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Das Buch

Nach dem Ende des Spanischen Erbfolgekriegs im Jahr 1713 erhalten englische Händler das Monopol für die Belieferung des spanischen Kolonialreichs in Südamerika mit schwarzen Sklaven. Eines Tages weigert sich der »Händler« Jenkins (de facto wohl Schmuggler), sich von der spanischen Küstenwache vor Kuba kontrollieren zu lassen, worauf der spanische Kapitän dem Zeternden kurzerhand das linke Ohr abschneidet. Als Jenkins das Beweisstück in London vorlegt, ist das in der aufgeheizten Stimmung für England Grund genug, mit dem größten Flottenaufgebot seit der Armada zu reagieren. Es kommt zum Kolonialkrieg in der Karibik. Der später berühmte Romanautor Tobias Smollett nimmt als junger Assistenzarzt an Bord eines britischen Linienschiffs an der Unternehmung teil.

Der Autor

Gisbert Haefs, 1950 in Wachtendonk am Niederrhein geboren, lebt und schreibt in Bonn. Als Übersetzer und Herausgeber ist er unter anderem für die neuen Werkausgaben von Ambrose Bierce, Rudyard Kipling, Jorge Luis Borges und zuletzt Bob Dylan zuständig. Zu schriftstellerischem Ruhm gelangte er nicht nur durch seine Kriminalromane, sondern auch durch seine farbenprächtigen historischen Werke Hannibal, Alexander und Troja. Im Heyne Verlag erschienen zuletzt Caesar, Die Mörder von Karthago und Die Dirnen von Karthago.

GISBERT HAEFS

DAS OHR DES

KAPITÄNS

ROMAN

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Copyright © 2017 by Gisbert Haefs

Copyright © 2017 der deutschsprachigen Ausgabe by
Wilhelm Heyne Verlag, München,
in der Verlagsgruppe Random House GmbH,
Neumarkter Straße 28, 8
1673 München

Satz: Schaber Datentechnik, Austria

ISBN 978-3-641-19121-4
V001

www.heyne.de

Wo hat die Geschichte der Völker eine Epoche aufzuweisen, der gleich, in welcher die folgenreichsten Ereignisse: die Entdeckung und erste Colonisation von Amerika, die Schifffahrt nach Ostindien um das Vorgebirge der guten Hoffnung und Magellan’s erste Erdumseglung, mit der höchsten Blüthe der Kunst, mit dem Erringen geistiger, religiöser Freiheit und der plötzlichen Erweiterung der Erd- und Himmelskunde zusammentrafen? Eine solche Epoche verdankt einen sehr geringen Theil ihrer Größe der Ferne, in der sie uns erscheint, dem Umstand, daß sie ungetrübt von der störenden Wirklichkeit der Gegenwart nur in der geschichtlichen Erinnerung auftritt. Wie in allen irdischen Dingen, ist auch hier des Glückes Glanz mit tiefem Weh verschwistert gewesen. Die Fortschritte des kosmischen Wissens wurden durch alle Gewaltthätigkeiten und Gräuel erkauft, welche die sogenannten civilisirenden Eroberer über den Erdball verbreiten. Es ist aber eine unverständig vermessene Kühnheit, in der unterbrochenen Entwickelungsgeschichte der Menschheit über das Abwägen von Glück und Unglück dogmatisch zu entscheiden. Es geziemt dem Menschen nicht, Weltbegebenheiten zu richten, welche, in dem Schooße der Zeit langsam vorbereitet, nur theilweise dem Jahrhundert zugehören, in das wir sie versetzen.

Alexander von Humboldt, Kosmos. Entwurf einer physischen Weltbeschreibung. Zweiter Band.

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Irgendein Trottel soll gesagt haben, die wahren Abenteuer seien im Kopf oder in unseren verkorksten Verhältnissen, und das ganze Unglück der Menschen rühre allein daher, daß sie nicht ruhig in einem Zimmer zu bleiben vermögen. Und wer hat den Stuhl gezimmert, auf dem der Trottel in seinem Zimmer sitzt? Woher das Holz dazu? Wer hat das Huhn geschlachtet, das er mampft, den Wein angebaut, den er säuft, die Seide für seine Leibwäsche aus China geholt? Und all das nur, damit er jetzt da sitzen und dösen und Unsinn über Odysseus schreiben kann? Bah, bah und abermals bah.

Lucien Pascal, Arrière-pensées

Angeheuert in Havanna

Auf dem Weg von Batabanó nach Havanna dachte Rafael immer wieder über den Rat nach, den Vater Ortiz ihm vor Monaten gegeben hatte, vor seinem Tod: »Wenn er es für nötig hält, wird er dir den Hals abschneiden, höflich und mit Eleganz. Also gib ihm keinen Grund, unhöflich zu sein.«

Der Mann, auf den sich der Rat bezog, hieß Juan de León Fandiño, und wenn dieser gelegentlich höflich Kehlen schlitzte, sollte man ihn lieber unhöflich stimmen. Wenn er aber bereits im Zustand der Höflichkeit zum Messer griff, was mochte er dann anstellen, wenn er mürrisch und unhöflich war? Andere Fragen schlossen sich an – zum Beispiel die, ob Höflichkeit ein Dauerzustand sein konnte. Und ob der Rat eigentlich ein mißlungenes Paradoxon war oder hatte sein sollen.

Da er für den Weg nicht ganz zwei Tage brauchte, konnte er diese und andere Gedanken hin und her wenden, aber nicht so ausgiebig, daß das Wenden zu gewundener Langeweile ausartete. Wie er von Vater Ortiz gehört hatte, war Fandiño Sevillaner, und zwar aus Triana, dem Viertel der Seeleute und Arbeiter. Er besaß ein Haus in San Juan de los Remedios, nahe der kubanischen Nordküste; dort lebte seit dem Tod der ersten seine zweite Frau. Vater Ortiz hatte eine Reihe wüster Geschichten über die gemeinsame Zeit an Bord einer Fregatte erzählt. Die meisten waren unglaubwürdig, also interessant. Es blieb abzuwarten, ob die Kenntnis des einen oder anderen Ereignisses ihm irgendwie nützen konnte.

Er hatte sich gut vorbereitet; dennoch war er ein wenig unsicher. Man konnte nie wissen, welche Fragen drohten. Oder konnten Fragen schmeicheln? Locken? Auf dem Weg nach Havanna und dann durch Havannas Straßen unterzog er sich einer stummen Prüfung, erwog die Fragen, die er an Fandiños Statt dem Mann stellen würde, der da an Bord kommen wollte, dachte sich weitere aus und sagte sich, daß es wahrscheinlich die falschen wären.

Die Aufgabe der Küstenschützer? Schmuggel und Piraterie bekämpfen.

Wann hatte man das System der Guardacostas eingerichtet? Erst vor fünf oder sechs Jahren.

Wer waren die Männer, die diese Aufgabe erfüllen sollten? Erfahrene Seeleute, die meisten von ihnen wohl selbst ehemalige Schmuggler und Piraten und daher mit allen Schlichen vertraut.

Welche Schiffe wurden dafür verwendet? Einige gehörten den Kapitänen, die dann vom zuständigen Vizekönig oder Gouverneur Auftrag und Dokumente erhielten – früher wären es Kaperbriefe gewesen; andere Schiffe, oft beschlagnahmte Schmuggelfahrzeuge, wurden von der jeweiligen Behörde gegen Beteiligung bereitgestellt.

Warum Guardacostas statt der königlichen Flotte? Weil die vielen tausend Meilen Küste der spanischen Lande in Amerika mit ihren Buchten und Schlupfhäfen von keiner regulären Flotte bewacht werden konnten.

Wer waren die Schmuggler? Holländer, Franzosen und vor allem Engländer.

Warum Schmuggel statt gewöhnlichen Handels? Weil die Krone das Handelsmonopol hütete und außer den Schiffen, die von Cádiz kamen und dort mit Fracht, Besatzung und Passagieren registriert waren, niemand mit den spanischen Landen Handel treiben durfte.

Und so weiter. Aber wahrscheinlich würden sie ihn fragen, ob er Brot backen, Kanonen putzen und Segel flicken könne. Die großen Zusammenhänge? Ach nein, die gingen einen von der Mannschaft nichts an und waren vermutlich sogar zu hoch für die Offiziere.

Es war heiß und stickig zwischen den Häusern. Häuser aus Holz und Lehmziegeln, an engen Straßen aus Lehm, von Sonne und zahllosen Füßen steinhart. Bei Regen, sagte er sich, würde man hier gleiten und waten müssen. Andere Straßen mit Häusern aus Stein, mit Erkern und Torbogen und Patios, im Vorübergehen eher erahnt als gesehen, hatten Ziegelpflaster und gehörten vermutlich den Reichen und Mächtigen. Breit genug für deren Kutschen waren diese Straßen allemal.

Er kam vorbei an kleinen Läden, halboffenen Handwerksstuben und Verkaufsständen, mußte sich hier und da den Weg durch Gedränge bahnen. Buntes, lautes, hektisches Gedränge; er hatte Batabanó für eine große Stadt gehalten, aber verglichen mit Havanna war es bestenfalls ein großes Dorf. Aus einer Schmiede in einem Hof hörte er Hammerschläge auf Metall. Ein paar Schritte weiter bot jemand bunte Vögel in einem Käfig zur Betrachtung und gackernde Hühner zu späterem Verzehr feil. Aus der Kapelle an einem kleinen Platz hörte Rafael geistlichen Chorgesang.

An der anderen Seite des Platzes gab es mehrere Garküchen und Stände, an denen Obst, Gemüse, Fleisch und frisches Brot verkauft wurden. Die duftenden Wolken ließen seinen Magen knurren. Er tastete nach dem Gürtel und beschloß, etwas zu essen. In dem Beutel befand sich sein ganzes Vermögen: alles, was er für den Verkauf der Besitztümer von Vater Ortiz erhalten hatte. Er war gewarnt worden vor den bösen Menschen, die sich in großen Orten angeblich massenhaft herumtrieben; deshalb hatte er den Beutel an der Innenseite des Gürtels befestigt, unter dem weiten hellen Hemd.

An einem der Stände kaufte er einen gerollten Maisfladen mit gebratenem Fisch, Gemüse und einer scharfen roten Tunke, dazu einen Becher mit Saft und Wasser. Vorsichtig balancierend, brachte er alles zu einer wackligen Bank an der nächsten Hauswand. Er setzte sich, ließ das Bündel von der Schulter gleiten, nahm es zwischen die Beine und begann zu essen. Dabei beobachtete er die Leute ringsum und stellte erstaunt fest, daß er sich irgendwie angekommen fühlte.

Mit einigem Unbehagen hatte er erwartet, in der fremden Stadt aufzufallen, als Fremder, gleichsam Unkraut in einem Blumenbeet. Nun beschaute er das Gemenge: braun, weiß, schwarz, Mischlinge, einige halb nackt, andere üppig gekleidet, bunte Gewänder, grelle Tücher, Gelächter und Geschnatter. Er hätte johlen oder auf dem Platz Kopfstand machen können, ohne weiter bemerkt zu werden.

Einfach angenommen werden wie ein Stein oder eine Pflanze, sagte er sich. Oder nein, nicht angenommen, einfach als selbstverständlich ignoriert. Ist das vielleicht eine Form des Willkommens, am Ende gar die beste?

Als er fertig gegessen und getrunken hatte, brachte er den Becher zurück zum Stand, schulterte dann sein Bündel und ging weiter zur Mauer. Da er nicht wußte, wo genau La Isabela lag, nahm er das erste Tor südlich der Hafeneinfahrt und schlenderte außerhalb der Mauer an den Liegeplätzen und Werkstätten entlang. Jenseits der etwa zweihundertfünfzig Schritte breiten Einfahrt glommen die Türme und Wälle von El Morro im Abendlicht. Bald würde die Sperrkette gespannt und nach Sonnenuntergang in der Festung der Kanonenschuß abgefeuert werden: Zeichen, die Tore der Stadtmauern zu schließen. Aber es gab etliche kleinere Pforten, die offen blieben, so daß er in die Stadt zurückkehren konnte, wenn er das Schiff nicht fand. Oder wenn Kapitän Fandiño ihn nicht haben wollte.

Vorbei an Fischerbooten und kleineren Lastseglern, an den Fährschiffen, mit denen man die Bucht durchqueren konnte; das nächste Schiff war ein Zweimaster mit Geschützpforten und Riemenlöchern: eine Schebecke. Er wußte, daß einige dieser Schiffe nordafrikanischer Korsaren – erbeutet oder nachgebaut – auch in Spaniens karibischen Gewässern verwendet wurden, hatte aber noch nie eines gesehen. Interessiert betrachtete er die nicht besonders hohen Heck- und Bugaufbauten, musterte die Verzierungen neben den sechs Stückpforten der Backbordseite – und stutzte. Klein am Backbordbug, groß am Heck war der Name in schlichten Lettern angebracht: La Isabela. Ein algerischer Piratensegler als spanischer Guardacostas in der Bucht von Havanna?

Die Bordkante überragte den Kai um kaum drei Fuß. Er kletterte die paar Stufen der Leiter empor und ging an Deck. Mittschiffs trieben sich einige Männer herum, teils lungernd, teils mit den gewöhnlichen Arbeiten wie Segelflicken oder Ausbessern der eigenen Kleidung beschäftigt. Er sah zwei Indios und sieben Schwarze, aber keinen Europäer.

»He, Bruder, wo finde ich Kapitän Fandiño?« sagte er.

Der angeredete Schwarze bleckte die Zähne. »Wenn du dich umdrehst und auf dem Kai nach links gehst, findest du ihn. Vor irgendeiner Taverne.«

»Heuert er noch Leute an, oder seid ihr vollbesetzt?«

»Wenn du gut bist …«

»Natürlich bin ich gut.«

Der Schwarze grinste. »Das sagen alle von sich. Viel Glück.«

Vor der dritten Taverne, an der er vorbeikam, saßen zwei Europäer an einem Tisch, auf dem zwischen Bierbechern und einem Krug einige Papiere lagen.

»Kapitän Fandiño?«

Der ältere der beiden Männer blickte auf. »Anwesend. Wer will das wissen?«

»Rafael Ortiz; mit Grüßen von Daniel Ortiz.«

Fandiño stützte sich auf die Tischplatte und stand auf. »Daniel? Das ist lange her.«

»Er hat gesagt, Sie hätten vielleicht Bedarf an guten Leuten.«

Fandiño nickte, deutete auf einen leeren Stuhl und setzte sich wieder. »Gute Leute werden immer gebraucht. Was ist mit Daniel? Und wieso schickt er …«

»Er schickt nicht mehr; er ist tot. Er war mein Vater.«

Fandiño kniff ein Auge zu. »Ihr Vater?« Er klang mehr als verblüfft.

Ortiz lachte leise. »Er hat mich adoptiert«, sagte er.

»Ah.« Fandiño lächelte. Er wies auf den anderen Mann, der fragend zwischen ihnen hin und her blickte. »Santiago Dorce, mein Leutnant. Fähnrich. Steuermann. Wie Sie wollen.«

Dorce nickte dem Neuankömmling zu.

»Ehe wir anfangen, Geschichten über den guten alten Daniel auszutauschen – was können Sie?«

Ortiz setzte sich, schloß kurz die Augen und atmete tief. Er roch Salz und Tang, das Brackwasser, heißes Pech aus einer der Werkstätten, das Bier im Krug (oder in den Bechern der beiden anderen), und er sagte sich, daß es eigentlich keinen Grund gab, unsicher zu sein.

»Lesen, schreiben, rechnen.« Er öffnete die Augen und schaute Fandiño an. Der Kapitän der Isabela mochte um die vierzig sein, hatte eine tiefe Kerbe im Kinn, dunkles Haar, stechende dunkelgraue Augen und borstige Brauenwülste. »Backen und kochen auch, falls das hilfreich sein sollte.«

Dorce gluckste leise. Der Steuermann war ein paar Jahre jünger als Fandiño, schlank, fast schmächtig; sein ursprünglich wohl mittelbraunes Haar war von grauen Strähnen durchzogen und lichtete sich über den Schläfen. »Behaupten kann man viel«, sagte er. »Beweisen.« Er schob Ortiz die Papiere zu.

»Soll ich Ihnen das jetzt alles vorlesen?«

»Zusammenfassen reicht.«

»Wie Sie wünschen.« Ortiz blätterte, überflog das Geschriebene und sagte: »Sie haben eingekauft. Mehl, Bohnen, Salzfisch, Salz, Honig, Pulver, Kanonenkugeln.«

Dorce grinste. »Könnte auch geraten sein.« Er beugte sich vor und deutete auf eine Zeile unten auf einem der Blätter. »Was steht da?«

»›Der Satan soll Fray Nicolas in Schweinedärme wickeln und in Hundekotze ertränken.‹ Sieht wie eine Schreibübung aus; neue Feder, nehme ich an – die Kleckse wirken, als wären sie beim Versuch entstanden, die Biegsamkeit der Feder zu prüfen.« Ortiz blickte vom Papier auf. »Wenn ich jetzt die einzelnen Summen addiere und Ihnen die korrekte Gesamtsumme nenne, erzählen Sie mir dann, wer Fray Nicolas ist und weshalb sich der Satan seiner annehmen soll?«

Fandiño langte nach den Blättern. »Daniel Ortiz«, sagte er halblaut. »Der beste Artillerist, bis ihm eine Musketenkugel das linke Knie zertrümmert hat.«

»Das rechte Knie«, sagte Ortiz.

»La Isabela sollte an die fünfzig Mann Besatzung haben. Mit Ihnen wären wir neunundzwanzig. Das heißt, jeder muß möglichst alles tun können.«

Ortiz nickte.

»Wissen Sie eigentlich, wovon die Leute auf den Guardacostas leben?«

Ortiz hob die Brauen. »Sold, nehme ich an?«

Dorce schnaubte. »Keinen Sold gibt es bei der königlichen Flotte«, sagte er. »Wir leben von dem, was wir den Schmugglern abnehmen.«

»Ich dachte, das wäre für den König.«

»Ein Fünftel geht an den König.« Fandiño berührte den rechten Daumen mit dem linken Zeigefinger. »Ein Fünftel an den Gouverneur oder Vizekönig, je nachdem, wo das Schmuggelgut verkauft wird. Drei Fünftel sind für uns.«

»So viel? Klingt gut.«

»Klingt besser, als es ist. Wir bringen es in den nächsten Hafen, und da wird es verkauft. Vielleicht sofort, vielleicht später, manchmal lange Zeit gar nicht, je nachdem.«

»Deshalb die Einkaufslisten also.« Ortiz wies mit dem Kinn auf die Papiere, die vor Fandiño lagen.

»Deshalb, ja. Essen, trinken und schlafen an Bord. Kein Sold, aber Aufteilung der … sagen wir Beute.«

Dorce ergänzte: »Bei der Flotte würden Sie einen Real am Tag bekommen. Manchmal. Manchmal auch jahrelang nichts, weil die Krone bankrott ist. Manchmal. Bei uns kriegen Sie insgesamt mehr. Wenn Sie wollen.«

»Können Sie hauen und stechen?« sagte Fandiño. »Oder sonst noch was, abgesehen von lesen und schreiben?«

»Ich habe eine kleine Sehstörung.« Ortiz lächelte.

»Wie sieht die aus?«

»Ich sehe – wie soll ich sagen? Ich sehe Ordnung. Ordnungen, könnte man auch sagen. Und Dinge, die die Ordnung stören.«

Dorce runzelte die Stirn; Fandiño schüttelte den Kopf. »Darunter kann ich mir nichts vorstellen. Können Sie das erklären?«

»Wenn ich eine Schafherde sehe, tausend Tiere oder so, sehe ich sofort das eine Tier, das hinkt oder lahmt«, sagte Ortiz. »Wenn ich ein Feld mit Klee sehe, sehe ich den vierblättrigen Klee.«

»Tja.« Fandiño zuckte mit den Schultern. »Nicht viel Klee auf See, und ich weiß nicht, wie viele Schafe draußen herumschwimmen.«

»Navigieren«, sagte Ortiz. »Karten lesen, Sterne erkennen.«

»Hoho!« sagte Dorce. »Jakobsstab? Astrolabium? Die Geheimnisse der Seefahrt? Das müssen Sie uns erst mal beweisen. Aber …!« Er blickte Fandiño an.

»Alles vom alten Ortiz gelernt?«

»Mit seinem steifen Bein konnte er ja nicht mehr viel tun außer seine Frau streicheln, den Hund füttern und mir Dinge beibringen.«

Fandiño klatschte in die Hände. Aus der Taverne kam ein Halbwüchsiger, vielleicht Sohn des Wirts. »Bier!« sagte der Kapitän. »Einen dritten Becher, Brot, kaltes Fleisch. Und mach ein bißchen Licht.«

Die Sonne war fast untergegangen. Der Junge brachte das Gewünschte. Fandiño goß die Becher voll, zuerst den für Ortiz, während der Junge ein paar Schritte entfernt eine Fackel in den Eisenring am Geländer steckte und entzündete. Sofort bildete sich eine wirbelnde Traube von Insekten darum.

»Sind Sie Nummer neunundzwanzig?« sagte Fandiño, als Ortiz den Becher absetzte und sich den Mund wischte.

»Deshalb bin ich hergekommen.«

»Gut. Dann wollen wir noch ein wenig reden und essen. Ist das alles, was Sie haben?« Er wies auf den Mantelsack, den Ortiz neben seinen Stuhl gestellt hatte.

»Was brauche ich mehr?«

Dorce stieß ein schrilles Lachen aus. »Glück, wie wir alle. Eine scharfe Klinge kriegen Sie von uns. Genug Blut, einiges davon verlieren zu können, werden Sie ja haben.«

»Hab ich. Muß ich etwas unterschreiben?«

»Das machen wir per Handschlag. Hände halten länger als Papier, hombre.«

Fandiño streckte die Hand aus; Ortiz drückte sie.

Dorce räusperte sich. »Leihen Sie mir Ihr Ohr, Kapitän«, sagte er.

»Wozu?«

Dorce deutete auf den Bierkrug. »Wenn wir zusammenlegen, könnten wir den Handschlag um einen Schluck Wein ergänzen. Schmackhafter und der Gelegenheit angemessen.«

Fandiño zögerte kurz, dann hob er die Schultern. »Warum nicht? Machen Sie mit, Ortiz? Ihren Anteil ziehen wir von der nächsten Beute ab.«

Ortiz nestelte an seinem Gürtel und legte einen Lederbeutel auf den Tisch. »Ich möchte das übernehmen. Wenn Sie erlauben …«

»Ganz sicher?« Dorce runzelte die Stirn. »Wissen Sie, wie teuer Wein ist?«

»Nein. Sehr teuer?«

»Fünfmal so teuer wie Bier.«

»Puh. Warum eigentlich?«

»Fragen Sie die Krone«, sagte Fandiño; er verzog das Gesicht. »Anfangs sollten die neuen Länder hier, in Amerika, entwickelt werden. Dann kamen die Herren, die über uns und den halben Erdkreis gebieten, auf den Gedanken, es wäre besser, wenn wir nur Rohstoffe lieferten und alles, was fertig ist, aus Spanien bezögen. Also wurden Webstühle verbrannt und Weinstöcke ausgerissen. Bier und Rum dürfen wir selbst machen, aber Wein haben wir aus Spanien zu beziehen. Deshalb.«

»Nicht jammern.« Dorce grinste. »Wenn es anders wäre, könnten wir ja auch mit Engländern und Franzosen handeln, und dann gäbe es uns nicht – die Guardacostas.«

Ortiz deutete auf seine Börse. »Lassen Sie uns das Lederbeutelchen peinigen«, sagte er. »Als mein Vater starb, hat er mir alles hinterlassen. Eine Taverne am Hafen von Batabanó, ein wenig Land, ein kleines Haus. Ich habe alles verkauft. Trinken wir auf ihn – und auf den Handschlag.«

Lange nach dem Kanonenschuß von der Festung gingen sie an Bord der Isabela. Unter dem erhöhten Achterdeck gab es zwei Kajüten, für den Kapitän und seinen Leutnant. Die übrige Besatzung schlief an Deck oder notfalls in Hängematten im engen, niedrigen Zwischendeck. Einer der Indios zeigte Ortiz, wo er seine Sachen verstauen konnte. Die meisten Männer schliefen schon, mehr oder minder berauscht von dem, was sie im Lauf des Tages in den Hafenschenken zu sich genommen hatten. Mit den wenigen, die noch wach und ausreichend nüchtern waren, saß Ortiz am Fuß des Hauptmasts.

Natürlich hörte er in den ersten Stunden an Bord keine zusammenhängenden Geschichten. Immerhin erfuhr er, daß die Indios vom nördlichen Festland kamen, aus La Florida, ebenso wie fast die Hälfte der Schwarzen, von denen die meisten ehemalige Sklaven waren. Einige hatten auf dem Rücken Narben, die im matten Licht der Sterne und des frischen Monds eher zu ahnen als zu sehen waren – Spuren von Peitschen, Zuwendungen ihrer früheren englischen Herren in Georgia oder Virginia, nördlich von La Florida. Ausreichender Grund, besonders gern gegen englische Schmuggler zu kämpfen. Einer hatte ein Brandzeichen auf der Schulter, angebracht von einem früheren Besitzer in Panama. Es waren etliche Entflohene dabei, cimarrones, aber auch solche, die sich freigekauft hatten oder nach Taufe freigelassen worden waren. Indios, Neger, Mulatten, Zambos … und allen, wie auch Ortiz, hatte Fandiño gesagt, wenn es in Havanna Schwierigkeiten gebe, sollten sie einfach sagen, sie gehörten ihm. Dem Kapitän der Isabela, der sie alle mit Sie anredete; nicht aus Höflichkeit, sagte sich Ortiz, sondern um eine gewisse Distanz zu wahren und, vielleicht, für bessere Stimmung und jedenfalls für einen anderen Umgangston an Bord zu sorgen.

Was offenbar nicht immer so gewesen war. Ein Indio namens Joselito behauptete, Fandiño habe ein paar Jahre zuvor einen aufsässigen Matrosen, der ihn schon mehrmals attackiert hatte, eigenhändig über Bord geworfen und zugesehen, wie der Mann von Haien zerlegt wurde. Erst danach sei der Kapitän auf den Gedanken gekommen, allgemein Höflichkeit zu verordnen, und das habe gut gewirkt.

»Was ist mit diesem Fray Nicolás?«

Joselito kicherte leise. »Was hast du gehört?«

»Nur daß der Satan ihn in Schweinedärme wickeln und in Hundekotze ertränken soll.«

»Priester«, sagte Joselito. »Können einen nie in Frieden lassen. Dieser Dominikaner … immer finster, immer mit beiden Beinen im Jenseits, weißt du. Alles schön und gut, fromm sein, von mir aus, wem’s Spaß macht, aber warum muß man dann allen anderen jeden Spaß versauen? Kein Bier, ohne sich zu bekreuzigen, und wenn wir in den Hafen kommen, müssen wir mit ihm in die nächste Kirche, statt daß wir zu den Mädchen …«

»Wo ist er jetzt?«

»Er hatte einen Unfall.« Joselito schnalzte. »Als wir vor ein paar Tagen in die Bucht eingelaufen sind – Havanna –, gab’s ein bißchen Wind und Seegang. Fray Nicolás hat morgens immer auf dem Vorderdeck sein Brevier gelesen und gebetet, und irgendwie ist ihm dabei die Drehbasse gegen das Bein gekracht. Hatte sich irgendwie gelockert, die Schrauben, weißt du. Dabei hatte der Kapitän sie abends noch, eh, geprüft. Ist jetzt in der Krankenstation von irgendeinem Kloster.«

Kaum Wind, kaum bewegtes Wasser in der Bucht. Rafael Ortiz lag in eine leichte Decke gewickelt an der Steuerbordwand und versuchte einzuschlafen. Sterne zählen. Aber die Gedanken waren noch zu zappelig und hielten ihn wach. Er mußte immer wieder an das Gespräch mit Fandiño und Dorce denken, die ihn nicht einmal nach seinem Alter gefragt hatten. Neunzehn, hätte er gesagt, weil sie ihn mit seinen sechzehn Jahren sonst vermutlich nicht genommen hätten. Er wußte, daß er älter wirkte, aber … Vielleicht nicht Sterne zählen, sondern die unterschiedlichen Schnarchtöne an Bord sortieren? Joselitos Röcheln neben ihm, mattes Schnarchen weiter vorn, eine Art rauhes Kläffen vom Fuß des Hauptmasts, etwas wie blubbernder Brei, hektisches Sägen, irgendwo ein Keuchen wie beim Stemmen eines schweren Gegenstands. Untauglich.

Er schloß die Augen und erinnerte sich an Gedichte, sagte sich stumm den Anfang der Geschichte Rinconete und Cortadillo von Cervantes auf, überlegte, ob er mit diesen spanischen Lümmeln hätte Freundschaft schließen können, ob sie heute vielleicht an Bord anderer Guardacostas statt in schmierigen Gassen unterwegs wären. Er dachte an Schebecken und Galeeren, Galeonen und Karavellen, dann streunten seine Gedanken zum englischen Wunderschiff, dem Unerschöpflichen, das immer dann, wenn auch spanische Flotten von Cádiz nach Cartagena, Portobello und Veracruz fuhren, mit Handelsgütern die Verkaufsmessen dieser Häfen anlaufen durfte. Ein Mysterium, dieses Schiff; wie konnte es denn unerschöpflich sein? Ewig leck vielleicht? Aber dann wäre es längst gesunken. Vielleicht sank es immer wieder und tauchte dann erneuert auf. Mit einem erneuerten Leck. Aber wenn es wirklich ein Wunderschiff wäre, ein Zauberfrachter? Der nicht nur Tuch und Werkzeug brächte, sondern gemästete Tiger, sprechende Delphine, Drachen, Magier, den Gral, oder ein Füllhorn – ein Füllhorn von Schiff, beladen mit Füllhörnern? Füllhörner, die Träume bargen und seinen Schlummer mit Träumen sättigten.

Daß die Spanier als Volk außerordentlich […] grausam sind, setze ich einfach voraus. Diese Meinung wird ganz allgemein geteilt, und den meisten Leuten gegenüber braucht man hierzu keine Argumente anzuführen …

Los Angeles Herald, 3. April 1898

Die Spanier sind so häßlich, daß man kotzen möchte, wenn man einen sieht. Die häßlichsten Affen, die auf Erden wandeln. Und was die Andalusier angeht … es ist eigentlich überhaupt nicht nötig, daß sie leben.

anonymer Brite in Málaga, 2016