Dein Fleisch, mein Blut

Friesland-Thriller

Thorsten Siemens


ISBN: 978-3-95573-768-9
1. Auflage 2018, Bremen (Germany)
Klarant Verlag. © 2018 Klarant GmbH, 28355 Bremen, www.klarant.de und www.ostfrieslandkrimi.de

Titelbild: Umschlagsgestaltung Klarant Verlag unter Verwendung von shutterstock Bildern.

Sämtliche Figuren, Firmen und Ereignisse dieses Romans sind frei erfunden. Jede Ähnlichkeit mit echten Personen, lebend oder tot, ist rein zufällig und von dem Autor nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten. Das Werk darf - auch auszugsweise - nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.

Inhalt

Prolog

September 2016

Nachdenklich betrachtete er sein Opfer, das bewusstlos und in sich zusammengesunken auf dem Stuhl direkt vor ihm saß. Das Kinn des Mannes ruhte auf seiner Brust, die Augenlider waren geschlossen, sein linkes Auge war zwischenzeitlich vollkommen zugeschwollen. Die Unterlippe war aufgeplatzt und aus der Verletzung unterhalb der linken Augenbraue quoll noch immer frisches Blut. Seine Nase war allem Anschein nach gebrochen. Nur wenn er ganz genau hinsah, konnte er erkennen, wie sich der Brustkorb seines Opfers langsam hob und wieder senkte.

Am liebsten hätte er ihn sofort ins Bewusstsein zurückgeholt, um dort weiterzumachen, wo er soeben aufhören musste. Dieses unglaubliche Machtgefühl, das er verspürt hatte, während er sein wehrloses Opfer mit Tritten und Schlägen malträtiert hatte, war einfach unbeschreiblich gewesen und stellte alle seine bisherigen Empfindungen in den Schatten. Das Leben dieses Menschen – genauer gesagt, der Zeitpunkt seines Todes, lag einzig und allein in seinen Händen. Bei diesem Gedanken bekam er eine Gänsehaut und verspürte gleichzeitig, wie seine sexuelle Erregung noch weiter anstieg.

Doch die Ohnmacht seines Opfers war ein sicheres Anzeichen dafür, dass er unbedingt eine Pause einlegen musste. Er durfte ihn nicht töten – noch nicht. Wenn sein Plan aufgehen sollte, würde er noch ein wenig Geduld haben müssen. Unruhig blickte er auf seine Armbanduhr. Sein zweites Opfer würde erst in circa dreißig Minuten eintreffen. So lange musste er ihn unbedingt noch am Leben halten. Er schloss die Augen und stellte sich vor, was er mit seinem zweiten Opfer alles anstellen würde. Sofort schoss ihm das Blut zwischen die Beine und verstärkte seine ohnehin schon vorhandene Erektion. Der Druck lastete mittlerweile so stark auf ihm, dass er kurzzeitig sogar mit dem Gedanken spielte, sich an Ort und Stelle zu erleichtern. Aber er entschied sich doch dagegen, da er sich seinen Höhepunkt unbedingt für sein zweites Opfer aufsparen wollte. Schließlich sollte dieses Ereignis etwas ganz Besonderes werden und durfte keinesfalls aufgrund einer menschlichen Schwäche getrübt werden. Immerhin ging er immer noch davon aus, dass dieses Erlebnis einmalig bleiben würde, auch wenn er mit jeder weiteren Minute zu der Überzeugung kam, dass er so etwas unbedingt wiederholen musste.

Ungeduldig ging er im Zimmer auf und ab. Die große Plastikfolie, mit der er den kompletten Fußboden abgedeckt hatte, knisterte unter seinen Füßen. Er konnte es kaum noch erwarten, sein Opfer zu töten. Um sich abzulenken, spielte er noch einmal den geplanten Ablauf durch. Er durfte keinen Fehler machen und keine Spuren hinterlassen. Er hatte alles so sorgfältig geplant, aber trotzdem wurde er die Angst nicht los, irgendetwas übersehen zu haben. Diese Sache hier war viel größer als alles, was er bisher gemacht hatte. Noch nie zuvor hatte er einen Menschen getötet. Niemals zuvor hatte er ein Opfer zurückgelassen, das ihn hätte belasten können. Doch dieses Mal würde es gleich zwei Leichen geben. Nachdenklich hielt er einen kleinen Becher gegen das Licht der Wohnzimmerlampe und schwenkte vorsichtig das dickflüssige Sekret, das sich darin befand.

Aber wenn ich alles richtig mache, hinterlasse ich nur ein totes Opfer und einen Mörder, der sich selbst gerichtet hat!, dachte er und lachte dabei diabolisch auf.

Um sich ein wenig abzulenken, warf er wieder einen Blick auf sein Opfer, das unverändert regungslos auf seinem Stuhl saß. Er musste auf jeden Fall dafür sorgen, dass seine Leiche hinterher keine Spuren von körperlicher Gewalt mehr aufweisen würde. Alles musste wie ein Selbstmord aussehen. Nur so würde seine Inszenierung perfekt werden. Er nahm den Abschiedsbrief vom Tisch, den er erst vor wenigen Minuten auf dem Computer seines Opfers geschrieben und anschließend ausgedruckt hatte. Ein zufriedenes Grinsen huschte über sein Gesicht, als er erneut die wenigen Zeilen durchlas.

Es kann nichts schiefgehen! Ich habe an alles gedacht!

Kapitel 1

Oktober 2012

Die Geburtstagsüberraschung

Hendrik Jürgens wurde von diversen Geräuschen geweckt, die für das alte Bauernhaus, das seine Frau Wiebke und er vor einigen Jahren erworben hatten, zwar nicht ungewöhnlich, in der Häufigkeit aber doch irgendwie eigenartig waren. Müde richtete er sich in seinem Bett auf und rieb sich den Schlaf aus den Augen. Die ungewohnte Nachtarbeit hinterließ noch immer seine Spuren bei ihm. Erst vor einigen Wochen hatte er seinen neuen Job als nächtlicher Objektschützer bei “Reichelt-Elektronik“ in Sande angetreten. Zuvor war er einige Monate lang arbeitslos gewesen, nachdem sein vorheriger Arbeitgeber, ein Wilhelmshavener Bauunternehmen, unerwartet Insolvenz anmelden musste. Trotz intensiver Bemühungen fand er aber keinen neuen Job in seinem erlernten Beruf, so dass er sich schließlich gezwungen sah, das nächstbeste Angebot des Jobcenters anzunehmen, um auch weiterhin die hohen Kreditraten für das gemeinsame Traumhaus bezahlen zu können.

Seine Frau Wiebke und er hatten sich einen langersehnten Wunsch erfüllt und sich ein altes Bauernhaus mit großzügigem Grundstück gekauft. Sie hatten lange nach einem Objekt gesucht, das ihren Vorstellungen entsprach und gleichzeitig bezahlbar war. Schließlich war der Wilhelmshavener Immobilienmarkt nicht gerade überschwemmt von derartigen Spezialimmobilien.

Umso spontaner handelten sie, als sie eines Tages per Zufall von dem zum Verkauf stehenden Hof erfuhren. Das Ehepaar, das den Hof bis zu seinem Tode bewirtschaftet hatte, war durch einen tragischen Unfall ums Leben gekommen. Die Tochter des Ehepaares, eine Frührentnerin aus Bochum, hatte damals ein Grabgesteck in dem Blumenladen gekauft, in dem Wiebke zwischenzeitlich gearbeitet hatte. Sie erzählte ihr, dass ihr Vater, der unter einer Form der Demenz litt, die offensichtlich alle unterschätzt hatten, einfach eine Kerze in die Scheune gestellt und sich anschließend zum Schlafen ins Heu gelegt hatte. Als die Scheune schon in Flammen stand, musste seine Frau wohl noch versucht haben, ihm zu Hilfe zu kommen, denn die Feuerwehr fand in der völlig abgebrannten Scheune schließlich nur noch die bis zur Unkenntlichkeit verbrannten Leichen der beiden.

Ganz vorsichtig hatte Wiebke sich bei der Frau erkundigt, welche Pläne sie mit der Immobilie der Eltern hatte. Sie wollte nicht pietätlos sein, aber diese Gelegenheit durfte sie sich auf keinen Fall entgehen lassen. Und tatsächlich einigte man sich nach einem kurzen Gespräch und einer harmonischen Preisverhandlung auf die Eckpunkte eines Kaufvertrages, der nur zwei Monate nach der Beerdigung bereits beurkundet wurde.

Wiebkes Traum war es, auf dem abseits gelegenen Hof einmal Hühner, Schweine und Schafe zu halten. Auch ein eigenes Pferd stand auf ihrer Wunschliste, war aber bei der angespannten Finanzlage ein eher langfristiges Ziel. Dass die Bank dem Finanzierungswunsch der beiden zugestimmt hatte, konnten sie bis heute nicht glauben. Aber die Zinsen waren niedrig und der Bankberater bezeichnete das Objekt als Schnäppchen. Also unterschrieben die beiden den Kreditvertrag, auch wenn die monatlichen Raten an der Grenze ihrer finanziellen Möglichkeiten lagen.

Das wenige Geld, das sie sich mühsam angespart hatten, war bereits nach kurzer Zeit aufgezehrt. Das alte Gemäuer verschlang doch deutlich mehr Kapital für Sanierungen, als die beiden erwartet hatten. Und dabei hatten sie bisher wirklich nur das Notwendigste gemacht. Zum Glück war Hendrik als gelernter Maurer handwerklich sehr geschickt und kannte auch den ein oder anderen Kumpel, der bei den anstehenden Arbeiten kostengünstig einspringen konnte. Ansonsten wären sie wahrscheinlich bereits heute vollkommen pleite.

Aber trotz aller Anfangsschwierigkeiten waren sie sich einig, dass sie es genauso wieder machen würden, denn sie liebten dieses Haus über alles und waren sich sicher, gemeinsam darin alt werden zu wollen.

Ein Blick auf den kleinen Radiowecker, der neben Hendriks Bett auf der Nachttischkommode stand, verriet ihm, dass es bereits 15 Uhr war. Hatte er wirklich so lange geschlafen? Ansonsten war er doch immer bereits nach höchstens fünf oder sechs Stunden schon wieder aufgestanden, weil sein Körper einfach nicht mehr einsehen wollte, mitten am Tag zu schlafen. Müde schwang er die Beine aus dem Bett, stand auf und schleppte sich zur Schlafzimmertür. Nachdem er sie geöffnet hatte, um in das gegenüberliegende Badezimmer zu gehen, hörte er von unten leise Stimmen.

Sie wird doch nicht etwa?, überlegte er, nachdem ihm wieder eingefallen war, dass er ja heute Geburtstag hatte.

Mit dem unguten Gefühl, dass seine Geburtstagsgäste bereits seit Längerem auf ihn warteten, vollzog er nur eine spärliche Katzenwäsche, schlüpfte anschließend in Hemd und Jeans und kämmte sich schnell die kurzen dunkelblonden Haare. Dann warf er einen letzten Kontrollblick in den Spiegel. Er sah einen Mann, der heute zwar erst seinen 32. Geburtstag feierte, aber optisch locker auch für Anfang 40 durchging. Um seine müden, blauen Augen und auf der hohen Stirn hatten sich bereits mehrere Fältchen gebildet. Er wirkte blass und energielos. Sein schmaler Mund, der unter der eher überdurchschnittlich großen Nase noch kleiner wirkte, war von einem ungepflegten Dreitagebart umgeben. Sein Bauchansatz war das Ergebnis einer ungünstigen Mischung, die aus zu wenig Sport und zu viel ungesundem Essen bestand.

Als es an der Badezimmertür klopfte, zuckte er erschrocken zusammen.

»Hendrik, bist du gleich fertig?«, fragte ihn seine Frau. Ihre Stimme klang matt und niedergeschlagen.

Ob es ihr nicht gut geht?

»Komme gleich runter!«, antwortete er und wartete noch einen kurzen Moment ab, um seiner Frau die Chance zu geben, die Gäste vorzuwarnen. Dann ging auch er die steile Holztreppe hinunter. Das alte Holz ächzte unter jedem seiner Schritte.

Jetzt wissen wirklich alle, dass ich komme, dachte er.

Bei dem Gedanken an die angespannt wartenden Geburtstagsgäste, stahl sich ein freches Grinsen in sein Gesicht. Ob ich noch einmal umkehren sollte?

Im Erdgeschoss war es plötzlich ungewohnt still.

Wahrscheinlich verstecken sich alle im Wohnzimmer und warten nur darauf, mich lautstark überraschen zu können, interpretierte er die Situation und übte schon mal einen überraschten Gesichtsausdruck.

»Wiebke, wo bist du denn?«, rief er laut durch den Flur.

»Ich bin im Wohnzimmer!«

Hendrik legte seine Hand auf die Türklinke, atmete noch einmal tief durch und öffnete dann die Tür.

»ÜBERRASCHUNG!«, schrien plötzlich alle im Chor und schleuderten ihm einen Mix aus Luftschlangen und Konfetti entgegen.

Seine Frau war die Erste, die ihm gratulierte. Sie umarmte ihn, gab ihm einen flüchtigen Kuss und schmiegte sich anschließend ganz fest an ihn. Hendrik schlang seine Arme um ihren zierlichen Körper und sog ihre Wärme in sich auf. Er hatte sich schon oft gefragt, warum sie sich gerade für ihn entschieden hatte. Sie war nicht nur die herzlichste und liebste, sondern gleichzeitig auch noch die wunderschönste Frau, die er jemals gesehen hatte. Ihre mandelbraunen Augen, das pechschwarze Haar und ihre niedliche Stupsnase hatten ihn schon bei der allerersten Begegnung verzaubert. Er war damals in den Blumenladen gekommen, um ein Mitbringsel für die Internetbekanntschaft zu kaufen, mit der er sich am Abend eigentlich zum ersten Mal hatte treffen wollen. Als Wiebke dann aber auf ihn zugekommen war und ihn dabei angelächelt hatte, war es sofort um ihn geschehen gewesen. Sofort hatte er gewusst, dass nur sie “die Eine“ sein konnte. Er hatte zwar, wie geplant, den Blumenstrauß gekauft, ihn aber anschließend sofort an Wiebke zurückgereicht, um sie gleichzeitig mit einer Einladung zum Abendessen zu überraschen. Sie war rot geworden, hatte kurz gezögert, nahm seine Einladung aber dennoch an. Bei ihrem ersten Date hatten sich die beiden dann so gut verstanden, dass sie gleich für den nächsten Tag ein weiteres Treffen vereinbart hatten, dem wiederum noch viele weitere Verabredungen folgten.

Und jetzt stehen wir hier in unserem gemeinsamen Traumhaus, dachte Hendrik. Wieder einmal realisierte er, wie glücklich er war.

Wiebke löste sich aus der Umarmung, lächelte ihren Mann an und reichte ihm ein großes, liebevoll verpacktes Geschenk, das sie zuvor neben sich auf dem Fußboden abgestellt hatte. Hendrik stutzte für einen Moment. Eigentlich hatten sie vereinbart, sich aufgrund der angespannten finanziellen Situation in diesem Jahr nichts zu schenken. Aber das war gar nicht der Hauptgrund für seine Irritation. Vielmehr war es ihr Lächeln, das zwar wie immer wunderschön, aber irgendwie auch traurig wirkte.

Ob mit ihr alles in Ordnung ist? Sorgenvoll schaute er ihr in die Augen.

»Nun mach schon auf!«, riss ihn eine tiefe, männliche Stimme aus seinen Gedanken. Es war Oliver, sein bester Freund.

Hendrik nickte seinem Kumpel lachend zu, nahm seiner Frau das Geschenk aus den Händen, kniete sich damit auf den Boden und öffnete die große, rote Schleife.

»Das solltest du doch nicht«, sagte er zu Wiebke, während er ganz vorsichtig das bunte Geschenkpapier entfernte.

»Das ist doch nicht etwa?« Seine Stimme überschlug sich fast vor Begeisterung.

»Sie ist leider nur gebraucht«, warf Wiebke ein.

»Aber das macht doch nichts. Das ist eine “Phantom 3“«, versuchte er ihre Verunsicherung im Keim zu ersticken. Nie im Leben hatte er mit einem solchen Geschenk gerechnet, zumal der Neupreis im Internet bei über 500 Euro lag.

»Was ist das für ein Ding?«, fragte seine Mutter, die jetzt aus der Traube der Gäste heraustrat, um ihrem Sohn ebenfalls zu gratulieren.

»Das ist eine Drohne, Mama! Ein Spielzeug für erwachsene Männer!«, lachte er und drückte seine Mutter an seine Brust.

Er war ihr einziger Sohn, seinen Vater hatte er nie kennengelernt. Natürlich hatte er oft nach ihm gefragt, aber seine Mutter war stets bei ihrer Version von dem attraktiven Unbekannten geblieben, von dem sie sich hatte verführen lassen. Sie war damals schon 40 Jahre alt gewesen und ihr erster Mann war erst wenige Monate zuvor verstorben. Er hatte sie nie gut behandelt, sie häufig belogen und betrogen. Da ihre Ehe aber kinderlos blieb, war sie immer davon ausgegangen, dass sie unfruchtbar war. Als sie dann eines Tages den gutaussehenden Fremden traf, hatte sie sich ohne Befürchtungen auf eine leidenschaftliche Nacht mit ihm eingelassen. Sie wollte zu diesem Zeitpunkt keinen neuen Mann, sie wollte niemanden, der ihr die Welt zu Füßen legte, nur um sie dann nach der Eheschließung wie ein Dienstmädchen zu behandeln. In dieser Nacht wollte sie nur ein wenig Leidenschaft und hielt es daher für besser, den Unbekannten nicht nach seinem Namen oder seiner Herkunft zu fragen. Selbstverständlich hatte sie versucht ihn ausfindig zu machen, als sie bemerkt hatte, was aus ihrer Leidenschaft heraus entstanden war. Aber trotz intensiver Bemühungen hatte sie ihn niemals wiedergesehen.

Wenn Hendrik heute an diese Geschichte dachte, konnte er es sich kaum noch vorstellen. Seine Mutter war zwar erst 72 Jahre alt, aber gerade in den letzten Jahren war sie sehr stark gealtert. Bei einem Sturz vor drei Jahren hatte sie sich die Hüfte gebrochen und bewegte sich seither nur noch mit einem Rollator durch die Gegend. Zudem wurde sie immer vergesslicher und er hoffte inständig, dass dies nicht die Vorboten einer beginnenden Demenz waren.

Nach und nach gratulierten ihm jetzt auch die übrigen Gäste und überreichten ihm die mitgebrachten Geschenke. Während er sich mit ihnen unterhielt, kümmerte sich Wiebke im Hintergrund um die Versorgung mit Getränken und Knabbereien. Erst eine halbe Stunde später schaffte er es, sich aus der Menge zu lösen und seiner Frau unbemerkt in die Küche zu folgen. Wiebke stand gerade an der Spülmaschine und räumte einige Teller und Kuchengabeln ein. Sie hatte ihm den Rücken zugewandt, als Hendrik sich von hinten an sie heranschlich, seine Arme um sie schlang und sie ruckartig an sich heranzog.

Erschrocken wirbelte sie herum und stieß ihren Mann mit beiden Händen von sich. »Spinnst du, mich so zu erschrecken?« Sie starrte ihn mit weit aufgerissenen, ängstlichen Augen an.

»Entschuldige, ich wollte mich doch nur bei dir für alles bedanken«, sagte er kleinlaut. Derart schreckhaft kannte er seine Frau überhaupt nicht.

Wiebke schloss für einen Moment die Augen und schaute ihn dann wieder direkt an. »Es tut mir leid!«, entschuldigte sie sich für ihr Verhalten, trat einen Schritt auf ihn zu und nahm ihn bei den Händen. »Es ist wahrscheinlich der ganze Stress mit der Überraschungsparty. Ich weiß doch auch nicht.« Sie senkte ihren Blick und schaute betroffen zu Boden.

»Dir muss überhaupt nichts leid tun!«, sagte er, legte seinen Zeigefinger unter ihr Kinn und richtete ihren Kopf auf, um ihr wieder tief in die Augen schauen zu können. »Das war eine tolle Überraschung und ich habe mich sehr darüber gefreut. Mir tut es nur leid, dass dir die ganze Sache so viel Stress gemacht hat!«

Wiebke zwang sich zu einem erschöpften Lächeln. »Morgen geht es mir bestimmt schon wieder besser.«

»Bestimmt!«, sagte er und drückte dabei sanft ihre Hände.

»Und das Geschenk?«, fragte sie zögerlich. »Freust du dich wirklich darüber?«

Hendrik atmete tief durch. Er war sich selbst noch nicht im Klaren darüber, ob er sich über das teure Präsent wirklich freuen konnte. »Du weißt, dass ich mir schon lange so eine Drohne gewünscht habe.« Er machte eine gedankenschwere Pause. »Aber wir können uns das doch eigentlich überhaupt nicht leisten.« Seine Stimme hatte dabei einen vorwurfsvollen Tonfall angenommen, den er überhaupt nicht beabsichtigt hatte.

Wiebkes Augen verengten sich zu kleinen Schlitzen. »Ich habe doch gesagt, dass ich sie gebraucht gekauft habe!«, fuhr sie ihn wütend an. »Außerdem habe ich eine Ewigkeit dafür gespart, nur um dir eine Freude zu machen. Aber wenn du meinst, dass wir die nächsten Jahre auf alles verzichten müssen, nur um diese alte Ruine abzubezahlen, können wir das Scheißding ja auch gerne wieder verkaufen.« Sie drehte sich weg und stützte sich auf der Küchenablage ab. Tränen schossen ihr in die Augen, und sie bemühte sich, sie wegzuwischen, ohne dass ihr Mann etwas davon mitbekam.

Vollkommen verunsichert legte Hendrik ihr seine Hand auf den Rücken. »So war das doch nicht gemeint«, begann er zu erklären, als plötzlich Oliver in die Küche gestürmt kam.

»Hier steckst du also!«, sagte er. »Komm mit, die Leute wollen jetzt unbedingt dein neues Spielzeug in Aktion bewundern!« Er packte seinen Freund am Arm und schleifte ihn mit sich nach draußen.

 

*

 

Drei Stunden später waren endlich alle Gäste verschwunden, aber Hendrik wusste noch immer nicht, wie er auf seine Frau zugehen sollte. Sie war ihm den ganzen Nachmittag aus dem Weg gegangen und hatte jeglichen Augenkontakt seinerseits strikt ignoriert. Sie schien immer noch mächtig sauer auf ihn zu sein. Bereits in einer Stunde würde er wieder zur Arbeit fahren müssen. Vorher wollte er aber unbedingt noch diesen Streit aus der Welt schaffen. Seine Frau hatte sich so viel Mühe mit der Überraschung gegeben, und er hatte mal wieder nur ans Geld gedacht.

Wenn sie das Geld wirklich nebenbei angespart hat, fehlt es uns ja auch wirklich nicht in der Haushaltskasse, versuchte er sich einzureden, wobei er genau wusste, dass ein kleines Notfallpolster ihrem Konto auch sehr gut getan hätte.

Während er die schmutzigen Teller und das benutzte Besteck auf ein Tablett stapelte, war Wiebke noch mit der Spurenbeseitigung in der Küche beschäftigt. Er nahm das vollgepackte Tablett und trug es vom Wohnzimmer in die Küche. Seine Frau, die mit dem Rücken zur Tür stand, drehte sich nicht einmal zu ihm um, als er in die Küche kam und das Tablett auf dem Esstisch abstellte.

»Wollen wir unseren Streit nicht einfach begraben? Es ist doch mein Geburtstag!«

Wiebke erstarrte in ihrer Bewegung, drehte sich aber dennoch nicht zu ihm um.

Hendrik machte einen weiteren Schritt auf seine Frau zu. Er stand jetzt direkt hinter ihr, wollte ihr am liebsten die Hände um die Hüften legen, seine Nase in ihren wundervoll duftenden Haaren vergraben und ihr einfach nur ganz nahe sein. Doch er traute sich nicht und hielt daher mitten in der Bewegung inne. »Ich liebe dich doch«, flüsterte er stattdessen kaum hörbar.

Schwungvoll drehte seine Frau sich zu ihm um, packte ihn mit der Hand am Hinterkopf und presste ihre Lippen auf seinen Mund. Hendrik wurde von dieser unerwarteten Reaktion vollkommen überrumpelt. Während ihre Zunge ungewohnt forsch auf Entdeckungstour ging, schob Wiebke ihn einfach vor sich her. Als beide wieder im Wohnzimmer angekommen waren, stieß sie ihn mit beiden Händen vor die Brust, so dass er rücklings auf dem Polstersessel landete. Überrascht schaute Hendrik seine Frau an. Am liebsten hätte er sie gefragt, was genau für ihren plötzlichen Sinneswandel verantwortlich war, aber er hatte Angst, erneut die falschen Worte zu wählen.

Ohnehin ließ Wiebke ihm keine Zeit darüber nachzudenken. Sie kniete sich zwischen seine Beine, öffnete die Schnalle seines Gürtels, den Knopf seiner Hose und zog ihm anschließend die Jeans samt Boxershorts mit einem Ruck von den Beinen. Dann stellte sie sich wieder hin, entledigte sich im Rekordtempo ihrer eigenen Kleidung und setzte sich splitternackt auf seinen Schoß.

»Happy Birthday!«, hauchte sie ihm ins Ohr, ehe sie ihn endgültig in sich aufnahm.

 

*

 

Auf seinem ersten nächtlichen Rundgang durch die riesigen Lagerhallen des Elektronikversandhändlers ließ Hendrik die Geschehnisse seines Geburtstages noch einmal Revue passieren.

Was genau ist da eigentlich gerade geschehen?

Seine Frau hatte ihn derart wild und leidenschaftlich geliebt, wie er es allenfalls noch aus den Anfängen ihrer Beziehung kannte. Außerdem war da ja auch noch ihr merkwürdiges Verhalten vom Nachmittag. So stur und streitsüchtig kannte er sie überhaupt nicht.

Ob es wirklich nur die Anspannung wegen der Überraschungsparty war? Oder ob ihr unsere finanzielle Situation vielleicht doch mehr zu schaffen macht, als sie es zugeben mag?

Wiebke hatte bereits vor einigen Jahren ihre letzte Anstellung als Verkäuferin in einem Kiosk verloren und seither keinen neuen Job gefunden. Die fehlende Berufsausbildung und ihr relativ schlechter Hauptschulabschluss schränkten ihre Chancen auf eine neue Beschäftigung zudem enorm ein. Hendrik kannte keine Details aus ihrer komplizierten Vergangenheit. Als er Wiebke kennengelernt hatte, hatte sie ihm lediglich erzählt, dass in ihrem bisherigen Leben so einiges schief gelaufen war. Sie wollte damals einen kompletten Neuanfang starten und ihre Vergangenheit weit hinter sich lassen. Hendrik respektierte ihren Wunsch und verschonte sie daher mit allzu neugierigen Fragen. Er wusste nur, dass seine Frau gerade einmal 16 Jahre alt gewesen war, als ihre Eltern bei einem tragischen Verkehrsunfall ums Leben gekommen waren.

Danach hatte es eine ganze Zeit lang gedauert, bis sie ihr Leben wieder auf die Reihe gekriegt hatte. Schon in der Pubertät war sie, nach eigenen Angaben, nicht einfach gewesen, hatte getrunken, gestohlen und mit Drogen herumexperimentiert. Nach dem Tod ihrer Eltern hatte sich die Lage noch weiter zugespitzt, auch wenn Sandra, ihre zwei Jahre ältere Schwester, alles versucht hatte, um sie wieder auf den richtigen Weg zu bringen.

Das Piepen seines Walkie-Talkies riss ihn aus seinen Gedanken.

»Alles okay bei dir?«, quäkte es aus dem kleinen Lautsprecher des Gerätes. Es war die Stimme von Georg, einem der älteren Mitarbeiter aus der Zentrale.

»Hier ist alles ruhig«, bestätigte Hendrik und setzte anschließend seinen Rundgang fort.

Kapitel 2

September 2016

Der Einbruch

Als Claudia Schäfer von der Arbeit nach Hause kam, fiel ihr zunächst nichts Ungewöhnliches auf. Die moderne Villa, die ihnen ein namhafter Architekt aus Oldenburg speziell nach ihren Wünschen entworfen hatte, wurde kunstvoll von einigen, im Boden versenkten, Scheinwerfern angeleuchtet. Sie öffnete das Garagentor mit ihrer Funkfernbedienung und parkte ihren weißen Audi A8, den ihr Mann ihr erst in diesem Jahr zum Geburtstag geschenkt hatte, in der breiten Doppelgarage.

Sie stieg aus dem Wagen, öffnete die hintere Fahrzeugtür und löste Bettys Hundeleine von dem komplizierten Gurtsystem, das extra für mitfahrende Vierbeiner entwickelt worden war. Die siebenjährige Jack Russell Terrier Hündin hüpfte schwanzwedelnd hinaus und rannte aufgeregt um ihr Frauchen herum. Claudia holte noch eine vollbeladene Einkaufstüte aus dem Kofferraum und steckte dann den Schlüssel in die Verbindungstür, die einen direkten Zugang von der Garage ins Haus ermöglichte.

»Endlich sind wir wieder zu Hause!«, sagte sie zu Betty und stieß die Wohnungstür auf.

Mit einem Knopfdruck erleuchtete das gesamte Anwesen in einem angenehmen Licht. Betty stürmte voraus und flitzte durch das Haus. Zwar war Claudia in der glücklichen Situation, dass ihr tierlieber Chef ihr gestattete, ihren Hund mit zur Arbeit zu nehmen, aber der notwendige Auslauf kam für den aktiven Vierbeiner tagsüber dennoch viel zu kurz.

»Wir gehen ja gleich Gassi!«, rief sie ihrem Hund hinterher, während sie in die Küche ging und die Einkaufstüte auf dem großen Esstisch abstellte. Sie warf einen prüfenden Blick auf die Uhr. 18:45 Uhr, das wird knapp, dachte sie. Um 20 Uhr musste sie schon wieder in der Stadt sein. Sie hatte sich dort mit einigen Leuten verabredet, mit denen sie vor einigen Wochen eine Protestbewegung gegründet hatte. Seitdem kämpften sie gemeinsam gegen den Ausbau des hiesigen Kohlekraftwerkes. Ihrer Meinung nach sollte Wilhelmshaven seine Küstenlage lieber nutzen, um damit Touristen in die Stadt zu locken, anstatt weitere riesige, rauchende Kaminschlote zu errichten, die nicht nur die wunderschöne Natur verdreckten, sondern auch noch den traumhaften Küstenabschnitt verschandelten.

Als sie gerade noch damit beschäftigt war, die Lebensmittel in den Kühlschrank zu sortieren, hörte sie Betty aufgeregt bellen. »Was hast du denn?« Claudia war irritiert. Eigentlich bellte Betty höchstens in Gegenwart anderer Hunde. Nachdem sie endlich alle Einkäufe verstaut hatte, bellte die Hündin immer noch. »Betty! Komm, Betty, wir wollen Gassi gehen!«, versuchte sie ihren Hund zu locken. Mit der Aussicht auf einen langen Spaziergang gewann sie eigentlich immer die Aufmerksamkeit ihrer Hündin. Aber heute klappte es irgendwie nicht. Betty kläffte in einer Tour weiter.

Claudia folgte dem Geräusch ins Wohnzimmer. Betty stand mit den Hinterbeinen auf der teuren Ledercouch und stützte sich mit ihren Vorderpfoten auf der Rückenlehne ab. Jeder Muskel ihres Körpers schien unter Anspannung zu stehen, während sie die gläsernen Terrassentüren anbellte, die in den großzügigen Garten hinausführten.

»Betty, sofort runter von der Couch!«, schimpfte Claudia. Sie hatte sich die Hündin angeschafft, kurz nachdem sie erfahren hatte, dass es ihr nicht möglich sein würde, eigene Kinder zu bekommen. Damals musste sie ihrem Mann jedoch versprechen, dass ihr Bett und das Sofa für das Tier absolut tabu sein würden. Er war nämlich gegen die Anschaffung eines Haustieres gewesen, konnte ihr diesen Kindesersatz aber letztendlich doch nicht abschlagen. Spätestens als Claudia die Adoption eines Waisenkindes zum Thema gemacht hatte, hatte wohl auch er verstanden, dass sie ein lebendiges Wesen zum Bemuttern brauchte.

Betty drehte ihren Kopf über die Schulter und schaute ihr Frauchen aufgeregt an. Ihr Maul stand offen und die lange Zunge hing seitlich heraus. Sie zeigte aber weiterhin keinerlei Anzeichen, die Couch verlassen zu wollen.

»Was ist denn nur los mit dir?« Claudia ging auf die Hündin zu. Erst jetzt bemerkte sie den Grund für Bettys Aufregung. Auf der Höhe des Fenstergriffes war die Scheibe der Terrassentür eingeschlagen worden. Das Loch hatte einen Durchmesser von etwa 30 Zentimetern. Erschrocken schlug Claudia sich die Hand vor den Mund. Bewegungsunfähig verharrte sie für einige Sekunden in dieser Position und starrte mit weit aufgerissenen Augen auf die kaputte Scheibe. Die Terrassentür war noch immer verschlossen und auf einen Einbruch hatte bisher auch nichts hingedeutet. Alles stand ordentlich an seinem gewohnten Platz, und auch die offensichtlichen Wertgegenstände waren nicht entwendet worden.

Ob der Täter überhaupt im Haus war?, fragte sie sich und suchte nach anderen logischen Erklärungen, wie das Loch in der Scheibe entstanden sein konnte.

Wieso sollte jemand die Scheibe einschlagen und dann einfach wieder gehen?, überlegte sie, als ihr plötzlich ein schrecklicher Gedanke kam. Könnte der Täter vielleicht immer noch im Haus sein? Im Bruchteil einer Sekunde lief es ihr eiskalt den Rücken herunter. Hektisch schaute sie sich im Wohnzimmer um. Waren sie und Betty wirklich alleine?

Der Täter könnte durch das Loch gegriffen und so die Terrassentür geöffnet haben. Nachdem er dann im Haus fertig war, hat er anschließend die Tür einfach wieder von innen verschlossen.

Sie spürte, wie die aufkommende Panik sie lähmte. Was sollte sie jetzt nur tun? Sollte sie die Polizei anrufen oder lieber so schnell wie möglich in den Garten flüchten?

Aber was ist, wenn alles nur ein Trick ist und er im Garten nur darauf wartet, über mich herfallen zu können?

Unentschlossen ging sie zunächst zum Sofa und nahm ihre Hündin auf den Arm. Betty war wahrlich kein Kampfhund, aber dennoch fühlte sie sich gleich ein wenig sicherer.

Wenn noch jemand im Haus wäre, würde Betty das sicherlich riechen, versuchte sie sich zu beruhigen, zog ihr Handy aus der Tasche und wählte die Nummer ihres Mannes.

»Ja, was ist?« Gerrit Schäfer klang gestresst und leicht außer Atem.

Sofort spielte Claudias Gedächtnis einen altbekannten Film vor ihrem inneren Auge ab. Sie sah ihren Mann hinter seinem gläsernen Büroschreibtisch im Krankenhaus stehen. Vor ihm stand Miriam, eine der blutjungen Krankenschwestern, mit denen er täglich zusammenarbeitete. Ihre weiße Hose und der knappe Slip waren ihr bis zu den Knöcheln heruntergeschoben worden, ihren Oberkörper hatte sie auf der Schreibtischplatte abgelegt. Sie hatte die Augen geschlossen und stöhnte bei jeder Stoßbewegung von Gerrit genussvoll auf. Dann wechselten die beiden die Position. Sie schubste ihn in den ledernen Bürostuhl, entledigte sich ihrer restlichen Klamotten und löste das Haargummi, das ihre langen blonden Haare bisher zu einem züchtigen Pferdeschwanz zusammengehalten hatte. Lasziv warf sie ihren Kopf in den Nacken, schaute dabei grinsend in die Kamera, setzte sich auf Gerrits Schoß und begann damit, ihn heftig zu reiten. Durch die Kameraperspektive, die das Treiben schräg von der Seite filmte, konnte Claudia erkennen, wie ihr Mann seinen Kopf zwischen ihre großen, perfekt gerundeten Brüste presste und dabei genussvoll grunzte. Solche Laute hatte er noch nie von sich gegeben, wenn er mit ihr im Bett war.

Irgendwie konnte sie ihren Mann damals ja auch ein wenig verstehen. Sie war immer sehr gehemmt, wenn sie sich nackt vor ihm zeigen musste. Wenn sie zusammen im Bett waren, schaltete sie gerne das Licht aus, während Miriam ihm ein komplettes Porno-Programm anbot. Zudem hatte sich in den letzten Jahren auch noch das eine oder andere Kilo dauerhaft an ihrem Bauch niedergelassen.

Zu allem Überfluss hatte sie sich bereits kurz nach ihrer Hochzeit von ihrer Friseuse zu einer modernen Kurzhaarfrisur und einer rot-braunen Färbung überreden lassen. Mittlerweile war sie sich jedoch ziemlich sicher, dass Gerrit insgeheim ihren langen, dunkelblonden Haaren hinterhertrauerte, auch wenn er das niemals zugeben würde. Trotzdem hatte sie sich bisher noch nicht dazu durchringen können, ihre Haare wieder wachsen zu lassen. Viel zu sehr fürchtete sie sich vor der schwierigen Übergangszeit, für die es einfach keine vernünftige Frisur gab.

Auch Claudias Sehkraft hatte dem zunehmenden Alter bereits Tribut zollen müssen, so dass sie sich kaum noch ohne Brille aus dem Haus wagte. Wenn sie sich im Spiegel betrachtete, war nicht mehr viel übrig, von der jungen, attraktiven Frau, die Gerrit einmal kennengelernt und schließlich geheiratet hatte.

Ich werde da unbedingt etwas ändern müssen!, beschwor sie sich zum wiederholten Male und nahm sich fest vor, es dieses Mal nicht bei dem bloßen Gedanken zu belassen.

Denn während ihr Äußeres in der letzten Zeit eher gelitten hatte, war Gerrit mit jedem Jahr nur noch attraktiver geworden. Sein Körper war durchtrainierter denn je. Ein graues Haar suchte man in seinen dichten, schwarz gelockten Haaren vergeblich. Und seine braunen Augen versprühten immer noch den jugendlichen Charme eines Teenagers. Zudem war er witzig, redegewandt, charmant und obendrein auch noch erfolgreich im Beruf. Sie konnte es also keiner Frau wirklich verübeln, wenn sie versuchen würde, sich diesen attraktiven Fang an Land zu ziehen.

Claudia schüttelte sich, um die Bilder wieder aus ihrem Kopf zu verbannen. Die DVD mit der pikanten Videodatei hatte sie eines Tages einfach in ihrem Briefkasten gefunden. Wahrscheinlich hatte Miriam die Szene heimlich aufgenommen, um so eine Scheidung zu provozieren und Gerrit endlich für sich alleine zu haben. Seitdem war zwar schon fast ein ganzes Jahr vergangen, aber die quälenden Bilder hatten sich wie ein Wasserzeichen in Claudias Netzhaut gebrannt. Sie hatte ihrem Mann verziehen, auch wenn sie hinterher noch herausfand, dass es sich nicht nur um einen einmaligen Ausrutscher, sondern sogar um eine monatelange Affäre gehandelt hatte. Aber sie wollte ihn nicht verlieren und hörte daher auf den Ratschlag ihrer verstorbenen Großmutter. „Einmal ist keinmal!“, hatte sie ihr damals gesagt, als sie ihr beiläufig von der Geliebten ihres Großvaters erzählt hatte.

Gerrit versprach ihr damals, den Kontakt zu Miriam abzubrechen und sorgte sogar dafür, dass sie ihren Job verlor. Auch sonst tat er alles, um Claudia davon zu überzeugen, dass er es ehrlich gemeint hatte, als er ihr unter Tränen versprach, dass so etwas nie wieder vorkommen würde. Trotz ihrer Kündigung und Gerrits eindeutigem Bekenntnis zu seiner Ehe, versuchte Miriam aber wirklich alles, um den Kontakt zu ihm wieder aufzunehmen. Offenbar war sie tatsächlich in ihn verliebt gewesen, was Claudia zeitweise sogar dazu bewegte, Mitgefühl für ihre Nebenbuhlerin zu empfinden. Doch als sie dann auch noch begann, sie und ihren Mann regelrecht zu verfolgen, war dieses Gefühl auch schnell wieder verschwunden.

Seit einigen Monaten hatten sie jedoch nichts mehr von Miriam gehört. Anscheinend hatte sie endlich eingesehen, dass sie keine Chance mehr bei Gerrit hatte.

Oder hat sie nur deshalb Ruhe gegeben, weil Gerrit die Affäre mit ihr längst wieder aufgenommen hat? Ist er nur deshalb so außer Atem, weil er sie genau in diesem Augenblick mal wieder durchvögelt? Claudia wurde schwindelig. Sie musste sich aufs Sofa setzen.

»Schatzi, was ist denn los? Sag doch etwas!« Gerrits Stimme klang jetzt deutlich ruhiger und ehrlich besorgt.

Sie schüttelte sich. Ihr war klar, dass ihre Ehe nur dann eine echte Chance haben würde, wenn sie, trotz der Vorfälle, nicht bei jedem Indiz eine neuerliche Untreue ihres Mannes vermutete.

»Ich glaube, bei uns wurde eingebrochen«, sagte sie daher leise.

»Ist dir was passiert? Geht es dir gut?«

Claudia atmete tief durch. Es tat ihr gut, dass sein erster Gedanke ihr und nicht dem riesigen Flachbildfernseher oder seiner teuren Armbanduhrensammlung galt. Denn genauso, wie sie ständig nach Hinweisen einer neuerlichen Untreue Ausschau hielt, suchte sie auch immer wieder kleine Bestätigungen dafür, dass ihr Mann sie tatsächlich immer noch liebte.

Sie spürte, wie die Panik, die kurzzeitig vollkommen von ihren Gedanken verdrängt worden war, schlagartig zurückkehrte. Hektisch fasste sie die Ereignisse für ihren Mann zusammen:

»Ich bin gerade erst nach Hause gekommen. Betty hat gebellt. Ich wollte doch nur die Einkäufe wegbringen, aber irgendwie schien mit ihr etwas nicht in Ordnung zu sein. Darum bin ich nachsehen gegangen. Ich habe es zunächst überhaupt nicht bemerkt, es fehlt ja auch nichts – alles ist noch da, glaube ich jedenfalls. Aber dann fiel mir das Loch in der Scheibe auf. Die Terrassentür ist zu, aber das Loch ist halt da. Ich weiß es doch selbst nicht!«

Gerrit schwieg einen Moment, nachdem sie ihren konfusen Bericht beendet hatte. Er schien nachzudenken. »Hast du schon die Polizei informiert?«

»Nein, ich habe gleich dich angerufen«, antwortete sie.

»Ruf sofort die Polizei an! Die sollen sich vergewissern, dass niemand mehr im Haus ist. Ich komme so schnell ich kann nach Hause.«

»Aber, deine Fortbildung...«, begann Claudia zu stottern. Einerseits wollte sie nicht, dass ihr Mann das Seminar, auf das er sich seit Wochen vorbereitet hatte, nur wegen ihr unterbrach, doch andererseits hatte sie auch Angst davor, die Nacht alleine in ihrem Haus verbringen zu müssen.

»Keine Widerrede! Ich breche hier ab und komme sofort nach Hause!«, unterbrach er sie.

Seine Stimme klang so entschlossen, dass Claudia wusste, dass weitere Einwände zwecklos waren.

»Danke«, flüsterte sie in den Hörer.

»Ich bin in spätestens drei Stunden zu Hause. Ich muss nur noch schnell mein Zeug in den Koffer werfen. Danach fahre ich sofort los.«

»Bitte fahr vorsichtig!«, bat sie ihn. Unter normalen Umständen war ihr Mann schon ein kleiner Raser. Sie befürchtete, dass er, unter diesen besonderen Umständen, die Kontrolle ganz verlieren könnte.

»Mach dir keine Sorgen um mich! Rufe jetzt die Polizei an und frag sie, was du tun sollst. Ich stecke mein Handy in die Freisprecheinrichtung, du kannst mich also auch während der Fahrt jederzeit erreichen.«

»Ich liebe dich!«, sagte sie und schämte sich in diesem Moment ein wenig für die Dinge, die sie ihm gedanklich mal wieder unterstellt hatte.

»Ich liebe dich auch!«