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Inhaltsverzeichnis
 

Widmung
Vorwort
 

Aufbruch in eine fremde Welt
Der erste Tag
Der zweite Tag
Der dritte Tag
Der vierte Tag
Der fünfte Tag
Der sechste Tag
Der siebte Tag
 

Wie dieses Buch entstand
Danksagung
Copyright

Für Axel, meinen Kindheitsfreund,

der einen Schlaganfall erlitten hat und

sich ins Leben zurückkämpfen muss.

Ich bete, dass ihm das gelingt.

Vorbemerkung
Der Inhalt dieses Buches beruht auf Recherchen des Autors. Dadurch werden die Geschehnisse, die sich objektiv zugetragen haben, in einer subjektiven Sichtweise wiedergegeben.
Aus juristischen Gründen, auf Wunsch oder zum Schutz wurden die Namen von Patienten, Angehörigen und anderen Beteiligten geändert. Um auch darüber hinaus die Anonymität der Betreffenden zu garantieren, die zum Teil in sehr intimen Situationen geschildert werden oder Intimes aus ihrer Privatsphäre preisgeben, wurden in Einzelfällen Alters- und Ortsangaben, Berufsbezeichnungen, andere Tätigkeiten und besondere Charaktereigenschaften ausgespart oder verfremdet. Dennoch entsprechen die Fallschilderungen ausnahmslos den Tatsachen, wie der Autor sie erlebt hat. Die Namen der Ärzte, Krankenschwestern und Pfleger entsprechen denen der geschilderten Personen, mit zwei Ausnahmen, die durch ein Sternchen gekennzeichnet sind.
Als Berichterstatter soll man Distanz wahren, sich nicht gemein machen mit dem Gegenstand seiner Betrachtung, nicht Partei ergreifen für eine Sache oder eine Person. So lautet eine alte Journalistenregel, an der ich mich orientiere, seit ich diesen Beruf ergriffen habe. Jedoch ist mir das selten so schwer gefallen wie während der fünf Monate, die ich in der Zentralen Notaufnahme zugebracht habe. Sie waren emotional derart intensiv, dass ich lügen müsste, würde ich behaupten, ich sei nur ein neutraler Beobachter geblieben, und alles sei spurlos an mir vorübergegangen. Diese Zeit hat mich verändert.
Ich habe viel Leid gesehen und miterlebt, wie von einem Moment auf den nächsten ein Leben aus den Fugen geraten oder gar zu Ende sein kann. Ich habe aber auch Menschen kennengelernt, die ihre Erfüllung darin gefunden haben, anderen zu helfen, selbstlos, ohne ständig nach dem nächsten Karriereschritt zu schielen oder sich Vorteile verschaffen zu wollen. Menschen, die ihren Arbeitstag nicht mit endlosen Besprechungen vertrödeln und auch nicht mit Überlegungen zubringen, wie sie den Gewinn ihrer Firma weiter optimieren oder einem Konkurrenten am besten eins auswischen können. Menschen, die nicht aus Berechnung zu anderen freundlich sind oder vor ihrem Chef katzbuckeln, damit der ihnen die nächste Gehaltserhöhung, einen größeren Dienstwagen oder einen besseren Posten verspricht. Diese Menschen haben mich beeindruckt und darüber nachdenken lassen, was im Leben wirklich zählt.
Und, ja, ich gebe es zu: Sie haben mich, ohne dass ihnen das bewusst gewesen wäre, auf ihre Seite gezogen, die professionelle Objektivität manches Mal vergessen lassen. Aber dazu stehe ich.

Aufbruch in eine fremde Welt
Ich habe Menschen sterben sehen. Doch das war nicht das Schlimmste.
Nie hätte ich es für möglich gehalten, dass ich diesen Satz eines Tages so aufschreiben würde. Und sogar jetzt, während ich am Schreibtisch sitze, den Computer vor mir, einen Stapel kleiner Notizblöcke daneben und im Kopf die widersprüchlichsten Eindrücke, sträubt sich etwas in mir. Ich reihe die Wörter aneinander, ungefähr ein Dutzend Mal, um sie anschließend jedes Mal doch wieder mit einem langen Druck auf die Löschtaste zu tilgen. Am Ende bleibt der Bildschirm erst einmal leer. Ich vertage die Entscheidung. Später stöbere ich in verschiedenen Büchern und stoße schließlich auf einen Ausspruch des englischen Philosophen Francis Bacon, der mir treffend erscheint für meine Empfindungen: »Die Menschen fürchten den Tod, wie Kinder sich fürchten, im Dunkeln zu gehen.« Am Abend diskutiere ich mit einer Freundin darüber und stelle fest, dass ich ihr meine Sichtweise nur schwer vermitteln kann. Doch ist das nicht logisch? Ihre Perspektive muss zwangsläufig eine andere sein: Sie hat nicht erlebt, was ich erlebt habe. Dennoch hadere ich noch die halbe Nacht mit meinen Gefühlen, bevor ich im Morgengrauen endlich in einen kurzen Schlaf sinke.
Meine Unsicherheit resultiert daraus, dass ich mich frage, ob man einen solchen Satz überhaupt schreiben darf. Gelte ich dann nicht als herzlos? Bin ich womöglich sogar gefühlskalt geworden? Haben mich die Erlebnisse der letzten Monate so sehr verändert?
Ist nicht der Tod, jenes unausweichliche Ereignis am Ende des Lebens, das, wovor wir uns alle am meisten fürchten? Und wenn das so ist: Wie kann dann das Sterben, dieser biologisch irreversible Vorgang, der ein Menschenleben früher oder später auslöscht, nicht das Schlimmste, das Bedrückendste gewesen sein, was mir in all der Zeit, die ich für dieses Buch recherchierte, begegnete?
Nichts hatte mich im Vorfeld der Arbeit an dem Projekt mehr belastet als die Vorstellung, eines Tages dem Tod begegnen zu müssen. Obwohl ich wusste, dass mir diese Konfrontation unausweichlich und wahrscheinlich sogar mehrmals bevorstehen würde, versuchte ich, die konkreten Gedanken daran zu verdrängen. Das gelang mir auch, zumindest bis zu jenem Tag im Juli 2006, als ich das erste Mal die Zentrale Notaufnahme der Asklepios Klinik Nord im Hamburger Stadtteil Langenhorn betrat.
 

 

Es war ein schwüler Sommermorgen. Das Thermometer zeigte bereits achtzehn Grad Celsius an, obwohl es erst kurz nach sieben war und die Sonne sich noch hinter einem milchig grauen Wolkenschleier verbarg. Ich wohnte damals in einem der am westlichen Rand gelegenen Elbvororte, der Krankenhauskomplex erstreckt sich hingegen an der nördlichen Stadtgrenze. Dazwischen liegen ungefähr sechsundzwanzig Autokilometer. Ich wählte die Route über die Autobahn und kam nach etwa zwei Dritteln, hinter dem Krohnstieg-Tunnel, am Flughafen Fuhlsbüttel vorbei. Um dorthin zu gelangen, hätte ich bloß nach rechts auf eine Zubringerstraße abbiegen müssen, wenig später erneut nach rechts, über eine Brücke zu den ausgeschilderten Terminals und Parkhäusern. Diesen Weg hätte ich mit geschlossenen Augen finden können, so oft war ich ihn in den vergangenen zehn Jahren gefahren. Doch nicht ein einziges Mal hatte ich einen Grund gehabt, die entgegengesetzte Richtung einzuschlagen, nach Norden, über die Tangstedter Landstraße, die anfangs in ein paar Bögen, später beinahe schnurgerade stadtauswärts führt, kurz vor dem Ende des Stadtgebiets direkt am weitläufigen Gelände der Asklepios Klinik Nord vorbei.
Der Eingang, ein hoher, aus wuchtigen Sandsteinblöcken gemauerter Torbogen, war nicht zu verfehlen. Er stammt, wie ein Großteil der dreigeschossigen Häuserblöcke dahinter, in denen die einzelnen Krankenstationen untergebracht sind, aus jener Epoche deutscher Geschichte, in der man Bauwerke in dem wahnwitzigen Glauben an ein tausendjähriges Reich errichtete. Der Komplex war zwischen 1937 und 1938 als Kaserne für das 1. Bataillon von Hitlers Waffen-SS-Standarte »Germania« entstanden und diente später auch der dänischen SS-Brigade »Danmark«, einem Trupp Freiwilliger, als Quartier. Wenige Monate nach Ende des Zweiten Weltkriegs wurden die Nazibauten in ein Krankenhaus umfunktioniert. Obwohl die Exerzierplätze längst in Grünanlagen umgewandelt, die alten Gebäude innen mehrfach modernisiert, außen weiß gestrichen und durch Anbauten erweitert worden sind – die Spuren der Vergangenheit sind bis heute nicht zu übersehen.
Unmittelbar hinter dem Torbogen, rechts, fast ein bisschen versteckt, befindet sich einer der Eingänge zur Zentralen Notaufnahme (ZNA). Es gibt insgesamt drei davon. Dieser hier wird von Patienten benutzt, die selbstständig zur Behandlung kommen und nicht auf einen Krankentransport angewiesen sind. Dahinter erstreckt sich, eingepasst zwischen zwei der alten Kasernenblöcke, auf tausenddreihundert Quadratmetern ein Flachbau, der vor wenigen Jahren eigens zu diesem Zweck errichtet wurde.
Zuvor hatte ich mit Peter Niebuhr telefoniert. Er war der pflegerische Leiter der ZNA und bildete im Gespann mit Thomas Möhle-Heinzl, dem leitenden Arzt, das Führungsduo der Notaufnahme. Während der Internist Thomas Möhle-Heinzl für die Ärzte verantwortlich war, stand Peter Niebuhr dem Pflegepersonal vor. Darüber hinaus erledigte er verwaltungstechnische und organisatorische Aufgaben und befasste sich mit Budget- und Personalfragen.Vermutlich deshalb fiel ihm die Aufgabe zu, mich den Krankenschwestern, Pflegern und Ärzten vorzustellen. Am Telefon hatte er mir geraten, morgens kurz nach acht zu kommen, da sei es für gewöhnlich etwas ruhiger.
Tatsächlich fand ich fast die komplette Besetzung der Frühschicht im Aufenthaltsraum vor: Zwei Internistinnen und ein Chirurg saßen, komplett in Weiß, einträchtig zwischen einer Überzahl von Schwestern und Pflegern, die grüne Operationskleidung trugen. Soweit ich das mitbekam, duzten alle einander, als sei hier die Hierarchie zwischen Ärzten und Pflegekräften aufgehoben. Nicht nur das irritierte mich. Es wirkte auch niemand von ihnen sonderlich gehetzt. Gab es denn keine Patienten, die dringend versorgt werden mussten? Wo blieben die Rettungswagen, die »Nachschub« brachten? Warum klingelte keines der Telefone und kündigte einen Neuzugang an, dessen Leben auf der Kippe stand? Im Arbeitszimmer eines Finanzbeamten hätte es beschaulicher kaum zugehen können. Hektik stellte ich mir anders vor. Aber was wusste ich an diesem Morgen schon?
Auf das Gespräch hatte ich mich gründlich vorbereitet wie auf eine Prüfung. Und so ähnlich lief es dann auch ab. Zuerst hielt ich einen kurzen Vortrag über mein Projekt, über das sie zuvor bereits in groben Zügen durch die Klinikleitung informiert worden waren. Der Ärztliche Direktor Heinzpeter Moecke hatte seine Zustimmung unter der Bedingung gegeben, dass die ZNA-Mitarbeiter sich von meinen Plänen selbst ein Bild machen und danach entscheiden sollten, ob sie sich von mir über die Schulter schauen lassen wollten. Ich sprach darüber, dass es jeden von uns treffen, dass man plötzlich schwer erkranken oder einen schlimmen Unfall erleiden könne und dann auf medizinische Hilfe angewiesen sei. Dass die meisten Patienten und ihre Angehörigen den Medizinern in solchen Situationen blind vertrauen müssten, ihnen in gewisser Weise ausgeliefert seien, oft hilflos und überfordert in ihrer Not. Dass kaum jemand wisse, was sich hinter der Eingangstür einer Notaufnahme tatsächlich abspiele, wie sich Ärzte und Pflegekräfte dabei aufrieben, Krankheiten zu erkennen, Verletzungen zu behandeln, Leben zu retten. Ich erläuterte ihnen, welches Ziel ich mit meinen Recherchen verfolgte: Dass mir vorschwebte, das Leben in der Zentralen Notaufnahme so authentisch wie möglich zu beschreiben, mit all den unterschiedlichen Sichtweisen, aus der Perspektive der Ärzte, der Pflegekräfte, aber auch der Patienten und ihrer Angehörigen. Dafür müsse ich sie kennenlernen, ihre Motivation ergründen, die sie einst dazu getrieben habe, sich diesem Beruf zu verschreiben, und erfahren, wie sie mit den täglichen Belastungen, den physischen wie psychischen, zurechtkamen, was sie taten, wenn ihnen eine Situation über den Kopf wuchs oder sie sich nach anstrengenden Diensten völlig ausgebrannt fühlten.
In diesem Moment wusste ich noch nicht, wie ich das am besten anstellen würde. Klar war mir nur, dass ich selbst mehrere Monate in das Geschehen eintauchen musste, um die Ärzte und Pflegekräfte bei ihrer Arbeit aus nächster Nähe erleben zu können. Das sagte ich ihnen auch, woraufhin sich ein kurzer Dialog zwischen einer Ärztin und mir entspann.
»Und Sie wollen unsere Schichten richtig mitmachen?«, fragte sie, etwas ungläubig, wie mir schien.
»Genau. Ich möchte das so erleben wie Sie«, sagte ich.
»Auch die Nachtschichten?«
»Ja, die gehören doch dazu.«
»Und die Wochenenddienste?«
»Auch die.«
Ihr skeptischer Gesichtsausdruck wich, sie sah mich überrascht an. Damit schien das Eis gebrochen, auch bei den anderen in der Runde.
An diesem Tag hatte ich tatsächlich nicht die geringste Vorstellung, worauf ich mich da einließ. Ich konnte bestenfalls erahnen, und das auch nur in sehr abstrakter Form, was mich in der ZNA erwarten würde. Denn ein paar Minuten später war er wieder da, der Gedanke an den Tod, den ich auch an diesem Morgen bisher verdrängt hatte. Peter Niebuhr, der von meinen Ängsten nichts wissen konnte, stieß mich förmlich mit der Nase darauf, indem er mich durch die einzelnen Bereiche der Notaufnahme führte und mir die unterschiedlichen Behandlungszimmer zeigte. Sechs waren für internistische Fälle vorgesehen, fünf für chirurgische, einer für Hals-Nasen-Ohren- und für Mund-Kiefer-Gesichtschirurgie-Patienten. Es gab ein Isolierzimmer für Patienten mit infektiösen Erkrankungen und zwei sogenannte Schockräume, von denen einer mit Röntgengeräten und Beatmungstechnik ausgestattet war. Darin wurden Schwerstverletzte erstversorgt. Und dann standen wir plötzlich vor dem »Raum der Stille«.
Im Gegensatz zu den anderen Zimmern, die ich gesehen hatte, war er nicht medizinisch funktional, sondern beinahe wohnlich eingerichtet. Mit ein bisschen Phantasie hätte man ihn für ein Hotelzimmer der einfacheren Kategorie halten können. Den Mittelpunkt bildete ein Bett, das sich erst bei genauerem Hinsehen als Krankenhausbett entpuppte. Technisch verfügte es über die gleichen Funktionen, die Liegefläche konnte verstellt und in der Höhe variiert werden. Doch im Unterschied zu den Krankenhausbetten, die ich kannte, waren Kopf- und Fußende und die seitlichen Begrenzungsleisten aus echtem Holz, wodurch es gemütlicher, weniger nach einem Krankenlager aussah. Links vom Bett standen ein quadratischer Tisch und zwei mit weinrotem Stoff bezogene Sessel. Auf dem Tisch stand eine Zimmerpflanze, zwei weitere waren hinter dem Bett platziert. Alle sahen etwas mickrig aus, da das Zimmer keine Fenster hatte, durch die Tageslicht fallen konnte. Neben dem Tisch lag eine Mappe, in der verschiedene Gebete nachzulesen waren. Ganz vorn stand das Vaterunser auf Deutsch, Englisch, Spanisch und Türkisch. Dahinter gab es andere Gebete, verschiedene Zitate aus der Bibel und »Worte von Dichtern und Denkern zum Nachdenken und zur Begleitung in der Trauer«. Eines stammte vom Philosophen Nicholas Wolterstorff: »Ich werde die Welt durch Tränen ansehen. Vielleicht werde ich Dinge gewahr werden, die ich mit trockenem Auge nicht sehen konnte.« Ein anderes von Martin Luther: »Gottes Stärke und Trost wird niemand gegeben, er erbitte es denn mit ganzem Herzen.« Auf dem Umschlag der Mappe stand: »Begleitung zur Trauer«. An der rechten und an der hinteren Wand hing jeweils ein Bild. Auf dem einen waren abstrakte Farbspiele zu sehen, auf dem anderen eine romantische, etwas düstere Flusslandschaft mit Boot. Rechts, zwischen Bett und Wand, stand ein dimmbarer Deckenfluter, damit die grelle Neonbeleuchtung nicht benutzt werden musste.
Ich erfuhr, dass es ein Raum des Abschiednehmens war, gedacht für Patienten, denen mit medizinischen Mitteln nicht mehr geholfen werden konnte, deren Tod kurzfristig absehbar, nur noch eine Frage von wenigen Stunden war. Falls deren Angehörige es wünschten, konnten sie sich mit dem Sterbenden hierher zurückziehen, um ihm, ungestört vom Krankenhausalltag, auf seinem letzten Weg beizustehen. Für die Betroffenen seien das schwere und gleichzeitig sehr intime Momente, erklärte Peter Niebuhr. Deshalb hätten sie versucht, eine passende Atmosphäre zu schaffen, die möglichst wenig an ein steriles Krankenzimmer erinnere. Die meisten Angehörigen seien dankbar dafür.
Ich versuchte, mir eine solche Situation vorzustellen, und musste unweigerlich daran denken, wie ich als kleiner Junge mit vier oder fünf Jahren dem Sterben meiner Urgroßmutter beigewohnt hatte. In meiner Erinnerung tauchten auf einmal Bilder auf, die ich längst vergessen glaubte. Es war ja auch schrecklich lange her. Nicht einmal ihr Name fiel mir so schnell ein. Für meine Geschwister und mich war sie immer nur die »Ticktack-Omi« gewesen. Jetzt sah ich sie wieder vor mir, wie sie regungslos in ihrem Bett lag, den ausgemergelten Körper unter einer schweren Daunendecke verborgen. Ihr Kopf ruhte auf einem dicken Kissen. Eingesunken in die weichen Federn, wirkte er unnatürlich klein, als wäre er wie Dörrobst geschrumpft. Das Gesicht war eingefallen, fast zu einer Maske erstarrt. Nur die Nasenflügel bewegten sich, kaum sichtbar, im Takt ihres schwachen Atems. Die Haut schimmerte pergamentfarben und lag wie ein dünnes Tuch schlaff über ihren Wangenknochen. Ihre Augen wirkten eingesunken. Sie waren geöffnet, und obwohl ihr Blick jegliche Klarheit verloren hatte und in die Unendlichkeit zu starren schien, bildete ich mir ein, sie könne mich sehen. Ich glaube nicht, dass ich überhaupt etwas zu ihr gesagt habe. Die Situation faszinierte mich auf eine schaurige Weise, und Sprechen hätte mich nur davon abgelenkt, sie weiter hingebungsvoll anzuschauen und neugierig zu beobachten, ob sie sich regte. Irgendwann kam meine Mutter ins Zimmer. Sie nahm mich wortlos bei der Hand und führte mich hinaus.
Als ich mich am nächsten Tag heimlich in Urgroßmutters Schlafzimmer schlich, fand ich ihr Bett leer vor. Lange Zeit stand ich einfach davor und konnte mich nicht rühren. Die ganze Zeit blieb mein Blick an der nackten Matratze haften. Sogar das Bettzeug war über Nacht verschwunden. Als hätte sie es dorthin mitgenommen, wo sie jetzt war.
 

 

Einige Tage nach meiner ersten Begegnung mit den Ärzten und Pflegekräften der Zentralen Notaufnahme begann ich mit meiner Arbeit. Ich absolvierte zunächst mehrere Frühschichten, wechselte anschließend in die Spätschicht, bis ich an einem Wochenende zu meinen ersten Nachtschichten erschien. Mein Ziel war es, mich dem Rhythmus der Dienste anzupassen. Wobei das Wort »Rhythmus« in diesem Zusammenhang irreführend ist, da es Harmonie oder wenigstens eine gewisse Regelmäßigkeit suggeriert, die es so nicht gibt. Auf drei oder vier Frühschichten folgen nicht automatisch drei oder vier Spätschichten, und der letzten Spätschicht folgt nicht automatisch eine bestimmte Anzahl von Nachtschichten. Nach Spätschichten können ebenso gut Frühdienste anstehen oder umgekehrt. Zwar haben sich ein paar Regeln eingebürgert. Die eisernste ist noch die, dass niemand mehr als fünf Nachtschichten hintereinander schieben soll. Doch Regeln gelten hier so lange, bis durch Krankheit oder andere Ausfälle ein Personalengpass eintritt, der eine kurzfristige Umstellung des Dienstplans erforderlich macht.
Ich zog die gleiche grüne OP-Kleidung wie die Krankenschwestern und Pfleger an. Es war jedes Mal eine seltsame Metamorphose: Sobald ich die Kliniksachen überstreifte, nahm ich mich selbst als einen anderen wahr. Nicht als Pfleger, das hätte ich mir niemals angemaßt, aber doch als jemand, der da war, um anderen zu helfen. An den Füßen trug ich uralte Sneaker, die so ausgelatscht waren, dass ich sie kaum mehr spürte. Eine der Krankenschwestern hatte gemeint, ich solle unbedingt bequeme Schuhe anziehen, und bald begriff ich, wie fürsorglich ihr Ratschlag gewesen war. In manchen Schichten war ich wie die anderen acht Stunden fast ununterbrochen auf den Beinen. Wer das nicht in den Füßen spürt, muss gut trainiert sein. Und das war ich nicht.
Auch sonst gewöhnte sich mein Körper nur schwer an die neuen Lebensumstände. Bisher hatte ich einen relativ geregelten Tagesablauf gehabt, jedenfalls soweit es meine Schlafgewohnheiten betraf. Durch die Schichtdienste geriet mein Biorhythmus völlig durcheinander. Ich schlief deutlich weniger und auch schlechter und aß noch unregelmäßiger als schon zuvor. Die eine oder andere Mahlzeit ließ ich ganz ausfallen, weil ich zur üblichen Zeit nicht essen konnte oder gerade keinen Hunger verspürte. Dann wieder packte mich mitten in der Nacht Heißhunger, und ich stopfte mir den Magen so voll, dass ich anschließend nur schwer wieder einschlafen konnte. In wenigen Tagen nahm ich zwei, drei Kilogramm ab. Danach wog ich mich nicht mehr. Nie fühlte ich mich richtig ausgeschlafen. Die Bräune, die ich mir während des Sommerurlaubs zugelegt hatte, verblasste schneller als gewöhnlich. Und bald musste ich mir ausgerechnet von der hübschesten aller Krankenschwestern sagen lassen, ich hätte dunkle Augenringe und sähe erschöpft aus.
Wenn ich das Essen vernachlässigte – eines lernte ich schnell: Dass es ungeheuer wichtig war, während der Schichten ausreichend Flüssigkeit zu sich zu nehmen, da die Luft in den Räumen extrem trocken war. Sämtliche Behandlungszimmer lagen nach innen und hatten deshalb keine Fenster. Meist war das Raumklima noch dazu ziemlich stickig, besonders im Sommer, wenn es heiß war. Aber auch an kalten Wintertagen, da dann die Heizung auf Hochtouren laufen musste. Als ich während einer meiner ersten Schichten einmal nicht darauf achtete und zu wenig Wasser trank, bekam ich heftige Kopfschmerzen und wäre beinahe selbst zum Patienten geworden.
Vor den Schichten, im Umkleideraum, steckte ich mein Notizbuch in die linke Tasche des olivgrünen Kasacks, dazu einen Kugelschreiber, da ich mir vorgenommen hatte, alles, was mir wichtig erschien, augenblicklich tagebuchartig festzuhalten, wie ein Fotograf, der Schnappschüsse schießt, ohne sich vorher exakt um jede Einstellung an seiner Kamera zu kümmern, da er die Besonderheit eines Moments sonst nicht mehr einfangen könnte.
Jede neue Schicht beginnt für das Pflegepersonal mit einer Übergabe. Dafür setzen sie sich mit den Kollegen der vorangegangenen Schicht im Aufenthaltsraum zusammen und sprechen mit ihnen jeden Patienten durch: Krankheitsbild, Medikation, geplante Weiterbehandlung oder Verlegung, irgendwelche Besonderheiten. Alles im Telegrammstil. Bei den Ärzten läuft es ähnlich, wobei deren Schichten im Vergleich zu denen der Pflegekräfte meistens zeitlich versetzt beginnen und enden.
Zunächst hielt ich mich an die Krankenschwestern und Pfleger, die in der Regel den ersten Kontakt zu den Patienten haben. Ich beobachtete, wie sie nacheinander Blutdruck, Temperatur und die Sauerstoffsättigung des Blutes maßen, EKGs schrieben, Blut abnahmen und Braunülen legten, um Infusionen anzuhängen. Dann sah ich den Ärzten – Internisten, Neurologen und Chirurgen – bei ihren Untersuchungen zu und hörte, wie sie ihre Diagnosen stellten. Dabei hastete ich von einem Behandlungszimmer ins nächste, um so viele Eindrücke wie möglich aufzusaugen und nur ja nichts zu verpassen. Schnell merkte ich jedoch, dass es so nicht funktionieren konnte.
Zwar bekam ich viel zu sehen, begriff im Grunde aber nichts von dem, was sich vor meinen Augen abspielte. Und wenn es noch so banal schien: Warum kam ein Patient vor einem anderen an die Reihe, obwohl der schon länger wartete und nicht weniger krank aussah? Warum musste ein Unfallverletzter mit einer blutenden Wunde auf einer Trage im Flur versorgt werden, wenn doch noch eines der Behandlungszimmer für Chirurgiepatienten frei war? Warum wurde der Patient mit der Kopfverletzung in aller Seelenruhe geröntgt, während ein anderer schleunigst zur Computertomografie geschoben werden musste? Und welchen Grund konnte es geben, einen Patienten nicht selbstständig zur Toilette gehen zu lassen, wenn er sich doch dazu in der Lage fühlte, weder über Schmerzen in den Beinen noch in den Füßen klagte? Es war, als würde ich mir die ganze Zeit einen komplizierten Film ansehen, noch dazu in einer fremden Sprache, von der ich keine Silbe verstand. Szene um Szene reihte sich vor meinen Augen aneinander, nur konnte ich mir keinen Reim darauf machen, wie die eine mit der anderen zusammenhing, warum ausgerechnet die eine der anderen folgte, es nicht umgekehrt oder ganz anders ablief. Irgendwie griff alles ineinander, als sei es tausendmal geprobt. Jeder schien seinen Platz zu haben, seine Route zu kennen und auch nicht von ihr abzuweichen, als würde eine unsichtbare Linie wie ein Geländer auf einem schmalen Steg einen bestimmten – und nur diesen – Weg zulassen. Warum funktionierte das so? Wo lag das Geheimnis?
Es kam noch etwas hinzu, das mich an meiner Herangehensweise zweifeln ließ: Ich fühlte mich in meiner Rolle fehl am Platz, überflüssig, irgendwie störend, obwohl ich gewissenhaft darauf achtete, niemandem im Weg zu stehen. Es war auch nicht so, dass mir die Pfleger oder Ärzte das Gefühl vermittelten, ein Fremdkörper zu sein, im Gegenteil. Sie begegneten mir überaus freundlich und erklärten mir alles, was ich wissen wollte. Meine Anwesenheit und die Fragen, die ich ihnen stellte, schienen sie in keiner Weise zu stören. Das Problem lag bei mir. Und es verstärkte sich, je mehr Patienten kamen und je weniger Zeit den Schwestern, Pflegern und Ärzten zum Verschnaufen blieb. Sie halfen anderen Menschen. Menschen, die Ängste ausstanden, Schmerzen litten und sich Linderung erhofften. Ich dagegen hatte nur an meine Notizen zu denken. Und das kam mir in dieser Situation so unerheblich vor. Anstatt mit dem Stift Wörter aufs Papier zu kritzeln, wollte ich lieber mit anpacken. Sicherlich, es war vermessen anzunehmen, ich könnte eine Hilfe sein. Zumal ich keinerlei medizinische Ausbildung vorzuweisen hatte, abgesehen von einem Erste-Hilfe-Kurs, den ich absolviert hatte, um den Führerschein machen zu dürfen. Aber das lag eine Ewigkeit zurück, zählte nun wirklich nicht.
Trotzdem wartete ich nur auf eine Gelegenheit, mich nützlich zu machen. Es geschah ganz spontan. Ich wunderte mich selbst, als ich mich plötzlich sagen hörte: »Das kann ich doch machen.« Eine bettlägerige Patientin musste zum Röntgen geschoben werden. Wo sich die Röntgenabteilung befand, hatte ich mir gemerkt: einmal den Flur entlang, durch eine Glastür, die man automatisch öffnen konnte, indem man auf einen grauen Tastschalter drückte, der sich links an der Wand befand, dahinter ein paar Schritte nach links, schon stand man davor. Ich ließ mir von einem Pfleger zeigen, wie man die Gitter auf beiden Seiten der Trage hochklappte und verriegelte, damit die Frau nicht herausfallen konnte. Dann lief ich los, rückwärts, und verdrehte umständlich den Kopf, um nach vorn sehen zu können. Dabei zog ich die Trage hinter mir her und versuchte gleichzeitig, nirgends anzuecken, was vermutlich bodenlos ungeschickt aussah. Bereits nach wenigen Metern, als ich die erste Kurve zu nehmen hatte, geriet ich ins Schwitzen. Anscheinend machte ich etwas falsch. Wenn die anderen Tragen mit Patienten über die Flure schoben, sah es nicht so aus, als wäre das eine besonders kraftraubende Tätigkeit. Und ich brach mir dabei fast einen ab!
Es besserte sich mit jeder Fahrt. Ich wurde geschickter, fand heraus, dass die Tragen leichter zu lenken sind, wenn man sie nicht zieht, sondern vor sich herschiebt. Vorausgesetzt, die Räder sind entsprechend eingestellt. Dafür gibt es am vorderen und hinteren Ende des Gestells kleine Tretpedale, von denen ich anfangs angenommen hatte, sie würden lediglich als Feststellbremsen dienen. Dabei kann man damit auch die Beweglichkeit der Räder regulieren. Es gibt eine Stufe fürs Geradeausfahren und eine andere, die die Kurvengängigkeit erleichtert. Gleichzeitig lernte ich, darauf zu achten, dass die Hände der Patienten nicht über die seitlichen Gitter hingen, damit sie sich nicht verletzten, wenn ich durch eine Tür oder dicht an einer Wand entlang fuhr.
Nicht, dass das alles unglaublich kompliziert gewesen wäre. Trotzdem musste ich ständig mit dem Kopf bei der Sache sein, mich konzentrieren, auf Kleinigkeiten achten, die ich gar nicht wahrgenommen hatte, solange ich lediglich Beobachter gewesen war. Ich transportierte eben nicht irgendwelche Gegenstände, die man jederzeit ersetzen konnte. Auf der Trage vor mir lag ein Mensch, ein Kranker, eine hilflose Person, für die ich Verantwortung übernahm, der nichts geschehen durfte. Dabei kann so leicht etwas passieren. Später, während einer Spätschicht, erlebte ich, wie eine Patientin in einem Behandlungszimmer von der Trage fiel. Die Frau war schwer betrunken und hatte die ganze Zeit dagelegen, als würde sie fest schlafen. Ein Arzt war allein mit ihr im Zimmer. Er hatte sich eine Wunde am Kopf angesehen und ihr dann für einen kurzen Moment den Rücken zugedreht. Plötzlich rutschte die Frau auf die Seite, als wollte sie aufstehen. Im nächsten Moment krachte sie auch schon auf den Fußboden. Zum Glück passierte ihr nichts. Die Patientin schien ihren Sturz selbst nicht einmal zu bemerken. Auf dem Boden liegend, drehte sie sich einfach auf die Seite, in die Embryonalstellung, und wollte weiterschlafen.
Ich habe nicht gezählt, wie viele Patienten ich in den folgenden Wochen über die Gänge schob, die wenigen Schritte zum Röntgen, ein paar Meter weiter zur Computertomografie, zur Kernspintomografie oder zu einer der Bettenstationen. An manchen Tagen hatte ich gut damit zu tun. Auf jeden Fall zeigte mir dieser erste kleine Hilfsdienst, dass ich anders herangehen musste, wenn ich die Vorgänge in der Notaufnahme nicht nur besichtigen, sondern auch begreifen wollte. Kugelschreiber und Kladde trug ich zwar weiterhin bei mir, schrieb allerdings nur noch selten etwas auf. Das erledigte ich nach der Schicht, sobald ich zu Hause war.
Es wurde eine Entdeckungsreise. Ich tastete mich buchstäblich vor, fand nach und nach andere Tätigkeiten, die ich übernehmen konnte: Kleinigkeiten, die nicht wirklich bedeutsam waren, aber dennoch erledigt werden mussten. Und indem ich das machte, blieben sie den anderen erspart. Ich holte Patienten Wasser zum Trinken, wenn sie darum baten und es aus medizinischen Gründen nichts dagegen einzuwenden gab, schaffte einen Toilettenstuhl heran, wenn jemand seine Notdurft verrichten musste, brachte ihn anschließend wieder zurück in den Spülraum, säuberte ihn. Ich kümmerte mich darum, dass in jedem Behandlungszimmer Trinkbecher vorhanden waren und die Plastiktüten nicht ausgingen, in denen die Kleidungsstücke der Patienten verstaut wurden, ersetzte die Kartons mit den Latexhandschuhen durch neue, sobald einer leer war. Ich half, die Materialwagen, von denen in jedem Zimmer einer stand, aufzufüllen, und trug die Röhrchen mit den Blutproben zum Labor.
Manchmal setzte ich mich einfach nur zu einem der älteren Patienten, die aus einem Pflegeheim oder von zu Hause hergebracht worden waren, sich einsam fühlten und niemanden mehr zu haben schienen, der ihnen zuhörte. Es rührte mich, wie groß ihr Mitteilungsbedürfnis war. Einige erzählten mir ihre ganze Lebensgeschichte, andere nur Geschichten aus ihrem Leben. Sie schwappten förmlich aus ihnen heraus, ohne dass ich eine einzige Frage zu stellen brauchte. Oft fragte ich mich, wann ihnen das letzte Mal jemand zugehört hatte. Allein, dass sich ein anderer Mensch Zeit für sie nahm, ihnen Aufmerksamkeit schenkte, bei ihnen sitzen blieb, während die Ärzte und Pfleger zum nächsten Patienten eilten, schien ihnen gutzutun. Diese Form der Zuwendung gehört normalerweise nicht zum Behandlungsprogramm in der Notaufnahme. Sie ist purer Luxus. Nicht nur, weil sie nicht in Geld aufzuwiegen oder in irgendeiner Weise bei den Krankenkassen abrechenbar wäre. Die regulären Mitarbeiter der ZNA könnten das gar nicht leisten. Sie haben mit dem Notwendigsten genug zu tun.
Es dauerte nicht lange, bis mich die Krankenschwestern und Pfleger in ihre Arbeit mit einbezogen. Einige meinten, ich würde mich noch zu einer durchaus brauchbaren Hilfskraft entwickeln. Tatsächlich verpassten sie mir ganz nebenbei eine Art Schnellkurs, der mich befähigte, ihnen mit einigen Handgriffen auch bei der Versorgung der Patienten behilflich zu sein. Ich lernte zum Beispiel, an welchen Punkten des Körpers man die Elektroden fürs EKG befestigt und in welcher Reihenfolge die dazugehörigen Kabel anzuschließen sind, wie man die Manschette zum Blutdruckmessen fachgerecht um den Oberarm legt oder bei welchem Blutsauerstoff-Sättigungswert ein Patient unbedingt zusätzlich Sauerstoff benötigt.
Anfangs bereitete es mir Schwierigkeiten, mit den Kranken und Verletzten umzugehen. Ich fühlte mich gehemmt. Die körperliche Nähe zu wildfremden Menschen, sie zu berühren, das war für mich ungewohnt. Noch schwieriger fand ich es, sie in Situationen zu erleben, die ihnen selbst unangenehm sein mussten. Jeder, der sich schon einmal beim Arzt für eine Untersuchung ausziehen musste, kennt dieses unbehagliche Gefühl. Man entblößt nicht nur seinen Körper, sondern liefert sich in gewisser Weise auch aus ohne den Schutzpanzer der Kleidung.
Bei älteren Patienten, die pflegebedürftig waren, ging mir das besonders nah. Wie beschämend muss es sein, wenn man nicht mehr in der Lage ist, sich allein auszukleiden! Und wie demütigend erst, wenn bestimmte Funktionen des Körpers versagen, sodass man darauf angewiesen ist, Windeln angelegt und diese mehrmals am Tag gewechselt zu bekommen! Für die Pflegekräfte, die mir das vorexerzierten, war das Routinearbeit. Sie verzogen keine Miene, sprachen mit den Patienten über alles Mögliche dabei. Und das in einem lockeren Plauderton, als würden sie nicht halb nackt vor ihnen liegen, sondern mit ihnen in einem gemütlichen Café sitzen.
Ich dagegen muss einige Male ziemlich blass geworden sein. Meistens waren es die intensiven Gerüche, die mir den Magen umdrehten. »Daran gewöhnt man sich mit der Zeit«, meinte eine der Krankenschwestern einmal, als ich ihr gerade half, eine Patientin zu waschen. Sie war mit einem Rettungswagen aus einem Altenheim gekommen, weil sie über Unwohlsein und starke Bauchschmerzen geklagt hatte. Gewöhnen? Nein, das konnte ich mir in diesem Moment nicht vorstellen. Und ich gewöhnte mich auch später nicht daran. Vielleicht hätte ich dafür noch länger bleiben müssen.
Wenigstens gelang es mir nach und nach, mich besser auf Situationen wie diese einzustellen. Letztlich war es eine Sache des Kopfes. Wenn man etwas erwartet, zumindest gedanklich vorbereitet ist, fällt es einem leichter, damit zurechtzukommen, als wenn es einen völlig überraschend trifft.
Was mir jedoch weitaus stärker aufs Gemüt schlug als die Gerüche von Exkrementen, war das Erlebnis, erwachsene Menschen derart hilflos zu sehen, im Alter mutiert zu Wesen, die, Neugeborenen gleich, ohne fremde Hilfe nicht lebenstüchtig wären. Der Anteil von Gebrechlichen und akuten Pflegefällen an den über vierzigtausend Notfallpatienten, die in der Klinik jährlich versorgt werden, fällt überdurchschnittlich hoch aus. Das liegt nicht zuletzt am Einzugsbereich des Krankenhauses, der sich über den nördlichen Teil Hamburgs und einen südlichen Bereich Schleswig-Holsteins erstreckt. Von den Bewohnern der umliegenden Stadtteile und Orte ist fast jeder fünfte über fünfundsechzig Jahre alt. Außerdem befinden sich in der Region, abseits des Großstadttrubels, zahlreiche Altenpflegeheime.
 

 

Als meine Zeit in der Notaufnahme begann, hatte ich keine Vorstellung davon, wie das geplante Buch am Ende aussehen könnte. Ursprünglich hatte mir vorgeschwebt, eine Zeitspanne von vierundzwanzig Stunden minutiös zu schildern. Doch das war ein Vorhaben, mit dem ich, wie sich rasch herausstellte, der Realität nicht ansatzweise hätte gerecht werden können. Ich wollte meine Erlebnisse aber auch nicht als Anekdotensammlung niederschreiben, weil ich sie damit abgekoppelt hätte von dem, was den Alltag in der Notaufnahme erst ausmacht. Einerseits brauchte ich einen klaren zeitlichen Rahmen, andererseits aber auch Freiraum, um neben dem Sichtbaren das für Außenstehende Unsichtbare beschreiben zu können: Gedanken, Gefühle, Emotionen. Denn das ist das Alltägliche, gleichzeitig aber auch das Besondere an der Notaufnahme: Es gibt keinen anderen Ort, an dem Schmerz und Trauer, Angst und Verzweiflung, Elend und Leid, aber auch Liebe, Hoffnung und Freude so häufig und mit einer solchen Intensität aufeinanderprallen. Es ist ein Mikrokosmos, in dem sich die Dramatik und gleichzeitig die Banalität des menschlichen Lebens in allen Facetten konzentriert.
Eine andere Besonderheit ist die völlige Unberechenbarkeit. Einen geregelten Tagesablauf gibt es in der Notaufnahme nicht. Für das Personal ist nichts planbar, selbst die Einnahme der Mahlzeiten nicht. Wer in der Notaufnahme arbeitet, ob Pflegekraft oder Arzt, weiß nie, was im nächsten Moment, in der nächsten Minute über ihn hereinbricht. Trotzdem muss er stets auf das Schlimmste gefasst sein. Vielleicht ist der nächste Patient ein junger Mann, der sich bloß mit einem Brotmesser in den Finger geschnitten hat, vielleicht ein Greis, den auf der Straße plötzlich die Kraft in den Beinen verlassen hat, vielleicht auch ein Kind, das von einem Klettergerüst gestürzt ist, eine schwangere Frau, die sich übergeben musste, oder ein Jugendlicher, der es mit dem Alkohol übertrieben hat. Vielleicht liegt auf der Trage, die von den Rettungsassistenten hereingeschoben wird, aber auch ein Schwerstverletzter, dessen Leben am seidenen Faden hängt. Dann wissen sie nicht, wer dieser Mensch ist, wo er herkommt, wer die Schuld an seiner Notlage trägt. Doch ihnen ist klar, dass sie damit leben müssen, falls der Faden unter ihren Händen reißt. Also müssen sie bereit sein, funktionieren, frühmorgens, tagsüber, mitten in der Nacht, von jetzt auf gleich, noch in der größten Hektik, wenn alle Behandlungszimmer belegt sind und sich auf den Gängen Tragen mit Patienten stauen, für die der Platz kaum ausreicht.
Das Buch hat jetzt sieben Kapitel. Jedes Kapitel steht für einen Tag, das Buch also für eine Woche. Diese Woche wurde nicht konstruiert, sie entspricht sieben realen, aufeinanderfolgenden Tagen und Nächten, wie sie sich Ende des Jahres 2006 in der Zentralen Notaufnahme der Hamburger Asklepios Klinik Nord zugetragen haben. Den Zeitpunkt habe ich willkürlich ausgewählt. Es ist Zufall, dass meine Schilderungen an einem Samstag beginnen. An jedem der sieben Tage hielt ich mich, anders als in den Monaten zuvor, zwischen siebzehn und achtzehn Stunden am Stück in der Notaufnahme auf. Ich begann morgens um sieben und blieb bis Mitternacht oder noch eine Stunde länger, abhängig davon, wann es ruhiger wurde. Um die Lücke meiner kurzen nächtlichen Abwesenheit zu schließen, befragte ich tags darauf die Nachtschichtler. Während dieser Woche trug ich zwar weiterhin Grün wie in den Monaten zuvor, half den Pflegekräften aber so gut wie nicht mehr, protokollierte stattdessen, was geschah, befragte Schwestern und Pfleger, Ärzte, Patienten und deren Angehörige. Da die Zeit nie ausreichte, ausführlich zu sprechen, traf ich mich mit vielen später noch einmal außerhalb des Krankenhauses, um das Erlebte tiefer auszuloten.
Seit meinen ersten Diensten in der Notaufnahme hatte sich einiges verändert. Je länger ich die Pflegekräfte und Ärzte begleitete, je weniger sie mich als Besucher wahrnahmen, je tiefer ich eintauchte in ihre Welt, desto mehr wurde ich selbst ein Teil davon. Vielleicht wäre mir das gar nicht bewusst geworden, hätten mich Freunde nicht auf eine Wandlung hingewiesen, die ich in ihren Augen durchgemacht hatte. In der ersten Zeit, meinten sie, hätte ich noch in der dritten Person über die Leute in der ZNA gesprochen. Eines Tages jedoch sei ich zum wir übergegangen und dabei geblieben, sobald ich über meine Erlebnisse berichtete.
Sie hatten recht. Und es war nicht nur dieses wir: Konnte ich zwischendurch mehrere Tage nicht in der Notaufnahme sein, weil mich andere Verpflichtungen oder einmal auch eine Krankheit fernhielten, vermisste ich die Stunden dort. Dann fragte ich mich, wer wohl gerade Dienst hatte. Ich stellte mir die verschiedenen Gesichter vor und rief mir bestimmte Ereignisse in Erinnerung, die ich mit einigen der Leute erlebt hatte. Das hat sich bis heute nicht geändert. Manchmal frage ich mich auch jetzt noch, wie es dem einen oder anderen ergangen ist, seit ich nicht mehr dort bin: Ob der Pfleger, der damals gerade von seiner Freundin verlassen worden war und unter der Trennung sehr gelitten hat, inzwischen neu verliebt ist? Oder ob sie zu ihm zurückgekehrt ist? Wie es dem Hund geht, den sich eine Krankenschwester und ein Pfleger, das offizielle Pärchen der Station, damals gemeinsam zugelegt hatten? Ob sich die energische Krankenschwester, die glaubte, ihre Zuneigung zu einem der Ärzte geheim halten zu müssen, obwohl die anderen längst Bescheid wussten, inzwischen dazu bekannt hat? Wie lange der Arzt, der seine Eigentumswohnung verkaufen wollte, wohl nach einem Käufer suchen musste? Oder was aus dem Pferd einer der Krankenschwestern geworden ist, das im Herbst 2006 sein erstes Preisgeld errungen hatte, danach aber erkrankt war? Und wie es dem Chirurgen geht, der an einem der wenigen eisigen Tage des Winters 2006/2007 an der Schranke vor der Notaufnahme ausgerutscht und gestürzt war, sich dabei Knie und Schulter ramponiert hatte, sodass er längere Zeit krankgeschrieben werden musste?
Auch an Patienten, die ich in der ZNA kennenlernte, denke ich manchmal. Mehr noch: Einige von ihnen scheinen mich sogar im Unterbewusstsein zu beschäftigen, denn sie sind mir bereits im Traum erschienen. Wie die freundliche alte Dame, die mit Bauchschmerzen und Fieber eingeliefert wurde und bei der sich herausstellte, dass sie Gallensteine hatte. Obwohl die ihr übel zusetzten, hatte sie nicht gejammert. Und als die Ärztin, die sie mit einem Ultraschallgerät untersuchte, fragte, ob sie besser den Sohn verständigen solle, da sie möglicherweise operiert werden müsse, erwiderte sie: »Wieso denn? Der ist doch kein Arzt, der kann auch nichts für mich tun. Da muss ich ja wohl alleine durch.« Man sollte erwähnen, dass die Frau neunundneunzig Jahre alt war und noch sehr gut beieinander, wie ihre schlagfertige Antwort verriet. Ich wüsste gern, ob sie ihren hundertsten Geburtstag erlebt hat. Sie hatte es sich so sehr gewünscht.
Das Kontrastprogramm dazu bildeten zwei junge Frauen, denen ich wenige Tage später begegnete, kurz hintereinander, während ein und desselben Spätdienstes. Beide waren Mitte zwanzig und litten seit Jahren unter einer Borderline-Störung. Sie befanden sich deswegen in psychiatrischer Behandlung und gehörten zur Stammklientel der Notaufnahme, wurden immer wieder, in unregelmäßigen Abständen, eingeliefert, meistens, nachdem sie sich mit einer Rasierklinge oder einem Messer die Haut aufgeritzt hatten. Ihre Arme und Beine waren mit unzähligen Narben übersät. Die Gespräche mit ihnen deprimierten mich. Im Grunde erzählten beide das Gleiche: Jede hatte ein traumatisches Erlebnis in der Kindheit durchgemacht, das sie nicht genauer schildern wollten, vielleicht auch nicht konnten. Sie deuteten zwar kryptisch etwas an, woraus ich schlussfolgerte, dass es sich um sexuellen Missbrauch gehandelt haben könnte. Sicher war ich mir aber nicht. Was auch immer es gewesen sein mochte: Sie hatten die Erinnerungen daran jahrelang verdrängt, bis sie irgendwann doch aus ihnen herausgebrochen waren, ihr Leben umgestülpt und sie aus der Bahn geworfen hatten. Beide hatten inzwischen mehrmals versucht, sich das Leben zu nehmen. Das war ihrer Meinung nach nicht gescheitert, weil sie zu ungeschickt gewesen wären. Sie hätten den Tod mit letzter Konsequenz dann doch nicht gewollt.Während sich die Neunundneunzigjährige an jedem einzelnen Tag erfreute, den sie dem Leben noch abtrotzen konnte, wandelten die jungen Frauen absichtlich am Abgrund, als wäre ihnen das Leben keinen Pfifferling wert. Ich frage mich, ob sie jung sterben werden oder eines Tages doch noch einen Weg finden, der sie aus ihrem Dilemma führt.
Nicht weniger ratlos ließ mich ein Mann zurück, den Polizisten in einer Fußgängerpassage erheblich alkoholisiert vorgefunden und unter dem Stichwort »hilflose Person« der Rettungsdienstzentrale gemeldet hatten. Er war erst vierunddreißig, sah aber viel älter aus. Seine Kleider waren schmutzig. Sie rochen nach einer unappetitlichen Mischung aus kaltem Zigarettenrauch, Erbrochenem und Urin. Er konnte sich nur mit Hilfe eines Gehwagens fortbewegen und vermittelte den Eindruck, als wäre in seinem Inneren bereits alles abgestorben. Er wirkte resigniert, unbeteiligt, als könnte ihn absolut nichts aus seiner Lethargie reißen, ihn weder erschüttern noch begeistern. Er meinte, er fühle sich auch so. Irgendwie leblos. Seit jenem Tag vor vier Jahren, an dem er mit dem Motorrad verunglückt sei. Er hatte den linken Unterschenkel verloren und blieb halbseitig gelähmt. Als Krüppel konnten sie ihn in der Handwerksfirma nicht mehr gebrauchen, in seinem Zustand war er überhaupt nicht mehr in der Lage zu arbeiten. Und auch zu Hause bei seiner Familie fühlte er sich nur noch als Ballast. Seine Ehefrau hielt das nicht lange aus. Sie verließ ihn und nahm die Kinder mit. Vielleicht habe er seit dem Unfall zu viel getrunken, meinte er.Vielleicht sei das mit dem Alkohol auch erst später ausgeufert. So genau könne er das nicht sagen.
Ich hörte ihm geduldig zu, obwohl es schwierig war, die einzelnen Satzbrocken, die er stockend herausbrachte, zusammenzufügen, damit sie einen Sinn ergaben. Irgendwie tat er mir leid, wobei Mitleid bestimmt nicht das war, was er brauchen konnte. Er hatte alles verloren und musste die vergangenen Jahre in einem Dauerdelirium zugebracht haben. Alle Entzugstherapien waren gescheitert. Er betäubte sich, um seinen Zustand und die Tage voller Einsamkeit ertragen zu können, und wartete..., ja, worauf eigentlich? »Eines Tages werde ich mich totgesoffen haben«, sagte er, ohne die geringste Spur von Hoffnung in der Stimme. Als würde sein Lebenssinn nur noch darin bestehen. Das Gespräch mit ihm verfolgt mich bis heute. Manchmal frage ich mich, was aus mir geworden wäre, hätte das Schicksal mich auf diese Weise getroffen.
 

 

Die Notaufnahme ist ein Ballungsraum unterschiedlichster Empfindungen, deren Intensität für diejenigen, die dort arbeiten, eine harte Belastungsprobe darstellt. Sie kehrt täglich wieder, man kann sich ihr schwer entziehen. Das wurde mir schneller klar, als ich erwartet hatte. Ich absolvierte gerade meinen zweiten Tag, die zweite Frühschicht, als ich eine Patientin sterben sah. Es war eine achtzigjährige Frau. Die Ärzte hatten bei ihr eine Hirnblutung festgestellt, die zu stark war, um sie mit einem operativen Eingriff stoppen und das nahende Ende noch abwenden zu können. Nachdem die Tochter der Kranken samt Familie erschienen war, wurde sie, schon nicht mehr bei Bewusstsein, in den »Raum der Stille« geschoben. Dort lag sie zweieinhalb Stunden, ehe ihr Herz aufhörte zu schlagen. Es war ein sanftes Hinübergleiten, ein lautloser Schlussakkord, der einen zwar bedrückte, traurig stimmte, jedoch dem Lauf des irdischen Daseins entsprach. Die Frau hatte ein langes Leben gehabt. Ihre Angehörigen wirkten gefasst, als schienen sie ihren Tod erwartet oder sich zumindest darauf vorbereitet zu haben.
Bei einer anderen Patientin fiel es mir hingegen unglaublich schwer, den Tatsachen ins Auge zu blicken. Es handelte sich um eine Frau Mitte vierzig, die in derselben Schicht, kurze Zeit später, eingeliefert wurde – ebenfalls mit einer ziemlich starken Blutung im Gehirn, wie sich bei der Computertomografie herausstellte. Sie wurde von ihrem Ehemann und dem Sohn begleitet. Die drei gingen sehr liebevoll miteinander um, schienen mit der Situation jedoch überfordert. Einige der Schwestern und Pfleger kannten die Frau. Sie war eine Kollegin, hatte bis vor wenigen Monaten selbst in der Klinik gearbeitet, auf einer anderen Station. Deshalb ging ihnen die Sache besonders nah. Niemals werde ich vergessen, wie ihre Blicke förmlich versteinerten, als sie sich mit einigen Ärzten die Aufnahmen der Computertomografie ansahen. Kurz darauf brachten ein Arzt und eine Schwester die Frau auf die Intensivstation. Ich begleitete sie. Auf dem Weg dorthin sprachen sie mit ihr, versuchten, ihr Mut zu machen. Und sie versuchte zu lächeln. Doch sie weinte. Es brauchte ihr niemand etwas vorzumachen. Sie wusste, was die Diagnose bedeutete.