image

Lucas Bahl

Drei Kurze
plus Zugabe

Geschichten

image

image

In „Drei Kurze plus Zugabe“ gibt Lucas Bahl dem Abgründigen, Aberwitzigen und Verworrenen nach. Die Rache am Nachbarn in „Dr Crime und der Fall Lumpi“ erscheint noch ganz von dieser Welt. Anders in „Zeitlang“: Da klemmt ein vom Vatikan autorisiertes Jesus-Double in einer Zeitschleife fest – Himmelfahrt einmal anders. Packend und sprachlich meisterhaft geschrieben: „Wracker“. Auch hier tobt sich manch wahnsinnige Macht aus. Das Bändchen klingt mit einer Handvoll Textzugaben aus, die dem Leser Spannung und Lösung überlassen. Furios, fesselnd, fantastisch!

Friederike Schmöe (u. a. „Kirchweihmord“, „Ein Toter, der nicht sterben darf “)

www.luc-bahl.de

Lucas Bahl, Drei Kurze plus Zugabe, Geschichten.

ISBN 978-3-95795-014-7

Für Sabine

Inhalt

Dr Crime und der Fall „Lumpi“

Zeitlang

Wracker

Zugabe

Dr Crime und der Fall „Lumpi“

91327 Gößweinstein OT Wichsenstein

Dienstag, der 23. April 2013

Verehrter Dr Crime,

es gibt so viele Leute, die ich gerne um die Ecke bringen würde: verlogene Politiker, Investmentbanker, Vorstandsdeppen internationaler Rüstungskonzerne, korrupte Beamte und so weiter und so fort. Am dringlichsten aber wünsche ich mir das schmerzvolle Ableben meines Nachbarn, und zwar so schnell wie möglich, weil der seinen Dackel immer in meinen Vorgarten kacken lässt.

Deshalb erlaube ich mir, Ihnen meine dringliche Bitte zu unterbreiten, mich bei diesem Vorhaben zu unterstützen. Denn mir fehlt ein vernünftiger und vor allem mit der gebotenen Raffinesse umzusetzender Plan.

Ihre professionelle Beratung in zahlreichen erfolgreich abgeschlossenen Fällen im Zusammenhang mit der Beseitigung unerwünschter Zeitgenossen dürfte darüber hinaus sicherstellen, dass ich nach erfolgreicher Durchführung der Tat keine strafrechtlichen Konsequenzen zu fürchten habe. Schließlich wäre es ein Ding der Unmöglichkeit, dass ich als Opfer jahrelanger nachbarschaftlicher Belästigung nach erfolgter Lösung des Problems auch noch in die Mühlen polizeilicher und juristischer Verfahren geriete.

In Erwartung Ihrer geschätzten Antwort verbleibe ich

mit freundlichen Grüßen

herzlichst Ihr

Anton Joseph Gautsch

Dr Crime

Postfach: 770

91329 Tiefenseebach, 26. April 2013

Sehr geehrter Herr Gautsch,

ich bedanke mich für Ihre Anfrage und bin sicher, Ihnen helfen zu können.

Ich schätze, dass ich für den meinerseits zu erbringenden Aufwand alles in allem 6 Stunden benötige und würde dafür einen Tagessatz von 2.500 Euro berechnen, da Sie das billiger kommt als eine stundenweise Abrechnung, bei der ich pro angefangenen 60 Minuten 450 Euro verlange. Wie Sie wissen, bestehe ich aus naheliegenden Gründen auf Vorkasse. Ich bitte um Verständnis, dass eine formelle Inrechnungstellung oder die Quittierung geleisteter Zahlungen nicht erwartet werden kann. Außerdem weise ich der Vollständigkeit halber auf meine Haftungsausschlussklausel hin, das heißt, ich kann im Falle eines wie auch immer gearteten Fehlschlags keinerlei Garantien übernehmen. Eine auch teilweise Rückzahlung bereits geleisteter Honorare wird hiermit ausgeschlossen. Des Weiteren mache ich Sie darauf aufmerksam, dass eine steuerliche Geltendmachung an mich geleisteter Zahlungen von den deutschen Finanzämtern nicht anerkannt wird.

Sollten Sie nach reiflicher Überlegung meine Unterstützung dennoch in Anspruch nehmen wollen, bitte ich Sie, den oben genannten Betrag auf mein Liechtensteiner Konto bei der FAC, Fürstliche AlpaCassa (IBAN QWERTZ67843 BIC LIFUEAC, Verwendungszweck: Lumpi) zu überweisen. Als Zahlungsweg empfehle ich Western Union oder Bareinzahlung.

Mit freundlichem Gruß

Dr Crime

Dr Crime

Postfach: 770

91329 Tiefenseebach, 01. Mai 2013

Sehr geehrter Herr Gautsch,

Ihre Zahlung ist auf meinem Konto eingegangen. Vielen Dank für Ihr Vertrauen. In wenigen Tagen erhalten Sie weitere Post von mir, die neben ausführlichen Anmerkungen und einer Bedienungsanleitung jene Zutaten und Hinweise enthalten wird, die Sie zur erfolgreichen Durchführung Ihres Vorhabens benötigen.

Ich wünsche einen guten Tag!

Mit freundlichem Gruß

Dr Crime

Dr Crime

Postfach: 770

91329 Tiefenseebach

06. Mai 2013

Sehr geehrter Herr Gautsch,

anbei finden Sie – wie angekündigt – eine Anleitung und eine Auflistung jener Materialien, die Sie für Ihre Problemlösung benötigen. Das, was Sie ohne Probleme im normalen Handel erwerben können, bitte ich Sie, selbst einzukaufen, wobei Sie darauf achten sollten, sich exakt an meine Anweisungen, z. B. Typ-Nummer etc., zu halten. Lesen Sie sich – bevor Sie loslegen – meine Anmerkungen und die Anleitung genau durch.

Ich wünsche Ihnen viel Erfolg bei Ihrem Vorhaben und würde mich freuen, bei Gelegenheit vom Ergebnis Ihrer Bemühungen zu erfahren.

Mit freundlichem Gruß

Dr Crime

Anlagen: wie erwähnt.

Anlage 1

Anmerkungen

Prinzipiell gibt es in einem Fall wie dem Ihren theoretisch mehrere Möglichkeiten, das Problem zu lösen. Als wirklich zielführend und praktisch – nicht zuletzt in Hinblick auf die Vermeidung strafrechtlicher Konsequenzen – kommt nach meiner Überzeugung aber nur das von mir abschließend beschriebene Verfahren in Frage.

Der Vollständigkeit halber und weil Sie dafür bezahlt haben, möchte ich Ihnen aber auch die anderen Varianten nicht vorenthalten.

Problemlösungsvorschlag Nr. 1

Sie töten nicht den Nachbarn, sondern den Hund. Das wäre ohne Frage eine schlichte, leicht durchführbare und mit einem Minimum an Geschick auch ohne juristisches Nachspiel praktikable Methode.

Weshalb ich jedoch von diesem Vorgehen abrate und aus diesem Grund auch auf eventuelle Einzelheiten bei der Durchführung gar nicht erst eingehe, ist ethisch motiviert. Ich verabscheue Tierquäler und Sie – das unterstelle ich – ebenfalls. Denn sonst hätten Sie diesen Schritt auch ohne meine beratende Zuarbeit wahrscheinlich längst selbst in die Tat umgesetzt.

Schließlich kann das Tier nichts für die schlechten Angewohnheiten und die Faulheit des Besitzers, der, anstelle mit dem Dackel spazieren zu gehen und ihn sein Geschäft abseits von Wegen und Gärten erledigen zu lassen, den Hund in Ihren Vorgarten schickt, um das selbige dort zu tun.

Problemlösungsvorschlag Nr. 2

Naheliegend und menschlich allzu verständlich wäre, die Hinterlassenschaften des Tieres einzusammeln und dann, sobald eine ausreichende Menge vorhanden wäre, besagtem Nachbarn vorzugsweise nächtens aufzulauern und in Ihre Gewalt zu bringen. Sorgfältig gefesselt, könnten Sie ihm den Hundekot so lange ins Maul stopfen, bis er daran erstickt. Abgesehen davon, dass sich diese Vorgehensweise nur durch geruchsunempfindliche Zeitgenossen zuverlässig in die Tat umsetzen ließe, wobei ich Ihnen auch hier unterstelle, dass Sie nicht unter den Anomalien des Refsum-Syndroms mit einhergehender Einschränkung Ihrer Duftwahrnehmung leiden, ist die Durchführung vor allem unter ästhetischen Gesichtspunkten unbefriedigend.

Arbeit und Arbeitsergebnis sollen schließlich Freude bereiten und sich nicht zuletzt auch sehen lassen können. Zudem birgt das oben angerissene Verfahren eine Reihe von schwer kalkulierbaren Variablen, die das Risiko des Scheiterns unverhältnismäßig steigern.

Aus diesem Grund verzichte ich auch bei dieser Variante auf nähere Ausführungen zu Ablauf und Aufbau.

Problemlösungsvorschlag Nr. 3

Sie erwerben bei einem der örtlichen Baumärkte das handelsübliche Modell der Wieselfalle Marke „Schnapp“, Typ-Nr. SP-7934285. Es ist die größte Lebendfalle für Wiesel, die sicherstellt, dass sie auch zuverlässig den Dackel Ihres Nachbarn zu fangen vermag, ohne das Tier zu verletzen oder gar zu töten. Das Modell verfügt außerdem über zwei praktische, verstellbare Tragegurte, ursprünglich dafür vorgesehen, Falle und eingefangene Tiere über weite Strecken unwegsamen Geländes transportieren zu können.

Als Dackellockmittel verwenden Sie ein Stück rohes Fleisch oder Gelbwurst, die Sie mit einem(!) Tropfen der beiliegenden Substanz beträufeln. Bitte nicht mehr nehmen, da ansonsten die Gefahr besteht, den Hund einzuschläfern. Denn das wollen wir ja nicht.

Hinweis: Ich empfehle, das Bestücken und Aufstellen der Falle möglichst zeitnah vor der allabendlichen Zweckentfremdung Ihres Vorgartens durch Nachbar und Dackel vorzunehmen, um das Risiko zu minimieren, das beispielsweise durch streunende Katzen besteht. Wie Sie der Skizze auf der folgenden Seite entnehmen können, ist die kleine bauliche Veränderung am Verschluss der Falle, für die Sie die ebenfalls beiliegende Vorrichtung verwenden, auch für handwerklich ungeübte Heimwerker eine Angelegenheit weniger Minuten.

Achtung: Je nachdem, wie gut Außenstehende Ihren Vorgarten ob von der Straße oder von Nachbargrundstücken aus einsehen können, empfehle ich Ihnen vor der Umsetzung Ihres Vorhabens die Anbringung eines geeigneten Sichtschutzes, um allen Eventualitäten in Form ungewollter Zeugen vorzubeugen.

Usw. usf.

91327 Gößweinstein OT Wichsenstein

Freitag, der 17. Mai 2013

Verehrter Dr Crime!

Erlauben Sie mir, Ihnen meinen verbindlichsten Dank zu übermitteln. Ich habe Ihre Überlegungen und Anweisungen buchstabengetreu befolgt und war – wenngleich ich keinen Augenblick an Raffinesse und Wirksamkeit Ihrer Vorschläge gezweifelt habe – letztlich doch vom überwältigenden Ergebnis nach der Umsetzung Ihres Planes überrascht. Beiliegend sende ich Ihnen einen Artikel, der zwei Tage nach der erfolgreich durchgeführten Aktion im „Fränkischen Tag“ erschienen ist. Er beweist, dass die Tat sogar die Aufmerksamkeit der Presse zu erregen vermochte, obwohl ich mich für die von Ihnen fakultativ vorgeschlagene Variable zwei entschieden habe, in der eine finale Lösung des Problemnachbarn ausdrücklich nicht vorgesehen war.

Ein guter Entschluss, denn sonst wäre die Angelegenheit höchstens als Notiz unter „Vermischtes“ erwähnt worden.

So aber kam nicht nur die Substanz A, die Sie mir zusammen mit Ihren Anweisungen geschickt haben, zum Einsatz, sondern auch Substanz B, die – wie Sie schrieben – nur dann Verwendung finden sollte, falls ich der erwähnten Variable zwei den Vorzug geben würde.