Inhalt

  1. Cover
  2. Über den Autor
  3. Titel
  4. Impressum
  5. Widmung
  6. Karten
  7. VORWORT
  8. TEIL I
  9. PROLOG
  10. KAPITEL 1
  11. KAPITEL 2
  12. KAPITEL 3
  13. KAPITEL 4
  14. KAPITEL 5
  15. KAPITEL 6
  16. KAPITEL 7
  17. KAPITEL 8
  18. KAPITEL 9
  1. TEIL II
  2. KAPITEL 10
  3. KAPITEL 11
  4. KAPITEL 12
  5. KAPITEL 13
  6. KAPITEL 14
  7. KAPITEL 15
  8. KAPITEL 16
  1. TEIL III
  2. KAPITEL 17
  3. KAPITEL 18
  4. KAPITEL 19
  5. KAPITEL 20
  6. KAPITEL 21
  7. KAPITEL 22
  8. KAPITEL 23
  9. KAPITEL 24
  10. KAPITEL 25
  11. KAPITEL 26
  12. KAPITEL 27
  13. KAPITEL 28
  14. EPILOG
  1. HISTORISCHE ANMERKUNG

Über den Autor

Bernard Cornwell wurde 1944 in London geboren. Er arbeitete lange für die BBC, unter anderem in Nordirland, wo er seine Frau kennenlernte. Heute lebt er die meiste Zeit in den USA. Er ist Autor zahlreicher international erfolgreicher historischer Romane und Thriller. Die Sharpe-Serie, die er in den 80er Jahren zu schreiben begann, hat Kultstatus erreicht und wurde von der BBC mit Sean Bean in der Hauptrolle verfilmt.

Bernard Cornwell

SHARPES
DEGEN

Richard Sharpe und der
Salamanca-Feldzug Juni und Juli 1812

Aus dem Englischen von
Joachim Honnef

BASTEI ENTERTAINMENT

Für Peggy Blackburn
in Liebe

Abbildung
Abbildung

VORWORT

Sharpe trägt einen schweren Kavalleriesäbel, einen sogenannten Pallasch. Das war keine gute Waffe. Der Pallasch galt als schwer und schlecht ausbalanciert, doch Sharpe mag ihn, denn es ist eine brutale Klinge, die leichtere Hiebwaffen einfach beiseitefegt. Auch mit einer besseren Fechttechnik hat man dagegen keine Chance. Tausende dieser Säbel wurden an Kavalleristen ausgegeben, doch bis heute haben nicht viele überlebt. Die Waffen der Offiziere findet man auch heute noch, denn sie waren schön gearbeitet, doch die Waffen der einfachen Soldaten, grob und in Massen produziert, schätzte man nicht so sehr. Nach dem Krieg wurden sie häufig gekürzt und zu Sicheln oder Schürhaken umgearbeitet. Aber eine dieser Waffen hängt über meinem Kamin. Es ist mir die Liebste meiner Sharpe-Devotionalien.

Darunter hängt zufälligerweise die eingerahmte Unterschrift von Edmund Burke, dem großen Iren, der über Marie Antoinettes Tod schrieb: »Ich dachte, zehntausend Schwerter müssten aus ihren Scheiden fahren, um auch nur einen beleidigenden Blick zu rächen. Doch das Zeitalter der Ritterlichkeit ist vorbei. Die Sophisten, Ökonomen und Erbsenzähler haben gewonnen. Die Herrlichkeit Europas ist nicht mehr.«

Ich habe Sharpe zwar nie als ritterlich betrachtet, aber er ist mit Sicherheit auch kein Sophist. Ging es um die Ehre einer Frau, war er stets bereit, den Säbel zu ziehen. Heutzutage geben meine Leser mir viele Ratschläge, und ich nehme sie mir zu Herzen, doch was Sharpes Frauen betrifft, gibt es zwei Schulen, und die sind leider unversöhnlich. Zum einen wären da jene, die mir sagen, dass Sharpe keine Frauen in seinem Leben braucht. Er braucht nur Franzosen, die er besiegen kann. Andere wiederum fordern genauso vehement mehr »zerrissene Mieder«. Ich nehme an, wenn ich zu einer Seite neige, dann zu den »zerrissenen Miedern«, denn ohne Frauen wäre Sharpes Leben wirklich die Hölle, und ich versuche stets, ihn so gut zu belohnen, wie ich kann. Und nur wenige Belohnungen waren so appetitlich wie die Marquesa de Casares el Grande y Melida Sadaba, eine Dame, deren Reize genauso üppig sind wie ihr Titel. Dies hier ist der Roman, in dem Sharpe ihre Ladyschaft kennenlernt und als Folge davon eine Menge Ärger bekommt.

Das Buch illustriert auch eines der Probleme, denen ich mich immer gegenübersehe, wenn ich Sharpe bei historischen Ereignissen agieren lasse. Mit atemberaubender Sorglosigkeit haben die Generäle auf der Iberischen Halbinsel bei ihren Feldzügen nicht die Möglichkeit späterer Romane darüber in Betracht gezogen. Viel zu häufig haben sie große Lücken zwischen den dramatischen Ereignissen hinterlassen. So kommt es auch, dass zwischen der Einnahme der Festungen von Salamanca und der eigentlichen Schlacht von Salamanca gut ein Monat verstrich, in dem zwar so einiges passierte, doch nichts davon war interessant für mich. Die beiden Armeen marschierten und versuchten, einander auszumanövrieren. Das ist zwar faszinierend, aber hätte Sharpe seine Pflicht getan und wäre bei seinem Regiment geblieben, hätte er nur seine Stiefel durchgelaufen, mehr nicht. Das war also der perfekte Zeitpunkt, um ein Mieder zu zerreißen.

Doch natürlich führt die Pflicht Sharpe wieder zu seinen Männern zurück und auf das Schlachtfeld südlich der Stadt, wo die Franzosen in nur vierzig Minuten vierzehntausend Mann verloren. Die Schlacht von Salamanca gilt als Wellingtons Meisterstück, und tatsächlich ist sie ein wunderbares Beispiel für sein taktisches Können, zumal die Franzosen sich fast noch erholt und den Tag gerettet hätten. Und Salamanca war auch der Ort, an dem der schwere Kavalleriesäbel, der plumpe, grobe Pallasch, seinen größten Sieg gefeiert hat. Jahre nach der Fertigstellung von Sharpes Degen schrieb ich eine Trilogie über König Artus, der aller Wahrscheinlichkeit nach die Briten in der Schlacht von Badon Hill befehligt hat, bei der die sächsischen Eindringlinge vernichtend geschlagen worden sind. Wir wissen nichts von Badon Hill, noch nicht einmal den genauen Ort. Um den Kampf also glaubwürdig zu gestalten, nahm ich Wellingtons Taktiken bei Salamanca und übertrug sie in ein britisches Tal. Das passte hervorragend. Also habe ich Wellingtons Meisterstück gleich zweimal beschrieben. Dies hier ist jedoch die nicht recycelte Version.

TEIL I

SONNTAG, 14. JUNI,
BIS
DIENSTAG, 23. JUNI 1812

PROLOG

Der Reiter war ein Mörder.

Er war groß, kraftstrotzend und unbarmherzig. Einige fanden, dass er zu jung für einen Colonel in Napoleons Kaiserlicher Garde war, aber niemand unterschätzte ihn deswegen. Ein Blick aus seinen sonderbar blassgrauen Augen mit den hellen Wimpern, Augen, die seinem markanten Gesicht etwas Eisiges, Tödliches verliehen, reichte aus, um Colonel Leroux zu respektieren.

Leroux war der Mann des Kaisers. Er wurde von Napoleon ausgesandt und erfüllte die Aufträge seines Herrn erfolgreich und gnadenlos.

Jetzt war er in Spanien, wohin ihn der Kaiser persönlich geschickt hatte, und Colonel Leroux hatte soeben einen Fehler begangen. Er wusste es, er verwünschte sich deswegen, aber er war entschlossen, sich aus der selbst verschuldeten Zwangslage wieder zu befreien.

Er saß in der Falle.

Leroux war mit einer Kavallerie-Eskorte in ein elendes Dorf am Rand der großen Ebene von Leon geritten und hatte dort den gesuchten Mann, einen Priester, gefunden. Er hatte den Geistlichen gefoltert, ihm bei lebendigem Leib die Haut Zoll um Zoll abgezogen, und am Ende hatte der Priester natürlich geredet. Alle erzählten Colonel Leroux letzten Endes, was er wissen wollte.

Doch diesmal hatte er sich zu viel Zeit genommen. Im Augenblick seines Sieges, als der Priester die Schmerzen nicht mehr ertragen konnte und den Namen hinausschrie, den Leroux wissen wollte, sprengte die deutsche Kavallerie in das Dorf. Männer der Deutschen Legion des Königs, die in diesem Krieg für Britannien kämpften, machten die französischen Dragoner mit ihren Säbeln nieder, und der Hufschlag trommelte den Takt zu den Todesschreien. Colonel Leroux blieb nur die Flucht.

Zusammen mit einem Capitaine der Kavallerie-Eskorte ritt er verzweifelt nach Norden, kämpfte sich den Weg durch eine Gruppe Deutscher frei, und nun, eine Stunde später, hielt er mit dem Capitaine am Rande eines Wäldchens, durch das ein reißender Bach floss, der in den Rio Tormes mündete.

Der Dragoner-Capitaine spähte zurück. »Wir haben sie abgehängt.«

»Das haben wir nicht«, widersprach Leroux. Sein Pferd war mit weißen Schaumflocken bedeckt, die Flanken des Tiers zitterten, und der Colonel spürte die schreckliche Hitze der Sonne durch seine prächtige Uniform hindurch; durch den roten, mit goldenen Schleifen verzierten Uniformrock und die grüne Hose, die mit Leder verstärkt und an den Beinen mit silbernen Knöpfen verziert war. Seine schwarze Feldmütze aus Pelz, dick genug, um einen Säbelhieb an den Kopf abzufangen, hing an seinem Sattelhorn. Sein schweißnasses blondes Haar klebte am Kopf und bewegte sich nicht in der leichten Brise. Plötzlich lächelte er seinen Gefährten an. »Wie heißen Sie?«

Der Capitaine war erleichtert, als er das Lächeln sah. Er fürchtete sich vor Leroux, und diese plötzliche, unerwartete Freundlichkeit war ein willkommener Wechsel. »Mein Name ist Delmas, Colonel. Paul Delmas.«

Leroux lächelte voller Charme. »Nun, Paul Delmas, wir haben bis jetzt Großes geleistet! Sehen wir zu, dass wir sie endgültig abschütteln können, ja?«

Delmas war geschmeichelt bei diesen vertraulichen Worten, und er erwiderte das Lächeln. »Jawohl, Colonel.« Er schaute wieder zurück, und abermals konnte er keine Verfolger auf der Ebene entdecken, die in der Hitze lag. Nichts bewegte sich außer dem Gras, das im Wind wogte, und einem einsamen Falken am wolkenlosen Himmel.

Colonel Leroux ließ sich von der Leere nicht täuschen. Er hatte dieses verlassene Terrain auf dem Herritt entdeckt, und er wusste, dass die Deutschen, die ihr Handwerk verstanden, draußen in der Ebene waren und den Kordon enger zogen, um die Flüchtenden in Richtung Fluss zu treiben. Er wusste ebenfalls, dass die Briten ostwärts marschierten und einige ihrer Männer dem Fluss folgen würden, und er rechnete damit, dass er und sein Gefährte in einen Hinterhalt getrieben wurden. Nun denn. Er saß in der Falle, stand gegen eine Übermacht, aber er war noch nicht geschlagen.

Er konnte gar nicht geschlagen werden. Das war noch nie geschehen, und nun musste er mehr denn je in die Sicherheit der französischen Armee gelangen. Er war dem Erfolg so nahe gekommen, und wenn er die Mission zu Ende brachte, dann würde er den Briten einen Schlag versetzen, wie sie ihn selten in diesem Krieg erlitten hatten. Bei diesem Gedanken stieg Freude in ihm auf. Bei Gott, er würde ihnen gewaltigen Schaden zufügen!

Er war nach Spanien entsandt worden, um die Identität von El Mirador herauszufinden, und an diesem Nachmittag hatte er Erfolg gehabt. Jetzt brauchte El Mirador nur noch in irgendeine Folterkammer gesteckt zu werden. Dann würde man aus dem britischen Spion die Namen aller Kontaktleute in Spanien, Italien und Frankreich herauspressen, die ihre Botschaften an El Mirador schickten. El Mirador sammelte Informationen in Napoleons gesamtem Kaiserreich, und obwohl die Franzosen seit Langem den Kodenamen kannten, war es ihnen nie gelungen, seine Identität herauszufinden.

Leroux hatte das geschafft, und deshalb musste er dieser Falle entkommen, nach Frankreich gelangen, und dort würde er das Netz der britischen Spione zerstören, die alle für El Mirador arbeiteten. Aber zuerst musste er entkommen.

Er trieb sein Pferd in das kühlere Grün des Waldes. »Kommen Sie, Delmas! Wir sind noch nicht fertig!«

Er fand, was er suchte, nur ein paar Meter waldeinwärts. Eine gefällte Buche, deren Stamm verfault war, lag vor einem Gewirr von dornigem Gestrüpp und Laub vom letzten Herbst, das der Wind herangetrieben hatte. Leroux zügelte das Pferd und saß ab.

»An die Arbeit, Delmas!« Es klang optimistisch und heiter.

Delmas hatte keine Ahnung, was Leroux vorhatte. Er getraute sich nicht, zu fragen, und folgte Leroux’ Beispiel und zog den Uniformrock aus. Dann half er dem Colonel, eine freie Fläche hinter dem Baumstamm zu schaffen. Ein Versteck. Delmas fragte sich, wie lange sie in dem dornigen Versteck ausharren mussten, bis die Deutschen die Verfolgungsjagd aufgaben. Er lächelte Leroux zaghaft an. »Wo verstecken wir die Pferde?«

»Abwarten«, überging Leroux die Frage.

Der Colonel schien das Versteck abzumessen. Er zog seinen Säbel und stocherte im Dornengestrüpp herum. Delmas schaute den Säbel an. Es war ein Exemplar hervorragender Handwerkskunst, ein schwerer Kavalleriesäbel mit gerader Klinge, hergestellt in Klingenthal wie die meisten Säbel der französischen Kavallerie, aber dieses Stück war für Leroux vom besten Handwerker von Klingenthal angefertigt worden. Der Säbel war länger als die meisten, auch schwerer, denn Leroux war ein großer, starker Mann. Die Klinge glänzte stählern im gedämpften grünlichen Licht des Waldes, und Griff und Stichblatt waren aus demselben Stahl. Der Griff war mit Silberdraht umwickelt, die einzige Verzierung, doch trotz der Schlichtheit war es eine schöne, ausgezeichnet ausbalancierte Waffe.

Leroux richtete sich auf und wirkte zufrieden. »Jemand hinter uns, Delmas?«

Der Dragoner-Capitaine wandte sich um. Nichts störte den Frieden der Buchen und Eichen. »Nein, Colonel!«

»Halten Sie weiterhin Ausschau. Die Verfolger sind nicht weit hinter uns.«

Leroux schätzte, dass er zehn Minuten Zeit hatte, was mehr als genug war. Er lächelte, schätzte die Distanz zu Delmas, der ihm den Rücken zuwandte, und machte einen Ausfall.

Dieser Mord sollte schnell, schmerzlos und mit einem Minimum an Blutvergießen geschehen. Leroux wollte nicht, dass Delmas aufschrie und irgendjemanden aufmerksam machte, der vielleicht tiefer im Wald war. Die Klinge, so scharf wie am ersten Tag, durchbohrte Delmas’ Nacken. Leroux hatte mit gewaltiger Kraft zugestoßen. Delmas stieß ein leises Seufzen aus, brach zusammen und stürzte vornüber.

Stille.

Leroux rechnete mit seiner Gefangennahme, und er wusste nur zu gut, dass die Briten Colonel Leroux nicht gegen einen britischen Colonel austauschen würden, der von den Franzosen gefangen genommen worden war. Leroux wurde gesucht, und dafür hatte er selbst gesorgt. Er machte sich die Furcht der Leute zunutze, verbreitete Schrecken in seinem Namen, und all seine Opfer zeichnete er nach ihrem Tod mit seinem Namen. Er ließ ein Stück Haut unberührt, und darauf ritzte er zwei Worte ein: Leroux fecit. Wie ein Bildhauer sich eines feinen Werkes rühmt, hinterließ er sein Zeichen: »Das tat Leroux.« Wenn Leroux in Gefangenschaft geriet, konnte er keine Gnade erwarten. Die Briten würden sich jedoch einen Dreck um einen Capitaine Paul Delmas scheren.

Er tauschte, schnell und geschickt wie immer, die Uniform mit der des Toten, und dann schob er seine Uniform und Delmas’ Leiche in das Versteck. Er bedeckte sie rasch mit Blättern und Dornengestrüpp und überließ die Leiche den Aasfressern.

Dann trieb er Delmas’ Pferd tiefer in den Wald hinein, setzte Delmas’ hohen Messinghelm auf, schwang sich auf sein eigenes Pferd und ritt nordwärts zum Fluss hin, wo er mit seiner Gefangennahme rechnete. Er pfiff dabei vor sich hin und versuchte nicht, seine Anwesenheit zu verbergen. An seiner Seite hing der perfekte Säbel, und in seinem Kopf war das Geheimnis, das den Briten einen entscheidenden Schlag versetzen würde. Niemand konnte Leroux besiegen.

Zwanzig Minuten später wurde Colonel Leroux gefangen genommen. Britische Grünröcke, Riflemen, tauchten plötzlich aus der Deckung im Wald auf und umzingelten ihn. Einen Augenblick lang glaubte Leroux, einen schrecklichen Fehler begangen zu haben. Die Briten wurden, wie er wusste, von Offizieren und Gentlemen befehligt, die Ehre ernst nahmen, aber der Offizier, der ihn gefangen nahm, wirkte so hart und unbarmherzig wie er selbst. Der Offizier war groß, sonnengebräunt, und schwarzes Haar hing zerzaust um das narbige Gesicht. Er ignorierte Leroux’ Versuch, freundlich zu sein, und befahl, den Franzosen zu durchsuchen.

Leroux erlebte einen bangen Moment, als ein riesiger Sergeant, sogar noch größer als der Offizier, das zusammengefaltete Papier zwischen Sattel und Satteldecke fand. Leroux gab vor, kein Englisch zu sprechen, doch ein Schütze wurde herbeibefohlen, der schlecht Französisch sprach, und der Offizier stellte Fragen bezüglich des Papiers. Es war eine Liste von Namen, alle spanisch, und neben jedem Namen stand eine Geldsumme.

»Pferdehändler«, sagte Leroux und zuckte mit den Schultern. »Wir kaufen Pferde. Wir sind von der Kavallerie.«

Der große Offizier hörte die Übersetzung und schaute auf das Papier. Es konnte stimmen. Er zuckte mit den Schultern und steckte das Papier ein. Dann nahm er Leroux’ Säbel von dem hünenhaften Sergeant entgegen, und Leroux sah die plötzliche Begierde im Blick des Offiziers. Es war sonderbar für einen Infanteristen, aber der Offizier der Schützen trug ebenfalls einen schweren Kavalleriesäbel, der jedoch billig und primitiv war, nicht teuer und schön wie der von Leroux. Der britische Offizier hielt den Säbel und spürte, wie perfekt ausbalanciert er war. Er begehrte diesen Säbel.

»Fragen Sie nach seinem Namen«, sagte er zu dem Sergeant.

Die Frage wurde gestellt und beantwortet. »Paul Delmas, Sir. Capitaine beim 5. Dragoner-Regiment.«

Leroux sah, dass ihn die dunklen Augen des britischen Offiziers prüfend musterten. Die Narbe gab dem Gesicht des Schützen einen spöttischen Ausdruck. Leroux erkannte die Fähigkeit und Härte des Mannes, und er spürte auch, dass der britische Offizier versucht war, ihn auf der Stelle zu töten und den Säbel an sich zu nehmen. Leroux schaute sich auf der Lichtung um. Die anderen Schützen wirkten ebenso gnadenlos und hart. Leroux sprach wieder.

»Er will sein Ehrenwort geben«, übersetzte der Sergeant.

Der Offizier der Schützen schwieg einen Augenblick lang. Mit dem schweren Säbel in der Hand ging er langsam um den Gefangenen herum, und als er schließlich das Schweigen brach, sprach er langsam und deutlich. »Was macht Capitaine Delmas allein hier? Französische Offiziere reiten nicht allein, sie haben zu viel Angst vor den Partisanen.«

Er blieb wieder vor Leroux stehen, und der Franzose schaute den narbigen Offizier an. »Und Sie sind zu verdammt großspurig, Delmas. Sie sollten mehr Angst haben. Sie sind mir nicht ganz geheuer.« Er schritt weiter und blieb hinter Leroux stehen. »Ich denke, ich werde Sie töten.«

Leroux reagierte nicht. Er blinzelte nicht und regte sich nicht, sondern wartete einfach, bis der britische Offizier wieder vor ihm stand.

Der große Offizier der Riflemen starrte in die blassen Augen des Gefangenen, als könne er dort einen Hinweis auf das rätselhafte plötzliche Auftauchen des französischen Offiziers finden.

»Nehmen Sie ihn mit«, sagte er zu dem Sergeant. »Aber passen Sie auf den Bastard auf.«

»Jawohl, Sir.« Sergeant Patrick Harper schob den Franzosen zu dem Pferd und folgte Captain Richard Sharpe aus dem Wald.

Leroux entspannte sich. Der Moment der Gefangennahme war immer die größte Gefahr, aber der große Offizier der Schützen brachte ihn in Sicherheit, und mit ihm das Geheimnis, das Napoleon wünschte: El Mirador.

KAPITEL 1

»Gottverdammt, Sharpe! Beeilung, Mann!«

»Jawohl, Sir.« Sharpe ließ sich dennoch Zeit. Mit peinlicher Genauigkeit las er das Papier, und er wusste, dass sich Lieutenant-Colonel Windham über seine Langsamkeit ärgerte. Der Lieutenant-Colonel schlug ungeduldig mit der Reitgerte an seinen Stiefel.

»Wir haben nicht den ganzen Tag Zeit, Sharpe! Es gilt, einen Krieg zu gewinnen.«

»Jawohl, Sir«, wiederholte Sharpe in geduldigem Tonfall. Er beeilte sich nicht. Dies war seine kleine Rache, weil Windham Capitaine Delmas’ Ehrenwort akzeptierte. Sharpe hielt das Blatt Papier so, dass der Feuerschein auf den in schwarzer Tinte geschriebenen Text fiel.

»Ich, der Unterzeichner, Paul Delmas, Capitaine des Fünften Dragoner-Regiments, am 14. Juni 1812 von englischen Streitkräften gefangen genommen, gebe hiermit mein Ehrenwort, nicht zu flüchten oder mich ohne Erlaubnis aus der Gefangenschaft zu entfernen und keinerlei Wissen an die französischen Streitkräfte oder ihre Verbündeten weiterzugeben, bis ich, Rang gegen Rang, ausgetauscht oder anders von diesem Gelöbnis befreit werde. Unterzeichnet, Paul Delmas. Bezeugt von Joseph Forrest, Major im South Essex Regiment Seiner britischen Majestät.«

Lieutenant-Colonel Windham klatschte wieder mit seiner Reitgerte gegen den Stiefel, und das Geräusch klang laut durch die Kälte der Morgendämmerung. »Verdammt, Sharpe!«

»Scheint in Ordnung zu sein, Sir.«

»In Ordnung! Hölle und Verdammnis, Sharpe! Für wen halten Sie sich! Allmächtiger! Ich sage, dass es in Ordnung ist. Ich! Ihr befehlshabender Offizier!«

Sharpe grinste. »Jawohl, Sir.« Er überreichte das schriftliche Ehrenwort Windham, der es mit übertriebener Höflichkeit entgegennahm.

»Vielen Dank, Mister Sharpe«, sagte Lieutenant-Colonel Windham. »Haben wir Ihre gütige Erlaubnis, weiterzuziehen?«

»Nur zu, Sir.« Sharpe grinste von Neuem. In dem halben Jahr, in dem der Lieutenant-Colonel das South Essex Regiment befehligte, hatte er Windham schätzen gelernt, und das beruhte auf Gegenseitigkeit. Windham mochte seinen eigenwilligen und hervorragenden Captain der Leichten Kompanie ebenfalls. Jetzt war Windham jedoch immer noch gereizt und voller Ungeduld.

»Seinen Säbel, Sharpe! Um Himmels willen, Mann! Beeilung!«

»Jawohl, Sir.« Sharpe wandte sich zu einem der Häuser des Dorfes, in dem das South Essex Regiment biwakiert hatte. Der Morgen dämmerte grau. »Sergeant!«

»Sir!«

»Der Säbel des verdammten Franzmanns!«

»Sharpe!« Windhams Tadel klang resigniert.

Patrick Harper wandte sich um und bellte zu einem der Häuser hin. »Mister McDonald, Sir! Den Säbel des französischen Herrn, Sir, und zwar zackzack, Sir!«

McDonald, Sharpes neuer Ensign, der gerade erst sechzehn war und alles daransetzte, seinem berühmten Captain zu gefallen, eilte mit dem schönen Säbel, der in einer Scheide steckte, aus dem Haus. Er stolperte in seiner Hast, wurde von Harper vor dem Sturz bewahrt und ging dann zu Sharpe und überreichte ihm den Säbel.

Gott, wie er sich diesen Säbel wünschte! Er hatte den Säbel in der Nacht in der Hand gewogen, bewundert, wie perfekt ausbalanciert er war, und die Macht des glänzenden Stahls gespürt. Das Verlangen, diesen Säbel zu besitzen, war fast übermächtig geworden. Dies war ein Stück von tödlicher Schönheit, angefertigt von einem Meister und eines großen Kämpfers würdig.

»Monsieur?« Delmas’ Stimme klang milde und höflich.

Jenseits von Delmas konnte Sharpe Lossow sehen, den Hauptmann der deutschen Kavallerie und Sharpes Freund, der Delmas in die vorbereitete Falle getrieben hatte. Lossow hatte den Säbel ebenfalls in der Hand gehabt und bewundert. Jetzt beobachtete er, wie Sharpe dem Franzosen die Waffe überreichte, ein Symbol dafür, dass er sein Ehrenwort gegeben hatte und man ihm seine persönliche Waffe anvertraute.

Windham seufzte theatralisch auf. »Können wir jetzt vielleicht aufbrechen?«

Die Leichte Kompanie marschierte als Erste hinter Lossows Kavallerie hinaus auf die Ebene, bevor ihnen die Hitze des Tages den Schweiß aus den Poren trieb und warmer, sandiger Staub ihnen das Atmen erschwerte. Sharpe ging zu Fuß, im Gegensatz zu den meisten Offizieren, weil er immer Fußsoldat gewesen war. Er war als Schütze in die Armee eingetreten, hatte den roten Uniformrock der Frontregimenter getragen und war mit einer schweren Muskete auf der Schulter marschiert. Später, viel später, hatte er den nahezu unmöglichen Sprung vom Sergeant zum Offizier geschafft und sich den Eliteschützen mit ihren grünen Uniformröcken angeschlossen, aber er war immer noch zu Fuß marschiert. Er war Infanterist, und er marschierte wie seine Männer und trug ein Gewehr wie sie ihr Gewehr oder die Muskete. Das South Essex Bataillon trug rote Uniformröcke, aber Sharpe, Harper und der Kern der Leichten Kompanie waren Schützen, zufällig dem Bataillon angegliedert, und sie behielten stolz ihre dunkelgrünen Uniformröcke.

Fahles Licht überflutete die Ebene, und ein blassroter Streifen im Osten kündigte den Sonnenaufgang und die Hitze des Tages an. Sharpe sah die dunklen Umrisse der Kavalleristen vor dem Grau der Morgendämmerung. Die Briten marschierten ostwärts in das von den Franzosen gehaltene Spanien ein. Ihr Ziel war die große Stadt Salamanca. Der größte Teil der Armee war weit im Süden, marschierte auf einem Dutzend Straßen, während das South Essex mit Lossows Männern und einer Hand voll Pionieren nach Norden geschickt worden war, um eine kleine französische Festung an einer Furt über den Rio Tormes zu zerstören. Die Mission war erfüllt worden, der Feind hatte die Festung aufgegeben, und jetzt sollte sich das South Essex wieder Wellingtons Truppen anschließen. Es würde zwei Tage dauern, bis sie wieder beim Heer sein würden, und Sharpe wusste, dass es Tage in erbarmungsloser Hitze durch die ausgedörrte, staubige Ebene sein würden.

Hauptmann Lossow ließ sich von seiner Kavallerie zurückfallen und ritt an Sharpes Seite. Er nickte auf den Schützen hinab. »Ich traue deinem Franzmann nicht, Richard.«

»Ich auch nicht.«

Lossow ärgerte sich nicht über Sharpes schroffen Tonfall. Er war an Sharpes morgendliche Mürrischkeit gewöhnt. »Ich finde es merkwürdig, dass ein Dragoner einen solchen geraden Säbel hat. Er sollte einen krummen Säbel wie die anderen haben, oder?«

»Stimmt.« Sharpe bemühte sich, geselliger zu sein. »Wir hätten den Bastard im Wald töten sollen.«

»Richtig. Das Einzige, was man mit den Froschfressern tun sollte – sie töten.« Lossow lachte. Wie die meisten Deutschen in der britischen Armee stammte er aus einem Gebiet, das von Napoleons Truppen überrannt worden war. »Ich frage mich, was aus dem zweiten Mann geworden ist.«

»Du hast ihn aus den Augen verloren.«

Lossow grinste. »Nie und nimmer. Er muss sich verirrt haben. Ich hoffe, die Partisanen erwischen ihn.« Der Deutsche machte die Geste des Halsabschneidens, um anzudeuten, was die spanischen Guerillas mit ihren französischen Gefangenen machten. Dann lächelte er auf Sharpe hinab. »Du wolltest seinen Säbel haben, nicht wahr?«

Sharpe zuckte mit den Schultern und bekannte dann: »Ja.«

»Du wirst ihn bekommen, mein Freund! Du wirst ihn bekommen!« Lossow lachte und trabte zu seinen Männern zurück. Er glaubte wirklich, dass Sharpe den Säbel bekommen würde. Ob das Sharpe glücklicher machen würde, war eine andere Sache. Er kannte die Ruhelosigkeit, die Sharpe durch diesen Krieg trieb, eine Unrast, die ihn von Leistung zu Leistung anspornte. Einmal hatte Sharpe einen französischen Adler erbeuten wollen, was noch keinem Briten gelungen war, und er hatte es in Talavera geschafft. Später hatte er den Partisanen getrotzt, den Franzosen, sogar seiner eigenen Seite, indem er einen Goldschatz durch Spanien eskortiert hatte, und dabei hatte er Teresa kennengelernt. Er hatte ihre Liebe gewonnen und Teresa zwei Monate später geheiratet, nachdem er als Erster durch die von Toten übersäte Bresche bei Badajoz vorgestoßen war. Lossow nahm an, dass Sharpe oftmals bekam, was er haben wollte, aber die Erfolge schienen ihn nie zufriedenzustellen. Der Deutsche sagte sich, dass sein Freund ein Typ war, der auf der Suche nach einem Topf Gold zehn fand, sie jedoch allesamt verschmähte, weil die Töpfe die falsche Form hatten. Lossow lachte bei diesem Gedanken.

Sie marschierten zwei Tage lang, biwakierten früh und brachen vor dem Morgengrauen auf, und am Morgen des dritten Tages enthüllte das erste Tageslicht eine Wolke von feinem Staub am Horizont, die verriet, wo Wellingtons Hauptstreitmacht auf den Straßen marschierte, die gen Salamanca führten. Capitaine Paul Delmas, auffallend in seinen sonderbaren rostfarbenen Pantalons und mit dem hohen Messinghelm, trieb sein Pferd an Sharpe vorbei und spähte zu der Staubwolke hin, als hoffe er, darunter die Massen von Infanterie, Kavallerie und Artillerie zu sehen, die auf dem Marsch gegen die größeren Streitkräfte Frankreichs waren. Lieutenant-Colonel Windham folgte dem Franzosen, zügelte jedoch neben Sharpe das Pferd. »Ein verdammt guter Reiter, Sharpe!«

»Jawohl, Sir.«

Windham schob seinen Zweispitz zurück und kratzte sich am grau werdenden Haupt. »Er scheint ein anständiger Kerl zu sein, Sharpe.«

»Sie haben mit ihm geredet, Sir?«

»Guter Gott, nein! Ich spreche nicht Französisch. Snap! Komm her! Snap!« Windham rief einen seiner Fuchshunde, die seine ständigen Begleiter waren. Die meisten Tiere der Meute waren in Portugal im Sommerquartier zurückgelassen worden, doch ein halbes Dutzend schrecklich verzogener Hunde hatte der Lieutenant-Colonel mitgenommen. »Nein, Leroy parliert mit ihm.« Windham deutete damit darauf hin, dass der amerikanische Major bestimmt Französisch mit Delmas sprach, weil er selbst Ausländer war. Amerikaner waren nach Windhams Ansicht merkwürdige Leute. Jeder, der kein echtes englisches Blut hatte, war für Windham sonderbar. »Er jagt, wissen Sie.«

»Major Leroy, Sir?«

»Nein, Delmas. Allerdings jagt man verdammt komisch in Frankreich. Mit einer Meute von verdammten Pudeln. Ich nehme an, sie versuchen, es uns nachzumachen, aber sie können es einfach nicht richtig.«

»Vermutlich, Sir.«

Windham warf einen Blick zu Sharpe, um festzustellen, ob er ihn auf den Arm nehmen wollte, doch Sharpes Miene war ausdruckslos. Der Lieutenant-Colonel tippte höflich an seinen Zweispitz. »Weitermachen, Sharpe.« Er wandte sich an die Leichte Kompanie. »Gut gemacht, ihr Halunken. Harter Marsch, wie? Ist bald vorüber!«

Der Marsch war am Mittag vorüber, als das Bataillon die Hügel am Fluss, direkt gegenüber von Salamanca, erreichte. Ein Bote war von der Armee mit dem Befehl gekommen, dass das South Essex Bataillon an dieser Stelle blieb, während der Rest der Armee weiter ostwärts zu den Furten marschierte, durch die sie zum nördlichen Ufer gelangen würden. Die Franzosen hatten eine Garnison in der Stadt zurückgelassen, die einen Ausblick über die lange römische Brücke hatte, und das South Essex hatte die Aufgabe, dafür zu sorgen, dass niemand aus der Garnison über den Fluss zu entkommen versuchte. Es versprach ein leichter, erholsamer Nachmittag zu werden. Die Garnison hatte vor zu bleiben, die Wache auf der Brücke war nur eine Formsache.

Sharpe war vor vier Jahren mit Sir John Moores zum Scheitern verurteilter Armee in Salamanca gewesen. Er hatte die Stadt im Winter gesehen, in kaltem Schneeregen und einer ungewissen Zukunft, aber er hatte sie nie vergessen. Jetzt stand er auf der Hügelkuppe, etwa zweihundert Yards vom Südende der römischen Brücke entfernt, und schaute über den Fluss zur Stadt. Der Rest des Bataillons war hinter ihm, außer Sicht der Franzosen in der Festung, und nur die Leichte Kompanie und Windham waren bei ihm. Der Lieutenant-Colonel war mitgekommen, um sich die Stadt anzusehen.

Es war eine Ansammlung von honigfarbenen Steinhäusern, ein Durcheinander von Glockentürmen, Kirchen und Palästen, die alle von den beiden Kathedralen auf dem höchsten Hügel überragt wurden. Die Neue Kathedrale, drei Jahrhunderte alt und mit zwei Kuppeltürmen, stand riesig und friedlich im Sonnenschein. Diese Stadt war weder ein Handelsplatz wie London noch eine Granitfestung wie Badajoz, sondern eine Stätte des Lernens, des Gebets, der Anmut und Schönheit, eine Stadt, die wenig anderen Zwecken diente, als zu gefallen. Es war eine goldene Stadt oberhalb eines silbernen Flusses, und Sharpe freute sich, wieder hier zu sein.

Die Stadt war jedoch zerstört worden. Die Franzosen hatten die südwestliche Ecke von Salamanca dem Erdboden gleichgemacht und nur drei Gebäude stehen lassen. Diese drei Gebäude waren in Festungen verwandelt und mit Gräben und Mauern, Schießscharten und Sehschlitzen versehen worden, und die alten Häuser und Kirchen, Schulen und Mönchsklöster waren erbarmungslos abgerissen worden, damit die drei Festungen ein weites, freies Schussfeld hatten. Zwei der Festungen hatten freie Sicht auf die Brücke. Die dritte befand sich näher bei der Stadtmitte. Sharpe wusste, dass alle drei Festungen eingenommen werden mussten, bevor die Briten die Stadt verlassen und die französische Armee verfolgen würden, die sich nach Norden zurückgezogen hatte.

Er blickte von den Festungen hinab zum Fluss. Er floss träge unter der Brücke und zwischen grünen Bäumen. Sumpfvögel schwebten zwischen grünen Inseln. Sharpe schaute wieder zu der Pracht der goldfarbenen Kathedrale und ließ seinen Blick zum Stadteingang schweifen. Er wusste nicht, wann sie in die Stadt einmarschieren würden. Wenn erst das ferne Ende der Brücke von der Sechsten Division gesichert war, würde das South Essex Bataillon zwei Meilen ostwärts zur nächsten Furt und dann nordwärts marschieren, um sich mit dem Rest des Heeres zusammenzuschließen. Nur wenige Männer von Wellingtons Truppen würden Salamanca sehen, bis Marmonts Armee besiegt sein würde, aber es reichte Sharpe in diesem Augenblick, die friedliche Schönheit jenseits des Flusses zu bewundern und zu hoffen, dass er bald, sehr bald schon, noch einmal durch die Straßen von Salamanca schlendern konnte.

Lieutenant-Colonel Windhams Lippen verzogen sich zu der Andeutung eines Lächelns. »Seltsam!«

»Seltsam, Sir?«

Windham wies mit der Reitgerte zur Stadt und dann zum Fluss. »Die Kathedrale, Sharpe. Der Fluss. Genau wie Gloucester.«

»Ich dachte, Gloucester ist flach, Sir.«

Windham schnaubte bei der Bemerkung. »Fluss und Kathedrale. Wirklich fast gleich.«

»Es ist eine schöne Stadt, Sir.«

»Gloucester? Natürlich ist das eine schöne Stadt. Eine englische. Mit sauberen Straßen. Nicht wie diese verdammte Stadt.« Windham hatte vermutlich nie die Hauptstraße irgendeiner englischen Stadt verlassen, um die mit Abfall übersäten Gassen und Elendsquartiere zu erkunden. Der Lieutenant-Colonel war ein Mann vom Lande und hatte ein tief verwurzeltes Misstrauen gegen alles Fremde. Er war kein Narr, doch Sharpe argwöhnte, dass Lieutenant-Colonel Windham manchmal gern den Dummkopf spielte, um die schmerzlichste aller englischen Beleidigungen zu vermeiden: ein richtiger Schlaumeier zu sein. Windham drehte sich im Sattel um und schaute zurück zum ruhenden Bataillon. »Da kommt dieser Franzmann.«

Delmas salutierte vor Windham. Major Leroy war mitgekommen und dolmetschte. »Capitaine Delmas fragt, wann er weiter zum Hauptquartier geschickt werden kann, Sir.«

»Er hat’s verdammt eilig, was?« Windhams sonnengebräuntes, lederartiges Gesicht verfinsterte sich, doch dann zuckte er mit den Schultern. »Er will wohl ausgetauscht werden, bevor die verdammten Franzosen von uns bis nach Paris gejagt werden.«

Delmas neigte sich vom Pferd hinab und ließ einen von Windhams Hunden an seinem Finger lecken. Leroy sprach mit dem Franzosen, während Windham ungeduldig auf die Übersetzung wartete. Der Major wandte sich wieder an ihn. »Er wäre dankbar für einen frühen Austausch, Sir. Er sagt, seine Mutter sei krank, und er sei begierig darauf, Neuigkeiten über sie zu erfahren.«

»Kann man verstehen«, murmelte Sharpe mitfühlend, und der Lieutenant-Colonel fuhr ihn an, den Mund zu halten. Windham sah mit Wohlwollen, wie der Franzose mit seinen Hunden herumtändelte. »Interessiert mich nicht, Leroy. Ich weiß nicht, wer ihn zum Hauptquartier eskortieren sollte. Möchten Sie einen Spazierritt machen?«

Der Major schüttelte den Kopf. »Nein, Sir.«

Windham drehte sich wieder im Sattel um und spähte zum Bataillon hin. »Ich nehme an, wir können Butler fragen. Der ist meistens für so was zu haben.« Dann fiel sein Blick auf den Ensign McDonald, der viel näher war. »Kann Ihr junger Mann reiten, Sharpe?«

»Jawohl, Sir. Er hat jedoch kein Pferd.«

»Sie haben verdammt sonderbare Ideen, Sharpe.« Windham missbilligte Sharpes Ansicht, dass ein Infanterieoffizier zu Fuß gehen sollte wie seine Männer. Es war vernünftig, wenn einige Offiziere beritten waren. Sie konnten in der Schlacht weiter sehen und wurden von ihren Männern gesehen, aber eine Leichte Kompanie kämpfte zu Fuß in der Schützenlinie, und ein Mann zu Pferde war ein deutliches Ziel.

McDonald hatte den Wortwechsel zwischen Sharpe und Windham gehört. Er kam näher und blickte neugierig drein. Major Leroy schwang sich vom Pferd.

»Sie können mein Pferd nehmen, McDonald. Reiten Sie es schonend!« Leroy öffnete seinen Pulverbeutel und nahm ein zusammengefaltetes Blatt Papier heraus. »Hier ist Capitaine Delmas’ Parole d’honneur. Die übergeben Sie im Hauptquartier dem Offizier vom Dienst, verstanden?«

»Jawohl, Sir.« McDonald war sichtlich aufgeregt.

Leroy half dem Ensign beim Aufsitzen. »Sie wissen, wo das Hauptquartier ist?«

»Nein, Sir.«

»Das weiß keiner«, grollte Windham. Er wies nach Süden. »Reiten Sie in diese Richtung, bis Sie das Heer finden, und dann nach Osten, bis Sie das Hauptquartier finden. Ich will, dass Sie bis zum Einbruch der Dunkelheit zurück sind, und wenn Wellington Sie zum Abendessen einlädt, sagen Sie ihm, Sie wären bereits anderweitig verpflichtet.«

»Jawohl, Sir.« McDonald grinste erfreut. »Glauben Sie, er könnte mich einladen, Sir?«

»Hauen Sie schon ab!« Windham erwiderte Delmas’ Gruß. Der Franzose wandte sich noch einmal um und schaute nach Salamanca. Er spähte angestrengt hin, als wolle er sehen, ob irgendwelche britischen Truppen schon von den Furten zurückgekehrt waren und in die Stadt einmarschierten. Dann heftete er den Blick auf Sharpe und lächelte. »Auf Wiedersehen, Monsieur.«

Sharpe erwiderte das Lächeln. »Ich hoffe, die Syphilis Ihrer Mutter bessert sich.«

Windham wurde zornig. »Das war verdammt unnötig, Sharpe! Der Mann hat sich nett und ordentlich verhalten! Natürlich ist er ein Franzose, aber ein angenehmer.«

Delmas trabte gehorsam hinter dem sechzehnjährigen Ensign her, und Sharpe schaute ihnen eine Weile nach, bevor er wieder zur prächtigen Stadt jenseits des Flusses blickte. Salamanca. Es würde der erste unblutige Sieg von Wellingtons Sommerfeldzug sein. Doch dann wurde Sharpe klar, dass es nicht ganz ohne Blutvergießen abgehen würde. Die behelfsmäßigen Festungen, die in der Stadt zurückgelassen worden waren, mussten erobert werden, damit Wellington seinen Proviant und seine Verstärkungstruppen über die lange römische Brücke führen konnte. Die goldene Stadt musste erkämpft werden, damit die alte Brücke einer neuen Armee in einem neuen Krieg dienen konnte.

Sharpe wunderte sich darüber, dass eine so alte Brücke immer noch stand. Die Brustwehren der Straße waren mit Zinnen versehen wie Burgwände, und fast in der Mitte der Brücke gab es eine kleine Festung, die sich über die Straße wölbte. Die Franzosen hatten die kleine Festung nicht mit einer Garnison belegt.

Lieutenant-Colonel Windham schaute ebenfalls zur Brücke und schüttelte den Kopf. »Verdammt schrecklich, nicht wahr, Sharpe?«

»Schrecklich, Sir?«

»Mehr verdammte Bogen als Knochen in einem Kaninchen! Eine englische Brücke hätte nur zwei Bogen! Keine solche Verschwendung von guten Steinen. Aber ich nehme an, die Spanier hielten sich für äußerst clever, sie überhaupt zustandezubringen, nicht wahr?«

Leroy, dessen Gesicht immer noch schreckliche Narben von Badajoz aufwies, antwortete in seiner lakonischen Art: »Die Römer haben sie gebaut, Sir.«

»Die Römer!« Windham grinste glücklich. »Jede verdammte Brücke in diesem Land wurde von den Römern erbaut. Wenn sie nicht hier gewesen wären, hätten die Spanier vermutlich niemals einen Fluss überquert!« Er lachte bei der Vorstellung. »Das ist gut! Das muss ich nach Hause an Jessica schreiben.« Er ließ die Zügel auf den Pferdehals fallen. »Das hier ist reine Zeitverschwendung. Kein verdammter Franzmann wird versuchen, über die Brücke zu gelangen. Doch ich nehme an, die Jungs können eine Rast gebrauchen.« Er gähnte und schaute dann Sharpe an. »Ihre Kompanie kann ein Auge auf die Dinge halten, Sharpe.«

Sharpe gab keine Antwort. Der Lieutenant-Colonel furchte die Stirn. »Sharpe?« Aber Sharpe wandte sich von Windham ab und nahm sein Gewehr von der Schulter. »Leichte Kompanie!«

Bei Gott! War sein Gefühl nicht immer richtig? Während Sharpe an Windhams Pferd vorbeilief, sah er zu seiner Rechten unten im kleinen Tal, das sich bis zum Südende der Brücke erstreckte, niemand anderen als Delmas.

Sharpe hatte die Bewegung aus dem Augenwinkel heraus wahrgenommen, und als er den Reiter erkannt hatte, war ihm sofort klar gewesen, dass nur ein Gewehrschuss den Franzosen noch stoppen konnte. Nur ein Gewehr hatte die Reichweite, um den Flüchtenden zu töten, dem Sharpe von Anfang an misstraut hatte. Zum Teufel mit dem Ehrenwort!

»O Gott!« Windham sah jetzt Delmas ebenfalls. »Sein Ehrenwort! Gott verdamme ihn!«

Gott mochte Delmas verdammen, aber nur ein Schütze konnte verhindern, dass der Franzose die Brücke und die Sicherheit der französischen Festungen auf der anderen Seite erreichte. Delmas, tief geduckt über den Pferdehals, war knapp hundert Yards von den Schützen und ebenso weit von der Brücke entfernt. Sharpe zielte auf das große Pferd, visierte das galoppierende Tier an, spannte den Finger am Abzug, und dann wurde ihm die Sicht von Lieutenant-Colonel Windhams Pferd blockiert.

Windham hatte seinen Säbel gezogen und preschte hinter dem Franzosen her, gefolgt von den kläffenden Hunden.

Sharpe riss sein Gewehr hoch und fluchte, als Windham ihm in die Schussbahn ritt. Hilflos musste er zuschauen, wie der Franzose, der sein Ehrenwort gebrochen hatte, zur Brücke und in Sicherheit galoppierte.

KAPITEL 2

Windhams Pferd blockierte für ein paar entscheidende Sekunden für alle Schützen die Sicht, doch dann galoppierte der Lieutenant-Colonel in eine Bodensenke, und Sharpe zielte von Neuem, feuerte und rannte den Hügelhang hinab, bevor er sehen konnte, ob er getroffen hatte. Pulver hüllte ihn ein, und er nahm den ätzenden Rauch wahr, als er hindurchhetzte, und dann hörte er die Salve von seiner Hand voll Schützen.

Sharpe hatte nicht getroffen, aber einer seiner Männer, vermutlich Hagman, traf Delmas’ Pferd. Der Franzose stürzte vornüber, das Pferd brach auf die Knie, und Staub wirbelte auf und verhüllte das sterbende Pferd und den gestürzten Mann.

»Gefechtsformation!«, schrie Sharpe. Er wollte vermeiden, dass sich seine Männer zusammendrängten und ein leichtes Ziel für die französische Artillerie in den Festungen jenseits des Flusses wurden. Er rannte jetzt schnell, befahl seinen Männern mit heftigen Gesten, sich zu verteilen, während voraus Lieutenant-Colonel Windham auf den gestürzten Delmas zupreschte.

Der Franzose rappelte sich auf, warf einen Blick zurück und begann zu rennen. Die Hunde bellten und streckten sich, während Windham mit gezogenem Degen hinterherdonnerte.

Die erste französische Kanone wurde von derjenigen Festung abgefeuert, die am nächsten beim Fluss lag. Das Donnern hallte über Wasser und Brücke, und dann schlug die Kugel kurz vor Windham ein, prallte ab und fegte den Hügel hinauf. Die Kanonenläufe der Franzosen waren noch kalt, und die ersten Schüsse lagen zu kurz, aber auch eine abprallende Kugel war gefährlich.

»Verteilen!«, schrie Sharpe. »Verteilt euch!«

Weitere Kanonen krachten, und die Detonationen klangen wie Donnerschläge. Der Luftzug einer Kugel riss Windham fast vom Pferd. Das Tier brach aus, und nur Windhams hervorragende Reitkunst rettete ihn. Er parierte das Pferd, spornte es wieder an, hielt den Degen hoch, und Sharpe sah, wie der Franzose stehen blieb und sich seinem Verfolger stellte.

Wieder donnerte eine Kanone von der Festung. Der Hügelhang schien unter dem Kartätschenfeuer zu erbeben. Erdreich wirbelte empor.

»Verteilen! Verteilen!«, schrie Sharpe, rannte weiter und sprang über aufgerissenes Erdreich. Er warf sein abgefeuertes Baker-Gewehr weg, das einer seiner Männer an sich nehmen würde, und zog seinen Säbel mit der breiten, geraden Klinge.

Windham war wütend. Die Ehre war durch Delmas’ Wortbruch mit den Füßen getreten worden, und der Lieutenant-Colonel war nicht in der Stimmung, dem Franzosen Gnade zu gewähren. Windham hörte das Kartätschenfeuer und das gepeinigte Winseln eines seiner Hunde, der getroffen worden war, und dann zählte nur noch, dass Delmas nahe war, ihm entgegenstarrte. Der britische Lieutenant-Colonel holte mit dem Degen aus, um mit der Spitze Delmas’ Brust zu durchbohren.

Windham hatte den Eindruck, dass Delmas zu früh mit seinem Säbel zustieß. Er sah die Klinge heransausen, während er selber mit dem Degen ausholte, und dann rammte Delmas seinen schönen Säbel, wie es seine Absicht war, wuchtig ins Maul von Windhams Pferd.

Das Tier wieherte schrill, scheute, stieg auf die Hinterhand, und Windham kämpfte, um es unter Kontrolle zu bekommen. Er ließ den Degen am Riemen ums Handgelenk hängen, während er an den Zügeln riss und er Blut aus dem Maul seines verletzten Pferdes spritzen sah, und bei seinem Bemühen, das Pferd unter Kontrolle zu bekommen, bemerkte er nicht, dass der Franzose hinter ihn sprang und mit dem Säbel zustieß. Er sah nicht mehr, was ihn tötete.

Sharpe sah es. Er schrie auf, hilflos, und er sah, wie der Säbel den Rücken des Lieutenant-Colonels durchbohrte.

Windham krümmte sich. Noch im Tod parierte er das Pferd mit den Schenkeln, sogar noch, als sein Kopf vornüber sank, seine Arme schlaff wurden und sein Degen nutzlos an seinem Handgelenk baumelte. Das Pferd wieherte wieder schrill und versuchte, den Toten abzuwerfen. Es flüchtete vor dem Mann, von dem es verletzt worden war, immer noch bockend und scheuend, und dann, fast gnädig, schmetterte Kartätschenfeuer den Toten und das Pferd zu Boden und hinterließ eine blutige Masse.

Die Hunde schnüffelten an der Leiche und dem sterbenden Pferd. Dessen Hufe trommelten einen Augenblick lang auf den trockenen Boden, die Hunde winselten, und dann fiel der Kopf des Pferdes auf den Boden, und es lag still. Blut tränkte das aufgewühlte Erdreich.

Delmas humpelte. Beim Sturz musste er sich verletzt haben. Er presste die Zähne zusammen und hetzte trotz der Schmerzen weiter, doch nun holte Sharpe auf. Am Südende der Brücke standen Häuser, ein kleiner Vorposten der Universitätsstadt jenseits des Flusses, und Sharpe sah den Franzosen hinter einer Mauer verschwinden. Delmas war fast auf der Brücke.

Ein weiteres mit Bleikugeln gefülltes Artilleriegeschoss erfüllte die Sommerluft mit dem Donnerschlag des Todes und peitschte in den Boden, und dann sah Sharpe Patrick Harper, den hünenhaften Sergeant, der zu seiner Rechten mit seinem siebenläufigen Salvengewehr heranhetzte. Sharpe und Harper näherten sich den Häusern, deren Mauern Sicherheit boten vor den Kartätschen der Franzosen, doch Sharpe spürte plötzlich Gefahr.

»Weg hier, Patrick! Zur Seite!«

Sie schwenkten nach rechts ab, immer noch rennend, und als sie von der Hausecke fort waren und einen Blick auf die Straße erhaschten, die über die Brücke und den breiten Fluss führte, sah Sharpe den Franzosen. Er kniete am Boden und zielte mit zwei Pistolen auf die Stelle, an der er mit dem Auftauchen der Verfolger rechnete.

»Runter!« Sharpe sprang Harper an und riss ihn mit sich zu Boden, und in diesem Augenblick krachten die Pistolen, und zwei Kugeln pfiffen über ihre Köpfe hinweg.

»Jesus!« Harper stemmte sich hoch. Delmas war bereits aufgesprungen. Er warf sich herum, humpelte auf die Brücke und hetzte auf das nördliche Ufer unterhalb der drei Festungen zu.

Die beiden Schützen rannten hinter ihm her. Einen Augenblick lang waren sie sicher, verdeckt von den Häusern, aber Sharpe wusste, dass Kartätschen die alten Mauern erbeben lassen würden, sobald sie auf der Brücke auftauchten. Er führte Harper nach links, in den kleinen Schutz, den die niedrige, mit Zinnen versehene Brüstung geben mochte, aber als sie auf die Brücke gelangten, warfen sie sich beide instinktiv auf die Straße und hielten schützend die Arme über den Kopf, denn ein plötzlicher Kartätschenhagel erfüllte die Luft über der Brücke.

»Gott schütze Irland«, murmelte Harper.

»Gott töte diesen Bastard. Komm weiter!«

Sie krochen, hielten sich unter der Brüstung, und sie kamen nur erbärmlich langsam voran. Sharpe sah, dass Delmas den Vorsprung vergrößerte. Es donnerte und krachte. Das Kreischen von Metall auf Stein und das Prasseln von Steinsplittern, die aus der Straße gefetzt wurden, erfüllten die Luft, doch der Franzose blieb auf seinem Weg unversehrt, gesichert von der Treffsicherheit der Artilleristen, und Sharpe spürte, dass Delmas entkommen würde.

»Runter!« Harper stieß Sharpe mit seiner riesigen Hand zu Boden, und Sharpe wusste, dass die schreckliche, siebenläufige Waffe über seinen Kopf hinweg zielte. Er presste die Hände auf die Ohren, gab seinen Säbel für einen Augenblick auf und wartete auf die Explosion über seinem Kopf.

Es war eine entsetzliche Waffe, ein Geschenk von Sharpe für seinen Sergeant, und ein Exemplar, das nur ein riesiger Mann handhaben konnte. Die Waffe war für die Königliche Marine angefertigt worden und sollte eigentlich aus den Wanten auf die Decks feindlicher Schiffe abgefeuert werden, aber der grauenhafte Rückstoß der Waffe mit den sieben Halbzoll-Läufen hatte die Matrosen aus dem Tauwerk geworfen, und sie waren mit gebrochenen Schultern auf ihre eigenen Decks gestürzt. Patrick Harper, der riesige Ire, war einer der wenigen Männer, die über die enorme Kraft verfügten, diese Waffe zu benutzen, und jetzt zielte er damit auf Delmas, der unterhalb der kleinen Festungen auf die Stadtmauer zuhumpelte.

Harper drückte ab, und die Waffe spuckte Rauch und Kugeln aus. Brennende Pfropfen fielen auf Sharpes Nacken. Die Waffe war tödlich auf kurze Distanz, doch bei Delmas’ Vorsprung von fünfzig Yards konnte nur ein Glücksschuss treffen. Das Wort, das Harper über Sharpe knurrte, verriet, dass der Ire nicht getroffen hatte.