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001

Inhaltsverzeichnis
 
Buch
Autor
Von James Patterson ist bereits erschienen
Widmung
Prolog
 
Teil Eins – Das Undenkbare
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20
Kapitel 21
Kapitel 22
ERSTE BEGEGNUNG
EINDRUCK
SCHLIESSE AUS
SITZUNG NR. 3
SITZUNG NR. 6
SITZUNG NR. 9
SITZUNG NR. 11
SITZUNG NR. 14
Kapitel 23
Kapitel 24
 
Teil Zwei – Fehlgeleitet
Kapitel 25
Kapitel 26
Kapitel 27
Kapitel 28
Kapitel 29
Kapitel 30
Kapitel 31
Kapitel 32
Kapitel 33
Kapitel 34
Kapitel 35
Kapitel 36
Kapitel 37
Kapitel 38
Kapitel 39
Kapitel 40
Kapitel 41
Kapitel 42
Kapitel 43
Kapitel 44
Kapitel 45
Kapitel 46
Kapitel 47
Kapitel 48
Kapitel 49
Kapitel 50
Kapitel 51
Kapitel 52
Kapitel 53
Kapitel 54
Kapitel 55
Kapitel 56
 
Teil Drei – Wolfsfährte
Kapitel 57
Kapitel 58
Kapitel 59
Kapitel 60
Kapitel 61
Kapitel 62
Kapitel 63
Kapitel 64
Kapitel 65
Kapitel 66
Kapitel 67
Kapitel 68
Kapitel 69
 
Teil Vier – Paris Schauplatz des Verbrechens
Kapitel 70
Kapitel 71
Kapitel 72
Kapitel 73
Kapitel 74
Kapitel 75
Kapitel 76
Kapitel 77
Kapitel 78
Kapitel 79
Kapitel 80
Kapitel 81
Kapitel 82
Kapitel 83
Kapitel 84
Kapitel 85
Kapitel 86
Kapitel 87
Kapitel 88
 
Teil Fünf – Erlöse uns von dem Bösen
Kapitel 89
Kapitel 90
Kapitel 91
Kapitel 92
Kapitel 93
Kapitel 94
Kapitel 95
Kapitel 96
Kapitel 97
Kapitel 98
Kapitel 99
Kapitel 100
Kapitel 101
Kapitel 102
Kapitel 103
Kapitel 104
Kapitel 105
Kapitel 106
Kapitel 107
Kapitel 108
Kapitel 109
Kapitel 110
Kapitel 111
Kapitel 112
Kapitel 113
Kapitel 114
Kapitel 115
Kapitel 116
Kapitel 117
Kapitel 118
Kapitel 119
Kapitel 120
Kapitel 121
Kapitel 122
Kapitel 123
Kapitel 124
 
Copyright

Buch
Der Wolf ist wieder da! Eine Terrorgruppe droht New York, Washington, London und Frankfurt zu zerstören, wenn ihre Forderungen nicht erfüllt werden – jedoch ihre Forderungen scheinen unerfüllbar. Dann allerdings wird eine kleine Stadt im Westen der USA bombardiert – eine erschreckende Machtdemonstration, die, gerade weil keiner Menschenseele auch nur ein Haar gekrümmt wird, zeigt, mit welch entsetzlicher Präzision und erschreckender Kaltblütigkeit die Terroristen operieren. Niemals hätte Alex Cross, Leiter des Sondereinsatzkommandos von FBI, CIA und Interpol, jedoch erwartet, auf einem der Aufklärungsfotos der bombardierten Stadt einen alten Bekannten wieder zu sehen, den er sicher versteckt in Südamerika vermutete: Geoffrey Shafer. Besser bekannt als das »Wiesel« ist Shafer einer der raffiniertesten Verbrecher, die Alex Cross je verfolgt hat. Und dort, wo das Wiesel ist, ahnt Cross, ist sein größter Feind, der skrupellose, eiskalte Schwerverbrecher, den die Welt nur als den »Wolf« kennt, nicht weit. Cross’ Kampf gegen diese zwei Meisterverbrecher beginnt …

Autor
James Patterson, geboren 1949, war Kreativdirektor bei einer großen amerikanischen Werbeagentur. Seine Thriller um den Kriminalpsychologen Alex Cross machten ihn zu einem der erfolgreichsten Bestsellerautoren der Welt. Inzwischen feiert er auch mit seiner neuen packenden Thrillerserie um Detective Lindsay Boxer und den »Club der Ermittlerinnen« internationale Bestsellererfolge. James Patterson lebt mit seiner Familie in Palm Beach und Westchester, N.Y. Weitere Romane sind bei Limes und im Blanvalet Taschenbuch in Vorbereitung.

Von James Patterson ist bereits erschienen
Die Alex-Cross-Romane:
Stunde der Rache (7; 35892) · Mauer des Schweigens (8; 35988)
Vor aller Augen (9; 36167)
 
Der Club der Ermittlerinnen:
Der 1. Mord (36075) · Die 2. Chance (geb. Ausgabe,
Limes, 2464) · Der 3. Grad (geb. Ausgabe, Limes, 2497)

Für Larry Kirshbaum.
 
 
Auf den zehnten Alex Cross.
 
Nichts wäre je ohne deine Hingabe,
deinen weisen Rat und deine
Freundschaft geschehen.

Prolog
Das Wiesel kehrt zurück, und was für eine nette Überraschung

1

Colonel Geoffrey Shafer liebte sein neues Leben in Salvador, Brasiliens drittgrößter Stadt, die nach Meinung einiger Leute die faszinierendste war. Auf alle Fälle hatte man hier den größten Spaß.
Er hatte eine Luxusvilla mit sechs Schlafzimmern direkt gegenüber vom Guarajuba Beach gemietet, wo er die Tage mit dem Trinken von süßen Caipirinhas und eiskalten Brahma-Bieren verbrachte. Manchmal spielte er auch im Club Tennis. Nachts vergnügte Colonel Shafer, der psychopathische Killer, besser bekannt als das »Wiesel«, sich mit seinen alten Tricks. Er durchstreifte die dunklen, engen gewundenen Straßen der Altstadt. Schon längst zählte er nicht mehr die Morde, die er in Brasilien begangen hatte. In Salvador schien sich niemand darum zu kümmern oder mitzuzählen. Nicht ein einziger Zeitungsartikel war über das Verschwinden junger Prostituierter erschienen. Nicht einer. Vielleicht stimmte es, was man über die Menschen hier sagte: Wenn sie nicht gerade eine Party feierten, übten sie bereits für die nächste.
Kurz nach zwei Uhr morgens kehrte Shafer mit einer jungen und bildhübschen Bordsteinschwalbe in die Villa zurück. Sie nannte sich Maria. Was für ein wunderschönes Gesicht das Mädel hatte und einen hinreißenden braunen Körper, besonders für ein so junges Geschöpf. Maria behauptete, sie sei erst dreizehn.
Das Wiesel pflückte eine dicke Banane von einer Staude in seinem Garten. Zu dieser Jahreszeit konnte er zwischen Kokosnuss, Guava, Mango und Pinha, einem Zuckerapfel, wählen. Als er die Banane pflückte, kam ihm der Gedanke, dass es in Salvador regelmäßig etwas gab, das reif war zu pflücken. Es war das Paradies. Vielleicht ist es aber auch die Hölle und ich bin der Teufel, dachte Shafer und lachte leise.
»Für dich, Maria«, sagte er und reichte ihr die Banane. »Wir werden sie sinnvoll benutzen.«
Das Mädchen lächelte wissend. Das Wiesel bemerkte ihre Augen. Was für perfekte braune Augen. Und alles gehört jetzt mir: Augen, Lippen, Brüste.
In diesem Moment fiel ihm ein kleiner brasilianischer Affe auf. Die Rasse hieß Mico. Das Äffchen wollte durch das Fliegengitter an einem Fenster in seine Villa eindringen. »Hau ab, du elender kleiner Dieb!«, rief er. »Los, verzieh dich!«
In den Büschen raschelte es. Drei Männer warfen sich auf ihn. Die Polizei! Er war sicher. Wahrscheinlich Amerikaner. Alex Cross?
Die Bullen griffen ihn von allen Seiten an. Überall kräftige Arme und Beine. Ein Baseballschläger oder ein Bleirohr streckte ihn nieder. Zuvor hatte der Angreifer seinen Kopf an den Haaren nach hinten gerissen. Dann hatte er zugeschlagen, und das Wiesel hatte das Bewusstsein verloren.
»Wir haben ihn. Wir haben das Wiesel beim ersten Mal erwischt. Das war nicht allzu schwierig«, sagte einer der Männer. »Schafft ihn hinein.«
Dann blickte er auf das schöne Mädchen, die – mit Recht – furchtbare Angst hatte. »Du hast deine Arbeit gut gemacht, Maria. Du hast ihn zu uns gebracht.« Er wandte sich an seine Männer. »Tötet sie.«
Ein einziger Schuss drang durch die Stille des Vordergartens. Niemand in Salvador schien das zu bemerken oder sich darum zu kümmern.

2

Das Wiesel wäre am liebsten gestorben. Er hing mit dem Kopf nach unten von der Decke seines eigenen Schlafzimmers. Überall im Zimmer waren Spiegel. Er sah sich in mehreren Reflexionen.
Er sah aus wie tot. Er war nackt, überall blaue Flecken und Blut. Man hatte ihm die Hände eng auf den Rücken gebunden. Auch die Fußknöchel waren so gefesselt, dass die Blutzirkulation abgeschnürt wurde. Das Blut strömte ihm in den Kopf.
Neben ihm hing das junge Mädchen Maria, doch sie war seit mehreren Stunden tot, eventuell sogar einem Tag, dem grauenvollen Gestank nach. Ihre braunen Augen blickten in seine Richtung, starrten jedoch durch ihn hindurch.
Der Anführer seiner Häscher trug einen Bart und quetschte ständig einen schwarzen Ball in der Hand. Er ging dicht vor Shafers Gesicht in die Hocke. Dann sprach er leise, fast flüsternd.
»Als ich noch aktiv war, haben wir einige Gefangene höflich und ruhig gebeten, Platz zu nehmen. Dann haben wir ihre Scheißzungen auf die Tischplatte genagelt. Das ist absolut wahr, mein wieseliger Freund. Und weißt du, was wir noch gemacht haben? Einfach die Haare herausgerissen... aus der Nase... von der Brust... dem Bauch... den Genitalien... ja, das ist mehr als lästig, richtig? Aua!« Er riss Haare aus Shafers nacktem Leib.
»Aber ich werde die – meiner Meinung nach – schlimmste Folter schildern. Schlimmer als alles, was du der armen Maria angetan hättest. Man packt den Gefangenen an beiden Schultern und schüttelt ihn so heftig, bis er Krämpfe bekommt. Man schüttelt buchstäblich sein Hirn, dieses sensible Organ. Er hat das Gefühl, als fliege sein Kopf davon. Sein Körper brennt wie Feuer. Ich übertreibe nicht. Hier, ich werde dir zeigen, was ich meine.«
Das grauenvolle, unvorstellbar heftige Schütteln dauerte nahezu eine Stunde. Die ganze Zeit über hing Shafer mit dem Kopf nach unten.
Schließlich schnitt man ihn los. »Wer seid ihr? Was wollt ihr von mir?«, schrie er.
Der Anführer zuckte mit den Schultern. »Du bist ein hartgesottener Mistkerl, aber vergiss nie: Ich habe dich aufgespürt. Und ich finde dich jederzeit wieder, wenn es nötig ist. Kapiert?«
Geoffrey Shafer vermochte kaum die Augen zu fokussieren, aber er blickte nach oben, woher die Stimme des Häschers gekommen war. »Was... willst du? Bitte!«, flüsterte er.
Der bärtige Mann beugte sich zu ihm hinab. Er schien fast zu lächeln. »Ich habe eine Aufgabe für dich, ein unglaublicher Job. Glaube mir, dazu wurdest du geboren.«
»Wer bist du?«, flüsterte das Wiesel durch die aufgerissenen blutenden Lippen. Diese Frage hatte er während der Folter hundertmal gestellt.
»Ich bin der Wolf«, sagte der Bärtige. »Vielleicht hast du schon von mir gehört.«

Teil Eins
Das Undenkbare

3
An dem sonnigen Nachmittag mit strahlend blauem Himmel, an dem der Tod so unerwartet und sinnlos kam, hängten Frances und Dougie Puslowski Bettwäsche und Kinderkleidung auf die Leine, um sie in der Sonne zu trocknen.
Plötzlich trafen Soldaten der US-Armee in der Wohnwagensiedlung Azure Views, im Sunrise Valley Nevada, ein. Eine Menge Soldaten. Ein ganzer Konvoi von Jeeps und Trucks holperte über die unbefestigte Straße herbei, an welcher sie wohnten, und hielt abrupt an. Uniformierte sprangen aus den Fahrzeugen. Die Soldaten waren bis an die Zähne bewaffnet. Eindeutig meinten sie es ernst.
»Was im Namen des gütigen Gottes geht hier vor?«, fragte Dougie, der seit kurzem Frührentner war und sich nach der Arbeit in den Bergwerken außerhalb von Wells bemühte, sich an das häusliche Leben zu gewöhnen. Aber Dougie war bewusst, dass er darin kläglich versagte. Fast ständig war er deprimiert und missgelaunt und blaffte die arme Frances und die Kinder an.
Dougie sah, dass die jungen Soldaten und Soldatinnen, die aus den Trucks stiegen, Kampfuniformen trugen: Springerstiefel, gefleckte Tarnhosen, olivengrüne T-Shirts – den ganzen Kram, als befänden sie sich im Irak und nicht am Arsch der Welt in Nevada. Sie trugen M-16-Gewehre und rannten zu den nächsten Wohnmobilen, die Waffen im Anschlag. Einige sahen aus, als hätten sie selbst Angst.
Der Wüstenwind blies ziemlich heftig und trug die Stimmen bis zur Wäscheleine der Puslowskis. Frances und Dougie hörten deutlich: »Wir evakuieren die Stadt! Es handelt sich um einen Notfall! Alle müssen sofort die Häuser verlassen, Leute! Jetzt!«
Frances Puslowski war so geistesgegenwärtig, dass ihr auffiel, dass sämtliche Soldaten mehr oder weniger den gleichen Spruch von sich gaben, als hätten sie ihn geprobt. Die verkrampften ernsten Gesichter ließen klar erkennen, dass sie ein Nein als Antwort nicht gelten lassen würden. Die etwas mehr als dreihundert Nachbarn der Puslowskis – einige davon uralt – verließen bereits ihre Mobilehomes. Sie beschwerten sich zwar, taten jedoch, was von ihnen verlangt worden war.
Delta Shore, die direkt nebenan wohnte, lief zu Frances. »Was ist denn los, Schätzchen? Warum sind alle diese Soldaten ausgerechnet hier? Allmächtiger Gott! Kannst du das glauben? Sie müssen aus Nellis oder Fallon oder sonstwoher kommen. Ich habe Angst, Frances. Du auch, Schätzchen?«
Die Wäscheklammer fiel Frances aus dem Mund, als sie Delta antwortete: »Sie sagen, sie evakuieren uns. Ich muss die Mädels holen.«
Frances rannte in den Wohnwagen. Mit ihren hundertacht Kilos hatte sie gedacht, ihre Sprint- oder Joggingtage seien längst vorüber. »Madison, Brett, kommt her. Ihr braucht keine Angst zu haben. Wir müssen nur für eine Zeit lang weg. Das wird ein Riesenspaß. Wie im Film. Los, bewegt euch, ihr beiden.«
Die Mädchen, zwei und vier Jahre alt, tauchten aus dem kleinen Schlafzimmer auf, wo sie auf dem Disney-Kanal Rolie Polie Olie angeschaut hatten. Madison, die älteste, fragte – wie immer: »Warum? Warum müssen wir? Ich will nicht. Nein, ich will nicht. Wir schauen gerade Fernsehen, Mami.«
Frances nahm ihr Handy von der Arbeitsplatte in der Küche – und dann geschah wieder etwas sehr Seltsames. Sie wollte die Polizei anrufen, aber sie hörte nur laute atmosphärische Geräusche in der Leitung. Das war noch nie passiert, nicht dieses widerliche Summen und Knistern, das sie jetzt hörte. War das eine Art Invasion? Vielleicht ein atomarer Angriff?
»Verdammt!«, brüllte sie das Handy an und brach beinahe in Tränen aus. »Was ist bloß los?«
»Du hast ein schlimmes Wort gesagt«, schrie Brett begeistert und lachte ihre Mutter an. Sie mochte schlimme Wörter. Es war, als hätte ihre Mutter etwas falsch gemacht, und sie genoss es, wenn Erwachsene Fehler begingen.
»Holt Mrs. Summerskin und Oink«, befahl Frances den Mädchen. Ohne die beiden Lieblingstiere würden die beiden nie und nimmer das Haus verlassen, selbst wenn eine der tödlichen ägyptischen Plagen die Stadt befallen hätte. Frances betete, dass dem nicht so sein möge – aber was war geschehen? Warum schwärmte die US-Armee überall herum und schwenkte Waffen vor den Gesichtern der Menschen?
Sie hörte ihre verängstigten Nachbarn draußen, welche genau die Gedanken laut aussprachen, die ihr soeben durch den Kopf geschwirrt waren. »Was ist passiert?« »Wer sagt, dass wir weg müssen?« »Erklären Sie uns, warum.« »Nur über meine Leiche, Soldat! Kapiert?«
Die letzte Stimme war Dougies! Also, was hatte der vor? »Dougie, komm ins Haus!«, rief Frances. »Hilf mir mit den Mädels. Dougie, ich brauche dich hier drinnen.«
Draußen ertönte ein Schuss! Ein lauter donnerähnlicher Knall explodierte aus einem Gewehr.
Frances lief zur Fliegengittertür – da, wieder war sie gerannt – und sah zwei US-Soldaten neben Dougies Körper stehen.
O mein Gott! Dougie bewegt sich nicht. O mein Gott, o mein Gott! Die Soldaten hatten ihn wie einen tollwütigen Hund erschossen. Wegen nichts! Frances begann zu zittern, dann musste sie sich übergeben. Das ganze Mittagessen kam heraus.
Ihre Mädchen kreischten. »Pfui, Mami! Mami, pfui! Du hast die ganze Küche voll gekotzt.«
Plötzlich trat ein Soldat mit einem Zweitagebart am Kinn die Küchentür auf und brüllte ihr direkt ins Gesicht: »Raus aus dem Wohnwagen! Außer, Sie wollen ebenfalls sterben.«
Der Soldat zielte mit dem tödlichen Ende des Gewehrs direkt auf Frances. »Ich scherze nicht, Lady«, drohte er. »Ehrlich gesagt, würde ich Sie lieber erschießen, als mit Ihnen zu quatschen.«

4
Der Job – die Operation, die Mission – sollte eine gesamte amerikanische Kleinstadt auslöschen. Am hellichten Tag. Es war ein gespenstischer, abartiger Gig. Damit verglichen war Das Grauen kehrt zurück, in beiden Versionen, eine matte Sache. Sunrise Valley, Nevada; Einwohner 315 tapfere Seelen. Bald würde die Einwohnerzahl Null betragen. Wer würde das glauben? Ach was, zum Teufel, alle – in weniger als drei Minuten.
Keiner der Männer an Bord des kleinen Flugzeugs wusste, weshalb ausgerechnet diese Wohnwagensiedlung ausgelöscht werden sollte. Sie wussten über diese seltsame Mission nur, dass sie dafür außergewöhnlich gut bezahlt wurden und dass sie das gesamte Geld im Voraus bekommen hatten. Teufel auch, sie kannten nicht einmal die Namen der anderen. Man hatte ihnen lediglich die individuellen Aufgaben für diese Mission mitgeteilt, jedem nur sein betreffendes Stück des Puzzles. So wurde es genannt: ihr Stück.
Michael Costa aus Los Angeles war der Sprengstoffexperte an Bord. Man hatte ihm aufgetragen, eine »Amateurbombe, die in der Luft explodierte und ungeheure Schlagkraft entwickelte«, herzustellen.
Okay, das war für ihn ein Kinderspiel.
Sein Arbeitsmodell war die BLU-96, oft Cutter Daisy genannt, was das Endergebnis bildlich beschrieb. Costa wusste, dass dieser Gänseblümchenvernichter ursprünglich dazu entworfen worden war, um Wälder und Dschungel für militärische Landezonen zu roden. Dann war ein echt abartiger Typ auf die Idee gekommen, dass die Daisy Cutter auch Menschen so leicht wie Bäume und Felsbrocken vernichten konnte.
Und jetzt saß er hier in einem alten klapprigen Lastenflieger und flog über die Tuscarora-Berge dahin mit dem Ziel Sunrise Valley, Nevada. Sie waren dem Z, für Ziel, schon sehr nahe.
Er baute die Bombe mit seinen neuen Busenfreunden hier im Flieger zusammen. Sie hatten sogar ein Diagramm als Bauanweisung, als seien sie Idioten. Bauanleitung für Fuel-Bomben für Blöde.
Die eigentliche BLU-96 war eine streng kontrollierte militärische Waffe, die man sich nur schwer beschaffen konnte, wie Costa wusste. Dass man die Daisy Cutter zu Hause aus leicht zu beschaffenden Zutaten bauen konnte, war ein Unglück für alle, die im Sunrise Valley lebten, liebten, aßen, schliefen und schissen. Costa hatte eine Treibstoffblase für viertausend Liter gekauft, diese mit Hochoktangas gefüllt, dann ein Verteilgerät und Dynamitstäbe als Zünder eingebaut. Danach fügte er noch eine Bremsvorrichtung hinzu und einen Auslöser, wie Fallschirmspringer ihn in der Höhe benutzten. Einfache Sachen.
Dann erklärte er den anderen an Bord des Lastenfliegers: »Ihr fliegt über das Ziel, schiebt die Bombe aus der Ladeluke. Dann zischt ihr ab, als würden eure Hosen brennen und vor euch ein Ozean liegen. Glaubt mir, die Daisy Cutter wird unten nur verbrannte Erde hinterlassen. Sunrise Valley wird ein Brandmal in der Wüste sein. Eine Gedenkstätte. Das werdet ihr schon sehen.«

5
»Ganz ruhig, Gentlemen. Keiner wird verletzt werden. Nicht diesmal.«
Nahezu achthundert Meilen entfernt beobachtete der Wolf live, was sich in der Wüste abspielte. Was für eine Show! Vier Kameras waren auf dem Boden in Sunrise Valley stationiert, welche vier Monitore im Haus in Bel Air in Los Angeles speisten, wo der Wolf wohnte. Jedenfalls zur Zeit.
Gespannt schaute er zu, wie die Bewohner der Wohnwagensiedlung von den Soldaten in die wartenden Trucks geführt wurden. Die Aufnahmen waren hervorragend scharf. Er konnte die Abzeichen auf den Ärmeln der Soldaten lesen: NEVADA ARMY GUARD UNIT 72ND.
Plötzlich rief er laut: »Scheiße! Mach das nicht!« Er drückte den schwarzen Gummiball in der rechten Faust, eine Angewohnheit, wenn er wütend oder aufgeregt – oder beides – war.
Ein Mann, ein Zivilist, hatte eine Waffe gezogen und auf einen Soldaten gezielt. Was für ein unglaublich blöder Fehler.
»Du dämlicher Hund!«, brüllte der Wolf.
In der nächsten Sekunde war der Mann tot und lag mit dem Gesicht nach unten im Wüstenstaub. Damit machte er es eigentlich leichter, die anderen Idioten aus dem Sunrise Valley in die Trucks zu schaffen. Das hätte von Anfang an im Plan enthalten gewesen sein müssen, dachte der Wolf. War es aber nicht. Deshalb jetzt dieses kleine Problem.
Eine der Handkameras richtete sich auf ein kleines Lastflugzeug, das sich der Siedlung näherte und über ihr kreiste. Ein großartiger Anblick. Offenbar war die Kamera an Bord eines der Armeetrucks, die – wie er hoffte – schon bald außer Sicht sein würden.
Diese Aufnahmen waren atemberaubend. Schwarzweiß. Das machte den Film irgendwie noch eindringlicher. Schwarzweiß war realistischer, nicht wahr? Ja – absolut.
Die Handkamera war ständig auf das Flugzeug gerichtet, als es über die Stadt glitt.
»Todesengel«, flüsterte er. »Ein wunderschönes Bild. Ich bin wirklich ein großer Künstler.«
Zwei Männer waren nötig, um die Gasblase aus der Ladeluke zu schieben. Dann flog der Pilot eine scharfe Linkskurve, brachte die Motoren auf Höchstgeschwindigkeit und kletterte so schnell er konnte hinaus. Das war sein Job, sein Teil des Puzzles. Und er hatte den Job sehr gut gemacht. »Du darfst leben bleiben«, sagte der Wolf zum Video.
Jetzt benutzte die Kamera ein Weitwinkelobjektiv und fing die Bombe ein, die langsam auf die Wohnwagen herabfiel. Wahnsinnsaufnahmen! Sogar er bekam beim Zuschauen Angst. Ungefähr dreißig Meter über dem Boden explodierte die Bombe. »Bumm! Scheiße!«, sagte der Wolf. Das war ihm unwillkürlich über die Lippen gekommen. Normalerweise zeigte er keinerlei Gefühle – bei nichts.
Wie gebannt schaute er zu – er vermochte die Augen nicht abzuwenden, wie der Daisy Cutter alles im Umkreis von knapp fünfhundert Metern von der Aufschlagstelle auslöschte. Diese Bombe hatte die Kapazität, alles auf einer derartig großen Fläche zu vernichten. Und das tat sie. Totale Zerstörung. Noch zehn Meilen entfernt sprengte die Druckwelle Fenster aus Gebäuden. In Elko, Nevada, ungefähr fünfunddreißig Meilen entfernt, bebte der Boden und ließ Gebäude erzittern. Im Nachbarstaat hörte man die Explosion.
Und eigentlich noch viel weiter. Zum Beispiel hier in Los Angeles. Denn das winzige Sunrise Valley, Nevada, war nur eine Testübung.
»Das war nur zum Aufwärmen«, sagte der Wolf. »Nur der Anfang von etwas Großem. Mein Meisterstück. Meine Rache.«

6
Als alles begann, war ich zum Glück weit weg. Ich machte vier Tage Urlaub an der Westküste. Der erste Urlaub seit über einem Jahr.
Erster Halt: Seattle, im Staat Washington.
Seattle ist eine wunderschöne Stadt voller Leben – jedenfalls meiner Meinung nach. Sie wahrt das Gleichgewicht zwischen dem sich fürchtenden Alten und der neuen Cyberwelt, dazu wohl noch ein Microsoft-Häubchen, wodurch sie sich der Zukunft zuneigte. Unter normalen Umständen hätte ich mich auf einen Besuch dort gefreut.
Momentan war jedoch alles im Fluss. Ich musste nur auf den kleinen Jungen schauen, der meine Hand ganz festhielt, als wir die Wallingford Avenue North überquerten, um mich an den Grund zu erinnern.
Ich musste nur auf mein Herz hören.
Der Junge war mein Sohn Alex, und ich sah ihn seit vier Monaten zum ersten Mal wieder. Er lebte jetzt bei seiner Mutter in Seattle, und ich wohnte in Washington, D.C., wo ich FBI-Agent war. Alex’ Mutter und ich waren in einen »freundschaftlichen« Sorgerechtsstreit um unseren Sohn verwickelt. Zumindest war das jetzt nach etlichen sehr stürmischen Begegnungen die Tendenz.
»Hast du Spaß?«, fragte ich Klein Alex, der nach wie vor Muh, die schwarzweiß gefleckte Kuh mit sich herumschleppte, die sein Lieblingstier gewesen war, als er noch bei mir in Washington gelebt hatte. Er war fast drei, aber bereits ein gewandter Redner und ein noch geschickterer Manipulierer. Gott, ich liebe diesen kleinen Burschen. Seine Mutter hielt ihn für hochbegabt und außergewöhnlich kreativ. Da Christine Grundschullehrerin war – und zwar eine hervorragende -, konnte sie das wohl beurteilen.
Christines Haus war im Bezirk Wallingford in Seattle, und weil man dort so gut spazieren gehen konnte, hatten Alex und ich beschlossen, in der Nähe des Hauses zu bleiben. Wir spielten zuerst im Garten hinter dem Haus, welcher von Douglasfichten begrenzt wurde und viel Platz bot, ganz zu schweigen von dem Blick auf die Cascade Mountains.
Ich machte mehrere Fotos von dem Jungen, wie Nana Mama mir aufgetragen hatte. Alex wollte mir den Gemüsegarten seiner Mutter zeigen, in dem – wie ich erwartet hatte – alles bestens gedieh. Tomaten, Salat und Squash. Das Gras war fein säuberlich gemäht. Auf den Fensterbrettern vor der Küche standen Töpfe mit Rosmarin und Minze. Ich knipste noch mehr Fotos von Alex.
Nach unserer Tour durch den Garten gingen wir zum Spielplatz Wallingford und übten Bälle werfen und fangen. Dann kam der Zoo an die Reihe und noch ein Hand-in-Hand-Spaziergang am nahen Green Lake. Alex war ganz aus dem Häuschen über die bevorstehende Seafair-Kinderparade und begriff nicht, weshalb ich nicht so lang bleiben konnte. Ich wusste, was als Nächstes kam und gab mir Mühe, mich dagegen zu wappnen.
»Warum musst du immer weg?«, fragte er, und ich war ratlos, was ich ihm antworten sollte. Ich spürte ganz plötzlich wieder in der Brust diesen schrecklichen Schmerz, der mir nur allzu vertraut war. Ich möchte mit dir jede Minute an jedem Tag verbringen, Kleiner, hätte ich am liebsten gesagt.
»Es muss nun mal sein, Kumpel«, sagte ich. »Aber ich komme bald wieder. Das verspreche ich dir. Du weißt, ich halte meine Versprechen.«
»Ist es, weil du ein Polizist bist?«, fragte er. »Warum musst du weg?«
»Ja, zum Teil liegt es an meinem Job. Ich muss Geld verdienen, um Videorekorder und Pop-Tarts zu kaufen.«
»Warum suchst du dir nicht einen anderen Job?«, fragte Alex.
»Ich denke darüber nach«, meinte ich. Das war keine Lüge. Ich würde nachdenken. In letzter Zeit hatte ich viel über meine Karriere bei der Polizei nachgedacht. Ich habe sogar mit meiner Ärztin darüber gesprochen. Meiner Seelenklempnerin.
Gegen halb drei Uhr machten wir uns langsam auf den Heimweg. Christines Haus im viktorianischen Stil war restauriert, tiefblau gestrichen mit weißer Verzierung und in tadellosem Zustand. Es war gemütlich und hell. Ich musste zugeben, ein schöner Ort, um aufzuwachsen – wie in Seattle überhaupt.
Klein Alex konnte von seinem Zimmer die Berge, die Cascades, sehen. Was konnte sich ein Junge mehr wünschen?
Vielleicht einen Vater, der öfter als nur alle paar Monate einmal vorbeikommt? Wie wäre das?
Christine wartete auf der Veranda und hieß uns herzlich willkommen. Was für ein Unterschied zu unserer letzten persönlichen Begegnung in Washington. Konnte ich Christine trauen? Ich musste wohl.
Alex und ich umarmten uns noch etliche Male auf dem Bürgersteig, und ich machte noch ein paar Schnappschüsse für Nana und die Kinder.
Dann verschwand Christine im Haus, und ich stand draußen, allein, und ging zurück zu meinem Mietwagen. Die Hände hatte ich in den Taschen vergraben. Ich war tief in Gedanken und vermisste meinen kleinen Sohn jetzt schon sehr heftig. Ob das ewig so herzzerreißend sein würde? Ich ahnte bereits, dass dem so sein würde.

7
Nach dem Besuch von Alex in Seattle flog ich nach San Francisco, um etwas Zeit mit Inspector Jamilla Hughes vom Morddezernat zu verbringen. Wir waren nun ungefähr ein Jahr lang enger befreundet. Ich vermisste Jam und brauchte ihre Nähe. Sie hatte das Talent, alles wieder ins Lot zu rücken.
Auf dem Weg lauschte ich hauptsächlich den herrlichen Stimmen von Erykah Badu und Calvin Richardson. Sie schafften es ebenfalls, dass alles wieder in Ordnung kam. Na ja, die Situation etwas erträglicher zu machen.
Als sich das Flugzeug San Francisco näherte, bot sich uns ein erstaunlich klarer Blick auf die Golden Gate Bridge und die Silhouette der Stadt. Ich sah das Embarcadero und das Transamerica Building. Dann ließ ich mich einfach von dem Blick überwältigen. Ich konnte es kaum erwarten, Jam wieder zu sehen. Seit wir in einem Mordfall gemeinsam ermittelt hatten, standen wir uns nahe. Es gab nur ein Problem: Wir lebten an unterschiedlichen Küsten. Wir mochten unsere Städte und unsere Jobs und waren noch zu keinem Entschluss gelangt, was wir tun sollten.
Andererseits genossen wir es wirklich, zusammen zu sein. Ich sah die Freude auf Jamillas Gesicht, als ich sie beim Ausgang auf dem belebten International Flughafen von San Francisco entdeckte. Sie stand vor dem Delikatessenstand North Beach. Sie lächelte und klatschte mit den Händen über dem Kopf. Dann sprang sie auf und nieder. Sie war sehr temperamentvoll und konnte sich das ohne weiteres leisten.
Ich lächelte und fühlte mich allein durch ihren Anblick schon besser. Sie hatte stets diese Wirkung auf mich. Sie trug eine weiche gelbe lange Lederjacke, ein hellblaues T-Shirt und schwarze Jeans. Sie sah aus, als käme sie direkt von der Arbeit. Aber sie sah gut aus, echt gut.
Sie hatte Lippenstift benutzt – und Parfüm, wie ich roch, als ich sie in die Arme schloss. »O ja, ich habe dich vermisst«, sagte ich.
»Dann halt mich fest und küss mich«, forderte sie. »Wie war’s mit dem Kleinen? Wie geht’s Alex?«
»Er wird groß, gescheiter und lustiger. Er ist wirklich ein prima Junge. Ich liebe den Kleinen und hab jetzt schon Sehnsucht nach ihm, Jamilla.«
»Das weiß ich. Ja, das weiß ich, Baby. Jetzt nimm mich in die Arme.«
Ich hob Jam hoch und wirbelte sie im Kreis herum. Sie ist ein Meter zweiundsiebzig und drahtig. Ich halte sie liebend gern in den Armen. Ich bemerkte, dass mehrere Leute uns beobachteten. Die meisten lächelten. Wie hätten sie auch nicht lächeln können?
Dann schritten zwei dunkel gekleidete Zuschauer auf uns zu. Was sollte das?
Die Frau hielt mir ihre Marke vors Gesicht: FBI.
O nein! Das könnt ihr mir nicht antun!

8
Ich stöhnte und setzte Jamilla ab, als hätten wir etwas verbrochen, statt alles richtig zu machen. Sämtliche guten Gefühle in mir lösten sich blitzartig auf. Einfach so. Peng, peng! Ich brauchte unbedingt mal eine Glückssträhne – aber das hier sah nicht danach aus.
»Ich bin Agentin Jean Matthews, das ist Agent John Thompson«, sagte die junge Frau und deutete auf einen blonden Kerl, Mitte dreißig, der einen Schokoladenriegel mampfte. »Es tut uns sehr Leid, dass wir Sie stören müssen, aber man hat uns hergeschickt, um Sie am Flughafen abzuholen. Sie sind doch Alex Cross, Sir?«, fragte sie, um sich zu vergewissern.
»Ja, ich bin Alex Cross. Das ist Inspector Hughes vom SFPD. Sie können vor ihr ganz offen sprechen«, sagte ich.
Agentin Matthews schüttelte den Kopf. »Nein, Sir. Ich fürchte, das kann ich nicht.«
Jamilla tätschelte meinen Arm. »Schon okay.« Sie ging und ließ mich mit den beiden Agenten zurück. Das war genau das Gegenteil von dem, was ich wollte: Ich wollte, dass die beiden weggingen – weit, weit weg.
»Worum geht es denn?«, fragte ich Agentin Matthews. Ich wusste schon, dass es sich um etwas sehr Übles handeln musste, weil es bei meinem jetzigen Job ständig um derartig üble Dinge ging. FBI-Direktor Burns hatte meinen Terminplan und wusste immer, wo ich mich befand, selbst während meiner Freizeit, was eigentlich hieß, dass ich nie dienstfrei hatte.
»Wie gesagt, Sir, wir haben den Auftrag, Sie abzuholen und dann sofort in ein Flugzeug nach Nevada zu setzen. Dort gibt es einen Notfall. Eine Wohnwagensiedlung wurde bombardiert. Alles von der Landkarte ausgelöscht. Der Direktor möchte Sie am Tatort – eigentlich schon seit einer Stunde. Es ist eine grauenvolle Katastrophe.«
Ich schüttelte den Kopf und war unglaublich enttäuscht und frustriert, als ich zu Jamilla hinüberging. Ich hatte das Gefühl, als klaffte ein Loch in meiner Brust. »In Nevada hat es einen Bombenanschlag gegeben. Sie behaupten, es sei in den Nachrichten schon gekommen. Ich muss hinfliegen«, sagte ich ihr. »Ich versuche, so schnell wie möglich zurückzukommen. Es tut mir Leid. Du hast keine Ahnung, wie Leid es mir tut.«
Ihr Gesichtsausdruck sprach Bände. »Ich verstehe«, sagte sie. »Selbstverständlich verstehe ich es. Du musst fliegen. Komm zurück, wenn du kannst.«
Ich wollte sie umarmen, aber Jamilla wich zurück. Dann winkte sie mir mit einem kleinen traurigen Lächeln zu. Ohne ein weiteres Wort ging sie fort. Ich glaube, mir wurde in diesem Moment bewusst, dass ich auch sie verloren hatte.

9
Ich bewegte mich, aber alles war mehr als frustrierend – es war total surreal. Ich flog mit einem Privatjet von San Francisco nach Wells, Nevada, und von dort mit einem FBI-Hubschrauber in die Siedlung, die einmal Sunrise Valley gewesen war.
Ich bemühte mich, nicht an Klein Alex zu denken, ebenso nicht an Jamilla, aber bisher ohne Erfolg. Eventuell wenn ich den Schauplatz der Bombardierung erreichte. Wenn ich mitten im Geschehen war, mitten in der Scheiße.
An der Art, wie die örtlichen Agenten mich behandelten und einen Wirbel um mich machten, wurde mir klar, dass mein Ruf und die Tatsache, dass ich eigentlich in Washington stationiert war, alle nervös machte. Direktor Burns hatte offenbar klar gemacht, dass ich einer der Troubleshooter des FBI war, dass ich sein Troubleshooter war. Ich würde in Washington nicht aus dem Nähkästchen plaudern, aber das wussten die Agenten in den Außendienststellen nicht. Wie auch?
Der Flug mit dem Hubschrauber von Wells zum Schauplatz des Bombenabwurfs dauerte nur etwa zehn Minuten. Aus der Luft sah ich überall im Sunrise Valley, das heißt dort, wo einst Sunrise Valley gestanden hatte, die flackernden Notlichter. Es hing noch Rauch in der Luft, aber von oben sah man kein Feuer mehr, wahrscheinlich weil nichts Brennbares mehr übrig war.
Es war kurz nach acht Uhr. Was zum Teufel war hier draußen passiert? Und weshalb machte sich jemand die Mühe, ein solch vergessenes Kaff wie Sunrise Valley zu zerstören?
Kaum war ich in den FBI-Hubschrauber geklettert, hatte man mich über alle bisherigen Erkenntnisse aufgeklärt. Leider gab es nicht zu viele Informationen. Um vier Uhr nachmittags waren die Einwohner – abgesehen von einem Mann, der erschossen wurde – von Soldaten »evakuiert« worden, die anscheinend der US-Nationalgarde angehörten. Man hatte die Leute vierzig Meilen weit bis zu einem Punkt auf halber Strecke zur nächsten größeren Stadt, Elko, gefahren. Man hatte ihren Aufenthaltsort der State Police von Nevada gemeldet. Als die Polizisten eintrafen, um den total verängstigten Bewohnern beizustehen, waren die Jeeps und Armee-Trucks längst verschwunden. Und ebenso Sunrise Valley. Von der Karte weggepustet.
Ich meine, da unten war nichts mehr außer Sand und verbrannte Erde.
Ich sah die Feuerwehren, Allradfahrzeuge und etwa ein halbes Dutzend Hubschrauber. Als unser Hubschrauber zur Landung ansetzte, fielen mir die Leute vom technischen Dienst in Chemieschutzanzügen auf.
O Gott, was spielte sich da unten ab?
Angriff mit chemischen Waffen?
Krieg?
Ist das möglich? Heutzutage? Selbstverständlich ist es das.

10
Es war wohl der unheimlichste Anblick, den ich in all den Jahren als Polizist gesehen hatte: totale Vernichtung, ohne irgendeinen ersichtlichen Grund.
Gleich nach der Landung verließ ich den Hubschrauber. Sofort wurde ich in einen Schutzanzug gesteckt, Gasmaske und anderes Gerät eingeschlossen. Die Gummimaske war das allerneueste Modell, mit dualen Augenstücken und einem inneren Trinkschlauch, um die Flüssigkeitszufuhr zu gewährleisten. Ich kam mir wie ein Darsteller in einer Horrorstory von Philip K. Dick vor. Aber ich musste nicht lange leiden. Sobald ich mehrere Armeeoffiziere ohne Maske umherlaufen sah, nahm ich mein unbequemes Ding auch ab.
Kurz nach meiner Ankunft schienen wir Glück zu haben. Mehrere Bergsteiger hatten einen Mann mit einer Videokamera gesehen, der die Explosion filmte. Er wirkte verdächtig, und einer der Kletterer hatte den Mann mit seiner Digitalkamera aufgenommen. Die Bergsteiger hatten auch die Evakuierung der Siedlung fotografiert.
Zwei unserer Agenten befragten die Bergsteiger. Sobald die Agenten fertig waren, wollte ich mit ihnen so schnell wie möglich sprechen. Unglücklicherweise hatte die örtliche Polizei die Kamera zuerst in die Hände bekommen und gab sie nicht frei, bis ihr Chief am Tatort erschien. Er verspätete sich, weil er einen Jagdausflug gemacht hatte.
Als der Chief endlich in einem alten schwarzen Dodge Polaris eintraf, belegte ich ihn sofort mit Beschlag. Ich sprach ihn schon an, ehe er aus dem Wagen geklettert war.
»Chief, Ihre Leute halten ein wichtiges Beweisstück zurück. Wir müssen das unbedingt sehen«, erklärte ich, ohne die Stimme gegen den etwa sechzigjährigen Mann mit Bauch zu erheben. Trotzdem drückte ich mich glasklar aus. »Jetzt ist das eine Ermittlung des FBI. Ich bin hier in meiner Eigenschaft als FBI-Agent und der örtlichen Sicherheitsbehörde. Wir haben wegen Ihrer Leute wertvolle Zeit verloren.«
Für den Chief der Polizei sprach, dass er selbst aufgebracht war. »Bringt das Beweisstück herüber, ihr Schwachköpfe!«, brüllte er seine Leute an. »Was zum Teufel wollt ihr beide hier abziehen? Was habt ihr euch gedacht? Seid ihr überhaupt fähig zu denken? Her mit der Kamera.«
Seine Männer liefen herbei. Der Größere der beiden, der Schwiegersohn des Chiefs, wie ich später herausfand, reichte ihm die Kamera. Es war eine Canon Power Shot. Ich wusste, wie ich bei diesem Modell an die Bilder kam.
Also, was haben wir denn da? Die ersten Fotos waren hervorragende Naturaufnahmen. Keine Menschen drauf. Nahaufnahmen und Weitwinkelschüsse.
Dann folgten die Bilder über die Evakuierung. Unglaublich. Und danach schließlich sah ich zum ersten Mal den Mann, der die Explosion gefilmt hatte.
Er stand mit dem Rücken zur Kamera. Anfangs stand er, auf dem nächsten Foto war er auf einem Knie. Wahrscheinlich um einen besseren Winkel zu erzielen.
Ich habe keine Ahnung, was den Kletterer bewogen hatte, diese Bilder zu schießen, aber Hochachtung vor seinen Instinkten! Der geheimnisvolle Mann filmte die verlassene Stadt mit einer Videokamera – und plötzlich ging alles in mehrere hundert Meter hohe Flammen auf. Offensichtlich hatte er von dem Angriff gewusst, ehe dieser stattfand.
Auf dem nächsten Bild sah man, wie der Mann sich in Richtung der Bergsteiger umdrehte. Er schien direkt auf sie zuzugehen – jedenfalls sah es so auf dem Foto aus. Ich fragte mich, ob er entdeckt hatte, dass einer ihn fotografierte. Er blickte in ihre Richtung.
Und dabei sah ich sein Gesicht. Ich konnte nicht fassen, was ich sah. Ich erkannte ihn auf Anhieb. Weshalb auch nicht? Seit Jahren verfolgte ich ihn. Er wurde wegen über einem Dutzend Morde hier und in Europa gesucht. Er war ein bösartiger Psychopath, einer der schlimmsten abartigsten Serienkiller, der sich irgendwo in der Welt frei herumtrieb.
Er hieß Geoffrey Shafer, aber ich kannte ihn mehr unter dem Namen Wiesel.
Was tat er hier?

11
Es gab noch mehrere kristallklare Fotos, als sich das verhasste Wiesel dem Fotografen näherte. Schon vom Anblick wurde mir schwindlig und kotzübel. Mein Mund war trocken, ich leckte mir ständig die Lippen. Was tat Shafer hier? Welche Verbindung bestand zwischen ihm und der Bombe, die diese Siedlung dem Erdboden gleichgemacht hatte? Es war verrückt, wie ein Traum – total unreal.
Vor drei Jahren war ich Colonel Geoffrey Shafer zum ersten Mal begegnet, in Washington, D.C. Er hatte dort über ein Dutzend Menschen ermordet, obwohl wir ihm das nie beweisen konnten. Er hatte sich als Taxifahrer verkleidet, meist im Southeast, wo ich lebte. Die Beute war leicht zu erlegen, und er wusste, dass die Ermittlungen der Polizei in Washington nicht allzu tiefschürfend durchgeführt wurden, wenn die Opfer schwarz und arm waren. Shafer hatte tagsüber einen Job – er war Colonel bei der Armee und arbeitete in der Britischen Botschaft. Nach außen hin wirkte er wie ein rechtschaffener Beamter. Dennoch war er ein entsetzlicher abartiger Mörder, einer der schlimmsten Serienkiller, die mir je über den Weg gelaufen waren.
Ein örtlicher Agent namens Fred Wade kam zu mir zum Hubschrauber, der mich hergebracht hatte. Ich studierte die Fotos des Bergsteigers. Wade sagte, er würde gern wissen, was hier los sei. Das konnte ich ihm nicht verübeln. Ich hätte es ebenso gern gewusst.
»Der Mann, der die Explosion auf Video aufgenommen hat, heißt Geoffrey Shafer«, erklärte ich Wade. »Ich kenne ihn. Er beging mehrere Morde in Washington, D.C., als ich dort beim Morddezernat gearbeitet habe. Als Letztes hörten wir, dass er nach London geflohen sei. In einem Supermarkt in London hat er seine Frau vor den Augen ihrer Kinder ermordet. Dann ist er untergetaucht. Na ja, jetzt ist er offensichtlich wieder hier. Ich habe keine Ahnung, weshalb, aber ich bekomme grauenvolle Kopfschmerzen, wenn ich nur an ihn denke.«
Ich nahm mein Handy heraus und rief in Washington an. Während ich schilderte, was ich herausgefunden hatte, schaute ich noch mal die letzten Fotos von Colonel Shafer an. Auf einem kletterte er in einen roten Ford Bronco.
Auf einem anderen sah man den Bronco von hinten, als er davonfuhr. O Gott! Man konnte das Nummernschild lesen.
Und das war das bis jetzt Seltsamste: Das Wiesel hatte einen Fehler begangen.
Das Wiesel, das ich kannte, machte nie Fehler.
Vielleicht war es kein Fehler.
Vielleicht gehörte es zu einem Plan.

12
Der Wolf war nach wie vor in Los Angeles, aber die Berichte kamen regelmäßig aus der Wüste Nevadas. Polizei trifft beim Sunrise Valley ein... dann Hubschrauber... die US-Armee... schließlich das FBI.
Sein alter Freund Alex Cross war jetzt also draußen. Gut für Alex Cross. Was für ein guter Soldat.
Selbstverständlich blickte niemand dort durch.
Keine schlüssige Theorie über das, was in der Wüste geschehen war.
Wie auch? Es war Chaos, und das war das Schöne dabei. Nichts jagte den Menschen mehr Angst ein als etwas, was sie nicht verstehen konnten.
Ein treffendes Beispiel waren Fedja Abramzov und seine Frau Liza hier in L.A. Fedja wollte gern ein großer Mafiagangster sein und zur örtlichen Schickeria gehören, deshalb lebte er wie ein Filmstar in Beverly Hills. Das Haus, in dem der Wolf sich zur Zeit aufhielt, gehörte Fedja und Liza. Aber eigentlich gehört es mir, dachte der Wolf. Schließlich war deren Geld sein Geld. Ohne ihn waren die beiden nur kleine Ganoven mit ehrgeizigen Wahnvorstellungen.
Fedja und Liza hatten gar nicht gewusst, dass er in ihrem Haus war. Die beiden waren in ihrem Ferienhaus in Aspen gewesen und nach Los Angeles erst abends kurz nach zehn Uhr zurückgekehrt.
Ihre Überraschung kann man sich unschwer vorstellen.
Ein mächtig aussehender Mann sitzt allein im Wohnzimmer. Er sitzt seelenruhig da. Friedlich. Dabei drückt er rhythmisch einen Gummiball in der rechten Hand.
Sie hatten ihn noch nie zuvor gesehen.
»Wer zum Teufel sind Sie?«, fragte Liza. »Was machen Sie hier?«
Der Wolf breitete die Arme aus. »Ich bin der, der euch all diese herrlichen Sachen gegeben hat. Und was gebt ihr mir als Gegenleistung? Respektlosigkeit. Ich bin der Wolf.«
Fedja hatte genug gehört. Er wusste, dass er und Liza so gut wie tot waren, wenn der Wolf persönlich erschien und sich von ihnen sehen ließ. Einzige Chance ist weglaufen und zu Gott beten, dass der Wolf allein hier ist, was allerdings unwahrscheinlich ist.
Er tat einen einzigen Schritt. Der Wolf holte eine Pistole unter einem Kissen hervor. Er war ein hervorragender Schütze. Er schoss Fedja Abramzov einmal in den Rücken und einmal ins Genick.
»Er ist mausetot«, sagte er zu Liza. Er wusste, dass das ihr Spitzname war. »Ich ziehe Jelisaweta vor«, erklärte er. »Nicht so gewöhnlich, so amerikanisiert. Komm und setz dich. Komm. Bitte.«
Der Wolf deutete auf seinen Schoß. »Komm schon. Ich wiederhole mich nicht gern.«
Die junge Frau war hübsch – und zudem gescheit – und offenbar skrupellos wie eine Giftschlange. Sie schritt durch den Raum und setzte sich auf den Schoß des Wolfs. Sie tat, was man ihr sagte. Braves Mädchen.
»Ich mag dich, Jelisaweta. Aber mir bleibt keine Wahl – du hast mir nicht gehorcht. Du und Fedja, ihr habt mir Geld gestohlen. Keine Widerrede. Ich weiß, dass das stimmt.« Er blickte in ihre schönen braunen Augen. »Weißt du, was Zamochit ist?«, fragte er. »Das Brechen der Knochen?«
Augenscheinlich wusste Jelisaweta es, denn sie schrie so laut sie konnte.
»Gut so«, sagte der Wolf und packte das schlanke linke Handgelenk der Frau. »Heute läuft alles bestens.«
Er begann mit Jelisawetas kleinem Finger.

13
Hatte ein Krieg begonnen? Wenn ja, wer war der Feind?
Es war in der Wüste stockdunkel und eiskalt. Unheimlich und irreführend, um es gelinde auszudrücken. Kein Mond am Himmel. Gehörte das zum Plan? Was sollte als Nächstes geschehen? Wo? Wem? Warum?
Ich bemühte mich, meine Gedanken zu ordnen und zumindest eine Art provisorischen Plan für die nächsten paar Stunden zu entwerfen. Schwierig, vielleicht sogar unmöglich. Wir suchten nach einer kleinen Fahrzeugkolonne von Armeetrucks und Jeeps, die anscheinend wie von der Wüste verschluckt worden waren. Aber wir hatten auch einen Ford Bronco mit Nummernschildern aus Nevada, 322JBP, und dem Logo des Sonnenuntergangs.
Und wir suchten nach Geoffrey Shafer. Warum sollte das Wiesel hier sein?
Während wir darauf warteten, dass uns etwas weiterhalf, eventuell eine Nachricht oder eine Warnung, ging ich dort umher, wo vorher Sunrise Valley gewesen war. Wo die Bombe explodiert war, waren Bauten und Fahrzeuge nicht nur platt gedrückt, sondern buchstäblich verdunstet. Immer noch schwebten kleine Teilchen des Todes und der Zerstörung, Funken und Asche, durch die Luft. Der Nachthimmel war von einer dunklen öligen Rauchwolke verdeckt. Ich war tief betroffen von der Vorstellung, dass nur ein einziger Mensch so etwas erdenken und durchführen konnte – und nur ein einziger es wollen würde.
Bei meinem Rundgang durch die Schuttberge sprach ich mit Agenten und Technikern, welche an den Ermittlungen beteiligt waren, und machte mir einige Notizen über den Schauplatz des Verbrechens:
Trümmerteile der Wohnwagensiedlung sind überall verstreut.
Zeugen beschreiben Kanister, die aus einem Propellerflugzeug herabfielen.
Ein Kanister schien auf ein Mobilehome zu fallen, explodierte jedoch in der Luft darüber.
Anfangs glich die Explosion einer »weißen wabbelnden Quallenwolke«. Dann explodierte die Wolke.
Die durch die Hitze entstandenen starken Winde, Wirbelstürme, wehten offenbar mehrere Minuten lang mit Orkanstärke.
Bis jetzt hatten wir nur eine Leiche im Schutt entdeckt. Alle fragten sich verblüfft: Weshalb nur ein Toter? Warum wurden die anderen Bewohner verschont? Warum wurde diese Kleinstadt aus Wohnwagen überhaupt in die Luft gejagt?
Es ergab keinen Sinn. Bis jetzt nicht. Besonders nicht Shafers Anwesenheit.
Eine der örtlichen FBI-Agenten, Ginny Moriarity, rief meinen Namen. Ich drehte mich um. Sie winkte mir aufgeregt, zu ihr zu kommen.
Ich lief zu ihr und einigen Polizisten, mit denen sie zusammenstand. Alle schienen über irgendetwas sehr aufgeregt zu sein.
»Wir haben den Bronco gefunden!«, rief sie. »Keine ArmeeTrucks, aber wir haben den Bronco in Wells aufgefunden.«
»Was ist in Wells?«, fragte ich Moriarity. »Ein Flughafen.«

14
»Los!«
Ich saß wieder im FBI-Hubschrauber. Wir flogen so schnell wie möglich nach Wells und hofften, das Wiesel zu erwischen. Es war eine geringe Chance, doch wir hatten nichts anderes. Die Agenten Wade und Moriarity begleiteten mich. Sie wollten nicht verpassen, was uns in Wells erwartete.
Als wir das, was von Sunrise Valley übrig war, verließen, betrachtete ich die Wüste. Die einstige Siedlung lag ungefähr dreizehnhundert Meter hoch.
Ich schaltete meine Umgebung völlig aus und dachte nur an Shafer. Ich bemühte mich, herauszufinden, was ihn möglicherweise mit dieser Sauerei verband, mit dieser Katastrophe, diesem Schauplatz eines Mordes. Vor drei Jahren hatte Shafer Christine Johnson entführt. Das war geschehen, als wir einen Familienurlaub auf Bermuda gemacht hatten. Damals war ich mit Christine verlobt gewesen. Wir wollten heiraten. Beide wussten wir nicht, dass sie mit Alex schwanger war, als Shafer sie entführte. Nach ihrer Befreiung war unsere Beziehung nie wieder wie früher. John Sampson, mein bester Freund, und ich fanden sie auf Jamaica. Christine war gefühlsmäßig traumatisiert, was ich ihr selbstverständlich nicht verübeln konnte. Danach zog sie nach Seattle, wo sie jetzt mit Alex lebte. Und ich gab Shafer die Schuld für den Kampf ums Sorgerecht.