Inhalt

Titel

Widmung

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Danksagungen

Impressum

Cover

 

Pamela Palmer

83100_LYX_PalmerVerlangen.tif

Ungezähmte Begierde

Roman

Ins Deutsche übertragen von
Wolfgang Thon

 

Meinen Eltern, Stew und Pat Palmer,

für ihre Liebe und ihre Unterstützung,

und dafür, dass sie mir den Glauben daran gegeben haben,

dass alles möglich ist.

 

1

Vor fünftausend Jahren verbündeten sich die Therianer, ein Geschlecht von Gestaltwandlern, mit ihren Feinden, den Magiern, um den Großen Dämon Satanan und seine entsetzliche Bande zu überwältigen und wegzusperren. Dies ist ihnen zwar gelungen, doch haben sie dafür einen hohen Preis zahlen müssen: Beide Rassen büßten einen Großteil ihrer Macht ein. Bis auf einen Therianer von jeder der alten Linien haben alle die Kraft ihrer Tiere verloren, und dazu auch noch die Fähigkeit, ihre Gestalt zu wandeln. Nur neun Gestaltwandler sind übrig geblieben.

Die Krieger.

Sie haben die Aufgabe, ihre Rasse zu schützen und das gefährliche, unberechenbare dämonische Gesindel, Drader genannt, zu jagen und zu vernichten. Und außerdem, vielleicht sogar das Allerwichtigste: die dämonische Klinge zu bewachen, in der Satanan und seine Bande eingesperrt sind … denn die Rückkehr des Dämons würde die Hölle auf Erden bedeuten.

*

Die Krieger waren schwer angeschlagen.

Tighe ließ sich den Nachtwind durch das Gesicht streichen und versuchte ein wenig Ruhe zu finden, während er durch den wilden, steinübersäten Wald hoch über dem Potomac River lief.

Die Magier hatten den Verstand verloren und versuchten ganz offensichtlich, die Dämonen zu befreien. Nachdem sie vor fünftausend Jahren so viele Opfer gebracht hatten, um sie einzusperren, konnte sich Tighe diese Tatsache gar nicht erklären. Aber zumindest eine Magierfrau, die Hexe Zaphene, war entschlossen gewesen, Satanan zu befreien. Zaphene war nun zwar tot, hatte ihnen aber ein teuflisches Erbe hinterlassen.

Sie vermissten Vhyper, einen der Krieger. Außerdem war die dämonische Klinge verschwunden. Und eines von Zaphenes Geschöpfen war mit der Hälfte von Tighes Seele geflüchtet. Buchstäblich.

Sie hatten keine Ahnung, woher die Magierhexe wusste, wie man Seelen teilte, aber sie hatte es geschafft und die Krieger geklont. Denn da die echten Krieger nicht so dumm waren, die Dämonen aus der Klinge zu befreien, sollten die Klone dies an ihrer Stelle tun. Was dachten sich die Magier nur dabei?

Ein Knurren drang tief aus Tighes Kehle, während er die letzte Stufe zu der Klippe über dem Fluss erklomm. Die Nacht war klar, doch da diese verdammten Menschen ununterbrochen die Dunkelheit bekämpften, waren selbst die hellsten Sterne nur schwach zu erkennen.

Alles deutete darauf hin, dass sein Klon bei der menschlichen Bevölkerung verheerenden Schaden anrichtete. Tighe und zwei andere Krieger folgten seit drei Tagen der tödlichen Spur, die er zwischen Great Falls, Virginia, und dem nahe gelegenen Washington D.C. hinterlassen hatte.

Der tödliche Amoklauf des Klons musste unbedingt beendet werden, zumal Tighe noch einen ganz persönlichen Grund hatte, ihn zu fassen: Er war ja ganz und gar darauf angewiesen, seine verfluchte Seele zurückzubekommen. Niemand wusste genau, wie lange man mit einer gespaltenen Seele überleben konnte, aber alle waren sich einig, dass es nicht sehr lange gut gehen konnte. Zumindest sein Geist würde mit der Zeit Schaden nehmen.

Verdammt.

Deshalb kehrte er jede Nacht nach Great Falls und zu dem Haus der Krieger zurück, anstatt dem Klon auf der Spur zu bleiben. Er hatte schon erleben müssen, was ein Krieger mit gespaltener Seele mitgemacht hatte, und das war alles andere als schön gewesen. Deshalb litt er auch unter Albträumen. Doch er war entschlossen, nicht den Verstand zu verlieren, selbst wenn ihn die anderen Krieger beobachteten, als rechneten sie jeden Moment damit, Tighe in das Gefängnis tief unter dem Haus sperren zu müssen.

Wulfe trat neben ihn auf den Felsen. »Gibt es irgendeinen Hinweis auf Drader?« Wulfe war der größte der Krieger, ein Riese von einem Mann, dessen Gesicht aussah, als hätte eine Katze es früher als Kratzbaum missbraucht.

Tighe machte keinen Hehl aus seiner Verzweiflung: »Noch nicht. Aber sie werden kommen.« Er würde ihnen wie jede Nacht die Herzen herausreißen, um sich etwas abzureagieren und diese zermürbende Verzweiflung zu verscheuchen. Damit er endlich wieder etwas sicherer im überbevölkerten Washington auf die Jagd nach seinem Klon gehen konnte.

»Es überrascht mich, dass Lyon dich ohne Leine rauslässt«, bemerkte Jag hinter ihm gedehnt.

Ein Knurren löste sich aus Tighes Brust. Dieser Idiot war wohl erst zufrieden, wenn er jeden Krieger so weit hatte, ihm den Hals aufzureißen. Tighe hatte dermaßen schlechte Laune, dass er ihm den Gefallen gern tun wollte.

»Sei still, Jag«, zischte Wulfe. »Deine Sticheleien kann er jetzt überhaupt nicht gebrauchen.«

Was er jetzt überhaupt nicht gebrauchen konnte, war vor allem, dass ihn alle wie ein Pulverfass betrachteten, dem eine Zündschnur aus dem Mundwinkel hing. Es ging ihm doch gut.

Aber das Brennen in seinen Fingerspitzen strafte ihn Lügen. Er kämpfte mit seiner Selbstbeherrschung und versuchte seine ungezügelte Wut in den Griff zu bekommen. Unter normalen Umständen verlor man im wilden Zustand bloß die Beherrschung und riskierte einen anständigen Kampf. Man war dann weder Mensch noch Tier, sondern irgendetwas dazwischen. Die Menschenzähne wurden zu Reißzähnen, aus den Fingerspitzen schossen Krallen hervor und die Augen wirkten nicht mehr menschlich. In diesem Zustand konnten ein Falke und ein Tiger ihre wilde Natur in einem gleichberechtigten Kampf ausleben.

Aber dies waren eben keine normalen Umstände. Ohne seine Seele wusste er nicht, wie lange er sich noch unter Kontrolle halten konnte.

Er rang mit der Wut, die allmählich von seinem gesamten Körper Besitz ergriff, biss die Zähne zusammen, um sich zur Ruhe zu zwingen. Aber es war schon zu spät. Aus seinen Fingerspitzen schossen die Krallen hervor. Aus seinem Oberkiefer wuchsen Reißzähne, und als ihm eine Welle aufgestauter Wut die Kontrolle entriss, schnellten aus dem Unterkiefer messerscharfe Schneidezähne hervor. Erfüllt von wildem Zorn stürzte er sich auf Jag und warf ihn auf den steinigen Boden.

Im Blutrausch spürte er, wie ihm Jag, der auch wild geworden war, mit den Krallen die Haut aufriss. Er schmeckte Blut, sowohl sein eigenes als auch das von Jag. Es war warm und köstlich. Der Blutrausch trübte seinen Blick – und plötzlich sehnte er sich danach, seine Zähne in Jags Hals zu schlagen und diesem Mistkerl tatsächlich den Hals aufzureißen.

Er verlor den Verstand. Dabei konnte er geradezu sehen, wie sein ganzer Geist von einem dunklen Strudel verschlungen wurde. Während seine Vernunft ihn zwang, sich von der Kliffkante zurückzuziehen, drängte sich Wulfe zwischen die beiden Krieger und entriss ihm Jag.

Nur langsam gewann Tighe die Kontrolle über sich zurück und nahm wieder menschliche Gestalt an. Während sich seine Krallen und Reißzähne zurückbildeten, ballte Wulfe die Faust und versetzte Jag einen heftigen rechten Haken.

Jag flog der Länge nach hin. »Wofür war das denn?«

»Du kannst ein solcher Idiot sein«, zischte Wulfe. »Willst du, dass er eingesperrt wird? Jetzt? Ist es denn zu viel von dir verlangt, die Vernichtung eines unserer besten Krieger nicht noch unnötig voranzutreiben?«

Mit finsterer Miene stand Jag auf. »Leck mich!«

»Niemand wird mich vernichten«, knurrte Tighe, während er sein zerrissenes Hemd so herrichtete, dass es sich gerade noch so an seinem Körper hielt. Das würde er nicht zulassen. Er weigerte sich.

Aber er konnte auch nicht leugnen, dass er durcheinander war.

»Lasst uns ein paar Drader umbringen«, warf Wulfe ein.

Tighe presste die Lippen aufeinander und nickte. Sie jagten Drader, indem sie darauf warteten, dass diese kleinen Teufel die therianische Energie rochen, die die Krieger in Menschengestalt verströmten. Es dauerte auch nicht lange, bis eine dunkle Wolke über den Felsen auf der anderen Seite des Flusses auftauchte.

»Sie kommen«, stellte Wulfe gelassen fest. Die Drader hatten sie gefunden. Wulfe riss sich sein T-Shirt vom Leib, zog die Hose aus und warf seine Kleidung auf den Felsen. Jag streifte seine Tarnhose und sein militärgrünes T-Shirt ab. Tighe jedoch tat überhaupt nichts. Er war einer der Krieger, die die Gabe besaßen, die Kleidung beim Gestaltwandel anzubehalten. Sehr praktisch, vor allem, wenn er unter Menschen jagte.

Die dunkle Draderwolke raste über das glitzernde Wasser auf sie zu, ein düsterer Schemen vor den Sternen und den dunklen Felsen auf der anderen Seite.

Ein riesiger Schemen.

»Heilige Scheiße.« Leise pfiff Jag durch die Zähne. »Bilde ich mir das nur ein oder sind das ungefähr fünf Mal so viele wie sonst?«

Hunderte kamen auf sie zu. Vielleicht waren es sogar mehr als tausend. »Heilige Scheiße« war also ganz der richtige Ausdruck. Sie wussten zwar, dass sich die Drader ungewöhnlich schnell vermehrten, aber es war doch noch erschreckender, dies auch tatsächlich vor Augen geführt zu bekommen. Wenn sie die Drader nicht unter Kontrolle bekamen, fanden sie nicht genügend therianische Energie, um sich zu ernähren. Also würden sie anfangen, Menschen zu überfallen.

Wenn es aber dazu kam, würden sie die Menschen vernichten, bevor diese überhaupt wussten, was mit ihnen geschah.

»Schnappen wir sie uns, Jungs«, sagte Jag.

»Ich mache den ersten Köder.« Tighe zog seine Messer hervor. Einer von ihnen musste in seiner menschlichen oder therianischen Gestalt bleiben, damit die Drader nicht davonflogen. Aber als erster Köder würde er heftig um sein Leben kämpfen müssen.

Plötzlich stellte er entsetzt fest, dass sich ein dunkler Schleier vor seine Augen senkte. Tighe gefror das Blut in den Adern.

Er konnte nichts mehr sehen. »Was, zum Teufel, ist das?«

»Was ist los?«, fragte Wulfe neben ihm, als wenn nichts wäre.

Mist. Er spürte das Pochen seiner Halsschlagader. Offenbar ging es nur ihm so. Sein Augenlicht war erloschen. Vollkommen. War das der erste Schritt? War er gerade dabei, den Verstand zu verlieren?

So schnell, wie seine Sehfähigkeit verschwunden war, tauchte sie auf einmal wieder auf, doch seine Erleichterung war nur von kurzer Dauer. Eigentlich sah er immer noch nichts. Wie ein Film auf einer Leinwand lief vor seinen blinden Augen eine Szene ab.

In einem Raum, in dem nichts als ein Dutzend Waschmaschinen und Trockner auf einem Betonboden standen, brannte ein hartes, grelles Licht. Ein Wäschekeller. Zwei stämmige Frauen arbeiteten dort; die eine holte gerade nasse Wäsche aus einer Waschmaschine und stopfte sie in einen Trockner, die andere stand vor einem Tisch und faltete Kleider zusammen. Die Stehende blickte ihn mitfühlend und gleichzeitig voller Zurückhaltung an.

»Hi«, sagte sie vorsichtig.

Auf einmal wurde ihr Gesicht größer, als würde eine Kamera es heranzoomen, und dann riss sie panisch die Augen auf, während der Raum hinter ihr verschwand. Als hätte er sie angegriffen und auf den Boden geworfen.

War das eine Vision? Himmel hilf mir! Würde das aus ihm werden?

Hinter ihr stieß die andere Frau einen markerschütternden Schrei aus. »Nein!« Sein Opfer warf die Hände hoch, und der Schrecken in ihren Augen rief scheußliche, lang verdrängte Erinnerungen in ihm wach.

Erinnerungen an eine andere Zeit, an einen anderen Ort.

Sein Magen verkrampfte sich, bis er glaubte, er müsse sich übergeben. Aber er konnte die Tatsachen nicht leugnen. Er schien allmählich wirklich zu dem zu werden, dessen man ihn all die langen, schrecklichen Jahre angeklagt hatte.

Zu einem Monster.

*

FBI-Agent Delaney Randall schritt auf die Potomac-Side-Apartments im Südwesten von D.C. zu. Sie hielt ihr Notizbuch fest umklammert und brannte darauf, den Mistkerl zu finden, der in den vergangenen drei Tagen mehr als ein Dutzend Frauen und Kinder umgebracht hatte.

Sie wollte ihn aufhalten, bevor er wieder tötete.

Es war spät, beinahe zehn Uhr abends. Die letzten drei Morde hatten hier in der näheren Umgebung stattgefunden, und sie hatte den ganzen Tag damit zugebracht, die Nachbarwohnungen zu überprüfen, die Bewohner zu verhören und nach Hinweisen zu suchen. Irgendjemand musste doch etwas wissen. Sie war hundemüde, aber solange ihr Körper noch in der Lage war, sich irgendwie vorwärtszubewegen, würde sie nicht Feierabend machen.

Nicht, solange der Mörder noch auf freiem Fuß war.

Und das konnte leider noch eine ganze Weile dauern. Trotz der Vielzahl der Getöteten gab es kein wirkliches Beweismaterial. Bislang hatten sich auch keine Zeugen gemeldet, und abgesehen von den Bissspuren am Hals der Opfer war keine DNA zu finden. Selbst die Todesursache blieb ein Rätsel. Es war, als hätte Gott mit seinem Finger auf jede dieser Personen gezeigt und gesagt: »Deine Zeit ist abgelaufen.«

Während sie auf das Apartmenthaus zulief, wehten ihr ein paar lose Haarsträhnen ins Gesicht. Ein Mann in Polohemd und Khakis kam ihr entgegen, sein freundliches Gesicht wurde von der Straßenlaterne beleuchtet. Weiß, männlich, Ende zwanzig, offenbar nicht bewaffnet. Ihr Gehirn speicherte sein Bild als das eines weiteren Verdächtigen.

Er schenkte ihr ein strahlendes Lächeln. »Guten Abend.«

Aber Delaney hatte ihn bereits abgehakt und ihren Blick einer Horde rauchender Jugendlicher zugewandt, die auf den Eingangsstufen herumsaßen.

»Zicke.« Das leise Murmeln stammte aus dem Mund des Mannes, an dem sie gerade vorbeigegangen war.

Ihr Blick fuhr zu ihm zurück, und eine Hand zuckte zu der Waffe an ihrer Hüfte. Aber der Mann schritt zielstrebig davon, ohne sich noch einmal umzudrehen.

Zicke, so hatte er sie genannt. Als wenn sie Zeit zum Flirten hätte, wenn schon wieder so ein Mistkerl in den Straßen herumlungerte und Unschuldige überfiel. Schwachkopf.

Sie lief an den Jugendlichen vorbei die Stufen hinauf und versuchte die Tür zu öffnen. Verschlossen. Damit hatte sie schon gerechnet. Durch die Glasscheibe sah sie einen glatzköpfigen Afroamerikaner mit grauen Haarbüscheln über den Ohren, der mit ungelenken Schritten auf sie zukam. Vermutlich der Wachmann. Sie hatte vor Kurzem erst angerufen und ihn gebeten, sie hier zu treffen.

Als er auf die Tür zukam, bemerkte sie seinen gehetzten und ängstlichen Gesichtsausdruck. Sofort schrillten sämtliche Alarmglocken bei ihr, der Puls beschleunigte sich und sie ballte die rechte Hand zur Faust. Hatte sie ihn bei etwas gestört oder endlich den Jackpot geknackt?

In dem Augenblick, als der Mann die Tür öffnete, war weiter oben aus dem Gebäude ein durchdringendes Weinen zu hören, bei dem sich ihr die Nackenhaare aufrichteten.

Sie zeigte ihre Dienstmarke und drängte durch den Eingang. »Agent Randall, FBI. Was ist passiert?«

»Ich habe die Polizei gerufen, aber sie ist noch nicht hier.«

»Was ist passiert?« Sie hielt jetzt die Waffe in der Hand und war hochkonzentriert.

»Im Treppenhaus liegt eine tote Frau. Ihre kleine Tochter hat sie gerade gefunden.«

Ihre Tochter. Gott.

»Wie? Wer hat das getan?«

»Ich weiß es nicht. Nirgendwo ist Blut zu sehen.«

Ohne auf weitere Informationen zu warten, rannte Delaney die Treppe in der Mitte des Gebäudes hoch und folgte dem Weinen.

Aber kurz vor dem dritten Stock standen die Leute so dicht gedrängt, dass sie kaum durchkam. Sie steckte die Waffe weg und bellte: »FBI!« Die ersten Bewohner machten Platz und musterten sie mit einer Mischung aus Neugier, Vorsicht und Erleichterung.

Delaney bahnte sich ihren Weg durch die Menge und kam schließlich zu der Stelle, von der das Weinen ausging. Ein kleines Mädchen von höchstens sieben Jahren hing über dem leblosen Körper einer Frau, die auf dem Bauch lag. An ihrem Hals waren Bissspuren zu erkennen, ein vollkommenes Oval, das inzwischen zum Markenzeichen des Serientäters geworden war.

Delaney biss heftig die Zähne zusammen.

»Mami!« Tränen liefen über die braunen Wangen des Kindes. Mit ängstlichem Blick stand sie auf und tätschelte das Gesicht ihrer Mutter. »Mami!«

Delaneys Herz krampfte sich zusammen, als sie die Angst des Kindes spürte, die tief in ihr widerhallte. Sie kannte diese Angst nur zu gut. Und sie hasste – hasste – die Mistkerle, die dafür verantwortlich waren. Man wusste jetzt von dreizehn Ermordeten. Dreizehn Frauen. Sieben von ihnen hatten Kinder hinterlassen.

Sie rief sich die Morde in Erinnerung und legte ihre Hand auf den Kopf des kleinen Mädchens. »Den kriege ich.« Sie hatte das zu leise gesagt, als dass das Kind es hören konnte, aber die Worte hatten sich in Delaneys Herz gebrannt.

Der Tod gehörte zum Leben. Damit hatte sie sich abgefunden. Ob richtig oder falsch, es lag in der Natur des Menschen zu kämpfen und zu töten. Sie verstand ja, dass Menschen im Krieg starben, selbst bei törichten Drogen- und Bandenkriegen in der Stadt. So überflüssig deren Tod auch war, so gab es doch immerhin eine Art von männlichem, testosterongesteuertem Sinn.

Aber diese Überfälle hier waren vollkommen sinnlos.

Sie hatte sich dem Kampf gegen das Verbrechen verschrieben. Sie wollte die unheilvollen Umstände bekämpfen, die es begünstigten. Und dieser Hurensohn stand ganz oben auf ihrer Liste.

Durch das Stimmengewirr und das Weinen war ein neuer, durchdringender Schrei zu hören, der ganz unten in dem Gebäude widerzuhallen schien.

Delaney gefror das Blut in den Adern.

Sie bahnte sich ihren Weg zurück durch die Menge, hatte jedoch erst ein paar Stufen zurückgelegt, als eine übergewichtige blonde Frau am unteren Treppenabsatz erschien.

»Er hat meine Schwester! Er hat meine Schwester!«

»Wo?«, schrie Delaney.

»In der Waschküche«, kreischte die Frau. »Im Keller.«

»Ich bin vom FBI. Kommen Sie herauf und bleiben Sie hier.«

»Sie müssen sie retten. Retten Sie sie!«

Als die Frau einen hysterischen Anfall bekam, ließ Delaney den Blick über die Menge gleiten, die nach wie vor zwischen ihr und der blonden Frau stand, und deutete auf zwei Männer, die ihr am belastbarsten zu sein schienen. »Sie beide. Lassen Sie niemanden durch und schicken Sie die Cops in den Keller, wenn sie kommen.«

Die beiden nickten besonnen und sorgten dafür, dass ihr die Menge Platz machte.

Ganz allein stieß sie die Metalltür zum Keller auf. Nur die gedämpften Schritte ihrer Stiefel auf dem Betonboden waren zu hören, sonst drang kein Geräusch an ihre Ohren.

Keine Schreie. Keinerlei Weinen. Keine Frau, die um ihr Leben bettelte.

Delaney hielt ihre Waffe bereit, ihr Herz hämmerte, als sie durch den Flur auf den breiten, hell erleuchteten Türeingang zuschlich. Sie presste sich mit dem Rücken an die Wand und spähte um die Ecke.

Ein riesiger muskulöser Mann mit kurzen, sonnengebleichten Haaren kniete neben dem leblos auf dem Boden liegenden Körper einer Frau, die der Zwilling der blonden Frau hätte sein können.

Sie hatte ihn!

Mit beiden Händen hielt sie die Waffe vor sich. »Keine Bewegung! FBI! Hände hoch!«

Völlig ruhig stand der Mann auf, und ihr wurde nun bewusst, wie groß er tatsächlich war. Sehr groß! Er starrte sie an. Sein Blick war aber nicht der eines Mannes, der sich schuldig fühlte; sie sah eher in die kalten Augen eines Jägers, der seine Beute ins Auge fasste. Grüne Augen ohne menschliche Regung. Ohne jede Gnade.

Die Augen des Todes.

Ein Schweißtropfen rann zwischen ihren Schulterblättern hinunter. Sie war alles andere als klein, aber dieser Kerl da überragte sie um einiges. Er trug ein marineblaues Hemd und zu kurze Khakis, aber keine Schuhe; er hatte breite Schultern und einen kräftigen, durchtrainierten Körper. Sie würde keinesfalls einen Zweikampf riskieren.

Sie erschauerte. »Hände hoch oder ich schieße!«

Er bewegte sich so plötzlich und dabei so schnell, dass sie gerade noch einen Schuss abfeuern konnte, dann war er schon bei ihr und warf sie auf den Boden. Ihr Kopf krachte auf den Beton, ihre Waffe flog durch die Luft und Lichtblitze zuckten vor ihren Augen.

Sie hatte ihm in die Brust geschossen. Aus nächster Nähe. Er müsste doch eigentlich zusammenbrechen, verdammt. Sie versuchte gegen ihn zu kämpfen, aber er hielt sie mit Bärenkräften auf dem Boden fest.

Dann senkte er den Kopf … und sie spürte, wie er seinen kalten Mund und seine Zähne gegen ihre Haut presste. Sie wehrte sich mit aller Kraft gegen ihren Angreifer, der sich keinen Zentimeter von der Stelle bewegte. Ein wütender Gedanke schoss ihr durch den Kopf.

Es ist zu früh. Viel zu früh. Draußen auf der Straße laufen noch so viele Killer herum.

Sie hatte überhaupt keine Zeit, jetzt schon zu sterben.

 

2

Immer noch tief in seine Vision versunken, kniete Tighe in dem grellen Licht der öffentlichen Waschküche neben der Leiche der toten Blondine, als er Schritte hörte und in das Gesicht einer atemberaubenden Schönheit mit dunklen Haaren blickte. Sie war groß und langbeinig, trug einen schlichten, dunkelblauen Anzug und hatte die Haare am Hinterkopf zu einem lockeren Knoten gebunden. Mit der Waffe in ihren Händen zielte sie auf sein Herz.

Als er ihren angespannten, entschlossenen Gesichtsausdruck sah, wurde ihm mulmig. Sie war ihm seltsam vertraut. Beinahe schien es so, als würde er sie kennen.

»Keine Bewegung! FBI!«, schrie sie. »Hände hoch!«

Er stürzte sich auf sie, wie er sich auch auf die andere gestürzt hatte. Ein Schuss löste sich, doch er wusste nicht, ob sie ihn getroffen hatte. Denn er fühlte nichts, hörte nur ihren Herzschlag und den dumpfen Knall, als ihr Kopf auf den Betonboden aufschlug.

Ihre Blicke begegneten sich; aus ihren dunkelbraunen Augen sprach keine Angst, sondern Wut, und er erkannte eine verwandte Seele darin: die Seele eines Kriegskameraden. Dann senkte er den Kopf, um ihr den Hals aufzureißen.

Tighe? Tighe!

Im selben Augenblick war er zurück in der Nacht und versuchte verzweifelt die aufsteigende Galle herunterzuschlucken, während sich zur gleichen Zeit die atemberaubende, dunkelhaarige Schönheit in seinen Verstand schlich.

Sie darf nicht sterben.

Tighe! Genau in dem Augenblick, als Wulfes Stimme in seinem Kopf widerhallte, brannte seine Haut wie Feuer, tausend winzige Messer stachen auf ihn ein und rissen ihn aus seiner Vision zurück in die finstere Wirklichkeit.

Die Horde Drader hatte ihn gefunden.

Instinktiv griff er die Kreaturen mit den Messern an. Sie hatten gasförmige, schwebende Körper, auf denen hässliche, an geschmolzene Menschengesichter erinnernde Köpfe saßen. Wenn es ihnen irgendwie gelang, würden sie ihm das Leben nehmen. Neben ihm sprangen seine Freunde in Jaguar- und Wolfsgestalt auf die herabstürzenden Furien und schnappten nach ihnen.

Bei der Erinnerung an die Frau, an ihre Augen, rann ihm der Schweiß die Schläfen hinunter. Es war ein Versehen. Während die Drader an seiner Haut rissen, verkrampfte sich sein Magen bei der Vorstellung, was er beinahe getan hätte. Er schüttelte die Drader ab, und Blut rann über seinen Hals und seinen Rücken.

Was brachte ihn bloß dazu, eine menschliche Frau anzugreifen? Zwei Frauen!

Er kannte die Antwort. Das Chaos, das er bereits am Rand seines Bewusstseins wahrnahm, würde, wenn sie seinen Klon nicht fanden, vollständig Besitz von ihm ergreifen, genau wie bei Wulfe, bevor sie seinen Klon zerstört hatten. Wie Wulfe vor ihm wäre er in dem wilden Zustand gefangen und einer Gewalt ausgeliefert, die ihn zu einer geistlosen Tötungsmaschine machte.

Wenigstens hatte sich Wulfe nie aus dem Gefängnis der Krieger befreien können. Er hatte in seinem Zustand niemanden verletzt.

»Wulfe, was immer du tust, lass nicht zu, dass ich wild werde und entkomme.«

Auf keinen Fall, Kumpel, erwiderte Wulfe in Wolfsgestalt und mit seiner geistigen Stimme. Verwandle dich, Stripes. Ich übernehme als Köder.

Das ist zu früh.

In einem Funkenregen verwandelte sich der riesige Wolf in einen Mann. Sein Freund sah ihn grimmig an. »Mach schon.«

»Verdammt«, brummte Tighe. Er sah bestimmt genauso schlecht aus, wie er sich fühlte. Durch einen Kraftstrom sammelte er tief in seinem Körper rasch Energie und Magie und nahm Tiergestalt an, wobei er vor seinen Augen Blitze aufflackern sah. Unverfälschte, primitive Freude durchströmte ihn, als er sich in einen viereinhalb Meter langen Bengalischen Tiger verwandelte.

Die Drader ließen mit einem hohen Kreischen von ihm ab. Tighe ging zum Angriff über und zerstörte an der Seite des Jaguars die kleinen Furien. Wulfe, der nackt im Mondschein stand, wurde nun von dem gottlosen Pack angegriffen. Er riss ihnen, so schnell er konnte, die Herzen heraus, bevor sie ihm die Lebensenergie rauben oder ihn in Stücke reißen konnten.

»Bist du okay?«, fragte Wulfe. Tighe musste nicht erst zurückfragen, wen er meinte.

Er reagierte nur mit einem Knurren.

Ich sehe den Erzeuger. Der Jaguar setzte zum Sprung an, packte mit den Krallen den größten Drader und zerstörte ihn, indem er sein schlagendes Herz verschlang, woraufhin sich die Kreatur in Rauch auflöste. Der Erzeuger – oder Anführer – des Schwarms bestimmte die Richtung. Wenn man den Anführer umbrachte, war der Rest orientierungslos und verloren, rührte sich nicht von der Stelle und war für die Tiere, die sie ihrerseits nicht angriffen, da sie sich nicht von ihnen ernähren konnten, eine leichte Beute.

Wulfe verwandelte sich wieder in einen Wolf und half ihnen, den orientierungslosen Schwarm abzuschlachten.

Tighe packte mit seinen riesigen Pranken einen kleinen Dämon nach dem anderen. Weder die Herzen noch die Wesen an sich schmeckten nach etwas, denn sie waren nicht aus Fleisch und Blut, sondern bestanden beinahe voll und ganz aus Energie.

Wir haben Gesellschaft. Er hörte Jags Stimme in seinem Kopf.

Tighe schwang seinen gewaltigen Tigerkopf und folgte Jags Blick. Nicht einmal zwanzig Meter entfernt standen zwei Jugendliche im Wald und beobachteten, was wie ein unglaubliches Spektakel auf sie wirken musste. Menschen konnten Drader zwar nicht sehen, aber sie sahen auf jeden Fall den riesigen Tiger, den Wolf und den Jaguar.

Tighe gab im Geiste ein verzweifeltes Knurren von sich. Verdammte Menschen, immer kamen sie einem in die Quere. Sie konnten von Glück sagen, dass Drader Menschen nur angriffen, wenn im Umkreis von mehreren Meilen keine Therianer zu finden waren. Trotzdem, die Menschen stellten ein Problem dar.

Jag, komm mit!, sagte Tighe. Die beiden Katzen waren bis zu einem gewissen Grad in der Lage, Größe und Gestalt zu verändern. Während Wulfe als Wolf weiter gegen die Drader kämpfte, verwandelten sich Tighe und Jag in etwas, das die meisten Menschen als Hauskatzen bezeichnen würden, und schlichen sich von hinten an die beiden Jungen heran.

»Wohin ist der Tiger verschwunden?«, fragte eine jugendliche Stimme.

»Mann, war der etwa echt? Ich dachte, das käme von dem Stoff.«

Als Jag den einen erreicht hatte, trat Tighe hinter den anderen. Gleichzeitig nahmen die beiden Krieger menschliche Gestalt an und machten die Jugendlichen mit einem kurzen Druck auf eine Stelle hinter ihren Ohren vorübergehend bewusstlos.

Tighe war klar, jetzt würden die Drader seinem und Jags therianischem Geruch folgen. Er zog Klappmesser aus der Tasche und warf sie Jag zu, dann kniete er neben einem der Jungen nieder. Wulfe kam zu ihnen, und als die Drader ausschwärmten, stellten sich die beiden Krieger schützend vor Tighe, der eine in Gestalt eines Mannes, der andere als Wolf. Tighe bediente sich derweil einer Fähigkeit, die zwar allen Kriegern zu eigen, bei ihm jedoch am stärksten ausgeprägt war.

Er umfasste das Gesicht des Jungen. »Öffne die Augen.« Der Junge gehorchte, und Tighe sah ihm tief in seine glasigen Pupillen. »Du hast heute Nacht im Wald – abgesehen von ein paar Hunden – nichts gesehen. Wenn ich es dir sage, gehst du nach Hause und kehrst nie mehr nachts in diesen Wald zurück. Und du vernichtest die Drogen in deinem Besitz und lässt in Zukunft die Hände davon, du kleiner Mistkerl.«

Während um ihn herum die Schlacht tobte, stand Tighe auf, ging zu dem anderen Jungen und übernahm auch bei ihm die Kontrolle über sein Bewusstsein. Als die Erinnerung der beiden Jungen an das, was sie gerade gesehen hatten, erfolgreich beseitigt war, befahl er ihnen zu gehen. Daraufhin verwandelte er sich wieder in ein Tier und stürzte sich in den Kampf.

Stunden später kämpften sie immer noch gegen die Drader, bis sich die Teufel der Nacht wie immer eine Stunde vor Sonnenaufgang zurückzogen. In dieser ganzen Zeit hatten die Krieger allerdings noch nicht einmal die Hälfte des Schwarms vernichten können.

»Das ist schlecht«, brummte Wulfe, nahm wieder menschliche Gestalt an und griff nach seinen Kleidern.

Dem konnte Tighe nicht widersprechen.

Auf dem Heimweg wandte sich Wulfe an ihn. »Was war mit dir los, als sie auf uns zugeflogen kamen, Stripes?«

»Ich will nicht darüber sprechen.« Doch er würde Lyon davon berichten müssen.

Göttin, mach, dass ich nicht ausraste und zu diesem … Ding … werde.

*

»Blute«, sagte Lyon und schritt auf Tighe zu, als dieser eine Weile später den Speisesaal des Hauses der Krieger betrat.

Tighe blickte den Anführer der Krieger finster an, streckte ihm jedoch seine linke Hand entgegen. Lyon ritzte Tighes Handfläche in der Mitte auf und nickte, als Blut aus dem Schnitt hervorquoll. Das wäre bei seinem Klon nicht der Fall gewesen.

Der Gedanke, dass sich der von den Dradern erschaffene Teufel, der sein Gesicht trug, in das Haus schleichen könnte, ließ ihn schaudern.

Obwohl es ihm auf die Nerven ging, dass er sich jedes Mal, wenn er einen Raum betrat, erst dem Messertest unterziehen musste, gab es keine Alternative dazu jedenfalls, keine ernstzunehmende. Der Klon konnte einen der Krieger umbringen. Oder Kara, Lyons Frau, ihre Strahlende. Das wollte keiner riskieren.

Aber nachdem er wusste, in was er sich allmählich verwandelte, fürchtete er, dass der Klon gar nicht länger die größte Gefahr darstellte.

Lyon klappte sein Messer zusammen und hieß Tighe willkommen, indem er ihm den rechten Arm entgegenstreckte. Die beiden Männer schlugen die Unterarme aneinander, während sie ihre Ellbogen gegenseitig umfassten und sich so auf die traditionelle Art der Krieger begrüßten.

»Du musst mich wegsperren, Leu.«

Lyon zog die Augen zusammen. »Warum das?«

Er erzählte ihm von seiner Vision. »Ich will mich nicht in dieses Monster verwandeln. Aber wenn du mich nicht einsperrst, werde ich das tun.«

»Nur wenn wir diesen Klon nicht rechtzeitig fassen.« Aus seinen bernsteinfarbenen Augen sah ihn Lyon durchdringend an. »Aber das werden wir, Stripes. Wir kriegen ihn. Mit deiner Hilfe.« Er ergriff Tighes Schulter. »Wir sind zu wenige, als dass wir dir einen Urlaub im Gefängnis gönnen könnten.«

Tighe knurrte. »Urlaub, so ein Unsinn.«

Kara betrat den Speisesaal, kam zu ihnen und legte den Arm um die Taille ihres deutlich größeren Partners, wobei ihr blonder Pferdeschwanz kess hin- und herwippte. Als Lyon sie fest an sich zog, begegnete sie Tighes Blick – und ein süßes Lächeln brachte ihre blauen Augen zum Leuchten.

»Hallo, Tighe.«

Augenblicklich erwiderte er ihr Lächeln, denn er empfand eine tiefe Zuneigung für diese schmale Frau, die in den vergangenen Tagen mehr Stärke bewiesen hatte als die Strahlenden aller Jahrhunderte zusammen.

»Auch hallo.« Tighe breitete die Arme aus und war zufrieden, als Lyon sie losließ und sie ihm eine kurze Umarmung gewähren konnte, die er so dringend brauchte. Er schloss die Arme um sie und hielt sie fest, wobei er ihre Nähe genauso genoss wie ihren süßen Duft.

Es hatte zu allen Zeiten eine Strahlende gegeben, eine therianische Frau, durch die die Krieger die Energie der Natur anzapfen konnten und somit an die Kraft kamen, die sie für das Gestaltwandeln brauchten. Beinahe wäre es geschehen, und sie hätten Kara nicht gefunden. Sie war Tausende von Meilen entfernt als Mensch aufgewachsen. Als Lyon sie schließlich aufgespürt hatte, waren sie bereits stark geschwächt und nicht mehr in der Lage gewesen, ihre Gestalt zu wandeln. Der Göttin sei Dank, dass er sie doch noch gefunden hatte. Ohne Karas Kraft, ihren Mut und ihr überraschendes Geschick im Umgang mit der Strahlung hätten sie die Hexe Zaphene niemals unschädlich machen können.

Er nahm sie fester in den Arm. Lyon konnte sich glücklich schätzen, dass er als ihr Partner auserwählt worden war. Das war eine Ehre, auf die Tighe insgeheim ebenfalls gehofft hatte. Kara war eine liebliche therianische Schönheit, genauso reizend wie mutig.

Kein Mann konnte es besser treffen.

Als er auf sie hinunterblickte, begannen seine Augen zu jucken, was sie immer taten, wenn er wild wurde. Oder wenn eine schöne Frau dabei war.

Dieses Problem hatte nur er. Für die anderen bedeutete wild einfach nur wild. Augen, Krallen und Reißzähne gehörten irgendwie zusammen. Nicht so bei Tighe. Seine Krallen und Reißzähne wuchsen nur, wenn er bereit zum Kampf war, anders verhielt es sich mit seinen Augen. Wenn er sich körperlich irgendwie angesprochen fühlte, veränderten sie sich: Die Pupillen wurden stetig größer, bis kein Weiß mehr zu sehen war, und ihre Farbe wandelte sich von dem gewöhnlichen, menschlichen Grün in das Goldorange der Tigeraugen.

Das war unglaublich lästig und zwang ihn, dunkle Sonnenbrillen mit Seitenschutz zu tragen, wann immer er sich unter Menschen bewegte, Tag wie Nacht. Tigeraugen gingen schwerlich als menschliche durch. Und die Menschen sollten doch glauben, dass er einer von ihnen war. Wenn es etwas gab, worin sich die unsterblichen Rassen einig waren, dann darin, dass sie die Menschen in dem Glauben lassen wollten, sie wären allein auf der Welt.

Lyon knurrte. »Deine Augen.«

Tighe zuckte mit den Schultern und grinste seinen Chef an. »Sie ist eine schöne Frau, Leu.« Er zwinkerte Kara zu. »Willst du, dass ich die Sonnenbrille aufsetze?«

Karas leises Lachen löste seine innere Anspannung. »Ich weiß sehr wohl, aus welchem Grund du im Haus mit einer Sonnenbrille herumläufst.« Sie löste sich aus seiner Umarmung, kehrte zu ihrem Partner zurück und legte ihren Arm um Lyons Taille. »Ich fühle mich geschmeichelt, Tighe, allerdings bin ich bis über beide Ohren in meinen Löwen verliebt.« Sie grinste. »Aber das weißt du ja.«

Tighe lachte. »Ja, das habe ich allerdings bemerkt. Glücklicher Mistkerl.«

Das Knurren aus Lyons Kehle hatte einen zufriedenen Klang. »Du solltest dir auch jemanden suchen.«

»Eine Partnerin? Zum Teufel, nein.« Er zwinkerte Kara zu. »Nur, wenn ich deine haben darf.«

Bei diesen Sticheleien nahm Lyon Kara noch fester in den Arm.

Tighe schüttelte den Kopf. »Ich hätte nie gedacht, dass ich dich jemals so erleben würde, Leu.« Die Freude darüber, dass sein Freund nach all den Jahrhunderten seine wahre Liebe gefunden hatte, schmeckte bittersüß. Tighe erinnerte sich nur zu gut daran, wie die Liebe einen Mann verändern konnte, sodass man die Welt auf einmal mit ganz anderen Augen sah. Aber sie konnte einen genauso gut zerstören.

Lyon lächelte und sah auf Karas hübsches Gesicht hinunter. »Manchmal muss man sein Herz aufs Spiel setzen.«

Aber Liebe war eine zweischneidige Sache, und Tighe betete, dass Lyon niemals die schmerzhafte Seite zu spüren bekäme.

»Lasst uns etwas essen.« Lyon führte Kara zu dem großen, offiziellen Esstisch an der Fensterfront, die den Blick auf den sonnendurchfluteten Wald freigab.

Foxx, Paenther und Wulfe saßen zwar bereits, doch als Tighe auf den Tisch zukam, erhob sich jeder von seinem Platz, um ihn zu begrüßen.

Foxx, der erst seit einigen Jahren bei ihnen – und eigentlich auch erst dreiundzwanzig Jahre alt – war, nickte ihm zu, wobei ihm seine zotteligen roten Haare ins Gesicht fielen. »Tighe.«

Während Foxx zu seinem Platz zurückkehrte, erhob sich Paenther, Lyons Stellvertreter, ergriff seinen Arm und sah ihn aus seinen schwarzen Augen durchdringend an. Der Krieger, zu drei Vierteln ein Indianer, hatte die bronzefarbene Haut sowie die schwarzen Haare und Augen seiner menschlichen Vorfahren geerbt. Eine Stammestätowierung schlängelte sich seinen Hals hinauf, und über dem einen Auge saß die krallenförmige Narbe, die ihn als Krieger kennzeichnete. Er war von Kopf bis Fuß in Leder gekleidet und wirkte dabei immer irgendwie zornig. Es war ein Zorn, den die Magier vor langer Zeit in seine Seele gebrannt hatten. Er war ein Mann, dem andere gern aus dem Weg gingen. Abgesehen von denen, die ihn gut kannten.

Paenther fragte als Einziger niemals, wie es ihm ging. Die tiefe Sorge seines Freundes drückte sich jedoch in dem allzu festen Griff um sein Handgelenk aus – und auch darin, wie lange er es festhielt.

»Finde ihn«, sagte Paenther leise, aber mit Nachdruck. »Ich wünschte, ich könnte euch helfen.«

Tighe schüttelte den Kopf. »Wir suchen den Klon. Du und Foxx, ihr sucht Vhyper und die Klinge. Ihr habt die deutlich wichtigere Aufgabe, B.P. Wenn ich sterbe, wird ein anderer Krieger auserwählt. Ihr müsst nicht auf einen Mann verzichten.«

Der schwarze Blick wankte nie. »Wir können nicht auf dich verzichten, Stripes. Finde ihn! Ich will dich nicht verlieren.«

Tighe brachte ein Grinsen zustande. »Dann finde ich ihn.« Doch das Lächeln erstarb augenblicklich wieder, denn sein Herz war schwer. »Ich gebe mein Bestes, B.P.« Doch er machte sich ernsthaft Sorgen, ob sein Bestes vielleicht zu wenig war. Verdammt. Und ob es zu spät kam.

»Nachrichten.« Wulfes tiefe Stimme hallte von den Wänden des Speisesaals wider.

Tighe wandte sich dem neu installierten Flachbildschirm zu, der an der Wand hinter ihm befestigt war. Und erstarrte augenblicklich.

»Der Killer, den einige den D.C.-Vampir nennen, hat in der letzten Nacht erneut im Südwesten zugeschlagen. Jeanine Tinnings wurde auf dieselbe rätselhafte Weise ermordet wie mindestens zehn andere Frauen in den vergangen drei Tagen.« In der Mitte des Bildschirms wurde das Foto einer lachenden blonden Frau eingeblendet, die ein pausbäckiges Kleinkind im Arm hielt.

Tighe stieß die Luft aus, als hätte er einen heftigen Schlag erhalten. Er starrte das Gesicht der Frau an, die die Wäsche zusammengelegt hatte, die erste der beiden Frauen, von denen er dachte, dass er sie umgebracht hätte. Oder vielmehr: Sie umbringen würde.

Doch sie war bereits tot.

Der feste Knoten in seiner Brust löste sich nur langsam auf. Er würde sie nicht mehr umbringen.

Ach, verdammt. Dann war die andere auch nicht mehr zu retten. Die dunkelhaarige FBI-Schönheit mit den Augen eines Kriegers musste ebenfalls bereits tot sein.

Das heißt … Eiskalte Schauer liefen über seine Haut. »Es war keine Vision«, erklärte er laut.

Lyons Blick glitt zu ihm. »Was war keine Vision?«

»Ich habe sie letzte Nacht sterben sehen. Mit den Augen des Mörders. Ich hatte gedacht, ich würde in die Zukunft blicken.«

Paenther sah ihn überrascht an. »Du siehst mit den Augen deines Klons.«

Tighe nickte bedächtig. »Zumindest, wenn er tötet.«

»Das ist der Durchbruch, den wir gebraucht haben.« Lyons Augen funkelten. »Wenn du herausfinden kannst, wo ein Mord stattfindet, haben wir endlich einen Weg gefunden, wie wir den Mistkerl kriegen können.«

Das schwere Gewicht der beiden Toten wich von Tighes Schultern, aber die Erleichterung war nur gering. Auch wenn er sie nicht umgebracht hatte, so waren die Frauen dennoch tot. Außerdem war es immer noch sehr wahrscheinlich, dass er genauso verrückt und blutrünstig endete, wie er es befürchtete. Er würde Stück für Stück die Kontrolle verlieren, bis er schließlich der wilden Wut anheimfiel, aus der es für ihn kein Entrinnen mehr gab.

Und bis dahin? War er offenbar dazu verdammt, die Schrecken der Sterbenden mit den Augen desjenigen zu sehen, der seine Seele entweihte.