der Decke eine Glühbirne auszuwechseln.

Angelehnt an den einfachen, quadratischen Raum ist ein kleiner Estrich, der bei unserem Einzug in die Wohnung vollgestopft war mit Vorräten der Firma Haubensack: Samen, Setzlinge, Erde, Dünger, Töpfe, Tierfutter, Tierspielzeug, Hasenstreu, Katzenkistchen, Hamster- und Vogelkäfige und viele, viele grüne Pflanzen aus Plastik, weil die echten dort oben in der Dunkelheit und in der Hitze nicht überlebt hätten. Wir haben bereits seit eineinhalb Monaten in der Sattelgasse 2 gewohnt, als die Firma Haubensack endlich unseren Estrich geräumt hat und ihre dort gelagerten Vorräte im dritten Stock bei den anderen Vorräten unterbrachte.

Die Terrasse, die über den Hinterhöfen liegt, ist sechzehn Quadratmeter gross und wenn sie nicht im ewigen Krieg mit den lärmenden Ventilatoren der Firma Ramstein, Gifthüttli und Restaurant Mövenpick läge, könnte man bei schönem Wetter einen Liegestuhl hinstellen, sich in diesen hineinlegen und genussvoll die stickige Basler Luft einatmen.

Zu erwähnen bleibt natürlich der Fahrstuhl, der direkt in unsere Wohnung fährt. Bis in den fünften und, wenn wir es wünschen, sogar bis in den sechsten Stock. Das funktioniert allerdings nur, wenn der Fahrstuhl bei Laune und nicht zu erschöpft ist, um das fünfte oder sechste Stockwerk zu erreichen. Oft bleibt er keuchend irgendwo zwischen den unteren Stockwerken stecken. Das dürfen wir ihm aber nicht übelnehmen, ist er doch, wie uns der Liftmonteur erklärt hat, der älteste Fahrstuhl der Stadt Basel.

Als mich Herbert Meier und Martin Rickenbach, zwei Männer von der Feuerwehr, zum sechsten Mal aus dem altersschwachen Fahrstuhl, in dem ich stecken geblieben bin, befreien, schenke ich ihnen zwei Freikarten für ein Stück im Theater Fauteuil, in dem ich mitspiele. Es heisst Bitte kei Sex, mir sinn Basler. Herr Meier und Herr Rickenbach freuen sich sehr darüber. Beide bedanken sich überschwänglich, aber ins Theater kommen sie nie. Vielleicht sind sie keine Basler.

Boxi und Tröpfchen in der Sattelgasse

Wir holen Boxi und Tröpfchen an einem Samstagnachmittag aus dem Tierheim. Von dem Augenblick an, als die zwei süssen Pelzknäuel unsere Wohnung betreten, ist in Rolphs und meinem Leben nichts mehr so, wie es früher war.

Boxi, unser plattnasiger Tigerkater, macht ganz und gar nicht den Eindruck, als hätte er in seinem bisherigen Dasein nur Schlimmes erlebt. Er ist von dem Moment an, als er seine Pfoten zum ersten Mal in unsere Wohnung setzt, sehr zutraulich. Neugierig, mit hocherhobenem Schwanz, stolziert er durch unser Wohnschlafesszimmer und beschnuppert alles, was es zu beschnuppern gibt. Er untersucht die Küche und das Badezimmer, und bevor er die Treppe in den sechsten Stock hinaufläuft, wetzt er hingebungsvoll seine Krallen an unserer neuen Couch.

Auch wenn Boxis Krallen schon nach der ersten Bearbeitung sichtliche Spuren an der Couch hinterlassen, greifen wir vorerst nicht ein. Wir wollen ihm das Vergnügen am Krallenwetzen nicht schon am ersten Tag bei seinem neuen Frauchen und Herrchen verderben. Ich glaube, Boxi hat von der ersten Sekunde an gewusst, dass er sich zwei Sklaven geangelt hat, die ihm bedingungslos ergeben sind. Und ganz offensichtlich geniesst er seine neue Rolle als Herrscher über zwei Zweibeiner von ganzem Herzen.

Tröpfchen begegnet ihrer neuen Lebenssituation um einiges vorsichtiger. Sie läuft auf ihren krummen Beinen zuerst einmal schnellstmöglich unter unser Bett, um sich dort zu verstecken. Selbstverständlich legt sich keiner von uns bäuchlings vor das breite Ehebett, um unser Kätzchen mit honigsüsser Stimme aus seinem Versteck hervorzulocken. Es ist Tröpfchens allererster Abend bei ihrem neuen Frauchen und Herrchen, und sie soll wissen, dass sie von ihren neuen Besitzern zu nichts gezwungen wird. Wenn sie sich wohlfühlt in ihrem Versteck, soll sie dort bleiben, solange sie will.

Tröpfchen hat sich eine Woche lang wohlgefühlt in ihrem Versteck. Warum auch nicht? Wir haben ihr ihr Essen und ihr Katzenklo unter das Bett geschoben, und so konnte sie ihren natürlichen Bedürfnissen nachgehen, ohne sich der neuen, bedrohlichen Lebenssituation stellen zu müssen.

Boxi kriecht hin und wieder unter das Bett und schleckt sein Schwesterchen so hingebungsvoll ab, dass sein Fell glänzt, als hätte man es mit einem Glanzspray eingesprüht. Aber auch unser liebevoller Kater schafft es nicht, Krummbeinchen aus seinem Versteck hervorzulotsen.

Als unser schwarzes Pantherchen sich am achten Tag noch immer nicht unter dem Bett hervorwagt, fange ich an, mir Sorgen zu machen. Ich bin es auch ein bisschen leid, mich täglich mehrmals wie eine Schlange unter das Bett zu winden, um das benutzte Katzenklo und den ausgefressenen Fressnapf mit einem gereinigten Katzenkistchen und einem mit frischer Nahrung aufgefüllten Napf auszuwechseln. Am neunten Tag, nachdem ich mir bei meinem täglichen Schlangentraining einen Hexenschuss zugezogen habe, reicht es mir. Ich hole den Aufzug in den fünften Stock. Ich steige ein und drücke den Knopf von der ersten Etage. Ich will Haubensacks Zoohandlung einen Besuch abstatten. Frau Jauslin, die kompetente und überaus liebenswerte Leiterin der Tierhandlung kann mir bestimmt helfen. Sie kennt ganz sicher einen Trick, mit dem ich den schwarzen Angsthasen unter dem Bett hervorlocken kann.

Der Aufzug bleibt nirgendwo stecken. Er fährt direkt in den Keller. Ich will aber nicht in den Keller. Ich will in den ersten Stock zu Haubensacks Zoohandlung. Ich drücke zum zweiten Mal den Knopf für die erste Etage. Das Getriebe des Motors knattert, knarrt und knirscht, aber mit einem heftigen Ruck setzt sich der älteste Aufzug der Stadt Basel in Bewegung. Er zuckelt gemächlich an Haubensacks Zoohandlung vorbei und stoppt im fünften Stock. Ich beschliesse, den Aufzug zu verlassen und zu Fuss, über das Treppenhaus, in den ersten Stock zu Haubensacks Zoohandlung zu gelangen.

Ich stosse die Lifttüre auf – und wer sitzt vor mir im Korridor unserer Wohnung? Tröpfchen! Wir starren uns entgeistert an, doch bevor ich irgendwie reagieren kann, macht Krummbeinchen eine Kehrtwendung und saust, buchstäblich wie ein schwarzer Blitz, zurück in die Geborgenheit unter dem Bett.

Boxi kommt aus dem sechsten Stock heruntergerast und düst nun auch unter das Bett, so, als müsse er sein Geschwisterchen vor mir beschützen.

Jetzt, wo ich begriffen habe, dass Tröpfchen sich wahrscheinlich immer dann, wenn niemand in der Wohnung ist, aus ihrem Versteck herauswagt, hecke ich einen gewieften Plan aus.

Ich steige wieder in den Lift. Ich drücke den Knopf, der mich ins Parterre bringen soll. Der Aufzug zuckelt in den ersten Stock und hält vor Haubensacks Zoohandlung. Da will ich aber nicht mehr hin. Ich habe jetzt einen anderen Plan.

Ich verlasse den Aufzug und gehe die Treppe hinunter bis ins Parterre. Ich kämpfe mich durch tausende von grünen Pflanzen, die den Gang, der zum Ausgang führt, verstellen, hindurch. Ich schaffe es, auf die Strasse zu gelangen. Am linken Unterarm blute ich ein wenig. Ein Dorn eines Rosenstrauchs hat meine Haut aufgeritzt. Aber es ist nicht schlimm.

Kaum stehe ich in der Sattelgasse, winkt mir François Schluraff zu. Ich winke zurück. François Schluraff leitet die Metzgerei Kuhn in der Sattelgasse gegenüber von Haubensacks Gartencenter und Haubensacks Zoohandlung. François Schluraff ist der fröhlichste, charmanteste und schnurrbärtigste Metzger schweizweit, oder, vermute ich, europaweit. Die schwarzen Tafeln, auf denen er mit weisser Kreide seine Ware anbietet und die er vor der Metzgerei aufstellt, sind legendär. Ich habe François noch nie schlecht gelaunt erlebt und auch jetzt winkt er mir fröhlich zu und die Enden seines Schnauzes biegen sich nach oben, weil er, wie immer, strahlt.

Nach dieser frohgesinnten, gegenseitigen Begrüssung gehe ich ins Café Schiesser. Gemütlich trinke ich einen Kaffee. Ich lasse mir Zeit. Ich muss meinem schwarzen Krummbeinchen die Gewissheit geben, dass ausser seinem Brüderchen Plattnase niemand in der Wohnung ist. Nachdem ich den Kaffee beim Schiesser genossen und ihn, wie es sich gehört, auch bezahlt habe, schlendere ich gemächlich über den Marktplatz. Um Tröpfchen die nötige Zeit zu geben, sich in Sicherheit zu wiegen, betrete ich das Kaufhaus Globus. Ich stelle mich auf die Rolltreppe und rolle bis in den obersten Stock. Dort angekommen, wechsle ich die Seiten und rolle die nach unten rollende Rolltreppe wieder hinunter. Dann, denke ich, ist die Zeit reif, um meinen gewieften Plan auszuführen. Ich gehe zurück über den Marktplatz in die Sattelgasse. François Schluraff winkt mir fröhlich zu und ich winke fröhlich zurück. Dann kämpfe ich mich durch tausende von grünen Pflanzen und steige in den Fahrstuhl.

Ich plane, im vierten Stock auszusteigen und mich dann leise über die Treppe in unsere Wohnung zu schleichen. Ich werde versuchen, die Türe, die vom Treppenhaus in die Wohnung führt, so geräuschlos zu öffnen, dass mich Tröpfchen, welche vielleicht gerade die Wohnung erkundet, mich nicht hört. Ich werde mich auf ganz, ganz leisen Sohlen an meinen ängstlichen Stubentiger heranpirschen und wenn ich, ohne ihn erschreckt zu haben, vor ihm stehe, wird sich alles Weitere finden.

Diesen Plan kann ich nur ausführen, wenn ich über die Treppe in unsere Wohnung komme. Es ist ein Ding der Unmöglichkeit, die Türe des ältesten Fahrstuhls der Stadt Basel geräuschlos zu öffnen. Obwohl Rolph die Scharniere schon mehrmals geölt hat, gibt sie jedes Mal, wenn man sie aufmacht, Laute wie ein Klageweib in einer griechischen Tragödie von sich.

Ich bin also guter Dinge. Ich zweifle nicht daran, dass mein Plan klappen wird. Ich freue mich schon darauf, Rolph in seinem Büro in Bern anzurufen, um ihm die freudige Botschaft von Tröpfchens Einzug in unsere Familie zu überbringen.

Ich drücke den Knopf vom vierten Stock. Der Fahrstuhl fährt in den Keller, danach ohne Halt in den zweiten Stock. Dort bleibt er einen Moment stehen, doch gleich darauf zuckelt er gemütlich weiter. Wir passieren die dritte Etage, und dann, irgendwo zwischen dem dritten und dem vierten Stock, stösst er einen tiefen Seufzer aus, und gibt den Geist endgültig auf.

Basels ältester Fahrstuhl

Niemand kann von dem ältesten Fahrstuhl der Stadt Basel verlangen, dass er mit einem Alarmknopf ausgestattet ist. Es dauert höchstens zwanzig Minuten, bis Frau Jauslin von Haubensacks Zoohandlung meine Hilferufe und das Gepolter, das ich mit meinen Fäusten veranstalte, zur Kenntnis nimmt.

Sie brüllt durch das Treppenhaus: «Keine Sorge, Frau Kolb, ich rufe die Feuerwehr. Die holen Sie bald da raus!»

Aber ich bin für die Feuerwehr kein Notfall. Ich stecke zwar im ältesten Lift Basels fest, aber ich stecke dort gut. Es droht keine Gefahr, abzustürzen. Wenn ich trotz den etwas altmodischen Sicherheitsvorkehrungen, mit denen die uralte Kiste ausgestattet ist, abstürzen sollte, dann höchstens eine halbe Etage tiefer, also bis in den dritten Stock. Sobald der Aufzug nämlich steckenbleibt, breiten sich im Stockwerk unter der Kabine ganz automatisch zwei Eisenstangen aus, die die herabstürzende Kabine auffangen. So oder so ähnlich funktioniert das. Der Liftmonteur hat mir das mal erklärt. Ich habe kein Wort davon kapiert, aber ich halte mich jetzt ganz fest an sein Versprechen, dass mit dem Fahrstuhl nichts wirklich Schlimmes passieren könne.

Ich halte mich eine halbe Stunde lang an das Versprechen und dann halte ich die Situation nicht länger aus. Ich fange wieder an, mit den Fäusten an die Wände zu poltern und nach Frau Jauslin zu brüllen. Aber Frau Jauslin gibt keine Antwort. Ich schaue auf die Uhr. Es ist halb eins. Um halb eins macht Frau Jauslin Mittagspause. Um halb eins machen wahrscheinlich alle Menschen Mittagspause. Ganz besonders die Leute von der Feuerwehr.

Ich trommle wie ein wildgewordener Boxer an die Wände des Fahrstuhls und rufe verzweifelt nach Hilfe. Ich bin stockheiser und meine Hände fühlen sich an wie zwei taube Kartoffelknollen, als endlich Frau Freydig, die immer hilfsbereite Leiterin des Gartencenters, durch das Treppenhaus brüllt: «Meine Güte, Frau Kolb! Ist denn die Feuerwehr noch nicht gekommen?»

Ich krächze durch den Liftschacht: «Nein, niemand ist gekommen und ich kriege langsam Panik. Ich will hier raus, ich muss zu meinen Katzen!»

Ich spüre, dass ich hysterisch werde. Gleich kriege ich einen Heulkrampf.

Frau Freydig brüllt: «Ich rufe nochmal die Feuerwehr an. Machen Sie sich keine Sorgen, die kommen gleich.»

Dann wird es wieder still. Mucksmäuschenstill. Niemand ruft etwas durch das Treppenhaus. Nicht Frau Jauslin, nicht Frau Freydig und schon gar nicht die Feuerwehr. Mein Heulkrampf lässt sich kaum noch unterdrücken. Was geschieht, wenn die mich alle vergessen? Rolph ist in Bern, der ahnt nicht, dass ich in diesem alten Fahrstuhl jämmerlich verhungern, verdursten oder ersticken werde. Natürlich werden auch Boxi und Tröpfchen verhungern und verdursten. Aber die beiden sind wahrscheinlich sowieso schon tot. Der Tumult und das Geschrei im Treppenhaus ist natürlich bis in unsere Wohnung gedrungen und die kleinen Katzenherzchen sind vor Schreck stehengeblieben. Das ist einfach entsetzlich! Ich wollte doch all das Elend, das ihnen angetan wurde, wieder gut machen. Und jetzt das!

Mit meinem Handy kann ich keine Hilfe anfordern. Ich habe kein Handy. Ich kann jetzt aber auch nicht mehr schreien oder mit den Fäusten an die Wände poltern. Ich bin zu erschöpft. Ich habe keine Hoffnung mehr. Ich bin unendlich traurig. Ich hätte nie gedacht, dass ich so jung sterben muss. Armer Boxi! Armes Tröpfchen! Armer Rolph?

Doch bevor ich die ersten, verzweifelten Schluchzer von der Leine lasse, dröhnt eine männliche Stimme durch den Liftschacht: «Frau Kolb, geht es Ihnen gut? Ich bin Herbert Meier von der Feuerwehr. Ist alles in Ordnung mit Ihnen?»