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C. M. Spoerri

 

ALIA

 

Der schwarze Stern

 

 

Band 2

 

Fantasy

 

 

 

 

© 2014 AAVAA Verlag

 

Alle Rechte vorbehalten

 

1. Auflage 2014

 

Umschlaggestaltung: AAVAA Verlag

Coverbild: © Tara / fantasiafrogdesigns.wordpress.com

 

Printed in Germany

AAVAA print+design

 

Taschenbuch:  ISBN 978-3-8459-1255-4

Großdruck:     ISBN 978-3-8459-1256-1

eBook epub:   ISBN 978-3-8459-1257-8

eBook PDF:   ISBN 978-3-8459-1258-5

Sonderdruck: Mini-Buch ohne ISBN

 

AAVAA Verlag, Hohen Neuendorf, bei Berlin

www.aavaa-verlag.com

 

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Alle Personen und Namen innerhalb dieses eBooks sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden Personen sind zufällig und nicht beabsichtigt.

 

 

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Dieses Buch ist meiner geliebten

Grossmutter Andy gewidmet.

Ich werde die Erinnerung an Dich immer

in meinem Herzen tragen.

 

Prolog

 

Die Sonne brannte unerbittlich auf den blendend weißen Sand, der sich bis an den Horizont erstreckte und nur von vereinzelten Kakteengruppen durchbrochen wurde. Ein trockener Wind peitschte ihnen glühend heiß entgegen, als sie sich nach Norden wandten, um rasch der todbringenden Hitze zu entkommen. Sie trugen nur das Nötigste an Kleidung, um sich vor den brennenden Strahlen zu schützen und gleichzeitig nicht zu stark zu schwitzen. Es würde dauern, bis sie etwas anderes als das spärliche Wasser der Kakteen zu trinken bekämen.

Die Lippen der Frau waren aufgesprungen. Verkrustetes Blut klebte daran. Der Mann sah nicht viel besser aus. Das dunkle Haar von beiden war grau vor Sand. Es hing in verschwitzten Strähnen über ihre abgemagerten, müden Gesichter. Die Kelmen, auf denen sie ritten, schienen die Einzigen zu sein, die sich bei dieser Hitze noch auf den Beinen halten konnten. Eine Klaue vor die andere setzend, schleppten die treuen Tiere ihre erschöpften Reiter durch die Einöde.

In einem Tag würden sie die sandigen Dünen endlich hinter sich lassen und kämen in fruchtbarere Gebiete. Aber sie waren bereits jetzt am Ende ihrer Kräfte. Wenn nicht ein Wunder geschah, würden sie den kommenden Morgen nicht mehr erleben.

Der Mann hatte ein paar Mal versucht, die Frau zu überreden, eines der Tiere zu töten, um zumindest deren Blut trinken und das Fleisch essen zu können. Sie hatte sich standhaft geweigert. Die Tiere waren alles, was ihr von ihrer Vergangenheit geblieben war. Abgesehen von dem Bündel, das sie bei sich trug, und das immer seltener weinte.

Auch jetzt schlief das Kind, das die Frau erst vor einem Monat inmitten der Talmeren geboren hatte. In einer Nacht, in der der Vollmond hell auf ihren geschwollenen Leib geschienen hatte, der sich unter heftigen Wehen aufbäumte. Ihre Schreie hatte niemand gehört, außer ihrem Mann, der ihre Hand gehalten und ihr geholfen hatte, das gemeinsame Kind auf die Welt zu bringen. In eine ungewisse Zukunft, die vielleicht nur wenige Wochen dauern würde.

Sie wussten jetzt mit tödlicher Sicherheit, dass sie immer noch verfolgt wurden. Die Reiter waren vor zehn Tagen am Horizont aufgetaucht, als sie schon dachten, dass sie sie endgültig abgehängt hatten. Und jetzt schienen sie nur darauf zu warten, dass sie aufgaben. Sich in den Sand legten und nie wieder aufstanden.

Aber weder die Frau noch der Mann wollten sich diese endgültige Kapitulation früher als nötig eingestehen. Solange ihre Kelmen sie trugen, wollten sie weitergehen. Bald würden sie ihre Vorräte auffrischen können und mit neuen Kräften vor ihren Verfolgern so weit fliehen, wie es nötig war. Sie waren bereit, bis in die Eiswälder im hohen Norden zu wandern, um ihrer Tochter eine sichere Zukunft bieten zu können. Dafür würden sie aber Glück brauchen – Glück, das derzeit nicht auf ihrer Seite zu stehen schien.

In dem Moment stolperte das Kelmen der Frau und schrie schmerzvoll auf. Es hatte sich einen Kakteenstachel in seine Klaue getreten und weigerte sich, weiterzugehen. Der Mann stieg von seinem Reittier und untersuchte die Wunde. Er nickte der Frau zu, die mit müden Augen auf ihn herabsah, und legte die Hand auf die Klaue.

Das Tier weitete vor Schrecken die Augen, als sich eine unbekannte Wärme in seinem Körper ausbreitete. Es blieb dennoch ruhig stehen, da es dem Mann vertraute. Es wusste, dass er ihm helfen wollte. Dieser sprach beruhigend auf das Tier ein, während er den langen Stachel aus der ledrigen Haut zog. Nach wenigen Sekunden war die Klaue geheilt und der Mann kletterte mit bleiernen Gliedern wieder auf sein eigenes Reittier.

Am Horizont, auf einer niederen Sanddüne, erkannten sie die fünf Punkte, die keine Eile hatten. Sie blieben in ihrem Rücken, selbst als die Nacht hereinbrach und die eisige Kälte in ihre Knochen schlich.

Sie hatten keine Zeit, ein Lager aufzuschlagen. Die Gewissheit, dass sie getötet würden, sobald sie eine Pause einlegten, trieb sie an. Sie ritten weiter, bis selbst die Kelmen nur noch schleppend vorankamen. Ein paar Stunden waren es noch bis zum Rand der Wüste. Dort würden sie im Schutze einer Gruppe von Sträuchern für kurze Zeit ruhen können.

Bevor es jedoch soweit war, kippte die Frau langsam aus ihrem Sattel. Der Mann hatte gerade noch die Energie, sein Kelmen neben sie zu treiben, um ihren Sturz aufzufangen. Er nahm ihr das Bündel ab, das leise wimmerte und legte die Hand darauf, um mit seiner Magie dessen Hunger zu stillen.

Das machte er seit Tagen so – seit ihnen das Trinkwasser ausgegangen war und seine Frau keine Milch mehr geben konnte. Aber es war keine Möglichkeit, ein Kind lange am Leben zu halten. Außerdem brauchte der Heilprozess enorm viel Energie. Energie, die der Mann nicht mehr hatte.

Die Frau blinzelte ihn an und lächelte schwach. Sie war immer noch eine Schönheit, selbst mit ihren eingefallenen Wangen und der von der Sonne verbrannten Haut, die sich an mehreren Stellen schälte. Wahrscheinlich würde niemand mehr die einst stolze, wunderschöne Frau in ihr erkennen. Aber für den Heiler war sie es immer noch.

Er sah sie liebevoll an und führte ihre Kelmen in den Schutz einiger Steine. Es brachte nichts, jetzt noch weiterziehen zu wollen. Selbst ihre Verfolger mussten irgendwann eine Pause einlegen, daher konnten sie hier hoffentlich ein paar Stunden ausruhen.

Die Dunkelheit breitete sich aus. In der Nähe vermeinte er, einen Bach zu hören. Vielleicht waren sie bereits aus der Wüste raus – oder sein Verstand, der Wasser sehnlichst herbeisehnte, spielte ihm einen Streich.

Er hob die Frau, deren Körper erstaunlich leicht geworden war, vom Kelmen und setzte sie, zusammen mit seiner Tochter, neben den Stein. Danach machte er sich auf, den vermeintlichen Bach zu suchen. Die Sehnsucht nach dem kühlen Nass verlieh ihm neue Kräfte. Und tatsächlich, nach wenigen Schritten fand er ein Rinnsal, das sich zwischen einigen Felsen hindurchschlängelte und in den Weiten der Wüste verlor. Aber es war Wasser, wenn auch schlammiges.

Er füllte beide Trinkschläuche damit und kehrte zum Stein zurück, wo seine Frau und das Kind in tiefem Schlaf lagen. Sanft weckte er die Frau auf und hob den Trinkschlauch an ihre aufgesprungenen Lippen. Sie zuckte im ersten Moment zusammen, als das kühle Nass sich in ihren Mund ergoss. Müde öffnete sie die Augen und trank dann gierig.

Er gönnte sich ebenfalls einen Schluck und hatte das Gefühl, noch nie so etwas Köstliches getrunken zu haben. Auch seiner Tochter, die immer noch in den Armen ihrer Mutter lag, flößte er ein paar Tropfen ein. Sie begann leise zu weinen. Muttermilch wäre ihr wahrscheinlich lieber gewesen. Aber das ging nicht. Er beugte sich zu ihr herunter und strich zärtlich das dunkle Haar aus dem Gesicht des kleinen Mädchens. Sie war der Grund, warum er mit der Frau geflohen war. Aber das wusste sie natürlich nicht. Sie verstand nicht, warum sie seit Monaten unterwegs waren, sich immer nur kurz an einem Ort aufhielten.

Das Mädchen öffnete die dunklen Augen und sah ihn fragend an. Eine Träne rann über ihr Gesicht. Er wischte sie sanft mit dem Daumen weg. Sie hatten bisher keine Zeit, sich einen Namen für ihre Tochter auszudenken. Aber sobald sie in Sicherheit waren, würden seine Frau und er sich einen überlegen.

Auf einmal hörte er hinter sich ein Geräusch und fuhr herum.

Er hatte sich nicht getäuscht. Aus der Dunkelheit kamen zwei Gestalten auf sie zu.

Waren es etwa ihre Verfolger, die doch näher waren, als gedacht? Diebe, die sie überfallen wollten? Hatte das Weinen des Kindes sie angelockt?

Er bildete reflexartig einen Schutzschild, den er über sich und seine Familie ausbreitete. Die Frau war dafür zu schwach. Obwohl sie in der Kampfeskunst besser bewandert war als er, hatte sie doch keine Kraft mehr, sich zu verteidigen. Die Geburt und die Flucht hatten ihr alle Energie geraubt. Er fragte sich, woher sie die Kraft nahm, weiterhin am Leben zu bleiben. Sie hatte so viel Blut verloren – trotz seiner heilenden Kräfte. Aber er hatte zu dem Zeitpunkt zu wenig Energie gehabt, um sie vollständig zu heilen. Sie waren beide zu erschöpft gewesen.

»Wer seid Ihr?«, drang eine tiefe Stimme an sein Ohr.

Er kniff die Augen zusammen, um besser in der Dunkelheit sehen zu können. »Zwei Wanderer mit einem Kind, die nichts Böses wollen«, antwortete er vorsichtig.

Der andere kam näher. Jetzt erkannte er eine hohe, männliche Gestalt und dahinter die Umrisse einer schlanken Frau mit langem Haar. Ein Licht erschien, welches die Szene erhellte. Anscheinend handelte es sich bei den beiden Fremden ebenfalls um Magier.

»Wir sind Wandermagier«, sagte der Mann.

Als er das Licht, das über seiner Hand schwebte, etwas näher zu sich hielt, war sein Gesicht erkennbar. Er schien etwa dreißig Jahre alt zu sein, hatte eine gerade, schmale Nase und schwarze Augen. Seine markanten, kantigen Gesichtszüge hätten viele Frauen wahrscheinlich als attraktiv bezeichnet. Auch der Dreitagebart tat dem keinen Abbruch. Sein langes, dunkles Haar fiel ihm bis über die Schultern.

Der Blick des Heilers wanderte zu der Begleiterin des Unbekannten. Ihr blondes Haar wellte sich bis zu ihren Hüften, die sie sinnlich bei jedem Schritt hin und her wiegte. Ihre Augen waren von einer hellen Farbe, wahrscheinlich blau oder hellgrün, so genau war es bei diesen Lichtverhältnissen nicht zu erkennen.

»Ihr scheint am Ende mit Euren Kräften zu sein«, bemerkte die Frau. »Wir wollen Euch nichts Böses. Ich bin Meíssa, das hier ist mein Gefährte Zaron. Können wir Euch helfen?«

Der Heiler ließ seinen Schutzschild fallen. Er hätte ohnehin keine Energie mehr gehabt, seine Magie lange aufrecht zu halten und beobachtete die Frau, die zu dem Stein ging und sich über seine Frau beugte. Dabei gab sie einen Blick auf ihre festen Brüste preis, die sie in eine enge Lederkorsage geschnürt hatte. Rasch wandte er den Blick ab.

»Ich weiß nicht«, der Heiler hob unsicher die Schultern. »Wir werden seit Tagen verfolgt und sind tatsächlich am Ende unserer Kräfte. Wenn Ihr uns Schutz geben könntet? Gegen unsere Verfolger?«

Meíssa und Zaron wechselten einen Blick. Sie schienen sich ohne Worte zu verstehen.

»Wer sind Eure Verfolger? Und warum sind sie hinter Euch her?«

»Ich kann Euch leider beides nicht beantworten. Aber ich hoffe, Ihr helft uns trotzdem. Ansonsten wird unsere Tochter niemals in Freiheit leben können.«

Meíssa beugte sich wieder über die Frau und ihre Augen weiteten sich, als sie das Bündel entdeckte, das sie zuvor übersehen hatte. Sorgfältig nahm sie es auf die Arme und strich behutsam über das Gesichtchen.

»Gut, wir werden Euch helfen«, beschloss sie, ohne sich vorher mit ihrem Gefährten abzusprechen.

Aber dieser schien ihre Entscheidung keine Sekunde lang in Frage zu stellen und nickte knapp. »Als Erstes müssen wir weg von hier. Habt Ihr Pferde?«

»Nein, aber wir haben zwei Kelmen«, er deutete auf den Felsen, hinter dem er die Tiere angebunden hatte.

»Noch besser. Wir werden sie benötigen«, sagte die Frau. »Ich heile ihre größte Erschöpfung, dann brechen wir auf.«

»Euch hat der Himmel geschickt«, dem Mann kamen vor Erleichterung fast die Tränen. Er half seiner Frau, auf das Reittier zu steigen, welches von Meíssa geheilt wurde und wandte sich dann ab, um sein eigenes Kelmen zu holen.

Seine Frau schien von alledem nicht viel mitzubekommen. Als sie jedoch oben war, versuchte sie zu sprechen. Zaron, der daneben stand, ging zu ihr hin, um sie besser verstehen zu können.

»Bitte …«, ihre Stimme war kaum ein Flüstern, »falls wir das nicht überleben … bitte kümmert Euch um unsere Tochter. Sie ist alles, was uns geblieben ist.«

Zaron sah sie an. Einen Moment schien es, als ob in seinen dunklen Augen etwas aufblitzte. Dann nickte er.

Die Frau wirkte beruhigt und kramte in ihrer Tasche. Sie drückte ihm einen Gegenstand in die Hand. »Gebt Ihr das, falls wir sterben sollten.«

Sie beugte sich zu ihm hinunter und flüsterte ihm etwas ins Ohr. Zaron hatte keine Gelegenheit, sich darüber zu wundern, denn in dem Moment brachte seine Gefährtin ihre eigenen Pferde und sie brachen auf.

Sie ritten gerade so schnell, dass die beiden erschöpften Flüchtlinge mithalten konnten. Aber schon nach kurzer Zeit war klar, dass sie die Verfolger nicht würden abhängen können – nicht in dem Tempo.

»Lasst uns absteigen«, beschloss Zaron. »Es bringt nichts, wenn wir weiterreiten. Wir werden uns Euren Verfolgern in einem Kampf stellen müssen. Um was für Magier handelt es sich?«

Er schien automatisch davon auszugehen, dass keine normalen Soldaten hinter ihnen her sein konnten.

»Es sind fünf Kampfmagier. Welche Elemente, weiß ich nicht. Aber sie sind sehr stark.«

Dem Mann war die Anspannung ins Gesicht geschrieben. Meíssa und Zaron wechselten einen Blick und schienen zu einem Entschluss zu kommen.

»Gut, wir werden uns ihnen entgegenstellen«, sagte Zaron entschieden. »Aber wir werden Eure Hilfe benötigen. Gegen fünf Kampfmagier können selbst wir es nicht alleine aufnehmen. Habt Ihr noch genügend Kräfte für einen Kampf?«

Der Mann nickte und sah seine Frau zweifelnd an.

»Das muss reichen«, Zaron schwang sich vom Rücken seines Pferdes und suchte eine geeignete Stelle. »Hier kann sich Eure Frau mit Eurer Tochter verbergen, bis wir die Magier erledigt haben«, er deutete auf ein stacheliges Gestrüpp.

Der Mann nickte abermals und führte seine Frau zu der besagten Stelle. Er gab ihr einen sanften Kuss und legte das kleine Bündel in ihre Arme. Sie sah ihn mit fiebrigen Augen an. Er wusste, woran sie dachte. Vor zwei Tagen hatte sie eine Vision gehabt. Darin waren sie alle gestorben. Aber er weigerte sich, dies einfach so zu akzeptieren. Solange ein Funken Energie durch seine Adern floss, würde er kämpfen. Und versuchen, seine Tochter zu retten.

Also begab er sich wieder zu den beiden Magiern, die ihnen so unverhofft über den Weg gelaufen waren. Sie beratschlagten, wie sie die Verfolger in einen Hinterhalt locken konnten. Danach blieb ihnen nur, zu warten, bis die fünf Kampfmagier sie eingeholt hatten.

Das geschah schneller, als gedacht. Bereits nach einer Stunde waren Huftritte zu hören. Offenbar waren die Verfolger schneller vorangekommen, als sie selbst.

Zaron, Meíssa und der Heiler versteckten sich hinter ein paar Sträuchern. Als die Feinde so nahe waren, dass der Geruch ihrer Pferde zu ihnen herüber wehte, stürmten sie aus ihrem Versteck hervor und schleuderten Kampfzauber auf die Gegner.

Diese erstarrten vor Überraschung, aber nur für den Bruchteil einer Sekunde. Schon hatten sie ihre magischen Schutzschilde hochgezogen, an denen die Zauber abprallten und sprangen von dem Rücken der Pferde, welche panisch flohen.

Jetzt begann ein wahres Schlachtgetümmel. Die Luft war erfüllt von Explosionen und Blitzen, die die Nacht erhellten und die kämpfenden Magier für wenige Sekunden in gleißendes Licht tauchten.

Die beiden Wandermagier erwiesen sich als erfahrene Kämpfer. Sie verbanden geschickt ihre Energie miteinander und wirkten machtvolle Zauber, geboren aus Erde und Feuer.

Der Heiler versuchte, so gut es ging, mitzuhalten. Er spürte jedoch, wie seine ohnehin schon spärliche Energie rasend schnell schwand. Zudem hatte er nur wenige Stunden Ausbildung in Kampfmagie erhalten – durch seine Frau. Das reichte nicht, um gegen fünf gut geschulte Kampfmagier zu bestehen.

Seine Zauber wurden mit jeder Sekunde schwächer. Gerade als er ein leichtes Erdbeben unter einem der Gegner beschwören wollte, damit dieser das Gleichgewicht verlor, sah er einen Kugelblitz auf sich zuschießen. Er hatte keine Kraft mehr, sich rechtzeitig zu ducken, oder seinen Schutzschild zu verstärken. Ein knirschendes Geräusch ertönte, als ihn der Energieball in die Brust traf. Der Mann sank, mit vor Ungläubigkeit weit aufgerissenen Augen, in die Knie.

Die Frau schrie schrill auf und rannte an seine Seite. Dass sie die Energie dafür aufbringen konnte, grenzte an ein Wunder. Das Kind hatte sie im Schutz des Strauches liegen gelassen.

Sie sank schluchzend neben ihren Mann, hielt seinen sterbenden Körper fest und schrie. Sie schrie sich die Seele aus dem Leib, Tränen rannen über ihre knochigen Wangen und ihr Herz drohte vor Kummer zu bersten.

»Nein! Nein … mein Liebster … bitte … stirb nicht! Bitte nicht!«, ihre Stimme überschlug sich.

Eine unfassbare Trauer war in ihren Schreien zu hören. Eine Trauer, die durch Mark und Bein ging. Die davon zeugte, dass ihr das Liebste auf der Welt gerade genommen wurde.

Sie beugte sich über den leblosen Körper, um ihm einen letzten Kuss auf die erkaltenden Lippen zu geben. In dem Moment erbebte auch sie. Als sie lautlos über ihren Geliebten fiel, war ein qualmendes, schwarzes Loch in ihrem Rücken zu erkennen. Sie war von einem Feuerball mitten ins Herz getroffen worden.

Zaron und Meíssa hatten das Drama nur am Rande mitbekommen. Sie kämpften immer noch gegen die Magier. Zwei davon hatten sie bereits zur Strecke bringen können, die anderen drei hielten sich hartnäckig.

Meíssa merkte, dass ihre Kräfte schwanden. Noch wenige Zauber, dann war auch ihre Wärme erschöpft und sie musste aufgeben, wenn sie nicht erfrieren wollte. Zaron jedoch kämpfte mit unverminderter Kraft. Er war schon immer der Stärkere von ihnen beiden gewesen. Er streckte zwei der drei Magier mit einem Feuerball nieder, der sich in letzter Sekunde aufteilte, und die Gegner damit überraschte.

Jetzt war noch einer übrig. Dieser hatte aber ebenfalls viel Energie zur Verfügung. Er schoss einen Eispfeil in Meíssas Richtung. Sie versuchte, ihm auszuweichen und zog ihr Schutzschild hoch. Jedoch eine Sekunde zu spät. Sie merkte, wie sich etwas Eiskaltes in ihren Bauch grub. Als sie an sich hinunter schaute, ragte ein Pfeil, vor Kälte dampfend, aus der Mitte ihres Körpers. Sie spürte, wie ihr das Leben entwich und ihre Beine gaben nach.

Zaron, der den Magier mit einem wütenden Schrei in einer Feuersäule aufgehen ließ, stürzte zu ihr. Er legte ihr behutsam einen Arm um die Schultern und bewahrte sie davor, umzufallen. Dann kniete er sich hin, bettete ihren Kopf in seinen Schoss.

»Mein Liebling, bitte bleib bei mir. Ich werde dich retten«, flüsterte er.

Meíssas Lider flackerten, als sie in seine schwarzen Augen blickte und sein Entsetzen, seinen Schmerz, darin las. Diese dunklen, geheimnisvollen Augen, in die sie sich einst verliebt hatte, denen sie bis ans Ende der Welt folgen würde, mit denen sie geweint und gelacht hatte und in denen sie sich verlieren konnte. Und in denen in diesem Augenblick etwas brach. Ihr Herz zog sich schmerzvoll zusammen, als sie sah, wie sich Tränen in Zarons Augen ansammelten und ungehemmt über sein Gesicht rannen. Sein Kinn bebte, er versuchte, ein Schluchzen zu unterdrücken.

Ihr würde nicht mehr viel Zeit bleiben. Dabei hatte sie gedacht, sie würden für immer zusammen sein, ihre tiefe Liebe füreinander teilen und gemeinsam alt werden.

Seine Hände strichen zitternd über ihre Wange und sie spürte, wie eine Träne auf ihre Stirn tropfte. Er küsste sie zärtlich weg und sie erschauerte unter seiner Zuneigung, die er selbst jetzt, im Tode, noch für sie empfand.

»Bitte …«, es fiel ihr schwer, zu sprechen. Jeder Atemzug schmerzte, als ob ein glühendes Eisen sich in ihre Brust und durch die Lungen bohrte. »Mein Liebster … bitte … sorge dafür, dass … das Kind es gut hat. Ich habe … in seinen Augen … gesehen … für … Großes bestimmt.«

Dann fielen ihre Augen zu und Dunkelheit umgab sie.

Noch lange war in dieser Nacht ein Heulen zu hören. Ein Heulen, das von keinem lebenden Wesen stammen konnte und doch von der unendlichen Trauer eines einzelnen Mannes am Rande der Goharwüste zeugte.

 

Kapitel 1

 

»Verdammt«, ich reibe eine Stelle an meinem Schienbein, die schmerzhaft pocht.

In dieser Dunkelheit ist rein gar nichts zu erkennen. Vor mir höre ich Reyvan leise lachen und fluche abermals. Er soll sich nicht über mich lustig machen – als Elf sieht er im Dunkeln fast gleich gut wie bei Tageslicht. Ich hingegen kann mich nur auf meinen Tastsinn verlassen. Und auf den ist offenbar herzlich wenig Verlass. Wie zur Bestätigung stoße ich meinen Zeh hart an einem Stein und ein dritter, noch herzhafterer Fluch entfährt mir.

»Nicht so schnell, ich komme kaum nach!«, rufe ich leise in die Dunkelheit vor mir.

»Bald sind wir draußen, Cíara«, flüstert er direkt an meinem Ohr und ich schreie vor Schreck auf.

»Lass das«, keuche ich.

Ich werde mich nie daran gewöhnen, wie lautlos der Elf sich anschleichen kann. Erfolglos versuche ich, mein rasendes Herz zu beruhigen. Er drückt einen sanften Kuss auf meine Wange und ich spüre, wie sich seine Lippen dabei zu einem Lächeln verziehen. Dann nimmt er meine Hand und führt mich weiter.

»Es ist nicht mehr weit«, er zieht mich durch den finsteren Tunnel des Berges.

Immerhin stoße ich dank seiner Führung nicht nochmals an irgendwelche Steine. Trotzdem, diese Dunkelheit ist mir nicht geheuer. Zum hundertsten Mal wünschte ich, wir hätten mehr Fackeln mitgenommen. Die Letzte ist vor einer Stunde ausgegangen. Oder zumindest fühlt es sich an, als sei eine Stunde seither verstrichen. Ich beiße die Zähne zusammen.

Wir sind schon zwei Wochen in den Wäldern unterwegs. Noch immer habe ich die Trauer nicht abschütteln können, die mich jedes Mal beim Gedanken an Rana überkommt. Rana, meine Freundin, die sinnlos bei unserer Flucht aus dem Zirkel gestorben ist. Ohne Reyvan wäre ich wahrscheinlich dort, in den Gemächern des Eunuchen geblieben und hätte so lange geweint, bis mich Xenos gefunden hätte.

Xenos. Beim Gedanken an den Zirkelleiter habe ich gemischte Gefühle. Einerseits verabscheue ich ihn aus tiefstem Herzen. Er ist ein Schwarzmagier, arrogant, kalt und berechnend. Ohne Herz und Skrupel. Andererseits habe ich ein schlechtes Gewissen, ihn hintergangen, verraten zu haben. Er hat mir vertraut – irgendwie. Aber Xenos ist für mich ein Rätsel, das ich wahrscheinlich nie ganz begreifen werde.

Ich zweifle keine Sekunde daran, dass er uns verfolgen lässt. Schließlich ist Reyvan das Pfand der Elfen und ich bin eine abtrünnige Dienerin, die er mit Sicherheit lieber tot als lebendig wiedersehen möchte.

Seit unserer Flucht haben wir keine Verfolger ausgemacht. Nicht zuletzt dank Reyvan, der unsere Spuren so sorgfältig verwischt hat, dass wahrscheinlich nicht einmal der geübteste Fährtenleser in ganz Altra sie ausfindig machen könnte. Trotzdem beeilen wir uns, aus dem dichten Wald zu kommen, der sich hinter dem Zirkel von Lormir erstreckt. Bald werden wir die Steppe erreicht haben. Damit beginnt der gefährlichste Teil unserer Reise in die Eiswälder. Auf der Ebene sind wir für jeden sichtbar und können ohne Weiteres verfolgt werden.

Die Tatsache, dass Xenos uns nicht mit dem Visor, dem magischen Gerät, das er in seinem Laboratorium aufbewahrt, ausfindig machen kann, beruhigt mich ein wenig. Das war mein erster Gedanke, nachdem uns die Flucht aus dem Zirkel gelungen war. Reyvan hatte gelacht, als ich meine Bedenken geäußert hatte.

»Cíara, hat er dir das erzählt?«, er hatte mir wie bei einem stumpfsinnigen Kind über den Kopf gestrichen. »Er wird uns nicht verfolgen können, keine Angst. Der Visor zeigt einem, was vergangen ist. Nicht, was die Zukunft bringt.«

»Aber als er mir meine Familie zeigte, waren sie älter«, hatte ich erwidert.

»Ja, weil es deine Fantasie ihm so mitgeteilt hat. Du hast sie dir älter vorgestellt, also waren sie es auch«, war seine ernüchternde Antwort.

Ich hatte noch lange über diese Bemerkung nachgedacht. Xenos hatte mich mit seinem Versprechen, meine Familie zu zeigen, hereingelegt. Er wusste, dass er mir nicht die Gegenwart, sondern eine in meinem eigenen Kopf entstandene Illusion zeigte. Daher hatte er wahrscheinlich meine Hand gehalten, während er den Visor bediente – er brauchte meine Phantasie dazu. Diese Erkenntnis hatte mich noch wütender auf den Zirkelleiter von Lormir gemacht. Trotzdem kann ich jetzt nicht mehr viel daran ändern.

Etwas anderes bereitet mir umso größere Sorgen: Xenos weiß, wie meine Familie aussieht. Er könnte sich für meine Flucht an ihnen rächen. Daran wage ich kaum zu denken und schiebe diese Befürchtung jedes Mal weit von mir weg, um nicht den Verstand zu verlieren.

Ich bin so in Gedanken versunken, dass ich nicht bemerke, wie der Weg ansteigt. Erst, als ich zusehends außer Atem gerate, konzentriere ich mich wieder auf meine Umgebung.

Wir sind schon lange in dem muffigen, kalten Tunnel unterwegs, den Reyvan entdeckt hat. Er war sich sicher gewesen, dass es sich um eine Abkürzung durch den Berg handelt, der mit einem Mal mitten im Wald vor uns aufgetaucht war und unseren Weg abgeschnitten hatte. Da ich ihm in all diesen Entscheidungen blind vertraue, hatte ich keine Minute gezögert und war ihm in die Dunkelheit gefolgt – die damals noch von Fackeln beleuchtet worden war.

Nun aber, da wir durch die Finsternis stolpern, bin ich mir nicht mehr so sicher, ob das eine gute Idee war. Schließlich kann wer weiß was – oder wer – in dieser Dunkelheit hausen und sich die Hände oder Klauen reiben, dass zwei unbedarfte Flüchtlinge in sein Revier geraten sind. Vielleicht wären wir besser über den Berg geklettert, selbst wenn das eine Verzögerung von einem Tag bedeutet hätte.

Wir waren am ersten Tag unserer Flucht bereits eine Weile in einem Bergstollen unterwegs und eigentlich hatte mir dieser Ausflug in das Reich der Erde vollkommen gereicht. Ich mag es nicht, wenn alles um mich so eng und düster ist und ich nicht weiß, welche Erd- und Gesteinsmassen sich über meinem Kopf befinden. Aber Reyvan hatte mich damals immer weiter dirigiert, bis wir schließlich in einer Höhle angekommen waren. Zu meiner Überraschung hatte diese mehrere Holzkisten enthalten.

Der Elf hatte mich mit seinem umwerfenden Lächeln und glänzenden Augen angeschaut. Natürlich hatte ich nicht lange mit meinem Lob auf mich warten lassen, denn spätestens als wir die erste Kiste geöffnet hatten und darin warme Winterkleidung vorfanden, war ich ihm dankbar um den Hals gefallen.

Er hatte mir erzählt, dass er dieses Lager auf einem seiner unzähligen Ausflüge aus dem Zirkel gefunden hatte. Natürlich hätte er den Zirkel als Pfand der Elfen nicht verlassen dürfen, aber das war ihm herzlich egal.

»Ich brauchte ab und zu etwas Zeit im Wald für mich – ein Elf ohne Wald, das geht einfach nicht«, hatte er seinen Freiheitsdrang grinsend gerechtfertigt.

Ich hatte den Kopf geschüttelt, nicht im Mindesten davon überrascht, dass er entgegen jeglicher Auflagen von Xenos den Zirkel heimlich verlassen hatte.

In weiteren Kisten hatten wir sogar Proviant und Waffen gefunden. Offenbar wurde dieser Stollen rege von Bergarbeitern genutzt, die hier ihre Habseligkeiten aufbewahrten. Wir hatten uns mit allem eingedeckt, was wir tragen konnten.

Nun, ausgerüstet und sogar mit Pfeil und Bogen sowie Dolch und Schwert bewaffnet, fühle ich mich zuversichtlicher. Jetzt fehlen uns nur noch Pferde. Wir haben beschlossen, diese im nächsten Dorf zu kaufen, welches wir in etwa einem Tag erreichen sollten. Reyvan hat dafür Gold aus dem Zirkel besorgt.

Endlich erkenne ich weit entfernt ein Licht – oder zumindest etwas, das wie ein Licht aussieht. Reyvan hält darauf zu und ich folge ihm, so rasch ich kann. Mit jedem Schritt wird das Licht größer und neuer Mut steigt in mir hoch. Ich hoffe sehr, dass es der Ausgang ist.

Ein kühler Luftzug weht mir entgegen, als wir näher kommen. Jetzt kann ich erkennen, dass es sich tatsächlich um Tageslicht handelt und atme auf. Nur noch wenige Minuten und wir können diese Düsternis endlich hinter uns lassen.

Langsam kann ich auch Reyvans Körper vor mir ausmachen, der sich schwarz gegen den Ausgang abzeichnet. Auf einmal bleibt er wie angewurzelt stehen. Ich stoße unsanft mit ihm zusammen und versuche, zu erkennen, was ihn so plötzlich anhalten ließ. Ich vermeine, eine Bewegung vor uns wahrzunehmen. Oder doch nicht? War da was? Reyvan dreht sich zu mir um und schaut mir in die Augen.

Kein Ton, Alia!‹, erklingt seine Stimme in meinen Gedanken.

Warum?‹, antworte ich, ebenfalls in Gedankenrede.

Aber Reyvan gibt mir keine Antwort. Er hat sich zum Ausgang gewandt. Lautlos zieht er das Schwert aus der ledernen Scheide, die er am Hüftgürtel befestigt hat.

Bleib hier und beweg dich nicht!‹, seine Stimme klingt zwar ruhig, aber ich sehe im Halbdunkeln, dass seine Muskeln wie die Sehne eines Bogens angespannt sind.

Ich nicke und bleibe wie angewiesen mucksmäuschenstill stehen.

Reyvan entfernt sich langsam von mir und ich fühle mich plötzlich einsam. In den letzten Tagen habe ich mich daran gewöhnt, dass er immer um mich war, mich beschützt und angeleitet hat und ich mich vollkommen auf ihn verlassen konnte.

Ich versuche, etwas in der Dunkelheit hinter und vor mir zu erkennen. Nach hinten sehe ich dunkle Schwärze – nach vorne blendet mich das Tageslicht. Ich warte einige Minuten und erkenne Reyvans Silhouette, die sich der Wand entlang tastet, dem Ausgang entgegen. Ich bin so damit beschäftigt, ihn in der Dunkelheit zu beobachten, dass ich die Gefahr zu spät erkenne.

Auf einmal spüre ich etwas Kühles an meiner Kehle und zucke vor Schreck zusammen. Ich kann mich gerade noch beherrschen, nicht vor Furcht laut loszuschreien, als sich eine Hand um meine Taille legt. Augenblicklich erstarre ich am ganzen Körper und habe keine Gelegenheit mehr, Reyvan zu warnen. Ich kann weder die Arme noch Beine, noch den Mund bewegen und muss hilflos zusehen, wie Reyvan zu mir zurückkehrt, ohne zu ahnen, dass wir in Gefahr schweben.

Als er nur noch ein paar Schritt entfernt ist, erstarrt er ebenfalls. Eine Ungläubigkeit nimmt von seinem Gesicht Besitz und er stößt einen leisen Fluch aus. Langsam senkt er sein Schwert und steckt es in die Scheide zurück. Er hebt die Hände zum Zeichen, dass er sich nicht wehren wird. Ich weite meine Augen vor Entsetzen. Was um alles in der Welt ist hinter mir, dass er kampflos aufgibt?

In dem Moment schiebt sich eine dunkle Gestalt vor mich, die vor Freude zischt und sich daran macht, Reyvans Hände mit einem Seil zu fesseln. Ich kann mich immer noch nicht bewegen und spüre panische Verzweiflung in mir aufsteigen. Die Gestalt dreht sich zu mir um. Ich erstarre, als ein Lichtstrahl auf ihr Gesicht fällt – oder zumindest würde ich das, falls ich mich bewegen könnte.

Die weiße Fratze dieses Wesens gleicht einem Leichentuch. Es hat anstelle von Augen schwarze Löcher. Sein Mund und die Nase sind ebenso durch dunkle Vertiefungen angedeutet. Sein Körper ist dünn und die weiße Haut fast durchsichtig. Seine Finger sind lang und knochig, ebenso seine Arme und Beine. Es trägt verwitterte, schwarze Kleidung und einen grauen Umhang darüber. Die dunklen Augenhöhlen starren mich an. Ich fühle mich, als würde meine Wärme direkt aus meinem Körper gezogen.

Falls das Wesen so etwas wie ein Grinsen kennt, tut es das nun und streckt seine Finger nach mir aus. Automatisch bewegen sich meine Beine ihm entgegen. Ich kann mich nicht dagegen wehren. Es scheucht Reyvan und mich zum Ausgang. Wir gehorchen ihm beide aufs Wort; ich seinem Willen unterordnet, Reyvan, weil ich dem Wesen ausgeliefert bin.

Als wir endlich aus dem Dunkel raus sind, möchte ich gerne meine Hände über meine Augen halten, um sie vor der Helligkeit zu schützen. Jedoch bin ich zu keiner Bewegung fähig, außer der in meinen Beinen. Und diese Beine gehorchen nicht mir, sondern dem Wesen, dessen weiße Haut im Tageslicht gläsern glänzt.

Also kneife ich die Augen zusammen – die einzige Bewegung, die mir gestattet wird – und sehe hilflos zu, wie mein Körper sich weiter bewegt. Den Kopf kann ich nicht drehen, erkenne aber, als meine Augen sich an die Helligkeit gewöhnt haben, dass wir uns auf einer felsigen Anhöhe befinden.

Dem Sonnenstand nach zu urteilen, ist es früher Nachmittag. Wir waren also wirklich mehrere Stunden in der Höhle. Rund um uns sind graue Felsbrocken und ab und zu ein paar Grasbüschel. Ansonsten gibt es hier nichts. Weiter unten, etwa hundert Schritt, erkenne ich den Wald. Direkt vor uns ist die graue Steinruine einer Burg, welche so gut erhalten ist, dass die Türme und Erker zu erkennen sind. Eine dicke, an einigen Orten eingefallene, Mauer umgibt sie. Die Burg wurde auf einer kleinen Anhöhe errichtet, die sich aus dem steinernen Felsen erhebt. Ein schmaler Pfad, der gerade genug breit für einen zweispännigen Wagen ist, führt zu ihr hinauf. Von dort aus muss man eine Aussicht bis weit über den Wald haben. Vielleicht kann man an klaren Tagen sogar die weißen Mauern des Zirkels von Lormir erkennen.

Uns bleibt jedoch keine Zeit, die Aussicht hier oben über dem Wald zu genießen. Das Wesen treibt uns unerbittlich voran, direkt auf die Ruine zu. So sehr ich mich auch bemühe, mich aus meiner Erstarrung zu befreien, meine Beine machen einen Schritt um den anderen den Weg hinauf. Immer näher kommen wir den steinernen Gemäuern, die sich dunkel und kalt vor uns erheben. Ich habe keine Ahnung, womit wir es zu tun haben und das macht mir Angst – genährt durch die Tatsache, dass Reyvan sich kampflos ergeben hat.

Nach unendlich langen Minuten kommen wir beim einstigen Holztor der Ruine an, das früher einmal prachtvoll gewesen sein muss. Jetzt hängen bloß noch lose Bretter in den Angeln.

Das Wesen führt uns durch das Tor in den Innenhof der Burg. Ich erkenne drei unterschiedliche Gebäude. Mehrere Wehrgänge verbinden sie mit den Burgmauern. Das am besten Erhaltene hat vier Stockwerke und befindet sich zu unserer Rechten. Links von uns sind die Überreste eines länglichen Gebäudes zu erkennen, das direkt an die Mauer grenzt. Wir bewegen uns allerdings auf das Mittlere zu, welches kleiner ist.

Ich sehe mit Entsetzen weitere dieser Wesen, die uns gierig mustern und die spitzen Zähne fletschen, die sie in ihren dunklen Mundhöhlen haben. Auch ihre Haut ist im hellen Tageslicht wächsern und durchsichtig wie Glas. In ihren Augenhöhlen kann ich ebenfalls keine Augen erkennen. Sie sind schwarz wie die Nacht, ohne jegliches Licht zu reflektieren.

Ich bin nicht allzu unglücklich darüber, als wir rasch über den Burghof gescheucht werden. Die Kreatur treibt uns zur einzigen Tür des mittleren Gebäudes und öffnet sie. Direkt dahinter führt eine lange Treppe in die Dunkelheit hinunter. Nur ab und an sind ein paar Fackeln angebracht, die spärliches Licht spenden. Reyvan geht voran. Ich versuche, mich direkt hinter ihm zu halten.

Das Wesen befiehlt uns, bis ganz nach unten zu gehen. Dort führt ein Gang nach rechts und links und es schubst mich nach links. Der Gang ist, ebenso wie die Treppe, nur schwach beleuchtet. Zu beiden Seiten erkenne ich eiserne Gittertüren, die in die moderige Steinmauer eingelassen wurden. Ich war zwar noch nie in einem Verlies, aber ich weiß trotzdem, dass ich mich jetzt in einem befinde. Es riecht nach Urin, Schimmel und Fäulnis.

Kalter Schweiß bildet sich auf meiner Stirn und ich zwinge mich, ruhig zu atmen. Was bei den Göttern will dieses Wesen von uns? Warum nimmt es uns gefangen? Wir haben ihm doch nichts getan. Aber das scheint ihm gleichgültig zu sein. Es stößt uns in eine der Zellen. Ehe wir uns wehren können, fällt die Gittertür zu und ein Schlüssel wird quietschend in dem rostigen Schloss gedreht. Ich höre, wie die Kreatur sich entfernt.

Endlich merke ich, wie sich der eiserne Griff um meinen Körper lockert. Reyvan stößt abermals einen Fluch aus. Ich mache mich wortlos daran, seine Fesseln zu lösen.  Ohne mir zu danken, geht der Elf zur Gittertür uns umklammert die Eisenstäbe.

Ich versuche, so flach wie möglich zu atmen, um die üblen Gerüche nicht bis zu meinem Bauch vordringen zu lassen. Sonst muss ich mich mit großer Wahrscheinlichkeit übergeben. Unsere Zelle ist etwa zwei auf drei Schritt groß. Verfaultes Stroh liegt in der Ecke, sowie ein Kessel abgestandenes Wasser oder Urin. Ansonsten gibt es zwei Eisenringe, die in der Wand eingelassen sind und die allem Anschein nach zum Befestigen von Ketten dienen.

Ich wende mich wieder Reyvan zu und lege sanft die Hand auf seine Schulter. Er zuckt bei der Berührung zusammen. So angespannt habe ich ihn noch nie erlebt – ein weiterer Grund, Angst zu bekommen.

»Was sind das für Wesen? Und wo bei den Göttern sind wir?«, ich versuche, die Panik in meiner Stimme so gut es geht zu unterdrücken.

Er wendet mir sein Gesicht zu und schaut mich lange an. Dann hebt er seufzend die Schultern. »Wir sind einer der schlimmsten Kreaturen in Altra begegnet«, in seiner Stimme schwingt wenig Hoffnung mit. »Warum habe ich das nicht kommen sehen? Der Gang, in dem wir waren, war prädestiniert für diese Bestien.« Er wischt sich mit dem Handrücken über die Augen.

»Was für Bestien?«, frage ich erneut.

»Sei froh, dass du bisher von ihrer Existenz nichts wusstest«, der Elf lässt sich an einer der Wände zu Boden sinken. Dabei ist es ihm offenbar gleichgültig, dass er in Jahrhunderte altem, stinkendem Dreck sitzt. Er winkelt ein Bein an und mustert mich. »Das sind Vexatoren. Sie sind kaum mit Zauber zu bekämpfen, geschweige denn mit Waffen. Und sie können die Gedanken von Menschen beeinflussen – glücklicherweise nicht die von Elfen. Sie leben davon, die Wärme und dann das kalte Blut ihrer Opfer auszusaugen.«

Ich erschaudere bei diesen Worten und setze mich neben Reyvan. »Das mit dem Gedanken beeinflussen hab ich schon gemerkt. Ich konnte mich keinen Fuß weit bewegen.«

Ich greife im Halbdunkel – immerhin spenden die Fackeln im Gang etwas Licht – nach seiner Hand. Er legt einen Arm um mich und zieht mich an seinen warmen Körper. Fröstelnd lehne ich meinen Kopf an seine Schulter. Ich habe keine Ahnung, wie wir aus dieser Situation wieder herauskommen sollen. Wir haben keine Möglichkeit, gegen diese Vexatoren im Kampf zu bestehen, wenn nicht einmal Reyvan seine Kräfte einsetzen kann. Ich hebe den Kopf, um ihm in die Augen sehen zu können.

»Kannst du nicht das Schloss öffnen?«, frage ich hoffnungsvoll.

»Das schon, aber ich glaube kaum, dass es uns etwas bringt. Wir sind die einzigen Gefangenen – ich habe keine anderen Wesen atmen gehört, als wir herunterkamen. Das heißt, auf Verstärkung können wir nicht hoffen. Wir können zwar versuchen, einen anderen Weg hier raus zu finden. Aber ich bezweifle, dass die Vexatoren einen solchen nicht längst verbarrikadiert haben. Sie sind klüger als sie aussehen, musst du wissen. Sonst hätten sie mich ja auch nicht überrumpeln können.«

Er streicht mir zärtlich über das Haar und ich lächle bei seiner letzten Bemerkung. Nicht einmal jetzt gerät seine Selbstsicherheit ins Schwanken. Er nimmt meine Hand in seine. Eine Weile spielt er gedankenverloren mit dem Ring, den mir mein Bruder Sen gegeben hat und den ich seit unserer Flucht aus dem Zirkel am Finger trage.

»Aber wir müssen hier doch irgendwie raus kommen«, ich seufze.

»Mmmh … im Moment gefällt es mir ganz gut so. Ich hab dich schon lange nicht mehr so nahe bei mir haben können. Bisher waren wir ja ständig auf der Flucht und hatten wenig Zeit für Zärtlichkeiten«, er küsst mich auf die Stirn und streicht seine Wange über mein Haar.

Ich verdrehe die Augen. »Ich finde es ziemlich unromantisch hier«, ich löse mich aus der Umarmung. »Kannst du nicht wenigstens das Schloss öffnen, ich bekomme langsam Platzangst.«

»Dein Wunsch sei mir Befehl, Cíara«, jetzt blitzt wieder der Schalk in seinen Augen und in mir keimt ein Funken Hoffnung auf.

Er kramt in seiner Manteltasche und holt einen Satz Dietriche hervor. Er braucht nur ein paar Sekunden, bis das verheißungsvolle Knacken erklingt. Ich wünschte, ich wäre ebenso geschickt und könnte jedes Schloss öffnen.

»Besser?«, er dreht sich mit einer hochgezogenen Augenbraue zu mir.

»Viel besser, danke!«

»Gut. Dann lass uns überlegen, wie wir aus dieser verfahrenen Situation heraus kommen«, er kehrt zu mir zurück und setzt sich wieder hin.

»Ich werde als Erstes mal diesen Gang etwas genauer unter die Lupe nehmen«, meint er schließlich nach längerem Nachdenken. »Ich glaube zwar nicht, dass wir wegkommen, aber vielleicht gibt es doch etwas Interessantes zu entdecken. Du bleibst am besten so lange hier. Einerseits, weil ich nicht möchte, dass du dich in Gefahr begibst, andererseits, weil du – trotz meinem Unterricht in den letzten Tagen – immer noch nicht schleichen kannst.«

Seine unverblümte Art, mich auf meine Tollpatschigkeit hinzuweisen, lässt mich schamerfüllt erröten. Er küsst mich nochmals auf die Wange und schlüpft, ohne meine Antwort abzuwarten, durch die Eisentür. Ich bleibe sitzen und beobachte durch das Gitter, wie er sich leise wie ein Schatten durch den Gang bewegt. Bald schon kann ich seine Gestalt nicht mehr erkennen und es bleibt mir nichts anderes übrig, als zu warten.

Ich hoffe inständig, diese Vexatoren werden nicht so rasch wiederkommen. Falls doch, wären sie wahrscheinlich verärgert ob der Tatsache, nur noch die Hälfte ihrer Gefangenen vorzufinden.

 

Kapitel 2

 

Ich starre in die Dunkelheit vor mir und strenge mein Gehör an. Aber ich kann keine Geräusche wahrnehmen, außer dem steten Tropfen, das von irgendwoher kommt. Glücklicherweise habe ich mich langsam an den ekelhaften Gestank gewöhnt. Trotzdem wünsche ich mir nichts sehnlicher, als endlich etwas anderes als Dunkelheit zu sehen. Die letzten Stunden in dem Tunnel waren schon zermürbend genug – und jetzt sitze ich schon wieder in der Finsternis.

Ich stoße einen leisen Fluch aus und raufe mir das Haar, das mir ungebändigt über die Schultern fällt. Dann durchwühle ich unsere Rucksäcke, die uns das Wesen gelassen hat – sie scheinen sich ja vornehmlich von Blut zu ernähren und auch keine Waffen zu benötigen –  nach etwas Essbarem. Mein Magen beschwert sich lautstark über die üblen Zustände. Seit wir in den Tunnel gekrochen sind, habe ich nichts mehr gegessen.

Zum Glück finde ich getrocknetes Fleisch und trinke einen kleinen Schluck aus dem Wasserschlauch. Wer weiß, wie lange diese Vorräte halten müssen. Ich versuche, mir einen Überblick darüber zu verschaffen, was wir noch haben. Da Reyvan gestern drei Eichhörnchen erlegt hat, haben wir zumindest für heute und morgen noch genug zu essen. Aber danach müssen wir hier raus – es sei denn, die Vexatoren bekommen schon früher Lust auf unsere Wärme und unser Blut. Aber daran wage ich nicht zu denken.

Es scheint eine Ewigkeit zu dauern, bis Reyvan endlich zurückkehrt. Als er in die Zelle schlüpft, atme ich erleichtert auf.

»Und, hast du etwas entdeckt?«, ich schaue ihn hoffnungsvoll an.

Er schüttelt zu meiner Enttäuschung den Kopf. »Nichts, das uns weiterhilft. Aber ich weiß nun, dass die Tür oben nicht verschlossen oder bewacht ist. Allerdings müssen wir über den Innenhof der Burg, wenn wir hier weg wollen. Und ich bin mir nicht sicher, ob du schnell genug rennen kannst. Diese Vexatoren sind unglaublich flink. Fast so wie Warfts.«

Ich schaudere, als ich an die pelzigen, Wolfähnlichen Monster denke, von denen ich eines beim Turnier der Wintersonnenwende persönlich kennengelernt habe. Dieses war tatsächlich sehr schnell unterwegs, als es Tascha und mich verfolgt hatte. Wenn die Vexatoren nur halb so rasch rennen können, wird es schwierig.

»Können wir hinausschleichen?«

Reyvan sieht mich abwägend an. »Ich könnte das auf jeden Fall, aber du wahrscheinlich nicht. Die Vexatoren hören sehr gut und sehen sowohl im Dunkeln als auch bei Tage ebenso wie wir Elfen. Zudem wimmelt der Innenhof von diesen Abscheulichkeiten. Daher können wir Schleichen vergessen.«

Ich lasse entmutigt die Schultern sinken. Wie bei den Göttern sollen wir hier herauskommen? Es nützt nichts, dass wir frei in den Verliesen herumgehen können, wenn wir keine Möglichkeit finden, sie zu verlassen.

»Kleine, wir kommen hier bestimmt raus«, Reyvan legt mir einen Finger unter das Kinn und küsst mich auf den Mund. Noch während seine Lippen die meinen berühren, erstarrt er und hebt lauschend den Kopf. »Da kommt jemand.«

So sehr ich mich auch anstrenge, ich kann nichts hören. Also glaube ich ihm einfach, dass da jemand kommt. Und tatsächlich taucht wenige Sekunden später eine Gestalt vor der Zellentür auf. Ich halte den Atem an, als sie sich daran zu schaffen macht. Ein überraschter Laut ertönt, als diese offen ist.

»Ihr versucht zu fliehen, wie?«, die Stimme des Vexators, der in unsere Zelle kommt, klingt hohl und schneidend zugleich.

Ich bin überrascht, dass er unsere Sprache spricht.

»Sehen wir so aus?«, die Unschuld steht Reyvan ins Gesicht geschrieben.

Der Vexator lässt sich nicht davon beeindrucken. »Versucht Ihr mich etwa zu beeinflussen?«, seine Stimme klingt nun sauer. »Wagt es ja nicht, Elf! Ich bin der oberste Berater und ich trage dieses Abzeichen aus einem guten Grund!«, er deutet auf einen roten Edelstein, der mitten auf seiner Stirn prangt. Bisher war ich viel zu verängstigt, um ihn zu bemerken.

»Das habe ich auch keinen Moment gewagt zu bezweifeln«, entgegnet Reyvan schlagfertig. »Das Abzeichen steht Euch viel zu gut, um aus Versehen dorthin gelangt zu sein.«

Der Vexator knurrt, weiß aber nichts mit dieser Bemerkung anzufangen. Dann besinnt er sich auf sein eigentliches Ansinnen und packt den Elf grob am Arm. »Los, kommt mit! Der Herr will Euch sehen.«

Ich stehe eilig auf und bekomme gerade noch aus dem Augenwinkel mit, wie Reyvan den Rucksäcken geschickt einen Stoß gibt, damit sie vor der Kerkertür zu liegen kommen. Dann folgen wir diesem obersten Berater der Vexatoren. Zum Glück hat er darauf verzichtet, mich abermals mit diesem unheimlichen Zauber zu belegen, der mir den Willen über meinen Körper raubt.

Ich bin erleichtert, als ich sehe, dass wir die Treppe hochgehen und endlich wieder frische Luft einatmen können. Der Vexator lässt uns keine Zeit, diese zu genießen, sondern scheucht uns weiter über den mit zerbrochenen Steinplatten belegten Innenhof, zum Haupteingang des mittleren Gebäudes. Ich vermute, dass es sich um das Haupthaus handelt, denn das andere Gebäude in unserem Rücken sieht noch verwahrloster aus.

Einst war diese Burg bestimmt ein Prachtstück, jetzt aber sind die Tore, die in das Haupthaus führen, verrostet und knirschen laut, als der Vexator sie öffnet. Ich frage mich, wer hier früher gewohnt haben mag.

Wir betreten die geräumige Eingangshalle. Aber auch hier hat die Zeit Spuren hinterlassen. Die farbenfrohen Vorhänge und Teppiche, die die Überbleibsel längst vergangener, glorreicher Zeiten sein mögen, sind vergilbt und von Motten zerfressen. Die kunstvoll verzierten Blumenvasen zerschlagen und ihre Scherben am Boden verteilt. Alles ist von einer dicken Staubschicht überzogen und ich unterdrücke ein Niesen. Vexatoren scheinen nicht viel Wert auf Schönheit oder Sauberkeit zu legen.

Der Berater geht uns voran durch eine Flügeltür und wir betreten den Thronsaal. Er ist lieblos mit ein paar Jagdtrophäen – vornehmlich Hirschköpfen – dekoriert, die uns von den ansonsten kargen Steinwänden entgegenstarren. Vier eingeschlagene Fenster an der linken Wand, deren bunte Glasscherben achtlos liegen gelassen wurden, lassen einige Lichtstrahlen in den dunklen Raum. Die Fackelhalter an der anderen Wand sind leer und mit Spinnweben behangen. Sie wurden offenbar schon lange nicht mehr benutzt.

Hohe Steinsäulen, die die Decke stützen, flankieren einen roten, abgewetzten Teppich, der bis zum Thron führt. Mehrere Löcher sind in dem vergilbten Stoff zu erkennen. Der Thron selbst besteht aus einem einzigen, quadratischen Steinblock und sieht alles andere als gemütlich aus. Aber anscheinend scheint es das Wesen, das darauf sitzt, nicht allzu sehr zu stören.

Als wir näher kommen, beugt es seinen Oberkörper uns entgegen und stützt einen seiner dünnen Arme auf seinen knochigen Oberschenkel ab. So sehr ich mich auch bemühe, ich erkenne – außer dem schmalen Goldreif auf seinem kahlen Haupt – keinen wesentlichen Unterschied zu den anderen Vexatoren. Sie sehen alle gleich hässlich, bleich und gruselig aus.

»Tretet näher, Sterbliche!«, erklingt die Grabesstimme des Vexators auf dem Thron.

Ich unterdrücke ein Schaudern und tue wie geheißen. Der oberste Berater tritt neben seinen Herrn und flüstert ihm etwas zu. Sie haben doch gar keine Ohren – schießt es mir unsinnigerweise durch den Kopf.

»Wer seid Ihr?«, fragt der mit dem goldenen Reif.

»Harmlose Reisende«, antwortet Reyvan für uns beide.

»Das glaube ich nicht!«, kommt sofort die Antwort, diesmal eine Spur lauter. Das Echo hallt von den dunklen Wänden.

»Glaubt, was Ihr wollt«, Reyvan scheint nicht im Mindesten eingeschüchtert zu sein. »Wir wollen Euch nichts Böses. Lasst uns frei, dann werden wir euch nicht mehr behelligen.«