Ein Kuss für den Eisprinzen

Kurzbeschreibung

Die leidenschaftliche Liebe zum Eis und der Wunsch, Geschichte zu schreiben, treiben den ambitionierten Eiskunstläufer Felix Sternberg an. Er steht auf dem Höhepunkt seiner Karriere, als er unerwartete Konkurrenz bekommt: Jonas Steinmann, ein Unbekannter in der Eiskunstlaufszene, wird durch eine Wette sein neuer Trainingspartner und erhält für seine Programme stürmenden Beifall.


Doch das ist nicht der einzige Rückschlag, den Felix einstecken muss: Sein langjähriger Freund verliebt sich in einen anderen und trennt sich von ihm. Kurz vor einem wichtigen Turnier, das Felix daraufhin spektakulär in den Sand setzt.


Sein bisheriges Leben ist ein Trümmerhaufen und der Traum vom Gold bei der kommenden Weltmeisterschaft in weite Ferne gerückt.


Aber Felix gibt nicht so leicht auf – er beschließt zu kämpfen. Eigentlich nur um den Titel, doch dann schleicht sich hinterrücks die Liebe aus einer ganz unerwarteten Richtung an.

Bücher von Dahlia von Dohlenburg

Der süße Kuss des Todes

Die Magie des Königs

Sündenfall - Jäger in den Schatten 1

Der Fluch des Puppenmachers

Meermänner küsst Mann nicht - Märchenhaft verliebt 1

Ein Kuss für den Eisprinzen

Ein Kuss für den Eisprinzen

Dahlia von Dohlenburg

Inhalt

Kurzbeschreibung

Bücher von Dahlia von Dohlenburg

1. Felix

2. Jonas

3. Felix

4. Jonas

5. Felix

6. Jonas

7. Felix

8. Jonas

9. Felix

10. Jonas

11. Felix

12. Jonas

13. Felix

14. Jonas

15. Felix

16. Jonas

17. Felix

18. Jonas

19. Felix

20. Jonas

Eine Bitte in eigener Sache

Danksagung

Über den Autor

Bücher von Dahlia von Dohlenburg

Leseempfehlungen

Leseprobe

Sündenfall – Jäger in den Schatten 1

Kapitel 1

Felix

Mein Körper vibrierte im Rhythmus der Musik, die von den Wänden der Arena widerhallte. Ein letztes Mal spannte ich jeden Muskel in meinem Körper an und die Kufen kamen mit einem Knirschen auf dem Eis zum Stehen.

Die letzten Takte von Coldplays »Viva la Vida« verklangen, und ich ließ meine Hand sinken. Einen Moment verweilte mein Blick an der Decke. Dort sah ich nicht das stumpfe, teils abgeblätterte Weiß der Lackierung. Ich sah Nico, der mich anblickte und mir mit seiner samtig dunklen Stimme zuraunte, dass ich alles richtig gemacht hatte. Wärme breitete sich in mir aus und mein Herzschlag raste. Ich lächelte so breit, dass die Muskeln in meinen Wangen schmerzten.

Keuchend atmete ich eine kleine Wolke aus und die Anspannung wich aus mir. Ich sackte auf meine Knie, stützte mich auf dem Eis ab.

Ich hatte alles gegeben, keinen einzigen Fehler gemacht. Jeder Sprung, jeder Schritt hatte perfekt gesessen.

So gut wie heute war ich noch nie gelaufen. Ich holte Luft, richtete mich auf und fuhr mit hochgerecktem Kinn zur Bande, wo meine Trainerin Katia und mein Trainingspartner Jonas auf mich warteten.

Anerkennende nickte Katia mir zu. Jonas hatte sich ein Lächeln abgezwungen, obwohl seine Mundwinkel zuckten und es nicht ganz bis zu seinen Augen zu reichen schien. Aber was erwartete ich von dem Wunderknaben?

Katia klopfte mir auf die Schulter. »Das war grandios, Felix! Dein bester Lauf. Mit Abstand. So will ich dich bei der WM sehen

»Sie hat vollkommen recht«, platzte Jonas dazwischen. »Ich hoffe, es gelingt dir auch beim Wettkampf, den vierfachen Rittberger zu stehen.« Selbst ein vermeintliches Lob aus seinem Mund klang so überheblich, dass sich die Wut in meinem Magen kurz zusammenballte. Für einen Moment überschattete sie die Freude über mein gutes Ergebnis.

Ich presste meine Lippen fest aufeinander. »Das hoffe ich ebenfalls«, erwiderte ich und hätte mich dafür ohrfeigen können, wie säuerlich ich dabei klang. Ich durfte mir nicht immer von ihm die Laune vermiesen lassen.

»So, jetzt ist deine Kür an der Reihe«, sagte Katia an Jonas gewandt. Er nickte ernst und fuhr zur Mitte der Eisfläche.

Ich setzte mich, legte die Beine hoch und sah ihm zu, während ich meinen Proteinshake trank.

»Du kannt gehen, wenn du willst«, meinte Katia da zu mir. »Du hast dir die Erholung vor dem Turnier wahrlich verdient. Die Bavarian Open sind zwar nichts Weltbewegendes, dennoch solltest du in Bestform sein

Ich nickte, den Blick auf Jonas gerichtet, der angespannt darauf wartete, dass seine Musik einsetzte. »Ich seh mir seine Kür an, dann gehe ich

Katia sah aus, als wollte sie etwas sagen, verkniff es sich aber. Sie ging zur Musikanlage und startete Jonas’ Musikauswahl. Ein Zusammenschnitt von Mulans Suite. Von dem kühlen, kalkulierten Jonas hätte ich nicht erwartet, dass er eine Schwäche für Disney-Filme hatte. Zumindest war Mulan keine so klischeehafte Wahl wie »Let it go«, das er für sein Kurzprogramm ausgewählt hatte.

Innerlich schüttelte ich den Kopf über ihn.

Die Musik startete und von einem Moment auf den nächsten spannte Jonas’ Körper sich an. Auf dem Papier bestand seine Kür aus einer Aneinanderreihung der schwierigsten Elemente, die man sich ausdenken konnte. Und auf dem Eis lief er sie hervorragend.

Wie immer stand er seinen vierfachen Rittberger fehlerfrei. Wie immer machte er bei der Biellmann-Pirouette eine perfekte Figur. Ich wartete darauf, dass es ihm gelang, einen vierfachen Axel zu stehen. Aber zumindest heute sprang er nur den dreifachen. Wenigstens etwas, in dem er mich nicht übertrumpfte.

Er drehte sich in seiner letzten Pirouettenkombination, die er mit Sicherheit genauso fehlerfrei abschließen würde wie alles an seinem Programm.

Dass er besser war als ich, ließ sich nicht leugnen.

Ausgerechnet jemand wie er. Ein Newcomer ohne Vereins- oder gar Turniererfahrung. Allein durch sein Können hatte er es geschafft, die beste Trainerin weit und breit davon zu überzeugen, ihn umsonst zu trainieren.

Mein Proteinshake schmeckte plötzlich, als würde ich Sandwasser trinken.

Ich wollte mir nicht ansehen, wie überschwänglich Katias Lob für ihren Wunderknaben ausfallen würde, stand auf und verabschiedete mich mit einem knappen Nicken von ihr.

Jonas hatte seine Abschlusspose eingenommen. Das blonde Haar fiel ihm verschwitzt in die Stirn. Trotzdem konnte ich das Gefühl nicht abschütteln, dass er mich ansah.

Hastig wandte ich mich ab und verschwand in die Umkleide. Irgendwie kam ich mir dabei lächerlich vor, so vor ihm wegzulaufen. Gehetzt zog ich mich um, in der Hoffnung, dass er es nicht mehr versuchen würde, mich in ein Gespräch zu verwickeln.

Aber natürlich kam er sofort vom Eis in die Umkleide gestakst. »Trainierst du nicht mehr?«, fragte er ungläubig.

»Katia hat gesagt, dass ich gehen kann

Er nickte, wirkte dabei abwesend. »Gut, ich trainiere noch ein bisschen. Wir sind mit der Kür nicht ganz zufrieden

Ich zwang mich zu einem dünnen Lächeln. »Bis Dienstag dann.« Nicht ganz zufrieden! Sie legten es wohl darauf an, dass der Wunderknabe bei seinem Debüt gleich ein paar Weltrekorde knackte. Ich stopfte meine Kleider in meine Sporttasche und warf sie mir über die Schulter.

Ruhig Blut, es gab keinen Grund, so wütend zu sein. Ich hatte meine persönliche Bestleistung gelaufen, darauf kam es an.

Was machte ich mir vor? Ich wollte nicht einfach mich selbst übertrumpfen, ich wollte der Beste sein.

Seltsam, bevor der Knabe aufgetaucht war, wusste ich nicht, wie verdammt ehrgeizig ich war. Bevor er aufgetaucht war, gab es in Deutschland auch keine Konkurrenz für mich. Erst jetzt begriff ich, wie verwöhnt ich die vergangenen Jahre gewesen war, in denen ich einsam an der Spitze stand.

Jetzt wurde die Luft dort oben dünn.

Zwei Stunden früher als geplant machte ich mich auf den Weg zu Nico. Eine Überraschung. So konnten wir einen romantischen Nachmittag miteinander verbringen. Nur wir zwei.

Aneinandergeschmiegt würden wir auf der Couch liegen. Vielleicht konnten wir auch etwas zusammen kochen – dafür hatten wir schon lange keine Zeit mehr gefunden, dabei wusste ich, wie gerne Nico das tat.

Irgendwie war in unserem täglichen Trott kein Platz mehr dafür gewesen, so gewöhnliche Dinge miteinander zu unternehmen. Nach der WM würde sich das ändern – das waren ja nur noch anderthalb Monate. Vielleicht könnten wir dann auch endlich die Muße finden, zusammenzuziehen. Schließlich waren wir bald fünf Jahre zusammen. Da war es längst an der Zeit.

Ich blickte aus dem Fenster der Bahn, wo verschwommen Büsche und Bäume vorbeizogen, und hing den Gedanken nach. Wie das Leben sein würde, wenn wir endlich zusammen wohnten. Flo wäre nicht begeistert, wenn ich auszog, aber er fände bestimmt jemand anderes, mit dem er die Wohnung teilen konnte.

Im Nu wurden aus kleinen Fantastereien Zukunftspläne und ich musste lachend über mich den Kopf schütteln, wie voreilig ich wieder war. Ich sollte erst mal mit Nico darüber reden. Bisher hatte er das Thema nie auf den Tisch gebracht.

Vielleicht konnte ich das gleich heute tun.

Auf dem Weg vom Bahnhof zu seiner Wohnung pfiff ich leise vor mich hin. Einen Moment schwebte mein Finger über dem Klingelknopf, dann kramte ich den Schlüssel aus meiner Hosentasche, den er mir damals zu unserem Dreimonatigen gegeben hatte.

Wenn ich ihn schon überraschte, dann richtig.

Kaum hatte ich die Wohnungstür aufgeschlossen, bereute ich diesen Entschluss. Ich bereute, dass ich überhaupt hergekommen war.

Direkt gegenüber der Wohnungstür lag die Tür zum Schlafzimmer, die einen Spalt weit offenstand. Weit genug, dass ich die zwei nackten Leiber sehen konnte, die sich im Bett rekelten und aneinander rieben. Aber ich hätte gar nichts sehen müssen, da man deutlich hören konnte, was vor sich ging.

Einen Moment stand ich unschlüssig, mit einem eisig kalten Klumpen im Magen in der Eingangstür. Sollte ich gehen und so tun, als hätte ich nichts mitbekommen? Sollte ich ihn zur Rede stellen und auf der Stelle Schluss machen? Ein winziger Funken Hoffnung war noch in meinem Herzen – vielleicht war das alles ein Missverständnis. Vielleicht hatte er einem Freund für den Tag die Wohnung überlassen und ich bildete mir gerade etwas ein, was nicht wirklich passierte. Was nicht passieren durfte, nicht jetzt, nicht mit uns.

Nico würde mich doch niemals hintergehen.

Ich musste die Wahrheit herausfinden.

Leise zog ich die Wohnungstür hinter mir zu und stellte meine Sporttasche in der Diele ab. Mein Blut rauschte laut in meinen Ohren, sodass ich das Keuchen und Stöhnen nur noch gedämpft hörte. Als hätte man mir Watte in die Ohren gestopft.

Ich schob die Tür auf und schloss die Augen. Aber das Bild war bereits auf die Rückseite meiner Lider eingebrannt.

Es war Nico. Ich kannte jeden Winkel seines Körpers. Ich musste nicht sein Gesicht sehen.

Ich holte Luft, schlug die Augen auf. Mein Blick traf den des blondegelockten Knaben, der nicht älter als achtzehn aussah, und den Nico in unserem Bett vögelte, während das Bild von mir umgekippt auf dem Nachttisch lag. Die tiefbraunen Augen weiteten sich und er quietschte.

»Was ist, Max?«, murmelte Nico mit sanfter Stimme, legte seine Hand an die Wange des Jungen. Bildete ich mir das ein, oder hatte der ein blaues Auge?

Max starrte mich reglos an, nickte in meine Richtung. »Wer ist das

Nicos Rückenmuskulatur spannte sich an. Ich kam nicht umhin, zu bewundern, wie sexy das aussah. Der absolut falsche Gedanke in diesem Moment.

Ich sollte wütend sein, aber in meinem Körper breitete sich eine unbestimmte Taubheit auf. »Ja, Nico, wer ist das?«, echote ich. Erstaunlich, wie ruhig und fest meine Stimme war.

Nico stieß ein Seufzen aus und ich stellte mich darauf ein, dass er irgendetwas davon murmeln würde, dass es nicht so war, wie es aussah. Wobei man kaum etwas an dieser Situation hätte falsch deuten können.

»Du hättest es nicht so herausfinden sollen«, flüsterte Nico und sah mich endlich an. Er ließ seine Schultern sinken und setzte sich auf.

Hastig raffte Max das Laken um sich und rutschte ein Stück von ihm weg.

Nico räusperte sich. »Felix ist … mein Freund

Max stieß ein leises Wimmern auf, woraufhin Nico ihm sanft übers Haar strich.

Am liebsten hätte ich ihm eine gescheuert.

»Max und ich, wir sind … seit Dezember zusammen

Mir sprang eine Sicherung heraus. »Du fickst dieses billige Flittchen seit zwei Monaten

Ich hörte mich wie Florian an. Der wäre vermutlich stolz auf meine Wortwahl. Aber ich war keineswegs stolz auf mich.

Max riss die Augen weit auf, Tränen sammelten sich darin und er vergrub schluchzend seinen Kopf in den Armen.

Toll, jetzt war ich hier das Arschloch.

»Red nicht so von ihm«, warf Nico mir gleich entgegen und klang erbost, wie ich ihn nicht kannte. »Er kann nichts dafür. Er wusste nichts von dir«

»Hätte er denn jemals von mir erfahren? Oder ich von ihm

Nico fuhr sich mit den Händen über das Gesicht, seufzte und sah mich an. »Jetzt macht es ohnehin keinen Unterschied mehr …« Er sah mich an. »Nein, ihr hättet nichts voneinander erfahren. Nächste Woche wollte ich Schluss machen

»Ach.« Ich hob die Schultern. »Soll ich dann gehen und wir tun so, als wäre nichts passiert. Und wir feiern dann in drei Wochen unser Fünfjähriges als hättest du mich nicht seit zwei Monaten betrogen? Vergiss es

Plötzlich sah er mich an, als hätte er Mitleid mit mir. Er schluckte. »Felix, ich … ich wollte mit dir Schluss machen. Nicht mit ihm

Ich hatte nicht erwartet, dass mich die Worte noch so treffen konnten, aber für einen Moment nahmen sie mir alle Luft zum Atmen. »Was?«, keuchte ich.

»Ich wollte bis nach den Bavarian Open warten, weil dir dieses verdammte Turnier so wichtig ist und du mir immer in den Ohren gelegen hast, dass du mich brauchst, dass ich deine Muse bin, deine Inspiration. Dass du ohne mich nicht mit dem gleichen Gefühl laufen kannst. Aber …« Er schüttelte den Kopf. »Ich hätte sofort Schluss machen sollen, schließlich gibt es immer ein nächstes Turnier, das ich als Vorwand hätte nehmen können, bei dir zu bleiben. Erst dachte ich, vielleicht kann ich das bis zur WM durchziehen. Aber das Fünfjährige, das hätte ich nicht ertragen.« Er schloss die Augen, als könnte er mich nicht mehr ansehen. »Ich liebe dich nicht mehr. Schon lange nicht.« Er streckte die Hand aus und fuhr Max durchs Haar. »Bisher hatte ich nur keinen Grund, dich zu verlassen

»Wie lange liebst du mich nicht mehr

»Das ist doch nicht wichtig

»Für mich schon.« Obwohl die Antwort alles nur schlimmer machen würde.

Er saugte die Unterlippe ein. Wägte er ab, ob ich die Wahrheit verkraften konnte? »Bitte zieh daraus nicht die falschen Schlüsse, aber ich hab vor drei Jahren erkannt, dass du nicht das bist, was ich brauche

»Drei Jahre.« Ich rechnete im Kopf zurück, was vor drei Jahren war und mir wurde schlecht. »Damals hatte ich den Unfall. Ein Krüppel war dir wohl nicht gut genug

»Ich sagte, zieh nicht die falschen Schlüsse

»Was war es dann? War ich dir plötzlich zu anstrengend

»Nein, ich meine, ja, du warst furchtbar anstrengend und zickig und ich war so oft wütend darauf, wie unfair du Florian behandelt hast

Flo? Die beiden konnten sich doch nie ausstehen. Und ich erinnerte mich nicht, jemals schlecht zu Flo gewesen zu sein. Er war mein bester Freund.

»Aber das war es nicht«, fuhr Nico fort. »In der Zeit habe ich festgestellt, dass …« Er unterbrach sich einen Moment, sah mich eingehend an. »Das klingt jetzt härter, als es gemeint ist, aber ohne den Eiskunstlauf bist du nichts. Das habe ich damals bemerkt. Wir haben überhaupt keine Gemeinsamkeiten, weil du dich nur für diese eine Sache interessierst. Und ich bewundere deinen Fokus, deine Leidenschaft. Die Welt braucht Menschen, die so sehr für eine Sache brennen, dass sie vollkommen darin aufgehen. Und ja, das war ein Grund, dass ich mich überhaupt in dich verliebt habe, aber … Es ist mir nicht genug. Ich brauche jemanden, mit dem ich mich über Gott und die Welt unterhalten kann. Jemand, der nicht immer nur von sich selbst redet. Das merkst du wahrscheinlich nicht einmal, aber in deinem kleinen Eiskunstlauf-Kosmos gibt es nur dich. Und ich kann nicht damit leben, darin keinen Platz zu finden

»Aber du hast einen Platz in meinem Leben«, stammelte ich. »Den wichtigsten Platz

»Den Platz als deine Muse, deine Inspiration. Aber nicht als ich

»Doch natürlich

Mit einem milden Lächeln sah er mich an. »Was ist mein Lieblingsfilm

Ich suchte in meinem Gedächtnis, aber es fiel mir nicht ein. Er hatte es mir sicher irgendwann gesagt. Bestimmt hatten wir ihn sogar zusammen gesehen.

»Was esse ich am liebsten? Wo bin ich zur Schule gegangen? Wie heißt meine Schwester

Mein Kopf war leer. Es konnte doch nicht sein, dass ich nach fünf Jahren überhaupt nichts über ihn wusste. Ich öffnete den Mund, schloss ihn, schüttelte den Kopf. Hatte er wirklich recht? Lebte ich in einer kleinen Felix-Welt, in der sich alles um mich, nur mich drehte?

»Verstehst du es jetzt

Ich nickte. Es lag also an mir, nur an mir. Tränen verfingen sich in meinen Wimpern. Sie brannten in meinen Augen, als hätte ich sie viel zu lange zurückgehalten. Ich wollte ihm von meinem Kurzprogramm erzählen, davon, dass ich es nur seinetwegen perfekt gelaufen war. Aber was würde das ändern? Die Zukunft, an die ich geglaubt hatte, gab es nicht mehr.

Ohne mich zu verabschieden verließ ich seine Wohnung und verschloss die Tür zu einem Teil meines Lebens, den ich sicher geglaubt hatte.

Ich saß auf dem Bett, hatte die Knie angezogen und schaufelte Schokoladeneiscreme in mich hinein.

Lässig stand Florian an den Türrahmen gelehnt und sah mich mit zusammengezogenen Augenbrauen an. Ein paar Strähnen seiner braunen Haare hingen ihm neckisch in die Stirn. Mit seinem jungenhaften Gesicht sah er selten ernst aus, aber ich kannte ihn genug, um zu wissen, wie besorgt er mich gerade ansah. »Jetzt sag schon, was los ist. Ist irgendwas beim Training schiefgegangen

Das Training.

Ich schob die Eiscreme von mir. Die halbe Packung würde sicher sofort auf meinen Hüften landen und bei meinem hautengen Kostüm konnte ich mir das wahrlich nicht leisten. Sonst war ich bald nicht mehr der Eisprinz, sondern der Eisklops. Und ein Eisklops würde keinen vierfachen Rittberger stehen.

Ich seufzte. »Nein, beim Training war alles prima. Ich hab das beste Kurzprogramm meines bisherigen Lebens gelaufen

»So siehst du aber nicht aus. Irgend was muss doch passiert sein, dass du so traurig ausschaust

Einerseits wollte ich mich bei ihm ausheulen, andererseits wollte ich es Florian nicht eingestehen. Er hatte Nico nie gemocht und mir bereits vor fünf Jahren prophezeit, dass der mir irgendwann das Herz bräche.

Ach, früher oder später fände er es ohnehin heraus. Und vielleicht machte er ja sein Versprechen wahr und schlug Nico dafür zusammen. Ein Gedanke, der mich schadenfroh lächeln ließ. Nico war zwar durchtrainiert, aber einem Schwarzgurt hätte er nichts entgegenzusetzen.

Florian legte den Kopf schief und hob eine Augenbraue. »Was? Ich kenne dieses kleine Lächeln und das besagt nichts Gutes

Ich reichte ihm die Eiscremepackung und klopfte auf den Platz neben mir.

Florian schleckte Eis vom Löffel und setzte sich. »Nun sag schon

»Nico hat Schluss mit mir gemacht

Ungläubig blinzelte er. »Er hat was getan? Oh nein.« Er legte einen Arm um mich und zog mich an sich. »Das tut mir leid für dich

Ich ließ meinen Kopf an seine Brust sinken und ließ meinen Tränen freien Lauf. Ich mochte es nicht zu weinen, aber bei Flo war das etwas anderes. Ihm vertraute ich. Mit tränenverschleiertem Blick sah ich zu ihm auf. »Ich hab ihn mit einem anderen im Bett erwischt

Jetzt wirkte er zwar wütend, aber weit weniger überrascht. »Dieses Arschloch«, presste er hervor und seine Kiefermuskulatur spannte sich an. »Was hat der sich nur gedacht …«

»Ich weiß es nicht …« Ich lehnte mich an ihn, atmete seinen typischen Florianduft ein und ließ mich von ihm tröstend festhalten. »Er hat mir gesagt, dass er mich nicht mehr liebt. Schon lange nicht mehr, und dass …« Kraftlos unterbrach ich mich, schluckte.

»Was denkt er sich nur. Dieser Dummkopf. Jemanden wie dich gehen zu lassen. Ich wäre niemals so dumm.« Er drückte mich an sich. »Du hast etwas besseres verdient. Jemand, der dich wirklich liebt. So, wie du bist. Mit all deinen Ecken und Kanten

Vielleicht verdiente ich so jemanden. Vielleicht auch nicht. Jetzt war nicht der Moment, sich darüber Gedanken zu machen. Dazu war es noch zu früh, viel zu früh.

»Heute Mittag dachte ich noch …« Ich verschluckte mich. »Ich dachte darüber nach, dass wir endlich zusammenziehen könnten. Wo wir schon so lange zusammen sind. Es hätte mir komisch vorkommen müssen, dass er nie auf die Idee kam. Aber er wartete ja seit Jahren nur noch auf den richtigen Moment, mich loszuwerden. Und jetzt, wo er …«

Ich dachte an Max. An die schreckhaften braunen Augen. Ich hatte ihn mir nicht so genau angesehen und inzwischen verschwammen die Bilder durch einen Filter von Wut und Verbitterung. Aber mir war nicht entgangen, dass er verdammt hübsch gewesen war. Jung, hübsch, unverbraucht. Jemand, den Nico nach seinen Wünschen formen konnte.

Florian sagte nichts, wiegte mich einfach in seinen Armen hin und her. Ich war so dankbar, ihn zu haben. Meinen sicheren Hafen, zu dem ich immer zurückkehren konnte. Was hatte Nico nur damit gemeint, ich hätte ihn unfair behandelt? Es lag mir auf der Zunge, ihn zu fragen. Aber für einen Tag hatte ich genug bittere Wahrheiten.

»Sollen wir heute Abend zusammen weggehen? Damit du auf andere Gedanken kommst

Ich seufzte, schüttelte den Kopf. »Ich glaube nicht, dass irgendetwas mich heute auf andere Gedanken bringen könnte. Die ganze Zeit frage ich mich, was so besonders an ihm ist, dass er Nico glücklicher macht, als ich es konnte

Florian seufzte. »Mach dir nicht solche Gedanken. Ich glaube nicht, dass irgendetwas an Max besonders ist. Es ist einfach nur frisch und …«

Ich schob Florian von mir. Ein dicker Kloß bildete sich in meinem Hals und mühsam schluckte ich ihn herab. »Was sagst du da

»Am Anfang war Nico genauso hoffnungslos in dich verliebt. Das wird sich bei Max genauso wieder legen, und Nico wird feststellen …«

»Das meine ich nicht. Ich hab seinen Namen nicht erwähnt. Max

Florian schloss die Augen. »Fuck

»Du wusstest es

»Nico wusste nicht, wie er es dir sagen sollte und hat mich um Rat gebeten. Aber glaub mir, dazu hab ich ihm nicht geraten

»Du wusstest es und hast es vor mir verheimlicht

»Es tut mir leid, aber ich musste es ihm versprechen und … Dir die Wahrheit zu sagen war seine Aufgabe

»Du bist mein bester Freund. Du hättest mich vorwarnen können

»Ich hab dich jahrelang vorgewarnt, ohne dass es irgendetwas bewirkt hat. Hättest du mir geglaubt, ganz ohne Beweise

Er klang bitter und seine Bitternis mischte sich in meine Wut. »Natürlich hätte ich dir geglaubt. Und es wäre allemal besser gewesen, als …« Das Bild von Nico und Max, engumschlungen, flackerte wieder vor meinem inneren Auge auf. »Wie konntest du mich so hintergehen

»Felix, jetzt sei nicht so dramatisch

»Dramatisch?« Ich war überrascht, wie laut meine Stimme geworden war. »Du sitzt hier und tröstest mich, dabei hättest du mir das Ganze ersparen können

»Ich hätte es dir nicht erspart, ich hätte nur die Aufgabe geschultert, die ihm zustand

»Verschwinde.«

»Was?«

»Ich will dich heute nicht mehr sehen«, presste ich hervor.

Er sah mich an, die Lippen nur noch eine dünne Linie. Kopfschüttelnd verließ er mein Zimmer und wenig später schlug unsere Wohnungstür zu.

Ich wischte die Tränen aus meinem Gesicht.

Zu viele bittere Wahrheiten für einen Tag. Wie sollte es jetzt weitergehen?

Kapitel 2

Jonas

Ich blickte Felix an und das Herz schlug mir bis zum Hals. Ich sah ihn wahrhaftig vor mir auf dem Eis. Immer noch erschien mir das alles so unwirklich.

Jede Aufnahme von ihm hatte ich dutzende Male gesehen, jedes Kurzprogramm, jede Kür von ihm konnte ich auswendig. Doch die kleinen, meist pixeligen Youtube-Videos kamen nicht im Ansatz dem Gefühl gleich, ihn direkt vor mir zu sehen. Selbst in Full-HD könnte man seine Ausstrahlung nicht einfangen. Dieses überbordende Charisma, das aus jeder seiner Poren drang und ihn wie ein Dunst umgab.

Er war nicht nur übermenschlich schön, sondern hatte etwas Magisches an sich, wenn er sich auf dem Eis bewegte. Als wäre er ein Zauberer, der uns alle in seinen Bann schlagen wollte.

Jede Bewegung war geschmeidig, ausdrucksstark. Nicht immer fuhr er technisch perfekt, aber darauf kam es ja nicht an. Nicht bei ihm.

Er bewegte sich meisterhaft im Takt der Musik, folgte dem Rhythmus und erzählte eine Geschichte, die sich vor meinem geistigen Auge eröffnete.

»Viva la Vida« – lebe das Leben.

Kein Titel konnte besser einfangen, was mich an Felix so faszinierte. Die Kühnheit, mit der er sich, ganz unten angelangt, wieder an die Spitze gekämpft hatte. Ein gefallener König, der sich nicht in sein Schicksal fügte, der vehement dagegen ankämpfte und allen Widrigkeiten zum Trotz triumphierte. Er hatte übermächtige Feinde geschlagen und seinen Thron zurückerobert.

In seinem Kurzprogramm thematisierte er seinen Sturz, den furchtbaren Unfall, der ihn fast seine Karriere gekostet hatte. Die Geschichte eines mächtigen Königs, der nach einem Komplott in der Gosse landet und der sich nur sehnsüchtig nach der alten Macht recken kann.

Seine Kür stellte das Gegenstück dar: den verzweifelten Kampf gegen eine Übermacht, die ihn zu vernichten drohte. Den Triumph, als er schließlich die Oberhand gewann.

Nach der letzten Pirouette blieb Felix in der Mitte der Eisfläche stehen, die Hand aufwärts gestreckt, als wollte er den fernen Himmel berühren.

Er atmete schwer, Schweißperlen standen ihm auf der Stirn. Sein Blick, weit in die Ferne entrückt, war voller Schmerz und Trauer über seinen Verlust, aber auch voller Hoffnung, während die letzten Takte der Musik verklangen.

Wie hypnotisiert betrachtete ich ihn. Ich wusste nicht, woher der Gedanke kam. Er hatte nichts mit Felix’ Kurzprogramm zu tun und dennoch ließ er mich nicht los: Wie fühlte es sich wohl an, von jemandem wie Felix geliebt zu werden? Jemandem, der voller Emotionen war, sie zu atmen schien. Der einen nur ansehen musste, damit man erkannte, wie er sich im tiefsten Innern fühlte.

Ich war nicht wie er. Ganz und gar nicht. Ich fand nie die richtigen Worte, um meiner Freundin zu sagen, was sie mir bedeutete. Ich wusste nicht einmal genau, ob das, was ich fühlte, Liebe war. Felix war sich vermutlich immer über all seine Gefühle im Klaren, musste nie anzweifeln, was sein Herz ihm sagte.

Mein Herz dagegen sprach nie zu mir, war mir selbst das größte Rätsel. Leise seufzte ich.

Heftiges Klatschen riss mich aus meinen Gedanken. »Grandios«, hauchte Katia. Ihre Augen leuchteten, wie sie es selten taten. Nie, nachdem sie mich laufen gesehen hatte. Immer nur bei Felix. Weil nur er in der Lage war, einen Eisblock wie sie aufzutauen. »Das war absolut fehlerfrei. So gut ist er noch nie gelaufen

Als die letzten Sekunden des Kurzprogramms verklungen waren, sackte er auf die Knie und stützte sich keuchend auf dem Eis ab. Angespannte Stille knisterte in der Luft. So viele Dinge, die ich ihm sagen wollte, aber nicht wusste, wie. Er stand auf und fuhr mit erhobenem Haupt an die Bande. Dabei sah er tatsächlich wie ein König aus, der sich herabließ, sein unwürdiges Fußvolk zu grüßen.

Ich könnte niemals so sein, schoss es mir da durch den Kopf. Ich würde niemals so sehr an mich glauben können, wie er es tat.

»Das war grandios, Felix!«, sagte Katia und klopfte ihm auf die Schulter, »Dein bester Lauf. Mit Abstand. So will ich dich bei der WM sehen

»Sie hat vollkommen recht«, pflichtete ich bei, »Ich hoffe, es gelingt dir auch beim Wettkampf, den vierfachen Rittberger zu stehen

Er sah mich an, als hätte ich ihn tödlich beleidigt. Die Lippen hatte er zu einem dünnen, blutleeren Strich aufeinandergepresst. »Das hoffe ich ebenfalls

Meine Brust zog sich zusammen. Hatte ich wieder irgendetwas Falsches gesagt? Mir schien es, dass ich immer alles falsch machte, wenn ich mit ihm redete.

»So, jetzt ist deine Kür an der Reihe«, riss Katia mich aus den Gedanken.

Hastig nickte ich, streifte die Kufenschoner ab, stakste aufs Eis und fuhr in die Mitte der Eisfläche. Ich nahm meine Startpose ein und wartete darauf, dass Katia die Musik starten würde. Aber sie stand auf der Tribüne, redete noch mit Felix, der in meine Richtung blickte, mich ansah.

Kalte Schauer liefen mir über den Rücken. Felix sah mich nie an. Er sah immer über mich hinweg, widmete mir höchstens einen Seitenblick. Ein Schweißtropfen lief mir kitzelnd über die Schläfe und ich strich ihn mit dem Handrücken weg. Wenn Felix mir heute zusah, musste ich mein Bestes geben.

Katia ging hinüber zur Musikanlage. Mein Körper spannte sich an. Ich holte tief Luft.

Die Musik setzte ein, doch ich achtete kaum auf sie, hörte sie nicht wirklich. Zu sehr klebte mein Blick an Felix. Ich spulte meine Kür ab, in der ganzen technischen Perfektion, die ich mir in den letzten zwei Monaten erarbeitet hatte. Aber so wenig, wie die Musik an mein Ohr drang, drang mein Gefühl in den Lauf. Ich lief miserabel, furchtbar steif und mechanisch. Kein Wunder, dass Felix den Blick schon wieder von mir abgewandt hatte, als ich in meine Abschlusspose einnahm und ihm einen scheuen Blick zuwarf.

Er verschwand in die Umkleide. Mein Herz sank. Da hatte er mir einmal zugesehen und ich hatte ihn enttäuscht. Ich fuhr an die Bande.

Katia sah mich mit ernstem Blick an und schüttelte den Kopf. »Du fährst immer noch, als hättest du einen Stock im Arsch. Dagegen müssen wir etwas unternehmen

»Ich hab heute nichts mehr vor.« Ich nickte Richtung Umkleide. »Kann ich kurz mit Felix reden

Sie zuckte mit den Achseln.

Zitternd stakste ich zur Umkleide. Wenn ich nicht auf dem Eis lief, wurde mir immer schnell sehr kalt in der Halle und ich schlang die Arme um mich. Meinen ganzen Mut nahm ich zusammen, bevor ich in die Umkleide trat. »Trainierst du nicht mehr?«, fragte ich ihn, weil mir kein besserer Anfang für das Gespräch einfiel. Ich wollte wissen, wie ihm die Kür gefallen hatte, traute mich aber nicht, direkt danach zu fragen.

»Katia hat gesagt, dass ich gehen kann«, erwiderte er so kühl, dass ich eine Gänsehaut bekam.

Ich nickte, grübelte, was ich noch sagen sollte. »Gut, ich trainiere noch ein bisschen. Wir sind mit der Kür nicht ganz zufrieden.« Vielleicht würde er das als Anlass nehmen, meine Sorgen zu entkräften oder mir Ratschläge zu geben.

Er lächelte mich an, aber es wirkte nicht aufrichtig. »Bis Dienstag dann.« Er ging, ohne darauf zu warten, dass ich mich verabschiedete.

»Bis Dienstag«, flüsterte ich in die leere Umkleide.

Den Samstag hatten wir noch zwei Stunden trainiert, bis ich so ausgelaugt war, dass ich kaum noch stehen konnte und Katia sich endlich zufriedengab. »Entspann dich«, hatte sie mich ermahnt, als sie mich ins Wochenende entließ. Aber das war zwecklos: Die ganze Zeit über flatterte mein Herz, wenn ich an die kommenden Tage dachte. Ich hatte mir die gesamte Woche freigenommen, damit ich Montag Zeit für eine letzte, heimliche Trainingseinheit hatte, bevor es Dienstag mit dem Teambus Richtung Oberstdorf ging. Ich war aufgeregt, schließlich hatte ich bisher keine Gelegenheit gehabt, die übrigen deutschen Läufer kennenzulernen. Bei den Einzel-Herren traten nur Felix und ich an, aber es gab genug andere, neue Gesichter. Und dann das Turnier selbst! Das erste Mal, dass ich zu einem Turnier fuhr, und dann gleich eines, wo ich mich mit internationaler Konkurrenz würde messen müssen. Ich hatte nicht erwartet, dass mich die Aussicht so sehr unter Strom setzen würde. Aber jetzt drehte sich jeder einzelne meiner Gedanken um nichts anderes.

Nein, nicht jeder.

Nachdem ich mich beim Training wieder bis aufs äußerste ausgepowert hatte, machte ich mich auf den Weg in den Norden Bochums. Inmitten einer großen Parkanlage stand das Pflegeheim, in dem seit letztem Herbst meine Oma lebte. Umgeben von Grün wirkte es idyllisch, eher wie ein Wellness-Hotel als wie ein Ort, an den, wenn man es zynisch betrachtete, alte Menschen zum Sterben gingen. Niemand, der hier einzog, erwartete, das Pflegeheim lebend wieder zu verlassen.

Ein Gedanke, der immer wieder stach und sich wie ein Dorn schmerzhaft in meine Brust bohrte. Es wäre schöner gewesen, hätte Oma zu Hause bleiben können. Aber so besuchte ich sie fast jeden Abend, um die wenige Zeit, die mir noch mit ihr blieb, auszukosten.

Als ich ankam, grüßte ich die Pfleger und Pflegerinnen, die mir auf den Gängen begegneten. Von den meisten kannte ich inzwischen die Namen. Ich war heute etwas früher als gewöhnlich da. Deswegen traf ich Oma nicht auf ihrem Zimmer an, sondern in einem Grüppchen, das gebannt einer jungen Frau lauschte, die mit sanfter Stimme aus einem Märchenbuch vorlas. Ich hielt etwas Abstand, lehnte mich gegen eine Säule und sah meine Oma an.

Sie war immer eine kräftige Frau gewesen mit vollem, grauen Haar, die anzupacken wusste und immer ihre Frau stand. Ihr Gesicht war runzelig wie eine Rosine, seit ich mich erinnern konnte – besonders, wenn sie lächelte, was sie oft tat. Jetzt war sie schmal und in sich gesunken. Von ihrem alten Selbst war nur noch das Rosinengesicht geblieben.

Ich blinzelte und rieb mir mit dem Handrücken über die Augen.

»Herr Steinmann, so früh heute?«, begrüßte mich fröhlich Schwester Uschi, die mich mit ihren breiten Schultern und dem stämmigen Auftreten sehr an Oma in jungen Jahren erinnerte. Nur nicht ganz so grau. Vom ersten Moment an mochte ich sie.

»Ich hab Urlaub

»Und da müssen Sie nicht trainieren

Ich hob eine Augenbraue. Ich hatte nie mit ihr über den Eiskunstlauf gesprochen. Ich fürchtete, dass sie genauso reagieren würde, wie alle anderen. Bis auf Evelyn und Oma.

»Ihre Großmutter hat mir davon erzählt. Dass Sie irgendwann an den olympischen Spielen teilnehmen werden.« Sie hob eine Hand vor das Gesicht. »Oh, oder hat sie sich das nur …«

Ich winkte ab. »Nein, nein, auch wenn ich nicht weiß, ob das mit Olympia klappen wird.« Olympia war ein Traum, den ich nicht nur um Omas Willen erfüllen wollte. Erst mal kam Oberstdorf. Wenn ich dort scheiterte … »Ich war heute schon beim Training«, fuhr ich fort, um erst gar nicht an die Möglichkeit zu denken, dass ich scheitern könnte. Um es dann trotzdem prompt zu tun. »Morgen fahre ich auf ein Turnier

»Wie beeindruckend. Wird das irgendwo im Fernsehen ausgestrahlt? Hildegard würde sich das bestimmt gerne ansehen

»Ich fürchte nein. Eiskunstlauf ist ja wirklich nicht so groß in Deutschland.« Die WM würde vielleicht auf Eurosport laufen. Aber es war illusorisch, dass ich daran teilnahm. Dafür müsste ich schon besser als Felix sein. Und wie groß waren die Chancen?

»Oh, wie schade

Ich nickte, hoffte, sie würde das Thema fallenlassen. Zum Glück hakte sie nicht weiter nach. »Wie geht es Großmutter heute

Uschi zog die Augenbrauen zusammen und presste die Lippen aufeinander. »Auf einer Skala von eins bis zehn würde ich sagen eine fünf, vielleicht eine sechs

Das ging noch. Dann hatte ich schon Schlimmeres erlebt. Die Märchenstunde war zu Ende und die Vorleserin verabschiedete sich.

»Ich geh dann mal zu ihr«, sagte ich und nickte Uschi zu.

Oma saß im Rollsessel, in sich zusammengesunken und starrte mit glasigen Augen vor sich hin. Vielleicht war es doch eher eine Vier. »Guten Abend, Oma«, begrüßte ich sie und beugte mich zu ihr herab, strich ihr über ihre Wange, die sich wie Seidenpapier anfühlte. Ich hatte zu große Angst davor, sie zu zerreißen, wenn ich sie zu fest anfasste.

»Hallo, junger Herr.« Sie lächelte schief und ich sah, dass sie ihr Gebiss wieder nicht trug. In letzter Zeit war es oft ein Kampf, es ihr einzusetzen, und die Pfleger verloren ihn immer häufiger. Ich stellte mich hinter sie und schob sie in ihrem Rollsessel in Richtung Cafeteria.

»Was für eine Geschichte habt ihr denn heute gehört

»Oh, keine Geschichte, die ich dir erzählen würde. Da bist du zu jung für.« Sie gluckste und ich musste ebenfalls lachen.

In der Cafeteria holte ich uns einen Pott Kaffee, ein Stück Bienenstich für mich und ein Sahne-Nuss für sie. Sie hatte Diabetes, aber auch die Pfleger meinten, dass ich mir darum keine Gedanken mehr machen sollte.

Oma liebte Sahnekuchen, das war jetzt wichtiger. Allein, wie ihre Augen leuchteten, wenn ich den Teller vor ihr abstellte. Mir wurde warm in der Brust. Unerwartete geschickt ging sie mit der Kuchengabel vor, schaufelte sich ein kleines Stück nach dem anderen in den Mund. Schloss jedes Mal die Augen und lächelte versonnen.

»Ich komme erst in einer Woche wieder«, sagte ich ihr, als wir beide unseren Kuchen gegessen hatten. »Ich fahr zu einem Turnier. Eiskunstlauf. Du erinnerst dich

Blinzelnd sah sie mich an, dann mit glasigem Blick an mir vorbei. »Was redest du denn da, Walter? Eiskunstlauf.« Sie prustete. »Du kannst doch nichtmal Rollschuh laufen

Ich presste die Lippen aufeinander, zwang meine Mundwinkel leicht nach oben. Versuchte, die Enttäuschung zurückzudrängen. Schließlich war es nicht ihre Schuld, dass sie mich immer seltener erkannte. »Stimmt«, brachte ich mühsam hervor und zwang mich dazu, fröhlich zu klingen. »Das war ein bescheidener Witz

»Ach, mein Schatz«, sagte sie und griff über den Tisch nach meiner Hand. »Wie ungerecht das Leben mit uns war. Ich bin eine alte, faltige Frau und du wirst ewig ein junger Mann bleiben

»Da hast du recht. Das Leben ist ungerecht