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Buch

Es sollte der schönste Tag in ihrem Leben werden – und es ist ihr letzter: In der Hochzeitsnacht wird ein junges Ehepaar in seiner Hotelsuite grausam ermordet. Inspector Lindsay Boxer, der einzige weibliche Detective bei der Mordkommission San Francisco, wird mit den Ermittlungen beauftragt. Und man stellt ihr einen Partner zur Seite: einen Polizisten mit besten politischen Verbindungen ins Büro des Bürgermeisters. Lindsay Boxer aber plagen ganz andere Sorgen. Die Pathologin Claire Washburn entdeckt an den Leichen deutliche Hinweise auf die Identität des Täters. Jedem erfahrenen Polizisten macht das Angst, jeder Mörder versucht seine Spuren zu verwischen, nur ein Serienmörder nicht: der hinterlässt seine Handschrift – und zwar absichtlich! Tatsächlich bewahrheiten sich Lindsays schlimmste Befürchtungen. Weitere »Honeymoon«-Morde folgen, die Spuren häufen sich. Aber wer ist dieser Killer, der so heimtückisch und raffiniert mit der Polizei Katz und Maus spielt? Erst der »Club der Ermittlerinnen« verhilft Lindsay Boxer zum Durchbruch. Auch wenn Lindsay und ihre Freundinnen – die Reporterin Cindy Thomas, die Pathologin Claire Washburn und die Staatsanwältin Jill Bernhardt – dabei gegen alle professionellen Regeln verstoßen, sie müssen untereinander mit offenen Karten spielen, um den Killer zu entlarven. Dann aber übersieht Lindsay dieses eine kleine und doch so wichtige Detail. Und das kann sie ihr Leben kosten …

Autor

James Patterson, geboren 1949, war Kreativdirektor bei einer großen amerikanischen Werbeagentur. Inzwischen ist er einer der erfolgreichsten Bestsellerautoren der Welt. »Der 1. Mord« ist der Auftakt zu einer packenden Romanserie um Inspector Lindsay Boxer und den »Club der Ermittlerinnen«, mit dem Patterson bereits sämtliche Bestsellerlisten erobert hat. James Patterson lebt mit seiner Familie in Palm Beach und Westchester, N.Y.

Von James Patterson ist bereits erschienen

Die Alex-Cross-Romane

Stunde der Rache, Mauer des Schweigens, Vor aller Augen, Und erlöse uns von dem Bösen, Ave Maria, Blood, Dead, Fire, Heat, Storm, Cold, Dark, Run, Evil, Devil

Der Women’s Murder Club

Der 1. Mord, Die 2. Chance, Der 3. Grad, Die 4. Frau, Die 5. Plage, Die 6. Geisel, Die 7 Sünden, Das 8. Geständnis, Das 9. Urteil, Das 10. Gebot, Die 11. Stunde, Die Tote Nr. 12, Die 13. Schuld


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James Patterson

Der 1. Mord

Thriller



Aus dem Amerikanischen
von Edda Petri

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Die Originalausgabe erschien 2001 unter dem Titel
»1st to Die« bei Little, Brown and Company, New York.

Copyright © by James Patterson 2001

Copyright der deutschsprachigen Ausgabe © 2003

by Limes Verlag, München,

in der Verlagsgruppe Random House GmbH,
Neumarkter Str. 28, 81673 München

Umschlaggestaltung: www.buerosued.de, München

Umschlagmotiv: © Hayden Verry/buchcover.com

AF · Herstellung: sto

Satz: Uhl + Massopust, Aalen

ISBN 978-3-641-06273-6
V002

www.blanvalet.de

Prolog

Inspector Lindsay Boxer

Es ist ein ungewöhnlich warmer Augustabend, trotzdem zittere ich am ganzen Leib, während ich auf der großen Steinterrasse vor meiner Wohnung stehe. Ich schaue hinaus auf das wunderbare San Francisco und presse meinen Dienstrevolver gegen die Schläfe.

»Verdammt sollst du sein, Gott!«, flüstere ich. Was für ein Gefühl, aber meiner Meinung nach passend und gerechtfertigt.

Ich höre Sweet Martha fiepen. Ich drehe mich um. Sie betrachtet mich durch die Glastüren, die auf die Terrasse führen. Sie weiß, dass etwas nicht stimmt. »Alles in Ordnung«, rufe ich ihr durch die Tür zu. »Mach Platz, Mädchen.«

Doch Martha geht nicht ins Körbchen, sie lässt mich nicht aus den Augen. Sie ist eine liebe, loyale Freundin, die mir seit sechs Jahren jeden Abend mit ihrer feuchten Schnauze einen Gute-Nacht-Kuss gibt. Während ich in die Augen der Border-Collie-Hündin schaue, kommt mir der Gedanke, dass ich vielleicht hineingehen und die Mädels anrufen sollte. Claire, Cindy und Jill wären hier, noch ehe ich das Telefon weggelegt hätte. Sie würden mich in die Arme nehmen, streicheln und alles Richtige sagen. Du bist etwas ganz Besonderes, Lindsay. Alle mögen dich, Lindsay.

Allerdings bin ich ziemlich sicher, dass ich morgen Abend wieder hier draußen stehen werde – oder übermorgen. Ich sehe einfach keinen Ausweg aus diesem Schlamassel. Hundertmal habe ich alles durchdacht. Ich kann verteufelt logisch sein, aber offensichtlich bin ich auch äußerst gefühlsbetont. Das war meine Stärke als Inspector bei der Polizei von San Francisco. Es ist eine seltene Kombination, und ich glaube, dass ich deshalb erfolgreicher war als sämtliche männliche Kollegen in der Mordkommission. Von ihnen würde natürlich auch keiner jetzt hier stehen, um sich mit der Dienstwaffe das Gehirn wegzupusten.

Ich streiche mit dem Pistolenlauf über meine Wange, dann hebe ich ihn wieder an die Schläfe. O Gott, o Gott, o Gott! Ich muss an sanfte Hände denken, an Chris, und das bringt mich zum Weinen.

Viele Bilder stürmen zu schnell auf mich ein, als dass ich damit fertig werden könnte.

Diese schrecklichen Honeymoon-Morde, die unsere Stadt in Angst und Schrecken versetzt haben, vermischt mit Großaufnahmen meiner Mutter und sogar ein paar Momentaufnahmen meines Vaters. Meine besten Freundinnen – Claire, Cindy und Jill – unser verrückter Club. Ich kann sogar mich selbst sehen – jedenfalls so, wie ich mal war. Niemand hatte jemals gedacht, dass ich wie eine Beamtin der Mordkommission aussah, wie der einzige weibliche Inspector der gesamten Polizei von San Francisco. Meine Freunde meinten immer, ich ähnele mehr Helen Hunt, die in Mad About You mit Paul Reiser verheiratet war. Ich war auch einmal verheiratet. Aber ich war nicht Helen Hunt, und er bestimmt nicht Paul Reiser.

Das hier ist so schwierig, so schlimm, so falsch. Es ist so völlig gegen meine Natur. Immer noch sehe ich David und Melanie Brandt vor mir, das erste Paar, das in der Mandarin Suite des Grand Hyatt Hotels getötet wurde. Ich sehe dieses grauenvolle Hotelzimmer, in dem sie so völlig sinnlos gestorben sind.

Damit hat alles angefangen.

Erster Teil

David und Melanie

1 Wunderschöne, langstielige rote Rosen füllten die Hotel-Suite – wirklich die perfekten Geschenke. Alles war perfekt.

Irgendwo auf diesem Planeten mag es vielleicht einen noch glücklicheren Menschen geben, dachte David Brandt, als er die Arme um seine frisch angetraute Ehefrau Melanie schloss. Vielleicht irgendwo im Jemen – irgendeinen Allah preisenden Bauern mit einer zweiten Ziege. Aber auf keinen Fall in San Francisco.

Das Paar blickte aus dem Fenster des Wohnzimmers in der Mandarin Suite des Grand Hyatt Hotels. In der Ferne sahen sie die Lichter von Berkeley, Alcatraz, die anmutige Silhouette der hell beleuchteten Golden Gate Bridge.

»Es ist unglaublich«, sagte Melanie strahlend. »An diesem Tag würde ich nicht eine einzige Kleinigkeit ändern.«

»Ich auch nicht«, flüsterte er. »Na ja, vielleicht hätte ich meine Eltern nicht eingeladen.« Beide lachten.

Vor wenigen Momenten hatten sie sich im Ballsaal des Hotels von den letzten der dreihundert Gäste verabschiedet. Endlich war die Hochzeitsfeier zu Ende: die Reden, das Tanzen, die fotografierten Küsse über der Torte. Jetzt waren die beiden endlich allein und hatten den Rest ihres gemeinsamen Leben vor sich.

David ergriff die zwei mit Champagner gefüllten Gläser, die er auf einem Lacktisch abgestellt hatte. »Ein Toast«, verkündete er, »auf den zweitglücklichsten Mann der Welt.«

»Der zweitglücklichste?«, fragte sie und lächelte mit gespieltem Schock. »Wer ist denn der glücklichste?«

Sie hakten einander unter und tranken genüsslich einen großen Schluck des köstlichen Getränks aus den Kristallgläsern. »Der Bauer mit den zwei Ziegen. Das erkläre ich dir später«, antwortete er.

»Ich habe noch etwas für dich«, erinnerte sich David plötzlich. Er hatte ihr bereits den lupenreinen fünfkarätigen Diamanten an ihrem Finger geschenkt, den sie, wie er wusste, nur trug, um seinen Eltern eine Freude zu machen. Er ging zu seiner Smokingjacke, die er im Wohnzimmer über eine Stuhllehne gehängt hatte, und kam mit einem Schmuckkästchen von Bulgari zurück.

»Nein, David«, protestierte Melanie. »Du bist mein Geschenk.«

»Mach’s trotzdem auf«, sagte er. »Das gefällt dir bestimmt.«

Sie nahm den Deckel ab. Auf Samt lagen zwei Ohrringe: Große Silberringe umschlossen zwei winzige mit Brillanten besetzte Monde.

»Die zeigen, wie ich dich sehe«, meinte er.

Melanie hielt sich die Monde an die Ohrläppchen. Sie waren vollkommen – genau wie sie.

Sie küssten sich, und er zog den Reißverschluss ihres Kleides auf, bis der Ausschnitt über ihre Schultern herabglitt. Er küsste ihren Hals, dann den Busenansatz.

Jemand klopfte an die Tür der Suite.

»Champagner«, rief eine Stimme draußen.

Einen Moment lang erwog David zurückzurufen: »Stellen Sie ihn einfach ab!« Den ganzen Abend hatte er sich schon danach gesehnt, das Brautkleid von den weichen weißen Schultern seiner Frau zu ziehen.

»Ach, mach schnell auf«, sagte Melanie und ließ die Ohrringe vor seinem Gesicht baumeln. »Ich lege die inzwischen an.«

Sie entwand sich seiner Umarmung und ging zum Badezimmer der Mandarin-Suite. In ihren schönen braunen Augen strahlte ein Lächeln. O Gott, wie sehr liebte er diese Augen!

Als David zur Tür ging, dachte er, dass er mit niemandem auf der Welt tauschen wollte. Nicht einmal für eine zweite Ziege.

2 Phillip Campbell hatte sich diesen Moment, diese fantastische Szene unzählige Male ausgemalt. Er war sicher, dass der Bräutigam ihm die Tür öffnen würde. Und so war es auch. Er betrat die Suite.

»Herzlichen Glückwunsch«, sagte Campbell und überreichte den Champagner. Er starrte den Mann im offenen Smokinghemd und der lose baumelnden schwarzen Schleife an.

David Brandt würdigte ihn kaum eines Blickes, als er die mit einer bunten Schleife geschmückte Schachtel inspizierte. Krug. Clos du Mesnil, 1989.

»Was ist das Schlimmste, was je ein Mensch verbrochen hat?«, murmelte Campbell vor sich hin. »Bin ich dazu imstande? Habe ich genügend Mut?«

»War eine Karte dabei?«, fragte der Bräutigam und wühlte in der Tasche nach dem Trinkgeld.

»Nur das hier, Sir.«

Campbell trat vor und stieß dem Bräutigam ein Messer tief in die Brust, zwischen die dritte und vierte Rippe, der kürzeste Weg zum Herzen.

»Für den Mann, der alles hat«, sagte Campbell. Mit einem Fußtritt schloss er schnell die Tür. Dann drehte er David Brandt herum, drückte ihn gegen die Tür und trieb die Klinge noch tiefer hinein.

Der Bräutigam verkrampfte sich in einer Zuckung aus Schock und Schmerz. Aus seiner Brust drangen gurgelnde Geräusche, keuchende Atemzüge. Ungläubig traten seine Augen aus dem Kopf.

Das ist verblüffend, dachte Campbell. Er konnte spüren, wie die Kraft aus dem Opfer herausfloss. Der Mann hatte soeben einen der glücklichsten Augenblicke seines Lebens erlebt, und jetzt – nur Minuten später – starb er.

Warum?

Campbell trat zurück, und der Körper des Bräutigams sank auf dem Boden zusammen. Der Raum legte sich wie ein Schiff auf die Seite. Dann drehte sich alles um ihn und wurde undeutlich. Er hatte das Gefühl, als sähe er eine alte Wochenschau mit zuckenden Bildern. Beeindruckend. Gar nicht so wie er es erwartet hatte.

Campbell hörte die Stimme der frisch gebackenen Ehefrau und war so geistesgegenwärtig, die Klinge aus David Brandts Brust zu ziehen.

Dann ging er ihr rasch entgegen, um sie abzufangen, als sie, immer noch in ihrem langen Spitzenkleid, aus dem Badezimmer kam.

»David?«, fragte sie. Bei Campbells Anblick verwandelte sich ihr erwartungsvolles Lächeln in einen Ausdruck des Schocks. »Wo ist David? Wer sind Sie?«

Ihre Augen wanderten voll Entsetzen über ihn und blieben auf seinem Gesicht und der Messerklinge haften. Dann sah sie ihren Mann auf dem Boden.

»O mein Gott! David!«, schrie sie. »David, o David!«

Campbell wollte sich immer so an sie erinnern. Dieser erstarrte Blick aus weit aufgerissenen Augen. Die Hoffnung und die Verheißung, die soeben noch darin geglänzt hatten, waren jetzt erloschen.

Die Worte strömten aus seinem Mund. »Sie wollen wissen, warum? Nun, ich auch

»Was haben Sie getan?«, fragte Melanie heiser. Sie bemühte sich, dies alles zu begreifen. Ihre verschreckten Augen huschten hin und her und suchten nach einem Fluchtweg.

Unvermittelt stürzte sie zur Tür. Campbell erwischte sie am Handgelenk und setzte ihr das Messer an die Kehle.

»Bitte«, wimmerte sie mit starrem Blick. »Bitte, bringen Sie mich nicht um.«

»In Wahrheit, Melanie, bin ich hier, um Sie zu retten.« Er lächelte in ihr zitterndes Gesicht.

Campbell senkte die Klinge und stach zu. Mit einem Aufschrei bäumte sich ihr zierlicher Körper auf. Ihre Augen flackerten wie schwache Glühbirnen. Ein Todesröcheln entrang sich ihrer Kehle. Warum?, flehten ihre Augen. Warum?

Er brauchte eine volle Minute, um wieder atmen zu können. Der Geruch von Melanie Brandts Blut war tief in seiner Nase. Beinahe konnte er nicht fassen, was er getan hatte.

Warum?

Er trug die tote Braut zurück ins Schlafzimmer und legte sie aufs Bett. Sie war wunderschön, mit feinen Gesichtszügen. Und so jung. Er erinnerte sich daran, wie er sie zum ersten Mal gesehen hatte und wie sehr sie ihn damals fasziniert hatte. Sie hatte geglaubt, die ganze Welt läge ihr zu Füßen.

Er rieb die Handfläche gegen die weiche Oberfläche ihrer Wange und umschloss einen Ohrring mit den Fingern – einen lächelnden Mond.

»Was ist das Schlimmste, das jemals jemand getan hat?«, fragte sich Phillip Campbell wieder. Das Herz hämmerte in seiner Brust.

Dies hier? Hatte er es soeben vollbracht?

»Noch nicht«, antwortete ihm eine innere Stimme. »Noch nicht ganz.«

Langsam hob er das wunderschöne weiße Brautkleid hoch.

3 Es war kurz vor halb neun an einem Montagmorgen im Juni, einem jener kühlen, grauen Sommermorgen, für die San Francisco berühmt ist. Diese Woche fing für mich nicht gut an. Ich blätterte alte Ausgaben des New Yorker durch, während ich darauf wartete, dass mein Hausarzt, Dr. Roy Orenthaler, mich hereinrief.

Ich ging zu Dr. Roy, wie ich ihn manchmal nannte, seit ich an der San Francisco University Soziologie studiert hatte. Jedes Jahr kam ich gehorsam zur Untersuchung. Das war am vergangenen Dienstag gewesen. Überraschenderweise hatte er mich am Ende der Woche angerufen und mich gebeten, heute vor Dienstbeginn vorbeizukommen.

Vor mir lag ein arbeitsreicher Tag: zwei offene Fälle und eine schriftliche Zeugenaussage vor dem Bezirksgericht. Ich hoffte, um neun Uhr an meinem Schreibtisch zu sein.

»Ms. Boxer«, sagte endlich die Sprechstundenhilfe. »Der Doktor hat jetzt Zeit für Sie.«

Ich folgte ihr in sein Büro.

Üblicherweise begrüßte Dr. Orenthaler mich mit einem fröhlichen, gut gemeinten Seitenhieb auf meine Polizeiarbeit, wie »Also, wenn Sie hier sind, wer jagt dann die Verbrecher auf den Straßen?« Ich war jetzt vierunddreißig und seit zwei Jahren Inspector bei der Mordkommission im Justizpalast.

Heute jedoch erhob er sich steif und sagte nur mit ernster Miene: »Guten Morgen

Dann bat er mich, auf dem Stuhl ihm gegenüber Platz zu nehmen. O-o!

Bis dahin war meine Philosophie über Ärzte recht einfach: Wenn einer von ihnen einen mit diesem tiefen, besorgten Blick bat, Platz zu nehmen, konnten drei Dinge passieren. Nur eines davon war schlimm. Entweder wollten sie mit einem ausgehen, einem eine schlimme Nachricht schonend beibringen oder sie hatten gerade ein Vermögen dafür ausgegeben, die Couch neu beziehen zu lassen.

»Ich möchte Ihnen etwas zeigen«, begann Orenthaler. Er hielt ein Dia gegen das Licht und deutete auf Ansammlungen winziger, schemenhafter Kugeln in einem Strom kleinerer Kügelchen. »Das ist eine Vergrößerung des Blutabstrichs, den wir von Ihnen genommen haben. Die größeren Kugeln sind Erythrozyten. Rote Blutkörperchen.«

»Die sehen recht zufrieden aus«, scherzte ich nervös.

»Die schon, Lindsay«, erwiderte der Arzt ohne die Spur eines Lächelns. »Das Problem ist, dass Sie nicht viele davon haben.«

Ich hing wie gebannt an seinen Augen und hoffte, sie würden sich entspannen und wir könnten zu Trivialerem übergehen, wie »Sie sollten lieber anfangen, die langen Überstunden abzubauen.«

»Diesen Zustand nennt man aplastische Anämie«, fuhr Orenthaler fort. »Das ist sehr selten. Im Grunde handelt es sich darum, dass der Körper nicht mehr genügend rote Blutkörperchen produziert.« Er hielt ein Foto hoch. »So sieht ein normales Blutbild aus.«

Auf dem Bild sah der dunkle Hintergrund aus wie die Kreuzung von Market und Powell Street um siebzehn Uhr: Ein Verkehrsstau komprimierter Energiekügelchen. Eilboten, die alle Sauerstoff in die Körperteile eines anderen Menschen schafften. Mein Bild dagegen sah so belebt aus wie das Hauptquartier einer Partei zwei Stunden, nachdem der Kandidat das Handtuch geworfen hatte.

»Das kann doch aber behandelt werden, richtig?«, fragte ich ihn. Eigentlich befahl ich es ihm.

»Man kann es behandeln«, antwortete Orenthaler nach einer Pause. »Aber es ist sehr ernst.«

Vor einer Woche war ich nur zu ihm gekommen, weil meine Augen trieften und verschwollen waren und ich in meinem Slip Blut entdeckt hatte. Außerdem überfiel mich jeden Tag gegen drei Uhr nachmittags bleierne Müdigkeit, als würde irgendein an Eisenmangel leidender Zwerg mir Energie aussaugen. Und das mir, die ich regelmäßig zwei Schichten und vierzehn Stunden am Tag arbeitete. Sechs Wochen Urlaub hatte ich schon angesammelt.

»Und wie ernst ist mein Zustand genau?«, fragte ich mit unsicherer Stimme.

»Rote Blutkörperchen sind für den Prozess der Oxygenierung lebenswichtig«, fing Orenthaler an. »Hämatopoese, die Bildung roter Blutkörperchen im Rückenmark.«

»Dr. Roy, das hier ist keine medizinische Tagung. Bitte, sagen Sie mir, wie ernst es ist.«

»Was wollen Sie hören? Diagnose oder Chancen?«

»Ich möchte die Wahrheit hören.«

Orenthaler nickte. Er stand auf, kam um den Schreibtisch herum und nahm meine Hand. »Also, dann die Wahrheit, meine Liebe. Was Sie haben, ist lebensbedrohlich.«

»Lebensbedrohlich?« Mir stockte das Herz. Meine Kehle war so trocken wie Pergament.

»Tödlich, Lindsay.«

4 Der kalte, stumpfe Klang des Wortes traf mich wie ein Hohlgeschoss mitten zwischen die Augen.

Tödlich.

Ich wartete darauf, dass Dr. Roy mir erklärte, dass dies alles nur ein schlechter Scherz sei. Dass er meine Testergebnisse mit denen einer anderen Patientin verwechselt hätte.

»Ich möchte Sie zu einem Hämatologen schicken«, fuhr er fort. »Wie bei vielen Krankheiten gibt es mehrere Stadien. Im ersten Stadium findet man einen geringen Substanzverlust an Blutkörperchen. Diesen kann man mit monatlichen Bluttransfusionen bekämpfen. Im zweiten Stadium besteht ein systemischer Mangel an roten Blutkörperchen. Bei Stadium Drei ist ein stationärer Krankenhausaufenthalt erforderlich. Eine Knochenmarktransplantation. Möglicherweise die Entfernung der Milz.«

»Und in welchem Stadium bin ich?«, fragte ich und sog Luft in meine verkrampfte Lunge.

»Ihre Erythrozyten-Zählung hat kaum zweihundert pro Kubikzentimeter Blut ergeben. Damit befinden Sie sich am Scheitelpunkt.«

»Am Scheitelpunkt?«

»Auf dem Scheitelpunkt zwischen Stadium Zwei und Drei.«

Im Leben eines jeden Menschen kommt der Punkt, an dem einem klar wird, dass sich die Chancen grundlegend geändert haben. Die sorglose Lebensfahrt endet plötzlich an einer Betonmauer. Alle diese Jahre, in denen man lediglich dahingehüpft ist und das Leben einen dorthin führt, wohin man will, nehmen ein abruptes Ende. In meiner Arbeit erlebe ich ständig, wie anderen Menschen dieser Moment aufgezwungen wird.

Glückwunsch, jetzt war meiner da.

»Und was heißt das jetzt?«, fragte ich leise. Der Raum drehte sich ein wenig um mich.

»Das heißt, meine Liebe, dass Sie sich einer langwierigen und anstrengenden Behandlung unterziehen müssen.«

Ich schüttelte den Kopf. »Und was bedeutet das für meine Arbeit?«

Seit sechs Jahren war ich bei der Mordkommission, die letzten zwei Jahre in leitender Stellung. Mit etwas Glück würde ich Lieutenant werden, wenn mein jetziger Vorgesetzter befördert würde. Das Dezernat brauchte starke Frauen. Sie konnten es weit bringen. Bis zu diesem Moment hatte ich geglaubt, dass ich es weit bringen würde.

»Im Augenblick bedeutet es meiner Meinung nach gar nichts. Solange Sie sich während der Behandlung stark genug fühlen, können Sie weiterarbeiten. Das könnte sogar eine gute Therapie sein.«

Unvermittelt hatte ich das Gefühl zu ersticken. Die Wände des Zimmers schienen sich immer dichter heranzudrängen.

»Ich gebe Ihnen jetzt den Namen des Hämatologen«, sagte Orenthaler.

Er zählte die beruflichen Qualifikationen des Arztes auf, doch ich hörte ihn nicht mehr. Ich dachte nur: Wem kann ich das erzählen? Mom war vor zehn Jahren an Brustkrebs gestorben. Dad war verschwunden, als ich dreizehn war. Ich hatte eine Schwester, Cat, aber sie führte ein nettes, geordnetes Leben unten in Newport Beach. Für sie bedeutete schon ein falsches Abbiegen bei Rot eine Krise.

Der Arzt schob mir die Überweisungsformulare zu. »Ich kenne Sie, Lindsay. Sie tun so, als sei das etwas, das sie aus der Welt schaffen können, indem sie noch härter arbeiten – aber das können Sie nicht. Das hier ist todernst. Ich möchte, dass Sie Dr. Medved noch heute anrufen.«

Plötzlich ließ sich mein Pieper vernehmen. Ich holte ihn aus der Handtasche und schaute auf die Nummer. Es war das Büro – Jacobi.

»Ich brauche ein Telefon«, sagte ich.

Orenthaler warf mir einen missbilligenden Blick zu, ein Blick, der besagt: Ich hab’s Ihnen doch gesagt, Lindsay.

»Wie Sie sagten…« Ich zwang mir ein nervöses Lächeln ab. »Therapie.«

Er nickte zum Telefon auf seinem Schreibtisch und verließ das Zimmer. Wie im Traum wählte ich die Nummer meines Partners.

»Der Spaß ist vorbei, Boxer«, ertönte Jacobis mürrische Stimme. »Wir haben einen Doppel-Eins-Acht-Null. Im Grand Hyatt.«

In meinem Kopf drehten sich immer noch die Worte des Arztes. Ich fühlte mich wie im Nebel. Offenbar hatte ich nicht geantwortet.

»Hören Sie mich, Boxer?«, fragte Jacobi. »Die Arbeit wartet. Kommen Sie?«

»Ja«, sagte ich schließlich.

»Und ziehen Sie sich was Hübsches an«, fügte mein Partner hinzu. »Was Passendes für ’ne Hochzeit.«

5 Ich vermag mich beim besten Willen nicht zu erinnern, wie ich von Dr. Orenthalers Praxis draußen im Noe Valley bis zum Hyatt am Union Square kam. Immer und immer wieder dröhnten die Worte des Arztes in meinem Kopf. In schweren Fällen kann aplastische Anämie tödlich sein.

Ich weiß nur, dass ich knapp zwölf Minuten nach Jacobis Anruf mit meinem zehn Jahre alten Bronco quietschend vor dem Eingang des Hotels anhielt.

Auf der Straße wimmelte es von Polizisten. Was zum Teufel war passiert? Der gesamte Block zwischen Sutter und Union Square war mit einer Barrikade aus Streifenwagen abgesperrt. Am Eingang überprüfte eine Gruppe Uniformierter die Leute, die hinein- und hinausgingen, und scheuchten Gaffer fort.

Mit Hilfe meiner Marke bahnte ich mir einen Weg in die Hotelhalle. Zwei Streifenpolizisten standen ganz vorn. Ich kannte sie. Murray mit dem Spitzbauch war im letzten Dienstjahr, der andere war sein jüngerer Partner Vasquez. Ich bat Murray, mich schnell aufs Laufende zu bringen.

»Mir hat man nur gesagt, dass im dreißigsten Stock zwei VIPs ermordet wurden. Jetzt ist die geballte Intelligenz oben.«

»Wer leitet die Ermittlungen?«, fragte ich und spürte, wie meine Energie zurückkehrte.

»Ich nehme an, im Augenblick Sie, Inspector.«

»In dem Fall möchte ich, dass sofort sämtliche Ausgänge des Hotels geschlossen werden. Und besorgen Sie vom Manager eine Liste sämtlicher Gäste und Mitarbeiter. Niemand geht rein oder raus, wenn er nicht auf der Liste steht.«

Sekunden später fuhr ich mit dem Aufzug in den dreißigsten Stock hinauf.

Die Spur aus Polizisten führte mich den Korridor hinab zu offenen Doppeltüren, auf denen Mandarin Suite stand. Dort stieß ich auf Charlie Clapper, den Leiter der Spurensicherung, der mit zwei Mitarbeitern seine schweren Koffer schleppte. Die Tatsache, dass Clapper höchstpersönlich anwesend war, bedeutete, dass es sich hier um eine große Sache handelte.

Durch die offenen Türen sah ich als Erstes Rosen – sie waren überall. Dann entdeckte ich Jacobi.

»Passen Sie auf, wo Sie hintreten, Inspector«, rief er laut durchs Zimmer.

Mein Partner war siebenundvierzig, sah jedoch zehn Jahre älter aus. Sein Haar war weiß, und eine beginnende Glatze zeichnete sich darunter ab. Sein Gesichtsausdruck schien ständig an der Schwelle zu einem Grinsen über irgendeine geschmacklose Bemerkung zu sein. Seit zweieinhalb Jahren arbeiteten wir zusammen. Ich war die Vorgesetzte – Inspector vor Sergeant –, obgleich er mir im Dienstalter um sieben Jahre voraus war.

Als ich eintrat, stolperte ich beinahe über die Beine der ersten Leiche, der des Bräutigams. Der Mann lag zusammengesunken gleich hinter der Tür. Er trug ein offenes Smokinghemd. Blut verklebte das Haar auf seiner Brust. Ich holte tief Luft.

»Darf ich Ihnen Mr. David Brandt vorstellen«, sagte Jacobi mit schiefem Lächeln. »Mrs. David Brandt ist da drinnen.« Er deutete auf die Tür zum Schlafzimmer. »Ich schätze, diese Ehe war von kürzerer Dauer als bei den meisten anderen Paaren.«

Ich kniete mich hin und sah mir den toten Bräutigam lange und genau an. Mit dem kurzen, krausen dunklen Haar und dem weichen Kinn sah er wirklich gut aus, doch die großen starren Augen und das Blutgerinnsel am Kinn verunstalteten seine Gesichtszüge. Hinter ihm lag seine Smokingjacke auf dem Boden.

»Wer hat sie gefunden?«, wollte ich wissen und sah in der Tasche nach, ob er eine Brieftasche bei sich hatte.

»Der stellvertretende Manager. Sie sollten heute Morgen nach Bali fliegen. Auf die Insel, nicht zu dem Casino, Boxer. Ein Paar wie diese beiden werden vom stellvertretenden Hotelmanager geweckt.«

Ich öffnete die Brieftasche: ein Führerschein aus New York mit dem lächelnden Gesicht des Bräutigams. Platin-Kreditkarten, mehrere Hundertdollarscheine.

Ich stand auf und sah mich in der Suite um. Sie glich einem Museum für Asiatische Kunst: Celadon-Drachen, Sessel und Couchen mit Szenen des Kaiserhofs. Und natürlich die Rosen. Ich war ja eher der gemütliche Pensions-Typ, aber wenn man Eindruck schinden wollte, war diese Suite genau das Richtige.

»Machen wir uns mit der Braut bekannt«, sagte Jacobi.

Ich folgte ihm durch Doppeltüren in das große Schlafzimmer und blieb wie angewurzelt stehen. Die Braut lag auf dem Rücken auf dem breiten Himmelbett.

Ich hatte schon hundert Mordschauplätze gesehen und konnte mein Radar ebenso rasch auf die Leiche einstellen wie jeder andere, doch auf das hier war ich nicht vorbereitet. Eine Woge des Mitgefühls durchströmte mich.

Die Braut trug noch immer ihr Hochzeitskleid.

6 Man kann gar nicht so viele Mordopfer sehen, als dass sie einen nicht mehr berühren; bei dieser Leiche jedoch fiel es mir besonders schwer, sie anzuschauen.

Sie war so jung und so schön: ruhig und ungestört, abgesehen von den drei karmesinroten Blutblumen, die sich auf ihrer weißen Brust entfaltet hatten. Sie sah aus wie eine schlafende Prinzessin, die auf ihren Prinzen wartete, nur lag ihr Prinz im anderen Zimmer und war tot.

»Was kann man für dreitausendfünfhundert Mäuse pro Nacht schon verlangen?« Jacobi zuckte mit den Schultern. »Das ganze Märchen?«

Ich musste mich mit aller Kraft zusammenreißen, um mich auf das zu konzentrieren, was getan werden musste. Als könne ich ihn mit einem einzigen wütenden Blick zum Schweigen bringen, funkelte ich Jacobi böse an.

»Herrgott, Boxer, was ist denn los? War doch bloß ein Scherz.« Er zog die Mundwinkel nach unten.

Was auch immer es gewesen war, seine kindlich-reuige Miene brachte mich in die Wirklichkeit zurück. An der rechten Hand trug die Braut einen großen Diamanten, außerdem kostbare Ohrringe. Was auch immer der Mörder für ein Motiv gehabt hatte, Raub war es jedenfalls nicht gewesen.

Ein Mitarbeiter der Gerichtsmedizin begann eine erste Untersuchung. »Sieht nach Stichwunden aus«, sagte er. »Sie muss ziemlich mutig gewesen sein. Den Bräutigam hat er mit einem einzigen Stich erledigt.«

Mir schoss durch den Kopf, dass es bei neunzig Prozent aller Morde um Geld oder Sex ging.

»Wann hat jemand sie zum letzten Mal gesehen?«, erkundigte ich mich.

»Gestern Abend, kurz nach zweiundzwanzig Uhr. Da ging unten der Massenempfang zu Ende.«

»Und danach niemand mehr?«

»Ich weiß, das hier ist nicht gerade Ihr Spezialgebiet, Boxer«, meinte Jacobi und grinste wieder. »Aber im Allgemeinen kriegen die Leute nach der Party das Brautpaar eine Weile nicht zu sehen.«

Ich lächelte gezwungen und betrachtete erneut die Suite. »Überraschen Sie mich, Jacobi. Wer bezahlt für ein solches Zimmer?«

»Der Vater des Bräutigams ist irgendein hohes Tier an der Wall Street. Er und seine Frau bewohnen Zimmer im elften Stock. Man hat mir gesagt, da unten wär’s auch purer Luxus. So wie hier. Schauen Sie sich nur mal die vielen verdammten Rosen an.«

Ich ging zurück zu dem Bräutigam und sah auf einer Marmorkonsole neben der Tür eine Schachtel mit einer Champagnerflasche. Sie war über und über mit Blut bespritzt.

»Ist dem stellvertretenden Manager auch schon aufgefallen«, bemerkte Jacobi. »Ich schätze, der Mörder hat das mitgebracht.«

»Hat man irgendjemanden gesehen?«

»Ja, jede Menge Leute im Smoking. Schließlich war es eine Hochzeit.«

Ich las das Etikett der Champagner-Flasche. »Krug. Clos du Mesnil, 1989.«

»Sagt Ihnen das was?«, fragte Jacobi.

»Nur dass der Mörder einen sehr guten Geschmack hat.«

Ich betrachtete die mit Blut verschmierte Smokingjacke. Auf der Seite war ein Riss, wo der tödliche Messerstich hindurchgedrungen war.

»Ich schätze, der Mörder hat ihm die Jacke ausgezogen, nachdem er ihn erstochen hat«, meinte Jacobi.

»Warum zum Teufel sollte er das getan haben?«, fragte ich.

»Keine Ahnung. Das müssen wir ihn fragen.«

Charlie Clapper schaute mich fragend an. Er wollte wissen, ob er anfangen könne. Ich nickte ihm zu. Dann ging ich wieder zu der Braut.

Bei ihr hatte ich ein sehr, sehr ungutes Gefühl. Wenn es nicht um Geld geht, geht… es… um… Sex.

Ich hob den eleganten Tüllrock an. Eiskalte Gewissheit schnitt mir ins Herz.

Der Slip der Braut war heruntergezogen worden und hing an einem Fuß.

Wut stieg in mir auf. Ich blickte in die Augen der jungen Frau. Das ganze Leben hatte vor ihr gelegen, Hoffnungen und Träume. Jetzt war sie eine abgeschlachtete Leiche, war in ihrer Hochzeitsnacht geschändet und wahrscheinlich vergewaltigt worden.

Während ich so dastand und sie betrachtete, merkte ich plötzlich, dass ich weinte.

»Warren, ich möchte, dass Sie mit den Eltern des Bräutigams sprechen«, sagte ich und atmete tief durch. »Ich möchte, dass jeder befragt wird, der letzte Nacht auf dieser Etage war. Wenn jemand das Hotel bereits verlassen hat, will ich, dass er gefunden wird. Und eine Liste des gesamten Personals, das in der vergangenen Nacht Dienst gehabt hat.«

Ich wusste, wenn ich jetzt nicht sofort wegging, würde ich die Flut nicht länger zurückhalten können. »Gleich, Warren. Bitte… sofort.«

Ich vermied es, ihm in die Augen zu schauen, als ich an ihm vorbei aus der Suite ging.

»Was zum Teufel ist denn mit Boxer los?«, fragte Charlie Clapper.

»Sie wissen doch, Frauen«, hörte ich Jacobi antworten. »Bei Hochzeiten fangen sie immer an zu weinen.«

7 Phillip Campbell ging die Powell Street zum Union Square und dem Hyatt hinunter. Die Polizei hatte tatsächlich die Straße abgesperrt, und die Menge vor dem Hotel wurde schnell größer. Die Sirenen der Polizei- und Krankenwagen füllten die Luft. Dies hier war so ganz und gar nicht das zivilisierte und achtbare San Francisco. Er genoss es in vollen Zügen.

Campbell konnte es kaum fassen, dass er wirklich zum Tatort zurückkehrte. Doch er konnte nicht anders. Wieder hier zu sein half ihm, die vergangene Nacht nochmals zu durchleben. Während er auf der Powell Street immer näher kam, stieg sein Adrenalinspiegel gewaltig, sein Herz raste fast außer Kontrolle.

Behutsam schob er sich durch die Menschenmenge, die sich vor dem letzten Block vor dem Hyatt angesammelt hatte. Er hörte die Gerüchte, die durch die Menge schwirrten – hauptsächlich gut gekleidete Geschäftsleute, auf deren Gesichtern Schmerz und Entsetzen standen. Es gab Gerüchte über ein Feuer, einen Sprung vom Dach, einen Mord, einen Selbstmord, aber nichts, was auch nur im Mindesten an das tatsächliche Grauen heranreichte.

Schließlich war er so nahe, dass er der Polizei von San Francisco bei der Arbeit zuschauen konnte. Einige Polizisten musterten die Menge. Sie suchten nach ihm! Doch er machte sich keine Sorgen, dass sie ihn entdeckten, überhaupt keine. Das würde schlichtweg nicht passieren. Er war viel zu unscheinbar und gehörte wohl zu den letzten fünf Prozent der Menschen, die die Polizei verdächtigen könnte. Das tröstete ihn; eigentlich erregte es ihn.

Gott, er hatte es getan! Er hatte das alles hier verursacht, und dabei hatte er gerade erst angefangen. Noch nie hatte er etwas gespürt, was sich mit diesem Gefühl vergleichen ließ – und die Stadt San Francisco ebenso wenig.

Ein Geschäftsmann kam aus dem Hyatt. Reporter und andere stellten ihm Fragen, als sei er ein Prominenter. Der Mann war Anfang dreißig und lächelte wissend. Er hatte das, was sie alle wollten, und er wusste es. Er genoss seinen armseligen Moment des Ruhms und fühlte sich allen überlegen.

»Es war ein Paar – im Penthouse ermordet«, hörte er den Mann sagen. »In der Hochzeitsnacht. Traurig, nicht wahr?«

Die Menschen um Phillip Campbell schnappten nach Luft, und sein Herz jubilierte.

8 Was für eine Szene! Cindy Thomas bahnte sich einen Weg durch die murmelnde Menge der Gaffer, die das Grand Hyatt umringten. Als sie die Polizisten und die Absperrung sah, stöhnte sie laut auf.

Mindestens hundert Schaulustige drängten sich vor dem Eingang: Touristen mit Kameras, Geschäftsleute auf dem Weg zur Arbeit; einige wedelten mit Presseausweisen und versuchten sich damit Zugang zu verschaffen. Auf der gegenüberliegenden Straßenseite parkte ein Übertragungswagen des Fernsehens und hatte die Kamera auf die Hotelfassade als Hintergrund gerichtet.

Nach zwei Jahren in der Lokalredaktion des Chronicle hatte Cindy ein Gespür für Storys, die ihrer Karriere auf die Sprünge helfen könnten. Bei dieser hier stellten sich ihr die Nackenhaare auf.

»Mord im Grand Hyatt«, hatte ihr der Lokalredakteur Sid Glass mitgeteilt, nachdem ein Mitarbeiter die Meldung im Polizeifunk mitgehört hatte. Suzie Fitzpatrick und Tom Stone, die eigentlichen Polizeireporter, waren mit einem anderen Auftrag außer Haus. »Fahren Sie sofort hin!«, hatte ihr Chef zu ihrer Verblüffung gebrüllt. Das musste er nicht zweimal sagen.

Jetzt jedoch, hier draußen vor dem Hyatt, hatte Cindy das Gefühl, das ihre kurze Glückssträhne schon zu Ende war.

Die Straße war abgesperrt, und ständig trafen neue Reporter ein. Wenn sie sich nicht schnell etwas einfallen ließ, würden Fitzpatrick oder Stone die Story schreiben. Was sie brauchte, befand sich im Innern des Hotels. Und sie stand immer noch hier auf dem Bürgersteig.

Dann erblickte sie die Reihe der Limousinen und ging zur ersten hinüber – beige und endlos lang. Sie klopfte ans Fenster. Der Fahrer schaute von seiner Zeitung auf, selbstverständlich der Chronicle, und ließ das Fenster herunter, als er ihren Blick auffing.

»Warten Sie auf Steadman?«, fragte Cindy.

»Nee, auf Eddleson«, antwortete der Fahrer.

»Tut mir Leid.« Sie winkte und strahlte innerlich. Das war ihre Eintrittskarte.

Mit den Ellbogen bahnte sie sich einen Weg durch die Menge nach vorn. Ein junger Polizist hielt sie auf. »Entschuldigung, ich habe eine Besprechung im Hotel«, erklärte Cindy.

»Mit wem?«

»Eddleson. Er erwartet mich.«

Der Polizist schaute auf dem Computerausdruck nach, den er auf einem Klemmbrett hatte. »Haben Sie seine Zimmernummer?«

Cindy schüttelte den Kopf. »Er hat gesagt, ich soll ihn um elf im Grill Room treffen.« Der Grill Room im Hyatt war der Schauplatz einiger der wichtigsten Frühstücksbesprechungen in San Francisco.

Der Polizist musterte sie scharf von Kopf bis Fuß. In ihrer schwarzen Lederjacke, Jeans und den Sandalen von Earthsake sah sie wohl nicht gerade aus wie jemand, der zu einer hochkarätigen Geschäftsbesprechung verabredet war.

»Meine Besprechung«, wiederholte Cindy und tippte auf ihre Uhr. »Eddleson.«

Der Polizist winkte sie durch.

Sie war drin. Das hohe Glasatrium umgab sie, goldene Säulen reichten bis in die zweite Etage. Innerlich musste sie darüber kichern, dass alle diese hoch bezahlten Talente und bekannten Gesichter der Presse noch draußen auf der Straße standen.

Cindy Thomas war als Erste hineingekommen. Jetzt brauchte sie sich nur noch zu überlegen, was sie als Nächstes tun sollte.

Im Hotel herrschte ein Treiben wie in einem Bienenstock: Polizisten, Geschäftsleute, Reisegruppen, Hotelangestellte in karmesinroten Uniformen. Der Chef hatte gesagt, es handele sich um einen Mord. In Anbetracht des Rufs des Hotels eine gewagte Sache. Doch sie wusste nicht, auf welcher Etage oder wann der Mord stattgefunden hatte. Sie wusste nicht einmal, ob ein Gast beteiligt war.

Cindy war zwar drinnen, aber sie hatte keinen blassen Schimmer.

Dann erblickte sie eine Ansammlung von Gepäckstücken am anderen Ende der Halle. Sie schienen zu einer großen Reisegruppe zu gehören. Ein Page schleppte sie nach draußen. Sie schlenderte hinüber und kniete neben einem Koffer nieder, als wollte sie etwas herausholen.

Ein zweiter Page kam vorbei. »Brauchen Sie ein Taxi?«

Cindy schüttelte den Kopf. »Nein, ich werde abgeholt.« Dann ließ sie den Blick über das Chaos ringsum schweifen und verdrehte die Augen. »Ich bin gerade erst aufgewacht. Habe ich etwas verpasst?«

»Was, Sie haben es noch nicht gehört? Da sind Sie bestimmt die Einzige. Vorige Nacht hatten wir ein Riesenfeuerwerk im Hotel.«

Cindy riss die Augen weit auf.

»Zwei Morde. Im Penthouse.« Er senkte die Stimme, als teile er ihr das wichtigste Geheimnis ihres Lebens mit. »Haben Sie zufällig die Riesenhochzeit gestern Abend mitgekriegt? Braut und Bräutigam. Jemand ist in die Mandarin Suite eingebrochen und hat sie ermordet.«

»O mein Gott!« Cindy prallte zurück.

»Sind Sie sicher, dass ich Ihren Koffer nicht zum Eingang bringen soll?«, fragte der Page.

Cindy rang sich ein Lächeln ab. »Nein, danke. Ich warte hier.«

Auf der anderen Seite des Atriums bemerkte sie einen Pagen, der einen Wagen mit Gepäck aus einem Aufzug schob. Das musste der Lastenaufzug sein. Soweit sie sehen konnte, hatten die Polizisten ihn nicht gesperrt.

Sie schob sich durch das Gedränge zum Aufzug, drückte auf den Knopf – und die glänzenden goldenen Türen öffneten sich. Gott sei Dank, er war leer. Schnell trat Cindy hinein, und die Türen schlossen sich. Sie konnte es nicht fassen. Sie konnte einfach nicht fassen, was sie da tat. Dann drückte sie auf die 30.

Die Mandarin Suite.

Ein Doppelmord.

Ihre Story.

9 Als der Aufzug stehen blieb, hielt Cindy die Luft an. Ihr Herz pumpte wie eine Turbine. Sie war im Penthouse. Sie hatte es geschafft. Ja, sie tat das hier wirklich.

Die Türen öffneten sich an einem entlegenen Teil des Korridors dieser Etage. Sie dankte ihrem Schöpfer, dass kein Polizist davor wartete. Am anderen Ende des Flurs hörte sie Stimmengewirr. Sie brauchte nur dem Lärm zu folgen.

Sie lief den Gang hinab, die Stimmen wurden lauter. Zwei Männer in gelben Jacken gingen an ihr vorbei. Die schwarzen Buchstaben hinten auf den Jacken wiesen sie als Mitarbeiter der Spurensicherung aus. Am Ende des Korridors stand eine Gruppe Polizisten und Kriminalbeamter in Zivil vor einer offenen Doppeltür mit der Aufschrift Mandarin Suite.

Sie war nicht nur im Hotel, sie war sogar am Tatort.

Cindy gab sich einen Ruck und ging entschlossen auf die Doppeltür zu. Die Polizisten schauten nicht einmal in ihre Richtung, sondern ließen die Beamten hinein, die mit den Personenaufzügen gekommen waren.

Sie hatte es geschafft. Die Mandarin Suite. Sie konnte hineinsehen. Das Zimmer war riesig und luxuriös. Überall waren Rosen. Dann blieb ihr fast das Herz stehen. Ihr war, als müsse sie sich gleich übergeben.

Der Bräutigam, in einem mit Blut befleckten Smokinghemd, lag reglos auf dem Boden.

Cindys Beine knickten ein. Sie hatte noch nie ein Mordopfer gesehen. Sie wollte sich vorbeugen, damit ihre Augen sich jede Einzelheit einprägen konnten, doch ihr Körper gehorchte ihr nicht.

»Wer zum Teufel sind Sie denn?«, wollte eine barsche Stimme plötzlich wissen. Ein großer und sehr wütender Polizist starrte ihr direkt ins Gesicht.

Unvermittelt packte jemand Cindy und drückte sie hart gegen die Wand. Es tat weh. In Panik deutete Cindy auf ihre Tasche und ihr Portemonnaie, wo ihr Presseausweis steckte.

Der aufgebrachte Polizist blätterte ihre Kreditkarten und Ausweise durch, als seien sie Reklamewurfsendungen.

»Herrgott, eine Reporterin!« Der stiernackige Polizist verzog das Gesicht und starrte sie an wie ein hechelnder Dobermann.

»Wie zum Teufel sind Sie hier raufgekommen?«, wollte sein Partner, der herübergekommen war, wissen.

»Verdammt noch mal, schafft sie hier weg!«, fuhr der Dobermann ihn an. »Kassier den Ausweis ein. Die nächsten zwölf Monate kommt die nicht mal auf eine Meile an eine Polizeibesprechung ran.«

Als sein Partner Cindy am Arm zum Hauptaufzug zerrte, erhaschte sie über die Schulter einen letzten Blick auf die ausgestreckten Beine des Toten bei der Tür. Es war grauenvoll, schrecklich – und traurig. Sie zitterte.

»Zeigen Sie dieser Reporterin, wo die Tür ist«, befahl der Polizist einem weiteren Kollegen, der den Aufzug bewachte. Er hielt ihren Presseausweis wie eine Spielkarte hoch. »Ich hoffe, Ihr Ausflug hierher war’s wert, den hier zu verlieren.«

Als sich die Türen schlossen, rief jemand: »Halt!«

Eine große Frau in hellblauem T-Shirt und einer Brokatweste, an der ein Polizeischild befestigt war, trat ein. Sie sah hübsch aus und hatte blondes Haar, war aber offensichtlich aufgebracht. Sie seufzte tief, dann schlossen sich die Türen wieder.

»Schlimm, Inspector?«, erkundigte sich der Polizist, der Cindy begleitete.

»Ja«, antwortete die Frau nur, ohne sich umzudrehen.

Das Wort »Inspector« fuhr wie ein Blitz durch Cindys Kopf. Sie konnte es nicht fassen. Der Tatort musste mehr als grauenvoll sein, wenn diese Polizistin derartig aufgewühlt war. Während der ganzen Fahrt, sämtliche dreißig Etagen hinab, schaute sie nur starr geradeaus.

Als sich die Türen in der Eingangshalle öffneten, eilte die Frau im blauen T-Shirt hinaus.

»Sehen Sie die Eingangstür?«, fragte der Polizist Cindy. »Da gehen Sie jetzt durch – und kommen Sie ja nicht zurück.«

Kaum war der Aufzug geschlossen, drehte Cindy sich um und sah sich in der riesigen Halle nach der Polizistin um. Im letzten Moment sah sie, wie die Frau in der Damentoilette verschwand.

Schnell folgte Cindy ihr. Die Toilette war leer, abgesehen von ihnen beiden.

Die Polizistin stand vor dem Spiegel. Sie war fast einen Meter achtzig groß, schlank und beeindruckend. Verblüfft stellte Cindy fest, dass sie geweint hatte. Mein Gott! Wieder war sie auf den Spuren ihrer Story. Was hatte diese Frau am Tatort gesehen, dass sie so durcheinander war?

»Alles in Ordnung?«, fragte Cindy schließlich leise.

Die Frau verspannte sich, als ihr klar wurde, dass sie nicht mehr allein war. Doch ihr Gesichtsausdruck verriet, dass sie drauf und dran war, alles herauszulassen. »Sie sind doch diese Reporterin, die bis nach oben gekommen ist.«

Cindy atmete aus und nickte.

»Wie haben Sie das geschafft?«

»Weiß ich nicht. Vielleicht Glück gehabt.«

Die Frau zog ein Papiertaschentuch aus der Tasche und betupfte sich die Augen. »Ich fürchte, Ihre Glückssträhne ist jetzt vorbei, falls Sie damit rechnen, von mir etwas zu erfahren.«

»So habe ich das nicht gemeint«, widersprach Cindy. »Ist mit Ihnen wirklich alles in Ordnung?«

Die Polizistin drehte sich um. Ihre Augen schrien: »Ich habe Ihnen nichts zu sagen!« Doch sie logen. Es war, als brauchte sie jetzt mehr als alles andere auf der Welt jemanden, mit dem sie sprechen konnte.

Es war einer dieser seltsamen Augenblicke, in denen Cindy genau wusste, dass da etwas unter der Oberfläche war. Es war, als hätten sie die Rollen getauscht und könnten sogar Freundinnen werden.

Cindy holte eine Visitenkarte aus der Tasche und legte sie vor der Polizistin aufs Waschbecken. »Wenn Sie mal mit jemandem reden wollen…«

In das hübsche Gesicht der Polizistin kam wieder Farbe. Sie zögerte, schenkte Cindy dann jedoch die Andeutung eines Lächelns.

Cindy lächelte zurück. »Wo ich schon mal hier bin…« Sie trat zu einem Spiegel und nahm ihre Kosmetiktasche heraus. Dann fing sie den Blick der Polizistin im Spiegel auf.

»Hübsche Weste«, bemerkte sie.