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Inhaltsverzeichnis

Impressum

Die Widmung dieses Buches gebührt:

– Prolog –

Kapitel 1 – Wirre Zeichen –

Kapitel 2 – Innere Stimme des Banditen –

Kapitel 3 – Stummer Hilfeschrei –

Kapitel 4 – Wichtige Nachricht –

Kapitel 5 – Hoffnungsschimmer –

Kapitel 6 – Sehnsüchtiger Wunsch –

Kapitel 7 – Unausgesprochener Schmerz –

Kapitel 8 – Herz oder Vernunft –

Kapitel 9 – Erfolg, die letzte Rettung –

Kapitel 10 – Grausame Machenschaften –

Kapitel 11 – Innere Stimme des Banditen –

Kapitel 12 – Gefangen hinter Gittern –

Kapitel 14 – Innere Stimme des Banditen –

Kapitel 15 – In Sicherheit –

Kapitel 16 – Eric‘s Verzweiflung –

Kapitel 17 – Spurwechsel –

Kapitel 18 – Wandel –

Kapitel 19 – Unterwelt –

Kapitel 20 – Gebrochenes Herz –

Kapitel 21 – Neuer Plan –

Kapitel 22 – Abschied –

– Höherer Zweck –

– Danksagung –

Impressum

Alle Rechte der Verbreitung, auch durch Film, Funk und Fernsehen, fotomechanische Wiedergabe, Tonträger, elektronische Datenträger und auszugsweisen Nachdruck, sind vorbehalten.

Für den Inhalt und die Korrektur zeichnet der Autor verantwortlich.

© 2018 united p. c. Verlag

ISBN Printausgabe: 978-3-7103-3299-9

ISBN e-book: 978-3-7103-3305-7

Lektorat: Dr. phil. Ursula Schneider

Umschlagfoto: Ludwig Günther

Umschlaggestaltung, Layout & Satz: united p. c. Verlag

Innenabbildungen: Ludwig Günther

www.united-pc.eu

Die Widmung dieses Buches gebührt:

Valentina Kurz *22.10.1987 - + 17.2.2012

– Prolog –

In einem geliehenen Buch aus der Bibliothek der Universität waren unter dem Paragrafenzeichen auf der ersten Seite ein paar Zeilen mit Hand geschrieben:

„Arbeite schöpferisch mit dem, was Dir das Schicksaal zuwirft, erst dann wird Dir das Glück zufliegen.“

Diese Worte, von wem auch immer geschrieben, begleiteten mich auf der richtigen Spur zu meinem Glück.

Oft leiten uns Irreales und Wesenloses durchs Leben. Wie die Liebe einen Menschen zum anderen geleitet. Und es ist im Grunde egal, ob man alt oder besonders intelligent ist. Das Glück ist das Geschenk des Lebens, das jeder haben möchte, welches jedem zusteht: der Elfjährigen wie dem 80-Jährigen.

Glück macht Mut. Es gibt Kraft. Glück ist auch, sich sinnvolle Wünsche zu erfüllen und hinderliche Ängste zu beseitigen. Wenn man den eigenen Schicksalsweg, der einen erfüllt, gefunden hat, kann ein jeder die erarbeiteten Früchte ernten. Glück ist keine Glücksache. Glück ist der richtige Umgang mit Wünschen und Ängsten. Glücklich zu sein ist jedem bestimmt, doch man erreicht das Glück nicht durch Nachahmung anderer Lebenswege. Sinn des Lebens eines jeden ist, seinen eigenen Teil zur Schöpfung durch eigene Talente beizutragen. Talente besitzt jeder, man muss sich selbst lieben und ehren lernen. Die Aufgabe besteht darin, zu sich selbst zu finden und seine Schätze auf dieser Erde nützlich einzubringen. Wer das verstanden hat, hat das Zeug dazu, einzigartig zu werden, weil er oder sie die eigene Spur im Leben gefunden hat. Die gibt es nicht zweimal. Wer seines mit dem Glück der Anderen abgleicht und ständig bis ins hohe Alter Unsicherheit in sich spürt, sich reckt und sucht und auf solche trifft, die sich von Selbstfindungsgruppen abhängig machen, findet allenfalls eine Spur des Verwirrens und des Verwirrtseins. Wer glücklich sein will, muss die Bedeutung des Glücks ganz allein und für sich erfassen können. Schwer ist das nicht, aber ein mühseliger Weg.

Ist das Glück wirklich da, wirkt es leicht wie eine Droge. Manche werden verrückt nach Glück. Andere erstarren in ihrem Dasein, weil sie glauben, ihr Glück nicht finden zu können. Sie geben sich mit dem zufrieden, was ihnen gegeben wurde. Dann muss man sich keine Mühe mehr geben. Sie denken, ihr Ziel erreicht zu haben, und trauen sich nicht, weiter den Berg des Glückes zu besteigen, sondern hoffen stattdessen. Meist folgt auf die Hoffnung nur Schlaf, weil man nichts dafür getan hat.

Jeder Mensch muss zuerst sich selbst finden, bevor das vollkommene Glück ihn erreicht. Die Suche nach der richtigen Spur im Leben ist lang, selbst im Nebel kommt das Glück. Es wärmt und lässt sogar in der Kälte und Dunkelheit wohlig schweben. Das Glück kann an jeder Ecke lauern. Es gibt kein Ende des Strebens nach Glück.

Glück und Unglück liegen eng beieinander. Unglück schafft Sorgen. Es legt sich ein Schleier auf Kopf und Herz, von dem man nicht weiß, ob er jemals fortgenommen wird. Doch die Trauer im Unglück bewirkt zur rechten Zeit die Einsicht, dass sich der Mensch auf einem guten Weg befindet. Die Einsicht, dass Glück und Unglück vergänglich sind, bewegt den Menschen. Es lässt die Menschen nach etwas streben und gibt einen Ansporn.

Schwerer wird es für die, die Tag für Tag jeglichen Höhenflug vermeiden und lieber auf dem Boden bleiben wollen, die sich scheu umsehen, keine Experimente wagen und glauben, dass das Glück in der Vorsicht liege. Sie verweigern sich neuen Erkenntnissen, weil sie ja schon eine Erkenntnis gefunden haben. Sie vegetieren nur vor sich hin, weil sie Angst haben, einen Fehler zu machen. Das Leben ist dazu da, um Neues zu ergründen, und Fehler dürfen gemacht werden. Dafür muss man sich nicht schämen. Wir sind da, um zu lernen und somit auch Fehler zu machen.

Glück steckt an, wenn sich der Neid nicht wie Rost durch die Seele gefressen hat.

Glücklich macht indessen das Ziel, das man erreichen will. Jeder gelungene Schritt auf dieser Spur ist wie der Aufstieg auf einer Glücksleiter.

Glücklich macht nicht allein die Liebe zu einem Menschen, sondern zu Kleinigkeiten im Alltag: zum Beispiel der freundliche Gruß des Bäckers, der sich Tag für Tag über die Treue freut, bei ihm und keinem anderen morgens frische Brötchen zu kaufen.

Man muss den richtigen Weg finden. Man kann diesen Weg Schicksalsspur nennen. Es kommt nur selten vor, dass Menschen eine höhere Last tragen müssen, als sie können. Das Schicksal ist meist gerecht. Vom Gegenteil sind nur die überzeugt, die das Schicksal für einen bösen Wolf halten. Schicksalsschläge sind meist nicht tödlich. Sie ändern aber viel im Leben. Auf die Trauer nach dem Verlust eines Lieben oder der Liebe folgt die Einsicht, dass das Leben weitergehen muss. Loslassen ist keine Sünde, es ist vielmehr eine Chance auf neues Glück. Viele Menschen finden neue Kraft durch ihre Einsicht. Zum Glück gehört die Einsicht, dass das Leben keine Bestrafung ist, wie so viele denken. Man sollte wissen, dass man alles Notwendige um sich herum bekommt, um ein glückliches Leben zu führen. Doch was man daraus macht, ist einem selbst überlassen.

Will man dem Schicksal ganz entkommen, öffnet sich das falsche Tor auf dem Weg ins Leben. Erkennen heißt nicht sich ergeben. Wer das Schicksal verdammt, verhält sich wie ein Opfer des eigenen Lebens, das die Last der Welt tragen muss – mit dem tiefen Gefühl, ungerecht behandelt durch die Welt zu gehen. Wer das Schicksal nicht an sich heranlässt, hat nichts, was ihn oder sie leitet. Es kommt auf die Zeichen an, die das Schicksal gibt.

Ich habe gelernt, dass sich alle Menschen dieser Welt in schwierigen Zeiten scheinbar höheren Mächten zuwenden. Sie wollen es jedenfalls. Manche glauben an Gott und Schutzengel, andere stützen sich auf die Hoffnung. Darum geht es. Um die richtige Spur. Und um die Zeichen, die auf diese Spur geführt haben. Wer glücklich sein will, muss Menschen, Einsichten und Lebenswege anderer tolerieren. Wer allerdings immer nur an seinen eigenen Weg denkt, sollte nicht vergessen, dass auf dieser Welt im Moment mehr als sieben Milliarden Spuren gegangen werden. Es gibt Kreuzungen und Überlagerungen. Niemand ist auf seinem Weg ganz allein.

Kapitel 1
– Wirre Zeichen –

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Celine war unglücklich. Sie stand mit einer betrübten Sicht auf ihr Leben wie vor einer Milchglasscheibe und wusste keinen Ausweg. Unruhe herrschte in ihr. Diffuse Ängste verstärkten ihre Sorgen. Sie litt stark und fuhr an jenem eisigen Morgen zur Arbeit. Zuerst ging alles gut. Routine leitet, solange man nicht besondere Achtsamkeit zeigen muss. Die Ampel vor ihr stand auf Grün. Sie würde wohl, ohne stoppen zu müssen, auch diese Kreuzung überqueren können. Doch der Fahrer vor ihr war übertrieben vorsichtig. Kaum war das Grün den Bruchteil einer Sekunde hinter dem Gelb verschwunden, bremste der Mann hart und ebenso war ihr Aufprall: hart und plötzlich. Celine hätte keine Chance gehabt, das Desaster zu verhindern. Schneematsch lag glitschig auf der Straße. Immerhin hatte sie versucht, noch zu bremsen. Doch der Abstand zum anderen Auto war zu gering gewesen. Ihr Wagen rutschte und blieb nicht stehen. Es knallte. Für einen Moment senkte sie den Kopf auf das Lenkrad, verharrte dumpf verwirrt. Sie schaute nach vorn, nicht etwa auf das andere Auto, sondern auf die rote Ampel, die das alles nichts anging, bevor sie auf Grün umschaltete – für die freie Fahrt, die ihr jetzt nicht mehr erlaubt war. Niemand kam auf sie zu. Der Scheibenwischer versuchte quietschend, im Sekundentakt klare Sicht zu schaffen. Selbst wenn das gegen den Nieselregen länger als einen Moment gelungen wäre, blieb es ihr verwehrt, eine klare Sicht in sich selbst zu finden. Im ersten lichten Moment stieg sie aus. Sie bewegte nun doch etwas, nämlich der Gedanke, vielleicht jemanden verletzt zu haben. Ein kleiner, alter Mann saß angeschnallt in seinem dunklen Mercedes.

„Rufen Sie die Polizei!“, schrie er.

Celine hörte ihn durch die Scheibe so, wie sie ihre Gefühle bis zum Unfall wahrgenommen hatte. Erschrocken zog sie das Handy aus der Jackentasche, überlegte nicht lange und nach einer kurzen Weile eilte ein Polizeiauto herbei. Da wusste Celine schon, dass dem kleinen, alten Mann und seiner Frau nichts passiert war. Angespannt saßen und standen sie alle vor der Ampel, die immer wieder von Grün auf Gelb auf Rot und wieder auf Grün sprang. Andere Autofahrer fuhren neugierig und vorsichtig an ihnen vorbei. Niemand hatte angehalten, weil man keine Verletzten und auch keinen ernsthaften Crash sah. Die Kälte machte ihr nichts aus. Das Haar war nass. Celine zitterte. Das lag aber am Schrecken und nicht am Wetter an diesem kalten Wintermorgen.

Aus dem Polizeiwagen stiegen zwei Polizisten, einer davon war Oliver, ihr bester Freund. Mit kundigem Blick schaute er sich den Unfall an und eilte dann herbei, um ihr das Blut von der Stirn zu wischen, das Celine nicht bemerkt hatte. Aus der Tasche holte er aus einer Hülle ein sauberes, gefaltetes Taschentuch, drückte es auf seine Lippen, um es feucht zu machen, und wischte anschließend sachte das Blut weg. Er kam ihr wie ein Vater vor.

Für ihn war die Sache klar. Celine würde alle Schuld auf sich nehmen müssen. Nein, Papiere könne er nicht manipulieren. Damit müssten sie beide leben. Oliver war ihr bester Freund, sie hätte ihm nie abverlangt, für sie zu lügen und zu betrügen. Ihr Pech vor der Ampel wollte sie hinnehmen. Oliver hatte zwar Fürsorge gezeigt, doch in ihm war der korrekte Polizist stärker als ihr vertrauter Weggefährte. Es gab keinen Grund, die Schuld auf andere zu schieben. Dann wurde alles protokolliert; mit Fotos und Aussagen, mit Nachfragen und Unterschriften, mit Kopien der Ausweise. Oliver befahl den Beteiligten, die Straße zu räumen und die Autos an den Straßenrand zu fahren.

Wie spät war es geworden? Celine hatte sich plötzlich daran erinnert, einen wichtigen Termin zu haben. Oliver müsste ihr helfen. Knapp eine Viertelstunde hatte sie noch Zeit, um in ihrer schwarzen Robe ruhig und nüchtern vor dem Angeklagten zu sitzen und das Urteil zu sprechen. Zwei ganze Verhandlungstage hatte sie schon gelitten. Es ging um einen kleinen Jungen, dessen Stiefvater sich immer wieder an ihn herangemacht hatte. Er hatte ihn befummelt, umgarnt, belogen, bedroht, damit das alles immer und immer wieder geschehen konnte. Der Junge ergab sich stumm, fürchtete sich, schwieg, nahm hin, was der Stiefvater von ihm verlangte, und ertränkte seine Tränen nachts im Kissen mit dem angstvollen Blick zur Tür, ob der Mann nicht wieder zu ihm kommen würde, um das Spiel von vorn zu beginnen. Der Mann sprach von einem Spiel, doch der kleine Junge wusste, dass es etwas ganz anderes war, und er nur deshalb niemandem etwas sagen sollte, weil die Mama arg böse und enttäuscht sein könnte – genau so, wie der Stiefvater das gesagt hatte. Das machte alles noch schlimmer. Es war widerlich. Celines Herz wollte sich befreien, nicht allein der Gerechtigkeit wegen, sondern weil ihr dieser Fall immer wieder in den Sinn kam. Sie stellte sich die geblümte Tapete und ein weinendes Kind vor und sie sah vor ihren Augen diesen Mann, dem niemand zutrauen würde, etwas anderes zu sein als ein herzlicher Kerl, der sich rührend um seine neue Familie kümmerte. Das Ganze war eben nicht nur ein Fall. Ihr Freund Oliver kannte das Verfahren in groben Zügen. Das reichte, um seinen Kollegen zu bitten, auf den kleinen, alten Mann und seine Frau aufzupassen. Ein Abschleppdienst solle kommen und der Kollege den Wagenschlüssel an sich nehmen. Denn er, Oliver, müsse die Richterin schnell zum Gericht bringen. Es ginge dort um Wichtigeres als einen der vielen Autounfälle in dieser kalten Winterzeit. Der Kollege verstand. Oliver drängte Celine in seinen Dienstwagen, als sei der Prozess seine Sache und sie wäre das notwendige Gepäck. Celine zog ihr Handy aus der Tasche, sagte im Gericht Bescheid, dass es etwas später werden könne, weil sie in einen Autounfall verwickelt wäre, sie aber gleich da sein würde. Alle sollten warten. Eine Verschiebung des Termins käme nicht infrage.

Oliver machte sich jedoch nicht nur Sorgen darum, dass sie schnell ans Ziel käme:

„Musst du zum Arzt?“

In seiner Stimme lag eine Strenge, die nach der Wahrheit verlangte:

„Nein!“

Das stimmte. Doch Oliver gab nicht auf:

„Das ist doch nicht das erste Mal, dass dir wieder etwas passiert!“

Celine guckte stumm weg, sah neben sich Autos, Bürgersteige, vorbeiziehende Häuserzeilen. Oliver machte der Matsch auf den Straßen zwar nichts aus, dennoch fuhr er manchmal etwas zu schnell. Doch welcher Polizist würde einen Polizeiwagen anhalten? Celine konnte ihm vertrauen und den Ton ändern, den einer guten Freundin annehmen, um ihm zu sagen, dass sie nicht verstehen könne, warum neuerdings ein Problem auf das andere folge. Sie also völlig durcheinander sei, nicht nur wegen der Schwierigkeiten, sondern deshalb, weil sie diese vielleicht selbst verursache. Ganz sicher sei sie nicht. Verwirrung stand einer Richterin nicht gut zu Gesicht. Celine war geübt im Verbergen und Verhärten, doch Fälle wie die des kleinen Jungen und seines Stiefvaters brachen ihr das Herz – es ähnelte den Scherben eines auf den Boden gefallenen Glases. Doch trotz leidvoller Mitgefühle musste Celine pünktlich sein und vor allem entschieden Recht sprechen. Im Grunde glaubte sie, eine gute Richterin zu sein, die das, was die Staatsanwaltschaft aufgeschrieben hatte, nie als Vorgang mit einem Aktenzeichen sah. Es wäre besser gewesen, das anders zu sehen. Es fraß sich ihr in die Seele, was im Gericht besprochen werden musste.

Ihr ausgeprägter Gerechtigkeitssinn war jedoch nicht ihre einzige Sorge. Celine hatte das Gefühl, dass so manche Spur vom richtigen Weg abgekommen sei. Denn sie war sogar Zeugin eines Banküberfalls geworden. Nur zwei Wochen war es her, dass sie eine Überweisung erledigen wollte, die sehr eilig war. Die Frau hinter dem Schalter verhielt sich korrekt und freundlich und schaute sich das Papier an. Celine hatte alles ordentlich ausgefüllt. Doch wusste die Frau, dass man besser noch einen Blick auf die Überweisung warf, bevor diese in der Schublade verschwand. Celine kannte das und trotzdem kam in ihr jedes Mal etwas Spannung auf, die der Entmündigten, der man nicht zutraute, ein schlichtes Formular auszufüllen. Seltsamerweise empfand Celine das auch bei dieser Frau, die sie auf knapp 40 Jahre schätzte.

„Alle sofort auf den Boden!“

Einige Leute jammerten. Andere brachen in Tränen aus. Celine konnte sich nicht bewegen und stand starr da. Man hörte ein „Was soll das?“, das sofort verstummte.

In solchen Momenten gibt es keinen Unterschied zwischen Vernunft und Feigheit. Langsam drehte sich Celine um, sie wollte wissen, was hinter ihr geschah. Dazu musste sie Mut schöpfen. Die Bankräuber waren maskiert und trugen eng anliegende, schwarze Kleidung. Die Bankangestellten und die Kunden lagen erstarrt auf den Fliesen der Bank. In jedem Muskel steckte Angst, die sich nicht lösen konnte, weil es um Leben und Tod ginge, wenn sich einer bewegte. Alle spürten ihren Atem, den die Fliesen auf ihre Gesichter zurückwarfen, weil die Bankräuber Ordnung geschaffen hatte. Jeder fühlte die Nähe des Todes, der umherwandelte, sich niederlassen könnte, wenn nur einer etwas tat, was danach aussähe, sich nicht fügen zu wollen. Eine Frau wimmerte, ein Mann presste die Luft aus seinen Lungen und machte Geräusche. An der Eingangstür blieb es still. Sie schob sich nicht auf und keiner kam zu Hilfe. Die Männer richteten ihre Pistole, an deren Zahl sich Celine nicht erinnern konnte, auf die jungen und alten Leute auf dem kalten Boden, um Kontrolle zu bewahren und an die Schließfächer zu kommen. An Sparbücher, Schmuck, Bargeld, Urkunden und antike Gegenstände, kurzum an alles, was wertvoll war.

Plötzlich wurde es mystisch. Ein Phänomen war zu sehen, welches sie nur aus den Filmen der Ninja-Kämpfer kannte. Celine war besessener Ninja-Fan. Geduld, Ausdauer und Selbstdisziplin gehörten zu den Grundprinzipien der Ninja-Kämpfer und sie wollte viel davon haben, um dem Glück näher zu kommen. So jedenfalls dachte sie.

Das Wimmern verstummte, die Luft strömte nicht mehr an den Stimmbändern vorbei. Es war still. Vollkommen still. Wer genau hinhörte, nahm die Maschine wahr, die irgendwo frische Luft in die Kassenhalle drückte. Die Räuber fixierten die auf dem Boden liegenden Geiseln mit ihren Blicken. Manipulation, Hypnose oder übermenschliche Fähigkeiten? An so etwas zu denken, war vollkommen idiotisch. Aber ihre Knie blieben still. Celine schwankte nicht, wirkte wie eine Säule, die im Innern brüchig war. Anders konnte sie diese Starre der Geiseln und ihre eigene nicht erklären. Die Ninja-Kampfkunst wird mit quälenden und unmenschlichen Trainingseinheiten gelehrt, um die menschlichen Sinne zu schärfen. Dies hatte Celine einmal gelesen und es schien in diesem Moment plausibel zu sein. Dies erklärte Celine ihrer Angst.

Der Zweigstellenleiter durfte aufstehen. Er sollte die Schließfächer öffnen, um den Dieben das wertvolle Gut zu überlassen.

Einer der Maskierten kam näher und näher. Er blickte lange in ihre Augen, als wolle er sich erinnern, vielleicht an eine Nachbarin oder an eine Freundin. Vielleicht wollte er Celine fesseln, weil er unendliche Macht in sich spürte. Sein tiefer Blick in ihre Augen ließ die Angst in ihr erstarren. Seine dunkelblauen, kalten Augen zwangen sie, innere Ruhe und Starrheit zu spüren. Er hypnotisierte sie, nur so konnte es funktionieren, dass die Angst plötzlich verschwand. Als wäre sie nie da gewesen und der Überfall nie passiert. Ihre Intuition täuschte sie jedoch nicht. Celine befand sich in einem hypnotisierten Zustand. Plötzlich geschah etwas Unerklärliches. Sie wurde zum Steuermann und spürte wieder ihre Angst. Die Angst kehrte zurück und ihre Knie zitterten wieder. Es war ein Moment des Gefühlswechsels. Da sah sie es – die Augen des Räubers veränderten sich. Seine dunkelblauen Augen verwandelten sich zu Ozeanfarben. Sie wurden sanft und freundlich. In diesem Augenblick sank seine Waffe um ein paar Zentimeter herab. Er war sichtlich verwirrt. Irgendwie überlistete sie seine Fähigkeiten. Die Angst breitete sich in ihrem Körper aus und Verwirrung ergriff seinen Kopf. Ein Tränenfilm zog sich über ihre Pupillen. Er wurde für einen Moment schwach. Celine hingegen überkam Schwindel, die Beine zitterten, ihr Kopf drohte, leicht nach vorn zu kippen, als wolle sie sich vor ihm verneigen. Celine senkte den Blick und sah, dass der Mann zwischen Brust und Nabel eine Pistole auf sie gerichtet hielt. So nahe hatte sie eine P8 noch nicht gesehen. Sie kannte sich mit Waffen aus. Der Staatsanwalt hatte immer wieder Akten geschickt, obwohl Celine sich für die Bezeichnungen von Pistolen, Messern und Gewehren gar nicht interessierte. Doch gehörten solche Bezeichnungen wie P8 zu den Fakten, die bei einer Tat auf vielen Seiten Papier vorkamen. Celine kannte sich gezwungenermaßen mit Messern, Gewehren, Pistolen aus und sogar mit kleinen Buddhas, mit denen Schädel eingeschlagen worden waren. Instinktiv wusste sie, er würde ihr nichts tun. Der Mensch ist geheimnisvoll. Diesen Mann fand sie anziehend, doch sie würde das keinem erzählen. Er war ein potenzieller Angeklagter. Von denen hielt man sich fern. Doch war er mehr als nur ein schlimmer Bankräuber, denn die Zeit drängte, um das Vermögen anderer Leute zu holen. Die Männer ließen das Geld im Kassenhäuschen liegen. Das interessierte sie nicht. Sie wollten die wertvollen Schätze. Celine vertraute dem Zweigstellenleiter unten bei den Schließfächern, die er geöffnet hatte, weil Menschenleben wichtiger waren. Die Bankräuber verschwanden, nachdem sie sich die Schätze genommen hatten. Und ausgerechnet in dem Moment des Überfalls war in Celine etwas aus dem Lot geraten.

Der Autounfall war nur ein Tropfen auf den heißen Stein, der sie daran erinnern sollte, dass sie einen falschen Weg in ihrem Leben gegangen war. Celine verstand, dass ihr der Räuber bei ihrem Blick in seine Augen die Wahrheit offenbarte. Sie suchte nicht nach Geld und Wohlstand. Sie hatte Verlangen nach Liebe und Leidenschaft. Doch beides wurde ihr bislang verwehrt.

Kapitel 2
– Innere Stimme des Banditen –

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Beim Blick in den Spiegel erschrak der Bandit. Was war mit ihm geschehen? Seine eiskalten Augen, die vor dem Überfall von Skrupellosigkeit und Hass erfüllt waren, weil er es nicht anders kannte, waren wie verwandelt. Er fühlte sich wie ein wildes Tier, welches plötzlich von einer Liebe ergriffen wurde, die es zuvor noch nie spürte. Dies war ihm nicht beigebracht worden. Liebe und Mitgefühl standen nicht auf dem Lehrplan, denn es behinderte die Professionalität.

Immer und immer wieder war der Banküberfall besprochen worden: Wer wo steht, damit keine Zeit verloren geht. Im Grunde war das nicht nötig. Die Banditen arbeiteten wie menschliche Maschinen. Sie waren dafür ausgebildet, um zu morden und zu stehlen.