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Abbildungen: Robert Allertz, Archiv EWN GmbH, Screenshot Russisches Fernsehen »Nowosti«

ISBN E-Book 978-3-360-50149-3
ISBN Buch 978-3-360-01330-9

© 2018 Verlag Das Neue Berlin, Berlin
Umschlaggestaltung: Verlag, Peter Tiefmann

Die Bücher des Verlags Das Neue Berlin
erscheinen in der Eulenspiegel Verlagsgruppe.

www.eulenspiegel.com

Das Buch
Die Langzeitbeobachtung des Autors ist eigentlich eine Weltsensation. Die Russen ließen einen westlichen Journalisten zwölf Jahre lang in eine Sperrzone, die nicht einmal Landsleute betreten dürfen. Nicht minder spektakulär die Tatsache, dass ein deutsches Unternehmen der Großmacht Russland hilft, helfen darf, sein atomares Erbe so zu entsorgen, dass eine Umweltkatastrophe verhindert wird. Und schließlich: Das ostdeutsche Unternehmen aus Lubmin erwarb dort Erfahrungen, die es inzwischen weltweit führend auf diesem Felde macht. Neue Aufgaben warten. Schmidt beweist mit dem Report überdies, dass eine konstruktive Zusammenarbeit mit Russland auch in schwieriger Zeit möglich, nötig und für beide Seiten profitabel ist.

Der Autor
Michael Schmidt, geboren 1954 in Schwerin, Diplomjournalist, Redakteur für Publizistik beim Deutschen Fernsehfunk in Berlin-Adlershof, seit 1992 Redakteur beim NDR und Chef vom Dienst des Studios Meckenlenburg-Vorpommern in Schwerin. Im Verlag erschien in mehreren Auflagen »Der Fall Beluga. Ein Unglück auf der Ostsee und wie es vertuscht wurde«.

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Obwohl ich Detlef Mietann und Nikolai Kniwel mit meiner Fragerei ab und zu bestimmt genervt habe, ließen sie es sich nicht anmerken. Herzlichen Dank für die Geduld. Michael Schmidt

Inhalt

Matthias Platzeck: Erfolgreiche und stille Kooperation

Auf dem weltgrößten atomaren Schrottplatz

Von Kananaskis an den Rocky Mountains nach Jekaterinburg am Ural

Die Dialektik von Aufbauen und Abreißen

Vom Kernkraftwerk Nord zu den Energiewerken Nord

Ein Moskauer Institut schreibt Weltgeschichte

Der Schiffsfriedhof im Angesicht von Marx und Lenin

Dieter Rittscher – Castor-Erfinder mit Faible für Atom-U-Boote

Der Kommilitone aus dem U-Boot

Krieg und nochmals Krieg und Frieden in Murmansk

Auf Kontrollgang mit Detlef Mietann und Nikolai Kniwel

Sneshnogorsk ganz privat

Besuch eines deutschen Ministers, Ärger mit einer deutschen Zeitschrift und Fragen russischer Umweltschützer

Von der Schwierigkeit, gute Nachrichten zu überbringen

Eine Rechtsanwältin für eintausend Verträge

So viel Natur war hier lange nicht

Eine Terrasse mit Blick auf die Krim und den unbegreiflichen Putin

Am Ende üben sich Kanzlerin und Präsident in Zurückhaltung

Die neue Aufgabe: Nowaja Semlja

Erfolgreiche und stille Kooperation

Der Krieg im Norden begann am 29. Juni 1941. Gegen 3 Uhr überquerten deutsche Gebirgsjäger und ihre finnischen Verbündeten die finnisch-sowjetische Grenze bei Petsamo. Ihr Ziel war die Stadt Murmansk. Hitler gab ihnen mit auf den Weg, »die lächerlichen hundert Kilometer von Petsamo nach Murmansk zu bezwingen«. Dreimal sollten es die Gebirgsjäger in kurzen Intervallen versuchen, dann gaben sie auf. Die Operationen »Platinfuchs« und »Silberfuchs« endeten jeweils in einer Niederlage. Nie kamen die deutschen Truppen näher als vierzig Kilometer an Murmansk heran.

Warum wurde die Stadt so hartnäckig verteidigt? Die Kola-Halbinsel nördlich des Polarkreises besaß überlebenswichtige und strategische Bedeutung. Der Hafen von Murmansk war ganzjährig eisfrei und für die Sowjetunion das Tor zum Nordatlantik. Mit dem Wasser des Golfstroms kamen bald auch die Versorgungsschiffe, beladen mit Rüstungsgütern, Lastwagen und Lebensmitteln aus den USA, die im Rahmen des »Lend Lease Act« geliefert wurden. »Die zweite Front« nannten die Rotarmisten die Corned-Beef-Dosen, die über Murmansk ins Land kamen. Die Sowjetunion leistete, auf diese Weise unterstützt von ihren Verbündeten, in der Antihitlerkoalition einen wesentlichen Beitrag zur Befreiung Europas vom Faschismus.

Als der heiße Krieg 1945 endete, begann jedoch bald der Kalte Krieg zwischen den einstigen Alliierten. Für Murmansk änderte sich nichts: Es blieb militärisches Sperrgebiet. In den vielen Buchten der Kola-Halbinsel entstanden weitere Werften und Basen der sowjetischen Nordmeerflotte. Forciert wurde der Ausbau noch, nachdem die Bundesrepublik der NATO beigetreten war und die Ostsee-Ausgänge für sowjetische U-Boote und Kampfschiffe im Ernstfall unsicher wurden. Bald schon konzentrierte sich dort oben der größte Teil der strategischen Unterseeboote der sowjetischen Flotte: atomar angetrieben und mit Nuklearwaffen bestückt.

Allerdings verschleißen auch Atomreaktoren. Doch im Unterschied zu einem Schiffsdiesel, den man verschrotten kann, strahlt ein Reaktor noch eine Ewigkeit. Die unendliche Weite des Landes und die Abgeschiedenheit der Region verführten dazu, die außer Dienst gestellten Unterwasserschiffe einfach zu vertäuen und vor sich hinstrahlen zu lassen. So entstand in Jahrzehnten ein gewaltiger Schiffsfriedhof, die wohl größte atomare Müllkippe der Welt.

Dessen waren sich sowohl die russische Führung, die das Erbe der 1991 untergegangenen Sowjetunion angetreten hatte, als auch der Westen bewusst. Wie eben auch der ökologischen Konsequenzen für die Welt, die sich daraus ergaben. Es bedurfte nicht erst der Katastrophe von Tschernobyl, um allen begreiflich zu machen, dass strahlendes Material sich nicht von geografischen, politischen oder ideologischen Grenzen aufhalten lässt. Von Murmansk und Umgebung ging eine globale Bedrohung aus. Ihr musste auch international beigekommen werden.

Dieser richtigen Erkenntnis standen nationale und Sicherheitsinteressen entgegen: Noch immer war in dieser Region Russlands strategische Nordmeerflotte stationiert, weshalb man sich nicht in die Karten schauen lassen mochte. Und wenn die Großmacht Ausländern die Demontage übertrug, bewies sie, dass sie zwar Atomreaktoren bauen, diese aber nicht entsorgen konnte. Diese Blöße wollte sich, verständlicherweise, der Kreml nicht geben. Zumal nicht auszuschließen war, dass diese Tatsache propagandistisch ausgeschlachtet werden könnte.

Über sogenannte Männerfreundschaften wird oft gehöhnt. Fakt ist, wie Ostdeutsche zu sagen pflegen, dass Gerhard Schröder und Wladimir Putin im Oktober 2003 in Jekaterinburg auch über dieses Problem miteinander sprachen und wie es zu beseitigen wäre. Daraus wurde dann im Rahmen der Sicherheitspartnerschaft ein deutsch-russisches Vertragswerk von etwa tausend Einzelverträgen. Dieses Regierungsabkommen lief 2004 an. Verkürzt formuliert sah es vor: Deutschland liefert das Know-how und die finanziellen Mittel, um gemeinsam mit russischen Partnern ein Langzeitzwischenlager für Reaktorsektionen nach internationalen Sicherheitsstandards in der Saida-Bucht zu errichten. Das nützte nicht nur der Welt, sondern auch den vielen einst in der Sowjetunion ausgebildeten deutschen Reaktorspezialisten, die in den 1990er Jahren das Kernkraftwerk Nord in Lubmin und das KKW Rheinsberg demontiert hatten. Sie waren die ersten weltweit, die Atomkraftwerke zerlegt und dabei Erfahrungen gesammelt hatten wie kein anderes Unternehmen auf der Welt.

Das Ganze war (und ist) also eine klassische Win-Win-Situation.

Die seinerzeit entspannten und vernünftigen Beziehungen zwischen Deutschland und Russland – zum Beispiel hatte Präsident Putin 2001 im Deutschen Bundestag über deren Perspektiven gesprochen – gingen alsbald verloren. An Partnerschaften sind immer zwei Seiten beteiligt, und wenn etwas in die Brüche geht, ist nie nur eine Seite schuld.

Doch trotz der Sanktionen wurde und wird dieses Vorhaben auf der Kola-Halbinsel erfolgreich realisiert, wie Michael Schmidt in seinem Buch dokumentiert. Der NDR-Mitarbeiter war zwölf Jahre lang regelmäßig vor Ort und begleitete publizistisch dieses Vorhaben, er war der einzige deutsche Fernsehjournalist, dem die russische Seite dies über eine so lange Zeit hinweg erlaubte – wohl auch um die legitime deutsche Neugier zu bedienen, ob die vielen hundert Millionen Euro auch tatsächlich für den Zweck ausgegeben wurden, für den sie gedacht waren. Nun, daran besteht nicht der geringste Zweifel.

Platzeck.tif

Matthias Platzeck ist Mitglied des Deutsch-Russischen Forums, das sich seit 1993 für einen breiten gesellschaftlichen Dialog zwischen Deutschland und Russland engagiert. Ihm gehören über 400 Persönlichkeiten in leitender Position in Konzernen, in kleinen und mittleren Unternehmen wie auch in Politik, Medien, Wissenschaft und Kultur an

Für mich ist diese erfolgreiche, wenngleich stille Kooperation ein überzeugender Beweis, dass einerseits auch bei Interessengegensätzen und Konflikten mit Russland eine Zusammenarbeit grundsätzlich möglich ist. Und dass andererseits davon alle Beteiligten profitieren. Wenn wir in die Geschichte zurückschauen, so muss man nüchtern konstatieren, dass es dem Frieden und dem Wohlstand auf unserem Kontinent immer zuträglich war, wenn Russen und Deutsche und Deutsche und Russen sich verbündeten und vernünftig miteinander umgingen. Und dass sich die Völker nicht aus ideologischen Gründen aufeinanderhetzen lassen dürfen wie während des Zweiten Weltkrieges oder im Kalten Krieg. Die Schäden sind gewaltig, sie zu beheben kostet noch einmal so viel. Und diese Mittel fehlen bei der Lösung anderer, vordringlicher Weltprobleme.

Matthias Platzeck

Vorsitzender des Deutsch-Russischen Forums e.V.