Inhalt

  1. Cover
  2. Titel
  3. Impressum
  4. Widmung
  5. Kapitel 1
  6. Kapitel 2
  7. Kapitel 3
  8. Kapitel 4
  9. Kapitel 5
  10. Kapitel 6
  11. Kapitel 7
  12. Kapitel 8
  13. Kapitel 9
  14. Kapitel 10
  15. Kapitel 11
  16. Kapitel 12
  17. Kapitel 13
  18. Kapitel 14
  19. Kapitel 15
  20. Kapitel 16
  21. Kapitel 17
  22. Kapitel 18
  23. Kapitel 19
  24. Kapitel 20
  25. Kapitel 21
  26. Kapitel 22
  27. Ein Jahr später
  28. Danksagungen
  29. Leseprobe »Wenn Schmetterlinge Loopings fliegen«

Petra Hülsmann

HUMMELN
IM
HERZEN

Roman

BASTEI ENTERTAINMENT

Für meinen Mann,
weil mit ihm sogar die schwierigen Dinge einfach sind.

Für meine Eltern,
weil sie nie etwas anderes aus mir machen
wollten, als ich war.

Für meine Schwestern,
weil sie die tollsten Frauen auf der Welt sind.

Kapitel 1

Hummel

in dem ich mir vorkomme,
als müsste ich in der Bundesliga spielen –
obwohl ich doch nur Kreisliga bin

›Ich werde nie wieder heiraten. Niemals wieder.‹

Das dachte ich jedenfalls, als ich eine Woche vor unserem großen Tag mit meinem Liebsten Simon unsere Location – eine hochherrschaftliche alte Villa in Blankenese – besichtigte.

»Es gibt da leider ein Problem«, verkündete Frau Lennart, unsere Hochzeitsplanerin, mit Leichenbestattermiene.

Mir rutschte das Herz in die Hose. »Oh nein, nicht noch eins«, sagte ich und klammerte mich an Simons Arm.

»Ich fürchte doch. Ich mach es ganz kurz: Das Barbecue wird nicht stattfinden können.«

Und hier war sie, die gefühlt zweitausendste Panne seit Anbeginn unserer Hochzeitsplanung. Ich spürte, wie das Blut in meinen Kopf stieg und meine Pulsfrequenz sich verdoppelte. »Nicht stattfinden?«, fragte ich, inzwischen leicht hysterisch. »Was soll das heißen?«

Frau Lennart, durch und durch Profi, blieb ruhig. Sie wuchtete den zum Bersten gefüllten Ordner, den sie stets bei sich trug, von einem Arm auf den anderen. »Nun, wir haben vom Amt für Denkmalschutz keine Genehmigung erhalten, da der sich beim Grillen entwickelnde Rauch schädlich für die hochempfindliche Bausubstanz dieses Gebäudes wäre.«

»Aber wir grillen doch nicht im Haus!« Am liebsten hätte ich Frau Lennart ihren dämlichen Ordner über die Betonfrisur geschlagen.

»Natürlich nicht. Aber für den Fall, dass es regnet, wären wir gezwungen, das Barbecue auf der Terrasse stattfinden zu lassen. Und dafür bekommen wir eben keine behördliche Genehmigung.«

Hilflos wandte ich mich an Simon. »Du bist Anwalt, sag doch auch mal was! Das kann doch nicht rechtens sein!«

Er zuckte mit den Achseln. »Ich fürchte doch, Lena. Da kann man nichts machen, Bestimmungen sind Bestimmungen.«

In diesem Moment klingelte sein Handy, wie so oft in letzter Zeit. Anstatt das Gespräch jedoch wegzudrücken und seiner zukünftigen Ehefrau zur Seite zu stehen, entschuldigte er sich kurz und entfernte sich ein paar Schritte. Vor ein paar Monaten hatte Simon in seiner Kanzlei ein superwichtiges Projekt übernommen. Seitdem telefonierte er so viel, dass ich befürchtete, sein Handy könnte noch an seinem Ohr festwachsen.

Schnell wandte ich mich ab, trat an die Fensterfront und sah hinaus in den Garten. Diese Hochzeit entwickelte sich mehr und mehr zu einem Albtraum. Je näher der große Tag heranrückte, desto mehr ging schief. Gut, dass ich nicht an Zeichen glaubte, sonst hätte ich die Ereignisse der letzten Wochen womöglich allesamt als schlechte Omen für die Hochzeit gedeutet.

Zum Beispiel die Sache mit den Ringen. Wir würden eigens für uns und nach unseren Vorgaben gefertigte Platinringe bekommen, die etwas ganz Besonderes waren, wie der Juwelier nicht müde wurde zu betonen. Als wir die Ringe vor zwei Wochen abholen wollten, stellten wir fest, dass sie tatsächlich etwas ganz Besonderes waren – vor allem deshalb, weil Simons Ring mit einem hübschen Diamanten besetzt war. Meiner dagegen glänzte in schmuckloser Schlichtheit. Wie kann denn bitte so etwas passieren? Jetzt mussten neue angefertigt werden, und der Juwelier hatte die Dreistigkeit besessen zu sagen, sie würden schon noch rechtzeitig fertig werden – wenn wir Glück hätten.

Oder die Kirche. Vor sechs Wochen hatte der Pfarrer uns abgesagt, in dessen kleiner, romantischer Kirche wir ursprünglich heiraten wollten, weil ein anderes Paar sich exakt unseren Trauungstermin ausgesucht hatte. Und dieses Paar wurde uns vorgezogen, da es sich beim Bräutigam um Wladimir Klitschko höchstpersönlich handelte. Ich hätte zu gerne gewusst, was Gott davon hielt, dass einer seiner irdischen Vertreter ein unschuldiges Brautpaar so eiskalt abservierte und den Vorzug einem Mann gab, der für Geld andere Leute verkloppte. Mein Entschluss, unmittelbar nach der Hochzeit aus der Kirche auszutreten, stand jedenfalls fest. Außerdem entwickelte ich ein äußerst gestörtes Verhältnis zu Wladimir Klitschko. Neulich, als einer seiner Kämpfe im Fernsehen lief, erwischte ich mich dabei, seinen Gegner anzufeuern: »Rechts-Links-Kombination! Uppercut! Hau ihn k. o.!« Tat er natürlich nicht. Der Boxkampf endete zwar mit K. o., aber es war natürlich nicht Wladimir Klitschko, der im Ring lag. Der gewann. Wie immer.

Eines Abends überraschte uns Simons Mutter schließlich mit der Nachricht, dass sie eine andere Kirche für uns organisiert hatte. Ich war überglücklich – bis sie uns sagte, welche: Die Hauptkirche St. Michaelis, von uns Hamburgern liebevoll Michel genannt. Super! Bei den dort vorhandenen zweitausendfünfhundert Sitzplätzen würde man unsere läppischen hundert Gäste mit der Lupe suchen müssen. Ich würde den Gang zum Altar hinabschreiten wie eine Königin, zu deren Hochzeit kein Schwein gekommen war. Davon hatte ich wirklich … nie geträumt.

Die Hochzeitsfeier würde auch nicht am Elbstrand stattfinden, wie ich mir das immer gewünscht hatte, denn Simon fand das nicht repräsentativ genug. Stattdessen würden wir im altehrwürdigen Amsinckhaus in Blankenese feiern, das zwar sehr schön war, aber gleichzeitig so viel Prunk und Protz ausstrahlte, dass ich dort kaum zu atmen wagte.

Und jetzt auch noch das. Kein Barbecue.

Seufzend wandte ich mich vom Fenster ab und trat wieder zu Frau Lennart, die eifrig in ihrem Ordner blätterte.

»Frau Klein«, sagte sie, »ich weiß, das entspricht nicht Ihren ursprünglichen Vorstellungen, aber der Caterer hat ein paar ganz tolle und exquisite Menüs vorgeschlagen. Und ein gesetztes Essen entspricht doch viel eher dem Ambiente des Amsinckhauses. Wenn Sie mal schauen möchten.« Sie holte ein paar handgeschöpfte Seiten hervor, auf denen in schnörkeliger Schrift verschiedene Menüfolgen aufgeführt waren, und schwafelte etwas von »Angus-Rinderfilet unter Tagaroshi-Pankokruste an Kartoffel-Wasabi-Püree«. Ich gab mir alle Mühe, zuzuhören, denn es tat mir schon wieder leid, Frau Lennart vorhin so angebrüllt zu haben. Sie machte schließlich auch nur ihren Job.

Simon, der sein Telefonat inzwischen beendet hatte, gesellte sich wieder zu uns. Er sah sich die Menüvorschläge an, war aber ebenso wie ich nicht ganz bei der Sache. Wir hielten uns also an Frau Lennarts Ratschläge, und nach ein paar Minuten stand das Hochzeitsmenü.

»So, dann hätten wir’s«, sagte Frau Lennart schließlich. »Jetzt gibt’s kein Zurück mehr.« Sie lachte und erwartete wohl, dass wir einstimmen würden, aber mir war momentan nicht zum Scherzen zumute, und Simon ganz offensichtlich auch nicht. Er lockerte seine Krawatte, kleine Schweißperlen glänzten auf seiner Stirn. Wie blass er aussah.

»Ja«, sagte ich und lachte gekünstelt, um die peinliche Stille zu unterbrechen, »bald schnappt die Falle zu.«

»Sind Sie denn schon sehr aufgeregt?«, fragte Frau Lennart, während wir Richtung Tor gingen.

»Nein, wir sind total locker. Wir freuen uns einfach nur. Stimmt’s, Schatz?« Ich lächelte Simon an, doch der wich meinem Blick aus.

»Klar«, murmelte er.

Wir traten hinaus und verabschiedeten uns von unserer Hochzeitsplanerin. Ich war froh, die Kühle und Stille des Hauses endlich verlassen zu können. Hier draußen strahlte die Sonne, die Vögel zwitscherten fröhlich, und es duftete nach frisch gemähtem Gras. Es war ein wunderschöner Juni, und man konnte sich kaum vorstellen, dass für nächste Woche katastrophales Wetter gemeldet war. Wir gingen die lange Auffahrt hinunter zu unserem Auto – einem brandneuen Audi Q7, der mir ziemlich peinlich war und für den ich mich innerlich schon häufig bei der Umwelt und bei Greenpeace entschuldigt hatte. Aber er war nun mal Simons Traumauto, und von seinem wohlverdienten Bonus hatte er sich seinen Wunsch endlich erfüllen können.

»Meine Güte«, stieß ich aus, »was für eine Pechsträhne! Aber was soll’s. Die Hauptsache ist doch, dass wir heiraten, findest du nicht?«

»Hm«, machte Simon nur.

»Los, lass uns was essen gehen. Oder sehen wir uns im Kino einen Horrorfilm an, und du beschützt …«

»Das geht nicht«, unterbrach er mich. »Der Anruf gerade … Ich muss noch mal in die Kanzlei.«

»Och nein, bitte nicht!« Ich packte ihn am Ärmel und zwang ihn, stehen zu bleiben. »Es ist Freitagabend, ich habe dich seit Ewigkeiten nicht mehr richtig zu Gesicht bekommen, und ich würde so gerne mal wieder etwas Zeit mit dir verbringen!«

Simon schüttelte meine Hand ab. Fast hatte ich den Eindruck, dass er mich am liebsten von sich weggeschubst hätte. »Hör auf damit, Lena! Es geht nun mal nicht anders!«

»Toll, Simon!« Ich öffnete die Autotür, stieg ein und knallte sie hinter mir zu. »Hoffentlich ist dieses beknackte Projekt bald vorbei, sonst lässt du mich womöglich auch noch vorm Traualtar stehen, weil wieder irgendein wichtiger Anruf dazwischenkommt! Ich hab langsam die Schnauze voll davon!«

Schweigend fuhren Simon und ich die Elbchaussee hinab. Prachtvolle Villen zogen an uns vorüber, zwischen denen immer wieder die Elbe hervorblitzte. Obwohl es draußen vierundzwanzig Grad war, herrschte in unserem Auto ein Klima wie in der Arktis. Mein Handy piepte – in der eisigen Stille klang es geradezu schrill. Eine SMS von meiner besten Freundin Juli.

Hey Süße, wie war’s mit Fräulein Rottenmeier? Kommt vorbei, wir grillen! LG Juli

Juli, meine Rettung. Wie immer war sie da, genau im richtigen Moment, als hätte sie eine Antenne für meine Stimmungen.

Notgedrungen brach ich unser Schweigegelübde. »Könntest du mich bei Juli und Michel vorbeibringen?«

Er nickte. »Klar.« Wenig später bogen wir ab in die Carlsenstraße in Ottensen. Hier lebte Juli zusammen mit meinem großen Bruder Michel. Die beiden waren seit vier Jahren ein Paar – und seit drei Jahren und dreihundertvierzig Tagen war Juli meine beste Freundin.

»Willst du nicht doch mit raufkommen? Wenigstens für ein Stündchen?«, fragte ich, als wir vor dem Haus hielten, und hasste mich im gleichen Moment für mein Betteln.

Simon atmete tief aus. »Lena, bitte. Ich kann das einfach nicht mehr.«

Ich stutzte angesichts seiner seltsamen Formulierung, wischte den Gedanken aber weg, bevor ich ihn richtig greifen konnte. »Ich liebe dich. Vergiss das nicht, okay?«

Er schloss kurz die Augen und schüttelte den Kopf. »Wie könnte ich das vergessen?«

»Sehen wir uns heute Abend noch?«

»Nein, ich denke, es wird spät.«

»Dann also bis morgen.«

»Bis morgen.«

Ich küsste ihn und stieg aus. Kaum hatte ich die Tür hinter mir geschlossen, brauste er auch schon davon. Nachdenklich sah ich ihm nach. ›Das wird schon wieder‹, beruhigte ich das flaue Gefühl in meinem Magen. ›In einer Woche ist er mein Mann, wir hauen ab in die Flitterwochen, und dann wird alles wieder so wie früher. Nur noch schöner.‹

Seufzend drehte ich mich um und ging die wenigen Schritte zum Haus. Ich liebte diese Gegend, sie war freundlich und voller Leben. Die unterschiedlichsten Menschen wohnten hier dicht aufeinander: Studenten, Künstler, Wollsockenträger, Schlipsträger, Normalos und eben auch Juli und Michel. Ach so, und Ben, der lebte auch noch in der Wohnung. Michel und Ben kannten sich schon seit dem Kindergarten und waren seitdem unzertrennlich – so unzertrennlich, dass Juli zu Michel in seine Männer-WG mit Ben gezogen war, anstatt gemeinsam mit ihm eine eigene Wohnung zu suchen. Irgendwie machte es ja auch Sinn, genug Platz gab es schließlich allemal. Außerdem hatten Juli und Michel sich über Ben kennengelernt, denn sie arbeiteten beide an der Uniklinik in Eppendorf – Ben als Chirurg in der Notaufnahme und Juli als Laborantin.

Fünf Etagen musste ich mich hochquälen, bis ich endlich völlig außer Atem vor der Wohnung stand. ›Montag gehe ich ins Fitnessstudio!‹, schwor ich mir. ›Ach nein, Montag kann ich nicht. Aber am Montag danach. Quatsch, da bin ich doch auf Mauritius. Okay, nach den Flitterwochen.‹ Ich wischte mir den Schweiß von der Stirn, klopfte, und eine Sekunde später wurde die Tür geöffnet. Ich erwartete, Julis freundliches, sommersprossiges Gesicht zu sehen, doch stattdessen stand Ben vor mir. Mit hochgezogener Augenbraue musterte er mich von oben bis unten. »Herzlichen Glückwunsch, Sie haben das Mount-Everest Basecamp erreicht.«

Mein Lächeln schaltete automatisch einen Gang zurück. »Ben«, hechelte ich. »Was machst du denn hier?«

»Ich wohne hier, deswegen halte ich mich auch von Zeit zu Zeit hier auf«, antwortete er. »Eines Tages wirst vielleicht sogar du das verstehen.«

»Sehr witzig. Wieso bist du nicht im Krankenhaus? Ist da keiner mehr, den du aufschlitzen kannst?«

»Nein, leider nicht«, sagte er mit gespieltem Bedauern. »Dabei war ich gerade so in Fahrt. Ich habe schon in der Geriatrie nach Leihpatienten gefragt, aber die wollten keine rausrücken.«

»Wundert mich, dass sie dich überhaupt an lebende Menschen ranlassen.«

Ben blickte suchend über meinen Kopf. »Wo ist denn der glückliche Bräutigam? Bleibt er unten bei eurem Yuppie-Panzer und passt auf, dass keiner den Lack zerkratzt?«

»Der muss arbeiten. Sag mal, darf ich auch reinkommen, oder muss ich den ganzen Abend im Flur stehen bleiben und gequälte Konversation mit dir betreiben?«

»Nein, komm ruhig rein, Sonnenschein«, flötete er ironisch. »Bist ja richtig gut drauf heute.«

Ich ging an ihm vorbei in die Wohnung. Meine komplette Kindheit hatte ich damit verbracht, ihm und Michel hinterherzudackeln. Wie Götter hatte ich sie verehrt, doch die beiden, sechs Jahre älter als ich, waren ziemlich genervt von mir gewesen und hatten mich geärgert, wo es nur ging. Mein Verhältnis zu Michel hatte sich zum Glück irgendwann entspannt, aber Ben hatte sein Verhalten mir gegenüber bis heute nicht geändert.

Ich trat hinaus auf die Dachterrasse, von der man einen traumhaften Blick über die Dächer Ottensens hatte. In der Hollywoodschaukel lag Juli, den Kopf auf Michels Schoß. Ben ließ sich in einen der beiden alten Ohrensessel fallen, auf dem anderen saß Maren, seine derzeitige Flamme. Als Juli mich erblickte, sprang sie auf und kam strahlend auf mich zu. »Lena, wie schön, dass du gekommen bist!«, rief sie und umarmte mich. »Wo ist Simon?«

»Arbeiten«, antwortete Ben für mich.

»Jetzt noch?«, fragte mein großer Bruder, der sich ebenfalls erhob, mich stürmisch an sich zog und meine Haare durcheinanderstrubbelte.

»Hmpfhm«, war alles, was ich erwidern konnte, da er mein Gesicht gegen seinen nicht unbeachtlichen Brustumfang drückte. Nach einer Weile fing ich an zu zappeln und befreite mich gewaltsam aus seinem Klammergriff. Ich schnappte nach Luft und versuchte, mit den Fingern meine Haare zu ordnen.

»Hey Lena«, sagte Maren und sah mich so kritisch an, dass ich sie im Geiste sagen hörte: »Ich habe heute leider kein Foto für dich«. Selbstverständlich war sie, wie jede von Bens Freundinnen, eine Schönheit. Im Gegensatz zu meinen straßenköterblonden Haaren glänzten ihre in einem warmen Karamellton, und ihre Augen waren richtig tiefgrün, nicht so komisch natogrün wie meine. Ich war an sieben von zehn Tagen zwar ganz zufrieden mit meinem Äußeren, aber diese püppchenhaften Schönheiten nervten mich irgendwie.

»Hallo Maren«, erwiderte ich und setzte mich neben Juli und Michel auf die Hollywoodschaukel.

»Bierchen?«, fragte Ben und hielt mir eine Flasche Astra hin.

Dankbar nahm ich das Bier und trank in gierigen Schlucken.

»Wow, du bist ja völlig dehydriert«, meinte Michel.

Ben grinste. »Klar, sie musste schließlich gerade fünf Stockwerke die Treppen hoch. Ich habe echt selten einen unsportlicheren Menschen gesehen.«

Maren kicherte.

»Jetzt erzähl mal«, sagte Juli und strafte Ben mit einem bösen Blick. »Wie war’s?«

Ich schnappte mir eine Bratwurst vom Grill. »Genießt das Grillfleisch. Nächste Woche wird es nämlich keins geben«, sagte ich und biss in die Wurst.

»Wieso das denn nicht?«, rief Juli.

»Wir haben keine behördliche Genehmigung gekriegt. Aber das ist kein Problem, stattdessen gibt es ein superexklusives Fünf-Gänge-Menü!« Beifall heischend blickte ich in die Runde, aber die Resonanz war eher mau und von Standing Ovations weit entfernt.

»Ein Menü? Das heißt, wir sitzen die ganze Zeit am Tisch rum? Fünf Gänge lang?« Die Enttäuschung stand meinem Bruder ins Gesicht geschrieben.

Juli stieß ihm mit dem Ellenbogen in die Seite.

»Ich meine, das ist toll«, beeilte er sich daraufhin zu sagen.

»Und es ist ja auch nur zum Essen«, fügte Juli hinzu. »Was gibt’s denn Schönes?«

»Ganz was Tolles, so richtig Haute Cuisine. Zuerst ein Amuse Gueule, dann …«

»Amüsier was?«, fragte Michel.

»Meine Güte, so ’ne Kleinigkeit. Was Schickes halt. Dann gibt’s auch noch Rind mit Wasabi und Takahari-Lari … Äh, wartet mal.« In meiner Handtasche kramte ich nach dem Papier, das Frau Lennart mir mitgegeben hatte. »Hier, lest selbst.«

Juli nahm den Zettel und las das Menü laut vor. »Das klingt super!«, beendete sie den Vortrag, machte aber ein ziemlich ratloses Gesicht.

»Und das hast du dir ausgesucht?«, fragte Ben.

»Ja, natürlich. Wer denn sonst?«

»Du willst Wasabi essen? Dir sind doch schon Paprika-Chips zu scharf. Außerdem passt dieser Schickimicki-Fraß so gar nicht zu dir.«

»Ach so, ich bin schließlich nur ’ne blöde Proll-Braut, richtig?«

»Das habe ich doch gar nicht gesagt!«

»Ist mir sowieso völlig egal, was du sagst«, fuhr ich ihn an. »Mir reicht’s für heute. Ich heirate in einer Woche, und alles läuft schief, da kann ich es echt nicht gebrauchen, dass ihr mich auch noch die ganze Zeit anpflaumt!«

Ben, Juli und Michel sahen mich betreten an.

»Ach, du heiratest?«, fragte Maren in die Stille hinein. »Oh, wie schön! Du Glückliche!« Sie klimperte Ben mit ihren riesigen Kuhaugen an, was er geflissentlich ignorierte. Angestrengt starrte er auf sein Bier.

Sofort war mir klar, woher der Wind wehte. Es war immer das Gleiche. Nach spätestens drei Monaten war bei Ben die maximale Haltbarkeitsdauer einer Beziehung erreicht, wobei das Wort »Beziehung« für ihn streng genommen ein Fremdwort war. Ganz zu schweigen von »Treue«. Maren war offensichtlich bereits angezählt und würde schon bald k. o. im Ring liegen.

»Hat Ben dich noch gar nicht gefragt, ob du ihn zur Hochzeit begleiten willst?«, erkundigte ich mich mit unschuldigem Gesichtsausdruck bei Maren. »Na, so was. Immer so vergesslich, der Gute. Du solltest wirklich mitkommen, vielleicht fängst du ja sogar den Strauß. Ihr beide seid echt so ein süßes Paar, ihr müsst un-be-dingt heiraten!« Okay, das war fies. Aber die »Proll-Braut« würde ich Ben heimzahlen. Streng genommen hatte er das zwar nicht wirklich gesagt, aber er hatte es mehr als offensichtlich gedacht.

Maren strahlte und kuschelte sich an Bens Schulter. Der verschluckte sich an seinem Bier und begann heftig zu husten.

Zuckersüß lächelte ich ihn an und biss in meine Bratwurst.

»Ich an deiner Stelle würde mir gut überlegen, ob ich das noch esse«, sagte Ben, als er sich einigermaßen von seinem Hustenanfall erholt hatte. »Sonst passt du Freitag nicht mehr in dein Kleid. Hast ganz schön zugelegt in den letzten Wochen.« Er lächelte zuckersüß zurück.

Zugelegt? In den vergangenen Wochen hatte ich gelebt wie ein Asket! Mal abgesehen von meinem täglichen Erdbeer-Smoothie, aber der zählte nicht, das war schließlich nur Obst. Und Gummibärchen waren fettfrei! Was die Joghurt-Schokolade anging: Die war für unheimlich sportliche Menschen gedacht und machte nicht dick, da würde die Werbung einen doch wohl nicht anlügen. Sogar Wladimir Klitschko aß die! Ich hatte nicht zugelegt! Was für eine Frechheit! Ich ging zu Ben und stopfte ihm mit Schmackes meine Bratwurst in den Mund. »Erstick dran!«

»So, jetzt reicht’s aber«, sagte Juli. »Lena und Ben, ab in eure Ecken!«

»Uiescho igg? Schie had angefang!«, protestierte Ben mit vollem Mund.

»Der hat gesagt, dass ich fett bin!« Mit dem Finger deutete ich anklagend auf Ben.

»Du schbinnscht dogg!«

Juli erhob sich von der Hollywoodschaukel. »Das will ich alles überhaupt nicht hören.« Sie packte mich am Arm. »Du kommst jetzt mal mit, Fräulein.«

»Oh oh, sie lässt die Supernanny raushängen«, grinste Michel. »Kommt Lena jetzt auf die stille Treppe?«

Juli ignorierte ihn und zog mich von der Dachterrasse hinein in die Wohnung.

Ich riss mich los. »Wo ist das Kleid?!«

»Jetzt beruhig dich bitte erst mal. Was ist denn los mit dir?«

»Ich bin vollkommen ruhig!«, brüllte ich. »Das Kleid! Wo ist es?«

Sie seufzte und ging mir voraus in Michels und ihr Zimmer, wo sie den Kleiderschrank öffnete und mein sorgsam verstautes Brautkleid hervorholte. Ich zog meine Jeans und das T-Shirt aus, zerrte das Kleid aus der Schutzhülle und streifte es mir über den Kopf. Doch irgendwie blieb ich in den vielen Lagen hängen. Ich steckte fest, konnte mich nicht mehr bewegen. Das Kleid war offensichtlich so eng geworden, dass ich es nicht einmal mehr über den Kopf ziehen konnte.

»Es passt nicht mehr!«, schluchzte ich. »Es passt tatsächlich nicht mehr!«

»Halt die Arme hoch«, hörte ich Juli sagen.

Ich gehorchte. Sie fummelte am Kleid, zog hier und da, bis mein Kopf befreit war. Dann sortierte sie die verschiedenen Lagen und machte sich schließlich am Reißverschluss zu schaffen. In der ängstlichen Erwartung, dass sie sagen würde: »Nichts zu machen. Frag doch mal Reiner Calmund, ob er dir etwas leihen kann«, schloss ich die Augen. Das wäre wirklich das i-Tüpfelchen auf allem, was bisher schiefgelaufen war. Die Braut war so fett, dass sie nicht mehr in ihr Kleid passte und sich schnell noch ein Zirkuszelt umnähen lassen musste. Herzlichen Glückwunsch.

»So, es sitzt«, sagte Juli.

»Ist der Reißverschluss zu?« Nach wie vor wagte ich nicht, die Augen zu öffnen.

»Ja natürlich, du dumme Nuss. Jetzt sieh dich an.«

Wieder gehorchte ich. Aus dem Spiegel blickte mir eine Irre im Brautkleid entgegen. Ihre Haare sahen aus, als hätte sie in eine Steckdose gefasst, ihr Gesicht war hochrot. Wahnsinn sprach aus ihren Augen. Neben der Irren stand Juli. Sie sah verletzt aus. Verdammt. Wann genau war ich so eine unglaublich blöde Kuh geworden? Ich fiel ihr um den Hals und drückte sie an mich. »Entschuldige, Juli!«

»Macht doch nichts. Ich bin deine Trauzeugin, es ist mein Job, mich von dir anschnauzen zu lassen.« Sie löste sich aus meiner Umarmung und ordnete liebevoll mein wirres Haar.

»Sieh mich nur mal an«, forderte ich sie auf und deutete auf mein Spiegelbild. »Ich sehe aus, als hätte ich nicht mehr alle Tassen im Schrank.«

»Hast du ja auch nicht.«

Unwillkürlich begann ich zu kichern. »Aber mein Kleid passt.«

»Natürlich passt es. Ben ist ein Idiot, das weißt du doch. Du hast das Hochzeitsthema auf den Tisch gebracht, Maren wird ihn jetzt damit nerven, weswegen er schnell Schluss machen muss. Was wiederum bedeutet, dass er heute keinen Sex mehr kriegt. Er wollte es dir nur heimzahlen.«

Prüfend begutachtete ich mich im Spiegel. Fett sah ich wirklich nicht aus. Ich drehte mich um und musterte meinen Hintern. Hm. Der sah schon relativ proper … Also er war nicht gerade … Trotzdem, das Kleid passte, und ich musste dazu nicht mal die Luft anhalten.

Da stand ich also, eine Woche vor meiner Hochzeit, in meinem Brautkleid. Es war wunderschön. Man hätte mich glatt für eine Prinzessin halten können. Aber war ich das überhaupt, eine Prinzessin?

»Juli?«

»Hm?«

»Ist es eigentlich normal, dass man sich auf seine eigene Hochzeit gar nicht richtig freut?«

»Wie meinst du das?«

»Ach, ich weiß nicht. Dieses piekfeine, aufgebauschte Fest, die Trauung in der größten Kirche Hamburgs. Ich komme mir vor, als müsste ich plötzlich in der Bundesliga spielen. Dabei bin ich doch eigentlich nur Kreisklasse.«

Eine Weile blieb es still. »Du bist einfach nervös«, meinte Juli schließlich. »Bei dem ganzen Mist, der in den letzten Wochen passiert ist, ist es völlig normal, dass du ein bisschen ausflippst. Außerdem ist dein Hochzeitstag gleichzeitig dein dreißigster Geburtstag, und vor dem reagieren Frauen gerne mal ein bisschen über. Das Einzige, was zählt, ist, dass ihr euch liebt.«

Nachdenklich betrachtete ich meinen Verlobungsring. Ganz tief drinnen meldete sich ein ungutes Gefühl, so vage, dass es nicht greifbar war. »Du hast recht«, sagte ich schließlich.

»Siehst du. Und lass dir mal eins gesagt sein: Du spielst nicht in der Kreisklasse, okay? Du, Lena Klein, gehörst so was von in die Nationalmannschaft! Merk dir das. So, und jetzt Schultern zurück und Kopf hoch«, befahl Juli, während sie an meinen Schultern zerrte und mein Kinn nach oben drückte. »Lach mal. Wie sieht das denn aus, eine Braut, die dicke Backen macht?«

»Das nächste Mal heirate ich einfach dich«, sagte ich und verpasste ihr einen dicken Schmatzer.

Juli half mir, mein Brautkleid auszuziehen und sicher in der Schutzhülle zu verstauen. »Tschüs, schönes Kleid, bis Freitag«, sagte ich zum Abschied, bevor ich die Schranktür schloss.

Wir gingen zurück auf die Terrasse. Ben und Maren waren verschwunden, Gott sei Dank. Die Sonne war inzwischen untergegangen, und ein paar Windlichter flackerten fröhlich vor sich hin. Juli und Michel kuschelten sich wieder in die Hollywoodschaukel, ich fläzte mich in den alten Sessel, in dem vorher Ben gesessen hatte. Wir redeten nicht viel, tranken noch ein Bier und sahen hinauf in den Sternenhimmel. Irgendwo übte jemand Saxofon. Die Klänge von Moon River wehten durch die Sommernacht zu uns herüber, bittersüß und voller Sehnsucht. Langsam ließ meine Anspannung nach, und ich fühlte mich so friedlich und ausgeglichen wie schon lange nicht mehr.

Kapitel 2

Hummel

in dem ich einen Gartenzwerg ermorde.
Bestialisch!

Am nächsten Morgen wurde ich von einem Sonnenstrahl geweckt, der sich seinen Weg durch einen Spalt im Vorhang bahnte und mich an der Nase kitzelte. ›Guten Morgen, Sonnenschein‹, dachte ich lächelnd. Schlaftrunken wollte ich mich an Simon kuscheln, doch seine Bettseite war leer. Wahrscheinlich hatte er mich so spät nicht mehr wecken wollen und schlief im Gästezimmer, wie viel zu oft in letzter Zeit. Ein Blick auf meinen Wecker sagte mir, dass es eigentlich noch viel zu früh für einen Samstagmorgen war. Allerdings gab es einiges zu tun, und so stand ich auf, sprang kurz unter die Dusche und ging barfuß auf Zehenspitzen nach unten, um Simon nicht zu wecken.

Vor zwei Jahren war ich zu Simon in sein kleines Häuschen in Volksdorf gezogen. Hier war alles so, wie ich es liebte: überschaubar und vor allen Dingen ordentlich und sauber. Andere mochten es einen Putzfimmel nennen, aber ich sah es eher so, dass die Welt und das Leben schon chaotisch genug waren, da wollte ich das Chaos nicht auch noch in meinen eigenen vier Wänden ertragen. In der Küche machte ich mir einen Milchkaffee an der Hightech-Espressomaschine, die Simons Baby war. Es hatte vier Wochen gedauert, bis ich sie bedienen konnte, und ehrlich gesagt jagte sie mir immer noch ein bisschen Angst ein – es hatte da einen unschönen Zwischenfall mit dem Milchaufschäumer gegeben, auf den ich hier nicht näher eingehen möchte. Mit der Tasse in der Hand durchquerte ich das Wohnzimmer und trat hinaus auf die Terrasse. Ich atmete tief die morgendliche Sommerluft ein und genoss die Sonnenstrahlen auf meiner Haut. Die Vögel zwitscherten sich gegenseitig den neuesten Klatsch und Tratsch zu, der Himmel war blau, mir ging es wunderbar. Auf einer der beiden Liegen aus Teakholz machte ich es mir gemütlich und schlürfte meinen Milchkaffee.

Der Gedanke, dass Simon und ich in weniger als einer Woche vor Gott und die Welt treten und unsere Liebe besiegeln würden, zauberte ein Lächeln auf mein Gesicht, und ich summte unwillkürlich den Hochzeitsmarsch. Wir waren wirklich wie füreinander geschaffen. Es war die perfekte Beziehung – na ja, jedenfalls bis zum Beginn dieses verdammten Projekts, an dem Simon Tag und Nacht arbeitete. Seitdem war bei uns der Wurm drin, und ich hatte das Gefühl, ihm nichts mehr recht machen zu können. Dabei war es ja verständlich, dass bei ihm zurzeit die Nerven blanklagen. Und es würde sicher nicht mehr ewig so weitergehen. Erst mal heiraten.

In diesem Moment klingelte mein Handy. Ich warf einen Blick auf das Display und verdrehte die Augen. Meine Mutter. In letzter Zeit rief sie fast täglich an, um sich nach dem Stand der Hochzeitsplanungen zu erkundigen, und jedes Mal fielen ihr noch ein paar Dinge ein, die ich berücksichtigen sollte. Heute erinnerte sie mich aufgeregt daran, dass Onkel Theo allergisch gegen Erdbeeren war und dass ich unbedingt dafür sorgen musste, dass er ein erdbeerfreies Menü erhielt, anderenfalls würde er »aufgehen wie ein Hefekloß und an seiner eigenen Zunge ersticken«.

Ich versicherte ihr, dass es kein Problem wäre, die Erdbeeren bei seinem Dessert einfach wegzulassen. Nach weiteren fünf Minuten gelang es mir schließlich, das Gespräch zu beenden. Seufzend erhob ich mich von der Liege und machte mich ans Werk. Auf dem Eichenparkett im Wohnzimmer legte ich einen großen Bogen Papier aus, auf den ich die Tische gezeichnet hatte, so wie sie bei der Feier aufgestellt sein würden. Mithilfe von Reißzwecken, welche die Gäste darstellten, machte ich mich erneut an die Sitzordnung. Eigentlich hatte ich diese lästige Aufgabe schon längst abgehakt, doch widrige Umstände erforderten, dass ich wieder ganz von vorne damit beginnen musste: Tante Hiltrud hatte sich nämlich vor Kurzem von Onkel Heinz getrennt. Wir konnten sie also nicht zusammen an einen Tisch setzen, schon allein deshalb nicht, weil Onkel Heinz mit seiner neuen Freundin, Gerda, erscheinen würde. Alle Tische waren voll, nur am Brauttisch wäre noch Platz. Aber Tante Hiltrud an unserem Tisch? Brautpaar, Trauzeugen und Tante Hiltrud? Nee, oder? Sie tat mir richtig leid, weil sie so allein dastand. Fast fühlte ich mich wie einer der Herbergswirte, die Maria und Josef abgewiesen hatten. »Nein, wir sind voll. Hier könnt ihr nicht bleiben.« Ich überlegte gerade, ob unsere Location über einen schicken Stall verfügte, als ich den Schlüssel in der Haustür hörte. Überrascht blickte ich auf. War Simon heute Nacht etwa gar nicht nach Hause gekommen? Er betrat das Wohnzimmer, völlig zerknittert und übermüdet.

»Hey Schatz, du siehst ja schlimm aus! Hast du etwa die ganze Nacht durchgearbeitet?«, begrüßte ich ihn. »Du Armer! Soll ich dir einen Kaffee machen?«

»Nein, lass nur.«

»Sicher? Na gut. Guck mal, ich bin gerade dabei, die Sitzordnung zu planen«, sagte ich und deutete auf die Reißzwecke aka Tante Hiltrud, die sich momentan am DJ-Pult befand. »Fändest du es sehr schlimm, wenn Tante Hiltrud bei uns am Tisch sitzen würde? Optimal ist das natürlich nicht, aber …« Ich brachte es einfach nicht übers Herz, Tante Hiltrud so ganz allein am DJ-Pult sitzenzulassen, und nahm die Reißzwecke schnell dort weg.

»Ich muss dir etwas sagen«, unterbrach Simon mich. »Es geht um die Hochzeit.«

Er wirkte so niedergeschlagen. Oh mein Gott, nicht noch eine Panne! Als er nach ein paar Sekunden immer noch nicht mit der Sprache rausgerückt war, sondern an der Tür stehen blieb und seine Hände knetete, bekam ich es mit der Angst zu tun. Bitte nicht noch eine Panne!

»Jetzt sag es schon!«, forderte ich ihn auf.

»Wenn ich nur wüsste, wie!« Er holte tief Luft. »Also gut. Ich habe mich verliebt.«

Puh, hatte der Mann mir einen Schrecken eingejagt. Verliebt! Wie süß er war! »Weiß ich doch, mein Schatz, deswegen heiraten wir ja auch.«

Simon kam auf mich zu und machte ein Gesicht, als wäre jemand gestorben. »Ich rede nicht von dir, Lena. Es tut mir wirklich leid.«

Ich hörte die Worte, aber ich verstand sie nicht, sie ergaben einfach keinen Sinn. »Wieso, was … Wie meinst du das?«

»Ich liebe eine andere Frau. Sie heißt Cordula. Wir arbeiten zusammen in der Kanzlei.«

In seinem Gesicht suchte ich nach Spuren, einem Hinweis darauf, dass er gerade einen ganz üblen Scherz mit mir abzog. Nach einer Weile begann ich zu sprechen, doch es kam nur ein Krächzen heraus. Ich räusperte mich. »Du verarschst mich doch jetzt.« Mein Herz raste, gleichzeitig fühlte es sich an, als würde es eine Tonne wiegen.

Simon setzte sich neben mich auf den Boden. »Nein, Lena.«

Er streckte eine Hand nach mir aus, als wolle er mich berühren, zog sie jedoch wieder zurück.

»Das Projekt«, stammelte ich. »Es gibt gar kein Projekt. Sie ist das Projekt.«

Simon nickte. »Ich kann dich nicht heiraten. Bitte verzeih mir.«

Ich starrte hinaus in den Garten. Die Terrassentür stand offen, ein lauer Sommerwind wehte herein und bauschte die weißen Vorhänge auf. Es war ein herrlicher Tag. Ich schloss die Augen. »Seit wann?«

»Seit sechs Monaten ungefähr«, sagte er kaum hörbar. »Glaub mir, ich habe mich lange dagegen gewehrt, aber das kann ich einfach nicht mehr.«

Seine Worte waren wie ein Keulenschlag. »Wie ist sie denn so?«, erkundigte ich mich. Es war mir selbst unheimlich, wie ruhig ich blieb. Fast schien es mir, als würde ich die ganze Szene von außen betrachten, als würde mich das alles gar nicht wirklich betreffen.

Simon seufzte. »Mach es uns doch bitte nicht noch schwerer, als es ohnehin schon ist.«

»Nein, ich will es wissen. Wie ist sie?«

»Sie ist völlig anders als du.«

»Wie denn?«

»Na ja, selbstbewusst und voller Energie. Sie weiß genau, was sie will. Du bist halt eher … gemütlich.«

Wie versteinert saß ich da, die Tante-Hiltrud-Reißzwecke in der Hand, und konnte nichts sagen, nicht reagieren, nicht denken. »Hau ab, Simon«, sagte ich irgendwann leise.

Er räusperte sich. »Im Grunde genommen ist das hier ja mein Haus, also …« Er ließ den Satz unvollendet in der Luft schweben.

Ungläubig sah ich ihn an. »Das ist jetzt nicht dein Ernst, oder?«

»Schon gut. Lass dir nur Zeit. Du musst nicht sofort ausziehen.« Simon stand auf. »Okay, ich glaub, ich lass dich besser mal allein. Ich weiß, dass ich es dir früher hätte sagen müssen, aber ich konnte es einfach nicht. Es tut mir wirklich leid.«

»Ja. Das sagtest du bereits.«

Er hob zum Abschied die Hand, drehte sich um und ging zur Tür hinaus.

Ich weiß nicht, wie lange ich einfach nur so dasaß und aus dem Fenster starrte, fassungslos, ohne wirklich etwas wahrzunehmen.

Irgendwann spürte ich einen scharfen Schmerz. Ich hatte mir die Tante-Hiltrud-Reißzwecke tief in den Finger gebohrt. Fasziniert beobachtete ich mich dabei, wie ich die Reißzwecke herauszog. An der Einstichstelle quoll ein Tropfen Blut hervor. Ich unternahm nichts dagegen, ließ ihn einfach laufen, an meinem Finger hinab auf meinen Handteller. In diesem Moment wurde ich wach und begriff, was Simon mir da gerade gesagt hatte. »Ich habe mich verliebt. Ich kann dich nicht heiraten. Du bist halt eher … gemütlich.«

Gemütlich. In meinem Magen bildete sich ein schwerer Klumpen, der nach und nach immer größer wurde. Ich stand auf, fegte mit dem Fuß über die Reißzwecken-Tischordnung und verpasste meinem Hochzeitsordner, der neben mir auf dem Boden lag, einen ordentlichen Tritt. Gemütlich! In der Küche griff ich nach einer Flasche feinstem, italienischem Trüffelöl und ließ es in den Wassertank und in den Milchbehälter der Espressomaschine laufen. Im Menü wählte ich einen doppelten Cappuccino aus und sah dabei zu, wie die Maschine zischend einen Ölino zubereitete. Das fertige »Getränk« kippte ich über der weißen Ledercouch aus und platzierte Simons und mein Verlobungsfoto mit dem Gesicht nach unten darauf. Gemütlich! Oh, wenn dieser Mistkerl doch nur hier wäre, ich würde ihn umbringen!

Dann wollte ich nur noch raus, weg von hier. Ich rief ein Taxi und ging ins Schlafzimmer, zog achtlos meine Klamotten aus dem Schrank und beförderte sie in zwei Koffer. Im Bad konnte ich nicht verhindern, dass mir aus Versehen Simons schweineteures Aftershave aus der Hand glitt und auf den Boden fiel. Schließlich schleppte ich meine Siebensachen vor die Haustür, riss die Tür des wartenden Taxis auf und ließ mich auf den Rücksitz fallen. Doch dann kam mir ein Gedanke, und ich stieg wieder aus. »Kleinen Augenblick, bin sofort wieder da«, sagte ich zum Taxifahrer, der gerade mein Gepäck in den Kofferraum beförderte. Ich lief zur Garage, nahm einen Hammer aus Simons Werkzeugkasten und ging damit in den Vorgarten. Dort stand Klaus-Dieter, der Gartenzwerg aus Keramik, den Simon mir zum Einzug geschenkt hatte, und lächelte mich an.

»Was guckst du denn so blöd?« Ich holte aus und schlug ihm mit voller Wucht sein höhnisches Grinsen aus der Visage. Gemütlich! Klaus-Dieter zerbrach in tausend Teile. Immer weiter schlug ich auf die Scherben ein und brüllte: »Du widerlicher, hässlicher, ekelhafter Drecksack! Drecksack! DRECKSACK!«, bis ich irgendwann nicht mehr konnte und den Hammer zur Seite warf. Ich betrachtete Klaus-Dieters sterbliche Überreste noch ein paar Sekunden lang, wünschte ihm eine gute Reise in den Gartenzwerg-Himmel und stieg völlig entkräftet in das Taxi.

»Na, nich so ’n guder Tach heude, wa?«, fragte der Fahrer mich in breitem Hamburger Dialekt.

»Nein, nicht wirklich.«

»Und wo soll’s nu hingehen, junge Dame?«, fragte er mich.

Gute Frage. Wohin eigentlich? Ich nannte ihm die erste Adresse, die mir einfiel. »In die Carlsenstraße, bitte.«

Das Taxi fuhr mit quietschenden Reifen los und schaffte in rasantem Tempo einen immer größeren Abstand zwischen mir und meinem Zuhause, meinem Plan vom Leben, meiner Zukunft. Müde lehnte ich meinen Kopf zurück und starrte an die bräunlich verfärbte Decke des Wagens. Es stank nach abgestandenem Zigarettenqualm und Kotze.

Der Taxifahrer beobachtete mich im Rückspiegel, während er mit mindestens fünfundachtzig Sachen durch Hamburgs Straßen bretterte. Er war genauso schmuddelig wie sein Auto. Die langen, fettigen Haare hatte er im Nacken zu einem Pferdeschwanz zusammengebunden. Seine Arme waren übersät mit Tätowierungen, am Finger trug er einen Totenkopfring und am Leib ein verranztes St.-Pauli-Retter-T-Shirt. »Hast Ärger mit deim Alden, wa?« Er musterte mich immer noch. Konnte der nicht mal auf die Straße gucken?

»Hm«, machte ich nur, in der Hoffnung, dass er mich endlich in Ruhe lassen würde, wenn ich unfreundlich war.

»Hast’n sitzenlassen, wa?«

»Wenn Sie es genau wissen wollen: Er hat mich wegen einer anderen abgeschossen, weswegen ich jetzt ausziehe. Ach ja, und eigentlich hätten wir in sechs Tagen heiraten wollen. Reicht das erst mal an Infos?«

»Oha. Das is ja mal blöd, nä? Kannst mich aber ruhig duzen. Ich bin der Knut.«

»Mhm.«

Eine kleine Pause entstand, da Knut damit beschäftigt war, sich eine Zigarette aus der Packung zu fummeln und anzuzünden. Auch bei dieser Aktion schenkte er der Straße kaum Beachtung, und der Wagen geriet bedrohlich ins Schlingern. Ich krallte mich am Türgriff fest.

»Stört dich ja nich, wenn ich rauche, nä?«, fragte er, nachdem er die ersten zwei Züge genommen hatte. Bevor ich antworten konnte, fuhr er fort: »Weißte, so mit der Liebe und so, da darfste dich nich von feddichmachen lassen.« Er drehte sich halb zu mir um und fuchtelte wild mit seiner Zigarette in der Luft herum. Ein großer Batzen Asche fiel herunter. »Da gehste bei kaputt!«

»Danke für den guten Tipp«, sagte ich und kurbelte demonstrativ das Fenster herunter.

»Da nich für«, erwiderte er. »Kaputt gehste dabei!«

»Ja, ist klar.«

»Jo«, sagte Knut und fuhr über eine rote Ampel. »Denn mach ich mal Musik an.« Er beugte sich über den Beifahrersitz und wühlte im Handschuhfach, wobei der Wagen stark nach rechts abdriftete und kurzzeitig am Bordstein entlangschrubberte. Ein paar Fußgänger sprangen verschreckt zur Seite. Gott sei Dank fand Knut schnell, wonach er suchte. Er kramte eine Kassette hervor und schob sie in den Rekorder. »So Lüdde, das spiel ich jetzt nur für dich«, verkündete er, nachdem er auf Play gedrückt hatte.

›Wenn jetzt You’ll never walk alone kommt, steige ich aus‹, dachte ich verzweifelt.

Knut drehte die Lautstärke voll auf, und im nächsten Moment dröhnten die ersten Glockenschläge von AC/DCs Hells Bells aus den Boxen. Das Gitarrenintro sang er auf »Düdüdü« mit, während er leicht im Takt mit dem Kopf nickte. Als das Lied dann richtig einsetzte, headbangte er. Ich wagte nicht hinzusehen, doch ich hätte schwören können, dass er dabei die Augen schloss.

»I’m gonna get ya, Satan get ya, Hells bells!«, schrie Knut aus vollem Hals an der entsprechenden Stelle, während er headbangte und gleichzeitig nach einer neuen Zigarette griff.

›Oh Mann‹, dachte ich. ›Irgendwo da oben hat jemand offensichtlich einen ziemlich kranken Sinn für Humor.‹

Nach einer halben Stunde mit ohrenbetäubend schriller AC/DC-Musik hielten wir vor der WG. Erleichtert, noch am Leben zu sein und das vollgequarzte Taxi endlich verlassen zu können, warf ich Knut ein paar Scheine hin, öffnete noch im Anhalten die Tür und sprang in die Freiheit.

Knut, der Taxifahrer aus der Hölle, stellte meine Koffer auf dem Bürgersteig ab. »Das wird schon wieder.« Er sah mich ernst an.

»Okay, Knut.« Ich zwang mich zu einem Lächeln. »Ich bin übrigens Lena.« Irgendwie hatte ich das Gefühl, meine Unfreundlichkeit wiedergutmachen zu müssen. Er wollte doch nur nett sein.

Knut holte aus seiner Hosentasche eine zerknitterte Visitenkarte hervor, die er sich offensichtlich an einem Automaten selbst gedruckt hatte. »Hier«, sagte er. »Meine Karte. Wenn du mal ’n Taxi brauchst oder so, ruf mich einfach an.«

Ich nahm die Karte und hielt ihm zum Abschied die Hand hin. Er ergriff sie und zerquetschte mir fast die Finger.

»Tschüs, Knut. War echt eine sehr interessante Fahrt.«

Er grinste. »Tschüs denn, Lena. Und denk dran, lass dich …«

»… nich feddichmachen. Alles klar.«

Ich schleppte die kümmerlichen Überbleibsel meines Lebens nach oben und klingelte. Kurz darauf öffnete Juli die Tür. »Lena!«, rief sie und schaute erst mich, dann meine Koffer an. »Was ist passiert?«

Als ich die Besorgnis in ihrem Blick bemerkte, brach plötzlich mein ganzes Unglück über mich herein. Ich fiel ihr um den Hals, und Tränen quollen aus mir hervor, als hätte man eine Schleuse geöffnet. »Keine Hochzeit«, stieß ich zwischen heftigen Schluchzern hervor, »Simon … Projekt … gemütlich.«

»Was ist los?«, hörte ich Michels Stimme.

Juli zog mich in die Wohnung und beförderte mich in die Küche, wo sie mich auf einen der Stühle setzte. Ich heulte wie in einem Rausch. Alles tat mir weh, mein Kopf, mein Bauch, aber vor allen Dingen mein Herz. Juli tröstete mich, streichelte meinen Rücken und strich mir über die Haare. Als die Tränen endlich versiegten, löste ich mich aus ihrer Umarmung.

»Jetzt sag endlich, was passiert ist!«, forderte Michel mich auf.

»Es gibt keine Hochzeit. Simon hat … eine andere.« Sofort schossen mir wieder Tränen in die Augen. Ich kramte ein Taschentuch aus meiner Handtasche und schnäuzte laut und ausgiebig hinein.

»Nein!«, schrie Juli und schlug sich die Hand vor den Mund. »Das glaub ich nicht! Scheiße, Lena, das ist ja furchtbar!«

Ausführlich und immer wieder von Schluchzern unterbrochen schilderte ich den beiden die Szene, die sich vorhin zwischen Simon und mir abgespielt hatte. »Oh Gott, ich muss alle anrufen und absagen«, wurde mir plötzlich bewusst. »Der Pastor, Frau Lennart, die Gäste, Tante Hiltrud! Ich kann das nicht!«

»Du musst jetzt überhaupt niemanden anrufen«, sagte Juli entschieden.

Noch immer kam mir diese Situation so unwirklich vor. »Was mach ich denn jetzt?«

»Willst du dich hinlegen?«, fragte Michel.

»Nein, bloß nicht!«

Juli stand auf und kehrte mit einer Flasche Whisky und zwei Flaschen Cola bewaffnet zurück, die sie mit einem lauten Knall vor uns auf dem Küchentisch abstellte. »Ich weiß, das ist furchtbar klischeehaft, aber das ist mir egal. Wir werden uns jetzt besaufen. Und zwar so richtig.«

»Igitt, mit Whisky?« Ich rümpfte die Nase.

Michel nickte energisch. »Womit sonst?«

»Dann schenk ein. Mir ist jetzt eh alles egal.« Müde sah ich aus dem Fenster. »Die müsst ihr ganz dringend mal putzen. Ist ja widerlich, wie dreckig die sind.«

Michel und Juli tauschten einen Blick, sagten aber nichts.

Die folgenden drei Stunden liefen dann etwa so ab:

Ich: »Das kann alles nicht wahr sein, das kann echt alles nicht wahr sein.«

Juli: »Ach Lena, das ist eine Riesenscheiße.«

Michel: »Dieser blöde Arsch, den werde ich an seinen Eiern aufhängen! Am Rathausturm!«

Juli: »Riesnscheise is das.«

Ich: »Das kannse mal laut sagen, ne Riesenriesenscheise.«

Michel: »An sein’ Eiern hängch den auf – am … obn am … hier, äh, …«

Juli: »Radhauschturm!«

Ich: »Nee jess mal echt, ’n ries’ger Rie’naaasch is der doch!«

Irgendwann torkelte Michel ins Bett. Juli war am Küchentisch eingeschlafen und nicht mehr wachzukriegen. Ich taumelte ins Gästezimmer, fiel auf das Sofa und sofort in ein tiefes Koma.

Irgendwann erwachte ich davon, dass jemand an meiner Schulter rüttelte und »Hey!« rief.

Ich setzte mich auf, was ich sofort bereute. Mein Kopf fühlte sich an, als würde jemand mit einer Axt darauf einschlagen. »Was’n los?«, fragte ich und sah mich mit zusammengekniffenen Augen um. Schließlich nahm ich Bens dunkelhaarigen Schopf wahr.

»Lena, was machst du hier? Mein Gott, hast du ’ne Fahne, das ist ja widerlich!«

»Lass mich in Ruhe!«, muffelte ich und wollte mich gerade wieder hinlegen, als Ben sagte: »Nervensäge, raus aus meinem Bett. Ich habe einen anstrengenden Dienst hinter mir, ich will schlafen. Und zwar nach Möglichkeit nicht mit dir.«

Oh. Offensichtlich lag ich gar nicht im Gästezimmer auf dem Sofa, sondern in Bens Bett. »’tschuldigung«, murmelte ich, und in dem Moment fiel mir wieder ein, was gestern passiert war. Und jetzt fühlte es sich an, als würde jemand mit einer Axt auf mein Herz einschlagen.

»Was ist denn los?«, fragte Ben.

Ich fiel zurück auf das Kissen. »Simon hat sich verliebt. In …«, ich musste mich räuspern, »eine andere. Er hat mich sitzenlassen! Vorm Traualtar!« Die Schleusen öffneten sich wieder, und die Tränen stürzten hervor.

»Oh Mann.« Ben setzte sich auf die Bettkante.

»Und ich habe Klaus-Dieter ermordet!«, schluchzte ich. »Bestialisch!«

»Ähm, das ist … tragisch«, meinte Ben, der offensichtlich keine Ahnung hatte, wovon ich redete. »Aber keine Sorge, wenn du ein Alibi brauchst, auf mich kannst du zählen.«

Ich machte Anstalten aufzustehen, um ins Gästezimmer zu gehen, doch Ben hielt mich an der Schulter zurück. »Lass nur. Ich gehe aufs Sofa. Brauchst du irgendwas? Noch ein bis zwei Flaschen Schnaps vielleicht?«

»Hmmpfm«, machte ich nur.

Ben stand auf und verließ das Zimmer. Und ich gab mich wieder meinem Unglück hin.

Gegen elf Uhr erwachte ich, mit dickem Kopf und schwerem Herzen. Sofort prasselten die Ereignisse des Vortages wieder auf mich ein. Mir gingen immer wieder dieselben Gedanken durch den Kopf: ›Er hat mich verlassen. Er hat sich in eine andere verliebt. Er liebt mich nicht mehr. Ich bin allein.‹ Da an weiteren Schlaf nicht zu denken war, stand ich auf. Ich ging in die Küche und erwartete fast, Juli dort immer noch schlafend am Tisch vorzufinden, doch ihr Platz war leer. Ich lehnte mich an das alte Küchenbüfett, das Ben von seiner Oma geerbt und selbst wieder aufgearbeitet hatte, und sah mich um. Meine Güte, hier herrschte das reinste Chaos. Kurzerhand beschloss ich, mich mit einer sinnvollen Aufgabe abzulenken und für Ordnung zu sorgen. Als ich die alten Zeitungen in den Müll beförderte, entdeckte ich einen kleinen handgeschriebenen Zettel. Interessiert warf ich einen Blick darauf.

Ben, mein Tiger, ich wollte dich nicht wecken. Ruf mich an. ILD. Bussi Bussi, Dein Kätzchen

›Tiger und Kätzchen‹, dachte ich peinlich berührt. Und sofort kamen mir Simon und seine geliebte, selbstbewusste Cordula in den Sinn. Ob die auch so mit ihm redete? Stand er vielleicht auf so etwas und hatte es mir nie gesagt? Ich wollte den Zettel gerade angewidert zusammenknüllen, als der Empfänger der Notiz die Küche betrat. Er trug lange Jogginghosen, ein T-Shirt mit Collegeaufdruck und Turnschuhe. Seine dunklen Haare waren nassgeschwitzt, ebenso wie sein Gesicht. Offensichtlich kam er gerade vom Joggen. Dieser Streber, er konnte maximal drei Stunden geschlafen haben.

Ben lächelte mich an. »Na, wieder nüchtern, Schnapsdrossel?« Er ging zum Kühlschrank, holte Apfelsaft hervor, schnupperte kurz daran und trank dann direkt aus der Packung.

»Das ist ekelig!«, motzte ich. »Der Nächste, der von dem Saft trinkt, trinkt gleichzeitig deine Spucke mit.«