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Inhalt

Einleitung

Biologisch oder mechanisch

Ordnung oder Willkür

Sichtbar oder unsichtbar

Stärke oder Schwäche

Teilnahme oder Teilnahmslosigkeit

Überfluss oder Mangel

Freiheit oder Gebundenheit

Integration oder Trennung

Schönheit oder Hässlichkeit

Vielfalt

Weideland

Geruch

Spontan

Einladend

Eingenistet

Langfristig oder kurzfristig

Vertrauen oder Furcht

Inklusiv oder exklusiv

Füreinander oder gegeneinander

Beziehung oder Trennung

Befähigend oder entmachtend

Solarbetrieben oder erdbetrieben

Der schmale oder der breite Weg

Die Natur ist fehlerhaft und muss von uns in Ordnung gebracht werden

Effizienz erfordert Spezialisierung

Abhängig oder unabhängig

Resilient oder zerbrechlich

Resilienz durch Beziehungen

Resilienz der Emotionen

Resiliente Infrastruktur

Resiliente Landschaften

Resilienz durch Selbstreinigung

Resilienz gegenüber dem Wetter

Resiliente Preise

Resiliente Vermarktung

Resiliente Produkte

Resiliente Nachbarn

Abgesang

Dank

Anmerkungen

Einleitung

In diesem Buch oute ich mich. Ich posaune meine Glaubensüberzeugungen gewöhnlich nicht hinaus, aber Menschen mit einem feinfühligen Ohr haben immer heraushören können, dass ich Christ bin.

Ein Wort an meine nicht-christlichen Freunde und Leser: Seien Sie nachsichtig mit diesem Buch. Es ist nicht dazu gedacht, Sie zu bekehren. Vielmehr hoffe ich, dass Sie dadurch ein Verständnis dafür gewinnen, dass ein verantwortungsvoller Umgang mit dieser Erde dem Herzen Gottes entspricht. Sollte dadurch Ihr Interesse geweckt werden, sich mit dem Gott der Bibel zu befassen, ist das wunderbar. Allerdings ist es schwer, für alle und jeden zu schreiben, weshalb dieses Buch sich in erster Linie an Christen wendet. Trotzdem lade ich Sie herzlich ein, unserem Gespräch zu folgen. Sehen Sie es als eine Art Predigt an, die schon lange auf sich warten lassen hat. Für einige von Ihnen wird es ein Hauch von frischer Luft sein. Für andere wird es herausfordernd sein.

Ehrlich gesagt bin ich es leid, mich für den Missbrauch von Gottes Eigentum durch Christen entschuldigen zu müssen. Natürlich, Christen sind nicht die Einzigen, die Schindluder mit der Natur treiben, aber gerade wir sollten doch die sein, die am wenigsten gedankenlos mit der Schöpfung umgehen.

Die grundsätzliche These dieses Buches ist simpel: Die gesamte Schöpfung, die physische Welt, ist ein einziges großes Lehrbeispiel für geistliche Wahrheiten. Sinnbilder und Metaphern machen schon seit Menschengedenken einen großen Teil von Gottes Art aus, mit uns zu kommunizieren. Jesu Gleichnisse waren Metaphern. Die Stiftshütte während der Wüstenwanderung der Israeliten war ein Lehrbeispiel.

Francis Schaeffer fragte immer wieder: „Wie sollen wir denn leben?“ Von allen großen christlichen Apologeten war er derjenige, der sich am meisten mit der Verbindung zwischen der physischen und der geistlichen Welt auseinandergesetzt hat. Es gibt zwar viele Theologen und Akademiker, die Bücher über die Bewahrung der Erde geschrieben haben, aber für mich wurde die Frage „Wie sollen wir denn leben?“ immer nur unzulänglich beantwortet. Als christlicher Öko-Landwirt möchte ich eine ganz praktische Apologetik für unseren Umgang mit der Schöpfung entwickeln.

Die Frage ist also, wie ein Landwirtschaftssystem aussieht, das Gottes Vorgaben in der Bibel entspricht. Wie sieht ein Bauernhof aus, der von Vergebung und Glauben geprägt ist? Wie sieht eine Versorgung aus, die sich an dem Grundsatz orientiert: „Wer durstig ist, der komme“? Mehr als nur zu fragen, ob es einen richtigen und einen falschen Weg gibt, die Erde zu bewirtschaften und uns alle nachhaltig zu versorgen, versuche ich aufzuzeigen, wie sich Gottes Denkweise im realen Leben zeigt.

Ich behaupte nicht, alle Antworten zu haben, aber ich glaube, dass wir Christen es unserer Welt, unseren Nachbarn, unserer Glaubwürdigkeit und besonders Gott schuldig sind, gute Zeugen für ihn zu sein. Das Bild, das wir für ihn abgeben, ist wichtig.

Mein Gebet ist, dass Gott dieses Buch benutzt, um seinen Leuten wieder neu ihr irdisches Verwalteramt ans Herz zu legen.

Joel Salatin

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Ist das Leben biologisch oder mechanisch?

Intuitiv verstehen wir, dass das Leben biologisch ist, doch die westliche Mentalität hat eine entschiedene Neigung zum Mechanischen. Der grundlegende Unterschied zwischen den beiden ist, dass nur Lebendiges die Fähigkeit zum Fühlen, Heilen und Vergeben hat.

Mein Vater sagte immer: „Denk dran, Maschinen vergeben nicht.“ Damit meinte er, dass Maschinen keine Reue verspüren. Wenn eine Motorsäge Ihr Bein absägt, dann empfindet sie kein Mitleid. Ich habe schon mehrere Unfälle mit Maschinen und Werkzeugen gehabt, und ich kann Ihnen garantieren: Es tat ihnen kein Stück leid, wenn sie mich verletzt haben.

Wenn Sie eine Autofahrt machen und plötzlich vom vorderen rechten Radlager ein fürchterliches Rattern hören, können Sie noch so sehr um Vergebung und eine zweite Chance betteln, weil Sie es nicht angemessen geschmiert haben. Sie können weinen: „Bitte verzeih mir, dass ich dich nicht rechtzeitig geölt habe. Oh, es tut mir so leid. Musst du dich etwas ausruhen?“ Sie können dem Radlager fünf Jahre Ruhe gönnen, aber raten Sie mal, was passiert, wenn Sie dann wieder losfahren? Genau: Ratter-ratter-ratter.

Zum Glück kann Lebendiges heilen und vergeben. Dafür können wir alle dankbar sein. Wenn man seinem Partner ein unpassendes Wort an den Kopf geworfen hat, kann man sich danach entschuldigen und hoffentlich Vergebung erlangen.

Maschinen sind da anders. Sie kennen keine Gefühle, keine Emotionen, keine Reue und können nach Missbrauch keine Vergebung anbieten. Ähnlich wie Materialien. Ton, Plastik, Metall, Holz – wir können sie in jede Form bringen, die ihre jeweilige Beschaffenheit ermöglicht. Wie oft zerstört ein Töpfer ein misslungenes Gefäß und fängt noch einmal von vorne an? Wir beweinen keinen misslungenen ersten Versuch. Das Material ist nur ein Ding. Es hat kein Leben in sich, es hat nichts Einzigartiges an sich. Allein die Form, in die wir es bringen, macht es zu etwas Besonderem.

Vergleichen Sie das mit einem Schwein. Ich kann ein Schwein nicht erschaffen. Ich kann es nicht aus Holz oder Ton formen und ihm Leben einhauchen. Das Wunder der Geburt ist immer noch ein Wunder. Das Leben ist ein Wunder. Aus dem befruchteten Ei fängt das Schwein an zu wachsen. Von den Chromosomen bis zu den Mitochondrien vervielfältigen sich die Zellen und das Schwein entwickelt sich. Es sieht nie aus wie ein Alligator oder wie eine Tomate. Es ist von Anfang an und immer unverwechselbar ein Schwein.

Bei Schweinen wachsen gleich mehrere – oft sogar ein Dutzend oder mehr – Ferkel gleichzeitig in der Muttersau heran. Ich habe schon viele Geburten miterlebt: von Kälbern, Lämmern, Ferkeln, Küken. Immer legt sich eine ehrfürchtige Stille über das Geschehen, eine Heiligkeit, die förmlich dazu einlädt, an etwas Größeres, Gewaltigeres zu glauben als an das, was wir sehen können.

Eine meiner größten Freuden besteht darin, über den Zaun zu steigen, um unseren Weideschweinen eine Zeit lang Gesellschaft zu leisten. Ich setze mich dann vorzugsweise auf einen alten Baumstumpf, werde ganz still und warte ab. Bald kommen die Schweine neugierig angetrottet. Sie strecken ihre feuchten Rüssel aus und reiben sich an meinen Beinen. Andere schnappen nach meinen Schnürsenkeln und knabbern an meinen Schuhsohlen. Einige schleichen sich von hinten an mich heran und schnuppern an meinen Taschen oder an dem Multifunktionswerkzeug, das ich immer in einem Lederbehälter an meinem Gürtel dabeihabe.

Die Zutraulichsten lehnen sich an mich, legen ihr Kinn auf mein Knie und warten, dass ich sie streichele. Die meisten Schweine werden gern genau über ihrem Schwanz gekratzt. Sie reagieren darauf, indem sie ihren Schwanz ganz gerade ausstrecken und sich an mich schmiegen wie eine Katze. Wenn ich einem Schwein den Bauch kratze, lässt es sich oft sofort auf die Seite fallen, damit ich besser an die guten Stellen komme. Die Schweine und ich kommunizieren miteinander.

Wenn Sie Ihr Auto waschen und polieren, entspannt es sich dann neben Ihnen und zeigt, wie glücklich es über Ihre Zuneigung ist? Legt sich das Lenkrad verzückt auf Ihren Schoß, wenn Sie es sanft drehen?

Tiere sind keine Maschinen. Sie haben unterschiedliche Persönlichkeiten. In einem Wurf von acht Ferkeln sind einige frech und andere scheu. Einige sind wild und andere sanft. Einige sind neugierig, während andere eher zurückhaltend sind.

Die Autos, die vom Fließband rollen, weisen solche Unterschiede nicht auf. Ja, ich weiß, besonders alte Schrottkarren können ihre einzigartigen Macken haben, aber das ist nicht das Gleiche. Autos haben keine Persönlichkeit. Selbst Pflanzen haben mehr Persönlichkeit als ein Auto. Haben Sie schon mal unter einem alten, prachtvollen Baum gesessen? Ich habe in meinem Leben schon viele Bäume gefällt, aber ich verspüre immer ein nagendes Schuldgefühl in mir, wenn ich solch ein Leben nehme.

Lebendiges hat etwas an sich, das Nichtlebendiges nicht hat. Das können wir alle spüren. Doch Gott schreibt auch Nichtlebendigem etwas Besonderes zu. Das altmodische Wort Herrlichkeit macht dies deutlich. Was bedeutet Herrlichkeit? Was ist damit gemeint, wenn wir von der „Herrlichkeit Gottes“ sprechen? Mose wollte die Herrlichkeit Gottes sehen. Was bedeutete es, als Gottes Herrlichkeit von Israel wich? Heute ist das Wort nicht mehr so geläufig. Es ist zu einem erstarrten religiösen Begriff geworden, den man höchstens noch in Gottesdiensten und theologischen Diskussionen benutzt. Der kürzere Westminster-Katechismus stellt klar: „Die höchste Bestimmung des Menschen ist, Gott zu verherrlichen.“

In 1. Korinther 15,39–41 schreibt Paulus: „Unterscheiden sich nicht auch alle Lebewesen in ihrem Aussehen? Menschen sehen anders aus als Tiere, Vögel anders als Fische. Die Sterne am Himmel sind ganz anders beschaffen als die Geschöpfe auf der Erde; doch jeder Stern und jedes Lebewesen ist auf seine Weise schön. Die Sonne hat ihren eigenen Glanz, anders als das Leuchten des Mondes oder das Glitzern [oder die ‚Herrlichkeit‘] der Sterne. Selbst die Sterne unterscheiden sich in ihrer Helligkeit voneinander.“

Was bedeutet es, vom Glanz oder der Herrlichkeit all dieser Dinge zu sprechen?

Jesaja 10,18 bezieht sich auf die „Herrlichkeit des Waldes“ und wir wissen, dass Salomo „in all seiner Herrlichkeit“ nicht so schön gekleidet war wie die Lilien (siehe Matthäus 6,29). In Sprüche 17,6 steht, dass Enkel eine Krone der Alten darstellen und die Ehre oder „Herrlichkeit“ der Kinder ihre Väter sind. Jesaja 35,2 zufolge haben selbst ganze Kulturen eine Herrlichkeit, da dort von der „Herrlichkeit des Libanon“ die Rede ist. Die Liste von Bibelversen, in denen „Herrlichkeit“ vorkommt, ist lang. Der Begriff wird auf vielerlei Weise für viele verschiedene Dinge benutzt.

Was bedeutet er?

Er bezeichnet die Besonderheit von etwas oder jemandem, das Spezielle und Einzigartige. Das ist der rote Faden in all diesen Versen. Einige Wörterbücher definieren Herrlichkeit als „Ehre“, was bis zu einem gewissen Grad auch stimmt, aber es schwingt eindeutig mehr mit als nur Ehre. Etwas zu ehren erfordert auch, seine Besonderheit wertzuschätzen. Die Herrlichkeit Gottes ist also seine Einzigartigkeit, ähnlich wie die Herrlichkeit eines Schweins in seiner Einzigartigkeit besteht. Die Herrlichkeit der Sterne, des Waldes, der Menschen und ganzer Länder zeigt sich in dem, was sie besonders macht.

Denken wir mal an einige von Gottes Eigenschaften:

Stimmen wir darin überein, dass diese Liste absolut einzigartig göttlich ist? Dass kein Mensch, kein Tier, keine Pflanze, kein Engel, kein Stein all diese Eigenschaften besitzt? Sie sind uneingeschränkt und ausgesprochen göttlich. Nur Gott kann mit dieser Liste beschrieben werden.

Wenn die höchste Bestimmung des Menschen darin liegt, Gottes Herrlichkeit hervorzuheben, dann sollte unser Leben Gottes Eigenschaften ehren. Doch beachten Sie auch, wie häufig die Bibel das Wort „Herrlichkeit“ für andere Dinge benutzt. Darin kommt ein tiefer Respekt für die Einzigartigkeit alles Geschaffenen zum Ausdruck. Die Summe unseres Lebens sollte auf die Göttlichkeit Gottes hinweisen. Und unser Respekt seiner Schöpfung gegenüber zeigt das Maß, in dem wir seine Einzigartigkeit ehren.

Wer würde einen Gott anbeten wollen, der sich nicht von anderen Lebewesen unterscheidet? Das wäre keine transzendentale Gottheit, sondern einfach ein weiteres Etwas. Herrlichkeit drückt Einzigartigkeit aus: das, was Gott zu Gott, Sie zu Ihnen und mich zu mir macht. Und ein Schwein zu einem Schwein. Was ihre Einzigartigkeit betrifft, wohnt einem Wald, einem Schwein und einer Zivilisation ebenso Herrlichkeit inne wie Gott. Die Herrlichkeit alles Geschaffenen zu respektieren, das ist eine unserer Aufgaben. Wir könnten diese Sichtweise ja „Herrlichkeitsbewusstsein“ nennen.

Wer die „Schweinigkeit“ des Schweins nicht wertschätzen kann, der kann auch die Göttlichkeit Gottes nicht wertschätzen. Doch dem modernen westlichen Menschen erscheint solch ein Denken albern. Unsere Forschung und unsere Landwirtschaftspraktiken verfolgen meist das Ziel, alles schneller, dicker, größer und billiger zu machen, ohne jede Rücksicht auf die Einzigartigkeit der Schöpfung. Wir reißen das Herrschaftsmandat an uns und reiten damit wie marodierende Plünderer mitten in die heilige Domäne des Lebens. Wir unterwerfen uns rücksichtslos alles um uns her, verändern, schneiden und quetschen, als sei das ganze Leben nichts weiter als eine leblose Zellstruktur, die so manipuliert werden kann, wie es unserer Überheblichkeit beliebt.

Wir behandeln Schweine so, als würden sie sich nicht von stranggepressten Rohren unterscheiden. Es liegt nahe, dass eine Kultur, die Schweine nur als Objekte ansieht, die es zu manipulieren und umzuprogrammieren gilt, ihre Bürger – und letzten Endes auch Gott – ganz ähnlich betrachtet. Dann ist Gott nur noch etwas, was wir nach unseren eigenen Vorlieben formen können. Gott wird entweder als nicht-existent oder lieber alter Opi betrachtet, der seine Bonbons an diejenigen verteilt, die sie ihm am geschicktesten aus der Tasche ziehen.

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Bildung erfordert immer, dass man zuerst die Grundlagen lernt. Man befasst sich nicht mit Suffixen und Präfixen, bevor man das ABC kann. Man lernt keine Logarithmen, bevor man verstanden hat, dass zwei plus zwei vier ist. Die Herrlichkeit Gottes ist zweifellos weit größer als die Herrlichkeit von Schweinen. Die „Schweinigkeit“ von Schweinen zu ehren ist eine Art Grundkurs. Hat man das einmal begriffen, kann man auch Gottes Göttlichkeit besser ehren.

Das gilt auch für unsere zwischenmenschlichen Beziehungen. Wer einen ethischen Rahmen schaffen will, in dem die „Herrlichkeit“ – die gottgegebene Einzigartigkeit und Würde – eines jeden Mitmenschen geachtet wird, fängt am besten mit der „Schweinigkeit“ von Schweinen an. Viele, viele Betriebe, die Schweine züchten und verarbeiten, tun alles, um ihnen ihre gottgegebene Schweinigkeit zu nehmen.

Schweine sind gern aktiv, tollen herum und wühlen im Boden. Wenn sie in einem Mastbetrieb auf engstem Raum zusammengepfercht sind, können sie ihre Schweinigkeit nicht mehr ausleben. Sie können auf Spaltenböden nicht herumwühlen und nach Insekten suchen, wie es ihrer Art entspricht. Langeweile und Stress kommen auf. Das führt dazu, dass sie die anderen Schweine beißen und annagen, besonders an den Schwänzen1. Schweine sind Allesfresser. Fließt erst einmal Blut, wird das verletzte Schwein zur Mahlzeit für die anderen Schweine. Das passiert wirklich! Es gibt daher Schweinemäster, die nun den Schweinen den Schwanz abschneiden, um dieses Problem zu vermeiden.

Man muss schon eine sehr verdrehte Ethik haben, um ein Schwein absichtlich zu verstümmeln, damit es in einem schweinefeindlichen Produktionsbetrieb am Leben gehalten werden kann. Wussten Sie, dass derzeit daran geforscht wird, das Stressgen bei Schweinen isolieren zu können, damit wir sie noch mehr misshandeln können?

Unser ganzer ethischer Rahmen hängt an der Frage, wie wir die Geringsten behandeln – in diesem Fall die Schweine. Unsere Kinder und unsere Freunde können Gott nicht sehen, aber Schweine können sie sehen. Wenn wir die Schweinigkeit von Schweinen ehren, schaffen wir einen philosophischen Imperativ, den man sehen kann. Plötzlich hat unser geistlicher Auftrag, Gott Ehre zu machen, ein handfestes Objekt. Schweine, die Eicheln mampfen, Wurzeln ausgraben und im Laub herumtollen, sind wie kein anderes Lebewesen auf der Erde. Keines. Wenn wir dem Schwein diese Möglichkeit nehmen und es stattdessen in einen Käfig mit Spaltenboden zwängen, kann es seine Einzigartigkeit nicht ausleben. Das wiederum nimmt uns das Vergnügen, uns an den einzigartigen Eigenschaften des Schweins zu erfreuen.

Die naheliegende Frage ist also: Wie ehren wir die Schweinigkeit von Schweinen? Wie schaffen wir ein landwirtschaftliches System, das die einzigartige, gottgewollte Herrlichkeit von Schweinen respektiert?

Was sind die besonderen Merkmale von Schweinen? Was ist das Wesen des Schweins? Zunächst einmal ist es ein Tier. Im Gegensatz zu Pflanzen sollten Tiere sich bewegen können. Haben Sie schon mal von einem Tier gehört, das sich überhaupt nicht bewegt?

Doch die moderne Schweinehaltung mit ihren Kastenständen scheint von der Annahme auszugehen, dass Tiere sich nicht bewegen. Sie scheint es für respektvoll zu halten, Zuchtsäue derart einzuzwängen, dass sie sich noch nicht einmal umdrehen können – und zwar nie. Wie sieht es mit Legehennen in industriellen Hühnerställen aus, in denen Tausende von Vögeln auf engstem Raum leben müssen?

Um diese Vögel in einem derart begrenzten Umfeld am Leben zu halten, stutzen die Betreiber ihnen die Schnäbel, weil sie sich sonst gegenseitig verletzen. Klingt das danach, die „Huhnigkeit“ von Hühnern zu ehren? Nebenbei gesagt, Sie sollten einmal die Rechtschreibprüfung von „Schweinigkeit“, „Huhnigkeit“ und noch vielen kommenden Wörtern sehen. Mein Bildschirm leuchtet mit roten Unterkringelungen auf, aber ich lasse diese Begriffe stehen, weil sie vermitteln, worauf es mir ankommt. Zum Glück ist Sprache formbar.

Hühner sind Vögel und brauchen Raum. Sie mögen es, herumzulaufen, sich auf Anhöhen zu setzen, ihre Flügel auszubreiten, herumzustolzieren und Hals und Beine zu strecken. Die Höflichkeit ihnen gegenüber gebietet es, ihnen das zu ermöglichen. Das ist artgerecht für sie.

Doch zurück zu den Schweinen. Schweine haben einen wunderbaren natürlichen „Pflug“ an ihrer Nasenspitze. In dieser Hinsicht sind sie wirklich unverwechselbar. Das heißt, die Herrlichkeit von Schweinen liegt in ihrer Fähigkeit, den Boden aufzulockern und zu beackern. Auf unserem Bauernhof helfen uns die Schweine mit dieser speziellen Eigenart bei der Komposterzeugung.

Wenn wir unsere Kühe im Winter einstallen und ihnen Heu zu fressen geben, streuen wir den Stall mit Sägespänen, Stroh, Erdnussschalen und dergleichen ein. Das kreiert eine kohlenstoffhaltige „Matratze“, die die mehr als zwanzig Kilo bester Nährstoffe aufsaugt, die täglich vom Hinterteil jeder Kuh herunterplumpsen.

Während diese Mistmatratze wächst, mischen wir immer wieder Mais unter und streuen frisches Stroh darüber. Die Kühe verdichten mit ihrem Gewicht die Streu, drücken den Sauerstoff heraus und machen sie dadurch anaerob. Wärme entsteht, die das Mikrobenwachstum ankurbelt. Die Streu – die „Matratze“ – gärt. Wenn die Kühe im Frühling wieder nach draußen kommen, aufs frische Gras, treiben wir die Schweine in den leer stehenden Kuhstall, wo sie in der gegorenen, kohlenstoffhaltigen Streu nach dem Mais graben. Dadurch wird der Boden belüftet und von sauerstofffreiem Material in sauerstoffhaltigen Kompost verwandelt.

Das macht nicht nur wirtschaftlich gesehen Sinn, da wir die Arbeit von Tieren machen lassen, die mit der Zeit an Wert gewinnen, statt von Maschinen, die an Wert verlieren, sondern es ehrt auch die Schweinigkeit der Schweine. Wir geben den Schweinen nichts auf, was sie nicht gerne tun. Für sie ist das der Schweinehimmel. Es gibt für ein Schwein nichts Schöneres, als sich in die Streu zu bohren und die gegorenen Leckerbissen zu fressen, die darin vergraben sind. Es ist im besten Sinne des Wortes artgerecht.

Unsere Schweine sind nicht einfach zukünftige Schnitzel auf vier Beinen; sie sind Helfer bei unserem Auftrag, das Land zu heilen. Unser Respekt und unsere Wertschätzung für die Herrlichkeit von Schweinen verändert unsere Beziehung zu ihnen vollkommen. Statt nur eine Ware zu sein, werden sie zu Mitarbeitern, die instinktiv an der Vision unseres Hofes teilhaben, indem sie ihre Bedürfnisse erfüllen. Sie sind Teil einer komplexen Choreografie, die ihre Tanzschritte aus Jahrtausenden von Schweineherrlichkeit zieht. Das ist der Stoff, aus dem das Schwein gemacht ist.

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Ehe Sie nun denken, dass ich Schweine auf einen zu hohen Sockel stelle, hier ein ernüchternder Gedanke: Schliefe ich am Arbeitsplatz meiner „Belüftungsschweine“ ein, würden sie mich genauso vergnügt verspeisen wie den gegorenen Mais. Wenn Kinder den Bauernhof besuchen und natürlich auch die Schweine streicheln wollen, lasse ich sie das mit elterlicher Erlaubnis zwar gerne tun, aber ich warne sie auch immer: „Bleibt in Bewegung. Denkt dran, diese Kerlchen sind Allesfresser. Sie fangen mit euren Zehen an, gehen dann zu euren Fingern über und innerhalb von zwei Stunden machen sie sich über eure Leber und Bauchspeicheldrüse her. Also, nicht stillstehen.“

Das ist eine etwas derb scherzhafte Art, uns alle daran zu erinnern, dass Schweine Tiere sind. Sie unterschreiben keine Verträge. Wir haben kein Waffenstillstandsabkommen mit ihnen. Ihr Denken ist ganz unkompliziert: Wenn es gut schmeckt, dann fressen sie es. Und menschliches Fleisch schmeckt ihnen genauso gut wie Kuhfladen und gegorener Mais.

Jetzt stellen Sie sich das Leben eines Schweins in einer industriellen Mastanlage vor. Zusammengepfercht mit buchstäblich Tausenden von anderen Schweinen, ohne Sonnenlicht, ohne frische Luft. Der Boden besteht aus Stein- oder Metallspaltenböden über einer Güllegrube. Sie stecken in engen Zellen, ohne jede Möglichkeit zur Beschäftigung. Würden Sie da nicht auch verrückt werden? Und doch ist das die Art von Schweinehaltung, die fast überall praktiziert wird. Vielleicht erhoffen wir uns für unsere Kinder sogar gut bezahlte Arbeitsplätze in der Agrarindustrie, die derartige Schweinereien weiter fördern will. Stattdessen sollten wir uns lieber Asche aufs Haupt streuen.

Auf unserem Bauernhof dürfen die Schweine, wenn sie mit dem Kompost fertig sind, nach draußen in eichelreiche Waldgegenden. Mithilfe von Elektrozäunen koppeln wir sie alle paar Tage um, damit sie immer neu in den Genuss frischen Bodens kommen und viel Grünes auf ihrem Speiseplan haben. Schweine mögen die Abwechslung und fressen Insekten und Würmer genauso gern wie Hühner – was übrigens ein zweideutiger Satz ist.

Auf diesen wechselnden Koppeln unter freiem Himmel bieten wir den Schweinen also reichhaltiges Futter, sauberes Trinkwasser und Unterschlupf unter Bäumen oder tragbaren Weidezelten. Sie können wühlen, Wurzeln ausreißen, verschiedene Pflanzen fressen, Käfer vernaschen oder sich andere Eiweißquellen suchen. Eine der profundesten Aussagen, die ich je gehört habe, kam aus dem Mund eines Kochs. Er wollte unseren Hof sehen, also gab ich ihm eine kurze Führung, und als wir zu den Schweinen kamen, gab er zu, dass er noch nie in Gesellschaft lebender Schweine gewesen war. Nachdem er fasziniert einige Minuten lang ihren Mätzchen in ihrer natürlichen Umgebung zugesehen hatte, sagte er einfach: „Wenn ich ein Schwein wäre, würde ich auch so leben wollen.“

Liebe Leute, das ist genau der Punkt. Da unser Hof sich bemüht, die Heiligkeit und Würde von Schweinen zu bewahren – ihre Herrlichkeit –, haben wir ein glaubwürdiges Sprungbrett für weiterführende Gespräche über die Herrlichkeit Gottes. Gott wird dadurch, dass wir den Schweinen diese Stellung zugestehen, nicht kleiner gemacht; er wird für uns größer und Ehrfurcht gebietender. Es ist theologisch nicht herabwürdigend, dass auch Schweine ihre Herrlichkeit haben; es ist bestätigend. Gerade weil uns die Schweinigkeit des Schweins am Herzen liegt, liegt uns auch die Göttlichkeit Gottes am Herzen. Und andersherum.

Gut, von der „Schweinigkeit von Schweinen“ zu reden beschwört vielleicht Vorstellungen von Tieranbetung und Umweltspinnerei herauf. Es ist ein Ausdruck, den man eher von fanatischen Veganern und abgedrehten Tierrechtlern erwartet. Ich würde aber ganz im Gegenteil behaupten, dass unsere Einstellung gegenüber Tieren ein direkter Ausdruck unserer Haltung gegenüber anderen Menschen und Gott ist.

Die Bibel steckt voller Aussagen über Tierrechte, auch wenn manche Leute das nicht unbedingt wahrhaben wollen. Von „Du sollst dem Ochsen nicht das Maul verbinden, wenn er drischt“ (5. Mose 25,4) bis „Du sollst nicht zugleich mit einem Rind und einem Esel pflügen“ (5. Mose 22,10) gibt es viele Anweisungen zum Umgang mit Tieren in der Bibel. Jesus sagte eindeutig, dass man einem Tier in Not auch am Sabbat helfen soll, obwohl es der Ruhetag ist. Auch der Auftrag an Adam, jedem Tier einen Namen zu geben, zeigt schon, dass Tiere für Gott nicht einfach Gebrauchsgegenstände sind. Gott versorgt den Raben – ein besonders unsympathischer Vogel! – und weiß von jedem Spatz, der zu Boden fällt.

In den fünf Büchern Mose werden Tiere in enge Beziehung zu Menschen gesetzt. Frei wiedergegeben steht in 2. Mose 21,28 und den darauffolgenden Versen: „Wenn ein Tier, das du besitzt, jemanden verletzt, dann trifft dich keine Schuld, es sei denn, dass das Tier vorher schon für aggressives Verhalten bekannt war. Das Tier ist eine Art Erweiterung deiner Person. Wenn du nicht verantwortungsvoll mit ihm umgehst, bist du an seinen Taten genauso schuldig, als hättest du sie mit deinem eigenen Körper begangen.“ Das sagt doch wohl sehr viel.

Gott sieht einen missbräuchlichen Umgang mit Tieren offensichtlich nicht gern und betrachtet sie nicht wie Maschinen oder Gegenstände. Sie nehmen einen wichtigen Platz ein – dem Menschen zwar unterstellt und von seiner Fürsorge und seinem Mitgefühl abhängig, aber mit einer Herrlichkeit ausgestattet, die ganz ihnen eigen ist. Es liegt bei uns, uns über diesen einzigartigen Platz von Tieren Gedanken zu machen und eine Position dazu zu finden, die Gott gefällt.

Die Frage ist: Gibt es eine biblisch „richtige“ Art der Haltung und Zucht von Nutztieren? Ich gehe ganz schlicht davon aus, dass alles, was Tiere ehrt und respektiert, richtig ist, und alles, was Tiere mit Maschinen und Gebrauchsgegenständen gleichsetzt, falsch ist. Kommt Ihnen das, was Sie in einem industriellen Viehzuchtbetrieb sehen, so vor, als würden Tiere geachtet werden? Oder werden die Tiere dort eher wie Maschinen betrachtet? Später in diesem Buch werden wir uns noch den Argumenten widmen, die oft gegen ökologische Tierhaltung aufgeführt werden: Kosten, Welthunger, Krankheiten, Effizienz. An dieser Stelle geht es mir aber nur um das Thema „Leben oder Nicht-Leben“.

Es ist hilfreich, sich zu fragen: „Würde ich als Tier so leben wollen?“ Ich kann bereits den Widerstand von Lesern spüren, die eine solche Frage als anti-menschlich ansehen, weil sie unseren Auftrag, uns die Erde „untertan“ zu machen, infrage zu stellen scheint. Sie müssen dazu vielleicht wissen, dass ich viele Tiere schlachte und auch esse. Es ist nicht meine Absicht, Tiere mit Menschen gleichzusetzen. Aber die Frage liegt doch nahe: Wäre ich dieses Tier, würde ich dann in einem solchen Umfeld leben wollen? Würde ich so behandelt werden wollen? Ich denke, die Antwort auf diese Frage kann uns schon sehr weit bringen.

Einige wenden hier ein: Wenn das Leben im Allgemeinen, also auch das Leben eines Tieres, so kostbar ist, warum sollten wir dann überhaupt das Recht haben, es zu töten und zu essen? Die Herrlichkeit eines Schweins wird doch nicht dadurch geehrt, dass man es tötet. Die Schweinigkeit eines Schweins wird doch nicht geachtet, indem wir es als Frühstücksspeck verspeisen. Diese Frage ist auf jeden Fall berechtigt. Wir wollen sie als Erstes aus Sicht der Bibel betrachten.

Nirgendwo in der Bibel gibt es den leisesten Hinweis darauf, dass es aus Gottes Sicht falsch sei, Tiere zu essen. Die Vorväter Israels aßen Tiere. Die Propheten aßen Tiere. Könige und Bauern aßen alle gleichermaßen Tiere. Bei den Festen wurden Tiere geschlachtet. Jesus aß Tiere. Die Jünger und Apostel aßen Tiere.

Wie aber wird die Herrlichkeit von Tieren dadurch gestärkt, dass man sie tötet und isst? Weil das Leben Tod erfordert. Letztlich bedeutet auch das Verspeisen einer Mohrrübe das Ende eines lebendigen Organismus und somit eine Tötung, aber wenn bei einem Huhn das Blut fließt und die Augen brechen, ist dieser Tod natürlich viel plastischer und realer. Der Gedanke, dass dem Leben ein Opfer vorausgeht, zieht sich durch das gesamte Alte Testament und gipfelt in dem Opfer von Gottes Sohn als dem vollkommenen Lamm, das die Sünden der Welt auf sich genommen hat.

Jedes Mal, wenn wir für unser eigenes Weiterleben etwas töten – sei es ein „Saatgutembryo“ (zum Beispiel in Form eines Weizenkorns), eine Pflanze oder ein Tier –, sollte es uns nicht nur an das Opfer Jesu erinnern, das uns am ewigen Leben teilhaben lässt, sondern auch daran, wie kostbar das Leben an sich ist. Das Leben ist so kostbar, dass es den Tod erfordert. Forschungsansätze, bei denen man versucht, Fleisch in Laborschalen wachsen zu lassen, leugnen dieses grundlegende Prinzip, dass das Leben den Tod erfordert.

Jesus spricht in seinen Gleichnissen vom Prinzip eines Samens, der ausgesät wird und erst sterben muss, bevor ein neuer Sämling hervorsprießen kann. Solange der Samen nicht stirbt, kann das neue Leben nicht wachsen. Alles, alles, alles erfordert Tod, um Leben zu schaffen. Und damit niemand denkt, ich übergehe den Garten Eden, wo nichts starb – nun, wir sind nicht mehr in Eden, Toto. Wir haben keine vollkommenen Körper; wir leben in einer gefallenen Welt, in der wir Gott nur ehren können, indem wir auch den Preis des Lebens wertschätzen. Es ist so kostbar, dass es den Tod erfordert. Jedes Mahlen unseres Kiefers erinnert uns daran.

Unsere Ernährung ist ganz und gar darauf ausgerichtet, Leben zu nehmen, sei es pflanzliches oder tierisches. Das allein sollte schon Wertschätzung für die Heiligkeit und Kostbarkeit des Lebens in uns erzeugen. Wir sollen dabei nicht unnötig Schaden anrichten, da wir alle nur einen Schritt von unserem letzten Atemzug entfernt sind. Jeder Atemzug ist ein Geschenk, der aus der Hand des Todes geborgt oder geklaut worden ist.

Das ist der biblische Aspekt. Gehen wir jetzt zum ökologischen Aspekt über. Alles isst und wird gegessen. Wenn Sie das nicht glauben, legen Sie sich einmal drei Tage lang nackt in ein Blumenbeet und schauen Sie, was so gegessen wird. Schauen Sie sich einen beliebigen Naturdokumentarfilm an und achten Sie darauf, wie viel Tod und Verzehr darin stattfindet. Von Mikroben, einschließlich Bakterien und Nematoden, über Viren und Amöben bis hin zu Elefanten – das ganze Leben ist ein ständiges Essen, Beißen, Kauen und Verdauen.

Leider hat die zunehmende Technisierung unserer Welt und die damit einhergehende Entfremdung von der Natur dazu geführt, dass die meisten Menschen völlig den Bezug zu dieser Allgegenwart des Todes verloren haben. Dabei sind wir von dieser Realität umgeben: Unsere Hautzellen sterben ab. Mikroben und Hausstaubmilben leben in unseren Bettlaken und knabbern an der toten Haut. Lässt Sie das erschauern? Ich finde es witzig.

Mein Fazit: Das Opfer eines Lebewesens wird in dem Maß geheiligt, wie es im Leben behandelt wurde. Um das noch einen Schritt weiterzuführen: Ich glaube, dass wir nur dann ein Recht auf das Opfer haben, wenn wir es im Leben geehrt haben. Wer ein Leben misshandelt hat, wer respektlos mit ihm umgegangen ist, wer es nur als Ware angesehen hat, der hat es nicht verdient, sich davon zu ernähren. Das Recht, an diesem heiligen Akt teilzunehmen, muss man sich erwerben.

Denken Sie nur mal an die Anbetung, von der die biblischen Opfer begleitet waren. Opfer wurden mit großer Ehrfurcht dargebracht, mit einer gottzentrierten Haltung. Opferaltäre waren kein Ort, wo die Herrschaft des Menschen gepriesen, sondern wo der Preis des Lebens demütig anerkannt wurde. Und natürlich verdeutlichten sie auch den Preis der Vergebung, die Tür zum ewigen Leben.

Eine mechanistische Sicht des Lebens, wie sie in der industriellen Landwirtschaft gängig ist, entwürdigt das Leben und damit auch den Tod. Ich möchte auch die Frage aufwerfen, ob ein Zusammenhang besteht zwischen der zunehmenden Verrohung unserer Gesellschaft und der Tatsache, dass in Mastanlagen und an Billigfleischtheken das Leben so herabgewürdigt wird. Essen bedeutet Leben; Essen muss leben, um sterben zu können.

Familien, die mehr für qualitativ hochwertige Nahrung ausgeben und den Opferwert des Essens betonen, schaffen einen wunderbaren Rahmen, um auch über tiefer gehende Themen zu reden. Wenn unser Ziel in erster Linie darin besteht, uns so billig wie möglich zu ernähren, was sagt das dann über den Wert des Lebens aus? Bitte verstehen Sie mich nicht falsch. Ich sage nicht, dass wir beim Einkaufen nicht auch auf den Preis achten sollten. Aber er darf nicht das erste Kriterium sein. „Ehrt dieses Essen die Herrlichkeit und Einzigartigkeit des Lebens?“ – diese Frage sollte das Kriterium Nummer 1 sein. Wenn das erfüllt ist, können Sie ruhig sparsam sein.

Lebendiges Essen muss auch verfaulen können. Mechanische Dinge verfaulen nicht. Es gibt industriell verarbeiteten Schmelzkäse, den man auf die Tischkante schmieren kann, und ein Jahr später ist er immer noch da. Er verschimmelt nicht. Er trocknet nicht aus. Er macht überhaupt nichts. Er bleibt einfach nur da, unbeweglich, wie protoplastischer Schlamm. Er ist nicht am Leben. Nur Leben kann sterben und neues Leben erzeugen.

Wir sind die erste Kultur in der Weltgeschichte, die sich auf regelmäßiger Basis von Dingen ernährt, die nie gelebt haben. Biblisch ausgedrückt verdauen wir Dinge, die „ein Gräuel“ für unseren Körper sind – und dann brauchen wir ein Eingreifen Gottes für die körperlichen Leiden, die daraus folgen. Gott hat Leben und Tod, lebendiges Essen und seine Zersetzung und Verdauung, zu „genießbaren“ Gleichnissen für unsere tägliche Abhängigkeit von ihm gemacht. Weder die Ökologie noch die Bibel geben uns den Freibrief, diese Prinzipien zu leugnen.

Auf Konferenzen, die von der Fleischindustrie gesponsert werden, habe ich Vertreter schon häufig über „Eiweißproduktion“ statt über Viehzucht und -schlachtung sprechen hören. Selbst unser Sprachgebrauch versucht die Realität wegzuwischen, dass etwas für unser Essen sterben musste. Das ist unaufrichtig. Wer Muskeln und Sehnen zerschneidet, der stellt nicht einfach Eiweiß her, sondern nimmt an dem fundamentalsten Lebensprinzip teil: am Tod.

Ich habe Videos von Tierrechtlern und sogar Pastoren gesehen, die das Essen von Tieren als „eigennützige Gewalt“ bezeichnen. Praktizierte Jesus also „eigennützige Gewalt“, als er das Passahmahl zubereitete und Fisch über einem Feuer am Seeufer briet? Das Problem ist, dass diese Leute Tierleben über anderes Leben stellen, und das ist falsch. Das ganze Leben ist heilig. Und das ganze Leben erfordert Opfer.

Deshalb werden wir erst so richtig lebendig, wenn wir uns für andere Menschen einsetzen und uns gegenseitig helfen. Was für eine tolle Gelegenheit, unseren Kindern die Wichtigkeit von Nächstenliebe und Hilfsbereitschaft zu erklären! „Möchtest du voll und ganz leben? Dann bring mal den Müll raus. Arbeit im Garten mit. Hilf deiner kleinen Schwester bei ihrem Kunstprojekt.“ So zeigen wir, dass wir lebendige Wesen und keine Maschinen sind.

Ich habe einen radikalen Tierrechtler sagen hören, dass der Fisch auf dem Teller nicht danach aussieht, als lebe er seine „Fischigkeit“ aus. Nichts könnte der Wahrheit ferner sein. Als der Fisch zur Nahrung eines anderen wurde, sei es eines Menschen oder Tieres, gab er dadurch einem anderen Wesen das größte Geschenk überhaupt, nämlich das Geschenk des Lebens. Vermutlich denken jetzt einige von Ihnen, dass ich hier langsam nach Wolkenkuckucksheim davonflattere, aber ich versuche nur, eine ausgewogene Sichtweise zu schaffen.

Denken Sie nur mal an die züchterische Leistung, die nötig war, um ein einziges Lamm für einen israelitischen Opferaltar hervorzubringen. Es heißt, dass die Hirten auf den Hügeln um Bethlehem, die als Erste von den Engeln von der Geburt des Messias erfuhren, besondere Opferlämmer für den Tempel hüteten. Gut möglich. Denken Sie daran, diese Lämmer durften keine Makel haben. Das heißt, sie mussten vor stacheligen Sträuchern geschützt werden, mussten entspannt genug sein, dass sie nicht miteinander kämpften, sowie vor Gesundheit strotzen und genetisch einwandfrei sein, wozu es viele Generationen der Tierzucht und Erfahrung sowie eine artgerechte Haltung braucht. Das ist viel Investition vonseiten des Viehzüchters.

Viele radikale Tierschutzaktivisten sehen Nutztiere als ausgebeutete Wesen an – als ob der Landwirt, der die Verantwortung für sie übernimmt, dadurch nicht auch „ausgebeutet“ wird. Viehzucht ist keine Einbahnstraße, sondern eine gegenseitige Abhängigkeit. Landwirte lieben ihre Tiere, sorgen für sie und opfern sich sogar für sie auf. Für reine Kapitalisten ist dieser Beruf nichts. Kapitalismus und Wissenschaft ohne Moral erzeugen genau die moderne Massentierhaltung, die wir heute vielerorts haben – weit entfernt von einer persönlichen Beziehung zu den Tieren und einer sorgsamen Betreuung.

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Teilweise sind die Kreuzritter des Tierschutzes überzeugt davon, dass sie durch ihren Veganismus angeblich ein weniger gewalttätiges Leben führen. Doch wer alle Tiere künstlich am Leben halten will, tut der Umwelt ebenso Gewalt an. Vom Schlachttransport „freigekaufte“ Nutztiere werden ihrer natürlichen Funktion beraubt, den Kreislauf des Lebens zu erhalten. Derart „gerettete“ Tiere entziehen Menschen ihre Nahrung und kosten viel menschliche Mühe, um eine total oberflächliche Fassade aufrechtzuerhalten, die jedoch nichts mit einem natürlichen Gleichgewicht zu tun hat.

Wenn wir die Viehhaltung aufgeben und das Land verwildern lassen würden, würden sich die Rehe und Kaninchen vermehren, die dann wiederum von Füchsen und (wo es sie gibt) Wölfen gefressen werden. Sosehr wir unsere Hände von der Realität des Todes reinwaschen wollen, wir können ihr nicht entrinnen. Gott lädt uns ein, unsere Umwelt mitzugestalten und Vernunft walten zu lassen, ohne uns emotional in die eine oder andere Richtung ziehen zu lassen. Sosehr wir uns eine andere Welt wünschen mögen, in dieser hier heißt es: Fressen und gefressen werden. Lebendiges isst Lebendiges.

Traktoren essen keine Traktoren. Autos essen keine Autos. Hämmer essen keine Hämmer. Nun gut, wenn Ihre Kinder Ihr Werkzeug benutzt haben, kommt es Ihnen wahrscheinlich oft so vor, als hätte irgendjemand Ihre Schraubenzieher gegessen, aber Sie können mir glauben, das ist nicht so.

Gott ist Leben. Wie ich mit Lebendigem umgehe, zeigt, wie ich zu Gottes Herrlichkeit stehe. In 1. Korinther 10,31 steht: „Ob ihr nun esst oder trinkt oder sonst etwas tut – tut alles zur Ehre Gottes!“ Hätte ich diesen Satz geschrieben, hätte ich vermutlich viel religiösere Beispiele angeführt: „Ob ihr nun singt oder Bibelverse auswendig lernt“, oder so etwas. Jedenfalls nicht so etwas Banales wie Essen und Trinken. Doch der Apostel zeigt hier, wie sehr Gott unseren Alltag durchdringen sollte, indem er das Essen und Trinken mit einbezieht. Niemand von uns kommt ohne Essen aus. Universeller geht es gar nicht. Und so haben wir alle den Auftrag, Gott Ehre zu bringen – auch mit der Art, wie wir essen.

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Nachdem wir uns angeschaut haben, was Gottes Herrlichkeit bedeutet und in welchem Sinne auch andere Lebewesen ihre eigene Herrlichkeit besitzen, können wir hoffentlich alle darin übereinstimmen, dass wir dieses Gebot ehren können, indem wir die Einmaligkeit unseres Essens anerkennen.

Liebe Freunde, deshalb ruft die Bibel immer wieder zur Tat auf. Was zählt ist nicht, dass man einer Wahrheit zustimmt, sondern dass man sie tut. Der Psalmist sagt, dass Gott die bestraft, die ungute Erfindungen in die Welt setzen (frei nach Psalm 99,8). Wollen Sie noch einen Vers? Einige Seiten später heißt es in Psalm 106,29: „… sie reizten ihn mit ihrem Tun.“

Fakt ist, dass nicht alles, was wir Menschen uns so ausdenken, auch gut ist. Wir sollten nicht alles erschaffen und tun, wozu wir in der Lage sind. Wenn Gott Grenzen um unseren Erfindungsreichtum zieht, dann sollten wir auch die Frage auf den Tisch legen, welche unserer Erfindungen ihm Ehre machen. Denn dadurch können wir unsere höchste Bestimmung erfüllen.

Unsere Botschaft hat nur dann Gewicht, wenn sie eine konsequente Sicht auf das Leben allgemein bietet. Wenn Gott der größte Geber des Lebens ist, dann sollten Christen die größten Verteidiger des Lebens sein. Die Schweinigkeit von Schweinen anzuerkennen und zu schützen ist ein konkreter Anfangspunkt für unseren Auftrag, der Göttlichkeit Gottes Ehre zu machen.

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