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001

Inhaltsverzeichnis
 
Malea
Kenny
Livi
Tessa
 
Malea
Malea
Kenny
Tessa
Malea
Kenny
Malea
Livi
Tessa
Kenny
Malea
Tessa
Livi
Kenny
Livi
Tessa
Malea
Malea
Aurora
Livi
Tessa
Kenny
Malea
Livi
Tessa
Livi
Malea
Tessa
Malea
Livi
Kenny
 
Tessa
Kenny
Livi
Aurora
Malea
Copyright

cbj ist der Kinder- und Jugendbuchverlag
in der Verlagsgruppe Random House
 
 
 
Mit Dank an Frederike und Aaron fürs Probelesen,
und an Petra und Franziska für fremde Vokabeln.
And a big thank you to Anne & Gerry Yeates and Jim Brain,
who are the nicest and funniest company at our little Monday Night
Club. (And who taught me the most interesting words and phrases,
most of which I will never be able to use anywhere …!)
D. H. M.
 
Mehr von den Chaosschwestern in:
Die Chaosschwestern legen los!

Malea
Martini 11 Jahre ist …
002
… Weltbürgerin (das zeigt doch wohl schon der
hawaiianische Name!).
 
… Tiefseeforscherin (später).
 
… eine knallharte, gerissene, mit allen Wassern
der Weltmeere gewaschene Spionin (so etwa
wie James Bond, nur weiblich natürlich).
 
… keine Welle hoch genug. Als echte Surferin
schreckt sie auch auf dem Land vor kaum einer
Herausforderung zurück.

Kenny
Martini 7 Jahre ist …
003
… Sternenguckerin (abends durchs Dachfenster).
 
… Ponybesitzerin (im Traum).
 
… große Schwester (eines Tages, wenn sie Mama endlich
überredet hat, noch ein weiteres Kind zu bekommen.
Solange ist sie leider nur »eine« Schwester.
Aber ist doch völlig egal, ob die anderen älter oder jünger
sind. »Klein« ist sie jedenfalls nicht.).
 
… gut drauf (»Lasst mich bloß in Ruhe!«).
 
… auf jeden Fall groß genug, um jederzeit mitzumachen, mitzureden und mit aufzubleiben.

Livi
Martini 13 Jahre ist …
004
… irgendwie fehl am Platz in dieser Familie
(nach Aussage von ihr selber) und kann den
Gedanken nicht ganz aufgeben,
als Baby im Krankenhaus vertauscht worden zu sein,
nur leider sprechen alle familiären Fakten gegen diese
hoffnungversprechende Theorie.
 
… langweilig (nach Aussage von Malea).
 
… gaaanz toll (nach Aussage von Kenny,
weil Livi oft mit ihr malt, bastelt oder ihr vorliest).
 
… eben eine von unzählig vielen Schwestern
(nach Aussage von Tessa).

Tessa
Martini 15 Jahre ist...
005
… schön (das ist nun mal so, dafür kann Tessa ja nichts).
 
… interessiert an fast allem (besonders am anderen Ge-
schlecht, schließlich muss sie sich aufs Leben vorbereiten,
und zu Hause hat sie nur wenig Anregung in der Bezie
hung – zumindest, was das andere Geschlecht angeht).
 
… wirklich nicht dumm.
(Wenn die Lehrer das endlich mal einsehen würden!)
 
… jeden Tag schwer beschäftigt (da gibt es ständig neue
Telefonnummern zu sortieren, Make-up-Produkte zu ver-
gleichen und Mails an Dodo, Tessas beste Freundin,
zu schicken).

Malea
006
Wenn ich alle-alle-alle Möglichkeiten der Welt hätte, würde ich natürlich auf Hawaii leben, wo ich auch geboren bin. Ich würde jeden Morgen ein paar Stunden surfen, mich dann am Strand erholen und dann – ähm – hm, ja, was dann? Ein Mensch kann ja nicht stundenlang bloß nutzlos am Strand rumliegen. (Na gut, Tessa kann das vielleicht.) Man muss doch eine Aufgabe haben im Leben, oder? Und wenn es auch nur die Rettung von ein paar Menschen ist, die sich mit Fettbauch und Sonnenstich ins Meer geschmissen haben und keine drei Minuten später um Hilfe rufen. Aber ewig nur dämliche Touristen zu retten, ist auf Dauer bestimmt langweilig. Ich will ja nicht als Baywatch-Tussi enden. Also was dann? Was könnte MEINE Aufgabe sein im Leben? Hm … Der Nordpol und die Eisbären sind schon hundert Mal entdeckt worden, der Südpol und die Pinguine auch. Sämtliche Ozonlöcher und abgeholzte Regenwälder hat Livi fest im Griff. Der liebe, alte Walter Walbohm von nebenan kümmert sich um die armen Hühner in diesen Tierquäler-Käfigen. Und Rema, unsere Renate-Oma, marschiert eisern auf jeder Demo mit. Gegen alles, was mies ist, und für alles, was gut ist. Aber wenn alles schon entdeckt ist und sich um alle Schandtaten in dieser Welt bereits Leute kümmern, was bleibt dann für mich?
007
Neulich hatte Tessa in ihrer Klasse Berufsberatung. Da kommen dann Leute in die Schule, die einen interviewen und einem hinterher sagen, wofür man sich eignet. Hihihi, Tessa eignete sich für gar nichts.
Das fand sie aber gar nicht lustig. Sie hat natürlich behauptet, dass es überhaupt nicht so sei, dass sie sich für gar nichts eigne, sondern dass es vielmehr so sei, dass sie unzählige Talente habe. Und dass es deshalb schwer für die Berufsberater gewesen sei, eine eindeutige Richtung in der Begabung herauszufinden. Hahaha!
Rema – lieb wie sie ist – hat natürlich nicht gelacht, sondern gefragt, was Tessa denn gerne werden würde. Ganz egal, wofür sie begabt ist und was sie deshalb werden sollte. Tessa musste also einfach nur sagen, was sie wollen würde, wenn sie alles können könnte.
Das wusste Tessa aber auch nicht. Da hat Rema ein Spiel mit ihr gemacht.
»Stell dir vor, du hättest alle Möglichkeiten der Welt«, hat Rema gesagt. »Du könntest wohnen, wo du willst und wie du willst, und den ganzen Tag lang tun, was immer du willst. Was würdest du dann tun und wo würdest du leben?«
Rema hat natürlich gehofft, dass Tessa irgendwas sagen würde, was Rema einen Hinweis auf einen möglichen Beruf geben könnte. Also, wenn Tessa zum Beispiel »Nägel lackieren« gesagt hätte, was sie ja den ganzen Tag über tut (wenn sie nicht gerade damit beschäftigt ist, mit ihrer Freundin Dodo über Haarefärben in allen Mallorca-Blondtönen oder Augen-Make-up – mit Lidschatten-Sternchen und ohne – stundenlang am Handy zu quatschen), dann hätte Rema ihr wenigstens vorschlagen können, Kosmetikerin zu werden oder so was.
Tessa sagte aber nur: »Dodo und mir ist es relativ egal, wo wir wohnen. Da sind wir flexibel. Wir werden nämlich unheimlich reich sein und dann können wir sowieso überall auf der Welt wohnen.«
»Ja, aber wo WILLST du denn wohnen?«, hat Livi gefragt.
Na ja, zugegeben, Livis Stimme klang ziemlich ungeduldig. Fast schon genervt. Kein Wunder, dass Tessa so zickig reagiert hat. Obwohl Livi möglicherweise nur deshalb so ungeduldig war, weil Tessa gerade die Omelettes anbrennen ließ, die sie für uns in der Pfanne machen wollte, und Livi dachte, dass die vielleicht noch zu retten wären, wenn Tessa schnell antworten und sich dann wieder aufs Backen konzentrieren würde.
Na ja, das war dann nicht so.
»Was geht’s dich an!«, hat Tessa geraunzt, während der beißende Geruch der angekokelten Eierkuchen durch den Raum waberte. »Und überhaupt ist das doch total egal. Wichtig ist doch wohl, dass ich das tue, was mir Spaß macht.«
Da hat Rema natürlich sofort genickt. Allerdings auch kurz besorgt zur Pfanne rübergeguckt.
»Das ist unbedingt wahr, Mädchen«, hat Rema gesagt. »Ihr müsst im Leben immer darauf achten, dass ihr euch wohlfühlt. Und ich denke sowieso, dass man mit fünfzehn noch gar nicht wissen kann, was man später mal machen möchte.«
Ich glaube, Rema ist immer auf unserer Seite. Egal, was wir sagen oder tun. Rema ist einfach die liebste Renate-Oma der Welt.
»Soll ich mal?«, hat Livi in diesem Moment gesagt und Tessa mutig die Pfanne aus der Hand genommen.
Ein Glück! Ich fing auch schon an, mir Sorgen zu machen, dass wir möglicherweise zum Mittagessen trockenes Müsli knabbern müssten. Besonders Rema sah deutlich erleichtert aus.
Livi starrte für eine Sekunde enttäuscht in die Pfanne, wo der Rest der ersten Omelettes schwarze Blubberblasen warf und nur allzu offensichtlich nicht mehr zu retten war, und schmiss dann das Zeug mit einem Ruck beherzt in den Müll.
»Sag mal, spinnst du?«, fauchte Tessa.
»Och, nein!«, hauchte Rema.
Doch Livi ließ sich weder von Tessas Geraunze noch von Remas vorwurfsvollem Blick stören. Sie ging zum Kühlschrank, holte frische Eier, mixte die Zutaten neu und ein paar Minuten später roch unsere Küche wieder hoffnungsvoll nach Essen. Diesmal ohne unterschwelligen Brandgeruch.
Ich musste grinsen, weil der erleichterte Seufzer von Rema nicht zu überhören war.
»Du, Tessie«, plapperte Kenny unbekümmert drauflos, während sie es sich auf Remas kuscheligem Schoß gemütlich machte, »ich dachte, du willst in Spanien wohnen, wenn du groß bist.«
Tessa hat nämlich einen spanischen Freund, diesen Javier, der sie ab und zu – also eigentlich ziemlich oft – besuchen kommt.
»Na, hör mal, ich bin schon groß!«, hat Tessa empört geantwortet.
Aber dann hat sie doch gegrinst und etwas leiser genuschelt: »Vielleicht mach ich das mit Spanien.« Sie setzte sich kurz zu uns an den Tisch und suchte in ihrer Schultasche nach ihrem Handy. »Vielleicht auch nicht.«
»So«, meinte Kenny. »Und womit verdienst du das ganze Geld, das du dann hast? Willst du etwa auch Kochbücher schreiben wie Mama?«
Tessa starrte Kenny entsetzt an.
Nein …, jetzt wo ich so drüber nachdenke, guckte sie eher … ertappt! Und knallrot wurde sie auch! HA! Richtig schuldbewusst sah sie aus. Womöglich hat Kenny genau ins Schwarze getroffen?
»Blödsinn«, nuschelte Tessa nur. Und dann stand sie auf, weil sie zweifellos oben in ihrem Zimmer mit Dodo telefonieren wollte. War bestimmt wichtig, sie hatten sich ja seit ihrer Trennung auf dem Nachhauseweg von der Schule seit mindestens zwölf Minuten schon nicht mehr gesehen!
»Die Omelettes sind fertig!«, rief Livi hinter ihr her.
»Lass doch«, meinte Rema. »Sie kann sich ja später noch eins machen.«
»Mehr Eier haben wir aber nicht«, sagte Livi. »Ich hab die letzten eben genommen, und wer weiß, wann Aurora wieder welche legen wird.«
»Oder wo«, fügte Kenny grinsend hinzu.
Die letzten Eier hatte nämlich Kenny gefunden. Unter Cornelius’ Schlagzeug. Da hätte es bei der nächsten Rainbow-Probe absolut sicher Rühreier gegeben. Genau in diesem Moment kam Aurora durch die offene Tür in die Küche getippelt. Vor dem Herd blieb sie stehen, reckte ihren Hals vor und zurück und vor und zurück, legte ihren Kopf schief und schaute dann Livi vor dem Herd lange und nachdenklich an.
Ich bekam beinahe ein schlechtes Gewissen. Weil es doch Auroras Eier waren, die da in der Pfanne brutzelten …
Hängen Hühner eigentlich sehr an ihren Eiern?
Livis Omelettes schmeckten lecker. Wie alles, was Livi kocht. Und ich hoffte sehr, dass Aurora nicht erahnen konnte, was es wirklich war, das wir da in unseren Mund schaufelten.
Kenny drehte sich um und sah Aurora mit leuchtenden Augen an. »Halloho!« Kenny ist diejenige von uns, die sich am meisten ein Haustier gewünscht hat.
»Sitz!«, sagte Kenny und schaute Aurora streng an.
»Toooock!«, antwortete Aurora ziemlich irritiert und auch ein wenig verärgert.
Kenny ließ sich davon nicht im Geringsten beirren.
»Sitz!«, wiederholte sie energisch und hielt dazu verlockend ein Stück Omelette vor Auroras Schnabel.
Aurora reckte sofort ihren Hals.
Ich glaube echt, Hühner fressen alles. Ich habe jedenfalls noch nichts gesehen, das Aurora nicht zumindest probiert hätte.
Doch Kenny war erbarmungslos. »SITZ!«
»Mensch, Kenny!«, mischte sich Livi ein. »Wie soll sich das arme Huhn denn hinsetzen? Hühner setzen sich nur zum Brüten und nicht etwa an jeder Ampel wie ein Hund.«
Kenny verzog schmollend ihren Mund. Aurora spreizte ihre Flügel und reckte den Hals jetzt so weit, dass sie beinahe Kennys Lockstück erwischt hätte.
»Nö«, sagte Kenny. »Wenn du nicht Sitz machst, kriegst du auch nichts.« Und damit stopfte sie sich die Gabel selbst in den Mund. (Kleine Kinder können manchmal ganz schön grausam sein.)
»Tooockkkk!«, machte Aurora böse.
Ja, das ist jetzt ein paar Tage her. Und heute Abend liege ich hier im Bett und fange noch mal alleine an, Remas Spiel »Was würdest du tun, wenn du alles könntest?« zu spielen. Ich schätze mal, ich bin die Einzige von uns, die inzwischen noch darüber nachdenkt.
Ich finde schlafen nämlich grundsätzlich ziemlich langweilig. Einschlafen besonders. Wenn man erst mal träumt, ist es ganz okay. Aber bis dahin! Wo es doch so viele Sachen gibt, die man stattdessen noch machen könnte!
Warum sind die Tage bloß so kurz und die Nächte so lang? Und warum sind Iris und Cornelius solche Hippie-Spießer, die einem mit elf Jahren immer noch vorschreiben, wann man ins Bett gehen soll?
Ich kuschele mich in meine Decke, schaue auf meine meerwasserblau gestrichene Wand und denke an die Strände von Hawaii und an all die »Hilfe! Hilfe!« schreienden Menschen und wie ich dort unerschrocken ins Wasser jage, um Leben zu retten, und mit tropfenden Haaren und einem ohnmächtigen Fünfzehnjährigen in meinen starken Armen wieder rauskomme …
Ha! Wie die Leute am Strand mich anstarren! Das haben sie noch nicht gesehen! Eine Elfjährige, die Große rettet! Der Fünfzehnjährige schlägt die Augen auf, als ich ihn auf den Strand plumpsen lasse – ähm, nein – als ich ihn sanft im Sand absetze natürlich, und lächelt mich dankbar an. Dann haucht er leise: »…«
Äh – Moment – was sagen Fünfzehnjährige wohl, nachdem sie gerettet wurden?
Also, jedenfalls schüttele ich mir das Salzwasser vom Körper, lächele kurz in die Kameras – es sind natürlich immer eine Menge Kameras da, wenn ich Leute rette – und …
Ja, und genau in diesem Moment merke ich, dass es sooo aufregend auch wieder nicht ist, den ganzen Tag lang nur dusselige, ohnmächtige Menschen zu retten. Und irgendwie interessiert es mich auch nicht mehr besonders, was der blöde Fünfzehnjährige zu sagen hat. Soll er doch sagen, was er will! Ich brauche andere Herausforderungen!
Ich glaube kaum, dass James Bond sich lange mit dem Retten von Touristen aufhalten würde. Ich meine, klar, wenn er gerade da ist und nichts anderes zu tun hat. Dann natürlich. Aber im Großen und Ganzen gesehen … muss sich einer wie James Bond selbstverständlich um wichtigere Dinge als einzelne Fünfzehnjährige kümmern. Um größere Zusammenhänge. Auf der ganzen Welt hängt nämlich sowieso alles mit allem irgendwie zusammen. Das sagen die Lehrer auch immer. Also ist genau das wichtig. Das ALLES nämlich!
Oh – oh – okay, und genau da wird es mir meerwasserklar! Was ich wollen würde, wenn ich könnte. Ja!

Malea
008
Ja, ich weiß jetzt, was ich tun muss. Ich meine, um eine Aufgabe im Leben zu haben und so. Schließlich bin ich Weltbürgerin. Und als Weltbürgerin muss man sich um die Welt kümmern. Um die ganze Welt, meine ich. Deshalb sollte man nicht nur ein paar Hühner retten (oder ertrinkende Fünfzehnjährige), sondern natürlich alles auf der Welt. Die ganze Welt. Jawohl. Das ist echt gut. Das ist bestimmt das Beste, was mir bis jetzt eingefallen ist. James Bond rettet schließlich auch irgendwie immer die ganze Welt und nicht nur ein einziges kleines Land. Hm …, nur … WIE genau rettet man eigentlich die ganze Welt? Ach, kein Problem. Das wird mir schon noch einfallen!
009
Iris und Cornelius sind nicht die Namen unserer Goldhamster, wie man vielleicht denken könnte. Nein, es sind unsere Eltern. Außer Aurora haben wir gar keine Haustiere.
Dass wir unsere Eltern nicht »Mama« und »Papa« nennen, liegt nicht etwa daran, dass wir das interessanter fänden (nee, wir finden das ungefähr hunderttausend mal blöder!), sondern daran, dass Cornelius es in-di-vi-du-eller findet. Schon das Wort ist so dämlich, dass man gar nicht mehr weiter zuhören möchte. Aber Cornelius findet, dass es bereits unheimlich viele Mamas und Papas auf der Welt gibt und wesentlich weniger Irise oder Corneliuse.
Tja. Was soll man dazu sagen?
Kenny ignoriert das natürlich komplett. Für sie heißen unsere Eltern Mama und Papa. Genauso wie sie alles andere ignoriert, was sie nicht will. Gebratene Pilze. Haarshampoo. Oder Spülmaschinenausräumdienst.
»Kendra«, sagt Cornelius zum Beispiel, »komm doch mal her!«
»Was ist denn, Papa?«, ruft Kenny dann zurück.
Was sofort zu einem leichten Knurren bei Cornelius führt. »Cornelius! Ich heiße Cornelius!«
Kenny grinst daraufhin nur amüsiert. »Das weiß ich doch, Papa! Was willst du denn?«
»Cor-ne-li-us!«
»Ja, Papa?«
Ich finde das lustig.
Cornelius hat nicht nur ungewöhnliche Vorstellungen, was Namen angeht. (Kendra, Malea, Olivia und Tessa-Tiara gibt es ja nun auch nicht gerade in jeder Klasse dreimal. Was ich allerdings sehr schön finde.) Nein, Cornelius ist auch sonst nicht ganz der Super-Normalo-Papa. Also, ich meine, er geht nicht morgens in ein Büro und kommt abends wieder nach Hause.
Cornelius geht eigentlich überhaupt recht selten aus dem Haus, außer wenn er mit seiner Band Rainbow einen Auftritt hat (was überraschenderweise doch immer wieder vorkommt), oder wenn er mit seinen Rainbow-Kumpels in deren Lieblingskneipe »Gig-Nachbesprechung« hat. Tessa und Livi finden es auf jeden Fall total daneben, dass Cornelius praktisch immer um uns herum ist.
»So kann man sich doch nicht normal entwickeln!«, schimpft Livi regelmäßig. »Jedes Mädchen in meinem Alter braucht auch mal Freiraum!«
Ha-ha, Freiraum! Möchte wissen, wozu Livi Freiraum braucht! Die tut doch sowieso nie was Verbotenes! Bei Tessa dagegen ist klar, warum sie das Haus ab und zu gerne mal etwas elternloser hätte. Meine älteste Schwester ist nämlich äußerst kontaktfreudig. So nennt es wenigstens Rema auf ihre nette Art.
Tessa lernt tatsächlich immer schnell Leute kennen. (Allerdings recht selten Mädchen.) Egal, wo wir gerade sind.
Von unserem letzten Spanienurlaub in den Sommerferien zum Beispiel, da hat Kenny ihr erstes Seepferdchen-Abzeichen mitgebracht, ich mein Fortgeschrittenen-Surf-Diplom, Livi mit ihren roten Haaren und ihrer hellen Haut erwartungsgemäß einen Mega-Sonnenbrand – und Tessa ihren Javi. Wenn der hier ist, dann knutschen die jede Menge rum.
Das fand Cornelius am Anfang gar nicht so klasse, aber inzwischen hat er sich dran gewöhnt. Er hat Tessas Freund Javier und dessen Freund Ramón sogar schon für ein ganzes Wochenende zu uns nach Hause eingeladen. Aber nun müssen sie erst mal bis Weihnachten heftig an ihrer Uni büffeln und können die nächsten Wochen nicht mehr kommen.
Mich stört Cornelius nicht sehr. Ich finde es sogar ganz lustig, dass er den ganzen Tag auf Sachen rumtrommelt oder in seinem Übungsraum im Keller Schlagzeug spielt oder Melodien vor sich hin summt, wenn er auf dem Sofa die Beine hochlegt. Iris aber rollt mit den Augen wie ein Kugelfisch im Wasser, wenn sie Cornelius irgendwo lächelnd rumliegen sieht.
»Ich arbeite!«, verteidigt er sich dann empört.
»Klar, klar!«, schnaubt sie böse zurück. »Und ich husche derweil in meiner riesig bemessenen Freizeit so ein wenig zu meinem reinen Vergnügen im Haus herum. Lass dich bitte nicht stören!« Und dabei kippt sie ganz unauffällig den Korb mit der nassen Wäsche über seinem Kopf aus. »Huch! Och nee, tut mir das aber leid!«
Entspannt ist Iris zurzeit eigentlich nur, wenn sie in der Küche steht und kocht. Das macht sie nämlich richtig gern. Was ehrlich tragisch ist. Weil es ja leider bedeutet, dass Iris nur dann glücklich ist, wenn wir anderen direkt danach unglücklich werden. Denn wenn Iris kocht, heißt das natürlich, dass wir kurze Zeit später ihre Gerichte auch essen müssen …
Ich sage es nicht gern, aber Iris ist vermutlich die schlechteste Köchin der ganzen Stadt. Auch wenn sie bestimmt sehr – wie nennt man das? – kreativ ist. Also, Einfälle hat sie zumindest reichlich. Aber wer (außer Iris) würde schon allen Ernstes annehmen, dass Steak-Rouladen mit Rhabarber-Zwiebel-Füllung lecker schmecken? Kein Wunder, dass sich ihre Kochbücher nicht gerade in Riesenstückzahlen verkaufen!
Und kein Wunder, dass sie deswegen unser Geld nicht mit Kochbüchern, sondern mit dem Schreiben von grässlichen Kitschromanen verdient. Die verkaufen sich nämlich wie lecker-schwabbeliger Wackelpudding – wutsch und weg. Was ein Riesengeheimnis ist und was wir nie jemandem verraten dürfen. Denn dass sie ihr Geld – oder besser gesagt unser Geld, denn Cornelius trägt dazu, glaube ich, nicht allzu viel bei – mit schmalzigster Liebessülze verdient, ist Iris grässlich peinlich. Kann man ja verstehen.
Iris ist deswegen aber ebenfalls meist den ganzen Tag zu Hause. Insofern sind wir doppelt geschlagen. Obwohl sie deutlich weniger stört als Cornelius, weil sie ja ständig beschäftigt ist. Mit Tippen, Kochen oder mit anderen Sachen, die sie noch mehr hasst als das Tippen. Was gelegentlich dazu führt, dass sie eine von uns anschnauzt: »Würdet ihr vielleicht freundlicherweise auch mal ein klitzekleines bisschen im Haushalt mit anfassen?«
Ich bin immer knapp davor, ihr sehr höflich mit »Nein, eigentlich nicht« zu antworten. Ich meine, wenn sie schon fragt.
Aber – seufz – es ist natürlich logisch, dass Iris an dieser Stelle kein Interesse an einer Unterhaltung hat. Alles, was sie will, ist, dass wir Mädchen noch mehr als sowieso schon wie blöde staubsaugen, die Spülmaschine einräumen, ausräumen, die Wäsche aufhängen, abnehmen, wegräumen – einfach gruselig viele Dinge, die unheimlich viel Zeit kosten. Mindestens zweimal pro Woche ist jede von uns mit einem Haushaltsdienst dran. Dabei hab ich schließlich noch was anderes zu tun!
Ja, es gibt so viele wichtige Dinge, die man tun sollte auf der Welt … Huch? Wieso ist es denn so hell draußen? Ist es etwa schon Tag? Hab ich etwa geschlafen?
Erstaunlich, dass man so mit seinen Gedanken beschäftigt sein kann und gar nicht merkt, dass man zwischendurch mal kurz eingenickt sein muss.
Egal, ich fühle mich frisch wie ein Fisch in der Tiefsee! Obwohl ich ja sonst, wenn ich erst mal eingeschlafen bin, nicht so schnell wieder aufwache. Ähm – ja – wieso bin ich eigentlich überhaupt schon wach?
RUMMMMSSSS!
Hilfe! Was ist das denn? Kein Wunder! Davon würde ja selbst Rema aufwachen!
»Iris? Cornelius? Seid ihr das?« Oh, Rema ist aufgewacht. Und ihre Stimme draußen im Flur klingt reichlich verstört.
Wie spät ist es denn? Was, noch nicht mal acht? Unfassbar früh für einen Samstag.
RRRRUMMS! KLIRRRRR!
Meine Güte! Das kommt auf jeden Fall vom obersten Stockwerk, wo Kennys Zimmer und das von Iris und Cornelius liegen. Und da ich mir nicht vorstellen kann, dass Kenny etwas so Lautes anstellen könnte, werden es wohl wirklich …
Was um alles in der Welt ist da oben los? Unsere Eltern mögen sich ja vielleicht manchmal streiten, aber so?
»Iris?« Rema klingt jetzt fast schüchtern. »Ist alles in Ordnung? Was – äh – macht ihr denn da?«
Mann, das wüsste ich aber auch gern!
Ich hüpfe aus dem Bett und stecke meine Nase aus der Tür. Unten im Erdgeschoss steht Rema in ihrem regenbogenbunten Bademantel, lächelt zu mir hoch und zuckt beim nächsten Krach zuerst zusammen und dann hilflos mit den Schultern.
»Ach, ach …«, murmelt sie vor sich hin.
Nun tapst auch Tessa aus ihrem Zimmer gegenüber mit leicht verquollenen Augen in den Flur. »Geht’s noch? Was soll denn der Krach?«
Nur bei Livi ist noch alles still. Die kann doch nicht im Ernst schlafen? Ist die über Nacht taub geworden? Das hört sich ja an, als ob Cornelius das ganze Haus zerlegt.
In diesem Moment geht die Schlafzimmertür oben auf und eine Sekunde später guckt Iris mit verlegenem Blick von oben die Treppe runter. »Äh – hallo – guten Morgen! Ihr seid schon wach?«
Nee, Iris, du, wir träumen noch sanft und mollig. Von einstürzenden Riesenbäumen, Vulkanausbrüchen und anderen kuscheligen Dingen.
Weder Rema noch ich noch Tessa antworten. Wir recken unsere Köpfe nach oben, starren Iris wortlos an und warten.
Iris wickelt sich ihren dünnen Morgenmantel dichter um ihren Körper und sieht immer verlegener aus.
»Alles in Ordnung bei euch?«, versucht Rema noch einmal zaghaft, eine vernünftige Erklärung zu bekommen.
»Oh ja!«, versichert Iris sofort in betont überzeugendem Tonfall. Vielleicht eine Spur zu überzeugend. »Cornelius macht nur … ähm … hat nur … ist nur dabei …«
»Den NOTDIENST!«, donnert in diesem Moment Cornelius’ Stimme durchs Haus, ohne dass man auch nur einen Zipfel von ihm sehen kann. »Du sollst endlich den Handwerker-Notdienst rufen! Lange kann ich nicht mehr halten!«
»Ja, ja! Bin schon dabei!«, piepst Iris – irgendwie erstaunlich schuldbewusst – und saust im Sturmschritt die Treppe runter Richtung Telefon.
»Himmel und Hölle!«, bellt Cornelius’ Stimme von oben. »Wenn ich unter diesem morschen Dach erst tot und begraben liege, bist du hoffentlich froh!«
Remas Augen werden kugelrund. Dann fasst sie sich ans Herz. »Kinder! Aber – aber was ist denn …« Das Letzte klingt weniger wie eine Frage, als vielmehr wie eine Bitte.
Tessa ist so sprachlos, dass sie Iris nur dämlich nachstarrt, als die an uns vorbei ins Erdgeschoss hastet.
Ich aber versuche, mich zusammenzureißen und blitzschnell die Situation zu erfassen. Das tut James Bond schließlich auch immer. Spione können sich zeitvergeudendes, dummes In-die-Gegend-Starren grundsätzlich nicht leisten. Die müssen natürlich immer wissen, was läuft.
Im Moment weiß ich aber gar nichts.
Im Gegensatz zu meiner kleinen Schwester. Kennys aufgeregt grinsendes Gesicht erscheint nämlich gerade über dem Treppengeländer oben. Sie lächelt uns zu.
»Papa kann nicht runterkommen«, verkündet sie laut. »Er muss das Dach festhalten. Sonst kracht es ein.«
»Cornelius!«, höre ich Cornelius oben wütend schnaufen. »Ich heiße Cornelius!«
Unten quietscht Iris bei Kennys Worten gequält auf, als hätte eine Maus sie gebissen. Dann höre ich, wie sie hektisch die Tasten unseres Telefons betätigt.
Ich nehme drei Stufen auf einmal, als ich die Treppe hochrase und in Iris’ und Cornelius’ Zimmer stürze.
»RAUS!«, brüllt Cornelius zur Begrüßung. »Raus hier! Alle raus! SOFORT!«
Ich taumele schon von ganz allein rückwärts. Denn so was hab sogar ich noch nicht gesehen. Obwohl ich schon eine ganze Weile (elf Jahre immerhin) mit Cornelius zusammenlebe. Und – ganz ehrlich – da erlebt man so allerhand!
Cornelius steht in Schlafanzughose auf dem Bett, beide Hände unter größter Anstrengung gegen einen Riesenbalken in der Decke gestemmt – die allerdings kein bisschen mehr wie eine Decke aussieht. Überall im Zimmer verstreut liegen Holzbalken und Teile von so einer Art Pappplatte, an der Tapetenreste kleben. Das müssen die Teile sein, die vorher Decke waren. Stattdessen kann man über unseren Köpfen jetzt an vielen Stellen direkt auf den modrigen Dachboden gucken.
RRRUUUUUMMMMMSSSS!
Peng! Das war noch mal ein Brett von oben. Direkt vor Kennys und meinen Füßen knallt es auf. Und durch ein weiteres Loch kann man nun sogar hoch bis zu den Dachziegeln sehen.
»RAUS!«, brüllt Cornelius mit einer Verzweiflung in der Stimme, die ich noch nie bei ihm gehört habe. Wenn er sonst brüllt, was er – zugegeben – gerne und oft tut, dann immer wütend. Aber nie verzweifelt.
»DIE FEUERWEHR! Sagt Iris, sie soll unbedingt die Feuerwehr rufen!!!«
Augenblicklich wird mir der Ernst der Lage bewusst. Ich schubse Kenny mit einem Ruck aus dem Raum, drehe mich um und rufe die Treppe runter: »FEUERWEHR! IIIIRIS!! CORNELIUS KANN NICHT MEHR HALTEN!!!«
Mir wird heiß und kalt, als ich mich jetzt zu Cornelius umdrehe und einen Schritt zurück ins Zimmer mache. Seine Arme zittern schon und Schweiß läuft ihm den Pyjamarücken runter. Sich vorzustellen, was passiert, wenn seine Kraft plötzlich nachlässt. Wenn er den Balken loslässt …
Eine heiße Welle der Angst schießt mir in den Bauch! Angst um meinen Vater! Cornelius! Mir war gar nicht klar, wie lieb ich ihn hab!
Ich kann mich nur im letzten Moment davon zurückhalten, zu ihm zu laufen und mich an ihn zu schmeißen. Was natürlich grauenvoll wäre. Weil er dann ohne Zweifel umfallen würde. Und das Dach auf uns alle drauf. Hilfe!
Wo bleibt denn bloß die Feuerwehr!
Mir zittern jetzt nicht nur die Knie. Mir klappern jetzt auch die Zähne.
»Cornelius«, versuche ich möglichst ruhig und beherrscht zu sagen. Schließlich will ich ihn nicht erschrecken. »Cornelius, kannst du das Dach nicht einfach einstürzen lassen und vorher schnell herkommen?«
»Ja«, stimmt mir Kenny zu, die ebenfalls etwas beunruhigt aussieht, »komm doch lieber zu uns rüber, Papa!«
»WAAAAAAHHHHH!«, schreit er als Antwort bloß. Und vergisst völlig, Kennys Papa zu korrigieren. Ein schlechtes Zeichen.
Und eine winzige Sekunde, die genügt, um meinen Körper vollends mit Panik zu überschütten und mit hilflosem Zittern durchzurütteln, ja, eine winzige Sekunde lang fürchte ich, dass es das nach diesem Schrei war. Mit Cornelius, meine ich.
Aber er scheint zum Glück nur seiner Verzweiflung Luft gemacht zu haben. Keine weiteren Planken stürzen herab.
Ich denke fieberhaft nach. »Kenny, lauf nach nebenan und hol Walter Walbohm!« Ich überlege weiter. »Und auch Gregory von der anderen Seite. Wir brauchen jeden Mann!«
»NEIN!«, brüllt Cornelius. »Die sollen nicht reinkommen! Viel zu gefährlich!«
Doch seine Arme zittern allmählich heftiger als unsere alte Waschmaschine beim Schleudergang. Keine Frage, lange macht er’s nicht mehr!
Und dann hört man ein gruseliges Geräusch. Der Balken über Cornelius knackt bedenklich. Direkt danach sehe ich, dass sich ein Spalt bildet.
Der Balken spaltet sich! Oh nein, wie soll Cornelius denn beide Teile zugleich halten?
Cornelius guckt nach oben und sieht es auch. Er starrt und starrt mindestens eine Minute lang den Spalt an, der wie in Zeitlupe groß und größer wird. Seiner Brust entfährt ein tiefer Seufzer. Sein Luftholen danach ist hektisch wie bei einem schluchzenden Kind. Verzweifelt. Dann scheint er den Atem anzuhalten. Er senkt den Blick und starrt nur noch auf das schuttübersäte Bett unter ihm.
»Malea?«, sagt Cornelius plötzlich so leise, dass ich eine ganz grässliche Gänsehaut kriege. Denn leise ist Cornelius wirklich nicht mal beim Schnarchen.
»Ja?«, hauche ich zitternd.
»Malea …« Seine Stimme wird immer leiser. Seine Augen sehen nicht mehr irre und tobend, sondern plötzlich grauenvoll traurig aus.
Mir wird ganz schlecht vor Angst.
»Malea, sag Iris … sag Iris, dass ich es nicht böse gemeint hab, vorhin. Sag ihr … sag ihr …« Cornelius dreht seinen Kopf schmerzvoll um und sieht mich direkt an. Er kippelt.
Hilfe! Kippelt er? Nein, Cornelius, nein, du darfst nicht …
»Sag ihr, dass ich sie liebe, ja? Egal, was ich vorhin gesagt hab. Und euch lieb ich auuuu …«
Er wird unterbrochen von einem gewaltigen Krachen.
Das ist der Weltuntergang, ich weiß es. Cornelius versinkt in einem Meer aus Staub und Tapetenteilen und splitterndem Holz.
»PAPA!«, schreit Kenny neben mir voller Angst. »PAPAAAA!«
»Cornelius!«, flüstere ich. »Cornelius! NEIN!«

Kenny
010
Wenn man sich etwas ganz doll wünscht, wird es manchmal wahr. Mit Aurora war das so. Ich wollte sooo gern ein Haustier und nun haben wir eins. Auch wenn es noch nicht so richtig gelernt hat, ein Haustier zu sein. Also, ich meine, so ein richtiges, das auch Sachen machen kann. Stöckchen holen oder so. Manchmal allerdings wünscht man sich auch was und dann passiert genau das Gegenteil. Das ist echt blöd. Heute Morgen zum Beispiel lag ich im Bett und hab mir ganz doll gewünscht, dass Mama und Papa aufhören so doof nebenan zu streiten und Mama aufhört zu schreien »Nun tu doch mal endlich was, Cornelius! Rupf doch wenigstens mal diese hässliche Tapete von der Zimmerdecke runter!«, und dass Papa stattdessen in mein Zimmer kommt und mich fragt, ob wir in den Zoo fahren wollen. Und puh, das ist überhaupt-überhaupt-überhaupt gar nicht passiert!
011
Malea kann schlafen, bis das Haus einstürzt, sagt Mama immer. Aber seit heute weiß ich, dass das gar nicht stimmt. Denn heute ist unser Haus eingestürzt! Und Malea hat überhaupt nicht mehr geschlafen, sondern ist schon viel früher aufgewacht! Weil es nämlich schon furchtbar laut gekracht hat die ganze Zeit vorher. So laut, dass man gar nicht mehr hätte schlafen können. Selbst wenn man gewollt hätte. Und als das Haus dann wirklich einstürzte, stand Malea direkt daneben. Genauso wie ich.
Mann, war das aufregend!
Also – na ja – eigentlich ist nicht das ganze Haus eingestürzt. Nur das Dach. Oder – na ja – die Decke von Mamas und Papas Schlafzimmer unter dem Dach und ein paar Balken vom Dachboden mit ein paar Dachziegeln. Aber das ist alles voll ins Zimmer gekracht, obwohl Papa sich ganz doll Mühe gegeben hat, es festzuhalten. Vielleicht ist ein Mensch allein nicht stark genug, um ein Dach festzuhalten. Nicht mal Papa. Und deswegen krachte es eben runter. Und auf ihn drauf. Und Malea und ich standen im Flur und haben alles ganz genau gesehen.
»Cornelius!«, flüsterte Malea.
»Papaaa!«, schrie ich.
Und Mama kam die Treppe raufgaloppiert und schrie einfach nur: »Aaaaaaahhhhh!«
Tessa und Rema waren dicht dahinter. Aber die schrien beide nicht. Tessa sah bloß aus wie ein leicht verschimmelter weißer Joghurt und glotzte mit dicken Augen, und Rema keuchte vom Trepperauflaufen so sehr, dass sie nur röcheln konnte. Sonst hätte sie bestimmt sehr gern geschrien.
Als das Dach schließlich zu Ende eingestürzt war und Tessa begriffen hatte, dass unter dem ganzen Schutt und den Balken unser Papa lag, wurde sie noch schimmliger im Gesicht.
Rema torkelte zurück, als wäre ihr plötzlich schlecht geworden. Dann fasste sie hinter sich ans Treppengeländer und rutschte ganz langsam wie in Zeitlupe daran entlang zu Boden. Dort blieb sie auf ihrem Po einfach sitzen, sagte nicht Piep und nicht Pups und röchelte nur still weiter.
»CORNELIUS!«, brüllte Mama dafür umso lauter und sah sich panisch um.
»Papa ist da drunter«, sagte ich hilfsbereit und deutete auf den größten Haufen Bretter und Platten in der Mitte des Zimmers – für den Fall, dass Mama das nicht wissen sollte.
Mama und Malea und Tessa stürzten sich sofort wie die Blöden darauf und hatten schon fast die Hälfte des Dachs zur Seite geschmissen und der rechte Arm von Papa war schon total freigeräumt und problemlos zu sehen – was ja gut war, denn nun konnte man sicher sein, dass der restliche Papa auch noch ganz in der Nähe sein musste -, da hörte man endlich das Tatüütataaa draußen vorm Haus.
Meine Güte, ich finde, diese Feuerwehrleute brauchen reichlich lange, bis sie endlich mal kommen! Was, wenn es nun wirklich ein Notfall gewesen wäre?
»Kenny, mach die Haustür auf!«, befahl Mama, ohne mit dem Schuttwegräumen aufzuhören.
Aber das war gar nicht mehr nötig, denn diese Jungs von der Feuerwehr, die sind echt clever. Die hatten die Tür schon längst aufgebrochen und – ruckzuck – standen sie auch schon vor uns.
Als Erstes zogen sie Mama und Malea und Tessa aus dem Zimmer, obwohl Mama sich sträubte und immer »Mein Mann! Mein Mann!« rief und einfach nicht aufhören wollte, nach Papa zu buddeln. Aber die Feuerwehrleute waren viel schneller als Mama und meine beiden Schwestern und hatten Papa in Rekordzeit freigelegt. Nach dem ersten vielversprechenden Arm kam auch der Rest von Papa ziemlich heil aussehend zum Vorschein.
Nur bewegt hat er sich nicht. Kein bisschen. Das schien Mama ungeheuer zu beunruhigen. Sie fing wieder ganz grässlich an zu kreischen.
Und Rema draußen im Flur fasste sich an ihr Herz.
»Ach, ach, ach …«, machte Rema.
»Ist er bewusstlos?«, fragte Malea.
»Cornelius!«, hauchte Mama und kniete sich neben Papa in den Schutt.
Und dann raste auch schon ein Typ mit einem Köfferchen in der Hand an uns vorbei. Ich schätze, unsere Haustür stand mittlerweile sperrangelweit offen, sodass jeder, der wollte, einfach bei uns reinmarschieren konnte.