Christian Futscher

DER MANN, DER DEN ANBLICK
ESSENDER FRAUEN NICHT
ERTRAGEN KONNTE

Ein Abenteuerroman

Federschwert

Christian Futscher

DER MANN, DER DEN ANBLICK
ESSENDER FRAUEN NICHT
ERTRAGEN KONNTE

Vom Ausverkauf unserer Demokratie

Czernin Verlag, Wien

Futscher, Christian: Der Mann, der den Anblick essender Frauen nicht
ertragen konnte / Christian Futscher
Wien: Czernin Verlag 2014
ISBN: 978-3-7076-0486-3

Alle Rechte vorbehalten, auch das der auszugsweisen Wiedergabe
in Print- oder elektronischen Medien

1. TEIL

Er sagte mir, dass nur Leute in verzweifelter Lage oder solche, die nach großen Dingen streben, außer Landes und auf Abenteuer ausgehen, um sich durch Unternehmungen, die außerhalb der gewöhnlichen Bahn liegen, emporzubringen oder berühmt zu machen.

DANIEL DEFOE, Robinson Crusoe

EIN TELEFONGESPRÄCH VOR LANGER ZEIT

Roberts Blick fiel auf das Telefon neben seinem Bett.

»Telefon«, sagte er, hob den Hörer ab und wählte irgendeine Nummer.

Er musste lange warten, bis sich am anderen Ende der Leitung jemand meldete. Eine verschlafene Stimme brummte ihm etwas ins Ohr. Es war die Stimme eines Mannes.

»Schön geträumt?«, fragte Robert.

Lautes Husten antwortete ihm – ein lächerliches und zugleich beängstigendes Geräusch, das kein Ende nehmen wollte.

Robert nahm den Hörer vom Ohr. Je weiter er ihn entfernt hielt, desto lächerlicher wurde das Geräusch.

Durchs Fenster sah Robert ein paar Zweige der Buche, die vor dem Haus stand. Am Himmel der Mond, der bald voll sein würde. Robert stellte sich vor, dass es der Mond war, der hustete.

»Krankes Bleichgesicht«, sagte er und drehte sich auf die andere Seite des Betts.

Unten auf der Straße war es noch still.

Als das Husten endlich aufgehört hatte, hielt Robert den Hörer wieder ans Ohr. »Schön geträumt?«

»Wer spricht da?«, fragte die Stimme, um gleich wieder loszuhusten.

Robert grinste. »Sie werden bald nach Rasierwasser stinken, Sie widerlicher Kerl!«

»Wie bitte?«

Robert knallte den Hörer auf die Gabel.

DER SPRENGKÖRPER

Es war noch früh am Morgen, eine Zeit, zu der Robert normalerweise schlief. Die ersten Sonnenstrahlen drangen durchs Fenster der kleinen Mansarde und kündigten einen heißen Sommertag an. Was hätten sie sonst ankündigen sollen?

Robert gähnte.

Er schlug sich mit der flachen Hand auf den Hinterkopf, worauf ihm das Kinn auf die Brust fiel. Dann schlug er sich auf die Stirn, den Kopf warf es wieder zurück.

Er gähnte erneut.

Außer dem Ticken des altmodischen Weckers, der zwischen dem altmodischen Telefon und einem Aschenbecher auf dem Nachtkästchen stand, war nichts zu hören. Robert konzentrierte sich auf das Ticken, das wie die Sonnenstrahlen etwas ankündigte.

»Tick«, sagte er, »tick, tick tick …«

MORGENNEBEL

Robert starrte auf das Telefon, dessen Konturen vor seinen Augen verschwammen. Ein plötzlicher Schwindel hatte ihn erfasst, der die Dinge in einem anderen Licht erscheinen ließ. Sein Bett wurde zu einem Floß, das auf trübem Gewässer schaukelte, und das Telefon zu einem kleinen gefährlichen Tier, das nicht unterschätzt werden durfte.

Robert zündete sich eine Zigarette an. Er tat es mit langsamen Bewegungen, um die lauernde Bestie nicht zu erschrecken. Eines Tages würde er einen Käfig für das Tier kaufen, nur sein Schwanz würde draußen bleiben dürfen.

»Dämonisierung, schwindlige«, sagte er und legte sich auf den Rücken.

In der Holzmaserung der schrägen Mansardendecke erkannte er seine alten Bekannten wieder: seltsame, wunderliche Gestalten, die alle stark verkrüppelt waren. Es handelte sich um Geschöpfe hauptsächlich männlichen Geschlechts, die von ihrem Schöpfer im Zustand äußerster Verwirrung geschaffen worden sein mussten. Dem einen fehlten ein Arm und ein Bein, einem anderen das halbe Gesicht, wieder ein anderer bestand nur aus einem Kopf, der in ein überdimensionales Glied überging …

Wie oft hatte sich Robert mit diesen missgestalteten Männern unterhalten. Sie waren aus einer anderen Welt, einer Welt, die für ihn nichts Bedrohliches hatte. Er lächelte seinen Freunden zu und hüllte sie in eine Rauchwolke.

»Morgennebel«, sagte er leise.

EIN LIEBESGESTÄNDNIS

Robert setzte sich auf die Bettkante. Im Aschenbecher lag der traurige Rest eines Apfels, den er am Vorabend gegessen hatte. Der Apfelrest wurde zu einer Leiche, deren Verwesungsgeruch bald seine Nase erreicht haben würde.

»Ich bin lächerlich«, sagte er und drückte die Zigarette auf der Leiche aus. Der Zigarettenstummel wurde zum leichenschänderischen Wurm. Stillleben mit Asche, Leiche und Wurm, dachte Robert und wandte sich wieder dem Telefon zu. Vorsichtig näherten sich seine Hände dem unberechenbaren Tier. Er hob den Hörer ab und wählte eine siebenstellige Nummer.

Robert begann am ganzen Körper zu zittern, als sich diesmal eine Frauenstimme meldete. Weder ein Husten, noch die Ahnung eines Rasierwassergeruchs, sondern ein freundliches »Ja, bitte?«.

»Ich bin es«, sagte Robert und hielt den Hörer vom rechten Ohr ans linke, vom linken wieder ans rechte.

»Und wer bist du, wenn ich fragen darf?«

»Robert.«

Eine kurze Pause entstand, während sich Robert mit zitternden Händen – den Hörer drückte er mit der Schulter ans Ohr – eine weitere Zigarette anzündete.

Endlich sagte die Frau: »Ich kenne keinen Robert. Sie müssen sich verwählt haben.«

»Ich liebe Sie!«, rief Robert und legte auf.

DER PENIS

Als sich Robert wieder beruhigt hatte, sah er an sich hinunter. Er war nackt. Zwischen den haarigen Schenkeln kauerte der Schwanz auf dem haarigen Sack.

Robert stülpte die Vorhaut zurück. Er ging zum Schreibtisch, nahm einen Filzstift und setzte sich wieder aufs Bett. Mit dem Filzstift malte er einen Strich und zwei Punkte über den Penis-Mund: eine Nase und zwei Augen. Er drückte mit Daumen und Zeigefinger die Eichel zusammen, sodass sich der Mund öffnete.

»Gu-ten Mor-gen«, sagte er mit hoher Stimme, wobei er die Eichel bei jeder Silbe zusammendrückte, »mir ist schlecht, ich glau-be, ich muss kot-zen.« Er eilte zum Waschbecken, das sich hinter einem Vorhang in einer Nische der Mansarde befand, und schon kamen Unmengen von Flüssigkeit aus dem kleinen Mund.

Robert stöhnte orgastisch.

Als der Druck nicht mehr so stark war, unterbrach er den Strahl alle paar Sekunden, um das Ganze realistischer aussehen zu lassen.

DER PICKEL

»Zum Kotzen!«, sagte Robert und betrachtete feindselig sein Gesicht im Spiegel. Über dem rechten Mundwinkel bemerkte er einen großen gelben Pickel, den er sofort ausdrückte.

Als er den winzigen Blutstropfen sah, der dem Eiter folgte, wandte er sich abrupt ab und ging aufgeregt im Zimmer hin und her. Er kniff die Augen zusammen, sein Gesicht verzerrte sich, er beschleunigte die Schritte und knallte mit dem Kopf gegen die Dachschräge. Der Kopf begann zu dröhnen, ein erneuter Schwindel machte ihn taumeln. Während er einen Fluch ausstieß, begann der Wecker zu rasseln.

»Apokalypse!«, schrie Robert und umklammerte mit beiden Händen seinen Kopf, in dem eine Bombe detoniert war, deren Druckwelle ihm den Atem raubte. Er sank zu Boden und wand sich wie ein Hund, dem man den Schwanz ausgerissen hatte.

Als endlich das Echo der Detonation verebbt war, das Rasseln aber nicht aufhören wollte, dachte er scharf nach und stellte mit einem entschiedenen Schlag den Wecker ab.

»Still«, sagte er atemlos und legte den Zeigefinger auf die Lippen, »Maria schläft noch, ich darf sie nicht wecken.«

Er hielt das Ohr an die Tür. Außer einem leisen Ticken und Dröhnen konnte er nichts hören.

DIE LIEBEN NACHBARN

Robert öffnete das Fenster.

»Schiff ahoi!«, sagte er, als die frische Morgenluft ins Zimmer strömte. Er atmete tief ein und setzte sich an den Schreibtisch, der unter dem Fenster stand. Ein alter Schreibtisch aus Holz, mit Schubladen, in denen man vieles verstauen konnte. Eigentlich war das Möbelstück zu groß für die Mansarde, aber Robert hatte es so ins Herz geschlossen, dass er es nicht gegen einen kleineren Tisch, der weniger Platz verbrauchen würde, eintauschen wollte.

»Kommandobrücke«, sagte er und strich zärtlich über das dunkle Holz, in dem schon einige ihre Spuren hinterlassen hatten.

Im Haus gegenüber regte sich noch nichts. Die Vorhänge waren zugezogen, er fühlte sich unbeobachtet. Er konnte die Nachbarn, einen Frührentner und dessen Frau, nicht ausstehen, obwohl er noch nie ein Wort mit ihnen gewechselt hatte. Von Maria wusste er, dass mit den beiden nicht zu spaßen war. Sie hingen zum Beispiel einem Erziehungsmodell an, in dem die Prügelstrafe eine wichtige Rolle spielte. Ihr einziger Sohn hatte sich noch vor seinem achtzehnten Lebensjahr erhängt, was sie darauf zurückführten, dass sie ihn nicht oft genug verprügelt hatten …

Robert dachte an die aufgeschwemmten Gesichter des Mannes, der den ganzen Tag am Fenster stand, und seiner Frau, die den ganzen Tag im Haus herumwerkelte, und schnitt eine Grimasse.

DIE ZWEI FOTOS

Robert öffnete eine Schublade des Schreibtisches, holte zwei Fotos heraus und legte sie vor sich.

Das eine Foto zeigte eine Frau, die ein Kind in den Armen hielt, das eine Puppe an sich drückte. Im Hintergrund eine Wiese, durch die ein schmaler Weg zu einem Wald führte. Am Wegrand stand ein großes Holzkreuz schief in der Landschaft.

Die Frau blickte stolz und herausfordernd in die Kamera; das Kind, ein Mädchen, dem Stirnfransen in die Augen hingen, machte einen verängstigten Eindruck.

Auf dem zweiten Foto war ein alter Mann zu sehen, der in einem Krankenbett lag. Schläuche führten von seinen Armen weg, unter dem Kehlkopf klebte ein Pflaster. Der Mann sah müde aus. Die Wangen waren eingefallen, und die Augen lagen tief in ihren Höhlen. Ein Auge war fast geschlossen, das andere weit aufgerissen – die hochgezogene Augenbraue gab dem Gesicht einen trotzigen, spitzbübischen Ausdruck. Verstärkt wurde dieser noch durch eine Pistole, die der Mann in den Händen hielt. Deutlich war zu erkennen, dass es sich dabei um eine Pistole aus Plastik handelte, eine Wasserspritzpistole.

»Es war einmal«, sagte Robert.

EIN SELBSTMORDVERSUCH

Robert nahm das Foto mit der Frau und dem Mädchen, presste es an die Stirn und schloss die Augen. Sein rechter Fuß klopfte einen nervösen Rhythmus auf den Boden.

Nach einer Weile nahm er das zweite Foto und verfuhr mit ihm wie mit dem ersten. Diesmal lösten sich aus seinen Augenwinkeln zwei Tränen. Als sie den Mund erreicht hatten, nahm sie die Zunge in Empfang.

»Stiller Ozean«, sagte Robert.

Er legte die Fotos zurück in die Schublade und griff nach der Pistole, die auf dem zweiten Foto zu sehen war.

»Ein ty-pisch-er Re-vol-ver-held«, sagte er mit jener Stimme, die er dem Penis geliehen hatte. Er lachte kurz auf und ließ die Pistole um einen Finger kreisen. Dann hielt er sie unter den Wasserhahn und füllte sie mit Munition. Nach einem langen Blick in den Spiegel streckte er seine Zunge heraus und hielt den Lauf der Waffe an die Schläfe.

»Bella Sau, bella Sau, bella Sau, Sau, Sau«, sang er und drückte ab. Erst nachdem er ein paar Mal gepumpt hatte, löste sich ein Schuss. Der harte Strahl traf seine Schläfe, und kurz darauf rann kaltes Blut über Wange und Hals.

»Misslungen«, sagte er und ließ die Pistole ins Waschbecken fallen.

DER ENTSCHLUSS

Robert beugte sich aus dem Fenster und sah auf die Straße. Immer noch war er nackt. Es fröstelte ihn.

Kein Mensch war zu sehen, die Autos standen wie verwunschen auf ihren Parkplätzen.

»Geisterstadt«, sagte Robert.

Und plötzlich fiel ihm wieder der Entschluss ein, den er am Vorabend gefasst hatte. Er würde Maria verlassen, zumindest für einige Zeit.

DAS LICHT IM FENSTER

Robert stand an der Bushaltestelle gegenüber Marias Haus. Er wusste, dass hier verschiedene Busse hielten, die in verschiedene Richtungen fuhren. Seit er bei Maria wohnte, hatte er das Haus kaum verlassen, mit einem Bus war er hier noch nie gefahren. Manchmal hatte er kleine Spaziergänge unternommen, doch jetzt wollte er aus der Stadt hinaus. Den ersten Bus würde er nehmen und bis zur Endstation fahren.

Robert sah zum Fenster seiner Mansarde hinauf. Die Buche neben dem Haus streckte ein paar Zweige danach aus.

Er glaubte, sein Telefon läuten zu hören. Dem Tier war wohl langweilig.

Auf Roberts Fensterbrett stand eine leere Weinflasche. Er hatte sie dorthin gestellt, bevor er aus dem Zimmer gegangen war. Dabei hatte er an Tom Sawyers Tante Polly gedacht, die, wenn er sich recht erinnerte, ein Licht ins Fenster gestellt hatte, nachdem Tom verschwunden war und sie das Schlimmste befürchtete. Das Licht sollte ihm den Weg zurück nach Hause weisen, war Zeichen der Hoffnung, dass er heimkehren würde.

Den Wein hatte Robert am Vorabend getrunken. Im Rausch war ihm dann auch die Idee gekommen, für eine Weile fortzugehen. Wohin ihn seine Reise führen würde, wusste er nicht.

DER BLITZ

Robert kamen Zweifel, ob um diese frühe Zeit schon Busse fahren würden. Er machte Anstalten, auf dem Fahrplan nachzusehen, ließ es dann aber bleiben.

»Freitag«, sagte er, und überquerte die Straße.

Wieder hatte er diese nebulosen Todesahnungen, die ihm schon seit Wochen zu schaffen machten. Immer wieder, in unregelmäßigen Abständen, tauchten sie aus heiterem Himmel auf, umwölkten seinen Verstand und bewirkten, dass er sich in die Hosen machte.

Er schüttelte verärgert den Kopf, um kurz darauf zusammenzuzucken: Die Gewissheit, dass er bald sterben würde, war wie ein Blitz durch ihn gefahren. Noch nie zuvor hatten sich die nebulosen Ahnungen zu solcher Gewissheit verdichtet. Über ihm zwitscherten Vögel.

2. TEIL

Ein gehetztes Leben, Sport und Leibesübungen hatten mir nie zugesagt. Ich war immer ein Bücherwurm, und so nannten mich meine Eltern und Geschwister in meiner Jugend.

JACK LONDON, Der Seewolf

EINE LÜGE

»Einfach weggehen, ohne dich von deiner Großmutter zu verabschieden, das haben wir gern«, sagte Maria, nachdem Robert wieder zuhause angekommen war.

»Ich dachte, du schläfst noch«, sagte er und sah an Maria vorbei.

Ihr Anblick tat ihm weh. Sie schien über Nacht uralt geworden. Mit einer Hand hielt sie den Morgenmantel über der flachen Brust zusammen, mit der anderen fuhr sie sich durchs schüttere Haar, das ihr in alle Richtungen vom Kopf stand. Es war Robert noch nie so richtig bewusst geworden, dass sie schneeweißes Haar hatte.

DER FRÜHSTÜCKSTISCH

Als Robert den gedeckten Tisch sah, dachte er daran, dass er noch nie mit Maria gefrühstückt hatte. Er war immer sehr spät zu Bett gegangen und ein Langschläfer gewesen. Die Träume am Vormittag hatten ihm nicht erlaubt, früh aufzustehen. Sie hatten ihn ans Bett gefesselt wie an einen Marterpfahl.

Auf dem hölzernen Tisch befanden sich ein Brett mit Schwarzbrot, ein Glas Marillenmarmelade, ein kleiner Teller mit einem Stück Butter, Messer, Löffel, eine Dose Zucker, eine Flasche Milch und zwei leere Tassen auf zwei Untertassen. In der Mitte stand eine Vase mit Blumen, die Robert nicht kannte.

Der Anblick des Frühstückstisches trieb ihm den Schweiß auf die Stirn. Er nahm eine Untertasse und fächelte sich damit Luft zu.

»Glaubst du, dass es UFOs gibt?«, fragte er.

Maria nahm ihm die Untertasse aus der Hand und stellte sie zurück auf den Tisch.

»Was es ganz bestimmt gibt, sind junge Burschen, die nicht alle Tassen im Schrank haben. Ob es UFOs gibt, weiß ich nicht. Aber dass Untertassen keine Fächer sind, weiß ich.«

»Ich bin ein Mann«, sagte Robert in beleidigtem Tonfall.

»Ich weiß, ich weiß«, Maria drückte seinen Unterarm, »ein junger Mann, der …« Sie begann zu hüsteln, hielt sich die Hand vor die Stirn und ließ sich erschöpft auf einem Stuhl nieder.

Robert wandte seinen Blick ab. Er konnte es nicht mitansehen, wenn Maria solche Schwächen zeigte.

DAS KRUZIFIX

Robert betrachtete das Bild, das neben dem Fenster an der Wand hing. Von Maria wusste er, dass es von einem Maler stammte, der längst die Augen für immer geschlossen hatte.

Das Bild stellte eine armselige, verlassene Hütte an einem Waldrand dar. Im Hintergrund ein See, über dem sich zerklüftete Felsen und Wolken türmten. Im Augenwinkel nahm Robert ein Kruzifix wahr. Dabei handelte es sich um kein gewöhnliches Kruzifix. Anstelle des Gekreuzigten war ein Frosch ans Holz genagelt. Ein Frosch, der offensichtlich von einem Autoreifen platt gewalzt worden war.

Robert konnte sich nicht erinnern, dieses sonderbare Kruzifix je gesehen zu haben.

»Was hast du?«, fragte Maria besorgt. »Geht es dir nicht gut?«

»Mir geht es ausgezeichnet!«, sagte Robert barsch. In seinem Kopf begann es zu rauschen.

Maria erhob sich von ihrem Stuhl, stellte sich vor Robert und sah ihm in die Augen. Dabei nickte sie mit dem Kopf, als wollte sie ihm etwas bestätigen.

Robert war nicht in der Lage, sie anzusehen. Erst als sie ihn zärtlich im Nacken berührte, hörte das Rauschen in seinem Kopf auf.

»Entschuldige«, sagte er schuldbewusst.

WAS WEDER DIE ALTEN NOCH DIE JUNGEN FRAUEN MÖGEN

»Ich habe dich sehr gern, das weißt du«, sagte Maria, woraufhin Robert nicht anders konnte, als sie in die Arme zu nehmen. Er drückte sie fest an sich und gab ihr Küsse auf das schneeweiße Haar, das seine Nase kitzelte.

Als er sie nach einer Weile losließ, wankte sie – so, als müsste sie sich erst wieder daran gewöhnen, nicht gehalten zu werden.

»Eine alte Frau so abzuknutschen!« Sie rückte energisch ihren Morgenmantel zurecht. »Aber eines sage ich dir: Das mögen weder die alten, noch die jungen Frauen, dass man sich still und heimlich aus dem Staub macht!«

»Ich wollte dir schreiben.«

»Das sieht dir ähnlich!«

DIE GLUT

»Und jetzt mach nicht so eine Sterbensmiene!«, sagte Maria und deutete zum Herd. »Gib lieber das Wasser in den Filter, es sprudelt schon die längste Zeit.«

Maria setzte sich wieder hin und sah Robert dabei zu, wie er das kochende Wasser auf den Kaffee im Filter goss.

»Ich wusste«, sagte Maria, während sie zum Fenster hinaussah, »dass es nicht ewig so weitergehen würde. Du bist jung, hast Energien und kannst nicht dauernd in deinem Zimmer hocken, die Nase in Bücher stecken oder Löcher in die Wände starren. Wenn ich nur wüsste, was in deinem Kopf vorgeht, was sich dort drinnen abspielt. Als ich jung war …«

»Gestern hat er mich wieder beobachtet!«, unterbrach Robert Marias Redeschwall.

»Wer hat dich beobachtet?«

»Der Fettsack von gegenüber.«

Maria machte eine wegwerfende Handbewegung.

»Ich konnte ihn nicht sehen«, fuhr Robert hastig fort, »er hatte das Licht ausgeschaltet. Aber immer wieder sah ich im Dunkeln die Glut seiner Zigarette aufglimmen. Er fühlte sich sicher in der Dunkelheit …«

Maria lachte. »Du weißt, dass du ein anderes Zimmer haben kannst …«

Robert dachte an seine Freunde.

IM ANGESICHT DES TODES

Robert hatte großen Appetit, was bei ihm nur selten vorkam. Ein Marmeladebrot nach dem anderen verschwand in seinem Mund, und auch der Kaffee schmeckte ihm wie schon lange nicht mehr. Als er endlich genug hatte, schob er den Teller von sich weg und fasste über den Tisch nach Marias Hand.

»Ich muss jetzt gehen.«

»Schade«, sagte Maria, »es ist wirklich schade, dass dein Großvater nicht mehr lebt. Otto hätte dich schon auf Vordermann gebracht …«

Robert drückte ihre Hand.

Sie lächelte verträumt. »Habe ich dir schon gesagt, dass du ihm sehr ähnlich siehst?«

»Schon oft«, antwortete Robert und fügte hinzu: »Ich habe heute wieder das Foto angeschaut, das mit der Pistole, im Spital …«

Maria wusste sofort, welches Foto er meinte. »Du lieber Himmel!«, rief sie aus, entzog ihm ihre Hand und hielt sie an die Wange. »Das Gesicht von dem Priester hättest du sehen sollen, als ihn Otto mit der Spritzpistole beschossen hat. Das war eine Letzte Ölung«, sie schlug die Hände zusammen, »du meine Güte! Nie werde ich dieses Gesicht vergessen. Gegangen ist der Priester aber erst …«

Robert hörte nicht mehr zu. Er kannte die Geschichte. Erst als Maria auf ihre Tochter zu sprechen kam, was sie schon seit Wochen nicht mehr getan hatte, horchte er auf.

»… deine arme Mutter, ganz der Vater …«

Robert stoppte ihren Redefluss, indem er sich ruckartig vom Stuhl erhob und dabei mit voller Wucht gegen die Tischkante stieß.

EIN KLEINER TOD

»Ich gehe dann!«, sagte Robert übertrieben laut.

»Mein armer Junge«, Maria hatte plötzlich Tränen in den Augen, »was soll nur mit dir werden …«

»Ich gehe dann«, wiederholte Robert.

»Ja, geh nur! Geh wie alle anderen!«, schrie Maria mit einer fremden Stimme.

Robert erkannte seine Großmutter nicht wieder. Aus ihrem linken Auge leuchtete der Wahnsinn, aus ihrem rechten sprühte der Hass. Alles in allem drückte ihr zerknittertes Gesicht jetzt eine Verzweiflung aus, die ihm durch Mark und Bein ging. Er wich zurück.

»Geh nur! Verschwinde endlich!« Maria schlug mit beiden Fäusten auf den Tisch. »Worauf wartest du noch! Geh endlich …«

Robert stammelte einen Abschiedsgruß, der aber von ihrem Schreien übertönt wurde, und eilte zur Haustür.

»Ich will dich nicht mehr sehen!«, brüllte Maria, dann schloss sich hinter ihm die Tür mit einem lauten Knall.

TOTE AUGEN

Robert rannte. Nichts wie weg, dachte er, weit weg!

Er riss das Gartentor auf, wollte die Straße überqueren, prallte aber noch am Gehsteig mit einem Mädchen zusammen.

»Entschuldigung«, stieß er hervor.

Das Mädchen hielt in der rechten Hand einen Stock, in der linken eine Handtasche. Sie trug eine dunkle Sonnenbrille und hatte eine gelbe Armbinde, auf der sich drei schwarze Punkte befanden.

»Wer sind Sie?«, fragte das Mädchen und berührte Robert mit ihrem Stock am Bein.

Robert gab keine Antwort. Er atmete schwer.

»Ich heiße Julia, bin auf dem Weg zum Zahnarzt, mir ist langweilig und wie ich aussehe, das sehen Sie. Aber wer sind Sie und was machen Sie? Warum rempeln Sie ein blindes Mädchen an? Haben Sie mich nicht gesehen?«

»Nein«, erwiderte Robert, »ich habe Sie nicht gesehen.«

»Jetzt kenne ich wenigstens Ihre Stimme besser. Haben Sie vor etwas Angst? Sie machen so einen verschreckten Eindruck.«

»Ich kann sehen«, sagte Robert. Er wusste nicht, warum ihm das herausgerutscht war, und beeilte sich hinzuzufügen: »Ich heiße Robert und gehe weg.«

»Wohin gehen Sie?«

»Das weiß ich nicht. Mit dem nächsten Bus fahre ich bis zur Endstation. Ich hoffe, er fährt aus der Stadt hinaus …«

»Gefällt es Ihnen nicht in der Stadt?«

»Weder in der Stadt, noch am Land. Und das, was dazwischen liegt, ist das Schlimmste!«

»Sehr originell«, sagte das Mädchen mit leisem Spott.

An der Haltestelle hielt ein Bus. Seine glatte Seitenwand reflektierte das Licht und glitzerte in der Sonne.

ROBERTS AUSSEHEN

»Wie sehen Sie aus?«, fragte das Mädchen. »Ich will immer wissen, wie die Menschen aussehen, mit denen ich zusammenstoße. Meistens bin ich diejenige, die schuld daran ist, weil ich gern rede … Also, wie sehen Sie aus?«

»Ich sehe aus wie ein junger Mann.«

Das Mädchen lachte. »Sie weichen mir aus.«

»Ich bin mit Ihnen zusammengestoßen.«

»Sie weichen mir schon wieder aus.«

»Sie sind blind!«

»Ja und?«

»Ich kann blinde Frauen nicht ausstehen!«

Das Mädchen erstarrte.

Robert riss sich von ihr los, überquerte die Straße und stellte sich an die Bushaltestelle.

Maria stand am Fenster und winkte zaghaft. Robert konnte sie nicht sehen, er sah in eine andere Richtung.

DIE FLASCHE

Die Blinde ging die Straße hinunter. Das Klopfen ihres Stockes hörte Robert noch, als sie längst in eine Seitengasse abgebogen war. Je leiser das Klopfen wurde, das von außen an seine Ohren drang, desto lauter pochte es im Inneren seines Kopfes.

Robert presste die Handballen gegen die Ohren. Es nützte nichts. Das Klopfen steigerte sich zu einem unerträglichen Hämmern, das seine Trommelfelle zu zerreißen drohte. Er glaubte, sein Kopf müsse zerspringen, krallte die Finger in die Haare, riss daran, sah hilfesuchend zum Fenster seiner Mansarde hinauf – augenblicklich verstummte der quälende Lärm und machte einer tödlichen Stille Platz. Wo war die Flasche hingekommen? Warum war sie vom Fensterbrett verschwunden?

Robert hätte schwören können, dass er die Flasche aufs Fensterbrett gestellt hatte, ja, er wusste, dass er sie dorthin gestellt hatte, bevor er aus dem Zimmer gegangen war. Was zum Teufel hatte das zu bedeuten?

Robert biss sich auf die Zunge.

Es war unwahrscheinlich, dass Maria in seinem Zimmer gewesen war. Ausgeschlossen! Seit er bei ihr wohnte, war es nie vorgekommen, dass sie sein Zimmer betreten hatte.

Robert rieb sich die Augen, aber die Flasche blieb verschwunden. Er spürte ein flaues Gefühl im Magen und kehrte dem Haus den Rücken zu.

»Blindes Huhn«, murmelte er und fügte hinzu: »Schwarzer Hund.«

Zwei Pensionisten, die wie er auf einen Bus warteten, sahen ihn neugierig an.

NACHDENKEN ÜBER DAS VERSCHWINDEN DER FLASCHE

Robert ging an der Bushaltestelle auf und ab. Mit nervösen Bewegungen zündete er sich eine Zigarette an, nahm einen hastigen Zug und hustete, dass ihm die Tränen aus den Augen rannen.

Immer wieder sah er zum Fenster seiner Mansarde hinauf.

Wer hatte die verdammte Flasche entfernt? – Um diese Frage kreisten seine Gedanken, jagten einander von einer Sackgasse in die andere.

GESPRÄCH ÜBER DAS VERSCHWINDEN DER FLASCHE

»Geht es Ihnen nicht gut?«, fragte einer der beiden Pensionisten. »Kann ich Ihnen vielleicht irgendwie helfen?«