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ISBN E-Book 978-3-360-50150-9
ISBN Print 978-3-360-01331-6

© 2018 Verlag Das Neue Berlin, Berlin
Umschlaggestaltung: Tobias Ginsburg / Verlag

Die Bücher des Verlags Das Neue Berlin
erscheinen in der Eulenspiegel Verlagsgruppe.

www.eulenspiegel.com

Über das Buch
Wer sind diese Reichsbürger und Staatsleugner? Und weshalb findet ihre Vorstellung, die Deutschen seien Opfer einer weltweiten Verschwörung, so viele Anhänger? Der jüdische Autor Tobias Ginsburg schleicht sich bei ihnen ein – und erfährt Seltsames und Beängstigendes über Esoteriker und Neonazis, Verschwörungstheoretiker, Sektierer und prominente AfD-Politiker. Er schließt sich verschiedenen Gruppierungen an, sitzt am Lagerfeuer und an Stammtischen, plant mit bei unheilvollen Projekten und dringt immer tiefer ein in diese gefährliche wie diffuse Bewegung.
»Die Reise ins Reich« ist eine Reportage über Macht, Wahnsinn und Rechtsextremismus, das Porträt von verzweifelten Menschen und bösen Verführern, aber auch die Geschichte einer aberwitzigen und grausig komischen Abenteuerreise vom äußersten Rand der Gesellschaft bis in ihre Mitte.

Über den Autor
Tobias Ginsburg wurde 1986 in Hamburg geboren. Seit seiner Studienzeit schreibt und inszeniert er Theaterstücke, oftmals mit dokumentarischem und politischem Ansatz. Er arbeitet als Autor, Dramaturg und Regisseur und ist Gründungsmitglied der Theatergruppe Fake to Pretend.

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»Du siehst, ich bin der Herr! – Auch ich war verzweifelt, da baute ich mir aus den Trümmern meines Gutes ein Reich. – Ich bin der Meister!« (Alfred Kubin, »Die andere Seite«)

Inhalt

Ideologischer Katastrophentourismus

1.
Die Reise an den Rand des Wahnsinns.
Von Königen, Faschisten und der Esoterik

Das Königreich und die Krankheit

Das Königreich und die Nazis

Patera erwacht

Ernie und die Esofaschisten

Das Königreich und die Zukunft

2.
Die Reise an die Querfront.
Oder: Der Sturz der BRD GmbH

Staatenlos

Die Verschwörung zu Kassel

Moskau und Frieden

3.
Die Reise ins gute, alte Deutschland.
Souveränisten, die AfD und das Ende der Welt

»Jawoll!« – Jürgen Elsässers Hassmanufaktur

Zum Beispiel Kahla

Wahlkampf und Weltenbrand

Monaco an der Memel

Ideologischer Katastrophentourismus

Ein gutes halbes Jahr lang war ich auf Reisen. In dieser Zeit schloss ich Freundschaften, studierte Verschwörungstheorien und lernte so richtig gut hassen, nahm eine neue Identität an, trank Mondwasser, ließ meine Chakren einrenken, schmiedete einen Komplott zum Sturz der Regierung, griff nach der Macht, tanzte mit Hippies, soff mit Nazis, aß viele Schnitzel, soff mit dezidierten Nicht-Nazis, aß viele Würste und plante eine neue Heimstätte für das unterjochte deutsche Volk. Und weil ich nie wusste, ob ich schon viel zu viel oder noch viel zu wenig gesehen hatte – das weiß ich übrigens bis heute nicht –, zog es mich immer wieder zurück in das schier grenzenlose Reich der Reichsbürger. Es ist auch wirklich nicht einfach, sich zielstrebig durch eine formlose Sumpflandschaft voller Irrlichter zu navigieren. Erst recht nicht, wenn diese nur von einer Handvoll kruder Ideen zusammengehalten wird.

Es ist nicht lange her, da galten die Reichsbürger bloß als Kuriosum: verwirrte Extremisten, die vom alleräußersten Rand der Gesellschaft herunterbaumeln und die Rechtmäßigkeit der Bundesrepublik Deutschland leugnen. Ernst nahm man sie nicht, dafür klang es viel zu sehr nach Realsatire. Aber dann kam der 19. Oktober 2016, und im mittelfränkischen Georgensgmünd fielen Schüsse. Die Polizei stürmte ein Haus, das vom Besitzer zum autonomen »Regierungsbezirk« erklärt worden war. Massenhaft Waffen hatte er gehortet, die sollten sichergestellt werden. Doch der Reichsbürger, der »freie Mensch Wolfgang«, eröffnete das Feuer. Vier Polizisten wurden verletzt, einer von ihnen in die Lunge getroffen. Er starb am nächsten Morgen im Krankenhaus. Der Blick auf die Reichsbürger verschob sich über Nacht.

15000 Reichsbürger und Selbstverwalter soll es laut Verfassungsschutz in Deutschland geben, aber die Zahl wird seit den Schüssen stetig nach oben korrigiert. In der Presse heißt es dann, die Szene wachse rasant, aber das ist nicht das Problem.

Wir sind einfach erst dabei zu begreifen, wer die Reichsbürger eigentlich sind. Was nicht einfach ist. Die wenigsten Reichsbürger wollen als solche erkannt werden. Viele streiten es vehement ab, und viele wissen nicht, dass sie welche sind. Die meisten meiner Bekanntschaften begreifen sich selbst als Systemkritiker.

Wo habe ich mich also rumgetrieben?

Ich war in einem Reich, das es nicht gibt und niemals gab und in dessen Zentrum eine Verschwörungstheorie steht: Die Bundesrepublik ist kein souveräner Staat, die Deutschen sind Opfer einer weltweiten Verschwörung.

Manchmal klingt das so: Das Deutsche Reich hat nie kapituliert und dauert immer noch an, es gelten die Grenzen von 1937!

Oder so: Deutschland hat weder Friedensvertrag noch Grundgesetz! Die Alliierten haben uns in der Hand!

Gerne auch: Die deutschen Politiker sind nur Agenten und Marionetten im Kampf gegen das eigene Volk!

Oder: Die BRD ist bloß eine Firma mit Sitz in Frankfurt am Main!

Oder, oder, oder.

Wer hinter dieser großen Verschwörung stecken soll? Meistens sind es graue Eminenzen der Hochfinanz. Oder mächtige Logen. Manchmal Illuminaten, überraschend häufig Satanisten. Manchmal gar Echsenmenschen, die im Fleischkostüm die menschliche Zivilisation unterwandern. Oder es sind einfach die Juden.

Als ich mich auf meine Reise begeben habe, war mir nicht klar, dass die Wahnvorstellung von der jüdischen Weltverschwörung wieder in so einem Ausmaß grassiert. Ich bin Jude – nach einer Weile nimmt man sowas persönlich.

Ich bin trotzdem eifrig weitergereist. Vielleicht, weil mich die Menschen, denen ich begegnete, einfach interessierten. Weil mir ein paar sogar ein bisschen was bedeuten. Ganz sicher aber auch, weil ihr seltsames Reich unserer Welt oft erschreckend ähnelt – und sich erste Gebiete bereits überlappen.

Es war der große, halbwache Wahlsommer, und viel wurde debattiert über das Erstarken der Rechten. Die ständigen Provokationen der AfD wurden analysiert, ihr Erfolg erklärt, wiedererklärt, ihre Strategien offengelegt: Wie sie sich immer in Opferpose schmeißen. Wie sie ihre Gegner pauschal als Volksverräter oder gar Faschisten beschimpfen. Wie sie ein Bild zeichnen von einem unterdrückten, verratenen, verfolgten Volk im Kampf gegen eine übermächtige Elite.

Und mir Reichsreisendem kam das alles so bekannt vor.

Da raunt die Rechte etwa von einem Bevölkerungsaustausch: Sie fantasiert, die Regierung wolle das deutsche Volk mit muslimischen Migranten nach und nach ersetzen. Ein furchterregender Prozess mit der unheimlichen Bezeichnung »Umvolkung«. Einen »Genozid am deutschen Volk« nennen das manche oder gleich einen Plan zur »Vernichtung der weißen Rasse«. So klingt die Verschwörungstheorie der Stunde. Sie wird uns in diesem Buch noch ein paar Mal über den Weg laufen.

Die Verschwörungstheorien sind aus dem ideologischen Sumpfgebiet ausgebrochen, vom rechtsradikalen und verwirrten Rand rein in die Gesellschaft. Wo das Reich aufhört und das Bürgertum anfängt, ist manchmal schwer zu sagen.

Das Reich ist eben groß. An manchen Ecken ist es exotisch und befremdlich, bewohnt von fundamentalistischen Esoterikern, die sich mitunter auf dem Gerippe einer hohlen Erde im Kampf gegen finstere Verschwörer glauben.

Dann sind da Landstriche, die mir auf den ersten Blick vertraut erschienen. Wo man Globalisierungs- und Kapitalismuskritiker antrifft, Ökos und Alternative, die aber demselben Verschwörungsglauben verfallen sind und meinen, nicht regiert, sondern von internationalen Eliten verwaltet zu werden.

Und schließlich sind da die Rechten: Die Neonazis, bei denen die Verschwörungstheorie des fremdgesteuerten Deutschland ihren Anfang genommen hat, aber auch Neu-Rechte, Rechtspopulisten und normale »besorgte« Deutsche, die teils bewusst, teils unbewusst auf demselben ideologischen Boden wandeln.

Meine Reisen führten mich so vom äußersten Rand der Gesellschaft immer mehr in ihre Mitte – auch wenn die Grenzen oft verschwimmen. Und ständig trifft man Verirrte, die nicht begreifen, durch was für eine Ideenlandschaft sie da tappen. Ich tappte eine ganze Weile mit ihnen mit. Ich versuchte, die Reichsbürger zu verstehen, ihren Blick auf die Welt und ihren Blick auf uns.

In diesem Buch beschreibe ich all diese Menschen und ihre Gedanken, ich gebe den ganzen Mist wieder, reproduziere ihre Überzeugungen, wie man so sagt. Ich kann nur hoffen, dass es hilft. Vielleicht hilft es im Umgang mit diesen Menschen. Vielleicht hilft es im Kampf gegen ihre Ideologien. Vielleicht hilft der Blick in ihre bizarre Spiegelwelt, etwas über die unsrige zu verstehen.

An den Begebenheiten habe ich nur etwas abgeändert, wenn es mir unbedingt notwendig erschien: Mal wurde ein dreistündiges Telefonat aus dramaturgischen Gründen zu drei Sätzen, mal wurde aus drei Gesprächen eines. Generell habe ich die Namen der Personen verändert, solange sie nicht selbst in der Öffentlichkeit stehen oder sie aktiv suchen, gelegentlich auch Umstände und Lebensläufe leicht umgeformt, um einzelne Identitäten unkenntlich zu machen. Na gut, und zwei-, dreimal habe ich Personen verunklart, weil ich mir Sorgen mache, sie sonst irgendwann vor meiner Haustür wiederzutreffen. Das muss nun auch nicht sein.