Inhalt

  1. Cover
  2. Über die Autorin
  3. Titel
  4. Impressum
  5. Widmung
  6. Personen
  7. Erster Teil
  8. Zweiter Teil
  9. Dritter Teil
  10. Vierter Teil
  11. Fünfter Teil
  12. Nachspiel
  13. Anmerkung der Autorin
  14. Danksagungen

Über die Autorin

Melinda Taub lebt und arbeitet in New York City. Sie hat Sketche für Comedy-Sendungen geschrieben, arbeitet an einem bekannten Improvisationstheater und produziert Clips fürs Internet. ROMEOS SCHATTEN ist ihr erster Roman und wurde von der Kirkus Review als »spektakuläre Fortsetzung von Romeo und Julia« bezeichnet.

Melinda Taub

ROMEOS
SCHATTEN

Roman

Aus dem Englischen von
Angela Koonen

BASTEI ENTERTAINMENT

Meinen Schwestern Amanda und Hannah,
die mir über die Ziellinie geholfen haben

Personen

Abbildung

Die Montagues und ihre Verwandten

Graf Montague, Haupt eines von zwei Häusern, die zuvor im Zwist miteinander lagen, nun aber Waffenstillstand schlossen

Gräfin Montague, seine Gemahlin

Benvolio, Montagues Neffe und Romeos Freund

Orlino, Truchio und Marius, junge Montagues

Die Capulets und ihre Verwandten

Graf Capulet, Haupt eines von zwei Häusern, die zuvor im Zwist miteinander lagen, nun aber Waffenstillstand schlossen

Gräfin Capulet, seine Gemahlin

Rosalinde, Nichte der Capulets, einst innig geliebt von Romeo

Livia, Nichte der Capulets, Rosalindes Schwester

Herzogin Vitruvio, Mutter der Gräfin, Vormundin von Rosalinde und Livia

Gramio, Valentino und Lucio, junge Capulets

Die fürstliche Familie von Verona

Escalus, Fürst von Verona

Isabella, Fürstin von Arragon, seine Schwester

Don Pedro, Fürst von Arragon

Die kürzlich Verstorbenen

Julia, eine Capulet, Geliebte Romeos

Romeo, ein Montague, Geliebter Julias

Paris, ein junger Graf, Verwandter des Fürsten

Tybalt, ein Vetter Julias

Mercutio, Romeos und Benvolios Freund, Verwandter des Fürsten

Sonstige

Bruder Lorenzo, ein Franziskaner

Lucullus, Haushofmeister der Herzogin

Penlet, Kanzler des Fürsten

Julias Amme

Tuft, ein Stallknecht

Ein Totengräber

Bürger von Verona, Verwandte beider Häuser, Maskierte, Fackelträger, Pagen, Wachen, Diener und anderes Gefolge

Erster Teil

Abbildung

Komm herbei, komm herbei, Tod!
Und versenk’ in Zypressen den Leib!
Lass mich frei, lass mich frei, Not!
Mich erschlägt ein holdseliges Weib.

Was ihr wollt

In den Straßen des schönen Veronas war es heiß.

Es war Spätsommer, und die Sonne, oh, sie schien gnadenlos. Sie wurde von den Pflastersteinen zurückgeworfen, wo sie die Bettler blendete, sodass sie stöhnten und sich die nackten, schmutzigen Füße verbrannten. Sie strahlte am Markttag auf die Händler nieder, denen der Schweiß in den Nacken rann. Und wie erging es den vornehmen Familien? Nun, die blieben in ihren kühlen Häusern aus Stein, in denen die Keller tief genug lagen, um ein wenig Kälte zu bewahren. Wenn sie aber nach Sonnenuntergang herauskamen, war es freilich immer noch heiß und stickig.

Ja, die Hitze lastete schwer auf Verona. War sie der Grund, weshalb die Bürger den Kopf hängen ließen? Weshalb sie in der sonst so lebhaften Stadt zu zweit oder dritt nur miteinander flüsterten, um dann in die schattigen Torwege zu flüchten?

Oder war es der Tod?

Es war ein blutiger Sommer gewesen. Abend für Abend war in den Straßen das Stampfen von Füßen und das Klirren von Stahl zu hören gewesen. Die Namen der Toten gelangten aus heiseren Kehlen an ungläubige Ohren. Mercutio. Tybalt. Paris. Romeo. Julia.

Gut vierzehn Tage waren vergangen, seit die vornehmsten Jünglinge der Stadt einander niedergestochen hatten. Erschüttert durch den Verlust so vieler ihrer Lieben, hatten die Montagues und Capulets gelobt, das Blutvergießen zu beenden. Um sein Friedensangebot zu bekräftigen, hatte der große Montague just vor drei Tagen sein Geschenk für den einstigen Feind enthüllt.

Die Statue einer schönen jungen Frau, die eben erst dem Mädchenalter entwachsen war. Aus reinem Gold geschmiedet, stand sie auf dem Grab einer jungen Frau, mit der Montague noch nie ein Wort gewechselt hatte. Sie war das einzige Kind seines größten Feindes und für fünf Tage Gemahlin von Montagues Sohn gewesen. Ihr Name war Julia Capulet.

Es war ein gelungenes Werk, mit dem Montague der toten Schwiegertochter seine Ehrerbietung zollte. An diesem Veroneser Morgen funkelte die Sonne auf ihrem goldenen Gesicht. Der Friedhof war leer. Wäre in jenem Augenblick ein Besucher dort gewesen, hätte er den kunstvoll geschmiedeten Ausdruck von Traurigkeit bemerkt, mit welchem sie zu der Statue ihres geliebten Romeos auf der anderen Seite des Tores blickte. Er hätte auch das hübsche Gedicht im Sockel bemerkt, das ihren allzu frühen Tod beklagte.

Und während die ersten Sonnenstrahlen Julias starre Gestalt küssten, hätte er auch das Wort »Hure« erblickt, das in schwarzer Farbe auf ihrem Gesicht zu lesen stand.

Abbildung

»Nun zieh das Kleid an, ich bitte dich, Livia.«

Rosalinde blies sich eine braune Locke aus dem Gesicht. Zum gewiss hundertsten Mal hielt sie ihrer jüngeren Schwester das schwarze Kleid hin.

Livia rümpfte die Nase und wich ihrer Schwester tanzend aus. »Müssen wir wirklich die Trauerkleider tragen, Rosalinde? Base Julia hätte das nicht gewollt.«

Rosalinde gab es auf, Livia einfangen zu wollen, und ließ sich auf das Bett plumpsen. »Und das sagte sie dir selbst? Ihr Geist flüsterte es aus der Gruft?«

Lachend nahm Livia das schwarze Kleid, warf es auf den Boden und tanzte darauf. Sie tat nie einen gewöhnlichen Schritt, wenn sie doch die neusten Drehungen und Verbeugungen üben konnte, die bei Hof gerade in Mode waren. »Ja. Ich ging am Grab der Capulets vorbei, und ihr Geist flüsterte: Liebe Base, zieh nicht das hässliche schwarze Trauerkleid an, denn statt mit hässlichem Schwarz, das die Capulets in der Sommerhitze nur ins Schwitzen bringt, möchte ich lieber mit Freude in Erinnerung behalten werden. Auch möchte ich, dass du mein Korallenarmband bekommst.«

»Ein geschwätziger Geist, unsere Base.« Rosalinde hob das Kleid auf und strich die Falten glatt. »Natürlich war sie schon so zu Lebzeiten.«

Die Blicke der Schwestern begegneten einander im Spiegel. Livia hielt mitten in einer Drehung inne. Für einen Augenblick verschwand ihre Fröhlichkeit wie ein Schleier, den der Wind davonträgt.

Die verwaisten Töchter Niccolo Tirimos weinten nicht oft. Das war eines der wenigen Dinge, die sie gemeinsam hatten. Die fünfzehnjährige Livia hatte in den vergangenen Wochen sogar sehr viel gelacht. Ein Fremder hätte sie für gefühllos halten können, doch ihre Schwester wusste es besser. Livia lachte am meisten, wenn sie Angst hatte.

Was Rosalinde betraf, die mit siebzehn die Ältere war, so litt sie seit Beginn des Blutbades an Kopfschmerzen. Hinter ihren Schläfen pochte es erneut, als sie Livias große, tränenglänzende Augen im Spiegel sah, und die Namen der Toten stahlen sich in ihren Kopf: der lustige Mercutio, dem die Seufzer der Hälfte aller Damen Veronas gegolten hatten, erschlagen von Tybalts Schwert; Vetter Tybalt selbst, eifriger Beschützer seiner weiblichen Verwandten, gefallen durch Romeos Klinge; Graf Paris, Verwandter des Fürsten, verblutet an der Tür zur Gruft seiner Liebsten; Romeo, der junge Herr Montague; und Julia, Zierde der Capulets.

Die Julia, um die Rosalinde trauerte, war nicht die schöne Jungfrau, die Verona beweinte. Die Stadt gedachte einer reichen, anmutigen, jungen Erbin. Rosalinde dagegen erinnerte sich an eine klebrige Hand in der ihren, an eine schrille Stimme, die ihr zu warten befahl, damit sie mit ihren kurzen Beine aufschließen konnte, und an die ehrfürchtige Freude in Julias Augen, wenn sie gemeinsam einen besonders raffinierten Streich vollführten. Als Kind war sie häufig mit ihrer Base zusammen gewesen. Die gebieterische kleine Erbin der Capulets war zwar einige Jahre jünger gewesen, suchte aber die Gesellschaft der älteren Mädchen, und Rosalinde konnte es ihr nie abschlagen. Zum Glück war Julia ein witziges, offenherziges Kind und ihre Gesellschaft keine Last gewesen. Rosalindes Mutter war damals bei der Fürstin von Verona Hofdame und nahm ihre Töchter und die Nichte häufig mit an den Hof, wo sie ihre Tage verbrachte. Und so machten Julia, Livia, Rosalinde und Isabella, die Tochter des Stadtherren, den Fürstenhof zu ihrem Spielplatz.

Die Zeit, da sie am Hof und im Haus der Capulets umhertollten, Isabellas älteren Bruder Escalus neckten und Julias Amme in den Wahnsinn trieben, wurde die glücklichste in Rosalindes Leben. Ihre Eltern lebten damals noch. Ihre Mutter war eine Schwester des Grafen Capulet und ihr Vater ein Adliger von der Westküste. Sie und Livia waren nicht so hochgestellt wie die kleine Julia, konnten sich aber dennoch ihres Ansehens in der Veroneser Gesellschaft gewiss sein.

Als Rosalinde elf Jahre alt war, starb ihr Vater, und alles wurde anders. Während sie bis dahin von Unglück verschont geblieben waren, häufte es sich nun. Da ihr Vater keinen Sohn hinterließ, gingen Land und Vermögen zum größten Teil an einen fernen Verwandten, und die Mädchen und ihre Mutter mussten fortan in viel bescheideneren Verhältnissen leben. Nicht lange danach starb auch die Fürstin, Isabellas Mutter, an einer Totgeburt. Isabella wurde daraufhin an den Fürstenhof Siziliens geschickt, und der enge Kontakt zu den Nichten der Capulets riss ab.

Rosalindes Mutter überwand den Verlust ihres Gatten nicht und folgte ihm keine zwei Jahre später nach. Vorbei waren die Tage, in denen Rosalinde mit ihrer Familie in einem vornehmen Haus in der Stadtmitte wohnte und die reichsten und edelsten jungen Damen zu ihren Gefährtinnen zählte. Sie zogen nun zur Herzogin Vitruvio, welche die Mutter der Gräfin Capulet und Rosalindes angeheiratete Großtante war. Ihr Besitz lag am Stadtrand, doch manchmal schien es, als wären sie auf einen anderen Kontinent gezogen. Graf und Gräfin Capulet sahen ihre Nichten nun nicht mehr als geeignete Spielgefährten für Julia an und duldeten die beiden kaum noch in ihrem Haus. Und so sahen die Schwestern ihre Base nur noch auf Festen wenige Male im Jahr, und dann auch nur von Weitem.

Während dieser schrecklichen Jahre hatte Rosalinde um Julia getrauert und schließlich Zorn und Einsamkeit überwunden, während sie eine weinende Livia tröstete, die noch zu klein war und nicht verstand, warum sie nicht mehr eingeladen wurden. Und so kam es, dass Rosalinde die junge Frau, die sich in der Gruft der Capulets das Leben genommen hatte, gar nicht mehr kannte, und das schmerzte sie ungemein.

Seufzend strich sie mit den Fingerspitzen über das Fensterbrett und gestattete dem Bild der süßen, verwöhnten Julia zu verblassen. Trotz all der unglücklichen Schicksalsschläge war ihre derzeitige Lage recht gut. Sie bewohnten ein bescheidenes Haus auf dem Anwesen ihrer Großtante, und die überließ sie meistens sich selbst, da sie wenig Interesse an ihren armen Mündeln hatte. Es kümmerte Rosalinde auch nicht, dass sie so wenig Beachtung bei der Verwandtschaft fand, denn zu den Capulets zu gehören war ebenso Fluch wie Segen, das hatte der Sommer gezeigt. Und nach dem Tod ihrer Mutter hatte ein reicher Kaufmann aus Messina ihr Haus für eine großzügige Summe gemietet, von der Livia und Rosalinde leben konnten und zu gegebener Zeit heiraten würden. Oder vielmehr, von der Livia heiraten würde. Rosalinde hatte für sich andere Pläne.

Niemandem in der Familie würde sie je ein Wort davon sagen, doch sie trauerte um Julia nicht heftiger als um deren Geliebten. Wenn sie an Romeo dachte, überrollte sie eine Welle von Schuldgefühlen, und sie wünschte, sie würde tatsächlich darin untergehen.

Hör auf damit, befahl sie sich ärgerlich. Du weißt, du hättest ihn nicht davor bewahren können. Keinen von ihnen.

Doch das entsprach nicht der Wahrheit. Ganz Verona wusste, dass sie zumindest einen hätte retten können. Denn ehe er Julia liebte, hatte er sie geliebt. Und jetzt war der süße, liebeskranke Junge tot.

Abbildung

Fürst Escalus ritt im gestreckten Galopp aus der Stadt.

Sein schweißnasses Wams klebte ihm am Rücken, und er holte aus seinem Hengst Venitio das Äußerste heraus. Auch als er Veronas Mauern hinter sich gelassen hatte, hielt er nicht an, noch wählte er ein gemächlicheres Tempo. Der tägliche Ausritt vor die Stadt war das einzige Vergnügen, das er sich in diesen unruhigen Zeiten gönnte, und neuerdings schien es, als müsste er jedes Mal weiter reiten, um der beklemmenden Atmosphäre dieser Stadt zu entkommen.

Am Morgen war er zitternd aus einem Albtraum erwacht: Die früheren Herrscher der Stadt hatten sich an seinem Bett versammelt und ihn für sein Versagen gerügt, weil er das Gemetzel unter Veronas Jugend nicht verhindert hatte. Den ganzen Tag war ihm das nachgegangen, und zugleich hatte er wieder und wieder Gegenargumente vorgebracht. Ich habe versucht, sie davon abzubringen. Die Feindseligkeiten gingen zu tief. Aber zuletzt habe ich sie doch beendet. Immer wieder sagte er sich das. Es sei schließlich sein Verdienst, dass die Montagues und die Capulets zum Gedenken an das Kind der anderen eine Statue errichteten. Vor drei Tagen war er dabei gewesen, als die beiden Familienoberhäupter sie enthüllt hatten und dabei voll Unbehagen, aber entschlossen Eintracht zur Schau stellten – Romeo und Julia, golden und schön und auf ewig vereint. Man schrieb den ersten August, und dem alten Capulet versagte die Stimme, als er das Standbild seiner Tochter ansah, denn sie wäre an eben diesem Tag vierzehn Jahre alt geworden. Gleichwohl gelobte er Frieden, so laut er konnte, so wie der alte Montague. Das alles aber bewahrte Escalus offenbar nicht davor, ständig das enttäuschte Stirnrunzeln seines Vaters vor sich zu sehen.

Nun gut. Für Bedauern war keine Zeit. Beide Häuser hatten versprochen, die Gewalt zu beenden, und er würde sein Möglichstes tun, damit sie ihren Schwur hielten, vor allem jetzt, da ein frevelhafter Schurke Julias Denkmal bereits entweiht hatte.

Escalus hatte Pflichten gegenüber seiner Stadt. So gern er auch immer weiter geritten wäre und alles hinter sich gelassen hätte.

Seufzend zügelte er Venitio und ließ ihn im Schritt gehen. Der Hengst fügte sich, beschwerte sich nur leise wiehernd. Seine Freude an der Geschwindigkeit war größer als die Escalus’. Die Bäume warfen lange Schatten auf die Straße, deren rötlich gelber Staub im Licht des Spätnachmittags blutrot erschien. Es war kurz vor Sonnenuntergang, Zeit, in die Stadt zurückzureiten. Doch gerade als Escalus wenden wollte, entdeckte er in der Ferne eine Staubwolke, die schnell näher kam. Wer um alles …

Oh!

Escalus trieb seinen Hengst zum Galopp an und ritt der Staubwolke entgegen. Sie hüllte eine Kutsche und ein halbes Dutzend stark bewaffnete Reiter ein. Als Escalus herangekommen war, befahl der Kutscher anzuhalten.

»Bleibt zurück!«, rief der Reiterhauptmann. »Seid Ihr Freund oder Feind?«

Der Hauptmann war offensichtlich nicht von hier. Auch wenn Escalus bei seinen täglichen Ausritten nur schlichte Reitkleidung trug, so hätten seine Untertanen doch sein Gesicht erkannt. Gerade wollte er dem Fremden sagen, wer er war, als der Kutschenschlag sich auftat und eine große, schlanke Frau erschien. Sie trug ein prächtiges Kleid, und ihre blonden Haare waren zu einem Zopfkranz geflochten, der in Verona nicht üblich war. Ihr Lächeln aber war ihm so vertraut wie sein Spiegelbild.

»Seid nur ruhig, guter Hauptmann«, sagte sie. »Das ist mein Bruder. Schön, dass wir uns treffen, Escalus.«

»In der Tat, Isabella.« Er saß ab und half ihr vom Trittbrett. Als er sie umarmte, breitete sich ein Lächeln über sein Gesicht aus, ein ganz ungewohntes Gefühl. »Ich habe Euch erst in einigen Tagen aus Messina erwartet.«

»Wir sind gut vorangekommen, seit die Freunde meines Gemahls überredet werden konnten, mich reisen zu lassen. Ich konnte es nicht mehr erwarten, nach Hause zu kommen.« Sie lachte entzückt. »Verona! Wie sehr habe ich mich all die Jahre nach dir gesehnt. Ihr müsst ein Fest für mich geben, Escalus, damit ich die alten Freundschaften erneuern kann.« Escalus lächelte, ohne darauf einzugehen, und Isabella schaute ihn fragend an. »Ich hoffe, meine frühe Ankunft kommt nicht ungelegen.«

Escalus schüttelte den Kopf. »Ganz und gar nicht. Sie ist seit vierzehn Tagen die einzig gute Neuigkeit.«

»Wie das?«, fragte Isabella stirnrunzelnd. »Was ist in unserer schönen Stadt passiert?«

Escalus sah weg. »Nach einer ermüdenden Reise wäre das eine zu bedrückende Geschichte. Wie geht es Eurem Gemahl?«

»Don Pedro ist in jeder Hinsicht milde, freundlich und tugendhaft. Er ist in Messina geblieben, um Freunde zu besuchen. Aber lenkt nicht vom Thema ab. Was ist geschehen, Escalus?«

Er verzog das Gesicht. Seine Schwester war gewiss eine erwachsene Frau und eine Fürstin aus eigenem Recht, aber sie hatte noch immer dieses unheimliche Talent, ihm Gespräche abzunötigen, die er nicht zu führen wünschte. »Es betrifft die Montagues und die Capulets.«

Isabella verdrehte die Augen. »Wieder eine Rauferei auf der Straße?«

Angesichts dieser harmlosen Umschreibung verbiss sich Escalus ein grimmiges Lachen. »Unter anderem. Kommt, reitet mit mir, dann werde ich es Euch erzählen.«

Ihre Leute brachten ihr ein Pferd. Er half ihr in den Sattel, und sie ritten gemächlich auf die Stadt zu, und ihr Tross folgte in geziemendem Abstand. »Schwester, erinnert Ihr Euch an die kleine Julia?«, fragte er.

Sie nickte. »Meint Ihr Rosalindes Base? Die Tochter des alten Capulet?«

Kaum jemand hätte Julia als Rosalindes Base bezeichnet. Aber natürlich waren Rosalinde und Isabella damals Freundinnen und Rosalindes Mutter Hofdame gewesen. Escalus hatte seinerseits viele Tage in Gesellschaft der Mädchen verbracht, bevor auch er zur weiteren Erziehung an einen anderen Hof geschickt worden war – sein Vater hatte das für das Beste gehalten, damit seine Kinder die Welt außerhalb Veronas kennenlernen konnten. Abgesehen von zwei kurzen Besuchen war Isabella sechs Jahre lang fort gewesen und hatte die Feindschaft der beiden Häuser nicht miterlebt. Er selbst sah Rosalinde kaum noch. Vor vier Jahren, als er kurz vor dem Tod des Vaters heimkehrte, um das Fürstenzepter zu übernehmen, war aus dem fröhlichen, gewitzten Kind ein ernstes junges Mädchen geworden, das ebenfalls keine Eltern mehr hatte, und er sah sich zu sehr in die Staatspflichten eingebunden, um Zeit mit alten Spielgefährten zu verbringen.

»Ja. Und sie ist tot.«

»Tot!«

»Ja. Vor drei Wochen im Juli begegnete sie Romeo, dem Sohn und Erben des alten Montague. Sie haben heimlich geheiratet.«

Isabella riss die Augen auf. »Ein Sohn Montagues heiratet eine Capulet? Sie taten gut daran, es für sich zu behalten.«

»Gewiss.« Escalus machte ein entschlossenes Gesicht. »Doch handelten sie in allem anderen überstürzt und unklug. Leidenschaftliche Narren. Wie dem auch sei, Julias Vetter Tybalt fasste eine Abneigung gegen Romeo und sein Gefolge und forderte ihn auf der Straße zum Duell. Romeos Freund ließ sich ebenfalls herausfordern und fiel von Tybalts Hand.«

»Romeos Freund? Ein Montague, nehme ich an?«

»Nein, Schwester.« Escalus lenkte sein Pferd an sie heran, um nach ihrer Hand zu fassen. »Es war Mercutio.«

Isabella zog scharf die Zügel an. »Oh nein! Mercutio? Unser Mercutio?«

»Derselbe.«

»Ihr habt den Mörder hoffentlich nicht davonkommen lassen, Bruder?«

»Hätte ich nur Gelegenheit gehabt, ihn zu bestrafen! Nachdem er Mercutio niedergestochen hatte, wurde er sogleich von Romeo getötet.«

»Gut.« Isabella ballte die Fäuste um die Zügel. Ihr sonniges Lächeln wich einer düsteren Miene. Wie schwer traf sie Veronas Kummer, nachdem sie ihm jahrelang entkommen war!

»Isabella! Ich verbiete dir, so zu sprechen. Verona muss lernen, dass die Gerechtigkeit der Krone …«

»Zum Henker mit der Krone«, fiel Isabella ihm ins Wort. »Ich bin jetzt eine Fürstin, Escalus, du kannst mir nichts verbieten. Wenn der junge Romeo Mercutios Tod gerächt hat, will ich ihm dafür danken.«

»Nicht in dieser Welt. Ich verbannte ihn für seinen Anteil an dem Blutvergießen, und er floh aus Verona, ließ seine junge Gattin im Haus ihrer Eltern zurück. Die wussten nichts von der Heirat und hatten derweil ihre Hochzeit mit Graf Paris arrangiert.« Isabella schauderte. Graf Paris, auch ein Mitglied der Fürstenfamilie. »Ja, in diese leidvolle Geschichte sind viele edle Seelen verstrickt. Um der ehewidrigen Vereinigung zu entkommen, versicherte sich Julia der Hilfe eines Franziskaners und täuschte ihren Tod vor, damit sie zu ihrem Liebsten flüchten könnte.«

»Täuschte ihren Tod vor?«

»Ja. Der Mönch gab ihr einen Trank, der so tiefen Schlaf bewirkte, dass sie wie tot erschien. Wir bahrten sie in der Gruft ihrer Vorfahren auf. Dort sollte ihr Geliebter sie finden. Doch der Brief, den sie ihm sandte, kam nicht bei ihm an. Ihn erreichte nur die Nachricht ihres Todes. Er kehrte zurück, fand sie wie tot daliegen und erstach sich. Julia kam zu sich, sah ihn in seinem Blut und folgte ihm in den Tod.«

Isabella starrte entsetzt auf die Stadtmauer, die sich vor ihnen erhob. Ihre Hände an den Zügeln zuckten, als sei sie im Begriff, das Pferd zu wenden und die Rückreise anzutreten. »Bei Gott, ein grauenhaftes Geschehen. Ich habe einen unglücklichen Augenblick für meine Heimkehr gewählt. All die jungen Leute … Sag mir, dass wenigstens Vetter Paris nichts damit zu tun hatte.«

Escalus schüttelte den Kopf. »Romeo tötete ihn an der Tür zu Julias Gruft.«

»Und das begann vor drei Wochen, sagst du?«

»Ungefähr. Soweit wir wissen, begegneten sich Romeo und Julia zum ersten Mal beim Fest ihres Vaters am vierzehnten Juli, und sie heirateten und starben innerhalb einer Woche.«

»Und nun? Vertragen sich die Häuser?«

Escalus zuckte bedrückt die Achseln. »Das behaupten sie. Die trauernden Eltern haben geschworen, sie seien durch den Tod ihrer Kinder von der Feindseligkeit kuriert. Sie haben sogar Statuen der Liebenden auf deren Gräbern errichtet.«

Isabella warf ihm einen scharfen Blick zu. »Aber du hast wenig Vertrauen in den Schwur.«

»Wenn Generationen diesen Zorn nicht auskurieren konnten, kann das ein kurzer mörderischer Sommer bewirken? Die beiden Alten mögen es ernst meinen. Sie haben jedoch wenig Einfluss auf die Jünglinge in ihren Familien, die Tag und Nacht mit der Hand am Schwert durch die Stadt ziehen. Es ist nur eine Frage der Zeit, dann fängt es von Neuem an.«

»Das weißt du nicht. Willst du sie den Beweis für ihre Reue nicht antreten lassen?«

»Eher beweisen sie das Gegenteil mit neuen Toten unter meinen Untertanen.« Escalus seufzte. »Nein, es braucht mehr als hübsche Statuen, um meiner Stadt den Frieden zu bringen.«

»Deiner Stadt. Du klingst wie Vater.«

»Vater bewahrte den Frieden bis zum letzten Tag seines Lebens.«

»Mehr schlecht als recht. Auch unter seiner Herrschaft wurden viele Montagues und Capulets erschlagen. Was willst du nun tun?«

Escalus wischte sich den Schweiß von der Stirn. »Meiner Treu, ich weiß es nicht.«

»Es wundert mich, dass die kleine Julia so unbesonnen sein konnte«, sagte Isabella. »Rosalinde hätte sich nicht so verhalten. Sie war die klügste meiner Freundinnen. Hätte Romeo sich in Rosalinde verliebt, wäre das alles nicht passiert.«

»Eigentlich hat er …« Escalus stockte. »Ach, natürlich.«

Isabella sah ihn verständnislos an. »Natürlich, was?«

»Das erkläre ich dir später. Isabella, dich schickt der Himmel.« Er drückte rasch ihre Hand. »Ich muss schleunigst zurück in die Stadt.« Mit einem leichten Ruck der Zügel trieb er Venitio zum Galopp an.

»Wohin willst du?«, rief Isabella ihm nach.

»Zum Hause Capulet«, rief er ihr über die Schulter zu.

Abbildung

»Ach, gib es her. Ich werde das hässliche Ding tragen.«

Livia nahm ihrer Schwester das verhasste Kleid aus der Hand. Die sah sie skeptisch an. »Du willst es wirklich anziehen?«

»Damit du aufhörst, ein Gesicht zu ziehen, als röche es hier faul, ja.« Livia stellte sich auf die Zehenspitzen, um Rosalinde ein Küsschen auf die Wange zu geben.

Rosalinde schluckte, dann erwiderte sie diesen Beweis der Zuneigung mit einer Umarmung, bei der ihre Schwester überrascht quiekte. Sosehr sie auch um Romeo trauerte, so erleichtert war sie, dass sie und Livia den Sommer unbeschadet überstanden hatten. Es hätte alles ganz anders kommen können, hätte sie Romeo in seinem Werben ermutigt. Dies war genau die Katastrophe, die sie befürchtet hatte, als sie seine Liebe zurückwies. Offenbar hatte Julia nicht dieselbe Vorsicht walten lassen.

»Oh, lass mich los, Rosalinde, du zerquetschst mich.«

Rosalinde zog die Stirn kraus und drängte Tränen zurück, was ihre Kopfschmerzen verschlimmerte. Wie musste es in jemandem aussehen, der so heftig liebte, dass es ihm gleichgültig war, was er der Familie mit seinem Tod antat? Die Dichter mochten solche Liebe noch so sehr preisen, Rosalinde träumte gewiss nicht davon.

Wenn sie nun den versonnenen jungen Montague akzeptiert hätte, der ihr zu Beginn des Frühjahrs auf Schritt und Tritt gefolgt war? Wenn sie seine Liebe erhört hätte, anstatt ihn an der Tür abzuweisen, seinen ernsten, hübschen Sonetten das Ohr zu verweigern und seine Geschenke zurückzusenden? Was wäre jetzt, wenn sie ihm gestattet hätte, ihr den Hof zu machen?

Sie hatte ihn nicht geliebt, aber es war unmöglich gewesen, ihn nicht zu mögen. Er hatte ein einnehmendes Lächeln gehabt und war nie hochmütig aufgetreten. So war er mit seinen beiden Freunden in der Stadt häufig gesehen worden, und selbst die Feinde seiner Familie hatten widerwillig zugegeben, dass man sich keinen besseren Jüngling wünschen konnte. Kaum ein Veroneser Mädchen hätte solch einen Freier abgewiesen. Aber Rosalinde hatte überhaupt keinen Gemahl gewollt. Darum war es ihr leicht gefallen, sich gegen sein Flehen zu verschließen.

Hätte sie das nicht getan, sondern seine Liebe erwidert, hätten sie dann in Frieden heiraten können? Sie war nicht Capulets Tochter, trug nicht einmal seinen Namen. Vielleicht wären die jungen Männer dann noch am Leben?

Doch nicht einmal ihr Schuldgefühl konnte sie von diesem Gedanken überzeugen. In den Augen Veronas war sie eine Capulet, obwohl sie Tirimo hieß. Wahrscheinlich wären sie trotzdem ums Leben gekommen, und Rosalinde läge jetzt in der Familiengruft.

Lächelnd ließ sie Livia los. Die nahm das Trauerkleid, hielt es vor sich und rümpfte noch einmal angewidert die Nase, ehe sie aufopferungsvoll seufzte. Rosalinde verdrehte die Augen. »Nur noch für ein paar Wochen.«

»Danach werde ich alt sein.« Livia zog das weiße Leinenkleid aus und ließ es am Boden liegen. »Für dich ist das gut. Schwarz steht dir so prächtig, da werden dir die Bauernburschen umso eifriger nachsteigen.«

Rosalinde schüttelte den Kopf über Livias Geplapper. Doch es hatte einen wahren Kern. Sie zählten beide zu Veronas Schönen, wenngleich sie einander nicht ähnelten. Livia war mit ihren honigblonden Haaren, den blauen Augen und der hellen Haut dem Vater nachgeschlagen. Ein Gesicht, das zu Sonetten anregt, dachte Rosalinde, aber nicht geeignet für Schwarz. Schon als Livia sich das Kleid vor dem Spiegel anhielt, wirkte sie blass, als würde sie gleich dahinsiechen.

Bei Rosalinde verhielt sich das anders. Sie kam nach der Mutter und war von Kopf bis Fuß eine Capulet: groß, langbeinig, grüne Augen, ein dunklerer Teint, rosige Lippen, die zum Schmollmund neigten. Die braunen Locken frisierte sie zum Knoten, aus dem sich aber meist ein paar kurze Strähnen lösten und um das Gesicht fielen. Ihr Trauerkleid, so stellte sie nüchtern fest, unterstrich ihr gutes Aussehen noch.

Sie war schön. Warum sollte sie das leugnen, da sie es doch von allen Seiten hörte, seit sie die Kinderstube verlassen hatte. Doch was nützte das? Sie würde mit dem hässlichsten Mädchen Veronas tauschen, wenn sie könnte. Auch Julia war schön gewesen.

Rosalinde hob das weiße Kleid auf. »Vermutlich hast du recht«, sagte sie. »Ich sollte wohl jeden Tag in Trauerkleidung über den Friedhof flanieren. Da hätte ich bis zum Abend zehn Heiratsanträge beisammen.«

Livia schnaubte und griff rasch nach ihrem Kleid, aber Rosalinde schwenkte es herum, hielt es am ausgestreckten Arm vor sich und knickste wie vor einem jungen Mann. »Natürlich, mein Herr, es wäre mir eine Ehre, Euch zu heiraten«, sagte sie und wich Livias Händen tänzelnd aus. »Aber nur, wenn Ihr mir versprecht, einen Gatten für meine arme, ewig verschmähte Schwester Livia zu finden.«

Livia kreischte empört und ging auf die Schwester los, doch die langbeinige Rosalinde lief ihr lachend davon. Die Jagd trug sie aus Livias Zimmer die Treppe hinunter in den Flur. »Habt Ihr nicht einen klumpfüßigen Bastard in Eurer Familie, mein Herr? Einen Diener mit Hasenscharte vielleicht? Jeder wäre recht, wenn er nur die Demütigung erträgt, eine Frau sein Eigen zu nennen, der Schwarz nicht so gut steht …«

Rosalinde blieb so abrupt stehen, dass Livia beinahe gegen sie prallte. Der Haushofmeister ihrer Großtante stand in der Tür.

Rosalinde hatte Lucullus nie besonders leiden können. Er war ein großer, stiller Mann, der nur dafür lebte, den Anordnungen der Herzogin Folge zu leisten. Für deren Mündel tat er nur das Nötigste, und wenn, dann betrat er das Häuschen, ohne anzuklopfen. Das sollte ihnen wohl vor Augen führen, dass es ihnen nicht gehörte und dass sie nur als Gäste darin lebten, die auf die Barmherzigkeit ihrer Großtante angewiesen waren. Dabei sorgte die nur für das Dach über dem Kopf. Die übrigen Ausgaben hatten sie vom eigenen mageren Einkommen zu bestreiten. Doch der gesamte Haushalt sorgte dafür, dass sie die kümmerliche Hilfe der Herzogin nicht vergaßen. Lucullus sprach selten, und Rosalinde meinte stets Missbilligung in seinem Blick zu lesen, wenn er die Großnichten seiner Herrin ansah – besonders nachdem Romeo sich vor ihrer Tür herumgetrieben hatte. Die Herzogin hatte sich nie gescheut, jedem Montague ihre Verachtung zu zeigen, ob Mann, Frau oder Kind, und Lucullus teilte gewiss ihren anmaßenden Stolz auf das Haus Capulet. Zweifellos hielt er nicht viel von den Waisen, die aus einem geringeren Familienzweig stammten und soeben wie Bauernmägde durchs Haus trampelten.

Er verneigte sich. »Gnädiges Fräulein.«

Rosalinde nickte und strich sich den Rock glatt. »Guten Abend, Lucullus. Was gibt es?«

»Euer Onkel, Graf Capulet, möchte Euch sprechen«, sagte er.

Rosalinde runzelte die Stirn. Sonst wurden sie und Livia vom Oberhaupt der Familie kaum beachtet. Seit ihre Eltern tot und das Vermögen jemand anderem zugefallen war, konnte sie an einer Hand abzählen, wie oft sie in seinem Hause mit anderen, bedeutenderen Mitgliedern der Familie gespeist hatten. »Was wünscht mein Onkel?«

Lucullus zog die Brauen hoch. »Es kommt mir nicht zu, das zu wissen. Er wird es Euch selbst sagen, wenn Ihr ihn heute Abend seht.«

Auf den Straßen Veronas war eine Frau dieser Tage nicht sicher. Rosalinde schaute zum Fenster. Die Sonne würde gleich hinter der Stadtmauer versinken. Bis sie beim Haus des Onkels ankäme, wäre es dunkel, selbst wenn sie sofort aufbrechen würde. »Vielleicht morgen«, beschied sie ihn höflich.

Lucullus schüttelte den Kopf. »Euer Onkel hat gesagt, er möchte Euch unverzüglich sprechen. Eure Großtante ist bereits dort. Sie schickt mich, Euch zu begleiten, und sie wird Euch heimbringen, wenn sie sich um ihre Tochter gekümmert hat.«

Rosalinde runzelte verärgert die Stirn. Wenn sie sich schon von ihren Verwandten ignorieren lassen musste, so war sie doch nicht bereit, sich wie einen Pagen herbeirufen zu lassen, wenn es ihnen einmal einfiel, von ihr Notiz zu nehmen. Rosalinde bezwang sich. Sie stampfte weder mit dem Fuß auf, noch verweigerte sie den Besuch. Doch sie konnte wenigstens Lucullus’ Begleitung ablehnen. »Das ist nicht nötig. Ich werde alleine gehen.«

»Wollt Ihr das gewiss, Fräulein?«, fragte er.

Rosalinde spürte Livias besorgten Blick. Allein zu gehen war keine sehr vernünftige Entscheidung, doch die Leibwache des Fürsten patrouillierte in den Straßen, um Raufhändel zu verhindern, und der Weg war nicht weit. Sie hatte gewiss wenig zu fürchten. Außerdem könnte sie über den Friedhof gehen und an Julias Grab beten, ohne dass Lucullus ihr dabei zusah. »Ja. Ich danke für deine Mühe.«

Der Haushofmeister nickte, verneigte sich knapp und ging. Rosalinde schloss hinter ihm die Tür. Die Schwestern sahen einander an. Livia war sichtlich verwirrt. »Was kann Onkel von dir wollen?«

»Ich bin völlig ahnungslos.«

Abbildung

Benvolio ging mit der Hand am Schwert die Straße entlang.

Eigentlich sollte er zu Hause sein. Seit dem Tod seiner Freunde ließ ihn seine weinende Mutter kaum noch aus den Augen, so als ob der Geist dieses Hurensohns von Tybalt ihm auflauern und das Schwert in den Leib rennen könnte.

Er hatte bei ihr bleiben und sie trösten wollen. Ganz gewiss. Und früher hätte er das vermutlich getan. Unter den dreien war er immer der Besonnenste, der Vernünftige gewesen. Jedenfalls verglichen mit den anderen.

Was zweifellos erklärte, wieso er noch lebte, während die beiden im Grab lagen.

Bei dem Gedanken biss er die Zähne zusammen. Zorn wallte in ihm auf. Was hatte es genützt, die Duelle und unbedachten Liebschaften der Gefährten zu meiden, wenn die dann starben und er allein zurückblieb?

Und so hatte er die drückende Atmosphäre des Hauses verlassen, um die kühle Abendluft auf Veronas Straßen zu genießen. Die Leute waren noch sehr angespannt, und das wurde sicher nicht besser dadurch, dass sie hier einen jungen Montague entlangspazieren sahen, doch Benvolio kümmerte das nicht. Mit Romeo und Mercutio hatte er viel Zeit auf diese Weise verbracht. Sie waren Seite an Seite durch Verona geschlendert, prahlend, Streit suchend, Unfug treibend. Er konnte sie geradezu neben sich sehen, Mercutio links, wie er eine Geschichte erzählte, die ebenso fantastisch wie obszön war. Ein lustiger, hässlicher Jüngling war er gewesen, groß und schlaksig, mit einem strohblonden Schopf und einem ellenbreiten Grinsen.

Benvolio, mein Aussehen erregte nie Unwillen bei den Frauen Veronas. Oder Venedigs oder Paduas.

Bei derlei derben Witzen hatte Mercutio stets mit den Augenbrauen gewackelt und unbekümmert gegrinst. Benvolio konnte sehen, wie Romeo den Kopf schüttelte. Du warst noch nie in Padua. Romeo war der Einzige gewesen, der hoffen durfte, Mercutios endlose Prahlereien zu zügeln. Er lief immer vorneweg, hatte entschieden, ob ihre Streifzüge sie die Hügel hinauf- oder zur Stadtmauer hinabführten. Und auf ebendiese Weise hätte er auch eines Tages Benvolios Familie geführt.

Romeo hatte nicht ausgesehen wie ein Montague. Seine welligen hellbraunen Haare und sein versonnenes, hübsches Gesicht erinnerten mehr an seine Mutter als an den Vater. Wer den dreien öfter begegnet war, hatte Benvolio für den Erben Montagues gehalten, nicht Romeo.

Ich bin sehr wohl in Padua gewesen, verkündete der Mercutio aus seiner Erinnerung und machte einen übermütigen Handstand. Denn eine Stadt ist nichts weiter als die Summe ihrer Bewohner, und Meisterin Margarete Flachwienbrett, ihres Zeichens Näherin, kommt aus Padua, und ich bin zweifellos in ihr gewesen.

Wenn das so ist, flötete Romeos Geist, dann ist Meisterin Flachwienbrett in jeder Stadt Italiens zu Hause.

Mercutio schnellte zurück auf die Füße. Ich lasse mich hier nicht beleidigen. Mein Pferd! Mein Pferd! Ich will sofort nach Padua!

Romeo lachte und legte seinen Arm um Mercutios Schultern. Wir werden alle dorthin reiten, versprach er.

»Nein«, murmelte Benvolio und unterbrach die geisterhaften Spötteleien. »Werden wir nicht.«

Und so ging er alleine weiter durch die herabsinkende Dunkelheit, die Hand fest am Griff des Schwertes und ein wenig unentschieden, ob er damit einen Kampf verhindern oder anfangen wollte.

Die Entscheidung wurde ihm abgenommen, als er den gellenden Schrei einer Frau vernahm. Benvolio rannte voller Hast, bog schlitternd um Straßenecken. Die Frau schrie erneut, und es zog ihm das Herz zusammen, als er begriff, dass sie auf dem Friedhof sein musste, der neuerdings zum Heim für so viele junge Adlige geworden war. Wie es sich anhörte, wollte jemand für einen weiteren Nachbarn sorgen.

Benvolio brannte der Atem in der Lunge, während er den Hügel zum Friedhofstor hinaufhetzte. Fünf junge Männer standen dort beisammen. Einige kannte er. Wütend biss er die Zähne zusammen. Orlino, Marius und Truchio, junge Montagues. Sie hatten Romeo vergöttert. Es wunderte ihn nicht, dass sie schon wieder Streit anfingen, doch er hätte ihnen so viel Anstand zugetraut, es nicht im Schatten der neu errichteten Statuen von Romeo und Julia zu tun.

Er näherte sich, und wie vermutet blinkte Stahl im Schein der Friedhofsfackeln. Seine jungen Vettern legten es gerade auf eine Kraftprobe mit zwei anderen an und standen ihnen mit blankem Schwert gegenüber. Benvolio fluchte leise. Die Gegner trugen das Wappen der Capulets an der Schärpe.

»Lasterhafte Missgeburt der Capulets!«

Zuerst glaubte Benvolio, Orlinos ekelhafte Beleidigung gälte Julias Standbild. Doch sein höhnischer Blick war nach unten gerichtet. Dort lag eine Frau am Boden, umringt von den Kämpfenden. Ihr schwarzes Trauerkleid war in der Dunkelheit schlecht zu sehen gewesen.

Einer der Capulets hob das Schwert. »Noch ein Wort, Montague, und ich stopfe Euch hiermit das Maul!«, rief er, doch seine Stimme kippte und strafte die Drohung Lügen.

Orlino richtete die Spitze seiner Klinge auf die Frau am Boden. »Ihr stopfe ich das Maul.«

Mit einem wütenden Schrei griff der Capulet an, und Orlino parierte ohne Zögern. Die Klingen kreuzten sich klirrend über der langsam rückwärts kriechenden Frau. Jetzt war es genug. Zeit für Benvolio, sich einzumischen.

»Halt!«, brüllte er. »Was hat das zu bedeuten?«

Die jungen Kämpfer erstarrten, als sie den neu Hinzugekommenen erkannten. »Benvolio!«, rief Truchio aus. »Diese Bengel schimpfen uns Lügner. Das wollen wir gerade richtigstellen.«

»Als ob Ihr das könntet«, entgegnete einer der Capulets mit zornbebender Stimme. »Wir wissen ganz genau, dass Ihr Lügner und Schurken seid. Wer außer den Hurensöhnen der Montagues würde das Andenken unserer Verwandten so besudeln?«

Benvolio folgte dessen Blick zu Julias Statue und holte scharf Luft. Der Capulet hatte wahrhaftig Grund, wütend zu sein – jemand hatte »Hure« quer über das schöne Gesicht geschrieben.

Hinter ihm ertönte ein Schrei. Während er der Statue zugewandt gewesen war, hatte der zweite Capulet angegriffen. Augenblicklich war das Klirren des Stahls zu hören, als auch die anderen drei sich ins Gefecht stürzten. Truchio, der Kleinste der Montagues, taumelte unter dem Angriff seines Gegners, der fintierte und ihn ritzte, worauf ein Blutfleck auf dem Wams erschien. Die junge Frau stieß einen heiseren Schrei aus, als Orlino auf sie trat, um seinem Vetter beizuspringen.

»Halt, hab ich gesagt!«

Blanke Wut ließ Benvolios Blut aufwallen. Fast war er froh, dass die Kämpfer nicht auf ihn hörten. Er zog ebenfalls blank. Endlich eine Gelegenheit, seiner aufgestauten, bodenlosen Wut die Schleuse zu öffnen. Es war ihm gleich, ob er Capulets oder Montagues vor sich hatte. Diese Narren hatten alle eine Lehre verdient, und Benvolio brannte darauf, sie zu erteilen.

Er hieb nach beiden Seiten mit der flachen Klinge, traf Montague wie Capulet. Wut rauschte ihm durch die Adern, und ein grimmiges Lächeln breitete sich auf seinem Gesicht aus. Zum ersten Mal seit dem Tod seiner Freunde fühlte er sich wie er selbst. Von den dreien war Mercutio der Spaßmacher, Romeo der Anführer, Benvolio der beste Fechter gewesen. Ganz gleich, was geschehen war, auf sein Schwert war immer Verlass gewesen.

Trotz all seines Könnens und der Unerfahrenheit der anderen waren fünf gegen einen mehr als eine Herausforderung. Er würde sie rasch entwaffnen müssen. Als Erstes wandte er sich seinen Vettern zu. Benvolio schlug mit dem Heft auf Truchios Fechthand, der darauf das Schwert fallen ließ. Bevor es auf dem Boden aufschlug, folgte ihm das von Marius nach einer schnellen Drehung aus dem Handgelenk. Orlino ließ angesichts dieses rasenden Zorns die Waffe sinken und wich zurück. Wenigstens einer nahm Vernunft an.

Als die beiden Capulets ihre Gegner entwaffnet sahen, wollten sie sich triumphierend auf sie stürzen. Doch Benvolio war noch lange nicht fertig und stellte sich dazwischen.

»Armer Benvolio« höhnte einer. »So in Trauer um seinen lieben Vetter versunken, dass er Freund von Feind nicht unterscheiden kann.«

»Aber keine Sorge«, spottete der andere. »Wir werden euch aufklären.«

Benvolio schnaubte und strich sich die verschwitzten Haare aus der Stirn. »Wie freundlich. Doch Ihr werdet nur merken, wie begriffsstutzig ich bin.« Damit griff er an. Im Gegensatz zu seinen drei Verwandten waren sie darauf gefasst und bedrängten ihn, bis er mit dem Rücken gegen Romeos Statue stieß.

Seine Gegner waren es jedoch nicht gewohnt, gemeinsam zu fechten. Einer fiel über den Fuß des andern und stürzte, und ehe er sich aufrichten konnte, trat Benvolio ihm das Schwert weg. Danach war auch der zweite schnell abgefertigt, sodass Benvolio schließlich keuchend vor den Entwaffneten stand.

Als er zu Atem gekommen war, deutete er mit der Klinge auf die Statue Romeos, der mit ewiger Sehnsucht auf seine Julia blickte. »Mein Vetter hat eine Capulet geheiratet«, sagte er. »Daher seid Ihr nun alle meine Verwandten. Das ist der einzige Grund, weshalb kein Mann«, er schnaubte und korrigierte sich, »weshalb kein Junge unter Euch mehr als die flache Klinge zu spüren bekommen hat. Geht nach Hause, allesamt. Nächstes Mal werde ich nicht so freundlich sein, und auch nicht die Männer des Fürsten, sollten sie Euch erwischen.«

Truchio rappelte sich vom Boden hoch. »Aber Benvolio, die …«

»Geh!«

Sie zogen ab. Mürrisch und verärgert zwar, aber sie gingen, Marius und Truchio zum Platz hin, die Capulets nach Osten zu den Hügeln, und Benvolio atmete erleichtert auf. In dieser Nacht würde niemand sterben.

Doch halt. Wo war die junge Frau?

Benvolio fuhr herum. Soeben zerrte Orlino sie mit Gewalt hinter ein Grabmal.

Gütiger Himmel. Hörte das denn nie auf?

Abbildung

Der Montague hielt Rosalinde am Arm fest.

Sie versuchte, sich loszureißen. Er war älter als die anderen zwei, hatte die Größe und Kraft eines Mannes, wenn auch nicht den zugehörigen Verstand. Als dieser Benvolio aufgekreuzt war, glaubte sie sich schon gerettet und hatte sich während des Gefechts fortstehlen wollen. Doch der Schurke von vorhin war ihr gefolgt. Er hielt sie so fest gepackt, dass sie morgen blaue Flecke haben würde.

Falls sie dann noch lebte.

»Tut das nicht«, flehte sie, und die Furcht stahl ihr beinahe die Stimme. »Der Fürst hat befohlen …«

»Zum Henker mit dem Fürsten.«

»Aber Ihr werdet verbannt, hingerichtet – es herrscht jetzt Friede zwischen Eurer und meiner Familie, Ihr wisst, es gibt …«

Er schlug ihr ins Gesicht. »Ich brauche von einer Capulet keinen Vortrag über Gesetze.« Rosalinde griff sich an die Wange und blinzelte die Tränen weg. Ihr Bedränger sah sie von oben bis unten hasserfüllt an und stieß sie zu Boden.

»Wir haben Euer dreimal verfluchtes Standbild nicht geschändet«, sagte er.

Entgegen besserem Wissen stieß Rosalinde ein empörtes Lachen aus. »Wer würde der armen Julia das antun, außer ihr Montagues?«

Der Flegel knirschte mit den Zähnen. »Das glaubt Ihr? Ich werde Eure Lüge wahr machen, und auf viel bessere Weise. Ich werde Hure auf das Gesicht einer Capulet schreiben, einer, die noch um ihre verlorene Schönheit weinen kann.« Er hob das Schwert. Rosalinde drehte es den Magen um, als sie seine Absicht begriff. Sie schob sich auf dem Rücken von ihm weg, doch er packte sie bei den Haaren, und mit der anderen Hand brachte er die Klingenspitze an ihr Gesicht heran. Immer näher. Rosalinde kniff die Augen fest zu. Der kalte Stahl küsste ihre Wange, und sie machte sich auf den Schmerz gefasst.

Er blieb aus.

Ihr Peiniger stieß einen Schrei aus, die Klingenspitze verschwand aus Rosalindes Gesicht. Sie machte die Augen auf und sah ihn vor dem Mann stehen, der zuvor dem Streit ein Ende bereitet hatte.

Beide standen mit erhobenem Schwert da.

»Die Capulets hatten recht, Benvolio«, sagte ihr Peiniger. »Die Trauer um deine Spielgefährten hat eine Memme aus dir gemacht. Du solltest dich mit mir zusammentun und dieser fauligen Blüte eine Lehre erteilen.«

Der andere hob die Waffe und knurrte: »Kein Wort mehr, Feigling.«

Und Orlino griff an. Rosalinde schnappte entsetzt nach Luft, denn die Klingen zischten schneller durch die Luft, als ihr Auge folgen konnte.

Der Kampf war kurz und brutal. Rosalinde sah wohl, dass die beiden Montagues um die Fechtkunst des anderen wussten. Sie nutzten die Schwächen des Gegners erschreckend schnell. Der Jüngere ritzte Benvolio am Arm. Rosalinde schrie auf, da sie ihren Verteidiger für besiegt hielt. Doch der achtete nicht auf den Riss in seinem Ärmel und schlang plötzlich einen Fuß um den seines Gegners, der darauf der Länge nach hinschlug. Sein Schwert wurde zwei Armeslängen weit weggeschleudert, und ihr Retter setzte ihm die Klingenspitze an die Kehle.

»Ergib dich.«

»Benvolio, das war doch nur ein bisschen …«

»Ergib dich!«

»Meinetwegen.« Mürrisch hob er die Hände. »Wirst du mich jetzt aufstehen lassen, Vetter?«

Benvolio rührte sich nicht, als hätte er ihn nicht gehört.

»Vetter? Benvolio? Was …«

Die Klinge blitzte. Orlino schrie auf, griff sich an die Wange und starrte seine blutige Hand an. Benvolio hatte ihm eine lange Schnittwunde zugefügt.

»Du wagst es!«, fauchte Orlino ihn an und sprang vom Boden auf.

Benvolio trat ein paar Schritte zurück und senkte das Schwert. »Ich wage noch viel Schlimmeres gegen jeden, der eine Frau mit dem Schwert bedroht, ganz gleich aus welchem Hause sie ist. Verschwinde, Orlino, und fass sie nie wieder an.«

Orlino biss vor Schmerzen die Zähne zusammen. Ihm lief das Blut den Hals hinunter und tränkte sein Wams, doch die Wunde hielt ihn nicht davon ab, ein wütendes Gesicht zu zeigen. Rosalinde zerknüllte mit schweißigen Händen den Stoff ihres Rockes. Hatte sie ihn wirklich für einen Jungen gehalten? Kein Kind konnte solchen Hass empfinden, wie er in seinem Gesicht zu sehen war.

»Ihr werdet noch von mir hören«, versprach er. »Alle beide.« Dann taumelte er davon und verschwand in der Dunkelheit.

»Seid Ihr wohlauf, mein Fräulein?« Der siegreiche Montague drehte sich um und fiel vor Rosalinde auf ein Knie. Endlich sah sie ihren Retter deutlich.

Er war jung, etwas älter als die fünf Streithähne, aber jünger, als seine Fechtkunst vermuten ließ. Auch die Art, wie er sich hielt, ließ ihn älter erscheinen.

Rosalinde hätte sofort den Montague in ihm erkannt, auch wenn er sich nicht als ein solcher zu erkennen gegeben hätte. Helle Haut, stolze Züge und dunkle störrische Haare, mit denen seine Amme gewiss ihre liebe Not gehabt hatte – ja, das war einer der stattlichen, teuflischen Montagues, vor denen ihre Mutter sie schon gewarnt hatte, als Rosalinde noch klein gewesen war. Er kam ihr bekannt vor, aber sie glaubte nicht, dass sie sich schon begegnet waren. Bei Festen und auf dem Markt hatte sie die meisten Jünglinge seiner Familie ab und zu von Weitem gesehen. Nur mit Romeo hatte sie gesprochen. Die beiden Häuser hielten sich voneinander fern.

»Es geht mir gut«, sagte sie und strich mit zitternden Händen ihr staubiges Kleid glatt. Sie musste sich vergewissern, ob das auch wirklich wahr war: Sie hatte blaue Flecke von den Fußtritten der verfeindeten Fechter, in deren Rauferei sie unversehens hineingeraten war, und ihre eigenen Vettern hatten lieber die Klinge gekreuzt, als ihr die Flucht zu ermöglichen. Morgen würde sie gewiss grün und blau sein, doch ernstlich verletzt war nur ihr Stolz.

Er hielt ihr seine Hand hin, und als sie zurückwich, lachte er kurz über sie. »Nicht doch, mein Fräulein. Sie sind alle fort. Nur ich bin noch hier, der Euch weder bedroht hat noch auf Euch getreten ist.«

Ein schiefes Lächeln blitzte auf und verschwand im selben Augenblick, aber Rosalinde spürte überrascht, wie es den Eisklumpen der Angst in ihrer Brust ein wenig zum Schmelzen brachte. »Das ist wahr. Meine eigenen Vettern, so gut sie es meinten, könnten das nicht von sich behaupten, wie Ihr wohl an dem Stiefelabdruck auf meinem Kleid seht. Ich danke Euch, mein Herr.« Sie streckte ihm die Hand hin und ließ sich von ihm aufhelfen.

»Euer Diener.« Er deutete eine Verbeugung an, und dabei sah sie Blut an seinem zerrissenen Ärmel.

»Ihr seid verletzt!«

»Das ist nichts«, wehrte er ab, doch Rosalinde tränkte bereits ihr Taschentuch im nahen Brunnen. Sie stand tief in seiner Schuld, das war das Wenigste, was sie für ihn tun konnte. Sie kehrte mit dem Taschentuch zurück und dirigierte ihn zu den Stufen einer Gruft, um ihm den Staub von der Wunde zu waschen.