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DREI

Kann man Zerbrochenheit eintauschen?

Die Erschaffung der Welt scheint vor allem dem einen Ziel gedient zu haben: Der ewige Sohn Gottes bekam ein Gegenüber, an dem er sein unendlich gütiges Wesen sichtbar machen konnte. Er bekam eine Braut, um ihr sein Herz zu öffnen und die unvorstellbare Fülle seiner Demut, Liebe und Gnade offenbaren zu können.

Jonathan Edwards

Dreist strecken wir unsere Hände aus. Jeden Sonntagmorgen greifen wir danach.

Ich beobachte ganz bewusst, wie die geflochtene Korbschale herumgegeben wird. Müde Hände reichen sie durch die Reihen unserer kleinen Kirchengemeinde. In dem Korb liegt ein Laib Brot, der in zwei Teile gebrochen wurde. Jeder reißt sich ein Stück ab. Die knotigen Finger des Schweinezüchters an meiner Seite ergreifen das Brot, dann die runzelige Hand der Witwe, deren Ehering matt geworden ist. Sie gibt der jungen Mutter das Brot, deren Kind mit offenem Mund in ihren Armen schläft. Ich sehe genau hin. Finger packen kräftig zu, reißen an dem gebrochenen Laib. Wir sind wie ein Rudel Wölfe. Jeder von uns braucht ein Lamm.

Tut das immer wieder, damit unter euch gegenwärtig ist, was ich für euch getan habe!

Immer wieder sollen wir uns die Nähe des allgegenwärtigen Jesus bewusst machen. Wir sollen uns ständig daran erinnern, dass er gebrochen wurde, damit die Bruchstücke unseres Lebens wieder zusammengefügt werden können. Sonntag für Sonntag tun wir das. Blutüberströmte Seelen, die an schrecklichem chronischen Gedächtnisschwund leiden, hungern danach, diese Erinnerung zu schmecken und erneuert zu werden.

Mrs Van Den Boogard reicht das gebrochene Brot an Mrs Van Maneen weiter. Sie nehmen den Laib in die Hand, reißen Fetzen heraus. Dann führen sie zum Mund, was aus zerriebenen Weizenkörnern zubereitet wurde. Beunruhigt frage ich mich: Was machen wir eigentlich hier? Wir essen Zerbrochenes. Wir zerbrechen selbst. Der Weizen wurde zerrieben. Jedes einzelne Korn wurde zerstört, damit Brot daraus werden kann. Jede Traube wurde zerdrückt. Beim Zerbrechen trat der süße Saft aus der Beere. Wo etwas zerbrochen ist, unter zerbrochenen Menschen – da sind wir dem gebrochenen Herzen Jesu am nächsten. Dort finden wir uns selbst, im Geheimnis von Tod und Auferstehung. Unser Leben beginnt dort, wo Zerbruch zum Überfluss führt. Als Gemeinde sind wir der Leib, der aus seinem Zerbrechen lebt, aus seiner Hingabe und aus seinem letzten Abendmahl. Über Jahrhunderte nannte man dieses auch einfach nur die Danksagung, Eucharistie.

Wie steht es wirklich um uns? Als verletzter Leib Christi kommen wir zum Abendmahl, erinnern uns in Dankbarkeit und essen den Segen, der aus seinem gebrochenen, geopferten Körper fließt.

Das Wunder geschieht beim Brechen – Zerbruch ermöglicht die Sättigung unserer Seelen im Abendmahl.

Der Korb wird weitergegeben, von Bankreihe zu Bankreihe, er verbindet uns und wird zum Ausdruck unserer Gemeinschaft. Eine Hand hält ihn der nächsten Hand hin, langsam wandert er durch die Reihen. Dazu spielt das Klavier, mahnend und eindringlich, ein Lied über das Kreuz.

Das Wunder der tiefen Einheit, der Gemeinschaft, wird durch Zerbruch möglich – wo etwas zerstört ist, bei zerbrochenen Menschen, im Angesicht des verwundeten Jesus, während wir mit ihm gebrochen und gegeben werden.

Die gesamte Kapelle ist erfüllt von dem Zerreißen des Brotes, dem Kauen und Schlucken eines Laibes.

So kann man auch leben, wenn das eigene Herz gebrochen ist: Man gibt es weiter. Und so entsteht Gemeinschaft, koinonia – das Abendmahl.

Dann senkt sich tiefe Stille über den kleinen Kirchenraum. Ein Ordner bringt den Korb über den Mittelgang zur anderen Seite. Bereitwillig greifen Hände danach. Der nächste Gedanke setzt mir innerlich zu: Niemand wird wirklich innerlich satt – solange nicht ein anderer zerbrochen wird.

O Jesus.

Vor den Fenstern der kleinen Kirche erstrecken sich nach Süden Weizenfelder, so weit das Auge reicht. Sanft wiegen sich die Halme im Wind. Brot und Blut stehen für Seinen Tod – sie sind die Grundlage unseres neuen Lebens. Nimm es, koste es, tausendfach: Das ist die Revolution, das ist der Kern des Universums – Zerbrochenheit verwandelt sich in Fülle und Vollkommenheit.

Wenn unsere Zerbrochenheit mit dem Mysterium Christi zusammenkommt, der gebrochen und gegeben wird – dann entsteht übernatürliche Fülle.

Seine Worte streifen über die Ähren: „Ich versichere euch: Das Weizenkorn muss in die Erde fallen und sterben, sonst bleibt es allein. Aber wenn es stirbt, bringt es viel Frucht“ (Johannes 12,24).

Tod und Auferstehung – dieses Paradox erschüttert mich aufs Neue. Wenn wir nicht sterben, uns hingeben, aufgeben, loslassen, bleiben wir allein. Einsam. Aber wenn wir sterben, uns opfern, dann empfangen wir die Fülle, dann erleben wir gemeinsam Freude. Ein Leben der Hingabe ist ein Leben der Fülle, ein Leben, das Frucht bringt.

Die Felder, die sich nach Süden erstrecken, wissen es, raunen es: „Wer sein Leben liebt, wird es verlieren. Wer aber sein Leben in dieser Welt gering achtet, wird es für das ewige Leben bewahren“ (Johannes 12,25).

Ich muss loslassen, das Brot, die Felder, die Menschen – alles.

Da gibt der Farmer mir den Korb mit dem Brot. Was soll ich machen? Ich fühle mich zu verletzt, zu kaputt, um etwas zu empfangen. Verzweiflung kann einen innerlich zerstören.

Ich breche mir ein Stück vom Laib ab. Dies ist mein Leib – die zermahlenen Körner lösen sich in mir auf, werden ein Teil von mir. Aus dem Weizenkorn wuchs der Halm, die Ähre wurde reif, dann wurde der Halm abgeschnitten, das Korn gemahlen, nun wird es Bestandteil meiner eigenen Gebrochenheit. Wüsste man nicht, dass am Ende Brot entsteht, könnte man denken, dem Weizenkorn widerfahre eine Reihe von Zerstörungen.

O Jesus.

Gary Goodkey, unser Pastor, reicht Johnny Byles den Kelch mit dem Wein und der gibt ihn dem Farmer. Es ist, als würde mir die Geschichte von Jesus weitergegeben, der unseren Namen kennt und unsere Wunden. Ich schlucke, gierig wie eine ausgetrocknete Frau – obwohl der Kelch noch gar nicht bei mir angekommen ist.

Am Abend vor dem Passahfest hörte ich den Bericht eines Pastors, der in Jerusalem gewesen war. Er war im Klassenzimmer einer jüdisch-orthodoxen Schule gewesen und hatte einem Rabbi zugehört, der die Hochzeitsrituale erklärte, die zu Jesu Zeit üblich waren.

Er begann damit, was geschah, wenn ein junger Mann der Familie mitteilte, dass er sich für ein bestimmtes Mädchen entschieden hatte. Der Vater des Jungen füllte dann einen Becher mit Wein und reichte diesen seinem Sohn. Der Sohn wandte sich damit seiner Auserwählten zu und bat sie in aller Form, seine Frau zu werden. Der Moment war so feierlich – als würde der junge Mann einen Schwur im Namen Jahwes ablegen. Er reichte dabei der jungen Frau den Kelch und erklärte: „Dieser Becher ist ein neuer Bund mit meinem Blut, zu dem ich dich einlade.“

AN DEN ORTEN
DER ZERSTÖRUNG,
UNTER DEN ZERBROCHENEN
MENSCHEN – DA SIND WIR
DEM GEBROCHENEN HERZEN
JESU AM NÄCHSTEN.

Der Pastor erzählte, wie überrascht er an dieser Stelle gewesen war. Der orthodoxe Rabbiner sprach über die Hochzeitsrituale im 1. Jahrhundert nach Christus – aber er zitierte gleichzeitig die Worte, die Jesus beim letzten Abendmahl sagte: „Dieser Becher ist Gottes neuer Bund, der in Kraft gesetzt wird durch mein Blut, das für euch vergossen wird“ (Lukas 22,20).

Also war das letzte Abendmahl ein Eheversprechen.

Ich habe das Gefühl, viel zu zerbrochen zu sein, um auserwählt zu werden.

Langsam fuhr der Pastor fort. Jeder sollte es hören. Dabei hielt er den Abendmahlskelch in seinen ausgestreckten Händen. „Das heißt, Jesus sagt dir mit diesem Kelch: ,Ich liebe dich. Ich will dich. Ich schließe einen Bund mit dir. Ich gehöre dir. Dieser Kelch steht für den neuen Bund mit meinem Blut, zu dem ich dich einlade. Liebst du mich? Willst du einen Bund mit mir eingehen?‘“

Es passiert gerade jetzt. Der Kelch wandert von Claude zu Harold, dann zu Mary. Hier wird genau das vollzogen, was der Prediger damals beschrieb. Jeder Abendmahlsgottesdienst ist im Grunde wie eine Erneuerung des Eheversprechens. Im Abendmahl feiern wir den Bund, der geschlossen wurde.

Meine Hand zittert, als ich den Kelch mit dem roten Wein nehme. Wer ist so mutig, diesen Kelch an seine Lippen zu führen? Wer besiegelt das Ja mit einem Kuss? Bin ich auserwählt, trotz aller Zerbrochenheit? Wirklich?

Gibst du dich mir so hin, wie ich mich dir hingegeben habe?

Alle Erfahrungen damit, verlassen zu werden, nehmen in diesem heiligen Moment ein Ende. Nehme ich den Kelch an, der direkt aus seinem Herzen kommt? Wenn ich ihn nehme, ihn trinke, dann wird sein Leben zu meinem Leben. Und mein Leben gehört ihm.

Ich versage und zerbreche. Ich bin die Frau, die keine Worte findet, um über ihre dunklen Geheimnisse zu sprechen. Die Sünde wuchert an den Rändern meiner Seele wie schwarzer Schimmel. Ich leide, ohne Worte, stöhne vor Schmerz. Wo das Fundament meines Lebens sein sollte, ist ein Scherbenhaufen. Ich fühle mich unendlich verloren und habe keine Ahnung, wie mein Innerstes wieder zusammengefügt werden kann. Ich bin die Frau, deren messerscharfe Zunge die Kinder verletzt, mit grausamen Worten habe ich das Fleisch in Fetzen aus ihrem Rücken gerissen. Ich bin die Freundin, die anderen ins Gesicht schlägt. Rund um mein Herz habe ich Mauern hochgezogen, die mich schützen und alle anderen verletzen. Ich bin eine Frau, der ihre Selbsterhaltung wichtiger ist, als die Nöte anderer wahrzunehmen. Ich bin eine Mutter, deren Kind sich gerade selbst zerstört. Mein Kampf gegen die Schuld ist eine endlose Qual. Ich bin eine Ehefrau mit einem Nacken aus Stahl, steif wie eine Salzsäule werde ich oft. Ich bin gestürzt und zerschellt und sehne mich nach irgendjemandem, der mich wieder zusammensetzen kann. Ich versage und zerbreche – und mir gibt man den Kelch mit dem Saft der zerdrückten Trauben? Wenn ich den Kelch nehme, wenn ich den Saft trinke, dann kommt sein Leben in mich hinein, dann gebe ich ihm mein Leben.

Als Luther versucht, den Menschen das Evangelium der Gnade zu erklären, schreibt er von Jesus als dem Bräutigam, „der die Sünde der gläubigen Seele durch ihren Brautring, den Glauben, sich zu eigen macht und sich nicht anders verhält, als hätte er sie getan“.1

Voller Leidenschaft schreibt Luther weiter: „Ist das nun nicht eine fröhliche Hochzeit, wo der reiche, edle, gerechte Bräutigam Christus das arme, verachtete, unansehnliche Mädchen heiratet und sie von allem Übel befreit, mit allen Gütern ziert? Daher ist es unmöglich, dass die Sünden sie verdammen, denn sie lasten nun auf Christus und sind in ihm verschlungen.“2

Niemand liebt so leidenschaftlich bis in den Tod wie er!

Ich hebe meinen Kopf und schlucke den blutroten Wein, während meine Sünden durch Ihn verschlungen sind. Meine Seele wird leichter, was der übernatürlichen, geistlichen Einheit mit ihm entspringt: „Der Glaube … vereinigt auch die Seele mit Christus wie eine Braut mit ihrem Bräutigam.“3 Luthers Worte berühren mich ganz tief, dort, wo die Wunden sind.

Aus dieser Ehe folgt, wie Paulus sagt, dass Christus und die Seele ein Leib werden – so werden auch beider Güter eins, Gelingen und Unglück und alle Dinge. Denn was Christus hat, das ist der gläubigen Seele eigen, was die Seele hat, wird Christi eigen. So hat Christus alle Güter und Seligkeit, die sind der Seele eigen. So hat die Seele alle Untugend und Sünde auf sich, die werden Christi eigen. []

So wird die Seele von allen ihren Sünden allein durch ihre Mitgift, also um des Glaubens willen, los und frei und mit der ewigen Gerechtigkeit ihres Bräutigams Christus beschenkt. […]

Daher … besitzt sie eine so reiche Gerechtigkeit in ihrem Bräutigam, dass sie erneut gegen alle Sünden zu bestehen vermag, wenn sie denn auf ihr liegen.4

Gefunden – durch Christus.

Ich möchte den Abendmahlskelch packen und ihn gierig austrinken. Ich möchte auf die Kirchenbank steigen und ein tausendfaches JA hinausschreien – ja, ich will, ich willige ein, ich nehme ihn, weil er mich nimmt, weil er sogar mich genommen hat. Wie konnte er mich annehmen?

Luther erklärt die unermessliche göttliche Gnade mit dem Bild der königlichen Hochzeit. Der heilige Christus erwählt die sündige Braut, wodurch sie in den Genuss seiner Sündlosigkeit kommt. Seine Gerechtigkeit wird zu ihrer eigenen: „Da ja Christus Gott und Mensch ist, der niemals gesündigt hat und dessen Gerechtigkeit unüberwindlich, ewig und allmächtig ist, … dann müssen die Sünden in ihm verschlungen und ertränkt werden, denn seine unüberwindliche Gerechtigkeit ist allen Sünden zu stark. … Davon spricht Paulus 1. Korinther 15: Gott sei Lob und Dank, der uns eine solche Überwindung in Christus Jesus gegeben hat, durch die der Tod mitsamt der Sünde verschlungen ist.“5

Wie ist das möglich? Wir sind nackt, beschämt und allein in unserer Zerbrochenheit, da kommt Christus und legt seine Gnade wie eine Decke über uns. Wir werden von Menschen abgelehnt, sind unerwünscht und verlassen, da nimmt er unser Gesicht in seine Hände: „Komm ganz nahe zu mir, ich liebe dich!“ Sind unsere schmutzigen Wangen von Tränen der Verzweiflung verschmiert, kommt er uns sanft entgegen und sichert uns seine ewige Liebe zu: „Ich trage deine Lasten … alles, was mein ist, ist auch dein.“

Wie könnte man sich daran jemals gewöhnen?

„Der Bräutigam geht der Braut entgegen. Sie kommen zusammen, tauschen die Ringe aus, sind in Liebe vereint.“6

Es gibt eine Form der Intimität, die man schmecken und schlucken muss. Das Werben des Bräutigams ist Balsam für unsere Wunden. Alles Zerbrochene kann wieder zusammengefügt werden.

„Letztlich entstehen Probleme immer dann, wenn wir vergessen, dass wir eins mit Christus sind“7, schreibt Martyn Lloyd-Jones. Ich weiß, dass es stimmt. Da kommen alle Probleme her.

Es ist sehr still in unserem Kirchenraum.

Die Einheit mit ihm heilt alle unsere Zerbrochenheit.

Hatte ich das nicht schon längst erkannt, in dem Museum in Paris? Damals schärfte sich mein Blick für seine Liebe, und ich erkannte, wie wichtig es für meine Verbindung mit ihm ist, dass ich seine Segensgeschenke zähle.

Meine Bruchstücke, die Scherben meiner Seele, die ich nicht mehr zusammenfügen kann, der Schmerz, der mir nachts den Schlaf raubt und für den es keine Worte gibt – nur in der Verbindung mit Ihm gibt es Frieden für mich. Ich muss das Einssein mit Christus sehen, spüren und erleben. Friede ist an keinen Ort gebunden, er ist eine Person. Man kann nicht an einem Ort des Friedens ankommen, aber man kann in der Person des Friedens ruhen. „Er ist unser Friede“, sagt Paulus über den Friedefürst (Epheser 2,14).

Kann man so leben, auch wenn das eigene Herz gebrochen ist? Unser Herz wird heil, wenn wir eins sind mit Ihm.

Bin ich bereit, ihm alles auszuliefern? Er hat mir wirklich alles gegeben, was er hat und was er ist.

Mein Blick schweift über die Gemeinde. Ich beobachte immer noch, wie das gebrochene Brot von einem zum Nächsten geht, wie der Saft zerdrückter Trauben weitergereicht wird, von einer offenen Hand zur nächsten, über den Mittelgang und wieder zurück. Die Gemeinschaft mit ihm im Abendmahl ist viel mehr als ein Symbol, es ist ein äußerst radikaler Schritt. Kann ich es zulassen, gebrochen und gegeben zu werden? Lege ich mein gebrochenes Leben dankbar in seine Hand? Ich spüre immer noch den Geschmack des geriebenen Korns und des Weins in meinem Mund. Meine Gedanken drehen sich, wirbeln um das herum, was hier gerade geschieht: Im letzten Abendmahl ist alles enthalten, was den Leib Christi, die Gemeinde, ausmacht: danken, brechen und geben, dann folgen Anbetung und die Anleitung zur Jüngerschaft. Auf eucharisteo folgt koinonia.

Koinonia – ich verstand das Wort bisher als einen Begriff, der Gemeinschaft beschreibt, Zusammensein. Aber jetzt sehe ich darin so viel mehr. Es geht um die Teilhabe an Seiner Zerbrochenheit, an Seinem Gegeben-Werden, es ist die tiefe Einheit mit Ihm. Koinonia ist mehr als ein Symbol, es steht für diese göttliche Umarmung, die unserer Verlassenheit und Einsamkeit für immer ein Ende setzt. In der Gemeinschaft mit dem, der am Kreuz seine Arme ausgebreitet hat, sind wir eins mit seinem Leben. Das ist der Kern und eigentliche Zweck der Gemeinde: die bewusste Entscheidung für die Gemeinschaft von Menschheit und Gott. Dafür steht koinonia. Sie ist ein Geschenk Gottes und das Ziel von allem, was er tut.

Ein Summen erfüllt den Raum, das ganze Universum schwingt mit: Wir sind nicht nur aufgerufen, Gott kennenzulernen. Wir sind zur vollkommenen Einheit mit Christus aufgerufen. Er zerbricht und gibt sein Leben allen, die bedürftig sind. Beim Abendmahl, in der koinonia-Gemeinschaft, fangen die Zerbrochenen an zu leben, hingegeben an ihn. Schon als er mit Adam im Garten Eden spazieren ging, suchte er die tiefe koinonia-Gemeinschaft mit seinem Geschöpf. Er liebte Henoch, weil dieser in enger Verbindung mit ihm lebte. Mit Mose sprach er von Angesicht zu Angesicht, wie ein Mann mit seinem Freund. Eine Abendmahlsfeier ist mehr als ein feierlicher Gottesdienst, es ist eine Feier der innigen Verbundenheit. Wir sind ein Teil von Ihm (koinonia) und dürfen deshalb auch „an der göttlichen Unsterblichkeit teilhaben“ (2. Petrus 1,4). Gott ist so entschlossen, koinonia-Gemeinschaft mit uns zu haben, dass Jesus sagte: „Wir werden zu ihm kommen und bei ihm wohnen“ (Johannes 14,23). Ich spüre die Sehnsucht, die wie das Blut in meinen offenen Wunden pulsiert: „Gott! Du bist mein Gott, dich suche ich! Ich sehne mich nach dir mit Leib und Seele; ich dürste nach dir wie ausgedörrtes, wasserloses Land“ (Psalm 63,2).

Kann ich mich an die ursprüngliche Einheit mit ihm erinnern? Kann ich ihm so radikal nachfolgen, so tief in die Bedeutung der Abendmahls-Gemeinschaft mit ihm eintauchen, dass ich das erlebe, wohin ich mich schon immer gesehnt habe: die Gemeinschaft … koinonia … das Einssein, das mein gebrochenes Herz heilt?

Das ist Gottes Ziel mit uns, das vibriert in jedem einzelnen Herzen: Wir wollen Menschen sein, die sich an die ursprüngliche Verbindung mit Ihm erinnern, die nicht vergessen haben, was ihre eigentliche Bestimmung ist.

Ich frage mich, ob die destruktive Zerbrochenheit dieser Welt darauf zurückgeht, dass wir den Ursprung vergessen haben? Wir haben vergessen, dass Gott alles ist, was wir brauchen. Wir vergessen, dass er immer genug gibt und dass alles gut ist, was von ihm kommt. Wir vergessen, dass bei ihm immer Überfluss herrscht, und wir vergessen, dass wir in einer innigen Verbundenheit mit ihm leben können. Und dort, wo vergessen wird, ist die Furcht nicht weit.

Kaum verliere ich das aus den Augen, bekomme ich schon Angst. Doch wir sind von Gott dazu bestimmt, uns zu erinnern. Dafür sollen wir in der Welt bekannt sein. Wir sind Gottes Volk, das sich erinnert. Wenn wir vergessen, Gott zu danken, dann vergessen wir, wie gut er ist. Wenn wir vergessen, zu brechen und uns hinzugeben, dann wird unser Herz brechen. Vergessen wir, in koinonia, der Gemeinschaft mit Gott, zu leben, dann wird die innere Leere unser Leben begleiten.

Wenn wir innerlich zerbrochen sind, weil wir Gott und seine Einladung zur Nähe vergessen haben, dann ist das Heilmittel dafür die Erinnerung. Die Gegenwart Jesu im Abendmahl, das Erinnern an sein Zerbrechen und Gegeben-Werden, das ist der Weg zur koinonia, in die Gemeinschaft mit Gott, und da werden die Bruchstücke unseres Lebens wieder zusammengesetzt.

Alles, was Jesus beim letzten Abendmahl verkörpert, heilt die Zerbrochenheit des Körpers. Im Erinnern werden wir heil. Wir erinnern uns an die Einheit, die Gemeinschaft, die koinonia-Erfahrung mit Christus. Erinnern heilt Zerbrochenheit.

Ich will für immer diesen Geschmack des zerriebenen Korns im Mund behalten und das Aroma des Weins, den ich voller Verlangen getrunken habe.

Deshalb sollen wir ein Volk des Erinnerns sein – wir sollen daran denken, dass Gottes Herz für uns schlägt. Wir sollen an das Kreuz denken, das Abendmahl, die Kreuzigung, die koinonia-Gemeinschaft. Wir dürfen nicht vergessen, müssen uns selbst brechen und der Welt geben lassen – damit Jesus all die zerbrochenen Herzen wieder zusammensetzen, heilen kann.

Wenn wir, die wir selbst zerbrochen sind, den Zerbrochenen etwas geben – dann stellen wir uns damit Gott zur Verfügung. Wir geben uns dem verwundeten Heiler hin, dem zerbrochenen und sich hingebenden Liebhaber. Er gibt uns Anteil an seinem offenen, gebenden Herzen. Er gibt uns sein eigenes Leben, bietet uns die Einheit mit sich selbst an … die Gemeinschaft im Abendmahl. Ist hier der Kern des Christentums? Geht es um mehr als um Dankbarkeit? Erwartet er von uns, dass wir uns ihm auf tausenderlei Weisen hingeben? Ich kann nicht anders, als zu seinem Angebot immer wieder Ja zu sagen – Ja. Ich sage Ja zu dir und du sagst Ja zu mir. Alles, was ich habe, gebe ich ihm und empfange ihn samt allem, was zu ihm gehört.

Dann sind wir auf dem Heimweg. Das Licht, das wir spüren, dringt durch alle Risse in uns.

g

Wir sind vom Sonntagsgottesdienst zurück, betreten das Haus durch die Hintertür, haben gerade das Brotbrechen und das tiefe Geben und Nehmen im Herzen erlebt. Da sehe ich den schwarzen Stift auf dem Tisch, der neben dem beschädigten „Letzten Abendmahl“ aus Peru liegt.

Ich nehme den Stift in die Rechte und drehe meine linke Handfläche nach oben. Wie viele Jahre habe ich in dieses Handgelenk geritzt? Ich stellte meine innere Verletztheit zur Schau. Spontan zücke ich den Stift – eine plötzliche Eingebung, ein verzweifelter Versuch, das starke Zeichen nicht wieder zu vergessen, die Einheit und Gemeinschaft festzuhalten. Ich zeichne es auf mein Handgelenk, lasse die Farbe in die weiße, vernarbte Haut fließen, wie ein Versprechen: ein kleines schwarzes Kreuz.

Zerbrochen, wie ich bin – ich gehöre ihm. Er ist zerbrochen, wurde hingegeben, ist mein.

Ich zeichne das schwarze Kreuz nach: Kann man sich selbst brechen, hingeben in eine Gemeinschaft, eine Einheit? Kann man gezielt diesen Weg gehen, auf dem Bruchstücke wieder zusammengefügt werden?

Ich will es wagen, bin wild entschlossen, will dem Kreuz gemäß leben, mein Leben soll die Form des Kreuzes annehmen. Es könnte eine neue Herausforderung werden – mein Leben soll in Einheit gelebt werden.

Wenn wir es wagen, uns auf die tiefen, unerklärlichen Dinge einzulassen, geben wir Jesus wieder Hände, um in dieser Welt zu handeln – meine Hände, unsere Hände.

Die abgebrochenen Hände Jesu liegen auf unserer Kommode neben dem kleinen „Letzten Abendmahl“ aus Ton. Ich drehe sie um. Seine Hände liegen nun in meinen Händen, meine Hände werden zu seinen Händen. Mein Handgelenk bemalt mit seinem Kreuz. Jesus braucht Tausende verschiedener Hände in unserer zerstörten Welt, damit die Zerbrochenen wieder heil werden können.

Die Wolkendecke lockert sich zum Westen hin auf. Leichter Regen hat eingesetzt. Man spürt, dass dies nur der Anfang ist, dass mehr kommen wird.

VIER

Wie kann man
Zeit vermehren?

Als ob man die Zeit totschlagen könnte,
ohne die Ewigkeit zu verletzen.

Henry David Thoreau: Walden

Als ich am Morgen meines vierzigsten Geburtstags wach werde, ist es mir vollkommen gleichgültig, ob die Sonne jemals wieder scheinen wird. Es interessiert mich nicht, ob das Schuhgeschäft heute alles zum halben Preis anbietet und ob ich jemals meinen Traum verwirklichen und durch Island reisen werde. Es ist mir auch egal, ob die Kinder das ganze Zeug aufräumen werden, das überall im Haus herumliegt, als wäre ein Vulkan ausgebrochen und hätte Spielzeug statt Lava ausgespuckt. Man kann vergessen, dass ein Licht im eigenen Leben, in der eigenen Seele strahlt. Es kann einem schwerfallen, sich zu erinnern. Die blaue Tinte für den Füller kann ausgehen und man kann das Buch der Dankbarkeit verlieren. Ich weiß es. Ich leide an Alzheimer, Gott-Alzheimer.

Ich drehe mich auf die Seite, vergrabe meinen Kopf unter dem Kissen. Wie aus dem Nichts kann die Angst plötzlich über einen kommen. Man hat viel zu tun, ist abgelenkt, vergisst Gott. Doch wenn man Gott vergisst, dann verliert man den Verstand und den inneren Frieden. Vergisst man Gott, dann erinnert man sich nur noch an die Angst. Und diese Angst führt zu Gott-Alzheimer. Verliert man Gottes Gegenwart aus den Augen, vergisst man den eigenen Namen, den man von Gott bekam: geliebtes Kind. Du von Gott geliebte Person, du gehörst zum Volk derer, die sich erinnern. Lerne laufen. Suche seine Nähe – und finde sein gebrochenes, weit offenes Herz, das zur Gemeinschaft einlädt.

Ich weiß nicht, wie lange ich so daliege, jedenfalls nicht lange genug. Die Zeiger der Uhr an der Wand jagen auf ein unsichtbares Ziel zu.

Von draußen höre ich das schmatzende Schlürfen des Hundes. Er trinkt aus dem Topf, der nur noch einen Griff hat und zum Napf umfunktioniert wurde.

Eine Cousine hat um Mitternacht angerufen. Wir haben dicke Fotoalben, die Bilder aus unserer Teenagerzeit enthalten, die sich schon gelblich verfärben. Als ihr Sohn sich taufen ließ, erzählte er vor der ganzen Gemeinde von seinem Glauben. Nun studiert er im sechsten Semester und hat seiner Mutter mitgeteilt, dass er Atheist geworden sei. Er habe genug von den fadenscheinigen Argumenten der Christen und den ganzen Märchen, die sie glauben. Mitten in der Nacht habe ich den Schmerz der Mutter gespürt, mit ihr geweint und die Schwere der Dunkelheit gespürt, die sich auf sie gesenkt hat.

In der neunten Klasse hatte ich einen Lehrer für Naturwissenschaften, Mr Biesel, der behauptete, man könnte die Zeit nicht sehen. Wir würden die Zeit nur durch die Bewegung und Veränderung der Dinge erkennen, erklärte er. Ich liege unter meiner Decke, am Morgen meines Geburtstags, und will das Bett nicht verlassen. Ich möchte die Zeit anhalten, aber ich will mich auch verändern. Ich bin jetzt in der Lebensmitte. Wieso ist es plötzlich so spät? Warum bin ich schon so alt? Hat irgendetwas, das ich tue, irgendeinen Wert? Habe ich bei allem, was ich tue, immer Gott und sein Reich im Blick? Wenn nicht, dann wird es eines Tages bedeutungslos sein.

Das Kreuz, das ich mir gestern auf mein Handgelenk gemalt habe, ist schon fast wieder abgerieben. Ich habe nicht die geringste Ahnung, wie ich den Mut aufbringen soll. Wie geht es? Wie kann meine negative Zerbrochenheit durch positive Zerbrochenheit aufgehoben werden? Was heißt es, dem Kreuz entsprechend zu leben – zerbrochen, gegeben, Teil eines Gemeinschaftsmahls?

Nicht weit von unserer Farm entfernt hält eine junge Mutter ihr Kind im Arm. Die Leute erzählen, dass die Frau seit Tagen nicht geschlafen hat. Sie lässt ihr Baby nicht mehr los. Vorige Woche haben die Ärzte bei ihrem Mädchen eine unheilbare Krankheit diagnostiziert. Wie geht es ihr, wenn sie die Zeiger an der Wanduhr sieht?

Ich war gestern Abend noch lange wach und schrieb meiner Freundin Elizabeth. Es ist fast sechs Jahre her, dass wir uns zum ersten Mal begegnet sind – zwei Mütter, die zusammen fast ein Dutzend Kinder haben. Wir jammerten gemeinsam über unsere Häuser, in denen sich ständig das Chaos ausbreitet, schneller, als wir darauf reagieren können. Dann sagte ich, dass ich immer wieder versuchte, den unsichtbaren Dingen Priorität einzuräumen. Ich erklärte, dass ich gegen die Götzen des Sichtbaren, der Leistung und des Erfolgs ankämpfte. Der Zustand meines Hauses sage nichts über den Zustand meiner Seele aus, behauptete ich. Sie pflichtete mir bei. Auch ihr seien die unsichtbaren Dinge wichtiger, die Gebetszeiten, die Beziehungen, die Liebe, mit der sie ihre Arbeit tue. Das sei das Entscheidende und dafür würden wir eines Tages belohnt. Dann beugte sie sich vor und fragte, ob wir Freundinnen fürs Leben sein wollten. Ich freute mich über die Frage und lachte viel zu laut.

Damals ahnte ich noch nicht, dass meine Freundschaft mit Elizabeth ganz anders werden würde als alle anderen Freundschaften, die ich pflegte. Einmal schickte sie mir einen Karton voller Mut, dann wieder kiloweise Schokolade. Spätabends hatte sie noch Zeit, mir zu sagen: „Ich sehe dich, die Person hinter allem, was du tust. Ich mag dich als Mensch, egal, was du tust.“ Ich kannte niemanden, der den unsichtbaren Dingen so entschlossen den Vorrang gab und den Menschen so zugewandt war. Was ich zunächst nicht ahnen konnte: Elizabeth wurde mir die Freundin fürs Leben, die ich viel mehr brauchte, als ich je hätte ahnen können.

Und gestern Abend erfuhr ich von ihr, dass die Mitarbeiter des Hospiz jetzt zu ihr nach Hause kommen.

Sie ist in den Vierzigern und braucht Palliativpflege – wie kann das sein? Wie kann Gott so etwas zulassen? Wo ist da die Gnade? Soll das Liebe sein?

Ich vergrabe mich noch tiefer in meinem Kissen, reibe an dem verschmierten Kreuz auf meinem Handgelenk … Es ist Liebe, trotz allem. Ich weiß nicht, warum Gott es zulässt, dass Herzen brechen, aber es muss einen wichtigen Grund geben. Immerhin lässt Gott auch zu, dass sein eigenes Herz angesichts unseres Leids bricht.

Ich strecke meine Hand aus, greife nach dem Füller, der auf meinem Nachttisch liegt, wie damals, als ich die tausend Geschenke notierte, in denen ich seine Liebe entdeckte. Damals erkannte ich, dass Tinte die billigste Medizin ist. Aber wie ist das jetzt, wenn Tinte auf der Haut schreibt? Kann die Tinte auch ohne Papier einen Weg aufzeigen, wie man mit all dem Schmerz leben kann? Die Tinte beginnt ihr Werk direkt auf meinem Handgelenk. Tinte schreibt auf Narben, die aus der Zeit stammen, als ich manchmal gerne tot gewesen wäre. Viele Narben entstanden damals. Manchmal entsteht doch auch eine gute Zerbrochenheit aus den Narben und Wunden, die sich angesammelt haben. Ich ziehe eine Linie vertikal über mein Handgelenk, kreuze die Narben. Die Frage nach dem Bösen in der Welt und allem Leid ist damit beantwortet, dass auch Gottes Herz darüber gebrochen ist. Ich male die nächste Linie quer darüber, kreuze Narben-Linien, unterbreche Narben-Linien mit Kreuz-Linien. Unsere gebrochenen Herzen brechen immer auch sein Herz. Das ist göttliche Quantenphysik: Mein gebrochenes Herz reißt auch Gottes Herz entzwei. Wenn wir weinen, weint immer jemand mit.

Trotzdem: Manchmal fühlt man sich innerlich so zerschlagen, als läge man in einem tiefen Grab, aus dem man allein nicht herausklettern kann. Sind die schlimmsten Tränen nicht die, die keiner sieht? Wenn die Seele allein weint? Man spürt, wie das Narbengewebe auf der Seele immer dicker wird, wenn die Oberfläche rau und uneben ist.

Das Bettzeug kommt mir vor wie ein Leichentuch. Wie lange kann ich mich noch hier verkriechen? Ausatmen.

Vielleicht braucht man zum Leben mehr als die Luft zum Atmen. Das Kreuz hilft mir zu atmen. Es erinnert mich, es stützt mich, ich brauche es, weil ich so unglaublich vergesslich bin. Ich versuche, immer daran zu denken, dass Gnade und Mut lebensnotwendig sind.

Tintenkreuze zerlaufen wie Blut auf meinem Arm. Ich schlucke seine Gnade. Was er mir gibt, ist genug – genug Mut, um aus dem Bett zu kommen. Von außen betrachtet nur ein kleiner Schritt, aber ein riesiger Fortschritt für mein krankes Ich. Die Frau mit den Kindern, die innerlich verletzt sind, die Freundin der sterbenden Frau, der Schmerz eines gebrochenen Herzens – nur einen Schritt muss ich machen, nur den ersten. Später dann den zweiten. Mut wächst und kommt in Berührung mit der Gnade, die sich an den Nägelmalen zeigt.

Ich strecke meine Hand aus, die Hand mit dem aufgemalten Kreuz, ich bewege sie auf den Lichtschalter zu. Wie findet man im Dunkeln das Licht? Man muss die Hand ausstrecken.

In der Schublade des alten Kleiderschranks finde ich ein verwaschenes Flanellhemd und ziehe das abgenutzte Gewebe über meine ausgestreckten Arme. Von Geburt an haben wir die Hände zu Fäusten geballt. Was bedeutet es da, mit offenen Händen und ausgebreiteten Armen zu leben?

Wie kann man mit einem Herzen leben, das so gebrochen ist?

Ein Sonnenstrahl fällt auf das Buch, das auf der Kommode liegt. In der Küche liegen noch selbst gebackene Kekse von gestern. Als ich zum Briefkasten gehe, der am Ende unserer Einfahrt steht, nehme ich eine Tasche mit. Darin habe ich das Buch und die Kekse für den Briefträger verstaut.

Auf meinem Weg zurück zum Haus zwinge ich mich, am Blumenbeet innezuhalten, und pflücke einen Strauß aus Astern und Gladiolen. Was einmal ein Vorgarten war, ist zu einem von Unkraut überwucherten Dickicht geworden. Ich pflücke Blumen und spreche laut vor mich hin: „Gla-di-o-len-Gla-di-o-len.“ Kann mich jemand erinnern? Ich möchte wieder verbunden sein, mit mir, mit allem. Das Kreuz auf meinem Handgelenk spricht, bittet, betet:

Nimm Kreuzesform an. Sei wie ein Kreuz. Lass dich verwandeln.

Mein Leben soll die Form des Kreuzes annehmen, ich will kreuzgemäß leben. Das ist dringend nötig, wenn es stimmt, dass man nur dadurch wirklich leben und Christus ähnlich werden kann.

Gartenerde unter meinen Fingernägeln – wie körnige Gnade fühlt sie sich an. Wo kommt denn dieser Gedanke plötzlich her: Ich könnte mit den Blumen in die Stadt gehen, ins Pflegeheim. Tatsächlich will ich dort wirklich nicht hin. Es gibt diese Tage, da ist mir selbst das Atmen zu anstrengend, und ich würde am liebsten auch damit aufhören. Aber mein Körper atmet einfach weiter, ungefragt.

Mein Körper atmet für mich, ob ich will oder nicht. Ich werde immer in einem Körper stecken. In meinem Rücken ist das Kreuz, es hält mich gerade. Ich muss nur eines tun: die Arme ausbreiten.

Die Astern brauchen Wasser – ich suche eine Vase und finde ein Einmachglas.

Man kann das Licht im Dunkeln nur finden, wenn man die Hand ausstreckt – dankbar ausstreckt, großzügig ausstreckt. Manchmal muss man die Hand ausstrecken, damit das eigene Herz nicht aufhört zu schlagen – und damit andere weiteratmen können. So kann man das Brot brechen und weitergeben, obwohl man selbst zerbrochen ist.

Solange ich lebe, werde ich nicht aufhören, mich nach anderen auszustrecken.

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Die Uhr tickte laut, als ich die Einmachgläser mit Wasser füllte. Vielleicht war es das, was mich dazu brachte, darüber nachzudenken, wie ich meinen vierzigsten Geburtstag begehen wollte. Das Wasser floss in die Gläser, und ich war entschlossen, nicht noch mehr Lebenszeit verrinnen zu lassen. Ich wollte selbst entscheiden, was ich mit der Zeit tun würde, die mir gegeben wurde. Vielleicht war ich auch deshalb so entschlossen, weil ich an Elizabeth denken musste, die Krebs im Endstadium hatte. Ihre Augen waren tränenfeucht und voller Hoffnung, als sie mir gestand, dass sie den Ärzten immer nur diese eine Frage stellte. Jedes Mal, wenn ein Arzt ihr steriles weißes Zimmer betrat, wollte sie von ihm eine Zahl. Alle Todkranken wünschen sich vor allem die eine Zahl.

„Wie lange habe ich noch, Herr Doktor?“

Elizabeth hatte es mir unverblümt gesagt, weil sie den Gedanken fest in mir verankert wissen wollte. „Im Leben und im Sterben ringen wir eigentlich immer nur um das eine: diese Zahl.“

Meine Elizabeth lag im Sterben und hatte keine Ahnung, wie viel Zeit ihr noch blieb. Vielleicht würde sich alles ändern, wenn wir wüssten, wann wir sterben – andererseits würde sich dadurch nichts ändern. Im Grunde wissen wir es doch auch so, an jedem Tag, ob wir nun eine Diagnose erhalten haben oder nicht: Wir haben nur ein bestimmtes Maß an Zeit, einen Eimer voller Lebenszeit, auch wenn keiner genau weiß, wie groß dieser Eimer ist.

Jedem wird eine bestimmte Anzahl an Reisen um die Sonne zugeteilt. Wir verbringen Zeit im Bett, lauschen dem Trommeln des Regens, gehen Eis essen, stehen auf einer Brücke und betrachten den Fluss. So wie sein Wasser unaufhörlich unter der Brücke hindurchfließt, so strömt auch unsere Lebenszeit unaufhaltsam fort, zerrinnt uns zwischen den Fingern. Trotzdem ist es wichtig, sich die Zeit zum Blumenpflücken zu nehmen und mit vollem Bewusstsein in der Gegenwart zu leben.

Meine Zeit ist begrenzt – doch ich würde mein Leben begrenzen, wenn ich andere um ihre Zeit beneidete.

Manchmal stehe ich abends, wenn alle schlafen, im Wohnzimmer und lausche dem Ticken der Uhr. Dann kommt mir das Geräusch wie ein Morsecode vor, der immer und immer wieder die eine Botschaft sendet:

Du kannst dich jeden Tag neu entscheiden: Was willst du tun mit deiner Zeit?

Es ist nicht die schlechteste Art, seine Zeit zu nutzen, wenn man dem Ticken der Uhr lauscht. Jeder von uns ist endlich, sterblich – und jeder würde zu gerne wissen, wie viel Zeit er noch hat. Wir wollen diese Zahl. Wie groß ist der Eimer mit meiner Lebenszeit? Wie viele Tage bleiben mir noch?

Als wir das Deckblatt vom Kalender rissen und das neue Jahr begann, kam unsere Jüngste zu mir. Mit ihren Sommersprossen auf der Nase sah sie mich wissensdurstig an und fragte, wie viele Lebenstage jeder von uns hat. Ich wusste nicht, was ich antworten sollte, und meinte, sie hätte vielleicht 25 550.

Wie kann man einem Kind erklären, dass Zeit in gewisser Hinsicht gasförmig ist, wie Dampf: Wenn man danach greifen will, ist es, als wolle man Wasser festhalten, das als Tau auf die Erde fällt und schon bald spurlos verschwunden ist.

Shalom schenkte mir ein Lachen, das mich an den Schrei einer Eule erinnerte. Sie kullerte vor Lachen über die weiße Decke, die ich über mein Bett gebreitet hatte. „Mama, das hast du dir bloß ausgedacht.“

„Habe ich nicht.“ Ich erwischte einen ihren nackten Zehen und zog daran. Ihr Kopf steckte voller abenteuerlicher Ideen. Sonntagmorgens klebte der Frühstückskuchen überall an ihr, sie war wie der wilde Bach im Wald hinter dem Haus, strotzte vor Zuversicht und Tatendrang. Sie nutzte ihre Zeit, kostete jeden Tag voll aus. „Warum sollte deine alte Mama sich denn gerade diese Zahl für dich ausdenken?“

Ihre Sommersprossen lagen in lustigen Falten. „Keine Ahnung.“

„Ich sage es dir: Mal angenommen, es sind siebzig Jahre von dem Tag deiner Geburt bis zu dem Tag, an dem du in die Ewigkeit fliegen wirst, dann sind das genau 25 550 Tage. Das ist deine Zahl, mein Kind – vielleicht.“

Gott, bitte schenke uns Eimer, die voll sind mit Lebenszeit. „Wer Gott kennenlernen will, muss ihm Zeit geben“1, habe ich in einem Buch gelesen. Es kommt mir so vor, als würde das Kreuz auf meiner Haut leise genau darum bitten.

Shalom setzte sich abrupt auf, so als hätte sie etwas gesehen, als wollte sie es unbedingt verstehen.

„Wie sieht so eine Zahl aus?“, fragte sie. Shalom zog ihre Knie an und legte das Kinn darauf.

„Sie sieht aus wie …“

Zeit sieht aus wie das Licht, das sich in den ausgebreiteten Zweigen der Bäume verfängt, überlege ich. Man kann Zeit in den feinen Fältchen sehen, die das mutige Lächeln auf unzählige Gesichter malt. Zeit zeigt sich in der endlosen Folge zerknitterter Bettlaken, in langsamen Sonnenaufgängen, im Dampf, der aus Schüsseln aufsteigt, und in Hintertüren, die geöffnet werden und wieder ins Schloss fallen. Man lauscht dem Verrinnen der Zeit in dem tausendfachen Geräusch der Lichtschalter, mit dem abends das letzte Licht gelöscht wird. Zeit ist der nie abreißende Strom von Gottes „unbegrenztem Jetzt“.2 Zeit ist ein Fluss voller Jetzts. Ungebändigt, selbstbestimmt, frei.

„Weißt du …“, ich lasse mich neben ihr aufs Bett fallen, „… jedes Jahr im Frühling sät dein Papa drei Millionen Weizenkörner auf einem Hektar Ackerland.“ Wir schauen hinaus. Im Osten erstreckt sich der Weizen bis über die Hügel in der Ferne. „Diese drei Millionen Körner wiegen etwa hundert Kilo. Also sind 25 550 Körner … ungefähr vier Tassen Weizen.“

Ich schaue ihr in die Augen. „Hol uns doch mal ein Einmachglas.“

Sie schaut mich fragend an, während sie vom Bett rutscht. Gleich darauf kommt sie mit einem blauen Einmachglas zurück. Luftbläschen sind in den groben, gläsernen Wänden eingeschlossen. Sie gibt es mir. Glatt und fest liegt es in meiner Hand. Ich drehe es herum. Ein Gefäß in meiner Hand. Ein Kreuz über den Narben an meinem Handgelenk. Wir zerren den großen Weizensack aus der Ecke, den ich nur dann brauche, wenn ich Brot backe. Ich stehe vor der Speisekammer und messe vier Tassen Körner ab.

Vorsichtig, dass uns das Gefäß nicht hinunterfällt, schütten wir den Weizen hinein.

„Bitte schön, das sind deine 25 550 Tage“, sage ich und reiche ihr das Glas.

Unser Mädchen dreht das Glas zwischen seinen Händen hin und her. Das ist dein Leben, denke ich. Wie wirst du es leben, mit deinem Herzen, das immer wieder gebrochen wird? Die Weizenkörner gleiten gegen die Wände aus Glas. Die Zeit, die man in seinem ganz persönlichen Gefäß bekommt, muss reichen, um ein sinnvolles Leben zu führen.

„Wie viele Körner muss ich herausnehmen?“, fragt sie flüsternd. „Wie viele Tage sind schon vorbei? Was habe ich schon verbraucht?“

Schon vorbei, verbraucht.

Sie hält das Glas hoch, ins Licht der Sonne, das durchs Fenster fällt und ihre Körner golden färbt. „Wie viele Körner hast du noch? Ist dein Glas nur noch halb so voll wie meines?“ Sie dreht sich um. Die Sonne, deren Licht aus einer anderen Ecke des Weltalls zu uns kommt, lässt ihr Haar erstrahlen. Sie schweigt nachdenklich, dreht das Glas in ihrer Hand. Dann flüstert sie es so leise, dass ich sie kaum hören kann: „Ich will nicht darüber nachdenken.“ Aber aufhören kann sie damit auch nicht: „Ist dein Glas nur noch halb voll?“ Niemand kann die Länge seines Lebens beeinflussen. Aber ob die Zeit, die wir haben, Bedeutung hat, das entscheiden wir. Sie murmelt ehrfürchtig: „Das ist alles, was wir sind und haben … nur Getreidekörnertage.“

Getreidekörnertage. Gnadentage.

Ich bin erfüllt von dem einen Gedanken: „Das Weizenkorn muss in die Erde fallen und sterben, sonst bleibt es allein. Aber wenn es stirbt, bringt es viel Frucht“ (Johannes 12,24).

Es ist möglich, dieses eine Leben, das uns gegeben ist, zu vervielfältigen. Man muss nur jedes Körnchen sterben lassen.

„Folge dem Weg des Kreuzes – so wie ich dem Weg des Kreuzes folge.“

Ich glaube, mir war noch nie aufgefallen, dass die Zeiger einer Uhr sich nach uns ausstrecken.

Shalom dreht weiterhin das Glas in ihren Händen. Ich greife danach. Ich will alles anhalten. Ich hebe das Glas hoch, halte es wieder ins Licht.

Kann es sein, dass ich alles falsch verstanden habe? Wenn es um Zeit ging, dachte ich immer, man müsse sie festhalten, einfangen, weil sie einem geraubt werden kann. Also habe ich versucht, sie anzuhalten, damit ich sie nicht verliere, damit sie mir nicht gestohlen wird. Ich dachte, man müsse das Beste aus seiner Zeit machen, sie auskosten bis zum letzten Tropfen.

Carpe diem, Leute, nutzt eure Zeit.

Aber was hat Jesus gesagt? „Die Stunde ist gekommen“ (Johannes 17,1). Welche Stunde? Er spricht hier von seinem Tod! Jesus versuchte nicht, seine Zeit festzuhalten, sondern er opferte seine Zeit. Erst jetzt fällt es mir auf. Mein ganzes Leben lang dachte ich, Zeit sei wie ein Straßenräuber, der jede Gelegenheit nutzt, um mir wieder ein Stückchen Leben zu stehlen, so lange, bis mein Leben zu Ende ist und ich tot bin. Doch im Gegensatz dazu spricht Jesus immer davon, dass die vergehende Zeit uns an den Punkt bringt, an dem wir sterben, damit wir in das Leben im Überfluss eintreten können. Zeit soll nicht festgehalten, sondern geopfert werden. Wir sollen nicht an der Zeit hängen, sondern sie verschenken.

Wenn eucharisteo, die Dankbarkeit, unsere Zeit langsamer vergehen lässt – wird dann die Zeit gewissermaßen auch in Stücke gebrochen und vermehrt, wenn wir zusammen mit Christus gebrochen und gegeben werden? Könnte es sein, dass jedes Mal, wenn jemand sich selbst bricht und hingibt, auch seine Zeit gebrochen, vermehrt und verlängert wird?

Der Tod setzt unserer irdischen Zeit ein Ende und zwingt uns, als Samenkorn in der Erde begraben zu werden. Aber wenn unser Leben in dieser Welt endet, dann durchbrechen wir die Zeit. Die aufopferungsvolle Liebe in uns bricht in die Ewigkeit hinein und mündet in die Unsterblichkeit.

„Niemals wird die Liebe vergehen“ (1. Korinther 13,8). Hat Jesus uns nicht genau das bewiesen und damit der Herrschaft der Zeit über uns ein Ende bereitet? Als er starb, brach er sozusagen ein Loch in die Wand der irdischen Zeit. Das Leben im Überfluss, das nicht der Vergänglichkeit unterworfen ist, steht seither allen offen. Er hat die Tür aufgestoßen, durch die jeder von uns der Knechtschaft der Zeit entfliehen kann.

Vielleicht ist die Zeit vergänglich, damit unser Ego stirbt – damit unser unsterbliches Ich das wahre Leben leben kann?

Haben die Zeiger an der Küchenuhr aufgehört, sich zu bewegen? Es erfordert Mut, mit ganzem Herzen dem Ticken von Gottes Uhr zu lauschen und nicht dem lauten Rhythmus unserer Ängste zu folgen.

Die Zeit kann uns keine Träume schenken, keine Hoffnung rauben, unsere Zukunft nicht bestimmen. Zeit kann uns nicht dazu zwingen, irgendetwas zu tun, von dem wir nicht überzeugt sind. Egal, was die Zeiger an der Uhr auch sagen, wir werden von den ewigen Armen gehalten. Die Zeiger der Uhr können uns niemals die Gebete stehlen, die Freude rauben oder den Sinn des Lebens nehmen. Zeit heilt auch keine Wunden, nur Gott kann das tun.

Gottes Hände halten das Universum. Die Zeiger der Uhr tun nur, was wir vorgeben. Unsere Hände bestimmen die Uhr. Aber Gott hat unseren Händen die Möglichkeit gegeben, seine Hände zu sein.

Ich hatte das durchsichtige, zerbrechliche Glas voller Weizen hin und her gedreht, hatte versucht, die Körner zu zählen und in jedem Körnchen einen Tag meines Lebens zu sehen. Mehr Zeit habe ich nicht. Ein unangenehmer Gedanke. Wenn ich will, dass die Zeit nicht länger über mich und mein Leben bestimmt, muss ich mich selbst samt meiner Zeit brechen und geben lassen.

Ein Weizenkorn liegt noch auf der Arbeitsplatte, ein anderes im Messbecher. Ich nehme die beiden mit den Fingerspitzen vorsichtig hoch, als wären es zwei Goldklümpchen. Man darf kein einziges verschwenden. Jeder Tag soll die doppelte Menge an Leben enthalten, jeder Weizenkörnchentag soll gebrochen werden – an jedem Tag will ich mit meinem Ego brechen. Hat das Kreuz auf meinem Handgelenk nicht auch genau das zum Ausdruck gebracht?

Vermehrte Zeit hat die Form eines Kreuzes. Kreuzförmig. Gebrochen und gegeben, sich weit ausstrecken, das ist kreuzgemäß.

Es ist noch genug Zeit, um an diesem drückend heißen Morgen im August mehr Gladiolen zu pflücken. Ich fülle Einmachgläser mit Blumen für die Abgeschobenen, die Vergessenen. Es ist auch noch Zeit, um bei einer Tasse Kaffee zu sitzen und zuzuhören, wenn jemand mir sein gebrochenes Herz ausschüttet. Es ist Zeit für lange Telefongespräche, für zwei Stücke Apfelkuchen und die Extrameile, die ich mitgehen kann. Ich habe Zeit, um gebrochen und gegeben zu werden, mitten hinein in die Zerbrochenheit dieser Welt. So breche ich die Herrschaft der Zeit über mich.

Es war am Beginn des Jahres, als ich Shalom das Einmachglas mit Körnern füllte und zusah, wie sie diese nachdenklich durch die Hände gleiten ließ.

Vielleicht kommt es gar nicht darauf an, welche Erwartung wir an unsere Lebenszeit haben … wichtiger könnte sein, was von uns erwartet wird in dieser Zeit.

Es ist so leicht, Zeit totzuschlagen. Viel schwerer ist es, seine Zeit zu nutzen, die eigene Selbstsucht sterben zu lassen und eine persönliche Auferstehung zu erleben.

Die Gladiolen liegen auf der Arbeitsplatte und warten auf ein Gefäß.