Bettina Fahrenbach – 2 – 6er Jubiläumsbox

Bettina Fahrenbach
– 2–

6er Jubiläumsbox

7-12

Michaela Dornberg

Impressum:

Epub-Version © 2016 KELTER MEDIA GmbH & Co. KG, Sonninstraße 24 - 28, 20097 Hamburg. Geschäftsführer: Patrick Melchert

Originalausgabe: © KELTER MEDIA GmbH & Co.KG, Hamburg.

Internet: http://www.keltermedia.de

E-mail: info@kelter.de

Dargestellte Personen auf den Titelbildern stehen mit dem Roman in keinem Zusammenhang.

ISBN: 978-3-74092-690-8

Weitere Titel im Angebot:

Bettina Fahrenbach – 2 – 6er Jubiläumsbox

Verworrenes Spiel

Es gibt Situationen im Leben, die so intensiv sind, daß man sich hinterher fragt, ob das, was man erlebt hat, auch wirklich geschehen ist.

Und genau das fragte sich Bettina Fahrenbach in diesem Augenblick.

Sie saß, obschon es erst sechs Uhr morgens war, nach einer fast schlaflos verbrachten Nacht, an ihrem Schreibtisch und sortierte ihre Post – Werbebriefe, die sofort in den Papierkorb wanderten, Kontoauszüge, aber leider auch mehrere Rechnungen.

Ihr Blick fiel immer wieder auf den Feststellungsbescheid der Gemeinde, die für Grundstückserschließungskosten beinahe sieben­undsiebzigtausend Euro von ihr haben wollte. Eine Menge Geld, von der sie nicht wußte, wie sie sie aufbringen sollte. Natürlich war es wunderbar, daß mehrere ihrer Grundstücke zu Bauland geworden waren. Wenn sie jetzt verkaufen würde, würde das eine Menge Geld bringen. Aber die Fahrenbachs hatten noch niemals etwas verkauft, seit fünf Generationen nicht. Da konnte sie jetzt nicht den Anfang machen.

Sie wollte es auch gar nicht, sondern das, was sie geerbt hatte, für die nächste Generation verwalten, erhalten.

In den letzten Tagen war es ihr fast gelungen, nicht daran zu denken, alles zu verdrängen.

Thomas Sibelius, ihre große Liebe, war unverhofft aus Amerika, wo er lebte, gekommen, um bei der Hochzeit ihrer Freundin Linde an ihrer Seite zu sein. Die Zeit, die sie miteinander verbringen durften, hatte genau von Freitagfrüh bis Sonntagnachmittag gedauert. Nicht mehr als ein Wimpernschlag, wie ihr im nachhinein erschien, und dennoch war es so intensiv gewesen, so voller Liebe, Zärtlichkeit, Gefühl, Wärme, Nähe, daß es fast wie ein Traum gewesen war.

Und die Hochzeit von Linde und Martin!

Es war ein wunderschönes Fest gewesen – emotional, aber auch unbeschwert und fröhlich. Bis auf diesen kleinen Zwischenfall.

Linde hatte es total vergessen oder vielleicht auch nur verdrängt, aber sie hatte immer noch das Bild vor Augen, wie unvermittelt dieser schwarze Vogel, von dem sie nicht einmal wußte, ob es ein Rabe oder eine Krähe gewesen war, weil es so schnell gegangen war, sich auf Linde stürzte. Er riß an ihrem mit Seidenblumen verzierten Kämmchen. Lindas Aufschrei und Martins beherztes Eingreifen hatten ihn ohne Beute wie ein Spuk verschwinden lassen.

Linde hatte sich schnell wieder beruhigt, aber sie konnte diesen Zwischenfall nicht vergessen, der ihr wie ein Zeichen drohenden Unheils erschien. Große schwarze Vögel bedeuteten immer Unheil, das sagte der Volksmund.

Seufzend schob Bettina den Bescheid der Gemeinde wieder beiseite.

Vielleicht galt dieses böse Omen ja gar nicht Linde, sondern ihr, denn wenn sie das Geld nicht aufbrachte, dann…

Bettina wollte diesen Gedanken überhaupt nicht zu Ende bringen.

Sie mußte Markus anrufen, vielleicht konnte sie ihm noch Bäume für sein Sägewerk verkaufen. Möglicherweise konnte sie auch ihre Großkunden mit Sonderaktionen für die Brodersen- und Horlitzspirituosen locken. Das Problem dabei war aber, daß große Firmen in der Regel ein langes Zahlungsziel in Anspruch nahmen und ihre Rechnungen teilweise erst nach sechzig oder neunzig Tagen bezahlten. Deswegen hatte sie ja auch, trotz recht guter Verkäufe, viele Außenstände. Die Ferienappartements im Gesindehaus waren fast fertig. Aber da mußte sie erst einmal Gäste finden. Sie mußte versuchen, von ihrer neuen Bank einen Kredit zu bekommen. Gleich um neun Uhr würde sie Herrn Axendörfer anrufen und einen Termin mit ihm machen.

Sie sortierte Unterlagen, die sie ihm zeigen wollte und aus denen ersichtlich war, welche Investitionen sie selbst schon aus Eigenmitteln getätigt hatte. So etwas kam bei Banken gut an.

Bettina war so in ihre Arbeit vertieft, daß sie überhaupt nicht merkte, wie die Zeit vergangen war.

»Hier steckst du«, riß Tonis Stimme sie aus ihrer Arbeit. »Wir waren der Ansicht, daß du einen Spaziergang machst und haben uns gewundert, warum du die Hunde nicht mitgenommen hast.«

»Ich hab nicht so gut geschlafen und deswegen beschlossen, meinen Bürokram zu erledigen. Es waren auch ein paar kleine Bestellungen da. Ich hab sie dir auf den Schreibtisch gelegt.«

»Da kümmere ich mich gleich drum. Ich muß auch bei Horlitz eine Nachbestellung machen, ich glaub, den Anteil der Mango-Früchtchen werde ich verdoppeln. Die laufen im Augenblick am besten.«

Bettina war froh, daß Toni sich in diesem Metier so gut auskannte und ihr viel Arbeit abnahm. Welch ein Glück, daß er eine Ausbildung in einer Spirituosenfabrik gemacht hatte.

Wenn erst einmal alles richtig laufen würde, wäre es mit ihren finanziellen Problemen vorbei. Es war schon verrückt, daß sie mehr oder weniger Großgrundbesitzerin war, aber kaum laufende Mittel zur Verfügung hatte.

»Ich glaub, ich geh jetzt erst mal frühstücken«, beschloß sie.

»Leni und Arno sind aber nicht mehr da. Sie sind zum Einkaufen in die Stadt gefahren. Du weißt ja, montags tun sie das immer… schade, daß du beim Frühstück nicht dabei warst, wir haben fast nur über die Hochzeit gesprochen. Sie war aber auch zu schön. Und Linde und Martin sahen so glücklich aus. Seit meiner nicht stattgefundenen Hochzeit war das die erste Trauung, an der ich teilgenommen habe.«

»Gewiß mußtest du an Laura denken… tat es sehr weh, Toni?«

Gewiß mußte es schrecklich für ihn gewesen sein. Toni hatte seine große Liebe verloren, die es nicht ertragen konnte, nach einem unverschuldeten Autounfall ihr Leben lang in einem Rollstuhl sitzen zu müssen und die deswegen Selbstmord begangen hatte.

Toni nickte.

»Ja, ich mußte an Laura denken. Ich glaube, das tut man zwangsläufig. Aber es tat nicht mehr so weh wie früher. Aber kein Wunder auch. Es ist ja schon so viele Jahre her, und wie sagt man doch so schön – die Zeit heilt alle Wunden. Da ist schon etwas Wahres dran.« Er war in Erinnerungen versunken. »Aber meine Laura wäre auch eine wunderschöne Braut gewesen.« Er seufzte. »Doch es hat nicht sollen sein… wir haben alle unser Schicksal und müssen das hinnehmen, was es für uns bereithält.«

Er lächelte Bettina an und wechselte das Thema.

»Ich denke, daß wir bald auf der nächsten Hochzeit tanzen werden«, sagte er.

Überrascht blickte sie ihn an.

»Ach, und wer soll heiraten?«

Als sei es die selbstverständlichste Sache der Welt, antwortete er: »Na – du.«

»Wie kommst du denn darauf?«

»Bettina, ich bitte dich, ihr seid doch wirklich füreinander bestimmt. Das kann selbst ein Blinder sehen.«

»Thomas hat mir noch keinen Antrag gemacht.«

Toni lachte.

»Braucht es in eurem Fall wirklich diese vier formellen Worte – willst du mich heiraten? Nein, wirklich nicht. Thomas kommt für ein Wochenende aus Amerika, um bei dir sein zu können, er zeigt dir durch tausende Kleinigkeiten seine Liebe, läßt im wahrsten Sinne des Wortes rote Rosen auf dich herabregnen. Was willst du noch?«

Ja, was wollte sie.

Sicherheit, sie wollte ganz einfach Sicherheit, und die würde sie nur haben, wenn er ihr ganz offiziell einen Antrag machen würde. Das er sie liebte, daran zweifelte sie überhaupt nicht.

»Ich möchte schon, daß er mich fragt.«

»Bettina, glaubst du, er wird dich nach einem offiziellen Antrag mehr lieben?«

Er sprach wie Thomas. Das hatte ihr gerade noch gefehlt. Sie stand auf.

»Ich brauche jetzt meinen Kaffee, dann fahre ich wahrscheinlich nach Helmbach.«

Sie raffte ihre Aufstellungen zusammen und legte den Bescheid der Gemeide dazu.

»Wir sehen uns dann später, Toni.«

»Bist du jetzt sauer auf mich? Tut mir leid, Bettina, ich wollte nicht in deine persönlichen Angelegenheiten eingreifen. Geht mich ja auch nichts an.«

»Ich bin nicht sauer«, beruhigte sie ihn. »Du hast ja auch mit allem, was du gesagt hast, recht. Aber Frauen sind nun mal sentimental und wollen gefragt werden. Aber jetzt etwas anderes. Glaubst du ich kann, wenn ich schon mal in Helmbach bin, dem dortigen Fremdenverkehrsverein unser Gesindehaus für die Vermietung anbieten?«

»Klar, nimm ruhig schon alle Unterlagen mit. Ehe es bei denen losgeht, sind wir mit den Restarbeiten alle Male fertig.«

Bettina nickte und nahm den Ordner, in dem sie Informationen, Beschreibungen und Fotos untergebracht hatte, aus dem Regal.

»Vielleicht können wir uns nachmittags auch mit unserer Internetseite beschäftigen?«

»Eine gute Idee«, sagte er. »Ich habe schon ein bißchen zusammengestellt und werde weiter daran arbeiten, wenn ich mit meiner Arbeit hier fertig bin.«

»Toni, du bist ein Schatz«, rief sie, winkte ihm zu und verließ das Büro.

Frühstück, dann Markus, dann die Bank, dann der Fremdenverkehrsverein… dies sollte die richtige Reihenfolge sein.

Wenn sie von der Bank eine Kreditzusage bekommen würde, könnte sie sogar noch nach Steinfeld fahren und die Angelegenheit mit der Gemeinde in Ordnung bringen und das dortige Fremdenverkehrsamt auch gleich aufsuchen.

Ein arbeitsreicher Vormittag lag vor ihr, aber es war ja auch noch früh, und sie hatte hinreichend Zeit.

*

Mit Herrn Axendörfer von der Bank hatte sie einen Termin um elf Uhr. Da konnte sie gut wahrscheinlich vorher zum Fremdenverkehrsamt gehen, je nachdem, wie lange sie sich bei Markus aufhalten würde.

Markus war in seinem Büro und ganz überrascht, Bettina zu sehen.

»Ich hätte ja mit allem gerechnet, nur nicht damit, dich so schnell wiederzusehen, Bettina. Grüß dich.«

Er war aufgestanden, um sie mit Küßchen links und rechts zu begrüßen.

»Möchtest du einen Kaffee oder Tee?«

»Nein, danke, ich habe gerade erst gefrühstückt.«

»Bist du hier, um mit mir über die Hochzeit zu reden? Mein Gott, was war das für ein schönes Fest. Linde und Martin sprudelten ja geradezu über vor lauter Glück. Mir ist vorher überhaupt nicht aufgefallen, wie verliebt sie ineinander sind.«

»Mir auch nicht. Aber ich bin auch nicht hier, um über die Hochzeit zu reden, die wirklich traumhaft war. Aber jetzt ist sie vorbei, Thomas wieder in Amerika.«

Er lachte.

»Und jetzt fühlst du dich einsam und willst ein wenig getröstet werden, und da dachtest du, gehe ich doch mal bei meinem alten Kumpel Markus vorbei.«

Sie schüttelte den Kopf.

»Nein, ich bin auf dem Weg nach Bad Helmbach, ich hab dort was zu tun, und mir ist eingefallen, dich zu fragen, ob du nicht noch etwas Wald von mir brauchen kannst, ein paar Bäume.«

»Klar, immer, aber nicht sofort. Die Baugesellschaft, die den Huberhof gekauft hat, hat mir das alleinige Nutzungsrecht für Hubers gesamten Waldbestand eingeräumt. Damit sind wir jetzt beschäftigt, und ich denke, vor drei, vier Monaten habe ich keinen Bedarf. Aber das macht dir ja wohl nichts aus. Bei dir pressiert es bestimmt nicht.«

Fast hätte Bettina angefangen hysterisch zu lachen. Sollte sie ihm sagen, wie sehr es bei ihr pressierte, daß sie jeden Cent brauchte?

»Du kannst es dir vormerken«, antwortete sie. »Oder soll ich nochmal auf dich zurückkommen?«

»Nein, ich melde mich bei dir. Aber wenn du schon hier bist, wir wollten doch mal zusammen essen oder etwas trinken gehen. Wie sieht es damit aus?«

Das hatte ihr gerade noch gefehlt.

»Gern«, heuchelte sie. »Aber bitte nicht diese Woche, ich muß erst mal das abtrainieren, was ich mir bei Lindes Hochzeit angefuttert habe.«

»Du bist rank und schlank wie immer, anders kenne ich dich überhaupt nicht. Laß uns doch gleich einen Termin für die nächste Woche machen.«

»Markus, laß uns telefonieren. Wir beenden gerade die Arbeiten am Gesindehaus, wenn das fertig ist, habe ich mehr Zeit. Und dann gehen wir aus, wie versprochen.«

Er strahlte sie an.

»Bettina, ich freue mich darauf.«

»Ich auch, Markus, aber jetzt muß ich los.«

Sie verabschiedete sich von ihm und spürte seinen Blick, als sie über den Hof zu ihrem Auto ging.

Er wußte, daß sie zu Thomas gehörte, und er würde niemals irgendwelche Grenzen überschreiten. Aber Bettina ahnte schon, daß er sie sehr umwerben würde, wenn das nicht so wäre.

Da sie sich bei Markus nicht lange aufgehalten hatte, konnte sie zuerst ins Fremdenverkehramt gehen.

Dort machte sich eine sehr nette Dame Kopien ihrer Unterlagen. Sie war total begeistert und sich absolut sicher, daß sie sehr schnell Gäste für die Appartements finden würde.

»Wir platzen hier in Helmbach aus allen Nähten und müssen viele Leute abweisen. Fahrenbach ist nicht weit und sehr, sehr schön. Und das, was Sie anbieten, ist doch auch sehr komfortabel. Ich würde gern mal bei Ihnen vorbeikommen und mir alles ansehen. Ich kenne zwar Fahrenbach und auch den See, aber Ihren Hof kenne ich nicht.«

»Er liegt auch oberhalb des Ortskerns, und die Straße, die dorthin führt ist privat. Fremde verirren sich also nicht zu uns.«

»Das ist wunderbar, dann ist absolute Ruhe garantiert, und wenn der Hof auf einem Hügel liegt, haben Sie bestimmt auch einen schönen Blick.«

»Ja, unverbaubar bis zum Fluß, zum Wald und auf die Höfe ringsum. Glücklicherweise nicht zum Huberhof.«

»Das ist der Hof, der verkauft wurde«, sie wußte Bescheid, »es sollen viele Häuser gebaut werden.«

»Das ist richtig«, bestätigte Bettina, »dreißig Häuser, ein Supermarkt und ein italienisches Restaurant.«

Sie würde niemals vergessen, wie aufgeregt Linde ihr das berichtet hatte.

»Dann ist es mit der Beschaulichkeit auch ein Stück vorbei.«

»Es ist schade, daß Herr Huber nicht mit den Leuten aus dem Dorf über den Verkauf gesprochen hat, dann wäre es nicht dazu gekommen. Dann hätten sich andere Optionen ergeben. Doch geschehen ist geschehen. Es ist nicht rückgängig zu machen. Wir müssen jetzt nur achtsam sein, daß solche Aktionen nicht noch öfter erfolgen.«

»Nun, die nächste große Aktion wird wohl die Besiedelung des Fahrenbacher Sees sein. Das ist ja auch alles Bauland geworden, und um solche Sahnestückchen werden sich die großen Investoren natürlich prügeln.«

»Das kann ich glücklicherweise verhindern«, sagte Bettina.

Überrascht blickte die Frau sie an.

»Sie?« Ihre Stimme klang gedehnt, und ihr Blick war spöttisch, als wolle sie sagen, du liebes Mädchen, wie willst ausgerechnet du das verhindern.

»Ja, ich. Mir gehört der See nämlich, und ich werde niemals zulassen, daß er so zugebaut wird wie der See hier in Helmbach.«

Ihr Gegenüber war sprachlos. Sie warf Bettina einen abschätzenden Blick zu. Die junge Frau war zwar sehr hübsch, aber ansonsten sah sie vollkommen unauffällig aus in ihrer schwarzen Leinenhose und der weißen Leinenbluse. Sie trug, außer einem silbernen Bettelarmband voller Herzen, Quadrate und Ovale, das sehr hübsch aussah und sicherlich teuer gewesen war, keinen Schmuck.

»Dann besitzen Sie ja«, ächzte sie schließlich, »dann besitzen Sie ja… eine Goldmine.«

Bettina mußte lachen.

»Wenn ich nicht verkaufe, und das werde ich ja nicht tun, bleibt dieser Schatz schön im Verborgenen. Aber sagen Sie selbst, ist es nicht schöner, um einen See zu laufen, der vollkommen naturbelassen ist, als auf eine Hotelterrasse gehen zu müssen, um einen kleinen Blick auf den See zu ergattern, wie es hier in Helmbach der Fall ist?«

Die Frau nickte zwar, aber ihrem Gesichtsausdruck war anzusehen, daß sie Bettina überhaupt nicht verstand, die Gold in den Händen hatte und es nicht zu sehr, sehr viel Geld machen wollte.

Bettina schaute auf ihre Armbanduhr. Zeit, um zu Herrn Axendörfer von der Bank zu gehen.

»Ja, wir haben alles besprochen. Wenn Sie absehen können, wann Sie zu mir auf den Hof kommen wollen, dann rufen Sie mich einfach an.«

»Wir können sofort einen Termin machen«, sagte die Frau. »Wenn es Ihnen recht ist, dann komme ich direkt morgen früh. Paßt es Ihnen um zehn Uhr?«

»Ja, das ist wunderbar. Ich freue mich.«

Dann gab sie der Frau die Beschreibung, wie sie auf den Hof kommen konnte. Danach verabschiedete sie sich.

Sie war mit sich zufrieden, daß das auch erledigt war.

Wenn Herr Axendörfer ihr die Kreditzusage für die Gemeindegebühren machen würde, könnte sie das auch noch erledigen. Und dann würde sie sich schon sehr, sehr viel wohler fühlen. Es brannte ihr schon sehr auf der Seele, diese fast sieben­undsiebzigtausend Euro aufbringen zu müssen.

*

Punkt elf Uhr war Bettina in der Bank. Sie wurde sofort zu Herrn Axendörfer geführt, der beflissen hinter seinem Schreibtisch hervorkam und ihr mit einem scheinbar freudigen Lächeln die Hand entgegenstreckte.

»Guten Morgen, Frau Fahrenbach, wie schön, Sie zu sehen.«

Bettina mußte ein Lächeln unterdrücken. Wie sich die Banker doch allesamt glichen. Zunächst diese übertriebene Freundlichkeit der fast allesamt in unscheinbares Grau gekleideten Herren, bis man seine Wünsche vortrug.

»Bitte, nehmen Sie doch Platz. Was kann ich für Sie tun?«

Eine innere Stimme riet ihr, nicht sofort mit der Tür ins Haus zu fallen.

Bettina zögerte, was er völlig falsch deutete.

»Wenn es darum geht, daß Sie im Moment Ihren Dispo um knapp tausend Euro überzogen haben, dann machen Sie sich keine Sorgen. Es wäre zwar schön, wenn Sie mit Ihren Dispositionen im abgesprochenen Rahmen blieben, aber ich will mal ein Auge zudrücken und hoffe auch, daß der Ausgleich sehr schnell wieder erfolgt.«

Er schaute sie an.

»Der rasche Ausgleich ist Ihnen doch möglich, Frau Fahrenbach?«

Bettina riß sich gewaltsam zusammen. Am liebsten hätte sie jetzt angefangen zu weinen. Sie war hier, um um eine ganz andere Summe zu bitten, und er regte sich auf wegen tausend Euro.

Auf die Hilfe der Bank konnte sie nicht zählen.

Sie räusperte sich.

»Ja, der Ausgleich wird rasch erfolgen. Ich habe erhebliche Außenstände.«

Sie überlegte, ob sie ihm die Unterlagen vom Umbau und Ausbau des Gesindehauses zeigen sollte. Aber das ließ sie dann bleiben. Es würde ihr nichts bringen, und sie hatte das Gefühl, jetzt hier so rasch wie möglich raus zu müssen.

»Das ist wunderbar, und, Frau Fahrenbach, ich schätze es sehr, daß Sie sich wegen der Überziehung persönlich herbemüht haben. Das tut sonst kaum jemand.«

»Es ist doch selbstverständlich, Herr Axendörfer. Ich danke für Ihr Verständnis.«

Sie stand auf, hielt sich an der Schreibtischkante fest, weil ihre Knie zitterten.

Sie atmete tief durch. Auf ihrer Stirn bildeten sich feine Schweißperlen.

»Geht es Ihnen nicht gut, Frau Fahrenbach?« erkundigte er sich besorgt. »Möchten Sie etwas Wasser trinken?«

Sie schüttelte den Kopf.

»Nein danke, frische Luft wird mir guttun… nur eine kleine Kreislaufschwäche…«

Sie verabschiedete sich und rannte fast aus der Bank.

Nicht einmal eine Viertelstunde hatte sie darin verbracht.

Bettina wankte förmlich zu einer in der Nähe stehenden Bank und ließ sich darauf niederfallen.

Sie hatte nicht die geringste Chance gehabt, ihn um einen weiteren Kredit zu bitten, wenn er sich schon wegen einer Überziehung, die in Kürze wieder ausgeglichen sein würde, so angestellt hatte.

Markus würde ihr erst in ein paar Monaten wieder Bäume für sein Sägewerk abkaufen. Von der Bank würde sie nichts bekommen.

Was sollte sie jetzt bloß tun?

Sie fühlte sich verlassen, allein, verloren…

Knapp drei Wochen blieben ihr noch bis zur Fälligkeit des Betrages, der ihr den Schlaf raubte. Gewiß, das war noch etwas Zeit, aber sie war realistisch genug zu wissen, daß sie das Geld bis dahin nicht beschaffen konnte.

Sollte sie doch ein Grundstück verkaufen? Nicht eines am See, sondern eines von denen im Dorf.

Nein! wehrte sich sofort alles in ihr. Das ging nicht, das durfte sie nicht tun.

Eine Frau setzte sich neben sie auf die Bank und begann sofort über die schlechte Unterbringung in ihrem Hotel zu schimpfen.

Das war mehr, als Bettina ertragen konnte.

»Bringen Sie Ihre Beschwerde beim Fremdenverkehrsverein vor, da wird man Ihnen weiterhelfen. Ich muß weg, bitte entschuldigen Sie.«

Bettina trank in einem der zahlreichen Straßencafés einen Espresso, weil sie auf einmal fürchterliche Kopfschmerzen hatte, dann ging sie zu ihrem Auto, um wieder nach Hause zu fahren.

Als sie das Dorf erreicht hatte, fuhr sie nicht sofort auf den Hof, sondern fuhr zum See. Sie mußte jetzt noch allein sein, sich wieder beruhigen. So gern sie Leni, Arno und Toni auch hatte. Jetzt mochte sie ihnen nicht gegenübertreten und Fragen beantworten.

Bettina war sich sicher, daß sie ihr wieder das Geld anbieten würden, wie sie es schon einmal getan hatten, aber das wollte sie nicht.

Sie wollte ihnen auch nichts von dem Gebührenbescheid erzählen.

Bettina parkte am Zaun vor dem Bootshaus, dann betrat sie das Grundstück und lief direkt zum Bootssteg, um sich an dessen Ende auf der Bank niederzulassen. Wie immer, wenn sie sich dort hinsetzte, fuhr sie mit den Fingern die Konturen des eingeritzten Herzens entlang, um dann auf den eingeritzten Buchstaben B und T zu verweilen.

Bettina und Thomas…

Als sie das Herz und die Buchstaben in die Lehne der Bank eingeritzt hatten, waren sie unbeschwert, hoffnungsfroh und so unendlich verliebt gewesen. Verliebt waren sie noch immer, obschon sie mehr als zehn Jahre getrennt gewesen waren. Aber unbeschwert? Hoffnungsfroh? Nein, nein, nein.

Sie war unglücklich, traurig, fühlte sich schwach…

Ach, sie hätte jetzt alle möglichen negativen Eigenschaften aufzählen können, alle wären in diesem Augenblick zutreffend für sie gewesen.

Sie sehnte Thomas herbei. Er hätte sicherlich einen Rat für sie. Allein seine Nähe hätte sie jetzt stark gemacht. Aber der schwirrte irgendwo geschäftlich in Amerika herum und würde in den nächsten Tagen nicht einmal die Gelegenheit haben, Kontakt zu ihr aufzunehmen.

Sie beneidete ihre Freundin Linde, die mit ihrem frisch angetrauten Ehemann ihre Flitterwochen in Portugal verbrachte, ihrem Lieblingsurlaubsland. Linde mußte sich nicht mit dem Gedanken herumschlagen, wie sie viel Geld aufbringen sollte, und wenn es so wäre, könnte sie sich mit ihrem Mann beraten.

Aber sie, Bettina, war allein und wußte nicht weiter. Sie hatte das Gefühl, jeden Moment müsse alles über ihr zusammenbrechen, und sie sah nicht die vielen Erfolge, die sie schon erreicht hatte, sondern nur das, was unlösbar schien.

Bettina sah nicht die Schönheit des Sees, auf dessen Wellen, die sich sanft am Ufer brachen, Sonnenstrahlen zu tanzen schienen.

Enten kamen schnatternd herbeigeschwommen in der Hoffnung, etwas Futter zu ergattern.

»Haut ab«, rief Bettina, »verschwindet.«

Sie war so schlecht drauf, das sie vermutlich eine Fliege an der Wand gestört hätte.

Die Enten drehten ab und schwammen davon.

Bettina zog ihre Beine an, umschlang sie und preßte ihr Gesicht auf ihre Knie.

Wie sollte alles weitergehen?

Was würde ihr Vater in dieser Situation tun?

Diese Frage war müßig, denn er hätte das Geld gehabt, um die geforderte Summe begleichen zu können.

»Papa, Papa«, schluchzte sie. »So hilf mir doch bitte.«

Sie hatte sich in ihrem ganzen Leben noch nie so einsam und verlassen gefühlt, wie in diesem Augenblick.

Sie hatte den wunderschönen, traditionsreichen Fahrenbach-Hof geerbt, viele Ländereien, die zum größten Teil Bauland geworden waren, ihr gehörte dieser traumhafte See. Sie nannte eine hochmoderne kleine Likörfabrik ihr eigen. Aber ihr Vater hatte ihr nicht die Rezeptur für das Fahrenbach-Kräutergold hinterlassen und auch keine Anweisung, wie sie mit allem verfahren sollte. Sie wußte, daß alles seit fünf Generationen im Besitz der Fahrenbachs war, sie wußte auch, daß die Fahrenbachs noch niemals etwas verkauft hatten. Aber es war ja auch immer hinreichend Geld vorhanden gewesen. Jetzt war das Erbe aufgeteilt. Ihr ältester Bruder hatte das Weinkontor geerbt und war drauf und dran es zu ruinieren. Jörg würde auf dem Weingut in Frankreich, dem Chateau Dorleac, vielleicht noch die Kurve bekommen. Ihre Schwester Grit verjubelte die Millionen, die sie beim Verkauf ihres Erbteils erzielt hatte, mit jugendlichen Liebhabern und setzte deswegen ihre Ehe aufs Spiel oder sie ließ sich Botox ins Gesicht spritzen und entwickelte sich immer mehr zu einer dieser Schicki-Micki-Mäuschen, die irgendwo alle austauschbar waren.

Ihr Vater hatte sich bei der Verteilung seines Vermögens etwas dabei gedacht, und ihre Geschwister waren allesamt glücklich mit ihrem Anteil gewesen.

Den Fahrenbach-Hof mit allem, was dazu gehörte, zu erben, hatte sie ja auch glücklich gemacht, und sie hatte von vornherein auch alles getan, um ihr Erbe zu erhalten. Sie hatte verlockende Kaufangebote abgelehnt, hart gearbeitet.

Aber jetzt, diese Zahlung, die würde sie nicht leisten können.

Ihr Vater hatte gewußt, daß vieles zu Bauland erklärt werden würde. Und er war auch klug genug gewesen zu wissen, daß das Kosten nach sich ziehen würde. Warum hatte er sie so sehr ins offene Messer laufen lassen. Oder hatte er damit gerechnet, daß sie verkaufen würde?

Fragen über Fragen, auf die sie keine Antwort wußte.

»Und nun, Papa?« klagte sie. »Was also soll ich jetzt deiner Meinung nach tun?«

Sie dachte an ihren Vater, versuchte, sich seine Reaktion vorzustellen.

Sie war so intensiv in die Gedanken an ihren Vater versunken, daß sie zusammenzuckte, als es im Schilf neben dem Bootssteg plötzlich zu rauschen begann, als habe der Wind sich in dem Röhricht verfangen.

Es war ein ruhiger, windstiller Tag. Der See lag fast spiegelglatt vor ihr.

Der Wind konnte es nicht gewesen sein.

War es ein Zeichen?

Das reichte.

Bettina sprang so unvermittelt auf, daß sie fast taumelte. Sie mußte jetzt hier weg. Die Entspannung, die sie sonst immer an diesem Platz gefunden hatte, wollte sich nicht einstellen. Wie denn auch.

Sie schaute auf ihre Armbanduhr. Es war schon Mittag. Sie hatte sich hier doch länger aufgehalten als vermutet.

Bestimmt würde Leni mit dem Essen schon auf sie warten. Und wenn sie ehrlich war, dann verspürte sie, trotz ihrer Sorgen, trotz ihres Kummers, ein starkes Hungergefühl, aber vielleicht gerade auch deswegen. Streß machte sie hungrig.

Sie lief den Steg entlang, warf einen letzten Blick auf den See. Wunderschön war er, friedlich und still. Und so sollte es auch immer bleiben – ein Paradies.

Bettina stieg in ihr Auto. Einem Impuls, jetzt auch noch das Grab ihres Vaters zu besuchen, widerstand sie. Sie hatte bereits am See mit ihm geredet und an ihn gedacht.

*

Glücklicherweise hatte Bettina sich wieder unter Kontrolle, als sie auf den Hof kam. Aber selbst wenn das nicht der Fall gewesen wäre, hätte es wohl niemand bemerkt, denn es wurde noch einmal über die Hochzeit von Linde und Martin geredet, weil Bettina ja zum Frühstück nicht dagewesen war.

Bettina war es nur recht, weil sie nämlich dadurch ein wenig von ihren trüben Gedanken abgelenkt wurde. Die Hochzeit war aber auch zu schön gewesen, und sie konnte natürlich auch noch, was ihr viel mehr am Herzen lag, über Thomas sprechen und seinen Kurzbesuch.

Nach dem Essen, einem letzten Kaffee, ging Bettina in ihr eigenes Haus, und dort griff sie sofort zum Telefon.

Sie wollte Grit anrufen und sie fragen, ob sie ihr das Geld vielleicht ausleihen würde. Das war im Grunde genommen die einzige Möglichkeit, denn Frieder würde als Gegenleistung ein Seegrundstück haben wollen, und Jörg mußte erst einmal ausbügeln, was er durch sein Festival an Verlusten eingefahren hatte.

Sie atmete tief durch, dann wählte sie die Nummer ihrer Schwester.

Ihr Schwager Holger war sofort am Telefon, was sie ein wenig erstaunte, aber die Erklärung kam sofort.

»Ja, das ist aber Gedankenübertragung«, sagte er, »ich saß schon am Telefon, um dich anzurufen, um mich zu verabschieden. Morgen fliege ich.«

Holger hatte ihr gesagt, daß er für zwei Jahre nach Kanada gehen würde, um Abstand zu bekommen und sich auch über seine Ehe klar zu werden. Doch jetzt, wo der Zeitpunkt wirklich gekommen war, fühlte es sich schon komisch an.

»Und wie fühlst du dich dabei?« wollte Bettina wissen. »Du läßt schließlich deine Kinder zurück und auch… deine Frau.«

»Niels und Merit werden mir fehlen«, gab er zu, »aber die finden das ganz spannend und wollen mich in den Ferien immer besuchen und täglich mit mir telefonieren. Mit den ganzen Sondertarifen ist ein Gespräch nach Kanada auf jeden Fall sehr viel billiger pro Minute als ein Ortsgespräch.«

Er hatte seine Frau nicht erwähnt.

»Und Grit?« faßte sie nach.

»Ach, Bettina, die freut sich, daß ich hier das Feld räume und sie mit ihrem Roberto, oder Robertino, wie sie ihn nennt, freie Bahn hat.« Seine Stimme klang so traurig, daß Bettina sich insgeheim ärgerte, Grit überhaupt erwähnt zu haben.

Sie versuchte, ihn zu trösten.

»Vielleicht ist diese Trennung gut für eure Beziehung, und sie merkt, wenn du weg bist, was sie eigentlich an dir hat, Holger.«

»Ach, Bettina. Ich würde es mir wünschen, aber ernsthaft glaube ich es nicht. Dazu ist schon zuviel passiert und zerstört worden. Wenn die Kinder nicht wären, hätte ich längst einen Schlußstrich gezogen. Grit ist nicht mehr die Frau, die ich geheiratet habe.«

»Wo ist sie denn jetzt?«

»Sie verbringt den Tag und die Nacht noch mit ihrem Lover, weil sie danach, wenn ich weg bin, nicht mehr so häufig zu ihm kann. Sie kann die Kinder nicht ständig mit dem Aupair-Mädchen allein lassen.«

Bettina drehte sich fast der Magen um. War ihre Schwester denn ganz von Sinnen? Ihr Verhalten war menschenverachtend. So konnte sie mit Holger nicht umgehen.

Sie wußte nicht, was sie antworten sollte.

»Reden wir nicht mehr über Grit. Wie geht es dir denn? Ich hatte gehofft, vor der Abreise mit den Kindern noch einmal zu dir auf den Hof kommen zu können. Aber das habe ich leider nicht geschafft. Es ist so wunderschön auf deinem Fahrenbach-Hof, eine ganz andere Welt, in der, wenn man in sie hineintaucht, seinen Frieden finden kann. Manchmal denke ich, daß es vielleicht anders gekommen wäre, wenn Grit den Hof geerbt hätte.«

»Holger, es hätte nichts geändert. So, wie Grit die Villa samt Inhalt verkauft hat, hätte sie den Fahrenbach-Hof verkauft. Das alles hier bedeutet ihr doch nichts. Und du? Kannst du voller Überzeugung sagen, daß du dich hier wohlgefühlt hättest? Weißt du, Urlaub auf dem Lande zu machen ist etwas anderes, als ständig hier zu leben. Das ist schon eine Herausforderung und ein völliges Umkrempeln des Lebens. Ich hatte anfangs auch meine Schwierigkeiten, aber jetzt, jetzt möchte ich nichts anderes mehr haben. Ich bin so glücklich, so zufrieden…«, sie konnte ihm nicht sagen, daß es allerdings im Augenblick nicht so war, weil sie massive Geldprobleme hatte.

Holger hatte genug eigene Probleme, außerdem würde er schon morgen nach Kanada fliegen und in Vancouver einen neuen Lebensabschnitt beginnen.

Sie unterhielten sich noch eine Weile. Als sie das Gespräch beendet hatten, lehnte Bettina sich in ihrem Sessel zurück.

Sie konnte ihre Schwester nicht verstehen. Holger war ein so netter Mensch, und sie hatten sich doch einmal sehr geliebt. Hatte sie das vergessen? Dieser junge Italiener, dem sie nicht nur eine Wohnung eingerichtet, sondern auch noch ein Auto gekauft hatte, würde ihr doch niemals das geben können, was sie an Holger hatte.

Bettina war sich nicht einmal sicher, ob dieser Robertino Grit überhaupt liebte oder nicht vielleicht das Luxusleben, das sie ihm bot.

Aber darum mußte sie sich keine Gedanken machen. Sie hatte ihre eigenen Probleme, und Grit würde auch diesmal nicht auf sie hören.

Sie würde Grit nicht sofort nach Holgers Abreise anrufen, sondern noch ein paar Tage warten.

Als das Telefon klingelte, glaubte sie, Holger habe etwas vergessen, was er ihr noch sagen wollte. Aber es war nicht Holger, sondern ihr Bruder Jörg.

»Ich möchte mich nochmals dafür bedanken, daß du Catherine für mich aufgetan hast«, rief er nach der Begrüßung.

»Aber das hast du doch schon«, erinnerte Bettina ihn.

»Wahrscheinlich werde ich es noch tausendmal tun, denn sie ist einfach genial.«

Jörg war sehr begeisterungsfähig, und das wurde ihm manchmal auch zum Verhängnis, weil er Dinge tat, ohne lange nachzudenken und ohne die Folgen zu berücksichtigen. Diese spontane Begeisterungsfähigkeit hatte ihm ja auch die Verluste durch das undurchdacht ausgeführte Festival eingebracht.

Diese Begeisterungsfähigkeit für Catherine Regnier, die zweifelsohne sehr nett war, beunruhigte Bettina. Catherine würde ihn zwar nicht finanziell ruinieren, aber verrannte ihr Bruder sich da emotional in etwas?

Bettina beschloß, diesen letzten Satz ihres Bruders nicht zu kommentieren, statt dessen erkundigte sie sich nach ihrer Schwägerin.

»Hast du von Doris etwas gehört? Gefällt es ihr bei der Freundin?«

Jörg hätte lieber weiter über Catherine gesprochen, und so fiel seine Antwort auch eher karg aus.

»Die sind jetzt zusammen an der See. Ich denke, es geht ihr gut.«

»Ja, telefoniert ihr denn nicht miteinander?«

»Nein.«

»Jörg, sie ist deine Frau. Und wie du weißt, hat sie ein Alkoholproblem… da mußt du dich doch kümmern.«

»Bettina, sie ist erwachsen. Sie hat hier nicht auf mich gehört, und auf die Entfernung hin wird sie es erst recht nicht tun.«

»Vielleicht hättest du sie nicht allein zu dieser Freundin fahren lassen sollen, sondern wärst mit ihr verreist.«

»Ich mache hier einen Job, und auf dem Chateau ist es so schön wie im Urlaub. Nein, Bettina, den Schuh ziehe ich mir nicht an. Sie wollte weg, hat es, ohne es vorher mit mir zu besprechen, geplant. Sie trägt für ihr Tun die Verantwortung.«

Irgendwie hatte Bettina das Gefühl, daß Jörg froh war, daß seine Frau sich seiner Nähe, seiner Verantwortung entzogen hatte.

Sollte sie es aussprechen?

Nein, das würde nichts bringen. Er war fasziniert von seinen neuen Ideen, und er war fasziniert von Catherine. Geplant war eine fruchtbare berufliche Zusammenarbeit. Würde es dabei bleiben?

Bettina ärgerte sich über sich selbst. Sie hatte genug eigene Probleme, hatte ihr Liebesleben überhaupt nicht im Griff. Und ständig sorgte sie sich um ihre Geschwister, deren Partner. Jeder war für sich selbst verantwortlich, und sie war nicht Mutter Teresa. Das mußte sie endlich einmal begreifen. Sie sorgte sich ständig, aber niemand fragte sie, wie es ihr eigentlich ging.

Für Jörg war das Thema Doris abgehakt, und er begann in leuchtenden Farben über das zu reden, was Catherine und er als erstes planten.

Glücklicherweise klang das ganz vernünftig. Catherine schien zu wissen, was sie tat, und zumindest das beruhigte Bettina. Als er ihr schließlich auch noch sagte, daß er Marcel zum Geschäftsführer des Weingutes gemacht hatte, war Bettina zufrieden. Marcel war ein besonnener, fähiger Mann, der schon für ihren Vater gearbeitet hatte. Bei ihm wußte sie das Weingut in den allerbesten Händen, und Marcel würde sich um Schadensbegrenzung bemühen, ehe er allmählich wieder das aufbauen konnte, das Jörg durch seine Unachtsamkeit und seinen Leichtsinn zerstört hatte.

Sie weschselten noch ein paar Sätze miteinander, und als Bettina aufgelegt hatte, wurde ihr bewußt, daß Jörg nur über sich gesprochen hatte. Er hatte sich nicht mit einem einzigen Satz nach ihrem Befinden erkundigt.

Ihre Gedanken wanderten zu ihrem Buder Frieder. Wie es dem wohl ging? Sie hätte ihn gern angerufen, aber das hatte er sich ja verbeten.

Er wollte solange nicht mit ihr reden, solange sie ihm nicht ein Seegrundstück abtrat. Das würde sie nicht tun. Frieder hatte reichlich geerbt, und sie beanspruchte doch auch keinen Teil des Wein-Kontors, aus dem er sie, sofort als es in seinen Besitz übergegangen war, auf unschöne Weise hinauskomplimentiert hatte.

Sie wünschte sich so sehr, daß er sich besann.

Ob er sich wirklich von seiner Frau Mona getrennt hatte, um sich mit seiner Freundin, deren Namen sie längst wieder vergessen hatte, zusammenzutun? Hoffentlich nicht. Auch wenn Mona ein schwieriger, oberflächlicher Mensch war, so war sie doch immerhin die Mutter seines Sohnes, auch wenn sie Linius in ein Internat gesteckt hatte.

Familie konnte manchmal ganz schön schwierig sein.

Bettina wollte nicht länger darüber nachdenken. Sie stand auf, wechselte ihre Schuhe, dann ging sie hinaus und rief die Hunde.

Hektor und Lady kamen angehechelt und sprangen freudig an ihr hoch.

Die gemeinsamen Spaziergänge liebten sie nämlich sehr, nicht nur, weil Bettina für sie Stöckchen warf, sondern weil sie zwischendurch auch mit Leckerli belohnt wurden.

Bettina winkte Leni zu, die gerade über den Hof kam.

»Ich mach mit den Hunden einen Spaziergang«, rief sie ihr zu. »Bis später dann.«

Dann schlug sie den Weg ein, der durch die Felder hinunter zum Fluß führte. Dort ließ es sich herrlich laufen.

*

In dieser Nacht träumte Bettina seit langer Zeit wieder von ihrem Vater. Aber diesmal stand er nicht auf der anderen Seite des Flusses, sondern er saß in der Destillerie an seinem alten Schreibtisch und sortierte Papiere. Sie wollte ihn umarmen, aber immer, wenn sie ihn anfassen wollte, griff sie ins Leere. Sie sprach mit ihm, doch er antwortete nicht, sondern sortierte weiter, unentwegt. Als sie einen Blick auf die Papiere warf, sah sie lauter weiße, unbeschriebene Blätter.

Zitternd wachte sie auf.

Es war zwei Uhr!

Bettina war aufgewühlt und fragte sich, was dieser Traum zu bedeuten hatte.

Ihr Vater präsent, aber nicht greifbar, die vielen unbeschriebenen Blätter. Wie sollte sie das deuten?

Sie löschte das Licht und beschloß, sich darüber nicht den Kopf zu zerbrechen. Sie hatte intensiv an ihren Vater gedacht. Deswegen der Traum.

Sie drehte sich zur Seite und versuchte, durch gleichmäßiges Atmen wieder in den Schlaf zu kommen. Aber daran war nicht zu denken, ihre Gedanken wirbelten durcheinander wie aufgescheuchte Hühner. Und das Bild ihres Vaters ließ sie nicht los.

Er hatte an seinem Schreibtisch gesessen, den sie jetzt nutzte.

Wenn es nun ein Zeichen war, daß sie weiter nach der Rezeptur für das Kräutergold suchen sollte, der Spirituose, die zum Großteil den Reichtum der Fahrenbachs begründet hatte?

Die leeren Blätter konnten doch bedeuten, daß sie etwas übersehen, daß sie nicht gründlich gesucht hatte.

Gleich am nächsten Morgen würde sie nochmals in dem Büro alles von oben nach unten kehren.

Sie warf sich auf die andere Seite, versuchte nun endgültig, die kreisenden Gedanken aus ihrem Kopf zu verbannen.

Es hatte keinen Sinn, sie blieben wie festgeklebt in ihrem Kopf.

Bettina wußte, daß sie nicht einschlafen würde, und so stand sie auf, schlüpfte in ihre Pantoffel und verließ das Haus.

Was sollte sie daran hindern, sofort in die Likörfabrik zu gehen?

Im Laufschritt, noch im Schlafanzug, eilte sie den Weg entlang, der zur Firma führte.

Das Gebäude lag behäbig im silbernen Mondlicht vor ihr.

Was für eine Schande, daß es nicht genutzt wurde für den eigentlichen Zweck, nämlich das Fahrenbach-Kräutergold zu produzieren. Was hatte ihr Vater mit der Rezeptur gemacht, die von Generation zu Generation an nur ein einziges Familienmitglied weitergegeben wurde.

Sie wußte es nicht und konnte im Grunde genommen froh sein, daß die Firmen Brodersen und Horlitz, alte Geschäftspartner ihres Vaters, ihr die Vermarktung ihrer Produkte überlassen hatten, nachdem Frieder eine weitere Zusammenarbeit abgelehnt hatte.

Wie hatte er nur so töricht sein können, sichere Einnahmequellen aufzugeben um sich Utopien zu widmen. Für sie war es ein Glückstreffer gewesen, so konnte wenigstens der Versandteil im Betrieb genutzt werden.

Bettina schloß auf und schaltete das Licht ein.

Sie warf einen Blick in die Produktionsstätte, in der die modernsten Menschen, Geräte und Kessel darauf warteten, wieder genutzt zu werden.

Ein Jammer, daß alles im Dornröschenschlaf verharrte.

Sie schloß die Tür und begab sich in ihr Büro, das frühere Büro ihres Vaters, und setzte sich an den Schreibtisch.

Genau an diesem Platz hatte ihr Vater gesessen, als er ihr im Traum erschienen war.

Bettina verharrte einen Moment, ehe sie begann, sich hilflos umzusehen.

Wo sollte sie anfangen zu suchen? Was sollte sie suchen? Diese weißen, unbeschriebenen Blätter waren kein Hinweis gewesen.

Hilflos zog sie die Schultern hoch.

»Und nun, Papa?« flüsterte sie. »Was soll ich deiner Meinung nach jetzt machen?«

Natürlich erhielt sie keine Antwort und begann die Sinnlosigkeit ihres Tuns einzusehen.