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Entlassmanagement Quo vadis

Der Versuch einer systematischen Annäherung

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Entlassmanagement Quo vadis

Der Versuch einer systematischen Annäherung

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Autoren

Das Team der Kanzlei Hartmann Rechtsanwälte, bestehend aus Rechtsanwälten/innen Bigus, Kerstin; Cloosters, Sigrid; Cramer Tanja; Hackstein, Jörg; Hartmann, Peter; Kranhold, Sandra; Suoglu, Bingül – www.hartmannrechtsanwaelte.de

sowie Assmann, Marie, Master of Science in Public Health, Projektmanagerin, Koordinatorin Gesundheitslotse – www.pvm-med.de

Verlag Taschenbuch (Wulff GmbH)

ISBN: 978-3-88090-124-7

Preis: 19,90 €

Verlag e-Book (tredition GmbH, Halenreie 40-44, 22359 Hamburg)

ISBN: 978-3-7439-8286-4

Preis: 14,90 €

Inhaltsverzeichnis

I. Einleitung

1. Hintergründe und Problemlage

a) Entlassungsmanagement im Krankenhaus

b) Bewertung des Entlassmanagements seit Einführung der DRG

c) Problemfelder im Entlassmanagement

d) Anforderungen an Lösungen

e) Lösungsansätze

II. Gesetzgeberische Umsetzung

III. Komplementäre Regelungen

IV. Grundstruktur des Entlassmanagements

V. Delegationsfähigkeit des Entlassmanagements

VI. Regelungsinhalt der G-BA Richtlinien

VII. Rahmenvertrag Entlassmanagement

VIII. Keine Pflicht zur umfassenden Einschaltung der Krankenkasse

IX. Entlassmanagement als Leistungsangebot

X. In das Entlassmanagement einzubeziehende ambulante Leistungserbringer

1. Originäre Pflichten des Krankenhauses

2. Kooperationspartner des Krankenhauses

3. Wahlrecht des Versicherten

4. Wahlrecht und Beauftragung externer Leistungserbringer

XI. Kooperation versus Strafrecht

XII. Kooperationspartner und Ausschreibung

XIII. Verordnungsrecht und Verordnungspflicht

XIV. Genehmigungspflicht im Entlassmanagement?

XV. Entlassmanagement und Hilfsmittelausschreibungen

XVI. Fazit

XVII. Anmerkungen und Bibliografie

Jeder Mensch

mit einer neuen Idee

ist ein Spinner,

bis die Idee

Erfolg hat.

Mark Twain

I. Einleitung

Entlassmanagement ist schon seit Jahren in aller Munde: Geradezu verzweifelt versucht der Gesetzgeber seit vielen Legislaturperioden durch immer neue Regelungen die sektorenübergreifende Versorgung anzuschieben und zumindest an der so wichtigen Schnittstelle zwischen stationärer und ambulanter Versorgung für ein Mindestmaß an Koordination zu sorgen.

Auch mit dem GKV-Versorgungsstärkungsgesetz (GKV-VSG) vom 16.07.2015 hat sich der Gesetzgeber nach dem ziemlich erfolglosem Versuch im GKV-Versorgungsstrukturgesetz (GKV-VStG) vom 22.12.2011 wieder einmal - zum Ziel gesetzt, das von Krankenhäusern und Rehabilitationseinrichtungen gleichermaßen geschuldete Entlassmanagement so umzugestalten, dass die Kontinuität der Versorgung gewährleistet, die Kommunikation zwischen den beteiligten Versorgungsbereichen verbessert, die Entlastung von Patienten1 und ihren Angehörigen ermöglicht sowie ein „Drehtüreffekt“ vermieden wird.

Obwohl auch diese gesetzliche Neuregelung schon seit dem Sommer 2015 verbindlich gilt, entfaltet sie erst seit dem Inkrafttreten der Rahmenvereinbarung Entlassmanagement zum 01.10.2017, die zwischen dem Gemeinsamen Bundesausschuss (G-BA) einerseits und dem GKV-Spitzenverband, der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV) sowie der Deutschen Krankenhausgesellschaft (DKG) andererseits vereinbart werden musste, ihre volle Wirkung.

Und seither scheint die Neuregelung in § 39 Abs. 1a SGB V mit den vielen vom Gemeinsamen Bundesausschuss (G-BA) zwischenzeitlich erlassenen komplementären Regelungen sowie dem Rahmenvertrag Entlassmanagement mehr Fragen aufzuwerfen als Antworten zu geben. Es macht den Eindruck, dass die Fragen täglich mehr werden, ohne dass dem gesetzgeberischen Ziel auch nur ein Schritt näher gekommen wäre.

Von daher stellen die nachstehenden Ausführungen den Versuch einer systematischen Annäherung an die vom Gesetzgeber vorgegebene Struktur des Entlassmanagements dar, ohne dass die Verfasser insoweit den Anspruch auf Vollständigkeit erheben.

1.Hintergründe und Problemlage

Das Bundesministerium für Gesundheit (BMG) definiert das Entlassmanagement als „Übergang von der stationären Krankenhausversorgung in eine weitergehende medizinische, rehabilitative oder pflegerische Versorgung“. Ziel ist es, allen Betroffenen eine zeitnahe Rückkehr in den häuslichen Bereich zu ermöglichen. Aus Sicht des Ministeriums „stellt [das Entlassmanagement] eine besonders kritische Phase der Behandlungs- und Versorgungskette für die betroffenen Patientinnen und Patienten dar“.2

Dass dieser Bereich ein massives Defizit aufweist, belegt die Studienlage:

a) Entlassungsmanagement im Krankenhaus

Nach einer Umfrage des Deutschen Krankenhaus Institutes (DKI) aus dem Jahr 20133 haben 67,8% der Krankenhäuser eine eigene Organisationsstelle für das Entlassungsmanagement. 81,8% der Krankenhäuser verfügen über speziell qualifizierte Fachkräfte für das Entlassmanagement. Über 3/4 der Krankenhäuser (76,2%) führen Entlassmanagement nach einem schriftlichen Standard durch. Nur in 1/3 der Fälle findet jedoch ein standardisiertes Entlassmanagement mit den Pflegestützpunkten und Tageseinrichtungen bei Patienten mit poststationären Pflege- oder Versorgungsbedarf statt.

Demenz oder andere psychische Erkrankungen sind die häufigsten patientenindividuellen Gründe für eine Verzögerung der Entlassung. Nur 48,9% der Krankenhäuser evaluieren ihr Entlassmanagement systematisch. Obwohl die Zusammenarbeit mit den niedergelassenen Kooperationspartnern als gut bewertet wird, sind die zeitnahe Verfügbarkeit von Unterlagen (45%) und der direkte Kontakt und die Erreichbarkeit (48%) zentrale Problemfelder aus Sicht der Krankenhäuser. Die größten Probleme bei der Zusammenarbeit mit den übrigen Kooperationspartnern sind kurzfristige Entlassungen, fehlende Überleitungsstandards (z.B. mit niedergelassenen Hausärzten, Heil- und Hilfsmittelerbringern) und mangelnde Kommunikations- und Informationsprozesse.4

b) Bewertung des Entlassmanagements seit Einführung der DRG

Eine von der Hans-Blöcker Stiftung in Auftrag gegebene Studie aus dem Jahr 2010 zeigt, dass sich seit der Einführung der Diagnosis Related Groups (DRG) das Entlassmanagement tendenziell verschlechtert hat. In drei Wellen zwischen 2002 und 2008 wurden Krankenhauspatienten, -pflegekräfte und -ärzte nach unterschiedlichen Themen befragt. Lediglich 55% der befragten Pflegekräfte bestätigten im Jahr 2003, also vor der verbindlichen Einführung der DRG, ein gut funktionierendes Entlassungsmanagement mit Hausärzten und ambulanten Dienstleistern zu haben. Drei Jahre später hat sich die Situation nicht verbessert, sondern tendenziell verschlechtert (49%). Der Anteil der Pflegekräfte, die angaben, dass kein Entlassungsmanagement praktiziert werde, ist etwa gleich geblieben.5

Auch die Ärzte nehmen eher eine Verschlechterung der Situation seit der Einführung der DRG wahr. Dies gilt besonders stark für den Bereich der Rehabilitation, wo der Anteil der Krankenhäuser mit gut funktionierendem Entlassungsmanagement von 49% auf 40% gesunken ist. Im Hinblick auf den Übergang zur stationären Pflege hat sich zwar der Anteil der Ärzte erhöht, die ein gut funktionierendes Entlassungsmanagement konstatieren. Zugleich ist aber auch der Anteil von 41% auf 46% gestiegen, der angibt, dass kein derartiges Entlassungsmanagement existiere. Fast 60% der befragten Krankenhausärzte teilten mit, dass es in ihrem Krankenhaus kein Entlassungsmanagement mit niedergelassenen Ärzten gebe.6

c) Problemfelder im Entlassmanagement

Als zentrales Problem im Entlassmanagement wird die sektorenübergreifende Informationsweitergabe bezeichnet.7 Im Rahmen des Entlassmanagements kommt es daher besonders häufig zu Kommunikationsbrüchen und Missverständnissen.

In einer Befragung unter Hausärzten wurden besonders die Medikationsbeschreibung in den Entlassbriefen und die späte Übermittlung der Arztbriefe kritisiert. Oft träfen die Arztbriefe erst nach dem ersten Besuch der Patienten ein. Hauptgrund sei die späte Erstellung im Krankenhaus und die zu weiteren Verzögerungen führende Zustellung per Post. Deshalb begrüßt die Mehrheit der Hausärzte eine elektronische Übermittlung der Arztbriefe.89