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Impressum

1. Auflage 2014

Originalausgabe
©CINDIGObook, der Buchverlag
der CINDIGOfilm GmbH, München & Berlin

ePub basiert auf Druck ISBN 978-3-944251-23-3
Umschlaggestaltung: Christine Paxmann

Alle Fotos: ©Christine Paxmann

Lektorat: Antje Steinhäuser

Satz & Gestaltung: Ph. Joens

Druck: freiburger grafische

betriebe GmbH & Co KG


Made in Germany
978-3-944251-22-6


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Manhattan tender

CINDIGO

Vorwort der Herausgeberin

nicole joens

Städteliebhaber werden sie kennen, diese seltsame Nostalgie, die in Gerüchen und Anblicken steckt und die einen bereits beim Klang eines Städtenamens überfallen kann – wenn man sich in eine Stadt wirklich verliebt hat. Die Erinnerung an das Licht, die Sirenen der Polizei, die Stimmung der morgendlichen rushhour in der Subway evozieren eine eigenartige Zärtlichkeit, oft gepaart mit einem Sehnsuchtsziehen in der Brust und dem blitzschnellen Überschlagen des jährlichen Reisebudgets. Kann ich? Darf ich? Werde ich?

In meinem Leben treffe ich immer wieder Menschen, denen ihre Liebesaffäre mit Manhattan ein ganz bestimmtes Lächeln in die Augen zaubert. Die acht Erzählungen in diesem ersten Manhattan-Band sind seelische Koffer voller Zärtlichkeit, zu Papier gebracht von deutschsprachigen Autorinnen. Nachdenklich, mystisch, subtil erotisch oder auch humorvoll wird in die Sehnsuchts-Metropole eingeladen.

Die neunte Geschichte, publiziert in zwei Sprachen, ist ein Geschenk aus den USA und eine Erinnerung an eine Zeit in einem Manhattan, das es so heute nicht mehr gibt. Das freigeistige Amerika von vor dreißig Jahren verschwand mit den Twin Towers des World Trade Centers. Ob diese Freiheit je zurückkehren wird?

Vielleicht ist es nur fair, wenn ich als Herausgeberin und Autorin erwähne, dass meine nostalgische Hinwendung zu dem freigeistigen Manhattan die entscheidende Triebfeder für diesen ersten Erzählband war.

Viel Vergnügen in Manhattan!


März 2014

Einstein sonnt sich

christine paxmann

Warum fährst du im November nach New York, es gibt doch bessere Zeiten? Weihnachten oder Indian Summer? Und nur vier Tage, ist das nicht viel zu kurz? Oder fliegst du geschäftlich?

Warum fragen Menschen immer danach, was man nicht macht und was nicht geht? Vier Tage New York sind besser als gar kein Tag. New York im November ist so viel mehr als ein November am Schreibtisch. Und, nein, ich fliege nicht geschäftlich, reine Vergnügungssucht. Ich will Big-Apple-Luft schnuppern, nach zwanzig Jahren einmal wieder. »Du wirst nichts wiedererkennen, hat sich alles verändert.« Hoffentlich. Und gleichzeitig: Bitte. Nicht.

An JFK hatte sich jedenfalls nichts geändert. Nicht das Schlängeln, nicht der wilde Blick aus Latino-Augen mit Sheriffstern, weil man aus dem Land mit der bewegten Geschichte kommt. Doch. Die Fingerabdrücke. Die waren nicht vor zwanzig Jahren. Vor Nine Eleven. Vor Afghanistan. Dafür viele Menschen mit Hund. Quarantäne, es war einmal. Der Jetztzeitreisende will nicht mehr auswandern, sondern ein- und weiterreisen. Da sind vier Wochen Zwangsquarantäne zu viel des Guten. Meine Großtante, die nach dem Krieg nach Ohio auswanderte, kam erst wieder zurück nach Deutschland, als der dritte Foxterrier gestorben war. Das war fünfunddreißig Jahre später. Doch jetzt Taschenhunde und Dackel, wohin das Auge reicht. Müssen Hunde auch Pfotenabdruck leisten bei den bunten Zolltürstehern des Landes?

Taxi ab nach Downtown, die Extrakurven des griechischen Taxifahrers billigend. Fixpreis vereinbart, der schließlich großzügig um eine Brückenmaut, Gepäckpauschale und Sonntagszuschlag ergänzt wird. Wer hier absteigt, kann sich’s ja leisten, 23. Straße. Chelsea Hotel. Erst später wird sich herausstellen, es waren seine letzten Tage, bevor der neue Investor das Brickstone schloss. Den griechischen Taxler kümmert das Schicksal der abgehalfterten Hotelfregatte wenig, egal, ob es das Hotel ist, dem Leonard Cohen einen eigenen Song schrieb, in dem Sid Vicious seine Freundin erstach und die Kumpels von Jimi Hendrix die Gardine angekokelt hatten.

Man hat all diese Wunden nie geheilt und dafür Bilder zahlungsunfähiger Gäste an die Wände des ganzen Hotels verteilt. Petersburger Hängung, dicht an dicht. Pop Art neben Surrealismus neben Psychodelik neben Art brut. Die Zimmer sind nur teilrenoviert, meines naturbelassen seit der Hippiezeit. Mattgrüne Wände, lila Schränke, tropfende Hähne, Rollos, die der Wind bedient, Fenster ohne Funktion und eine Kitchenette, in der sich wohl Heroinbesteck reinigen ließe oder ein Bier öffnen, aber nichts Essbares kochen.

Draußen November. Manchmal haben die Menschen, die fragen, was man alles nicht macht und was nicht geht, recht. Zum Beispiel New York im November. Das Chelsea vor dem Untergang. Der Dollar auf Talfahrt. Der Liquorstore ums Eck. Japp. Wodka in der puritanischen Papiercamouflage lässt das Erbsgrün der Wände zu einem lieblichen Reseda anschwellen, die women’s-lib-lila Schranktür lädt zu einem Spaziergang im Wandkabuff ein, in das Lamellen das fahle Licht als Streifen schicken. Warum hab ich meinen Hund nicht hier? Menschen, die fragen, was man alles nicht hat – bin auch schon im Club. Aber ohne Hund ist jedes Zimmer leer.

New York im November, mit Zugluft im Nullgradbereich, kein Ort für immer. Man möchte sich im Wandschrank betrinken oder eine Reise tun. Fußläufiges erkunden, denn man hat die Mütze vergessen, die vor den scharfen Blockwinden schützt. Nur um den Block. Nur um den Block ist in New York wie anderswo eine Stadtdurchquerung. Draußen, Sonntagnachmittag, nur dick Vermummte, die das Grau der Asphaltschluchten spiegeln. Ein fußlahmer Bettler, dem beim Anziehen seiner Socke geholfen wird. Menschen mit riesigen Starbucks-Bechern, hinter die man sich vor den Fallwinden ducken kann. Gelbe Taxis, Sirenen, Radfahrer, die, radelnd oder nicht, sich nie von ihren Gefährten trennen, sie notfalls in den vierzigsten Stock tragen, weil die Stadt sich alles nimmt, was nicht mit Gusseisen befestigt ist. Selbst die Straßenbegrünung strahlt etwas Unverrückbares aus: Kohlkopfrosetten in Kunstrosa und Linsengelb. Kein Must-have, das man pflückt, um es seiner Liebsten zu schenken. Auch für Grannys Geburtstag untauglich, denn solches Gemüse stellt sich niemand ins Zimmer. Dennoch ist der Kohl geschützt durch, jawohl, winzige Gusseisenzäune, alberne Applikationen auf einem anthrazitfarbenen Anzug, den New Yorks Straßen und Menschen tragen.

Jetlag ist nichts für November. Die 23. nichts für sonntags um drei, für Frischlinge in der Stadt, die schließlich doch der Vintage-Geisterbahn des Chelsea entflohen sind. Rechts runter am Iron Building kann es nur besser werden. Da kommt der Wind von hinten. Hier sind mehr Stores, mehr Glamour, mehr Doorkeeper, mehr Baldachine. Mehr Dackel. Ich sehe sie in Mäntelchen, wuselnd zwischen den Kohlkopfgärten und den klobigen Wasseranschlüssen der New Yorker Feuerwehr Fährten suchen. Sie sind unbeeindruckt von der Höhe der hochschießenden Häuser und der Menge der Füße, die sich hier verdichten. Die eifrigen Towndogs setzen rehbraune Akzente, schieben ihre spitzen Schnauzen in die Waden ihrer Herrchens und Frauchens und tragen ihre handgestrickten Designerpullover wie ein zweites Fell. Glatthaardackel frieren im November.

Ich bleibe einem auf den Fersen oder wie das bei Hunden heißt. Sein Herrchen scheint mit Woody Allen verwandt, so cordhosig, so nerdbrillig kann es sich nur um einen Klon handeln. Den New Yorker unter dem Arm, schlendert das Herrchen, der Hund tippelt, reißt an der Leine, als eines der dunkelgrauen squirrel, jene kernige Sorte Eichhörnchen, die Kohlköpfe durcheinander bringt. Stop it, der Hund hört wie eine Eins, könnte sich mal so mancher Zamperlhalter bei uns ein Beispiel nehmen. Ich spüre den Wind nicht mehr, denn der Hundeanblick wärmt. Und ich habe kein eigenes Ziel, mein Ziel wird von den sechs Beinen vor mir bestimmt.

Aber New York ist doch keine Stadt für Hunde! Auch so ein Nicht-Satz, der fiel, als ich kurz laut erwogen hatte, meinen kleinen Vierbeiner mitzunehmen. Das Vierbein vor mir trifft wild wedelnd auf einen schwulen Mops, was nicht ganz korrekt ist, denn der Schwule ist das Herrchen, das Flötgeräusche von sich gibt und sich nach der Herkunft des touchy coat, des sweat sweaters erkundigt. SoHo. Aha. Hunde und Männer trennen sich, ich folge meinem Team, das auf den Washington Square zustrebt. Vierzehn Straßen, die davon abgehen, alle Richtungen vorhanden, die Winde treffen sich hier und bringen Erstaunliches fertig.

Am Washington Square tritt die Sonne hinter den Novemberwolken hervor. Im Mittelrondell, das von robusten Büschen und wenigen Kohlköpfen geziert wird, hampeln Musiker herum. Pretzel- und Bagelhändler fischen nach Würsten in den dampfenden Bottichen ihrer supereffizienten Wägelchen. Eintausend Papierkörbe, zweitausend Tauben balgen sich um Müll, ein Filmteam versucht, Passanten zu werben, auch meinen Mann mit Hund. Doch der winkt mit dem New Yorker, zeigt auf den Hund, man versteht. Denn der Weg ist so klar, jetzt, da die Sonne auf diesem Platz die Führung übernommen hat. Dog Run. Einer für die Winzlinge, einer für den bulligen Rest. Rundum Sitzbänke für Herrchen und Frauchen wie auf einem Spielplatz. Ich muss da rein, auch ohne Hund. Gucke, ob niemand guckt. Erschrecke mich am Eingang vor einem Wiedergänger von Albert Einstein, der mit einem Sonnenreflektor unter dem Kinn, die Brust entblößt, die spezielle Washington-Square-Sonne auf seiner faltigen Haut bündelt. Die weißen abstehenden Haare und der Schnauzer kontrastieren das satte Braun, das in der Karibik nicht tiefer sein könnte. Mein Leitwölfchen, der Dackel, hebt das Bein am Bein von Einstein, so wie vermutlich jeden Tag. Kaum haben meine Wegweiser das Tor zum dog run für mich offen gehalten, beginnt Woody Allen II ein Gespräch mit mir. Über den November, den Dackel in Deutschland und die Sonne in New York. Andere Hunde schnuppern an meiner, nach Hundefell ausgehungerten Hand, und zahnlose Hundemamis verteilen giftgrüne Hundehappen. Ein kampflustiger Mastinoverschnitt wird angeleint und sein Herrchen mit Ratschlägen versorgt.

Ich muss meine Jacke ausziehen, so heiß ist es mittlerweile. Die Hunde sitzen auf und neben mir. Ich führe ungelenke Gespräche über meinen zu Hause gebliebenen Hund und die Vorzüge von New York als Hundestadt. Ungelenk, weil mein Englisch holpert und weil, was ich höre, koreanisch, chinesisch, russisch, spanisch verfärbt ist. Als ich nach zwei Stunden die Caniden-Arena verlasse, bin ich um drei Doggystore-Adressen, eine Einladung zum Abendessen und fünf Hundenamen reicher. Albert Einstein, der bislang reglos über seinem Sonnentrichter schwieg, raunt mir ein »You will come back« zu. Ein kluger Mann eben.

Ich gehe ungläubig rückwärts. Weg vom Washington Square in eine der Feuerleitersträßchen, die nach Süden, nach SoHo führen. Der Himmel verdunkelt sich, während ich den Hundemenschen nachsehe, die alle der sonnigen Parallelwelt, dem Washington Square zustreben, von einer unsichtbaren Kraft gezogen: Einsteins Sonnenkollektor. Man sollte die Geschichte der Relativitätstheorie neu erzählen.