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Inhaltsverzeichnis
 
 
 

Buch
Schon seit Wochen fühlt sich Dr. Bernd König schlecht, leidet an Bauchkrämpfen und verspürt kaum Appetit. Statt sich jedoch von seiner Tochter gründlich untersuchen zu lassen, behandelt sich der 70-jährige Arzt lieber mit Kräutertee. Selbst als seine Tochter ihn kurzfristig an ihrem freien Tag in seiner Praxis vertreten muss, tut er noch so, als handle es sich lediglich um eine kleine Magenverstimmung.
Am nächsten Tag hält Dr. Katja König in der Klinik am Park allein die Stellung. Denn sowohl der Chefarzt Professor Winter als auch ihre Kollegin Dr. Grossmann haben frei. Da liefern die Rettungssanitäter einen Mann in Lebensgefahr ein. Dr. Katja König bereitet sich auf die Operation vor. Doch als sie an den OP-Tisch tritt, ist sie zutiefst schockiert: Der Patient ist ihr eigener Vater. Doch da jede Minute zählt, kann die junge Ärztin nicht umhin, selbst zu operieren...

Autorin
Nicole Amrein, 1970 in Bern geboren, war als Fernsehmoderatorin, Journalistin und Chefredakteurin bei diversen Magazinen tätig. Mit ihrem Erstling »Die Pfundsfrau« landete sie auf Anhieb einen Bestseller. Es folgten Arztromanserien und Frauenromane sowie zahlreiche Kurzgeschichten. Die Serie Dr. Katja König hat in der Schweiz bereits eine riesige Fangemeinde, und die Verfilmung ist bereits in Vorbereitung.

 
Bei Blanvalet außerdem lieferbar:
 
Dr. Katja König – In letzter Sekunde (36510)
Dr. Katja König – Schöner Schein (36574)

Also doch, die Kniescheibe war gebrochen. Eine verschobene Querfraktur, wie Dr. Katja König vermutet hatte. Der Patient würde um eine Operation nicht herumkommen. Keine gute Nachricht für einen Studenten, der nebenbei als Radkurier jobbte.
Mit zusammengekniffenen Augen hielt die Oberärztin die beiden Röntgenaufnahmen noch einmal gegen die Lichtquelle. Eine Entfernung der Kniescheibe drängte sich zum Glück nicht auf. Wie es aussah, konnte die Patella bleiben, musste aber mehrfach verschraubt werden. Oder aber, die Kollegen nahmen eine Verdrahtung vor. Die Entscheidung lag bei den ausführenden Chirurgen. Dr. König konnte nur eine Empfehlung abgeben, denn während der eigentliche Eingriff stattfand, würde sie längst zu Hause sein, geschafft von einer Nacht, die betriebsamer nicht hätte sein können.
Keine Stunde, in der nicht ein neuer Notfall eingeliefert worden war. Von der lebensbedrohlichen Gehirnquetschung bis hin zur harmlosen Hautabschürfung war alles dabei gewesen. Kam hinzu, dass der ihr zugewiesene Assistenzarzt an Darmgrippe erkrankt war und eine der beiden zum Dienst eingeteilten Krankenschwestern ebenfalls mit Influenza im Bett lag.
Dr. Katja König dachte an den Radkurier, der aufgrund seiner Verletzung mindestens ein Vierteljahr pausieren musste. Kniescheibenbrüche waren immer eine heikle Angelegenheit. Selbst bei optimaler Versorgung blieben bei einem Drittel der Patienten dauerhafte Schmerzen zurück. Manchmal reichte eben schon eine Wasserlache auf der Straße, um das Leben eines Menschen nachhaltig zu verändern.
Versonnen schaute die Ärztin aus dem Fenster. Von den orkanartigen Regengüssen der vergangenen Nacht war nichts mehr zu sehen. Im Osten zeigten sich die ersten Sonnenstrahlen am wolkenlosen Himmel. Es würde zwei Tage dauern, bis sich Dr. Königs innere Uhr vom Nachtdienst wieder auf den Tagesrhythmus umgestellt hatte.
Normalerweise klingelte um sechs Uhr in der Frühe ihr Wecker, trank sie um halb sieben die erste Tasse von Rosis extra starkem Espresso – und nicht solchen abgestandenen Filterkaffee aus der Thermoskanne wie hier. Scheußlich, wie der schmeckte! Aber immer noch besser als das Gebräu aus dem Automaten.
Wie sehr sie sich auf ein ausgiebiges Frühstück freute, ein lauwarmes Schaumbad und viel, viel Schlaf. So anstrengend die Nachtdienste an der Klinik am Park auch sein konnten, so schön war es, sich dann ins Bett zu legen, wenn für andere der Tag erst anfing.
Für den jungen Mann mit der gebrochenen Kniescheibe würde es allerdings kein guter Tag werden. Noch wusste er nichts von dem anstehenden Eingriff. Dr. König wollte ihm die Nachricht überbringen, sobald sie mit den Dienstplänen für den nächsten Monat fertig war.
Es war zuweilen ganz schön knifflig, sämtliche Ferien- und Wochenendwünsche der gesamten Ärzteschaft der chirurgischen Abteilung unter einen Hut zu bringen. Die Arbeit ähnelte einem Puzzlespiel. Einem, bei dem man oft erst ganz am Schluss merkte, dass das entscheidende Teilchen fehlte.
Den Bleistift in der einen, den Radiergummi und ein Lineal in der anderen Hand, machte sich die Ärztin daran, die Spalten mit den Stundeneinträgen durchzugehen. Dr. Katja König war so konzentriert bei der Arbeit, dass ihr schlicht entging, wie ein Mann Mitte Vierzig mit neckischem Lachgrübchen über dem rechtem Mundwinkel das Büro betrat. Erst, als ihr der Duft von frisch gemahlenen Kaffeebohnen in die Nase stach, schaute sie hoch.
»Bruno!« Hoch erfreut sprang Katja König vom Stuhl auf, nahm ihm die Papiertüte ab, die er sich zwischen die Zähne geklemmt hatte, um die Türe öffnen zu können. »Wo kommst du denn so früh her?«
»Na, von wo wohl?«, gähnte er, »aus dem Bett. Ich dachte, du hättest nach der langen Nacht vielleicht Appetit auf ein warmes Croissant.«
Während Bruno Bauer der Ärztin eine der beiden Henkeltassen entgegenstreckte, blickte sie in die Tüte. »Die sind ja von meinem Lieblingsbäcker! Mensch, Bruno, du bist einfach unschlagbar!«
»Nicht unschlagbar, bloß schwer verliebt.«
»Charmeur!«
Er küsste sie mitten auf den Mund. »Du hast mir unendlich gefehlt. Versprich bitte auf der Stelle, nicht mehr so viele Nachtdienste zu machen.«
»Kein Problem«, befand Dr. König mit einem Seitenblick auf die Dienstpläne. »Du brauchst mir nur zwei weitere Arztstellen zu genehmigen.«
»Schlitzohr!«
Mit gespieltem Entsetzen trat die Ärztin einen Schritt zurück, so dass die braune Flüssigkeit um ein Haar auf ihren Kittel übergeschwappt wäre.
»Ich? Ein Schlitzohr? Wie uncharmant von dir! Aber wenigstens eine weitere Teilzeitstelle könntest du der Chirurgie zusprechen.«
»Tut mir leid«, grinste Bruno Bauer und gab einen Würfelzucker in seine Tasse, den er mangels eines Löffels mit Katjas Lineal umrührte. »Ich fange erst in zehn Minuten zu arbeiten an. Bis dahin halte ich mich als Privatmann in der Klinik am Park auf und nicht als deren Verwaltungsdirektor.«
Schade. So konnte Dr. König ihn gar nicht bitten, ein Auge auf die Stundeneinträge zu werfen, irgendwo hatte sich nämlich ein gemeiner Fehler eingeschlichen.
Kauend beugte er sich über die Dienstpläne, überflog die Zahlen und stockte, als er realisierte, dass sich die Oberärztin im Juni kein einziges freies Wochenende zugestanden hatte. »Was ist denn mit unserem Schwarzwaldtrip? Wir wollten doch zum Wandern, schon vergessen?«
Vergessen, wo Katja König sich so sehr auf die Tage gefreut hatte? »Wie könnte ich! Glaub mir, Bruno, ich habe hin und her überlegt, aber es geht einfach nicht anders.«
»Warum trittst du nicht einen Teil deiner Wochenenddienste an Dr. Grossmann ab?«
Weil Dr. König ihre Stellvertreterin schonen wollte, hatte Diana Grossmann doch eben erst ihre Mutter verloren.
Für den Verwaltungsdirektor war dies noch lange kein Grund dafür, dass Katja nun die ganze Arbeit alleine machte. Schließlich war Dr. Grossmanns Mutter nicht nur schwer krebskrank gewesen, sondern auch schon reichlich alt. »Bei einem achtzigjährigen Menschen müssen die Angehörigen darauf vorbereitet sein, dass etwas passieren kann.«
Die Stimme der Ärztin klang ungewohnt brüchig, als sie zu bedenken gab, dass ihr Vater nur gerade zehn Jahre jünger als die Verstorbene war und dass es für sie das Schlimmste überhaupt wäre, ihn zu verlieren.
Bruno Bauer, der um das enge Verhältnis zwischen Vater und Tochter König wusste, bereute seinen flapsigen Ausspruch, umso mehr, als auch er Bernd König sehr schätzte, gar nicht zu reden von seinem Sohn – »ich brauche dir ja nicht zu sagen, wie sehr Paul an deinem Vater hängt.«
Die Ärztin nickte und strich sich mit dem Handrücken über die glatte Stirn. Sie hatte übertrieben reagiert, war wohl einfach übermüdet. Sechsunddreißig Stunden Dienst am Stück ohne jede Ruhepause zerrten an den Nerven. Dr. König wollte nur noch rasch die Dienstpläne fertig machen und dann nach Hause fahren.
»Die Dienstpläne können warten«, meinte Bruno Bauer, nahm ihr die Blätter aus der Hand und legte sie auf den Schreibtisch zurück. »Du gehst jetzt sofort ins Bett und ruhst dich aus.«
»Aber...«
Er schaute auf seine Plastikarmbanduhr, das einzige Relikt, das ihm aus seiner aktiven Schwimmerzeit übrig geblieben war. »Kein Aber, Dr. König! Dies ist eine Anordnung des Verwaltungsdirektors, dessen Arbeitstag soeben begonnen hat.«
Nach einigem Zögern willigte Katja König ein, wohl wissend, dass sie auf dem Nachhauseweg sowieso noch bei dem verletzten Radkurier vorbeischauen würde.
 
 
 
Es war kurz vor neun Uhr, als der Kleinwagen der Ärztin in den Alleeweg einbog, an dessen Ende sich die alte Fabrikantenvilla befand. Das mit Efeu bewachsene Herrschaftshaus – auf einer kleinen Anhöhe gelegen – sah man schon von weitem. Im Mai, wenn die Apfelbäume in voller Blüte standen, fand Katja König den Anblick besonders reizvoll. Dann waren auch die Wintermonate vergessen, in denen es im renovierungsbedürftigen Gebäude drinnen manchmal ganz schön kalt sein konnte.
Dr. König hätte nirgendwo anders leben wollen, nicht für alles Geld dieser Welt. Die vier Jahre Weiterbildung in den USA hatten ihr gereicht. Sie war nicht für die lärmende Großstadt gemacht, mochte die Natur und die Stille genauso wie ihr Vater, der im Erdgeschoss des Hauses seine Praxis eingerichtet hatte.
Bernd König, Allgemeinpraktiker, stand am eisernen Tor auf einem einfachen Schild geschrieben. Und: Sprechstunden nach Vereinbarung. Als ob sich je schon ein Patient beim Doktor angemeldet hätte! Wer in der Gegend einen Arzt brauchte, suchte die alte Fabrikantenvilla auf – ganz egal zu welcher Uhrzeit.
Katjas Vater unterschied nicht zwischen den Tagen. Wie pflegte er doch zu sagen: Krankheit kennt kein Wochenende. Das hielt er schon seit jeher so. Und es war nicht davon auszugehen, dass er sich noch ändern würde, auch wenn Rosi standhaft versuchte, wenigstens den Sonnabend zum Ruhetag zu erklären.
Die gute Rosi. Sie hatte es nicht immer einfach mit dem Doktor. Dennoch hielt sie ihm seit siebenunddreißig Jahren die Treue – als Haushälterin, Köchin und Praxisgehilfin. Letzteres eher ungewollt, diente ihre geräumige Küche doch zugleich als Wartezimmer für die Patienten.
Dort saßen sie am langen Holztisch, tranken selbst gemachten Holunderblütensirup und brachten sich gegenseitig auf den neusten Stand der Ereignisse. Jedenfalls war Rosi immer bestens über den aktuellen Klatsch informiert, was sie gegenüber dem
Doktor aber niemals zugegeben hätte. Genau so, wie sie ihm verschwieg, dass sie etliche seiner Patienten mit ihren getrockneten Kräutern versorgte, die sie immer samstags auf dem Wochenmarkt feilbot.
Es war ein offenes Geheimnis, dass Dr. Bernd König rein gar nichts von der Heilkraft der Pflanzen hielt, die Phytotherapie als Humbug abtat, was regelmäßig zu heftigen Diskussionen zwischen ihm und Rosi führte. In der Hitze des Gefechts konnte es durchaus vorkommen, dass er sie Kräuterhexe nannte, während sie ihm vorwarf, ein Handlanger der Pharmaindustrie zu sein.
Bestimmt existierte kein anderes Paar, das sich so leidenschaftlich streiten konnte wie die beiden. Schon mehrmals hatte sich Rosi schmollend ins zur Villa gehörende Pförtnerhaus zurückgezogen, manchmal mehrere Tage lang. Das ging nun nicht mehr, seit Bruno Bauer mit seinem Sohn Paul das kleine Haus schräg gegenüber des Hauptgebäudes bewohnte. Gut nur, dass es Rosis Idee gewesen war, die beiden dort einzuquartieren. Ob sie den Vorschlag auch gemacht hätte, wenn sie gewusst hätte, dass sich die Notlösung zum Dauerzustand entwickeln würde?
Immerhin war es im vergangenen halben Jahr zwischen ihr und Bernd König zu keinem nennenswerten Disput mehr gekommen, was wohl auch an Paul lag. Vor dem zehnjährigen Buben wollte keiner der beiden als Streithahn dastehen. Und vielleicht obsiegte bei ihnen ja auch langsam die Einsicht, dass es sich weitaus besser damit leben ließ, den anderen in seiner Andersartigkeit zu akzeptieren, als ihn andauernd ändern zu wollen.
Die Ärztin parkte ihr Auto hinter dem Pförtnerhaus und ging quer über den gekiesten Vorplatz auf die alte Fabrikantenvilla zu. Aus der aufgenähten Tasche ihres Regenmantels lugte ein zusammengerolltes Klarsichtmäppchen hervor. Wenn sie ausgeschlafen hatte, wollte Dr. König die Dienstpläne fertig machen. Zudem musste sie dringend Professor Winter anrufen, um sich mit ihm über die Bandscheibenpatientin aus Zimmer zwölf zu beraten. Und noch etwas hatte sie sich für diesen Nachmittag vorgenommen, nur konnte sie sich beim besten Willen nicht mehr daran erinnern, was es gewesen war.
Ein spitzer Pfiff riss sie aus ihren Gedanken. Ob auf dem Vordach die Hausrotschwänzchen wieder zu nisten begonnen hatten? Interessiert schaute sie nach oben, konnte aber durch die mit Blütenstaub bedeckte Glasscheibe nichts entdecken, was einem Nest aus Moos und Würzelchen ähnlich sah.
»Hier«, klang es von weiter rechts herüber, wo Rosi aus dem geöffneten Küchenfenster guckte.
»Gut, dass du da bist. Warte einen Augenblick, ich komme zu dir raus.«
Was los sei, wollte Katja wissen, als die zierliche grauhaarige Rosi wenig später unter der Haustüre erschien. »Bist du etwa krank?«
»Ich nicht«, entgegnete Rosi, »aber der Doktor.«
Die Ärztin zuckte zusammen. »Was ist mit Vater?«, fragte sie besorgt.
»Er hat kaum etwas gegessen zum Frühstück.«
Erleichtert lachte Dr. König auf. »Deswegen machst du dir einen Kopf? Sei doch froh, dass er den Gürtel mal etwas enger schnallt!«
»Aber sein Drei-Minuten-Ei hat er noch nie stehen gelassen!«
»Dann war es heute eben das erste Mal. Mit seinen erhöhten Cholesterinwerten sollte er eh nicht so viele Eier essen.«
Rosi wollte sich nicht beruhigen lassen, zumal sie den Doktor am Vorabend dabei erwischt hatte, wie er sich aus ihrer getrockneten Kamille heimlich einen Tee aufgebrüht hatte.
Dies zu hören, erstaunte selbst Katja König. »Wo steckt er denn?«
»In der Praxis, schon seit einer halben Stunde. Wobei er noch keinen einzigen Patienten zu sich gebeten hat. Die sitzen alle bei mir und drehen Däumchen. Einer ist sogar schon wieder gegangen, weil ihm die Warterei zu viel wurde.«
»Nun möchtest du, dass ich nach ihm schaue«, folgerte die Ärztin.
Rosi bejahte. »Du kennst ihn ja. Bei mir stellt er gleich wieder auf stur. Aber du...«
»Schon gut«, befand Katja. »Lass mich bloß rasch den Mantel ablegen und die Hände waschen, dann schau ich mir den Patienten mal an.«
 
 
 
Die Mai-Sonne strahlte mit solcher Kraft vom Himmel, dass es Bernd König unmöglich war, sich ihr zu entziehen. Selbst bei geschlossenen Augen spürte er die wärmenden Strahlen, die sich durchs Geäst der Apfelbäume stahlen und sein bärtiges Antlitz beschienen, während er auf dem Sofa lag.
Zu den Glanzzeiten der Fabrikantenvilla war dies der Salon gewesen – ein mit dunklem Holz ausgekleideter Raum mit hoher Decke und einem immensen französischen Kamin, bei dessen Anblick man sich gut vorstellen konnte, wie hier um die Jahrhundertwende residiert worden war. Davon zeugte auch der abgewetzte, ehemals purpurrote Teppichläufer, der die leicht geschwungene Sandsteintreppe säumte, die zu den Schlafräumen im ersten Stock führte.
Vielleicht hätte er doch besser daran getan, oben im Bett zu bleiben. Noch nicht einmal die Beine konnte der Doktor richtig ausstrecken. Sobald er auch nur einen Versuch in die Richtung unternahm, zwickte und stach es, dass es kaum auszuhalten war. Dabei hatte er noch beim morgendlichen Duschen das Gefühl gehabt, es gehe besser, Rosis getrocknete Kamille habe geholfen.
Das Gegenteil war der Fall. Um das Ziehen im Unterbauch zu lindern, hatte Bernd König nach dem kargen Frühstück zwei Schmerztabletten eingenommen, deren Wirkung bald einsetzen musste. Dann endlich würde er mit der Sprechstunde beginnen können – sie zum ersten Mal nach vierzig Jahren ausfallen zu lassen, hätte ihm der Kopf nicht zugegeben.
Seine Patienten brauchten ihn. Viele kannte er von Kindesbeinen an, hatte schon deren Mütter und Großväter bei sich auf dem Sofa sitzen gehabt, sich ihre Sorgen angehört und mit viel Geduld herauszufinden versucht, wo die eigentlichen Ursachen ihrer Beschwerden lagen. Denn die meisten Krankheiten hatten ihre Wurzeln nicht im Körper, sondern in der Seele. Probleme und Ängste im Alltag, die unterdrückt wurden und die die Menschen in sich hineinfraßen, fanden irgendwann den Weg nach draußen, indem sie sich als körperliche Beschwerden bemerkbar machten. Um sie zu lindern, brauchte es weder die moderne Medizin noch irgendwelche Medikamente. Es reichte ein verständnisvolles Gegenüber, das unter dem Siegel der Verschwiegenheit zuhörte, Anteil nahm und, wenn gewünscht, Lösungswege aufzeigte.
Nur für das eigene Leiden fand der Doktor keine Erklärung – außer sein Alter. Wahrscheinlich musste er sich damit abfinden, dass zum Leben jenseits der fünfundsechzig hie und da ein Zipperlein dazugehörte. Schließlich hatte es auch Rosi manchmal mit der Hüfte zu tun.
»Brauchst dich gar nicht so hier reinzuschleichen, Rosi«, murmelte Bernd König, die Augenlider nur wenig geöffnet, damit die Sonne ihn nicht blendete. »Ich habe dich längst kommen hören. Meine Ohren sind nämlich noch vollkommen in Takt!«
»Da wäre ich mir mal nicht so sicher«, meldete sich eine junge weibliche Stimme von der Türe her.
»Katja?« Der Doktor hob seinen schweren Oberkörper, was auf einmal erstaunlich gut ging. Es schien, als zeigten die Tabletten Wirkung. Milde lächelnd streckte er seine Arme nach der Tochter aus.
»Schön, dich zu sehen. Aber Rosi hat dich ganz umsonst bemüht. Ich fühle mich bereits wieder besser.«
Besser war für Dr. Katja König noch nicht gut genug. Sie beugte sich über ihren Vater, so dass ihre blonden, schulterlangen Haare seine Kinnspitze kitzelten, während sie ihn auf die Wange küsste. Dann bat sie ihn, sein Hemd aufzuknöpfen. »Ich möchte deine Bauchdecke abtasten und dir eventuell etwas Blut abnehmen.«
Bernd König fand es außerordentlich lieb, dass Katja sich so um ihn sorgte. »Aber ihr Chirurgen übertreibt immer gleich, seht euch in Gedanken schon die Messer wetzen! Dabei habe ich höchstens eine leichte Darmgrippe erwischt, mehr nicht.« Mit diesen Worten rollte er sich über die Seite zum Sitzen auf und verharrte einen Moment lang in der Position.
»Ist dir schwindlig?« Sofort griff die Ärztin nach seiner fleischigen Hand, um den Puls zu fühlen.
»Lass das, Katja. Es fehlt mir wirklich nichts.«
»Ich fände es trotzdem besser, wenn du dich hinlegen würdest. Du siehst müde aus.«
»Das sagt ja wohl die Richtige!«, rief Bernd König aus. »Wer von uns beiden hat denn heute Nacht gearbeitet?«
Katja König bat ihren Vater, nicht abzulenken – »etwas Ruhe würde dir bestimmt guttun.«
»Hinlegen kann ich mich in der Mittagspause, Schluss mit der Diskussion.«
Die Ärztin wusste, dass es keinen Sinn machte, weiter auf ihn einzureden. »Sturkopf«, seufzte sie beim Verlassen des Zimmers, laut genug, dass er es hören konnte.
»Besserwisserin«, antwortete er sofort. Dann schwenkte er mit einem Schluck Wasser zwei weitere Schmerztabletten hinunter und bat den ersten Patienten zu sich.
 
 
 
Als es um die Mittagszeit in ihrer Handtasche klingelte, lag Dr. Katja König gerade mal seit zwei Stunden im Bett. Wer immer sie anzurufen versuchte, es interessierte sie nicht. Um trotz des immer lauter werdenden Tons weiterschlafen zu können, nahm die Ärztin ihre beiden Lesekissen vom Boden und drückte sie gegen die Ohren. Ewig würde der Anrufer es ja nicht klingeln lassen.
Ewig nicht, dafür immer wieder. Jedes Mal, wenn Katja König dachte, der Lärm sei nun vorbei, meldete sich ihr Mobiltelefon erneut. So lange, bis ihr der Geduldsfaden riss und sie unter der kuscheligen Bettdecke hervor kroch.
Mit nackten Füßen durchquerte sie den Raum, wütend über sich selbst, weil sie vergessen hatte, das Handy auszuschalten. Normalerweise tat sie das nach dem Nachtdienst automatisch. Doch diesmal war Rosi noch mit ihr aufs Zimmer gekommen, um sich unter vier Augen nach dem Zustand des Doktors zu erkundigen – und wie es so ging, hatte Katja König am Ende vergessen, den alles entscheidenden Knopf zu drücken.
Ohne die runde Handtasche vom Polstersessel zu nehmen, langte die Ärztin mit der Hand hinein, ertastete ihren Geldbeutel, eine Puderdose, Papiertaschentücher, jede Menge Kugelschreiber, nur kein Handy. Wahrscheinlich war das Gerät durch das Loch im Innenfutter gerutscht.
Nun wusste Dr. Katja König auch wieder, was sie sich für diesen Nachmittag neben den Dienstplänen und dem Telefonat mit ihrem Vorgesetzten noch vorgenommen hatte: die Tasche zur Reparatur zu bringen. Die Lederwerkstatt befand sich ganz in der Nähe von Pauls Schule, weshalb Katja König dem Jungen versprochen hatte, ihn nach dem Unterricht abzuholen und mit ihm ein Eis essen zu gehen. Um ein Haar wäre ihr dieser Termin durch die Lappen gegangen. Nur gut, dass der Anrufer so hartnäckig gewesen war.
Wer sie wohl so dringend zu erreichen versuchte? Entgegen ihrer Absicht, das Gerät auszuschalten, sobald sie es durch das Loch im Innenfutter herausgefischt hatte, betrachtete Katja neugierig das Display. Professor Winter blinkte neben seiner Mobilnummer auf. Mit ihm hatte die Ärztin sowieso sprechen wollen. Besser, sie tat es gleich jetzt, später am Nachmittag dürfte es schwierig werden, telefonisch durchzukommen. Katja drückte auf die grüne Taste und meldete sich mit König.
»Hier Winter.«
Die Stimme des Professors hallte, woraus die Ärztin schloss, dass er am Steuer seiner Limousine saß und die Freisprechanlage eingeschaltet hatte.
»Sie hätten Detektivin werden müssen, Katja! Ich bin in der Tat unterwegs... wo stecken Sie eigentlich?«
»Zu Hause. Im Bett.«
»Verdammt!«, dröhnte es, so dass Katja König bereits dachte, ihr Vorgesetzter sei in eine Radarfalle getappt oder hätte eine Ausfahrt verpasst. Doch Ludwig Winter ärgerte sich einzig über sich selbst: »Ich hätte auf dem Dienstplan nachschauen müssen, dann hätte ich gesehen, dass Sie zum Nachtdienst eingeteilt waren!«
»Kein Problem. Ich kann mich ja anschließend wieder hinlegen.«
»Mmh«, hörte die Ärztin den Professor murmeln. »Eigentlich hatte ich ja gehofft... aber nein, das geht nun natürlich nicht. Ich muss eine andere Lösung suchen. Entschuldigen Sie die Störung, Katja.«
Warum wollte Ludwig Winter ihr nicht sagen, weshalb er angerufen hatte? Falls es um die Patientin aus Zimmer zwölf ging, so konnte er ruhig weitersprechen. Katja König hatte eine Kopie sämtlicher Unterlagen bei sich.
»Welche Nummer zwölf?«
»Die Diskushernie«, präzisierte Dr. König.
»Ach die! Darüber können wir uns unterhalten, wenn ich zurück bin. Operieren müssen wir so oder so.«
Genau darüber hatte die Oberärztin mit ihrem Vorgesetzten sprechen wollen. Sie war nämlich nach erneuter Durchsicht der Unterlagen zu dem Schluss gekommen, dass bei der Patientin eine konservative Therapie mit Wickeln, Massagen und Bewegungsübungen genauso erfolgreich sein konnte wie ein operativer Eingriff.
»Gut, gut, Katja. Ich höre mir Ihre Argumente morgen gerne an. Aber jetzt... nun, die Sache ist die: Ich müsste heute Nachmittag eine verschobene Patellafraktur operieren, doch nun muss ich ganz dringend weg.«
Der Radkurier, schoss es Dr. König durch den Kopf. Warum führt Dr. Diana Grossmann den Eingriff nicht durch? Sie hatte doch OP-Dienst.
»Hätte«, verbesserte der Professor. »Dr. Grossmann muss die beiden fehlenden Kollegen auf der Station vertreten. Weiß der Himmel, was los ist, alle Welt scheint Darmgrippe zu haben.«
Katja König zum guten Glück nicht – »bei uns hat es einzig meinen Vater erwischt. Aber dem geht es bereits wieder besser.«
»Heißt das, Sie übernehmen den Einsatz?«
Die Chirurgin erkundigte sich, auf wann die Operation angesetzt war.
»Halb zwei.«
Die Zeit reichte gerade noch für eine Dusche.
»Gut«, sagte Dr. König, »ich werde dort sein.«
 
 
 
Just als die Minutenanzeige der digitalen Wanduhr auf 13:15 Uhr sprang, betrat Dr. Katja König den Vorraum zum Operationssaal, trat ans Waschbecken und öffnete den Hahn. Minutenlang spreizte sie ihre langen, schlanken Finger unter dem Wasserstrahl, der nicht heiß genug sein konnte. Nichts Unangenehmeres, als mit kalten Händen zu operieren. Die Finger mussten warm und gut durchblutet sein, damit das Skalpell optimal geführt werden konnte. Denn schon ein winziger Ausrutscher von einem Millimeter konnte fatale Folgen haben.
Deshalb waren ihr die Minuten vor dem Eingriff auch immer besonders wichtig. Es war die Zeit, in der sie vor ihrem inneren Auge die einzelnen Operationsschritte durchging, mögliche Komplikationen abschätzte, ehe sie durch die hydraulische Schiebetür in den hell erleuchteten Operationssaal trat, wo der Anästhesist bereits am Kopfende des Patienten saß und die eingeleitete Narkose überwachte. Das Operationsfeld war dann schon desinfiziert und mit sterilen Tüchern abgedeckt, die Operationsschwestern standen mit den Bestecken bereit, ebenso der oder die Assistenzärzte, je nach Tragweite des Eingriffs auch der Chefarzt oder ein weiterer Chirurg.
Im Fall des Radkuriers assistierte Daniel Claus. Er war ein hoch motivierter, wenn auch noch reichlich unerfahrener Jungmediziner. Doch irgendwann musste auch er mit der Arbeit im Operationssaal vertraut gemacht werden. Die einzelnen Arbeitsschritte mussten ihm genauso in Fleisch und Blut übergehen, wie sie es bei Doktor König waren. Routine war vielleicht der falsche Begriff, aber gewisse Handgriffe musste ein guter Chirurg beinahe im Schlaf ausführen können. Antrainierte Fingerfertigkeiten spielten dabei eine genauso wichtige Rolle wie angeborenes Geschick.