Inhalt

  1. Cover
  2. Titel
  3. Impressum
  4. Widmung
  5. Hawke’s Bay Today
  6. EINS
  7. ZWEI
  8. DREI
  9. VIER
  10. FÜNF
  11. SECHS
  12. SIEBEN
  13. ACHT
  14. NEUN
  15. ZEHN
  16. ELF
  17. ZWÖLF
  18. DREIZEHN
  19. VIERZEHN
  20. FÜNFZEHN
  21. SECHZEHN
  22. SIEBZEHN
  23. ACHTZEHN
  24. NEUNZEHN
  25. ZWANZIG
  26. EINUNDZWANZIG
  27. ZWEIUNDZWANZIG
  28. DREIUNDZWANZIG
  29. VIERUNDZWANZIG
  30. FÜNFUNDZWANZIG
  31. SECHSUNDZWANZIG
  32. SIEBENUNDZWANZIG
  33. ACHTUNDZWANZIG
  34. NEUNUNDZWANZIG
  35. DREISSIG
  36. EINUNDDREISSIG
  37. ZWEIUNDDREISSIG
  38. DREIUNDDREISSIG
  39. VIERUNDDREISSIG
  40. FÜNFUNDDREISSIG
  41. SECHSUNDDREISSIG
  42. SIEBENUNDDREISSIG
  43. ACHTUNDDREISSIG
  44. NEUNUNDDREISSIG
  45. VIERZIG
  46. EINUNDVIERZIG
  47. ZWEIUNDVIERZIG
  48. Hawke’s Bay Today

CHARITY NORMAN

DIE WAHRHEIT
ÜBER JENE NACHT

Roman

Aus dem Englischen von
Veronika Dünninger

BASTEI ENTERTAINMENT

Für Paul

 

HAWKE’S BAY TODAY
LOKALNACHRICHTEN

Heute in den frühen Morgenstunden flog der Rettungshubschrauber der Lowe Corporation einen Soforteinsatz zu einer Farm an der Küste nördlich von Napier und brachte einen fünfjährigen Jungen ins Hawke’s Bay Hospital. Dort wurde das Kind wegen schwerer innerer Verletzungen notoperiert.

Es hatte sich seine Verletzungen offenbar beim Sturz von einem Balkon im ersten Stock zugezogen. Die Klinikmitarbeiter lehnten es allerdings ab, Vermutungen über die Umstände des Unfalls anzustellen.

»Ich kann bestätigen, dass heute Morgen ein kleiner Junge mit lebensgefährlichen Verletzungen eingeliefert wurde«, erklärte ein Sprecher. »Weitere Stellungnahmen sind zum jetzigen Zeitpunkt nicht angebracht. Die Polizei und die Kinderschutzbehörden wurden verständigt, und es laufen umfangreiche Untersuchungen. Über Details kann ich nichts sagen, bevor die Ermittlungen abgeschlossen sind.«

Der verletzte Junge bleibt auf der Intensivstation des Krankenhauses. Dem Vernehmen nach ist sein Zustand kritisch. Sein Name wurde bislang nicht bekannt gegeben.

EINS

Finn fiel.

Ich glaube, selbst mit einer Million Worten könnte ich die Katastrophe nicht beschreiben. Worte eignen sich dafür nicht.

Mein Sohn stürzte kopfüber, winzige Hände griffen ins Leere. Er gab keinen Laut von sich. Ich kann sehen, wie sein Pyjama in das gierige Dunkel hineintaucht und verschwindet. Der Batman-Pyjama aus seinem Weihnachtsstrumpf. Ich kann seine Piratenpuppe sehen, die in hohem Bogen wegfliegt.

Der Mond scheint noch nicht. In Filmen bricht eine Tragödie immer bei sintflutartigem Unwetter herein, zwischen Blitz und Donner, und der Heldin kleben die Haare an ihren tränenverschmierten Wangen – und weil sie wasserfeste Mascara trägt, passiert weiter nichts. Doch die Nacht, als Finn fiel, war ruhig. Eine sternenklare Winternacht. Die Hügel hoben sich in sanften Wellen von einem klaren Himmel ab. Nur das Kreischen einer Bachstelze auf den Feldern war zu hören, rechthaberisch und tröstlich-vertraut wie das einer Schwiegermutter. Eine ruhige neuseeländische Nacht.

Und dann brach die Welt zusammen. Ich kann noch immer das Rascheln der Büsche hören. Ich spüre den dumpfen Aufprall, mit dem mein kleiner Liebling auf dem Boden aufschlug. Wirklich, ich kann ihn spüren. Er erschütterte das Haus. Er erschütterte die Hügel. Er erschütterte den Himmel. Ich stürzte die Treppe hinunter, um das schreckliche Geschehen zu überholen.

Da lag etwas leblos neben einem Zitronenbaum, ein dunkles kleines Hügelchen im Garten meines Traumhauses. Ich dachte, mein Sohn wäre tot. Ich berührte das bleiche Gesicht, fühlte wunderbarerweise seinen Puls, während ich mit einem Gott feilschte, an dessen Existenz ich nie geglaubt hatte. Das würden auch Sie tun. O ja, das werden Sie, falls Ihre eigenen Albträume je zum Leben erwachen sollten. Sie werden mit Ihrem ganzen Herzen beten, mit Ihrer ganzen Seele und mit irgendeinem Teil Ihres Gehirns, den Sie noch nie benutzt haben, von dem Sie nicht einmal wussten, dass es ihn gibt. Glauben Sie mir, so wird es sein. In einem solchen Augenblick ist Atheismus ein Luxus, den Sie sich nicht leisten können.

Es dauerte lange, bis sie kamen. Sehr lange. Finns Leben hing an einem seidenen Faden, und wir beide verharrten reglos vor Angst auf der schwarzen Erde. Bob der Seeräuber, die Piratenpuppe, lag lang ausgestreckt in der Nähe. Wo Finn ist, da ist auch sein Pirat nicht weit. Schließlich hörte ich das Dröhnen von Rotorblättern, die durch das gnadenlose Dunkel peitschten, den Rhythmus der Rettung. Strahlende Lichter leuchteten über dem Hang auf – die himmlischen Heerscharen rückten an. Sie landeten in einem Hurrikan auf der Koppel vor unserem Haus, sprinteten auf die Taschenlampe zu, die ich schwenkte. Zwei Männer in roten Overalls – kein Chor strahlender Engel – arbeiteten mit großer Eile und wenigen Worten: Sie fixierten einen Schlauch an Finns Arm und eine Stütze um seinen Hals und sagten irgendetwas über seine Wirbelsäule, während sie ihn über den Rasen und in den Hubschrauber trugen.

Keiner der beiden fragte, wie es passiert war. Noch nicht. Sie wussten – genau wie ich –, dass es Finns letzte Reise sein könnte. Es steht nicht gut um ihn, dachten sie. Kopfverletzung, innere Blutungen, weiß Gott, was noch alles. Aller Wahrscheinlichkeit nach kommt dieser Junge nie wieder nach Hause.

Minuten später waren wir unterwegs, Finn und ich, wir hoben ab in die Zukunft.

Kaum waren wir gelandet, tauchten aus dem Nichts Leute und Apparate auf und umzingelten uns in eifriger Betriebsamkeit. Durch einen Nebel aus Panik hörte ich, dass Finns Blutdruck sank, dass sich seine Herz- und Atemfrequenz beschleunigt hatte. Zahlen – achtzig zu vierzig, sechzig zu dreißig – wurden immer eindringlicher gerufen. Sie schnitten seinen Lieblingspyjama auf und deckten ihn mit einer abgewetzten Flanelldecke zu. Jetzt war er anonym.

Ich war bei ihm, als sie eine Bluttransfusion einleiteten, als sie einen Plastikschlauch durch seinen zarten Mund und in seine Atemwege führten, als sein kleiner Körper in den Computertomografen geschoben wurde. Ich konnte ihn nicht im Arm halten, konnte mich nicht um ihn kümmern. Ich war nutzlos. Dann brachten sie ihn weg, rollten ihn rasch durch unpassierbare Türen dorthin, wo die Messer der Chirurgen warteten.

Ich weiß, dass irgendjemand mich zu dieser stillen, abgetrennten Nische geführt und mir zu erklären versucht hat, was nun geschieht. Sie haben ihr Bestes getan, aber mein Verstand hat ausgesetzt. Ich kauere auf einem Plastikstuhl, die Finger um einen weißen Becher gelegt, den ich unerklärlicherweise in einer Hand halte. Ich drücke mir den schlaffen Körper von Bob dem Seeräuber an die Brust. Wir versuchen, einander zu trösten.

Finn ist allein unter grellen weißen Lichtern und den Augen fremder Erwachsener. Sie werden übers Wetter reden, während sie meinen kleinen Liebling aufschneiden. Der härteste Frost seit Beginn der Aufzeichnungen … fast zwei Meter Schnee oben in Ruapehu … die Skisaison wird verlängert. Wir verlieren ihn, sagt der Anästhesist.

Eine Frau schlendert vorbei. Die Mutter eines anderen Patienten, nehme ich an. Sie hat breite Hüften und ein freundliches Pfannkuchengesicht. Sie erinnert mich an Louisa. Ich würde alles geben, um jetzt die matronenhafte Gestalt meiner Schwester zu sehen, wie sie in einem geblümten Rock mit schwungvollen, festen Schritten durch den Krankenhauskorridor auf mich zukommt, mit ausgebreiteten Armen und einem liebevollen Lächeln. Ich würde alles geben, um jetzt eine alte Freundin zu sehen, jemanden, der mich mag und der mir vertraut, weil wir uns seit einer Ewigkeit kennen. Ich habe hier keine alten Freundinnen. In diesem ganzen Land, auf dieser ganzen Halbkugel, gibt es nicht einen Menschen außerhalb meiner Familie – nein, einschließlich meiner Familie –, der mich wirklich kennt.

Ich kauere mit angezogenen Knien auf dem scharfkantigen Plastikstuhl. Ich weiß, dass ich einen erbärmlichen Anblick biete, wie eine Obdachlose an einem schlechten Tag. Eine Krankenschwester kommt vorbei und ist offenbar meiner Meinung, denn sie zieht den Vorhang zu meiner Nische auf und kommt zu mir. Sie ist ein kleines Geschöpf mit einem lockigen Pony. Als sie spricht, erkenne ich einen vertrauten Akzent. Liverpool, würde ich sagen.

»Wie geht’s Ihnen?« Es ist Made-in-China-Mitleid, aber besser als nichts.

Ich schüttele den Kopf, schlage die Zähne in mein Knie. Ich schaukele hin und her.

»Hoppla! Sie verschütten das gleich.« Sie nimmt mir den Becher ab und stellt ihn auf einen Rollwagen aus rostfreiem Stahl. »Schrecklich, was mit Ihrem Sohn passiert ist. Er bekommt die bestmögliche Behandlung, das ist die Hauptsache.«

Dann stellt sie die Frage. Sie ist die Erste, aber ich weiß, dass sie nicht die Letzte sein wird.

»Warum ist er eigentlich da runtergefallen?«

Ehrlich währt am längsten!, zischelt Mum, genau in mein Ohr. Ich zucke zusammen. Meine Mutter ist schon lange tot, aber das hält sie und ihre Weisheiten nicht auf. Verstehen Sie mich nicht falsch, ich habe keine akustischen Halluzinationen, und ich bin – soweit ich weiß – auch kein Medium. Die Persönlichkeit meiner Mutter war so dominant und übertrieben kritisch, dass sie sich in meinem Kopf eingenistet hat, als ich ungefähr drei war. Seitdem versuche ich, sie hinauszuwerfen. Manchmal bin ich sie monatelang los, aber wenn es hart auf hart kommt, taucht sie immer wieder auf, um Salz in die Wunde zu streuen.

Die Wahrheit befreit uns!, flüstert sie jetzt.

Ich denke über die Wahrheit nach. Ich tue es wirklich. Ich wende sie immer wieder hin und her, mit einem entsetzlichen Gefühl des Abgetrenntseins. Ich betrachte sie aus allen Winkeln, wie ein 3-D-Bild auf einem Computerbildschirm. Und auf diesem Bildschirm sehe ich Polizei und einen Gerichtssaal und eine Gefängniszelle. Ich sehe Desaster.

»Finn ist Schlafwandler«, sage ich zu der freundlichen Schwester. »War er schon immer. Es ist komisch, sein Zwillingsbruder tut das nie. Seltsam komisch, nicht zum Lachen komisch. Ich hätte die Tür der beiden abschließen sollen. Es ist meine Schuld.«

Zumindest dieser letzte Teil ist wahr.

»Nee, das hätte jedem passieren können«, säuselt die Schwester in seliger Unwissenheit. Sie hört nicht wirklich zu. Das tun die Leute nie. »So ein Unfall passiert eben, wenn sie im Schlaf rumstiefeln. Ich hab einen Sohn, der ist schlafgewandelt, bis er dreizehn war. Einmal haben wir ihn in einer Ferienanlage auf Fidschi verloren, da war er zwei Jahre alt!«

»Furchtbar.«

»Die schlimmsten zehn Minuten meines Lebens. Ein Glück, dass er nicht mit dem Gesicht nach unten im Pool lag.«

»Ein Glück.« Ich denke an Finn, den das Glück verlassen hat.

»Und was hat Sie hierhergeführt?«, fragt sie.

Die Frage wird mir ständig gestellt. In diesem Land leben viele Einwanderer, und jeder von uns hat seine Geschichte. Ich frage mich, wie viele die ganze Wahrheit erzählen.

»Mein Mann«, sage ich. »Er hat sich vor Jahren in dieses Land verliebt und wollte immer hierher zurück. Und Sie?«

»Hab einen Kiwi geheiratet. Hat meiner Mum das Herz gebrochen, aber was soll man machen?«

Ich versuche, ihr zu antworten, aber Finn fällt. Er fällt, und ich höre den dumpfen Aufprall. Die Schwester zückt ein paar Papiertaschentücher und reicht sie mir, während sie mir mitfühlend mit der Hand über die Schulter streicht.

»Manchmal kann man’s einfach nicht begreifen, nicht?«, sagt sie nachdenklich, während sie ihren welligen Pony glatt streicht. »Man fragt sich wirklich, warum solche Sachen passieren müssen.«

Trappelnde Schritte, das Rumpeln eines Rollwagens, das ängstliche Wimmern eines Babys.

»Ich muss los«, seufzt sie und tätschelt mir ein letztes Mal die Schulter. »An mir armem Würstchen bleibt mal wieder alles hängen.«

Genau, denke ich, während ich zusehe, wie sie den Vorhang mit einem Ruck wieder zuzieht und im Entengang zu dem neuesten Notfall eilt. Da ist sie, die Frage. Nicht wie. Warum.

Diese Frage verfolgt mich, während die Nacht sich dahinschleppt.

Warum, warum, warum.

ZWEI

Wenn ich eine Stecknadel in die Karte von Raum und Zeit stecken müsste, um den Beginn unserer Reise zu markieren, würde ich ein Dorf in Bedfordshire wählen, an einem Freitag im Juni. Unser Dorf. Unser Haus.

Ich erinnere mich, wie ich durch einen kurzen sommerlichen Platzregen von der Arbeit nach Hause fuhr. Zehn Minuten blieb ich neben unserem Gartenteich im Wagen sitzen. Während der abkühlende Motor tick-tick-tickte, versuchte ich, meine ganze Willenskraft zusammenzunehmen und ins Haus zu gehen. Schließlich kramte ich mein Handy hervor. Verzögerungstaktik.

wie lief’s in Physik? xx

Prompt leuchtete das Display auf, und das Handy vibrierte: weiß nich xxx

Sehr aufschlussreich, dachte ich resigniert, während ich mich aus dem Wagen stemmte und den Weg hoch schleppte. Meine Tochter hatte die letzte ihrer Prüfungen für die Mittlere Reife abgelegt, und ich hatte keine Ahnung, wie es ihr ergangen war. Ich stand einen langen Moment auf der Veranda und nahm meinen Mut zusammen. Dann öffnete ich die Haustür.

Die Veränderung sprang mir ins Auge, sobald ich in die Diele trat. Am Morgen war ich aus einem Haus geflüchtet, das von dem kalten Luftzug von Kits Verzweiflung durchzogen war. Jetzt nahm ich den köstlichen Duft frisch gebackener Crumpets und seine sanfte Stimme wahr, begleitet vom vergnügten Gequietschte der Zwillinge:

»Jack und Jill gingen den Hügel rauf

Und holten einen Eimer Wasser.«

Ich folgte den ausgelassenen Stimmen zur Küche. Kit stand da und bügelte ein Hemd, während seine Söhne zwischen den Tellern auf der Tischplatte herumtanzten. Charlie hielt inne, um mir schmatzende Hefeküchlein-Küsse zu geben. In diesem Moment ließ Finn ein ohrenbetäubendes Crescendo hören, zu dem er seine verfilzten dunklen Locken schüttelte:

»Jack fiel runter und schlug sich den Schädel auf,

Und Jill purzelte hinterher! Hallo, Mummeee!«

Und natürlich trat er in die Butterschale.

»Igitt!«, kreischte er und hüpfte auf einem kleinen Fuß, während er den buttrigen vor sich in die Luft reckte.

»Butterzehen«, sagte Kit und schenkte mir ein strahlendes Lächeln.

Pures Entzücken stand auf Charlies Pausbacken, als er seinen pummeligen Zeigefinger hob. Er hat blonde Locken, ist stämmig und der Ältere der beiden, um eine halbe Stunde. »Butterzehen, Butterzehen.«

Ich trug Finn huckepack zur Spüle, setzte ihn auf das Abtropfbrett und wusch seinen Fuß. Dann stellte ich mich dicht hinter Kit, schob meine Hände um seine Taille und wärmte mich an seinem Schwung. Wenn er das Leben im Griff hatte, konnten wir alles schaffen. Sachas Hündin kroch aus ihrem Körbchen und rieb ihren Kopf an meinen Knien. Muffin hat viel von einem Bobtail und eine Spur von irgendetwas Kleinerem, und sie schlendert mit einer Miene der genialen Geistesabwesenheit durchs Leben wie ein professoraler Teddybär.

»Hey, Muffin«, rief Finn von der Spüle aus. »Willst du ein bisschen gute Butter lecken?«

»Du bügelst ja ein Hemd«, sagte ich, während ich zusah, wie Kit ein zerknittertes Stück Stoff in etwas Frisches und Tadelloses verwandelte. »Warum bügelst du ein Hemd?«

»Ich glaube, ich hatte so was wie einen Durchbruch.« Dampf zischte aus dem Bügeleisen. Ich konnte Waschpulver riechen. »Ich nehme in einer Stunde den Zug nach London. Ich hab heute Stella Black angerufen – erinnerst du dich, von früher? Grafikdesignerin, ich habe bei ein paar Projekten mit ihr zusammengearbeitet – sie meint, ihr Chef hätte vielleicht Arbeit für mich, als Berater.«

»Das wäre ja wunderbar«, flüsterte ich und rieb meine Wange an seiner warmen Schulter. Eine Beratertätigkeit wäre mehr als wunderbar. Es könnte sogar ein Rettungsanker sein.

Kit war angespannt. Ich konnte spüren, wie Hoffnung und Nervosität unter seiner Haut kribbelten. Er bewegte sich wie immer auf seine trügerisch langsame, subtile Art – es sah so aus, als hebe er nie die Füße –, aber an jenem Tag nahm ich doch eine fieberhafte Aufregung wahr. Er bügelte das Hemd zu Ende, küsste mich schwungvoll und stiefelte dann mit großen Schritten zur Dusche. Unser Haus war eines der ältesten im Dorf, mit steilen, schiefen Treppen. Voller Nervosität setzte ich mich auf halber Höhe auf die Treppe, während die Jungen in der Küche Unsinn machten. Meine Brust war wie in einen Schraubstock geklemmt, als wäre ich diejenige, die diese entscheidende Besprechung hatte. Es stand so viel auf dem Spiel. Ich musste mich zwingen auszuatmen.

Dort fand mich Sacha. Mit ihrer Schultasche über der Schulter blieb sie grinsend in der Diele stehen. »Mum! Du auf der bösen Treppe?«

Meine Tochter hat ihre dunkelbraunen und karamellfarbenen Ringellocken von mir geerbt. Ich selbst kann mir die Haare nicht länger als bis zur Schulter wachsen lassen, sonst stehen sie ab wie Fransen an einem Wischmopp, aber ihre sind prächtig und kräuseln sich wallend über ihren Rücken und um ihr Gesicht. Und sie hat die Hakennase der Familie Norris. Ich – als ihre bewundernde Mutter – war schon immer der Ansicht, dass es ihre hohe Stirn und ihre unvollkommene Nase sind, die Sachas Schönheit wirklich ausmachen.

»Ich habe mich hier hingesetzt«, sagte ich, »weil das mein Platz im Leben ist. Und jetzt erzähl mir, wie die Prüfung gelaufen ist, und wenn du ›weiß nich‹ sagst, ziehe ich dir die Ohren lang.«

Sie hob unschuldig die Hände. »Tja, ich weiß es aber nicht, okay? Ich glaube, ganz gut. Aber diese Mistkerle haben überhaupt nicht nach dem Elektromagnetismus gefragt. Dabei hab ich so dafür gebüffelt. Das war echt gemein.«

»Kit hat vielleicht Arbeit«, platzte ich heraus. Sofort ließ sie ihre Tasche fallen, setzte sich auf die Stufe unter mir und legte den Unterarm auf meinen Schoß, während ich ihr von seiner bevorstehenden Fahrt nach London erzählte.

»Wie schlimm sieht’s denn wirklich aus, Mum?«, fragte sie ernst. »Jetzt, wo ich die Prüfungen fast hinter mir habe, kannst du ruhig damit rausrücken. Ich weiß, dass ihr zwei versucht habt, es zu vertuschen.«

Sie hatte natürlich recht. Wir hatten das Schlimmste von ihr ferngehalten. Ich streckte meine Hände aus und begann, ihr Haar zu flechten, getröstet von dem schweren Strang in meinen Fingern.

»Unseren Lebensstil – das alles hier – konnten wir uns nur von Kits Einkommen leisten, als seine Agentur gut gelaufen ist und die Wirtschaft noch brummte. Mein Gehalt reicht dafür bei Weitem nicht aus. Ich verdiene nicht viel mehr als seine Sekretärin früher! Ziemlich unerfreulich, aber so ist es nun mal.«

»Das heißt, wir müssen das Haus verkaufen, wenn er keinen neuen Job bekommt?«

»Könnte sein«, sagte ich zögernd.

»Und ich muss die Schule wechseln, oder?«

»Wir werden sehen.«

»Das heißt, ja.«

Ich zuckte die Schultern und wünschte mir, ich könnte es abstreiten.

»Ähm …« Sie klopfte mit der flachen Hand einen jazzartigen Rhythmus auf mein Knie. »Ich weiß, dass Kit wieder trinkt.«

»Du weißt es?«

»Ich habe Augen, Mum, und Ohren. Letzten Freitag haben mir die Zwillinge erzählt, sie hätten sich im Regen ausgesperrt und seien patschnass geworden, während er auf dem Sofa geschlafen hat. Charlie sagte, er sei ›wieder komisch geworden‹. Die armen kleinen Würmchen! Nicht schwer zu erraten, was da los war. Und ich hab gehört, dass du ihn vom Pub abholen musstest.«

»Sie wollen ihn da nicht mehr sehen«, gestand ich.

Dieser Anruf war furchtbar gewesen. Der Wirt der Dorfkneipe klang besorgt und verlegen: »Ich musste ihm wieder die Autoschlüssel abnehmen … wäre vielleicht am besten, wenn er für eine Weile nicht mehr herkommt.«

»Die Agentur zu verlieren war sein schlimmster Albtraum«, sagte ich, weil ich Kit in Schutz nehmen wollte. »Leute zu enttäuschen, die Hypotheken und Schulgeld am Hals haben. Die letzten paar Monate waren richtig schlimm, und – na ja, diese ständigen Rückschläge und die Sorgen ums Geld haben ihn am Ende mürbe gemacht. Alkohol ist eine Art Selbstmedikation.«

»Armer Kit.« Sacha rümpfte die Nase. »Lokalverbot in der Dorfkneipe? Das ist echt übel.«

Charlie erschien im Türrahmen der Küche. Als er seine Schwester sah, strahlte er. »Komm gucken«, quiekste er und winkte ihr, ihm zu folgen. »Wir haben auf dem Küchenboden eine Rutschbahn gemacht.«

»Eine Rutschbahn? Wie denn das?« Sacha klang misstrauisch.

»Mit ganz viel Butter. Es ist richtig rutschig.«

Sacha klappte der Kiefer herunter, aber ich gab mich mit einer Handbewegung geschlagen. »Lass gut sein. Es gibt größere Schlamassel als Butter.«

Ich fand Kit im Schlafzimmer, als er eben in ein Jackett schlüpfte. Jeder Zoll der erfolgreiche Werbeguru. Er hatte eine Art, seine Kleidung zu tragen, als wäre sie nicht wichtig, und das machte seinen besonderen Stil aus.

»Du verstehst es noch immer, dich in Schale zu werfen«, murmelte ich, fasste ihn am Arm und betrachtete uns beide im Spiegel des Kleiderschranks. Als der Mann im Spiegel mein Lächeln erwiderte, sah ich den alten Funken in seinen Augen tänzeln. Nach acht Jahren Ehe und all unseren Problemen machte Kits Lächeln mich noch immer glücklich. Ich drehte ihn zu mir um, fasste an seinen Kragenaufschlag und begann, daran herumzufummeln. »Das Bild eines zivilisierten Mannes«, sagte ich, während ich mit meinen Knöcheln über die harten Konturen seines Kiefers glitt. »Viel Glück.«

Er griff nach meiner Hand und presste sie an seine Lippen. Ich spürte ein leichtes Zittern in seinen Fingern, und ich hatte Mitleid mit ihm. »Es gibt keine Türen mehr, an die ich noch klopfen könnte, Martha. Wenn es diesmal nicht klappt, dann habe ich dich enttäuscht.«

Sacha stürzte ins Zimmer, tat, als müsste sie zweimal hinsehen. »Wow, Kit! Du siehst ja aus wie James Bond. Na ja, bis auf diese wilde schwarze Mähne, die eher zu einem Straßenbengel in Mumbai passt.« Während ihr Stiefvater gehorsam einen Versuch unternahm, seine Haare zu bändigen, stellte sie ihm ein Paar frisch geputzte Schuhe vor die Füße. »Die habe ich schnell noch für dich aufpoliert. Hab sie neben der Hintertür gefunden. Das sind doch die richtigen, oder?«

»Du bist ein Engel«, sagte Kit inbrünstig. »Wie war die Prüfung?«

»Mörderisch.«

»Oh, Scheiße. Wirklich?«

»Nee, so schlimm war’s auch wieder nicht. Nur noch eine – und dann ist Partytime!«

»Ich wette, du hast sie spielend geschafft«, prophezeite Kit, während er sich aufs Bett setzte, um sich die Schuhe zuzubinden. »Ach du lieber Himmel! Schon so spät!«

Minuten später war er in seinen Wagen gesprungen und rauschte Richtung Bedford davon. Sacha und ich standen am Gartentor und sahen zu, wie sich der leuchtend grüne Klecks in den Verkehr einfädelte. Irgendwie erschien er schrecklich bedeutsam, der einzige Farbtupfer in einer düsteren Landschaft.

»Ich hoffe wirklich, er kriegt ihn«, sagte Sacha.

Ich hielt meine Fäuste mit gedrückten Daumen hoch und blinzelte angestrengt, überwältigt von der Anspannung der vergangenen Wochen. Ich spürte Sachas Arm um meinen Hals.

»Keine Sorge, Mum«, flüsterte sie und gab mir einen Kuss auf die Wange. »Egal, was passiert, es wird sich alles finden.«

Sie und ich verbrachten den Rest des Abends damit, auf die Uhr zu starren und das Schicksal zu beschwören, Kit diesen Durchbruch zu gewähren. Das Telefon klingelte zweimal. Wir zuckten beide Male zusammen, aber es war nicht Kit. Der erste Anrufer war Sachas Freund Ivan, der fragte, wie es in Physik gelaufen sei. Der zweite war ebenfalls männlich, mit einem Dubliner Akzent.

»Gerry Kerr«, sagte er, und ich erinnerte mich sofort an ihn. Gerry, einer von Kits Kumpeln auf dem Kunstcollege, war Händler geworden und hatte sich ein paar Jahre in den Vereinigten Staaten herumgetrieben, bevor er eine Galerie in Dublin kaufte. Ich hatte ein Bild des Mannes bei unserem Hochzeitsempfang vor Augen – ein weltgewandter Typ, der mich beschwor, Kit McNamara sei ein gottverdammtes Genie, und ich müsse ihn dazu bringen, wieder zu malen, es sei ihm egal, wie viel schnöden Mammon er in der Werbung machen könne.

Mit Kits Karriere ging es steil bergauf, als wir heirateten, und dann kamen die Zwillinge und beanspruchten jede freie Sekunde. Er hatte nie genug Zeit, um seiner Leidenschaft zu frönen, es sei denn, man zählte die zauberhaften Malereien dazu, die er für seine Familie geschaffen hatte. Im Schlafzimmer der Jungen waren es steinzeitliche Höhlenmalereien: herrliche Hirsche und Büffel, die einander über die Wände und die Decke jagten und den Neid aller Kinder weckten, die zu Besuch kamen. Für Sacha hatte Kit ein hinreißendes Wandgemälde mit Meerjungfrauen gezaubert.

»Gerry!«, rief ich. »Wie geht’s dir? Kit ist nicht da.«

Er wolle sich nur melden, sagte Gerry, und hören, wie es uns ging. Er hatte von der Pleite der Agentur gehört.

»Werbeagenturen gehen im Moment ein wie die Fliegen«, erklärte ich. »Kit hat an seiner festgehalten, als hinge sein Leben davon ab, aber … na ja. Werbebudgets sind immer das Erste, was zusammengestrichen wird.«

Gerry klang aufrichtig besorgt. »Armer alter McNamara. Trotzdem, sieh’s positiv. Dieser Mann, den du da hast, vergeudet sein Talent. Das ist ein Weckruf.«

Ich schaute auf die Wohnzimmerwände, wo ich drei von Kits Gemälden aus seinen Collegetagen aufgehängt hatte. Es waren seltsame Porträts: schlammfarbene, verschmitzte Leute mit kantigen Gesichtern. Ich konnte irgendwie nicht viel damit anfangen. Die Meerjungfrauen und Büffel waren mir weitaus lieber.

»Er hat eigentlich schon seit Jahren nicht mehr gemalt«, sagte ich.

»Eine Schande. Der Mann hat was, Martha, und er weiß es.«

»Ja«, gab ich lachend zurück. »Du hast recht. Er hat eine Familie zu ernähren. Und er weiß es.«

Anschließend versuchte ich, Kit anzurufen. Prompt klingelte sein Handy unter einem Müslikarton in der Küche. Sein Handy zu vergessen war für ihn fast eine Gewohnheit.

Um acht schliefen die Jungen tief und fest, vergraben zwischen Bergen von Stofftieren. Um neun überredete ich Sacha, sich ebenfalls hinzulegen. Ich konnte sehen, dass sie völlig erledigt war. Viel, viel später klingelte das Haustelefon.

»Martha«, sagte Kit, und meine Hoffnung schwand. Seine Stimme war tonlos.

Er rief vom Bahnhof Euston an. Stellas Firma hatte ausgerechnet an diesem Tag einen entscheidenden Auftrag verloren und war ins Wanken geraten. Kit hatte den Abend in einer Bar in Soho verbracht und Stella und ihren Chef getröstet, die jetzt selbst darum kämpften, sich über Wasser zu halten. Sie wollten ihm helfen, er stünde ganz oben auf ihrer Liste, falls sich irgendetwas ergeben sollte, aber im Moment hatten sie nichts für ihn. Tut uns leid, Kumpel.

»Das war’s dann«, sagte Kit. Ich konnte den Alkohol hören, der seine Stimme und seine Gedanken benebelte. »Ich bin zu nichts zu gebrauchen.«

»Kommst du gleich nach Hause?« Ich wollte, dass wir diese Sache gemeinsam durchstanden. »Bitte fahr nicht mit dem … du weißt schon. Komm einfach nach Hause. Nimm dir vom Bahnhof ein Taxi.«

»Bald«, sagte er leise und legte auf.

Zu Bett zu gehen kam nicht infrage. Ich würde nur steif daliegen, während die Angst in meinem Kopf umherflog wie eine verirrte Kugel. Stattdessen schnappte ich mir die Schale mit dem Posteingang – haarsträubende Rechnungen schrien mir aus ihren papiernen Tiefen entgegen – und setzte mich an den Computer. Ich würde alles irgendwie deichseln müssen – und Zeit für uns gewinnen, um das Haus auf dem Markt anzubieten.

Sacha hatte im Internet gesurft. Ivans Anruf musste sie abgelenkt haben, denn sie hatte vergessen, sich auszuloggen. Mehrere Webseiten waren noch geöffnet: YouTube, eBay. Ah, und hier war ihre Facebook-Seite; aber da hatte es nie etwas Bedenkliches gegeben. Ich wollte sie eben schon schließen, als eine Warnsirene aufheulte, irgendwo zwischen meinen Ohren.

Suche meinen richtigen Vater!! Name ist offenbar Simon, ist vor 16–17 Jahren durch Bedford gekommen. Br Haare, br Augen, groß. Müsste jetzt 35–40 sein. Mum schwört, dass das alles ist, was sie weiß, aber ich bin mir da nicht so sicher. Irgendwer – irgendeine Idee??? Würde meinen Dad wirklich gern finden.

Ich saß wie gelähmt da, ein Kaninchen, das in das grelle Licht des Bildschirms starrt. Ihre Facebook-Freunde hatten natürlich jede Menge Ideen.

Hast du auf deiner Geburtsurkunde nachgesehen?

Hi Sash, frag jeden in deiner Familie und alle alten Freundinnen deiner Mum, irgendwer weiß was, sperr sie in ein Zimmer, bis sie es ausspucken

Mein Dad heißt Simon LOL vielleicht sind wir Schwestern!!! Ich werde ihn fragen, ob er deine Mum gebumst hat

Könntest es mit Privatdetektiv versuchen

Er ist eine eiskalte Dusche, der Moment, in dem dir klar wird, dass dein Kind ein eigenständiges Wesen ist, das die Familienlegende infrage stellt. Jedes Mal, wenn sie mich nach ihrem Vater gefragt hat, habe ich Sacha die Geschichte von Simon erzählt, einem netten jungen Mann, der unauffindbar war. Jetzt hatte sie offenbar angefangen zu graben. Eines Tages würde ihr Spaten auf eine Landmine stoßen, und wir alle würden bei der Explosion Gliedmaßen verlieren.

Siehst du?, meldete sich Mum mit hämischer Stimme zu Wort. Es rächt sich alles im Leben. Das schmutzige Geheimnis eines Mädchens ist eines anderen Mädchens Vater.

Ich taumelte in die Küche und füllte den Wasserkocher, als könnte eine schöne Tasse Tee uns alle irgendwie vor dem Untergang bewahren. Ich konnte mich mit diesen Rechnungen jetzt nicht befassen. Unter einem Stapel Spendenaufrufe von Hilfsorganisationen lag die neueste Ausgabe meiner Zeitschrift über Beschäftigungstherapie halb gelesen auf der Küchenbank. Während das Wasser zum Kochen kam, blätterte ich sie flüchtig durch. Techniken im Klassenzimmer, rollstuhlgeeignet. Mehrere private Arbeitsagenturen inserierten regelmäßig. Jobs in Australien … Kanada … Neuseeland. Kit war als Student in Neuseeland gewesen und schwärmte von dem Land. Ich nahm die Zeitschrift zusammen mit meinem Becher mit an den Computer und gab die Adresse der Webseite ein. Nur zum Spaß, sagte ich mir. Nur um mir die Zeit zu vertreiben, bis Kit nach Hause kam.

Verführerisch, das World Wide Web. Binnen einer Stunde hatte ich mich über Arbeit, Bildungswesen und Lebenshaltungskosten am anderen Ende der Welt informiert. Ich scrollte mich eben durch Visa-Informationen, als die kleine Reiseuhr auf dem Kaminsims surrte, seufzte und Mitternacht schlug. Das blecherne Läuten sorgte dafür, dass die Angst an die Tür meines Verstandes klopfte, auch wenn ich versuchte, einen klaren Kopf zu behalten. Kit würde jeden Augenblick zur Tür hereinspaziert kommen, und ich würde ihn ordentlich zusammenstauchen.

Als es halb eins schlug, lief ich im Zimmer auf und ab und rang die Hände. Kit lag irgendwo um einen Baum gewickelt – verdammt, warum hatte ich ihn bloß mit dem Wagen fahren lassen? Seine strahlenden Augen blickten ausdruckslos und starr, während Blut aus dem Winkel seines Mundes sickerte, der nie wieder lachen würde. Vielleicht lag er ja auch, von irgendwelchen Schlägertypen halb totgeprügelt, sterbend allein im Regen. Vielleicht hatte er sich in den Fluss gestürzt.

Diese Tatenlosigkeit war unerträglich. Ich schnappte mir meine Handtasche und schrieb Sacha rasch eine Notiz. Entschuldige, bin losgefahren, um Kit zu suchen. Alles Liebe M x

Das Telefon klingelte, als ich gerade die Haustür öffnete. Gott sei Dank! Ich stürzte hin, erwartete, die vertraute Stimme meines Mannes zu hören – deprimiert, lallend, zerknirscht. Schwindelig vor Erleichterung holte ich einmal tief Luft, um loszukeifen wie ein Marktweib.

Es war nicht Kit.

»Mrs. McNamara? Barry Prescott hier, Polizei Bedfordshire.«

Im Raum wurde es dunkel. Voller Entsetzen starrte ich auf eines von Kits Bildern, und der Kobold sah grinsend zu mir zurück. Das war sie also: die Stimme des Schicksals. Ich war eine Witwe. Ich verspürte den ersten Stich von Trauer.

Die Stimme des Schicksals klang nüchtern. »Wir haben Ihren Mann hier. In einer Zelle. Er ist … man könnte sagen, er ist ein bisschen mitgenommen.«

»Sie meinen, er ist betrunken«, krächzte ich wütend. Also nicht um einen Baum gewickelt, nicht von Schlägertypen halb totgeprügelt oder unter den Wassern des Great Ouse.

»Wir haben ihn in der High Street aufgegriffen. Ein Glück, dass er nicht überfahren wurde.«

Auf der Polizeiwache waren sie richtig nett zu mir, auch wenn ich den Verdacht habe, dass sie sich alle köstlich amüsierten. Sergeant Prescott hatte eine onkelhafte Art, während er mich, mit seinen Schlüsseln rasselnd, zu den Zellen führte. Er hatte seine besten Jahre lange hinter sich, ein abgebrühter Typ mit buschigen Augenbrauen. »Ihren Kerl hat’s schlimm erwischt«, warnte er mich. »Möchte wetten, er kriegt ein Donnerwetter zu hören, sobald er seinen Rausch ausgeschlafen hat.«

Ich habe mich in meinem ganzen Leben noch nie so gedemütigt gefühlt – meinetwegen, wegen Kit. Es war, als würde ich einen räudigen Hund aus dem städtischen Hundezwinger abholen. Mein schöner Ehemann lag schwitzend auf einer Betonbank, sein einst tadelloses Hemd war schmuddelig und zerrissen, und er roch nach Erbrochenem. Die Haare hingen ihm strähnig ins Gesicht. Auf Prescotts gutmütige Aufforderung hin schwang er die Beine auf den Boden, setzte sich auf und stützte den Kopf in die Hände.

»Tut mir leid«, stöhnte er. »Oh Gott, Martha, was zum Teufel ist eigentlich los?«

Ich musste von dort verschwinden. Ich musste meinen Mann nach Hause schaffen und dafür sorgen, dass er wieder sauber und menschlich aussah. Prescott erledigte rasch den Papierkram und überreichte mir Kits Brieftasche. Dann lotste er ihn hinaus und in meinen Wagen.

»Wenn wir ihn das nächste Mal in diesem Zustand aufgreifen, werden wir ihn anklagen müssen«, sagte der Polizist, und jetzt lächelte er nicht mehr. »Das verstehen Sie doch sicher, Mrs. McNamara? Wir können nicht dulden, dass die Leute durch die Gosse torkeln.«

Ich erinnere mich undeutlich an regennasse Straßen, die Lichter eines McDonald’s, eine schwarze Katze, die über die Straße huschte, mit aufblitzenden Augen – hieß das, dass wir Glück oder Pech haben würden?

Kit hing in seinem Sitz, den Kopf gegen das Fenster gelehnt, während er heiser flüsterte: »Es tut mir leid, es tut mir leid … Gott, ich bin so ein verdammter Idiot!«

Ich wusste, dass der nächste Morgen dröhnende Kopfschmerzen, lähmende Schuldgefühle und noch tiefere Verzweiflung mit sich bringen würde. Er würde versuchen, sich aus eigener Kraft aus dem Sumpf zu ziehen, dem Trinken für eine Woche, vielleicht drei, abschwören, und dann würde der ganze Teufelskreis wieder von vorn beginnen.

»Ich hab das alles schon mal gehört«, sagte ich erschöpft.

»Ich auch. Ich kann mich selbst nicht mehr leiden.«

Ich bog in unsere Auffahrt ein und zog die Handbremse an. »Das ist einfach lächerlich. Okay, du hast dein Geschäft verloren. Okay, du kannst keine Arbeit finden.«

»Und wir sind pleite.«

»Und wir sind pleite. Es war die Hölle. Aber es ist passiert, und jetzt ist es an der Zeit …«

Während ich tobte, fummelte Kit an seiner Tür. »Ich kann nicht aussteigen«, murmelte er. Ich ging um den Wagen und öffnete sie von außen.

»Bitte sehr«, sagte ich kühl. »Du bist ein freier Mann.«

»Bin ich das?« Er schlang die Arme um mich, lehnte den Kopf an meine Taille. »Ich glaube nicht, dass ich das sein will.«

»Komm schon. Ab ins Bett.«

Es war ein Kampf, da er nicht die Willenskraft hatte, sich zu bewegen. Ich hievte seine ganzen ein Meter achtzig ins Haus und die steile Treppe hoch. Wir hatten es fast geschafft, als er sich auf die oberste Stufe plumpsen und den Kopf sinken ließ, als wäre er aus Stein.

»Will nicht ins Bett«, murmelte er. »Lass mich hier.«

»Unsinn!« Ich balancierte auf einer niedrigeren Stufe und bückte mich, um meine Ellenbogen unter seinen Achseln zu verhaken. »Ein paar Alka-Seltzer, eine Nacht Schlaf, dann bist du wieder gesund und munter.«

Seine Stimme schwoll zu einem Bellen an. »Mein Gott, Martha! Lass mich in Ruhe, okay?«

»Psst!« Inzwischen war ich wütend. Ich trommelte auf ihn ein und zog und zerrte an ihm, um ihn auf die Füße zu stellen. »Reiß dich zusammen, Himmel noch mal!«

Ganz ehrlich, ich glaube wirklich nicht, dass er beabsichtigte, was als Nächstes geschah, auch wenn er mich ein gottverdammtes, selbstgefälliges Biest nannte, als er mich wegstieß. Ich griff nach dem Geländer und verfehlte es. Während ich stürzte, die Treppe hinunterfiel und auf der untersten Stufe aufschlug, dachte ich, dass er für jemanden, der so schamlos betrunken war, ziemlich viel Kraft hatte.

Ich lag noch immer zusammengesackt und benommen da, als ich zitternde Hände auf meinem Gesicht spürte. Kit klang erschrocken, kurzatmig vor Panik und fast nüchtern. »Martha? Sieh mich an. Komm schon, Martha, sieh mich an! Kannst du mich hören?«

Sein Gesicht war genau vor meinem, kreidebleich, die blutunterlaufenen Augen weit aufgerissen, während er in meinen Pupillen nach Anzeichen einer Gehirnerschütterung suchte. Ich war auf der Schulter gelandet, nicht auf dem Kopf, aber ich fühlte mich, als wäre ich von einem Lastwagen überrollt worden. Kit zog mich abrupt an seine Brust und schlang seine Arme um mich. Seine Stimme war schriller als sonst.

»Oh Gott, Martha, oh Gott, Martha, bitte sei gesund.«

»Verdammter Mist«, stöhnte ich, während ich spürte, wie ein Schwall warmes Blut aus meiner Nase sickerte. »Wie viel schlimmer kann es eigentlich noch werden?«

Dann brach meine Selbstbeherrschung zusammen, und ich begann vor lauter Elend zu schluchzen. Kit saß ausgestreckt auf der untersten Stufe, mit dem Rücken gegen die Wand gelehnt, wiegte meinen Kopf in den Händen und sagte: »Sorry, sorry, sorry.«

Dort, am Fuß unserer Treppe – am Tiefpunkt angelangt –, fingen wir schließlich an zu reden und einander zuzuhören. Wir redeten über unsere Ehe, unsere Vergangenheit und unsere Zukunft. Wir sahen den Tatsachen unserer Krise ins Auge: Hypothek, Schulgeld, eingefrorene Bankkonten. Wir machten uns Sorgen um Sacha und um die Jungen. Wir konnten überhaupt nicht mehr aufhören mit dem Reden, die Gesichter nah beieinander, und flüsterten uns bang durch die frühen Morgenstunden. Und dann fingen wir an, nach einem Ausweg zu suchen.

Als wir unsere Gliedmaßen entflochten und aufstanden, hatten sich unsere Zukunftspläne radikal verändert. Ich war fassungslos über die Entscheidungen, die wir getroffen hatten, und doch im Stillen begeistert. Kit brachte mir eine Tasse Tee und wischte mir mit einem warmen Waschlappen sanft das Blut aus dem Gesicht.

»Mein Gott, ich bin ein Idiot«, murmelte er.

Ich legte ihm einen Finger auf die Lippen. »Genug«, sagte ich. »Genug Reue. Ich brauche dich stark und gesund, Kit.«

Die hochsommerliche Morgendämmerung war ein silbriges Schimmern am Fenster. Ein neuer Tag.