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IMPRESSUM

ROMANA erscheint in der HarperCollins Germany GmbH

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© 1997 by Rebecca Winters
Originaltitel: „Bride By Day“
Published by arrangement with HARLEQUIN ENTERPRISES II B.V./S.àr.l.

© Deutsche Erstausgabe in der Reihe ROMANA
Band 1257 - 2018 by HarperCollins Germany GmbH, Hamburg
Übersetzung: Elke Schuller-Wannagat

Abbildungen: Harlequin Books S.A.

Veröffentlicht im ePub Format in 03/2018 – die elektronische Ausgabe stimmt mit der Printversion überein.

E-Book-Produktion: GGP Media GmbH, Pößneck

ISBN 9783733735500

Alle Rechte, einschließlich das des vollständigen oder auszugsweisen Nachdrucks in jeglicher Form, sind vorbehalten.
CORA-Romane dürfen nicht verliehen oder zum gewerbsmäßigen Umtausch verwendet werden. Sämtliche Personen dieser Ausgabe sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen sind rein zufällig.

Weitere Roman-Reihen im CORA Verlag:
BACCARA, BIANCA, JULIA, HISTORICAL, MYSTERY, TIFFANY

 

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1. KAPITEL

„Ich bin Sam Telford vom Manhattan Büroreinigungs-Service. Mein Boss hat mir ausgerichtet, dass Sie mich sprechen möchten.“

Da Samantha, die sich lieber kurz „Sam“ nennen ließ, unterwegs in einen Wolkenbruch geraten war, war sie nun tropfnass und traute sich nicht, sich auf einen der Polstersessel im Vorzimmer zu setzen.

Die elegante Sekretärin sah sie herablassend an. „Haben Sie dieses Büro gestern Nacht geputzt?“

„Ja.“

„Dann sind Sie die Richtige. Warum kommen Sie erst jetzt? Sie wurden um zwei Uhr erwartet.“

„Ich war den ganzen Vormittag in einem Seminar auf der Kunstakademie. Deshalb hat mein Boss mich erst vor Kurzem telefonisch zu Hause erreicht. Anscheinend gibt es hier ein Problem, oder?“

„Das kann man wohl sagen“, erwiderte die Sekretärin rätselhaft. „Bitte warten Sie einen Moment. Wollen Sie nicht so lange … da stehen bleiben?“

Sam biss sich auf die Lippe. Ich kann mir keinen Ärger leisten und schon gar nicht meine einzige Geldquelle verlieren, dachte sie. Sie hatte nur noch hundert Dollar auf dem Konto und rechnete fest mit dem nächsten Lohn. Zum Glück hatte sie den Job als Reinigungskraft, denn sie wäre eher verhungert, als ihren Vater um finanzielle Unterstützung zu bitten. Er war ein international anerkannter Porträtmaler und hatte sie nie als seine Tochter anerkannt, ja nicht einmal ihre Existenz zur Kenntnis genommen.

Auf der Kunstakademie, an der sie Malerei und künstlerisches Gestalten studierte, hatte Sam das Gerücht gehört, ihr Vater würde mit einer Geliebten auf Sizilien leben.

Kurz presste sie die Lippen zusammen. Sie hatte sich fest vorgenommen, ihren Vater aufzusuchen, sobald sie als Künstlerin erfolgreich sein würde. Und Erfolg würde sie haben, koste es, was es wolle! Diese Begegnung sehnte sie jetzt schon ungeduldig herbei, weil sie ihrem Vater dann einen Schock versetzen und ihm vor Augen halten konnte, wie weit sie es im Leben gebracht hatte – auch ohne ihn.

„Miss Telford, Mr. Kostopoulos möchte Sie jetzt sprechen“, verkündete die Sekretärin.

Der oberste Boss höchstpersönlich? dachte Sam und wurde nervös. Der Kostopoulos-Konzern war ein riesiges Handelsimperium, das eine Reederei und verschiedenste andere Firmen umfasste. Das beeindruckende, achtundsechzigstöckige Bürogebäude in Manhattan, in dem sie sich jetzt befand, gehörte ebenfalls Mr. Kostopoulos.

Ihr wurde unbehaglich zu Mute, als sie in das Chefbüro ging, das sie wenige Stunden zuvor gereinigt hatte. Verlegen bemerkte sie, dass die Sohlen ihrer nassen Tennisschuhe bei jedem Schritt auf dem Marmorboden quietschten.

Rasch blickte sie zur gegenüberliegenden Wand und stellte erleichtert fest, dass das Originalgemälde von Picasso noch dort hing, ebenso die anderen wertvollen Bilder und Grafiken. Einen Moment lang hatte sie befürchtet, es wäre womöglich nachts eingebrochen und der Picasso gestohlen worden. Ihrer Meinung nach hätte das Gemälde ohnehin in einem Museum hängen sollen, wo jeder es hätte bewundern können.

Bei Tageslicht wirkte der weitläufige, zugleich schlicht und elegant eingerichtete Raum beeindruckend, aber Sam blickte nur neugierig zu dem großen muskulösen Mann, der das Zimmer zu beherrschen schien. Er war so perfekt proportioniert wie eine klassische griechische Götterstatue, und sie konnte den Blick nicht mehr abwenden.

Allerdings wirkte Mr. Kostopoulos steif und seine Miene angespannt, was darauf schließen ließ, dass er finsteren Gedanken nachhing. Hoffentlich haben die nichts mit mir zu tun, dachte Sam schaudernd.

Er stand am Fenster, und nur sein rechtes Profil war zu sehen, während er starr nach draußen blickte.

Da sie einen ausgeprägten Sinn für Farben besaß, war sie sofort von seinem pechschwarzen Haar fasziniert.

Das markante Profil und die kühn geschwungenen Augenbrauen wirkten ebenfalls äußerst eindrucksvoll, aber Sams Interesse galt vor allem der etwa fünf Zentimeter langen Narbe am rechten Unterkiefer, die sich deutlich von der glatt rasierten Haut abhob.

Seltsam. Er wirkte nicht so, als würde er sich jemals vor etwas fürchten. Im Gegenteil. Und er besaß ein riesiges Vermögen, deshalb hätte er sich den besten Schönheitschirurgen leisten können. Warum also hatte er die Narbe nicht operativ entfernen lassen? Vielleicht, weil man sich sofort fragte, wie er dazu gekommen war? Und weil sie ihn irgendwie wild und ungezähmt aussehen ließ, selbst wenn er, wie jetzt, einen eleganten Maßanzug trug.

„Kommen Sie doch bitte ganz herein, Miss Telford“, sagte Mr. Kostopoulos, wandte sich Sam zu und musterte sie. Plötzlich runzelte er die Stirn.

Anscheinend gefällt ihm weder meine Aufmachung noch meine Person, dachte Sam und fühlte sich plötzlich klein und jämmerlich. Sie war nass, trug schäbige alte Jeans und ein weites Jeanshemd, das sie selbst bedruckt hatte. Mit einem Tupfenmuster. Bisher hatten ihr das Hemd und das Muster gefallen.

Vielleicht mochte Mr. Kostopoulos auch ihre Frisur nicht? Morgens hatte sie es sehr eilig gehabt, weil sie rechtzeitig ihre Abschlussarbeit zur Kunstakademie hatte bringen wollen, und deshalb hatte sie sich das dichte goldblonde Haar mit dem Erstbesten zusammengesteckt, das ihr in die Hände gefallen war. Und das war eine ihrer selbst geknüpften Makrameeschnüre gewesen, die eigentlich dazu gedacht waren, Blumentöpfe aufzuhängen.

„Ich bin doch drinnen“, erwiderte Sam forsch. Offensichtlich versuchte Mr. Kostopoulos, sie einzuschüchtern, und das wollte sie sich nicht bieten lassen.

Plötzlich schien die Luft vor Spannung zu knistern.

„Meine Sekretärin sagte mir, Sie hätten letzte Nacht mein Büro gereinigt, Miss Telford.“

Seine Stimme war sehr tief, und er sprach tadelloses Englisch mit einer Spur griechischen Akzents, was trotz seiner unfreundlichen Art sehr einnehmend wirkte.

Sam gestand sich ein, dass Mr. Kostopoulos der umwerfend attraktivste Mann war, den sie je gesehen oder sich auch nur vorgestellt hatte.

„Ja, das ist richtig“, bestätigte sie.

„Wird diese Arbeit nicht üblicherweise von jemand anders erledigt?“

„Doch, aber Jack fühlte sich nicht wohl, deshalb hat er mich gebeten, seinen Job zu übernehmen“, erklärte sie.

Er stand weiterhin regungslos da. Sam, die eine lebhafte Vorstellungskraft besaß, dachte, dass so der griechische Gott Zeus ausgesehen haben mochte …

Mr. Kostopoulos war – wie Sam schätzte – Ende Dreißig, und das fand sie jung für einen Mann, dem ein so weitläufiges Handelsimperium gehörte. Wenn die Gerüchte stimmten, die die Runde unter dem Reinigungspersonal machten, hatten schon zahlreiche berühmte Sängerinnen, Models und Filmstars erfolglos versucht, ihn als Ehemann einzufangen.

Natürlich musste das nicht bedeuten, dass es nicht doch irgendwo auf der Welt eine Frau gab, die einen besänftigenden Einfluss auf den geheimnisvollen griechischen Unternehmer ausübte. Da Sam auch gehört hatte, er würde regelmäßig nach Griechenland fliegen, vermutete sie, dass er eine Frau aus seiner Heimat liebte, die sich aus der Öffentlichkeit und von den Sensationsreportern fern hielt.

Die Frau muss ziemlich mutig sein, um sich mit ihm einzulassen, dachte Sam unwillkürlich.

Und vom Glück begünstigt, fügte eine innere Stimme leise hinzu.

„Ich möchte zum Wesentlichen kommen“, sagte Mr. Kostopoulos. „Während ich gestern im Flugzeug nach New York saß, erhielten wir hier im Büro einen ausgesprochen wichtigen Anruf. Meine Sekretärin notierte die Nummer des Anrufers und legte die Notiz auf meinen Schreibtisch. Vom Flughafen kam ich direkt hierher, aber die Notiz war verschwunden.“

Noch hatte er Sam keines Vergehens beschuldigt, doch es war unmissverständlich klar, worauf er hinauswollte.

Sie strich sich eine lose Haarsträhne zurück und war sich überdeutlich bewusst, dass er auf ihre Hand blickte, die mit den abgebrochenen Nägeln und hartnäckigen Farbflecken ungepflegt wirkte, und zwar ganz anders als die perfekt manikürten Hände der Sekretärin.

Sam hatte eigentlich noch nie eine andere Frau um deren Aussehen beneidet. Jetzt aber wünschte sie sich, so bemerkenswert attraktiv und kultiviert zu sein, dass sie einem Mann wie Mr. Kostopoulos gefallen könnte.

„Seit sechs Monaten reinige ich Büros in diesem Gebäude und weiß genau, dass ich nichts anrühren darf“, verteidigte sie sich. „Gestern Nacht habe ich hier Staub gewischt und gesaugt und den Waschraum geputzt.“

Er zog die schwarzen Brauen zusammen. „Sie haben auf dem Schreibtisch nichts gesehen?“

Rasch blickte sie zu der glänzend polierten Oberfläche, auf der lediglich ein Telefon stand, und fragte sich, wie ein Mann mit so legendärem Geschäftssinn einen riesigen Konzern führte, wenn alle Unterlagen außer Sichtweite waren.

„Nein, er sah genauso aus wie jetzt“, antwortete Sam und fügte unüberlegt hinzu: „So als wäre er gerade erst vom Möbelgeschäft geliefert worden.“

Das hätte ich nicht sagen sollen, tadelte sie sich. Immer gleich zu verkünden, was sie dachte, war einer ihrer vielen Fehler.

„Was ich nicht im Kopf habe, das ist unwichtig“, erklärte Mr. Kostopoulos, der offensichtlich ahnte, was sie dachte. „Das ganze übrige Chaos überlasse ich meiner Sekretärin.“

„Chaos“ hätte Sams zweiter Vorname sein können. Sie hatte bisher immer im Durcheinander gelebt. In einer so perfekt ordentlichen Umgebung wie hier wäre sie verrückt geworden. Und das hätte sie Mr. Kostopoulos am liebsten gesagt, hielt sich aber zurück, weil er sie sonst sicher sofort entlassen hätte.

„Haben Sie den Papierkorb geleert?“, fragte er weiter, und sein Tonfall klang ausgesprochen kühl.

Sie hob das Kinn. „Ich hätte es getan, aber es war nichts drin.“

Missbilligend verzog er die Lippen. Wahrscheinlich fand er, dass sie schon wieder vorlaut war. Da ihre Antworten ihn offensichtlich nicht zufrieden stellten, rief er über die Gegensprechanlage die Sekretärin zu sich. „Und bringen Sie den Notizblock mit, Mrs. Athas“, fügte er hinzu.

Kurz darauf erschien die Sekretärin im „Allerheiligsten“. In der Hand hielt sie einen kleinen Notizblock.

Beim Anblick der gelben Zettel erinnerte Sam sich plötzlich wieder, und sie stöhnte unwillkürlich laut auf.

„Wollten Sie etwas sagen?“, hakte Mr. Kostopoulos nach. Seine dunklen Augen funkelten.

„Ja. Jetzt erinnere ich mich“, erklärte sie stockend. „Ich habe einen gelben Notizzettel gesehen. Er lag aber neben dem Papierkorb. Deshalb dachte ich, jemand hätte den Zettel in den Korb werfen wollen, den verfehlt und …“

Mr. Kostopoulos presste die Lippen zusammen und wirkte so finster, dass Sam schauderte.

„Da ich so einen Zettel gerade gut gebrauchen konnte, habe ich …“ Sie wandte den Blick ab. „Habe ich ihn eingesteckt“, fügte sie schließlich hinzu.

Die Sekretärin hatte sich inzwischen wieder zurückgezogen, was Sam als schlechtes Zeichen deutete.

Zuerst fluchte Mr. Kostopoulos halblaut, dann forderte er Sam auf: „Erklären Sie mir, warum Sie ein Blatt Papier, das Sie für Müll hielten, in meinem Büro sozusagen beschlagnahmt haben.“ Er klang unausstehlich arrogant.

„Ich hatte einen guten Grund dafür“, erwiderte sie heftig und spürte, wie sie vor Zorn errötete.

„Das hoffe ich – in Ihrem Interesse“, sagte Mr. Kostopoulos, und es klang drohend.

Sie ließ sich nicht gern bedrohen. Unverwandt blickte sie ihm in die Augen. „Als ich den Teppich unter ihrem Schreibtisch gesaugt habe“, begann sie, „habe ich genau das Stück Papier gesehen, das mir noch zur Fertigstellung meiner Collage gefehlt hat.“

„Welche Collage?“, fragte er scharf.

„Meine Abschlussarbeit“, erklärte Sam ruhig, denn nun fühlte sie sich auf sicherem Boden. „Zu Beginn des Semesters hat uns der Professor die Aufgabe gestellt, eine Collage anzufertigen. Wir durften nur Papier verwenden, das auf dem Boden lag, zum Beispiel auf dem Bürgersteig oder dem Rasen im Park. Nicht einmal Papierfetzen aus Abfallkörben waren erlaubt, und wir durften die Fundstücke auch nicht mit der Schere zurechtschneiden, sondern mussten sie so, wie sie waren, in die Collage einfügen. Das heißt“, fügte sie hinzu, „falten oder knüllen war erlaubt. Prof. Giddings – so heißt mein Professor – wollte, dass wir möglichst originelle Werke abliefern, die trotzdem so künstlerisch sind, dass sie in einer Galerie hängen könnten.“

Sie begeisterte sich immer mehr für das Thema. „Ich hatte ja zuerst keine Vorstellung davon, wie viel Spaß die Abschlussarbeit machen und welche Herausforderung sie darstellen würde. Wochenlang bin ich mit gesenktem Blick durch die Stadt gegangen, und ich habe die erstaunlichsten Funde gemacht, die jetzt auf einer Leinwand fixiert sind.“

Mr. Kostopoulos betrachtete sie mit zusammengekniffenen Augen. „Sie behaupten also, dass die Notiz, die meine Sekretärin auf meinen Schreibtisch gelegt hatte, jetzt Bestandteil Ihrer Collage ist?“

„Ja. Aber ich habe den Zettel nicht von Ihrem Schreibtisch genommen. Wahrscheinlich hat ein Luftzug das Papier auf den Boden segeln lassen.“

Er strich sich über den Kopf, und unwillkürlich wünschte Sam sich, sein dichtes Haar zu durchwühlen. Das lenkte sie so ab, dass sie sich nicht mehr konzentrieren konnte.

Was war denn nur los mit ihr? Bisher hatte sie sich nicht einmal für die Männer interessiert, die sich um sie bemühten. Und nun weckte Mr. Kostopoulos, ein völlig fremder Mann, ungeahnte, erregende Empfindungen in ihr, die mit jeder Minute stärker wurden.

„Ihre Erklärung ist dermaßen absurd und unglaublich, dass ich geneigt bin, sie für die Wahrheit zu halten“, meinte er.

„Die Erklärung ist nicht absurder als die Tatsache, dass Sie einen echten Picasso an der Wand hängen haben.“

Erstaunt sah er sie an. „Was hat der Picasso mit dem eigentlichen Thema zu tun?“

Anscheinend war er es nicht gewöhnt, dass man ihm Widerstand leistete. Sam fand es plötzlich seltsam aufregend, ihn zu schockieren.

„Alles. Sie sind vermutlich einer von diesen Kunstliebhabern, die freihändig nicht mal eine gerade Linie zeichnen können“, erwiderte sie.

Das war jetzt der mindestens neunte oder zehnte Fehler, den ich gemacht habe, tadelte sie sich dann. Aber das war ihr gleichgültig.

„Prof. Giddings ist ein Künstler, der keine Ahnung von Geschäften hat, und er liebt Picasso“, erklärte Sam. „Sie lieben Picasso anscheinend ebenfalls. So sehr, dass Sie Millionen für ein Originalgemälde ausgegeben haben. Mein mittelloser Professor hingegen hat seine Verehrung für Picasso dadurch gezeigt, dass er uns Studenten dessen Werke nahe gebracht und uns aufgefordert hat, sein Motto auszuprobieren.“

„Welches Motto?“, fragte Mr. Kostopoulos und blickte sie ungläubig an.

„Picasso sagte sinngemäß, dass ein echter Künstler Schönheit in allem erkennen könne, selbst in einem Papierfetzen, und dass er mit geringsten Mitteln Schönheit schaffen könne.“

Sicher glaubte Mr. Kostopoulos jetzt, sie hätte völlig den Verstand verloren. Sie dachte es ja selbst.

Trotzdem fügte sie hinzu: „Da Prof. Giddings ein Anhänger von Picassos Kunstauffassung ist, hat er uns aufgefordert, aus Papierfetzen ein Kunstwerk zu bilden und Schönheit zu schaffen.“

Nach einer scheinbaren Ewigkeit fragte Mr. Kostopoulos spöttisch: „Und wo befindet sich Ihr … Kunstwerk jetzt?“

Er glaubt mir nicht, dachte Sam und wurde so wütend, dass sie endgültig alle Vorsicht in den Wind schlug, obwohl sie aus Erfahrung wusste, dass sie sich damit üblicherweise in Schwierigkeiten brachte.

„In der Universität“, antwortete sie kurz angebunden.

„Na schön, dann fahren wir dorthin und holen es.“

„Ich fürchte, der Kleber, mit dem ich den Zettel fixiert habe, ist inzwischen völlig trocken. Wenn ich das Papier zu lösen versuche, ruiniere ich womöglich die ganze Collage.“ Bei den letzten Worten zitterte ihre Stimme.

Für Sam bedeutete diese Abschlussarbeit den Passierschein für eine brillante Zukunft, und die würde sie nicht aufs Spiel setzen – weder für Mr. Kostopoulos noch für sonst einen Menschen –, nachdem sie so lange und hart dafür gearbeitet hatte.

„Außerdem“, fügte sie hinzu, „selbst wenn ich das Papier abgelöst bekomme, ist es sehr unwahrscheinlich, dass man die Notiz darauf noch lesen kann.“

Mr. Kostopoulos atmete tief durch. „Dann sollten Sie schon mal ein Stoßgebet zum Himmel schicken, dass das Schicksal Ihnen heute gnädig gestimmt ist, Miss Telford. Ich brauche die Telefonnummer dringend, und es hat keinen Sinn, mich mit feuchten, großen Augen flehentlich anzublicken.“

„Mit feuchten Augen?“, wiederholte sie empört.

„Ja, Ihre Augen wirken wie Stiefmütterchen im Regen. Aber ich warne Sie: Frauentränen beeindrucken mich überhaupt nicht.“

Kurz biss Sam die Zähne zusammen. „Und mich beeindrucken die Milliarden eines Mannes überhaupt nicht“, konterte sie. „Vielleicht halten Sie sich ja für einen Halbgott, der uns normale Sterbliche mit einem Machtwort und dem Hochziehen der Brauen zum Zittern bringt. Dann darf ich Sie berichtigen, Mr. Kofolopogos – oder wie Sie heißen –, ich …“

Angespannt richtete sie sich kerzengerade auf.

„Ich Normalsterbliche bin von Ihnen nicht eingeschüchtert. Wer auch immer Sie angerufen und nicht erreicht hat, meldet sich sicher nochmals. Außerdem hätte Ihre tüchtige Sekretärin die Nummer zwei Mal notieren sollen. Und überhaupt: Diese Telefonnummer kann unmöglich so wichtig sein wie mein Diplom, für das ich die Collage unbedingt brauche.“

Seine Miene wurde starr. „Da Sie nicht wissen können, was für mich wichtig ist, lasse ich Ihnen diese Bemerkung durchgehen.“

Sam errötete heftig und nahm sich vor, nicht länger so widerspenstig sein.

„Es tut mir leid, dass ich die Beherrschung verloren habe. Und es tut mir leid, dass die ganze Sache mit der Notiz überhaupt passiert ist. Es war wirklich nicht meine Absicht, Schwierigkeiten heraufzubeschwören. Das Problem ist nur, dass ich nicht weiß, ob Professor Giddings jetzt noch in der Akademie ist. Immerhin ist es Samstagnachmittag. Möglicherweise ist bis Montag alles abgeschlossen.“

„Ich finde schon jemand, der aufschließt. Oder ich rufe Ihren Professor an.“

„Aber …“

„Also, wollen wir los?“

Ohne auf ihre Bestürzung zu achten, ging er an Sam vorbei zum Privatlift. Sie folgte Mr. Kostopoulos in die Kabine, die viel kleiner war als die der öffentlich zugänglichen Aufzüge. Da er ungefähr einen Meter neunzig groß war, kam Sam sich mit ihren einszweiundsechzig neben ihm winzig vor. Er drückte auf einen Knopf, und die Lifttür schloss sich.

Sam, die die antiken griechischen Sagen liebte, dachte unwillkürlich an Persephone, die von Hades in die Unterwelt entführt worden war. Ihr war sehr unbehaglich zu Mute, während sie die mehr als sechzig Stockwerke in die Tiefgarage hinunterfuhr. Ihr Arm berührte Mr. Kostopoulos, und sie war sich überdeutlich seines muskulösen Körpers und des Dufts seines Rasierwassers bewusst.

Dieser Mann war so anders als ihre mittellosen, häufig bärtigen und vor allem freundlichen Studienkollegen. Er besaß eine Ausstrahlung von physischer und mentaler Kraft und wirkte, als würde er sich allen Herausforderungen des Lebens stellen und jede Minute davon genießen. Das machte ihn zu einem außergewöhnlichen Mann, und insgeheim bewunderte Sam ihn dafür.

Außerdem hatte er, wie sie sich ehrlich eingestand, eine beunruhigend erotische, ungezügelt leidenschaftliche Ausstrahlung, die wahrscheinlich jede Frau tief beeindruckte.

Noch nie war Sam einem Mann begegnet, der ihm auch nur annähernd ähnlich war. Und nur ungern gab sie zu, dass er sie zugleich einschüchterte und erregte.

Da er alles daransetzte, die Telefonnummer zu ermitteln, schien es sich für ihn tatsächlich um eine äußerst wichtige Angelegenheit zu handeln. Und irgendetwas sagte Sam, dass es dabei nicht um Geschäftliches gehe.

Reglos stand sie steif neben ihm und hoffte, dass er ihre Gedanken nicht ahnte. Als erfolgreicher Unternehmer besaß er sicher die entnervende Fähigkeit, die Schwächen anderer Menschen zu erkennen und zu seinem Vorteil zu nutzen.

Als sie den Lift in der Tiefgarage verließen, stand dort schon ein schwarzer Mercedes bereit. Der Chauffeur öffnete Sam die Beifahrertür, während Mr. Kostopoulos sich hinters Steuer setzte.

Die beiden Männer unterhielten sich offensichtlich auf Griechisch, das für Sam fremd und geheimnisvoll klang. Zwar hatte sie Französisch und Spanisch gelernt, aber von anderen Fremdsprachen hatte sie keine Ahnung.

Als der Chauffeur lachte, fühlte sie sich unbehaglich, denn sie befürchtete, Mr. Kostopoulos hätte seinem Angestellten gerade die unglaubliche Geschichte weitererzählt, mit der sie das Verschwinden der Notiz erklärt hatte.

Sicher glaubt er mir erst, wenn er den Zettel in der Hand hält, dachte Sam. Wenigstens konnte sie beweisen, dass sie nicht gelogen hatte. Aber sie mochte es nicht, wenn man über sie sprach – und schon gar nicht in ihrer Gegenwart.

Nachdem Mr. Kostopoulos das Auto aus der Tiefgarage gefahren und sich in den dichten Verkehr eingeordnet hatte, sagte er mit seiner tiefen Stimme: „Entspannen Sie sich doch, Miss Telford. George hat mir lediglich von den neuesten Streichen seines kleinen Sohns erzählt. Ihr dunkles Geheimnis ist bei mir sicher aufgehoben.“

Ach, du liebe Güte, anscheinend wusste er tatsächlich, was sie dachte. Verriet ihre Miene denn so viel?

„Fürs Erste möchte ich nichts weiter, als dass Sie mich zur Kunstakademie lotsen“, fügte Mr. Kostopoulos hinzu, „und dabei berücksichtigen, dass ich um halb fünf einen Termin habe.“

„Natürlich, aber gegen den Stoßverkehr kann ich nichts ausrichten – und wenn die Universität schon geschlossen ist, bin ich auch machtlos“, erwiderte Sam. „Biegen Sie an der nächsten Ecke links ab.“

Er wechselte die Fahrbahn so gekonnt wie ein New Yorker Taxifahrer. „Falls Sie mich übrigens in die Irre führen, Miss Telford, sind Sie noch heute Abend arbeitslos.“

„Da ich nur noch hundert Dollar auf dem Konto habe, würde ich ja wohl kaum meinen Job bei der Reinigungsfirma riskieren“, erwiderte Sam aufgebracht.

„Das würden Sie als Milliardär natürlich niemals verstehen“, fügte sie ganz leise hinzu, aber er hörte es trotzdem. Plötzlich lachte er, und ein seltsames Prickeln überlief sie.

„Sie irren sich. Ich kann mich noch lebhaft an die Zeit erinnern, in der ich als armseliger, barfüßiger Junge auf meiner Heimatinsel Serafinos jeden Gelegenheitsjob annahm, um einige Drachmen zu verdienen.“

Wollte er etwa ihr Mitgefühl erregen? Na gut, das war ihm gelungen. Aber jetzt ist Schluss damit, schwor sich Sam.

„Ich erinnere mich, über Onassis mal dasselbe gelesen zu haben“, erwiderte sie herausfordernd.

„Ja, seine und meine Herkunft unterscheiden sich gar nicht so sehr voneinander“, erklärte Mr. Kostopoulos herablassend.

Sam hatte bisher angenommen, er wäre als Sohn reicher Eltern geboren und hätte das ererbte Vermögen um ein Vielfaches vermehrt. Dass er jedoch bettelarm gewesen war und aus eigener Kraft gesellschaftlich so aufgestiegen war, machte ihn noch bewundernswerter. Und sie bewunderte ihn tatsächlich, obwohl ihr seine herrische Art überhaupt nicht gefiel.