Cover

 

 

REISESCHATTEN

 

 

von

 

 

H. C. ANDERSEN

 

 

 

 

 

Von einem Ausfluge nach dem Harz,

der sächsischen Schweiz im Sommer 1831

REISESCHATTEN erschien in deutscher Übersetzung erstmals 1847 im Verlag Carl B. Lorck, Leipzig.

 

Diese Ausgabe wurde aufbereitet und herausgegeben von: apebook

© apebook Verlag, Essen (Germany)

 

www.apebook.de

 

1. Auflage 2018

 

 

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek: Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über www.dnb.d-nb.de abrufbar.

 

 

 

Dieses Buch ist Teil der ApeBook Classics (Nr. 0033): Klassische Meisterwerke der Literatur als Paperback und eBook. Weitere Informationen am Ende des Buches und unter: www.apebook.de

 

ISBN 978-3-96130-107-2

 

Satz, Layout & Umschlaggestaltung: SkriptArt, www.skriptart.de

 

Alle verwendeten Bilder und Illustrationen sind – sofern nicht anders ausgewiesen – nach bestem Wissen und Gewissen frei von Rechten Dritter, teilweise bearbeitet von SkriptArt.

 

Alle Rechte vorbehalten.

© apebook 2018

 

 

Books made in Germany with

 

Bleibe auf dem Laufenden über Angebote und Neuheiten aus dem Verlag mit dem lesenden Affen und

abonniere den kostenlosen apebook Newsletter!

Erhalte zwei eBook-Klassiker gratis als Willkommensgeschenk!

Inhaltsverzeichnis

REISESCHATTEN

Impressum

I.

II.

III.

IV.

V.

VI.

VII.

VIII.

IX.

X.

XI.

XII.

XIII.

Mehr Bücher von apebook

Werde Mitglied im ApeClub!

Weitere Empfehlungen für AutorInnen und LeserInnen

I.

Keine Vorrede. Das Meer. Die Trave. Lübeck. Die Marienkirche. Der Todtentanz. Wandsbeck.

„Wenn Einer eine Reise thut,
So kann er was erzählen,“

sagt Claudius, etwas Anderes bleibt es aber immer, ob Jemand ihm zuhören will.

Wir leben in einer Zeit, wo große Weltereignisse einander Schlag auf Schlag folgen, wo sich in einem Jahre mehr zuträgt, als früher in zehn Jahren; Meteor folgt auf Meteor am politischen Himmel, wo will man da Zeit hernehmen, der einzelnen aufwärtsstrebenden Psyche Aufmerksamkeit zuzuwenden? — Die Welt ist jetzt im Stadium des Handelns, sie arbeitet dem künftigen Dichtergeschlecht vor, das unsere Jetztzeit unsterblich machen soll. Aber wenn die Flügel wachsen, dann will der Vogel auch fliegen, und mag es Krieg oder Frieden, Hochzeit oder Begräbniß geben, er singt ein Lied, bis ein Dichterherz bricht; es giebt immer noch eine oder die andere verwandte Seele, die mitten im großen Weltgetümmel an seinen Tönen sich labt, und mehr kann der kleine Himmelsbürger ja nicht verlangen. Ist es nun aber ein eitler Vogel, und das sind die meisten jungen Dichter, so will er Zuhörer heranziehen, will originell sein, und zwitschert dann oft mit einem ganz andern Schnabel, als mit dem, den unser Herrgott ihm gegeben hat; das hilft wirklich zuweilen! Je barocker das poetische Geschrei wird, desto Mehrere geben Achtung darauf; er sammelt sich ein Publicum; der Eine zeigt sich noch origineller, als der Andere, denn wer will nicht gehört werden, wenn er erst als Sänger aufgetreten ist?

Es erging mir, wenn ich offenherzig sein soll, ganz ebenso, als ich daran dachte, diese meine Reise zu erzählen; das soll auf eine originelle Weise geschehen, nahm ich mir vor, und hatte so das Ganze schon arrangiert, noch ehe ich reiste; ich hatte meine Leserinnen und Leser schon placiert und wollte ihnen nun die ganze Reise dramatisch zum Besten geben; ich meinte, daß dies eine ganz neue Art von Reisebeschreibung werden würde. Es sollte ein Reisedrama mit Ouvertüre, Prolog und Zwischenacten werden. In den Zwischenacten sollte das Publicum, im Prolog aber wollte ich selbst satyrisch sein. Die Ouvertüre sollte mit vollem Orchester aufgeführt werden, die an dem Zollhause versammelte Volksmenge wollte ich als türkische Musik gebrauchen, die Wellen sollten ein rauschendes Crescendo aufspielen und die Vögel und jungen Damen auf der herrlichen Promenade am Sunde ein weiches Adagio anstimmen. Auf dem Dampfschiffe würde ich wohl Passagiere finden, aus denen ich in der Geschwindigkeit Instrumente machen könnte, und mein eigenes Herz sollte die Erlaubniß bekommen, ein kleines Harfensolo aufzuführen. So würde meiner Meinung nach in die kleine Ouvertüre von Kopenhagen bis Lübeck Abwechselung genug kommen. Bei Travemünde sollte der Prolog anfangen und das Stück selbst bei Lübeck, wo sich dann die Abenteuer scenenweise an einander anschließen sollten. Eine derartige Reisebeschreibung hatte ich noch nie gesehen, so sollte sie werden — und ich reiste ab.

Fremde Städte mit fremden Menschen folgten einander, es öffnete sich mir zwischen den Bergen eine neue Welt, Gottes herrliche Natur umgab mich, da war gar keine angenommene Originalität, und doch sah sie ganz originell aus, während sie doch nur sie selbst war. Sollte das nicht im Grunde doch das Richtige sein, dachte ich, und ehe ich es mir selbst recht bewußt ward, waren alle diese selbstgeschaffenen, originellen Ideen verraucht und ich dachte, ich will es geben, wie ich es empfange; wird es nicht originell, so liegt es darin, daß ich selbst eine Copie bin, und das kann doch nicht gut sein; denn wenn das eine Blatt eines Baumes nicht einmal die Copie des andern ist, sollte da der Mensch es sein in einer ganzen Natürlichkeit? Ouvertüre, Prolog und Zwischenacte gehen also verloren, aber deswegen kann man nun doch sitzen bleiben; ich will mein Herz öffnen und die bunte Reihe von Bildern zeigen, welche die Reise darin hervorzaubert. Wir spannen kein Tuch an der Wand aus, das verursacht so viele Umstände, wir haben die weißen Blätter des Buchs, auf diesen stehen nun die Bilder, freilich nur in leichten Umrissen, aber man wird sich daran erinnern müssen, daß es auch nur Schatten der Wirklichkeit sind. Man findet Berge und Ebenen, Städte und Phantasiestücke, selbst einzelne kleine Partien, die in der Eile mit Tinte und Feder hingeworfen wurden. Der Dichter giebt dem Maler nichts nach.

Ein Vordergrund mit etwas Grün,
Ein Baum — doch schön verlang' ich ihn! —
Die Luft dazu, dann ist's vorbei,
Da hat man gleich 'ne Malerei!
Doch zum Gedicht — was braucht's da mehr?
Hier stell' ich gleich euch eines her.

Doch jetzt geht das Dampfschiff ab.

Die Küste segelt schon! Ob sie einen Vorsprung nehmen will, damit wir sie nicht einholen sollen? Nein, wir sind's, die segeln! Aus dem Schorstein steigt die schwarze Rauchsäule in die Höhe; die Räder zertheilen den Wasserspiegel und wir lassen eine lange Furche hinter uns.

O Reisen! Reisen! das ist doch das glücklichste Loos! Und daher reisen wir auch Alle. Alles in dem ganzen Universum reist! Selbst der ärmste Mann ist im Besitz des beflügelten Pferdes der Gedanken, und wird dies schwach und alt, dann nimmt ihn doch der Tod mit auf die Reise, die große Reise, die wir Alle machen. Die Wellen rollen von Küste zu Küste; die Wolken segeln an dem großen Himmel dahin und der Vogel fliegt weit über Felder und Auen. Wir reisen. Alle, selbst die Todten in ihren stillen Gräbern fliegen mit der Erde rund um die Sonne. Ja, „Reisen“ ist eine fixe Idee in dem ganzen Universum, aber wir Menschen sind Kinder, wir wollen auch noch „Reisen“ spielen während unserer und aller Dinge großer natürlicher Reise. Das Meer lag vor mir wie ein Spiegel, nicht eine Welle kräuselte die große Fläche. O, es ist herrlich, so zwischen Himmel und Meer dahinzufliegen, während das Herz seine Sehnsucht und Lust singt und der Geist die bedeutungsvollen, wechselnden Klangfiguren sieht, welche aus diesen Tonwellen entstehen. Das Herz und das Meer sind doch wunderbar verwandt! Himmel und Erde spiegeln sich im Meer, wie in unsern Herzen, aber das Menschenherz wird nie so ruhig wie das Meer, wenn erst des Lebens Stürme einmal sein Inneres durchzogen haben. In Augenblicken vergessen wir unsere Schmerzen, selbst die tiefsten, in Augenblicken vergißt auch das große Meer eine Stürme, und für einen Weltkörper sind Wochen und Tage nur Augenblicke. Aber ich werde ja recht gesprächig! So erzählte ich auch einmal einem kleinen Kinde, das ich auf meinem Schooß hielt, allerlei Geschichten, die ich selbst hübsch, sehr hübsch fand. Das Kind sah mich mit großen Augen an; ich glaubte so recht, daß diese Geschichten es glücklich machten, denn ich fing selbst an, mich dabei zu amüsieren, dem kleinen, aufmerksamen Kinde etwas zu erzählen. Bei der interessantesten Stelle unterbrach ich mich selbst und fragte: „was sagst Du dazu?“ und das Kind antwortete: „daß Du soviel schwatzest!“ Vielleicht geht es mir ebenso mit Dir, verehrter Leser? Aber bedenke, wir sind ja inzwischen auch über die ganze Ostsee gesegelt; wir haben Stevns-Klint mit einer wandernden Kirche, Möens weiße Kreidefelsen, wo die Wälder schon zu grünen anfangen, und selbst Laaland passirt, wo das rothe Feuer in der halbdunkeln Nacht brannte. Die Sonne ist wieder aufgegangen und das war schön anzusehen, aber die meisten Passagiere schliefen, indem sie wahrscheinlich wie Arv in Holbergs Lustspiel dachten: „Der Morgen ist sehr schön, wenn er nur nicht so früh am Tage käme!“

Endlich kamen sie denn auch, Einer nach dem Andern, aus der Unterwelt hervor; das Verdeck wurde der freie Conversationssaal, wo man gehen und kommen konnte, wie es Jedem beliebte; die Gedanken machten es ebenso, und das Herz flüsterte hier dieses, dort jenes, aber ich hörte es wohl.

In dem schaukelnden Boot, auf dem wogenden Meer,
Da schiff' ich mit meinem Liebchen daher;
Begeisternde Lust!
Sie lehnte ihr Haupt an die schwelende Brust,
Und ich, ich schlang um sie meinen Arm,
Ich fühlte die Küsse so innig und warm,
Die der Liebe Lust mir stillten,
Wie die Segel vom Winde sich füllten;
Und die Hand mir drückend, gelobte aufs Neu'
Sie mit Augen und Lippen mir ewige Treu'.
Wir schieden — und Schmerz nur zeigte ihr Blick,
Ich blieb im schaukelnden Boote zurück.
— Gott weiß, ob ich längst nicht vergessen schon ward,
Das wäre doch hart!

Auf der spiegelklaren Meeresfläche muß das Herz von seiner Liebe träumen! Die Liebe ist auch eine Tiefe, wie das Meer, auf dessen Grund Leben und Tod wohnen, während die Hoffnung ihre reich beladenen Gallionen von Küste zu Küste steuern läßt.

Ich blickte auf das große Meer hinaus und fühlte mich glücklich, ein Unbekannter stand neben mir und machte Witze — auch er fühlte sich glücklich! Das Dampfschiff ging rasch vorwärts, wir näherten uns dem Lande und nun — nun wurden die Andern auch glücklich.

Es fehlte aber nicht viel daran, daß wir den Eingang in die Trave nicht gefunden hätten; ein dicker Nebel hatte sich über die Küste gelegt, aber endlich trafen wir die rechte Stelle, kamen hinein und nun lag das ganze Nebelland hinter uns.

Es kam uns vor als wäre ein Vorhang aufgerollt. Im Vordergrund lag das hübsche Badehaus und der hohe Leuchtthurm, rund umher erstreckten sich grüne Wälder, und die warme Sonnenluft strömte uns entgegen. Zu Hause in Dänemark hatten die Bäume nur noch Knospen, als wir gestern abfuhren; welch ein bedeutender Uebergang! Links erstreckte sich die Halbinsel Priwall, wo das Vieh bis an den Bauch ins Meer hinein watete, und zeigte uns ein lebendiges Potter'sches Gemälde mit dem großen Lufthintergrund und den herrlichen Thiergruppen. Rechts lag Travemünde mit seinen rothen Dächern, aus allen Fenstern schauten Männer- und Mädchengesichter hervor, die in der Ferne recht hübsch aussahen. Ach ja, „die Ferne“ ist doch des Lebens magisches Zauberland, die geistige fata morgana, die jedesmal verschwindet, wenn man sich ihr nähert. In der Ferne liegen die Träume der Kindheit und die Hoffnungen des Lebens, in der Ferne werden die Runzeln von der durchfurchten Stirn geglättet und steht das graue Mütterchen wie ein von Gesundheit strotzendes junges Mädchen da. Vielleicht war dies auch hier mit den Schönen von Travemünde der Fall.

Die Trave ward nun schmäler; das Dampfschiff schien beinahe ihre ganze Breite einnehmen zu wollen. Bald sahen wir das siebenthürmige Lübeck aus Wäldern und Wiesen hervortauchen, aber es spielte gar wunderlich Verstecken mit uns, bald war es hier, bald da. Die vielen Krümmungen des Flusses machen, daß man nicht recht weiß, ob man nach der Stadt hin oder von ihr fort reist. So segeln wir auch auf des Lebens großem Strom, wo wir dann so kindisch sind in Thränen auszubrechen, ja an dem Steuermann zu verzweifeln, weil das Ziel unserer Wünsche, ebenso wie Lübeck, Verstecken mit uns spielt; es ist doch der rechte Weg, den wir gehen, aber wir kennen nicht den rechten Lauf des Stroms, da wir des Lebens Trave nur einmal hinaufsegeln.

Welch ein wechselndes Gemälde, welch eine lebendige Idylle ist nicht die ganze Gegend! Hier macht der Fluß eine kleine Krümmung; dort ist ein Fischerdorf, wo die Netze zwischen den Bäumen in der Sonne aufgehängt sind; dort auf dem Berge erhebt sich ein Städchen mit seiner Kirche, und auf dem Fluß selbst, zwischen dem grünen Schilf, braust das Dampfschiff dahin.

Nachdem wir in Lübeck ans Land gestiegen waren, traten wir durch ein altes gewölbtes Thor, mit dicken Mauern an beiden Seiten, in die freie Hansestadt

Lübeck

ein. Hier zwischen den Häusern mit den spitzen Giebeln, in den engen Seitengäßchen und in der Erinnerung, die ein historisches Gewand über das Ganze wirft, glaubt man sich Jahrhunderte in der Zeit zurückversetzt. Diese eckigen Gebäude, diese steinernen Helden auf dem Rathhause und die gemalten Fensterscheiben an der alten Kirche, an der wir vorbei kamen, sahen eben so aus, als Jürgen Wollenweber hier noch ein kräftiges Wort mitsprechen konnte. Daß die Kirchen hier offen stehen, erinnert auch an den Katholicismus, und manches Bild aus jener Zeit ergreift uns, obgleich es kein Kunstwerk ist, dennoch durch eine poetische Idee oder sein Alter.

Ich war in der Marienkirche, sah das berühmte astronomische Uhrwerk und den noch berühmteren Cyclus von Gemälden, der „Todtentanz“ genannt. Es kam mir vor, als ob der Maler ein ironisches Lächeln in die Gesichtszüge des tanzenden Gerippes gelegt hätte, das zu mir und der ganzen Gesellschaft, die hier Bemerkungen über ihn machte, sagen zu wollen schien: „Ihr glaubt jetzt, daß Ihr still steht, oder höchstens in der Marienkirche umherspaziert und Euch die alten Gemälde anseht. Euch hat der Tod noch nicht zum Tanz aufgefordert, und dennoch tanzt Ihr schon. Alle mit mir! Von der Wiege an beginnt schon der große Tanz. Das Leben ist wie eine Lampe, die auch schon zu erlöschen anfängt, sobald sie angezündet wird! So alt wie ein jeder von Euch ist, so viele Jahre habe ich schon mit Euch getanzt, Jeder hat seine verschiedenen Touren und der Eine hält den Tanz länger aus, als der Andere, aber gegen die Morgenstunde brennen die Lichter herunter, und dann sinkt Ihr Alle ermüdet in meine Arme; — das nennt man sterben.“

Rings herum an den Mauern standen Epitaphia, und in den Gängen lagen Leichensteine mit unleserlichen Inschriften und halb ausgelöschten Herren und Frauen; so sah ich einen großen Stein mit einem stattlichen Rittersmann darauf, der das große Schlachtschwert in der Hand hielt und es doch duldete, daß das neue Geschlecht ihm auf den langen Bart trat und diesen auslöschte. Er und alle diese stillen Nachbarn, deren Namen nun verschwunden sind, wie die Inschriften, hat sich einmal lustig herumgetummelt in der alten Stadt, spazierte manches Mal auf den grünen Wällen, hörte die Vögel singen und dachte an Unsterblichkeit. — Das alte Rathhaus steht noch mit seinen kleinen Thürmen und feinem alten Hansesaal; der Markt liegt zwischen demselben und der Kirche, wo ein neues Geschlecht sich durch einander drängt. Aus der Marienkirche ging ich hinaus in die große Gotteskirche, die doch noch ganz anders alt und groß ist. Das nenne ich eine Wölbung! Die predigt selbst, wenn alles Andere schweigt. Die Häuser an beiden Seiten der Straße standen da wie Reihen von Stühlen, wie gekaufte oder gemiethete Familienstühle, wo auch das Gesinde mit Platz hat. Eine Gewitterwolke, die über uns heraufgezogen war, begann inzwischen ihre Predigt; sie war nur kurz, aber es lag doch sehr viel in dieser Rede.

Am Abend verließ ich das alte Lübeck; die Sonne ging so schön unter und die grünen Waldungen dufteten, daß es eine Lust war! Wie viel Poesie kann doch in einem solchen stillen Abend liegen!

In der Morgenstunde kamen wir nach Wandsbeck. Hier hat Claudius gelebt und gedichtet; ich dachte an Andreas und Anselmus. Die Sonne schien mir ins Gesicht, so daß mir das Wasser in die Augen trat. Beinahe wäre ich an dem Gebäude, wo das Zahlenlotto gezogen wird, vorbeigefahren, ohne darauf Achtung zu geben, aber es giebt dennoch Gedanken genug, die wie unselige Geister diese Stelle umschweben und über den verlorenen Mammon jammern. Claudius und das Zahlenlotto — das sind doch zwei Merkwürdigkeiten an einem kleinen Orte vereint, und unser Herrgott weiß, wie wenig die zusammen passen!

Jetzt sahen wir die Thürme Hamburgs; sie erhoben sich hoch in die Luft, als wollten sie sich darnach umsehen, ob wir nicht bald kämen, und die Sonne schien auf sie und auf uns, eben so schön, wie bei irgend einem kaiserlichen Einzug.

II.

Hamburg. Eine einfache Geschichte. Das Theater. Ein Besuch vor der Stadt. Der Traum. Eine Idylle. Die zwei Charaktere.

Ich fühlte ordentlich einen tiefen Respekt vor der alten Stadt, die die engen Straßen und das Menschengedränge beibehalten hatte. Ich glaube, unser Kutscher fuhr uns Straße auf, Straße ab, um uns durch die Größe der Stadt zu imponieren, denn es dauerte eine kleine Ewigkeit, ehe wir ans Hôtel de Bavière auf dem neuen Jungfernstieg gelangten, wo wir abstiegen. Hier, im Innern der Stadt selbst, nimmt sich die Stadt herrlich aus, indem die Alster, die groß und breit ist, die Altstadt gleichsam von der Neustadt trennt. Die hohen Thürme spiegeln sich auf ihrer Wasserfläche, auf welcher Schwäne dahingleiten und Böte mit geputzten Menschen sich schaukeln. Der Jungfernstieg wimmelt von Spaziergängern, an demselben entlang liegt Hotel neben Hotel, deren Thüren mit Kellnern, Oberkellnern und Oberkellners Oberkellnern besetzt sind.

Aber wir wollen uns hier nicht länger aufhalten, sondern den Besuch bis zum Abend aufsparen, wenn Alles erleuchtet ist, obgleich es wohl vertragen kann, bei Tage gesehen zu werden. Wir wagen uns hinein ins Gedränge zwischen Droschken, schreiende Trödler und Kleinhändler, Blumenmädchen aus den Vierlanden und emsige Geldmänner der Börse. Es sieht aus, als wäre das Ganze ein Kaufladen, so reiht sich ein Laden an den andern. Die Straßen kreuzen einander, und nach der Elbe zu giebt es einige, wo der Eingang durch eine Hausflur ist und wo kaum ein Mensch, der eine gewisse Peripherie überschreitet, wohnen kann, ohne für beständig darin bleiben zu müssen. Ich steckte den Kopf in einige derselben hinein, wagte aber nicht weiter zu gehen, denn es erinnerte mich recht lebhaft an einen Traum, den ich einmal hatte: wie die Häuser in Kopenhagens Osterstraße, auf der ich spazieren ging, ebenfalls zu spazieren anfingen, aber die Fronten so gegen einander haltend, daß die Straße das Aussehen dieser Hamburger Straßen erhielt, und als sie noch einen Schritt weiter thaten, saß ich zwischen den Wänden eingeklemmt und konnte weder vorwärts, noch rückwärts, was ziemlich unbehaglich war.

Doch spielte eine Menge von Kindern vergnügt darin herum, in dieser halbdunklen Hamburger Welt.

Die Leiche eines Armen ward begraben; vier Männer trugen den Sarg und die Witwe folgte; sie hatten große Mühe durch die enge Gasse zu kommen, der Weg war schmal; kein Sonnenstrahl fiel auf denselben hinab; erst als sie auf die breitere Straße hinauskamen, schien das Sonnenlicht auf den ärmlichen Sarg. Ich hörte eine Geschichte von diesem Begräbniß, poetisch rührend, weil sie Wahrheit ist.

In dem engen Gäßchen hoch oben in einem eben so engen Kämmerchen lag die Leiche des Armen; die Frau saß und weinte über derselben, sie wußte nicht, wie sie es möglich machen sollte, sie zu begraben; das Fenster stand offen, da flog ein kleiner Canarienvogel herein und setzte sich am Kopf der Leiche nieder und fing an zu singen; das machte einen wunderbaren Eindruck auf die Frau, sie konnte nicht länger weinen, es kam ihr vor, als ob er von unterm lieben Herrgott herabgekommen sein müsse. Der Vogel war zahm, er ließ sich gleich fangen, und als sie dies nun einer Nachbarin erzählte und ihr den Vogel zeigte, erinnerte diese sich, daß sie kurz vorher in einem Zeitungsblatt eine Anzeige über einen Canarienvogel gelesen habe, der fortgeflogen war. Es war eben dieser, und da fand die Frau menschenfreundliche Herzen, die ihr den Todten bestatten halfen.

Die Stadt ist von Canälen durchschnitten; in diesem Stadttheil sah ich mehrere, die wie wahrhafte Cloaken aussahen. Hohe Häuser auf beiden Seiten, aber keine Straße, blos der schmale Canal, soweit man vor den vorgebauten Altanen sehen konnte. Auf diesen hingen und lagen Dinge von allerlei Art, und tief unten lief oder, besser gesagt, kroch das schmutzige Wasser. Einer dieser Altane oder Schuppen in diesem Chaos war grün angestrichen, und auf demselben saß eine wohlbeleibte Dame am Theetisch und genoß die schöne Natur.

Will man übrigens hier im Sommer dem Menschengewühl entgehen, das man fast überall antrifft, will man sich von der Welt losmachen, so muß man ins Theater gehen, da findet man eben nicht. Viele; weit aus einander sitzen die blassen Einsiedler in den großen Logen.

Das Haus ist groß und prächtig, vier Etagen und ein Parterre, dessen Gang hinter den Bänken herum so breit ist, daß recht gut eine Galopade darin getanzt werden kann. Das ganze Innere ist weiß mit vergoldeten Verzierungen und wird von einem prachtvollen Kronleuchter erleuchtet. Man spielte den Freischütz. Die Dekorationen waren vortrefflich, namentlich die Wolfsschlucht. Es war eine tiefe Felsschlucht, in die der Mond hinabschien, und die rothen Irrlichter hüpften in ihrem magischen Rundtanz umher. Aus der Erde schlugen Flammen empor, und der wilde Jäger, ein Lufttransparent, eine Wolkengruppe, die sich in allerlei wilde Gestalten umwandelte, fuhr über die Scene. Am Ende des Actes stieg nicht der lebendige Samiel aus der Tiefe herauf, sondern eine fürchterliche Riesengestalt, die die halbe Bühne einnahm; sie ergriff mit ihrer ungeheuern Hand Max und Caspar, der leblos hingestreckt dalag, während das Ganze effektvoll von einem starken, rothen Feuer beleuchtet ward. Sonst war Samiel hier keineswegs gut costümiert, er sah aus wie ein rother Husar. Eine Demoiselle Gned gastierte als Agathe, sie sang gut und zeigte viel Schule, vergaß sich aber jedes Mal, wenn applaudirt ward, ging ganz aus ihrer Rolle heraus und machte einen tiefen Knix, was Jeden aus der Illusion herausreißen muß. Nach der großen Arie mit dem Taschentuch, das hier mit sehr viel studierter Grazie geschwenkt ward, und als sie sich Max in die Arme werfen wollte, klatschte man, weshalb sie eine Bewegung vorwärts machte, sich verneigte und sich dann in die Arme des armen Liebhabers warf, der auf diese Weise ein ganzes Publicum zwischen sich und den Gefühlen der Geliebten hatte.

Kunst ist der Gegensatz von Natur, aber deswegen ist Kunst noch nicht Unnatur, die ist vielmehr das ideale Bild der Natur; man soll vergessen, daß es Kunst ist; aber wie kann man das, wenn ein Künstler oder eine Künstlerin sich so weit erniedrigt, das Natürliche in der Kunst wegen eines elenden Applauses zu vergessen?